begnügte sich jedoch , als Anna bezeichnend den Finger auf den Mund legte , verwundert den Kopf zu schütteln , als wollte er sagen : die Sache kommt mir nicht ganz geheuer vor . Anna setzte das Licht auf den Tisch und langte nun aus ihrem Arbeitskorbe ein großes Brot und eine fußlange Wurst heraus . Darauf holte sie aus dem alten Spinde ein paar gebrochene irdene Teller und setzte sie ebenfalls auf den Tisch . Ihre Eltern sahen mit einem Erstaunen , das bei der Mutter in Zorn überzugehen drohte , dem geschäftigen Treiben ihrer Tochter zu . Diese aber schien mit dem entfalteten Luxus ihrer Anordnung noch nicht zufrieden zu sein . Zum größten Schreck ihres Vaters warf sie mit rascher Hand alle Kohlen , die derselbe für den morgenden Tag reservirt hatte , in den Ofen , so daß derselbe bald rothglühend wurde , legte die Wurst auf eine Pfanne und stellte diese auf den Ofen . Bald füllte der Dampf der schmorenden Wurst die Stube und weckte die beiden in einer Ecke des Bettes zusammengekauerten Geschwister - ein Aroma für die ausgehungerten Magen - Annas auf . Ihr erster Laut war ein Geschrei nach Brot , auf das indeß Niemand achtete . Annas Mutter erhob sich endlich schwerfällig von ihrem Lager , stemmte beide Arme in die Seite und wollte eben der Tochter ihren ganzen Unwillen über diese Verschwendung zu erkennen geben , als diese endlich das lange Schweigen durch die Mittheilung des Gesprächs brach , welches sie mit Gilbert gehabt hatte . Dies außerordentliche Glück , so wie der oben erwähnte angenehme Duft , den die Wurst verbreitete und der auch auf die bissige Natur von Annas Mutter einen mildernden Einfluß ausübte , schien diese bis zu dem Grade besänftigt zu haben , daß sie - was sie noch nie gethan - Annen ihre » vernünftige Tochter « nannte , die endlich einsehen lerne , was zu ihrem wahren Besten diene . - Sie ließ darauf noch einige Ermahnungen über die Art und Weise folgen , wie Anna dieses Glück benützen müsse , welche dem armen Kinde das Blut ins Gesicht trieben . Da hielt sich der alte Naumann , welcher bisher blos mit dem Kopfe geschüttelt , nicht länger . Er setzte das Kind , welches er auf dem Schooße gehalten , auf die Erde , und trat mit geballter Faust vor seine Frau . - Weib - rief er - bist Du denn ganz des leibhaftigen Satans geworden , daß Du an Deiner eigenen Tochter Dir ' nen Kuppelpelz verdienen willst ? An Dir hat ' s freilich nicht gefehlt , daß die Anna nicht längst schon gemein geworden . Aber ich sage Dir , noch einmal solche verfluchte Redensarten und Du sollst sehen , daß der alte Naumann Ordnung im Hause machen wird , daß Dir die Augen übergehen sollen . - Seid ruhig , Vater - begütigte Anna - es verschlägt bei mir nicht . - Ja es ist ein wahres Wunder , daß Du so aus der Art geschlagen bist - fuhr Naumann in zorniger Ironie fort ; aber ich sage euch Allen , und besonders Dir , Du Rabenmutter , wenn ich da bei dem feinen Herrn , der sie in Dienst nehmen will , Unrath merke , so kommt sie mir entweder nicht mehr vor die Augen , oder die Geschichte hört auf . - Thust auch gerade , als wenn ich sie um ihr Seelenheil bringen will - meinte etwas eingeschüchtert die Frau , die recht gut wußte , daß , wenn ihr Mann einmal wirklichen Grund zum Zorn hatte , dann auch mit ihm nicht zu spaßen war . - Es war ja nur ein Scherz . - Schöner Scherz das - brummte Naumann und wandte sich dann zu seiner Tochter : - Ich werde selber mit Dir hingehen zu dem Herrn - wie heißt er doch ? - Möller . - - Also zum Herrn Möller und sehen , wes Geistes Kind er ist . Gefällt er mir nicht , dann wird nichts daraus , das sage ich Dir im Voraus . Anna hatte indeß die dampfende Wurst auf den Tisch gesetzt und die Familie wollte eben das leckere Mahl beginnen , als sich die Thüre öffnete und ein kleiner vertrockneter Mann eintrat , dessen Erscheinung , obwohl nichts weniger als furchterregend , doch selbst auf die Frau Naumann einen Eindruck hervorbrachte , welcher mit dem Gefühl eines ertappten Verbrechers große Aehnlichkeit hatte . - Vortrefflich - röchelte das Männchen , mit Affektation den Wurstgeruch einschlürfend - ganz vortrefflich ! Sind wir also auf einen grünen Zweig gekommen ? Haben wir vielleicht in der Lotterie gewonnen oder gar eine reiche Erbschaft gemacht ? So werden wir ja auch wohl die paar lumpigen Thaler Miethe bezahlen können , he ? - Wollen Sie nicht bis morgen warten , Herr Klingemann ? - Und warum denn bis morgen , mein verehrter Meister ? Wenn wir heute Abend schon Braten essen können , so brauchen wir ja mit der Miethe nicht bis morgen zu warten . - Meine Tochter hat Hoffnung , morgen in einen guten Dienst zu treten , morgen entscheidet es sich . - Also nicht wahr , Sie sind so gütig und warten bis morgen . - Papperlapapp - grinste der Verwalter des Familienhauses - wir kennen die Flausen . Habe lange genug gewartet . Jetzt ist meine Geduld aus . Anna sah ihren Vater bittend an . Aber er widerstand diesem Blick , weil er nicht eher an das Geldstück ein Recht zu haben glaubte , als bis er sich überzeugt haben würde , daß es auf ehrliche Weise verdient worden . - Nun , wird ' s bald ? - fuhr der Verwalter fort - oder soll ich etwa wiederkommen , bis die Herrschaften abgespeist haben ? Gezahlt muß heute werden , es ist der letzte Termin . - In diesem Augenblicke erschien die kräftige Gestalt Ralph ' s in der Thüre , ohne von dem Verwalter bemerkt zu werden , der in seinem höhnischen Tone gemächlich fortfuhr : - Wozu miethet Ihr Volk Euch solche Wohnung , ja warum wohnt Ihr überhaupt zur Miethe , wenn Ihr sie nicht bezahlen könnt ? - Sollen wir etwa im Thiergarten schlafen , Herr Verwalter ? - ertönte Ralph ' s tiefe Stimme hinter des Verwalters Rücken . - Nicht wahr - fuhr er fort , indem er ihm gegenüber trat - nicht wahr , Leute Ihres Gelichters möchten am liebsten die Armen hinauswerfen , wenn ' s auch draußen stürmt . Aber nehmt Euch in Acht , Ihr Herren ; es kommt einst ein Tag , an dem wir Abrechnung mit Euch halten werden , an dem Ihr alle Zinsen doppelt und dreifach erhalten sollt für die Wohlthaten , die Ihr den armen Leuten erzeigt habt . - Ralph ! - mahnte Naumann - bezähme Dich etwas . - Nein , ich will mich nicht bezähmen . Es ist mir eine Wollust , daß ich diesen Blutsaugern einmal den ganzen Haß und Abscheu in ' s Gesicht schleudern kann , der in dem Herzen des Volkes für seine Bedrücker wurzelt . - Was wollen Sie , Herr ? Bei dieser plötzlichen Frage zuckte der kleine Mann sichtbar zusammen , obschon damit nicht behauptet werden soll , daß er bei der vorhergehenden Apostrophirung Ralph ' s sich gerade allzuwohl gefühlt habe . Der ihm von der Stirn herabträufelnde Schweiß schien eher Zeugniß vom Gegentheil abzulegen . Indessen wollen wir - um ihm nicht Unrecht zu thun , die Möglichkeit zugeben , daß die Ursache in seiner zu nahen Position bei dem glühenden Ofen liegen konnte . - Ich - stammelte er erschrocken - oh ich - ich wollte mich erkundigen , ob - wie - wenn . - Ein hartnäckiger Husten , der ihn überfiel , unterbrach seine Rede . - Sie haben gehört , daß mein Vater sich erbot , Morgen die Miethe zu zahlen . Sind Sie damit zufrieden ? - Vollkommen , oh unbedingt . Sie müssen gar nicht glauben , bester Herr Ralph , daß ich zu Denjenigen gehöre , die , wie man zu sagen pflegt , den armen Leuten das Fell über die Ohren ziehn ; davor soll mich der Himmel bewahren . Anna hatte während dieses Zwiegesprächs ein paar Worte mit ihrem Vater gewechselt , die diesen endlich überzeugt zu haben schienen . Wie viel bin ich Ihnen doch schuldig , Herr Klingemann ? - fragte er den Verwalter . - Bitte , es ist ja nicht der Rede werth . Bis morgen , lassen wir die ganze Sache bis morgen . - Nein , nein , es ist besser heute . Also , wie viel bin ich Ihnen schuldig ? - Nun , wenn Sie durchaus wollen . Aber ich bitte Sie zu erwägen , Herr Ralph , daß ich gewissermaßen nur gezwungen - nun denn also , es beträgt seit Michaeli präenumerando gerade 8 Thaler . - Hier , - sagte Naumann - ist ein Friedrichsd ' or und zwei Thaler zehn Silbergroschen in Courant . Haben Sie die Quittung bei sich ? - Wahrhaftig , ein wirklicher , ächter Friedrichsd ' or - murmelte der Kleine , das Goldstück von allen Seiten besehend - hm , das ist wunderbar : das wollen wir uns doch merken - die letzten Worte wurden begreiflicherweise leise gesprochen . - Hier ist die Quittung , Herr Naumann . Danke verbindlichst . - Mit einem hündisch-höflichen und zugleich boshaft-listigen Blick empfahl sich der kleine Mann , um sich mit dem empfangenen Goldstück sofort zu seinem Freunde , dem Polizeicommissarius des Reviers zu begeben . Er war indeß nicht der Einzige , dem das Vorhandensein von Gold in der Naumannschen Familie aufgefallen war . Anna ' s Mutter , welche sich bei der Scene ganz passiv verhalten hatte , wollte eben ihre Verwunderung in gewohnter Weise aussprechen , als Ralph mit einem strengen Blicke auf Anna die Frage an sie richtete , ob sie etwa in der Fabrik heute mit Gold bezahlt worden sei . Anna war in Verlegenheit ; sie hatte Gilbert versprochen , Ralph davon nichts mitzutheilen . Jetzt aber hatte sie durch ihre eigene Unvorsichtigkeit , indem sie ihren Vater zur Bezahlung überredete , sich in die Alternative versetzt , entweder eine Lüge zu erfinden , oder ihr Versprechen zu brechen . Wenn das Erstere auch durch die Mitwissenschaft ihrer Eltern nicht schon unmöglich geworden wäre , so würde sie Ralph gegenüber doch nicht fähig gewesen sein , zu lügen . Sie erzählte ihm also den ganzen Vorfall und verschwieg auch nicht , daß der Unbekannte sie gebeten , ihrem Bruder nichts mitzutheilen . Ralph dachte einige Minuten darüber nach , was er gehört hatte . Was konnte Gilbert - denn daß Möller und Gilbert dieselbe Person sei , hatte Ralph bald errathen - für Gründe haben , um seine Schwester , ein Mädchen , das er auf der Straße gesprochen , in seinen Dienst zu nehmen ? Und sie zu verführen , war sie - wenn auch hübsch genug , - so doch für Gilbert , wie er ihn kannte , nicht gebildet , oder besser , nicht raffinirt genug . Er wollte sie also als Mittel zu andern Zwecken brauchen . Was waren das für Zwecke ? Dies zu erforschen , war für Ralph wichtig . - Du gehst morgen zu dem Herrn hin , Anna , und zwar allein . - Das kann nicht Dein Ernst sein - sagte der Vater . - Allerdings . Ich kenne den Mann . Er gehört zu unserer Gesellschaft . Was Ihr fürchtet , darüber könnt Ihr ruhig sein . Aber ich traue ihm in anderer Weise nicht . Anna tritt ihren Dienst an . Das Andere wird sich finden . - Hast recht , mein Junge - sagte die Mutter - hab ' s auch gesagt . Aber sie lassen ja nicht mit sich reden . - Damit warf sie sich wieder aufs Bett und war in Kurzem fest eingeschlafen . Ralph begann , seine Schwester jetzt mit leiser Stimme genau zu instruiren , wie sie sich gegen Gilbert zu verhalten habe . Dann suchte jedes sein Lager . Nur der alte Naumann sah noch immer in die glühenden Kohlen , als wolle er darin die Antwort auf die Frage lesen , warum in der Welt ein so ungeheurer Unterschied zwischen Reichen und Armen existire . III Als die » Gesellschaft « so plötzlich durch die Anmeldung so ungebetener Gäste gestört worden war , wurde , ehe sie sich ganz trennte , noch Zeit und Ort der nächsten Zusammenkunft berathen , worauf die einzelnen Mitglieder durch verschiedene Ausgänge das alte Gebäude verließen . An der Ecke der nächsten Straße trafen Ralph , Hartwig und der alte Steiger wieder zusammen . Sie schritten eine Zeit lang neben einander hin , ohne zu sprechen . Ralph war , wie sein zu Boden gesenkter Kopf und sein bald langsamer bald hastiger Schritt es bekundete , in Gedanken versunken , die sein ganzes Interesse so in Anspruch nahmen , daß er seine Begleiter gänzlich zu vergessen schien . Diese aber warfen abwechselnd einen Blick auf Ralph , als erwarteten sie , daß er zuerst reden solle . Endlich brach Steiger das Schweigen . -- Hör ' mal Ralph - fing er an - Du bist ein Kopfhänger geworden seit einiger Zeit und das will mir nicht gefallen . Was hast Du ? sag ' an . Ich hoffe nicht , daß Du schwankend geworden bist . - Schwankend ? Wie man ' s nehmen will . Die beiden Andern sahen sich mit bedeutungsvollen Blicken an . Ralph aber fuhr , ohne es zu bemerken , fort : - Ja , könnten wir uns Alle auf einander verlassen , dann wäre das Ding anders . So aber weiß man nicht , ob man mit Freund oder Feind zu thun hat . - Was soll das heißen ? - fragte der alte Steiger stirnrunzelnd . - Das soll heißen - erwiederte Jener düster - daß ein Verräther unter uns ist . - Ein Verräther ? - fragte Hartwig und Steiger erbleichend . - Ja , ein Verräther ! Ich wiederhole es . Aber ich werde Mittel finden , ihn zu entlarven . Es folgte eine Pause . Daß Gilbert gemeint sei , konnte nach der zwischen diesem und Ralph heute vorgefallenen Scene nicht zweifelhaft sein . Aber weder Steiger noch Hartwig glaubten an Gilbert ' s Verrätherei , sondern suchten den Grund von Ralphs Mißstimmung in der Eifersucht zwischen ihm und dem von ihnen Allen sehr geachteten und selbst gefürchteten Gilbert . Mochten nun dieser Eifersucht noch andere Motive zu Grunde liegen , so war die Vermuthung der beiden Freunde Ralphs wenigstens nicht ganz unwahrscheinlich . Ehe Gilbert nach Berlin und durch einen Zufall , den wir in einem der folgenden Capitel erwähnen werden , in die Gesellschaft der » Achtzehner « - ein Name , der von der Anzahl der Mitglieder gebildet war - gekommen , hatte Ralph durch seine Energie und Gewandheit die Gesellschaft , deren Stifter er war , wenn nicht zu beherrschen , so doch in ihr sich ein bedeutendes Ansehen zu erwerben gewußt . Als die Kunde von der Februarrevolution das erstaunte Europa durchflog , war es sein erster Gedanke gewesen , die Gesellschaft , welche bis dahin mehr einen gesellschaftlichen Charakter getragen , politisch zu organisiren und durch die vielfach verzweigten Verbindungen , welche jedes einzelne Mitglied in der Stadt und selbst der nächsten Umgebung besaß , zum Centrum einer revolutionären Propaganda zu machen . Grade als diese Organisation durch den rührigen und verschwiegenen Ralph ihrer Vollendung nahe war und die revolutionäre Propaganda bereits erfreuliche Fortschritte gemacht hatte , erschien plötzlich Gilbert , welcher durch seinen Enthusiasmus für die französische Revolution , welche er selbst mitgemacht hatte , und besonders durch die lebendigen Schilderungen , welche er davon den hörbegierigen » Achtzehnern « entwarf , in wenig Tagen sich das Vertrauen der ganzen Gesellschaft - mit Ausnahme eines Einzigen - erwarb . Dieser Einzige war Ralph . Mit mißtrauischem , vielleicht durch Eifersucht geschärftem Auge beobachtete er den gewandten Franzosen . Dieser , schnell den Grund der Kälte Ralphs ahnend , schloß sich ihm um so fester an und vermied Alles , wodurch seine Eitelkeit - denn dafür hielt er es - verletzt werden konnte . Aber je mehr Jener sich ihm näherte , desto weiter entfernte sich Ralph von ihm , bis Gilbert das Vergebliche seiner Bemühungen einsehend und ohnehin in dem Vertrauen der Gesellschaft hinlänglich befestigt , ihm Gleiches mit Gleichem erwiederte . Scenen , wie die früher beschriebenen , gehörten daher keineswegs zu den Seltenheiten , und hatten dem alten Steiger schon oft Gelegenheit zu Vorwürfen gegen seinen jungen Freund gegeben . Auch diesmal hatte er , unmittelbar nach jenem Vorfall sich vorgenommen , ihm » tüchtig den Kopf zu waschen « . Die Hindeutung auf Gilberts Verrätherei hatte den Alten vollends in Harnisch gebracht , so daß er jetzt , einen kräftigen Fluch voranschickend , in ganz unverholener Weise und harten Ausdrücken Ralph einer jämmerlichen » Eitelkeit « und » kindischen Eifersucht « beschuldigte . - Du - schloß er seine Apostrophe - der Du grade uns immer davor warntest , nur nicht über persönliche Vortheile und die kleinlichen Interessen des Standes das große allgemeine Ziel aus den Augen zu verlieren , Du , der Du als erste Bedingung zur Aufnahme in unsern Bund die Fähigkeit stelltest , sich und seine Kräfte zu opfern - für die Befreiung des ganzen Arbeiterstandes von der Knechtschaft des Geldes und des Ansehens - Du grade fällst in diesen Fehler ! - Pfui , schäme Dich , ein solches Beispiel zu geben . Ich hatte Dich für größer und uneigenütziger gehalten . Von jedem Andern , selbst von Hartwig , würde Ralph diese Vorwürfe nicht geduldet haben , den alten Steiger aber ließ er ruhig zu Ende reden . Nur zuweilen , wenn es nicht zu dunkel gewesen , würden seine Begleiter ein schmerzliches Lächeln über seine bleichen Züge zucken , oder ihn den Kopf leise schütteln gesehen haben . - Du thust mir großes Unrecht - sagte er endlich mit leidenschaftslosem Tone - ja wahrlich , großes Unrecht . Mein Herz weiß von dem Allen nichts , was Du sagst . Und fühlte ich Eifersucht , wie Du meinst , so könnte es nur darum sein , weil ich sehe , wie Ihr Euch Alle von diesem glattzüngigen Franzosen bethören lasset , statt meinem Rathe zu folgen , der besser gemeint ist . Ihr werdet das früh genug einmal einsehen . Doch gleichviel . Ich kann noch nichts beweisen und darum will ich schweigen , darum will ich die Stimme in meiner Brust unterdrücken , welche mir laut und unablässig zuruft : Traue ihm nicht , er meint es nicht ehrlich mit Euch , er ist ein Verräther . Und nun lebt wohl . Vergeßt nicht , morgen heraus nach den Zelten zu kommen . Auf Wiedersehn . Hiermit trennten sie sich . Als Ralph seinen Begleitern die Hand reichte , lag ein wohlthuendes Gefühl in der Bemerkung , daß Hartwig , welcher während des ganzen Gesprächs kein Wort geredet , seine Hand fester als gewöhnlich drückte , gleichsam als theile er Ralphs Befürchtungen , wage jedoch nicht , sie laut werden zu lassen . Ralph ging darauf graden Weges nach Hause . Das Gespräch mit seiner Schwester bestärkte ihn nur noch mehr in seinem Verdachte gegen Gilbert , flößte ihm jedoch die Hoffnung ein , den Verräther zu entlarven . IV Gilbert hatte indeß einen ganz andern Weg eingeschlagen , nämlich nach dem Hotel der Gräfin Bedford , welche heute Abend ihren großen Salon geöffnet hatte . Die Gräfin Bedford war eine Frau von nahe an vierzig Jahren , was sie jedoch keineswegs hinderte , noch eben so schön als liebenswürdig zu sein , eine Bemerkung , die , da sie nicht nur von ihr selbst , sondern auch von einer zahlreichen Menge eleganter Verehrer gemacht wurde , die Gräfin vollkommen dafür entschädigte , daß in den engern Zirkeln der » honetten Bourgeoisie « und der » Aristokratie comme il faut « ihr Ruf zuweilen mit dem Prädikat der Zweideutigkeit charakterisirt wurde . Ihren Salon , in welchem , - wenn nicht der sogenannte » beste « - so doch gewiß ein Ton herrschte , der an Feinheit dem der » höhern Zirkel « die Spitze bot , an Lebendigkeit und Geschmack dagegen ihn bei weitem hinter sich ließ , füllten die Elegants aus allen Nüançen und Schichten der sogenannten » höhern Gesellschaft ; « Barone , Grafen , selbst Sprößlinge erlauchter Häuser , Diplomaten , Künstler , Gelehrte , Banquiers : sie hatten Alle Zutritt unter der einzigen Voraussetzung , daß sie gebildet genug waren , um die große Wahrheit zu begreifen , daß es nur eine Schranke für den Gegenstand einer öffentlichen Unterhaltung giebt : die Langeweile - und interessant genug , um die seltene Kunst zu verstehen , sich innerhalb dieser Schranke mit taktvoller Eleganz und pikanter Feinheit zu bewegen . Kurz der Grundsatz : » Die Form ( versteht sich die schöne , die anmuthige Form ) ist die alleinige Bedingung für jedweden Inhalt des bon ton « kam in dem Salon der Gräfin Bedford zur ausgedehntesten Geltung . Diesem Grundsatz gemäß hatte die schöne Wirthin dafür gesorgt , jedem der verschiedenen Elemente , aus denen ihre Gesellschaft zusammengesetzt war , einen den besonderen Interessen und Neigungen entsprechenden Spielraum und Stoff darzubieten . An den großen Saal , in welchem das Gespräch allgemein war , stießen mehrere kleine Säle und Zimmer , zur Benutzung für diejenigen , welche , an diesem allgemeinen Gespräch kein Interesse findend , die Lust der Absonderung in sich verspürten . In einem dieser Zimmer waren Spieltische aufgestellt , ein anderes bot eine große Auswahl der gelesensten Journale des In- und Auslandes dar , ein drittes war zu einer kleinen Bildergallerie eingerichtet , welche Gemälde und Kupferstiche der berühmtesten Meister der Gegenwart enthielt . Außer diesen Zimmern gab es noch eine Menge kleiner , reizend eingerichteter Boudoirs , in welche man sich allein oder zu einem vertrauten tête-à-tête zurückziehen konnte . In allen aber - wie verschieden sie auch sonst waren - herrschte dieselbe raffinirte Verbindung von materiellem Luxus und geistigem Comfort . An dem heutigen Abend jedoch schien über der Stimmung der zahlreicher als sonst versammelten Gäste eine verdüsternde Wolke zu schweben . Die Gespräche waren weniger laut und allgemein . Der große Salon war fast leer . Desto gefüllter waren die Nebensäle und Boudoirs . Das Journalzimmer schien heute vorzugsweise in Anspruch genommen zu werden . - Kein Wunder , weil die kaum 14 Tage alte Revolution in Paris und die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung Aller Gemüther beschäftigte . Wer in diesem Augenblicke an den runden Tisch getreten und die verschiedenen Physiognomien der über die Zeitungen gebückten Köpfe beobachtet hätte , würde die Bemerkung gemacht haben , daß in den Salons der Gräfin nicht nur die verschiedensten Typen des socialen Lebens , sondern auch die heterogensten politischen Ueberzeugungen und Sympathien vertreten seien . Besorgniß , Ironie , Freude , Zorn , Begeisterung und höhnische Wuth leuchtete aus den Blicken der eifrigen Leser , und machte sich in einzelnen Ausrufen Luft . - Da jedoch diese einsylbigen Monologe die einzigen Lebensäußerungen waren , die sich in diesem Zimmer kund thun durften , so würde auch dem , für dergleichen unwillkührliche mimische Darstellungen empfänglichste Beobachter bald einen Mangel an Stoff gefühlt und sich nach einem andern für die Beobachtung mehr Interesse darbietendem Orte begeben haben . Wir wenigstens fühlen uns hiezu bewogen und fordern den Leser auf , ein Gleiches zu thun . In einem der vom Hauptsaale entferntesten Boudoirs , welches unmittelbar mit den Privatzimmern der Gräfin zusammenhing , saßen zwei Damen in einem - wie es schien - für sie sehr interessanten Gespräch vertieft , auf dem weichen , mit Sammet gepolsterten Divan . Eine Astrallampe mit silbernem , kunstvoll ciselirtem Fuße warf auf die beiden Frauen einen matten Schein , der ihre Züge jedoch hinlänglich erkennen ließ . Die Jüngere von ihnen war eine jener lieblichen Erscheinungen , welche nie altern , da ihre Schönheit nicht in dem Schnitt des Gesichts und der einzelnen Theile , sondern im geistigen Ausdruck der Züge beruht . Obgleich sie schon dreißig Jahre zählte , so besaß ihr Gesicht doch die ganze Lieblichkeit und Zartheit eines 17jährigen Mädchens , und keine Falte deutete an , daß die glühendsten Leidenschaften in diesen » sanften Zügen « gewühlt hatten . Sie lehnte ihren Kopf auf die linke Hand , welche sich auf die Sophalehne stützte und schien mit Neugierde den Worten zu lauschen , welche dem beredten Munde ihrer Freundin entströmten . Diese , vielleicht acht bis zehn Jahre älter , von stolzer , imposanter Figur , war nicht minder schön , als Jene , wenn auch im ganz andern Genre . Die Fülle ihrer Formen berührte nahe die Grenze , jenseits deren Schönheit und Anmuth sich trennen , und würde vielleicht mehr aufgefallen sein , wenn sie durch den Adel der ganzen Haltung und fast majestätischen Würde in allen Bewegungen nicht gewissermaßen motivirt worden wäre . - Ich begreife Ihre Indifferenz nicht , theure Baronin - sagte die Gräfin Bedford , denn dies war die zuletzt geschilderte der beiden Frauen , in eifrigem Tone - kann es Ihnen gleichgültig sein , eine Rolle , die Sie allein mit dem richtigen Takte zu spielen verstehen würden , in ungeschicktere und unwürdigere Hände fallen zu sehen ? Gestehen Sie , daß Sie blasirt sind ; nur so kann ich mir diese seltsame Apathie erklären . Oder sollten Sie Grund haben , blasirt zu scheinen - auch mir gegenüber ? - Alice ! Es lag ein leiser Vorwurf in dem Tone , mit dem die Gräfin die letzten Worte und besonders den Namen » Alice « aussprach . Die Antwort darauf war ein leises Kopfschütteln und ein halbes Lächeln . - Blasirt ? - sagte Alice , ohne ihre Stellung zu verändern - Sie können recht haben . Sehen Sie sich doch alle diese Marionetten an , welche in der Welt » Männer « heißen - ich nehme selbst die nicht aus , welche Sie bei sich sehen , Gräfin , obgleich ich zugebe , daß sie zu der bessern Sorte gehören . - Sehen Sie sie sich an , und dann fragen Sie sich , ob es sich lohnt , daß man ein Glied rührt , um Einen derselben zu betrügen . - Nein , nein ; der Triumph ist zu leicht und darum zu wenig lohnend . Ja , wenn es sich nicht immer um den Einzelnen handelte , sondern um das ganze Geschlecht , dann ließe sich davon reden . Geben Sie mir - fuhr sie fort , indem sie sich halb aufrichtete und ihre kleine Hand ausstreckte - geben Sie mir das ganze Geschlecht in die Hand , um es mit einem Schlage demüthigen zu können , und ich will anerkennen , daß das Ziel der Mühe werth ist , die man daran setzt , es zu erringen ; ja , ich will Ihnen danken . Nach den letzten Worten , welche Alice mit erhobener Stimme und gerötheter Wange gesprochen hatte , fiel sie wieder in ihre frühere theilnahmlose Stellung zurück . - Sie vergessen , daß es sich hier nicht um eine bloße Person und deren Empfindungen handelt , sondern um eine ganze Partei , welche diese Person mit diesen Empfindungen vertritt . Wohlan , machen Sie sich zur Herrin dieser Empfindungen , so sind Sie Herrin der ganzen Partei und was mehr , des Prinzips , welches diese Partei regiert . Und dann vergessen Sie auch , daß hier von einem Fürsten die Rede ist . Alice lachte . - Und wenn ich nun weder das Eine , noch das Andere vergessen hätte ? Wenn nun gerade der Grund meines Widerstrebens darin läge , daß ich es nicht vergessen , wie dann Gräfin ? - Freilich dann - sagte diese gedehnt - dann habe ich hierüber nichts mehr zu sagen , als mein Bedauern darüber auszudrücken , daß Sie diese wahren Motive nicht eher erklärten . Ich hätte meine Gründe sparen können . Die Gräfin erhob sich . - Sie sind beleidigt - begütigte Alice , ohne daß dies meine Absicht war . Hören Sie meinen Grund und die Bedingung , von der mein Entschluß abhängt , so werden Sie mir nicht zürnen . Sehen Sie , theure Gräfin , mir ist nichts mehr zuwider als diese ewigen inhaltslosen Koketterien , welche doch nur stets dasselbe einfältige Ziel haben . Wäre ich nicht zu bescheiden , so könnte ich auf mich die Worte des großen Friedrich anwenden : » Ich bin es müde , über Sklaven zu herrschen . « Und dennoch - Sie werden es vielleicht für Heuchelei oder mindestens für Beschränktheit halten , was ich jetzt sagen werde - dennoch ist es mir leichter , in Ermangelung einer bessern Beschäftigung , dieses kindische Spiel mit Männerherzen fortzusetzen , als unter der Maske desselben anderweitige » politische « Zwecke zu verfolgen . In jenem Falle entwürdigen sich wenigstens nur die Männer , in diesem entwürdige ich mich selbst ; dort fällt die ganze Schmach auf den Besiegten , hier noch weit mehr auf die Siegerin . Trotzdem , Gräfin , würde ich - schon aus Gefälligkeit für meine Freunde - nicht abgeneigt sein , mit dem Fürsten anzubinden , wenn ich nicht sonst - gebunden wäre - - - Ich verstehe Sie nicht - rief die Gräfin erstaunt aus . - Nehmen Sie es wörtlich , was ich gesagt habe . - Und das soll für mich als Grund gelten ? Sie wollen mich zum Besten haben . - Die Fäden könnten sich kreuzen , und dann kann man für die Folgen nicht stehen .