eilen Sie ; sonst kommen wir zu spät . Die Damen waren schon im Begriff , nach Hause zurückzukehren . « » Die Damen ? « - fragte Landsfeld mit schlecht verhehltem Interesse , indem er seinem Diener klingelte . » Nun freilich , die Forsträthin mit ihrer Tochter . Die verdammte Geschichte mit dem Berger muß dem armen Kinde doch sehr zu Herzen gegangen sein . Kein Wunder freilich . Sind mit einander aufgewachsen . Sie wissen wohl , daß die Eltern der beiden Leutchen in demselben Orte wohnten . Bergers Vater war Prediger . Als der starb , ging seine Mutter mit ihm nach Wien , um ihm Gelegenheit zu geben , sein wirklich bedeutendes musikalisches Talent auszubilden . Unterdeß war auch Lydiens Vater gestorben und die Forsträthin mit ihrer Tochter nach Berlin gezogen , wohin sich denn auch zuweilen der junge Berger begab . Dort hat er sich mit ihr vor einem Jahre verlobt . Bald nach der Verlobung begab er sich auf eine Reise nach Italien , wo er über ein halbes Jahr blieb , dann noch seiner Mutter einen Besuch abstattete und endlich hier wieder mit Dornthals zusammentraf . Wann und wo er zuerst Frau von Rosen kennen gelernt , habe ich nicht erfahren können . Wahrscheinlich in Italien . « » Nein . Schon in Berlin , vor seiner Verlobung « - berichtigte Landsfeld , der mit großem Interesse die Erzählung des Doctors anzuhören schien . » Und Sie glauben , daß Lydia noch immer - « » O « - unterbrach ihn Langhals - » im Gegentheil ! Als ich ihr heute erzählte , daß ich einen Brief von Berger aus Wien erhalten - « » Was natürlich ein Scherz war « - bemerkte der Baron . » Herr , was denken Sie ? Ich scherzen ? und auf so profane Weise mit diesem herrlichen Mädchen ! « » Nun , nun « - beschwichtigte Landsfeld den Aufgeregten , der wirklich diesmal böse war . » Es war nur ein Scherz von mir . « » Schöner Scherz ! « brummte der Medikus grollend . » Nun gut . - Als ich ihr also das mittheile - was glauben Sie , daß sie sagte ? « » Nun ? « - fragte Landsfeld , dem es von Wichtigkeit war , die Gesinnungsweise und Denkart Lydiens kennen zu lernen . Da sagte sie , tief Athem schöpfend : » Gott sei Dank ! « und setzte alsbald kalt hinzu : » Ich konnte es mir wohl denken . Er hatte nicht einmal dazu Kraft genug . « - Verstehen Sie etwas davon ? Ich habe mir schon den Kopf darüber zerbrochen , was sie eigentlich damit gemeint haben mag . Doch ich sehe eben , daß Sie fertig sind . Nun , lassen Sie uns denn gehen . - Geben Sie mir den linken Arm . « Als sie auf der Promenade anlangten , richteten sich Aller Blicke neugierig auf den bleichen jungen Mann , dessen Duellgeschichte bereits allgemein bekannt war . Als sie in eine Seitenallee einbogen , standen sie plötzlich vor Lydia , ihrer Mutter und deren unzertrennlichem Begleiter , dem Hofrath . Vielleicht mochte es gerade in dem scheinbar Unvorbereiteten und Unerwarteten liegen , daß dies erste Zusammentreffen Lydiens mit dem Baron weniger peinlich war , als es Beide gefürchtet hatten . Zwar färbten sich ihre bleichen Wangen plötzlich mit einem zarten Roth , das auch nicht wieder verschwand . Aber ohne dies Zeichen einer innern Bewegung hätte man nicht vermuthet , daß durch das Erscheinen Landsfelds irgend eine Veränderung in ihr vorgegangen . Mit unbefangner Anmuth erwiederte sie die stumme , ernste Verbeugung des Barons , der sich sogleich , nachdem die Ceremonie der gegenseitigen Vorstellung durch den kleinen Doctor mit allem ihm möglichen Pathos beendet war , an die Forsträthin wandte . » Wir schulden Ihnen vielen Dank « - sagte diese , nachdem sie einige mehr gleichgültige , obwohl hier nicht blos conventionelle Fragen nach ihrem gegenseitigen Befinden gewechselt - » daß Sie auf Gefahr ihres eigenen Lebens den jungen Mann verschonten . « » Schlagen Sie mein Verdienst dabei nicht zu hoch an « - erwiederte er bescheiden . » Berger war von Leidenschaft verblendet - ich konnte vermuthen , daß er keine sichere Hand haben und wahrscheinlich fehlschießen würde . Die Kräfte waren also ungleich vertheilt . Außerdem wollte ich mein Bewußtsein nicht mit einer That beschweren , deren Erinnerung nur qualvoll sein kann . Ich haßte den jungen Mann nicht , obwohl mir , als ich unmittelbar nach dem Wortwechsel , der die Ursache des Duells war , Ihnen und Ihrer Fräulein Tochter begegnete , seine Verirrung unbegreiflich erschien . Denn ich kannte die Dame , welche ihn so bezaubert hatte . « » Sie kannten sie ? « - fragte Frau von Dornthal in einem Ton , der wie eine Aufforderung zur weiteren Erklärung klang . Landsfeld warf einen forschenden Blick auf die ernsten Züge der Forsträthin . Dann verzog sich die eine Seite seines Mundes zu einem fast unmerklichen Lächeln . Denn er dachte an den Grund , den möglicherweise die Mutter Lydiens zu solcher Aufforderung haben konnte , vielleicht unbewußt hatte . » Schon seit mehreren Jahren « - erwiederte er mit ruhiger Unbefangenheit . » Zuerst lernte ich sie in Berlin kennen . Die Richtung , welche damals meine innere Entwicklung genommen , begünstigte den mächtigen Eindruck , den sie auf mich machte . Ich glaubte gefunden zu haben , wonach ich mich schon so lange gesehnt hatte , einen weiblichen Charakter , in dem sich die innerliche Freiheit des Menschengeistes mit der zarten Selbstbeschränkung edler Weiblichkeit zur lebendigsten Harmonie zusammenschlösse , und der Widerspruch zwischen der Ueberwindung aller Schranken des Vorurtheils und des Aberglaubens mit der energischen Aufrechthaltung sittlicher Würde gelöst hätte . « - Landsfeld schwieg . » Und Sie wurden in Ihrer Erwartung getäuscht ? « - fragte mit sichtbar wachsendem Interesse die Forsträthin , die selber einen für die Idealität menschlicher Größe und Würde schwärmenden Sinn besaß . » Mein Bedürfniß , sie verwirklicht zu sehen , war zu groß , als daß ich nicht jeden sich allmählig geltend machenden Zweifel geflissentlich unterdrückt hätte . Ich bin beschämt , es Ihnen gestehen zu müssen , gnädige Frau , daß ich mich länger als ein Jahr in meiner Selbsttäuschung so unendlich glücklich fühlen konnte . « - Landsfeld gehörte zu jenen eigenthümlichen Charakteren , die sich in eine willkührlich erzeugte Vorstellung so hinein zu leben im Stande sind , daß sie den Mitteln , welche sie zur Aufrechterhaltung des Scheins in Anwendung bringen , gegen sich selbst eine Macht einräumen , deren Kraft und Wirkung der der Wahrheit völlig gleich ist . Als er jene Worte sagte , schlug er unwillkührlich die Augen zu Boden und eine flüchtige Röthe bedeckte seine Stirn . Es lag eine solche Wahrheit in dieser scheinbaren Bewegung , daß die Forsträthin seine Hand ergriff und mit Herzlichkeit drückte . Sie glaubte jetzt alles Uebrige zu verstehen , bis auf die Beleidigung der Dame , welche sie sich bisher nur aus einem unedlen Charakterzuge des Barons hatte erklären können . Sie begriff die Bitterkeit , welche nach einer solchen Enttäuschung die Brust eines Mannes , wie Landsfeld ihr erschien , erfüllen mußte , wenn sie auch einen derartigen Ausbruch derselben nicht billigen konnte . Sie wandelten eine Zeit lang schweigend neben einander her . Landsfeld schien in tiefe Gedanken verloren . Als wolle er sich mit Gewalt daraus emporraffen , sagte er plötzlich : » Ich habe mich noch wegen der unüberlegten Art und Weise zu rechtfertigen , gnädige Frau , mit der ich Ihre Fräulein Tochter auf die Ihnen Beiden bevorstehende Gemüthsbewegung vorbereiten wollte . Daß ich nur die Absicht hatte , Ihre Besorgniß wo möglich zu heben , werden Sie wohl aus der Ungeschicklichkeit , womit ich die Sache anfing , selbst erkannt haben . Jenes Billet , das ich den Abend vorher zwischen die Blumentöpfe steckte , hatte ich unter der Bank gefunden , auf welcher der junge Berger mit Frau von Rosen kurz vor meinem Zusammentreffen mit ihnen gesessen hatte . Ich weiß nicht , welches Gefühl mich damals zwang , jene Worte auf den Zettel zu schreiben , in den ich das Billet einwickelte . Es geschah , nachdem ich mich lange Zeit auf den Bergen umhergetrieben , in dem Augenblicke , als ich an Ihrem Hause vorbei kam . Erst als ich in meiner Wohnung angelangt war , fiel mir das Unpassende meiner Handlungsweise ein , und ich war eben im Begriff , wieder umzukehren und den Zettel zu zerreißen , als Berger zu mir kam , um mir in eigener Person seine Forderung zu überbringen . Da erschienen mir jene , durch den Augenblick hervorgerufenen Worte wie von einer höhern Ahnung eingegeben und ich beschloß , an dem , was ich gethan , Nichts zu ändern . Mit dem Briefe , den ich am folgenden Morgen an Fräulein Lydia abschickte , hatte es freilich eine andere Bewandtniß . Sie werden mir aus seinem Inhalt wohl keinen Vorwurf machen , hoffe ich , aber ohne Zweifel und mit Recht daraus , daß ich mich nicht an Sie wandte . « » In der That « - sagte die Forsträthin zögernd , der es peinlich war , diesen Punkt berührt zu sehen , welcher ihr damals einen noch größeren Beweis für die Taktlosigkeit des Barons abgegeben hatte , als seine Beleidigung gegen Frau von Rosen . » Lassen Sie mich mit einem Worte diese Sache aufklären . Ich wußte Ihren Namen noch nicht , gnädige Frau , da ich erst denselben Morgen angekommen . Berger ging erst gegen eilf Uhr Abends von mir . Erkundigungen konnte ich also nicht mehr erst einziehen . Am andern Morgen um fünf Uhr war das Zusammentreffen auf den Bergen angesetzt . Gesprächsweise erfuhr ich von Berger , den ich unmöglich direct danach fragen konnte , den Vornamen Ihrer Fräulein Tochter . Sobald er mich verlassen , schrieb ich jenen Brief an Fräulein Lydia und gab ihn am andern Morgen meinem Diener mit dem Befehl , ihn auf der Promenade abzugeben . « » Lassen wir diese peinlichen Erörterungen , Herr Baron « - sagte die Forsträthin , welche durch die gegebene Erklärung befriedigt war , » für die ich Ihnen jedoch von Herzen dankbar bin . Ohnehin möchte ich eine Bitte an Sie richten , die Sie mir wohl nicht abschlagen , auch nicht , ich hoffe es , unrichtig verstehen werden , die nämlich , so wenig wie möglich diese überwundene Vergangenheit zu berühren , besonders « - setzte sie leiser hinzu - » im Gespräch mit meiner Tochter . Nicht wahr , Sie werden mir diesen Gefallen thun ? « - » Gnädige Frau « - erwiederte Landsfeld mit ernster Miene - » es würde mich tief betrüben , sollten Sie das Gefühl , welches mich zu den obigen Aufklärungen gedrängt hat , mit einem Mangel an Discretion und Zartgefühl verwechseln . Auch ohne Ihren ausdrücklichen Wunsch wäre diese erste Erörterung auch die letzte gewesen , da sie nur den Zweck hatte , mein Benehmen in Ihren Augen zu rechtfertigen . « » Es war nicht meine Absicht , Sie kränken zu wollen « - sagte die Forsträthin mit halb bittendem Tone . » Nicht ein Mißtrauen gegen Ihr Zartgefühl , Herr Baron , nur die Sorge gegen meine schon von so vielen Aufregungen angegriffene Tochter trieb mich zu jener Bitte , die ich indeß sicherlich unterdrückt haben würde , hätte ich vermuthen können , daß Sie darin etwas Kränkendes finden können . « Der Baron verbeugte sich , zum Zeichen , daß er hierdurch völlig zufrieden gestellt sei . Und in der That konnte er es auch in anderem Sinne sein . Denn dadurch , daß er die Mutter Lydiens zu einer Art von Entschuldigung gegen ihn gebracht hatte , war seine Stellung ihr gegenüber eine in jeder Beziehung selbstständige und freie geworden . Daß er diese ausgezeichnete Frau richtig beurtheilt hatte , bewies ihm die ganze Art und Weise , mit der sie ihn behandelte , jene von einem Dritten gar nicht wahrnehmbare Innigkeit im Tone , wie sie nur zwischen Charakteren möglich ist , deren gegenseitige Achtung aus einem innern , auf ideeller Sympathie gegründeten Verständniß stammt . Und doch ist gerade hier die Täuschung am leichtesten . Denn Derjenige , dessen Herz von idealer Schwärmerei erfüllt ist , und folglich an sich selbst und an die Wahrheit seiner Empfindung glaubt , ist gegen Trivialität und Schlauheit eben so sicher gewappnet , als gegen die ideellen Phantasiemenschen schutzlos ; denn da er nicht den Unterschied zwischen der ideellen Wahrheit des Herzens und dem ideellen Schein der Phantasie verstehen kann , so begreift er auch nicht die Möglichkeit einer Täuschung durch den letzteren . Landsfeld hatte die Hoheit und Reinheit der Seele von Lydiens Mutter in ihrem ersten , forschend auf ihn gerichteten Blick gelesen und daraus sofort die Rolle erkannt , welche er ihr gegenüber zu spielen hatte . Die Täuschung war ihm über Erwarten gelungen , was auch großentheils daraus zu erklären war , daß allerdings ein Theil des Charakters , den er hier darstellte , in seinem eigenen Wesen begründet war , nur mit dem Unterschiede , daß er ihn zu einem bestimmten Zweck und durch willkührliche Mittel nach Außen kehrte . Lydia war unterdeß von ihren beiden Begleitern nach Möglichkeit unterhalten worden . Besonders bot der kugelrunde Doctor seine ganze Beredtsamkeit auf , um die trüben Gedanken , welche noch immer in ihren niedergeschlagenen Augen zu lesen waren , zu zerstreuen . Sie hatte hiervon den großen Vortheil , ihren Träumereien ungestört nachzuhängen , ohne durch offene Unaufmerksamkeit ihren redseligen Begleiter zu kränken . Denn wenn der Doctor über jede an ihn gerichtete Frage die größte Freude empfand , so war er doch selbstsüchtig genug , diese Freude selbst keinem Andern zu bereiten ; was ihm jedoch merkwürdiger Weise als eine Liebenswürdigkeit ausgelegt wurde . Außerdem pflegte er jeden Witz , der seiner beweglichen Zunge entströmte , nicht blos nachher , wenn er schon heraus war , durch ein Lachen zu belohnen , sondern auf dieselbe Weise schon vorher anzukündigen , wodurch seine Zuhörer immer in den Stand gesetzt wurden , zu beurtheilen , was der Doctor für einen Witz halte , und folglich belacht haben wolle . Lydia lächelte auch manchmal , aber weniger über die Scherze des unterhaltsamen Jüngers Aeskulaps , als über die komische Ankündigung derselben , theils auch aus Gutmüthigkeit und angeborener Liebenswürdigkeit . Zuweilen erhob sie ihren Blick so weit , daß er den einige Schritte von ihr neben ihrer Mutter hinwandelnden Baron erreichte . Wenn sie auch nicht den Inhalt des Gesprächs verstehen konnte , so entnahm sie doch aus dem ernsten und eindringlichen Tone , mit dem dasselbe geführt wurde , daß die Unterhaltung keine blos conventionelle Bedeutung hatte und keinen gleichgültigen Gegenstand betraf . War es die Nichtbefriedigung des Interesses , das sie selber an dem Gespräch nahm , oder das peinliche Gefühl , selber Gegenstand einer von Anderen geführten Unterhaltung zu sein , oder war es vielleicht auch eine Art von Verletztheit über die scheinbare Nichtachtung des Barons , der sie gar nicht zu bemerken schien , oder endlich war es Alles dieses zusammen - was wohl das Wahrscheinlichste sein mochte - : genug , als der Baron stehen blieb , um sich von ihrer Mutter und den nachfolgenden Dreien zu verabschieden , konnte sie seine fast herzlichen , obwohl höflichen Abschiedsworte nur mit einer kurzen , kalten Verbeugung erwiedern . Landsfeld war ein zu feiner Menschenkenner , und verstand sich besonders auf das weibliche Herz zu gut , war vielleicht auch ein zu großer Egoist , als daß er diese Kälte nicht richtig zu seinen Gunsten gedeutet hätte . Wieder schwebte jenes leise Lächeln des Triumphs auf seinen Lippen , als er sich in Begleitung des Doctors mit raschen Schritten entfernte . » Ein merkwürdiger Mann « - sagte die Forsträthin , wie in Gedanken vor sich hinsprechend , als sie am Arm ihrer Tochter den Rückweg nach Hause antrat . » Warum lachst Du ? « - fuhr sie zu Lydia gewandt fort . » Ich dachte daran , daß der Doctor schon öfter denselben Ausspruch gethan « - erwiederte diese fast bitter . » Dasselbe sagte er aber auch über Andere . « - Diese Anspielung auf Frau von Rosen hatte besonders durch den Ton , mit dem sie gemacht wurde , etwas Verletzendes in sich , welches der Forsträthin wehe that . Sie schwieg jedoch , weil sie fürchtete , daß eine Vertheidigung des Barons das Vorurtheil , welches Lydia gegen ihn zu haben schien , nur verstärken möchte . Am folgenden Tage , als sie Beide die Seitenallee langsam auf und ab wandelten , sagte nach längerem Schweigen die Forsträthin : » Es ist nun Zeit , liebes Kind , daß wir uns bald zur Abreise fertig machen . Meine Kur geht mit dieser Woche zu Ende . Mich wundert , daß sich der Hofrath gar nicht sehen läßt , ich möchte gern mit ihm darüber sprechen . Vielleicht begleitet er uns . « Lydia erschrak über den Entschluß ihrer Mutter , doch , als wenn sie sich selber für diese Bewegung , die sie sich nicht erklären konnte , strafen wollte , sagte sie schnell : » Du hast Recht , liebe Mutter ; es ist hohe Zeit , daß wir nach Hause kommen . Es verlangt mich sehr danach . Pr---t hat für mich auch keinen Reiz mehr , seit - « In diesem Augenblicke kam hastigen Schrittes der Doctor auf sie zu . » Wissen Sie schon , Verehrteste - ein merkwürdiger Mensch - der ! - hm ! Fataler Zufall ! « - Lydia erschrak abermals , aber sie schwieg . » Was ist ' s ? Wovon sprechen Sie ? « - fragte die Forsträthin . Der Doctor lächelte über das ganze breite Gesicht , denn er hatte eine Frage zu beantworten und begann mit pathetischem Tone und in seiner gewöhnlichen abgebrochenen Weise zu erzählen , wie der Baron gestern Nachmittag trotz seines ausdrücklichen Verbots auf die Berge gestiegen und bis tief in die Nacht in den Wäldern umhergeirrt . Dadurch sei die nur leicht verharrschte Wunde so entzündet worden , daß die ganze Mühe , die er sich mit ihm gegeben , umsonst sei . Nun müsse er wieder die Stube hüten , was ihn in die unangenehmste Laune von der Welt gesetzt habe . » Fataler Zufall ! « - schloß er seine Erzählung . » Das thut mir leid « - bemerkte die Forsträthin - » um so mehr , als wir nun wohl das Vergnügen entbehren werden , ihn noch einmal zu sehen . « - Lydia befand sich seit mehreren Tagen schon in einer Stimmung , die ihr selbst unheimlich und drückend war , da sie mit ihrer klaren und tiefen Natur in vollem Widerspruch stand . Sie war sich selbst ein Räthsel . Dies machte sie unruhig , und , was ihrem sonstigen Wesen ganz fremd war , launisch . Sie fühlte über Bergers Handlungsweise jetzt keinen Schmerz mehr , nur wenn sie in einsamen Stunden der vergangenen Zeit dachte , an ihre Heimath , an die süße Gewohnheit eines vertraulichen unbefangenen Umgangs mit dem jungen Mann , als sie mit ihrer Mutter nach Berlin übersiedelt war , an seine Lieder , die er für sie componirt - dann überfiel sie wohl ein Gefühl der Wehmuth , und ihre Thränen strömten die innere Trauer ihrer Seele aus . Doch bald überkam sie in solchen Augenblicken eine andere , bittere Empfindung ; wie ein frostiger Hauch durchschauerte ihr Herz der Gedanke an die Zerrissenheit und Unwürdigkeit des früher Geliebten , und eine trostlose Kälte , eine Leere an Empfindung verdrängte die Wehmuth aus ihrer Brust . Daß sie ihn nicht mehr liebte , ja daß sie ihn vielleicht nie geliebt hatte , wurde ihr immer klarer , aber sie hatte noch nicht das Bewußtsein , das nur die Erfahrung giebt , was der Grund dieser Gereiztheit sei , nämlich , daß sie im Begriff sei , einer andern Liebe Raum in ihrem Busen zu geben . Vielleicht ahnte sie diese Veränderung in sich , wenigstens wehrte sie sich instinktmäßig dagegen , aber wenn ihr Jemand den Namen Landsfeld genannt hätte , so würde sie wahrscheinlich mit Entrüstung eine solche Vermuthung von sich abgewiesen haben . - Was war nun aber die Quelle dieser erwachenden Leidenschaft ? Der Baron hatte eigentlich noch kein Wort mit ihr gesprochen , sie kaum beachtet , gewiß aber in keiner Weise sich ihr genähert . Welcher geheimnißvolle Einfluß konnte also seinerseits von ihm ausgeübt sein ? War es die männliche , energische Kraft seines Geistes , die sich in seiner Handlungsweise gegen Berger ausgesprochen hatte ? Dies hatte ihm wohl Lydiens Achtung erworben , aber wie wäre ihre Leidenschaft dadurch rege geworden . Oder war es die ritterliche Schönheit seiner Gestalt , die einen Eindruck auf ihre Sinne gemacht hätte ? Dazu war Lydia noch zu unbefangen und harmlos . Ihre Sinnlichkeit war eine völlig geschlossene Knospe , der sich noch kein belebender Sonnenstrahl genaht . Was also war dieser räthselhafte Grund ? Ein einziger Blick war es , der sie in ihrem mädchenhaften Far niente gestört , jener Blick , den Landsfeld auf sie geworfen , als er an dem ersten Tage nach der Scene in dem Rondel ihr begegnet hatte , und den sie nie wieder vergessen . Eine dämonische Gewalt mußte in diesem Blick gelegen haben , denn sie fühlte , wie er alles Blut ihr nach dem Herzen jagte , und es im nächsten Augenblicke mit reißender Schnelligkeit durch alle Adern trieb . Dieser eine Blick ruhte seitdem , ohne daß sie es ahnte , im tiefsten Winkel ihres Herzens , und tauchte nur dann auf , wenn irgend ein großes Ereigniß ihre Kraft in Anspruch nahm . Er hatte ihr den Muth zu jenem Gespräch mit Berger gegeben , er hatte sie in dem Kampfe der Trennung aufrecht erhalten , aus ihm schöpfte sie jetzt ihr ganzes inneres Leben , dessen Veränderung sie wohl fühlte , ohne über ihre geheimnißvolle Quelle im Klaren zu sein . - Jetzt , wo die durch die Stürme der vorigen Woche in Bewegung gesetzten Wellen sich allmählich geebnet hatten , fühlte sie eine unendliche Leere in ihrer innern Welt . Kalt und theilnahmlos , aber von steter Unruhe , deren Ursache sie vergeblich nachsann , hin und her getrieben , suchte sie sich durch mancherlei Beschäftigungen zu zerstreuen . Aber weder ihr Vogel , noch ihre Blumen , über die sie sich früher wie ein Kind hatte freuen können , waren im Stande , ihr ein Lächeln abzugewinnen . Mit Besorgniß blickte zuweilen die Mutter , der diese gänzliche Veränderung in ihrem Wesen nicht entging , auf ihre bleichen Wangen und getrübten Augen . Da sie dieselbe jedoch auf den Eindruck schob , den die peinliche und verletzende Art , in der sie sich von ihrem Jugendfreunde und Verlobten getrennt hatte , auf sie hervorgebracht , so vermied sie es , darüber zu sprechen , in der Hoffnung , daß die Zeit , wie überall , auch hier als der beste Arzt sich geltend machen würde . Eines Tages , es war der zweite vor ihrer Abreise , als sie eben von ihrer Morgenpromenade zurückgekehrt waren , klopfte es an der Thüre und Landsfeld trat herein . Sein Arm ruhte noch immer in der Binde und sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich . Auch Lydia erbleichte , und hatte kaum die Kraft , sich vom Stuhle zu erheben . Die Forsträthin lud ihn mit großer Herzlichkeit zum Sitzen ein . » So sind Sie also noch nicht fort ? « - sagte er hastig , indem er tief Athem schöpfte . » Der Doctor Langhals sagte mir , Sie reisten heute ab . - Sie entschuldigen meinen Besuch « - setzte er alsbald mit einer so natürlichen Verwirrung über seine Hast hinzu , daß die Forsträthin unwillkührlich über den unbefangenen Ausdruck seiner Theilnahme , die sie darin zu erkennen glaubte , lächeln mußte . » Wir hatten allerdings die Absicht « - sagte sie - » aber theils Furcht für die noch immer angegriffene Gesundheit meiner Tochter - « » Sie sind unwohl , Fräulein ? « - unterbrach sie Landsfeld , indem er sich mit einer Mischung von herzlicher Theilnahme und ernster Zurückhaltung an Lydia wandte . Es waren die ersten Worte , welche er an sie richtete . So allgemein ihr Inhalt war , so vielbedeutend klangen sie ihr durch den Ton , mit dem sie gesprochen wurden . Sie erröthete sanft , indem sie erwiederte , daß sie sich bereits kräftig genug fühle , um ohne Gefahr in zwei Tagen die Reise antreten zu können . » Ueberdies « - setzte sie mit etwas mehr Lebhaftigkeit hinzu - » glaube ich , daß die schädliche Nachwirkung von Gemüthsleiden durch den Wechsel des Orts an Stärke verliere . Man sagt ja immer , daß das Reisen zerstreue , und verordnet es sogar als Heilmittel bei Gemüthsleiden . « Das Letztere sprach sie mit einem Anflug von Bitterkeit im Tone , die jetzt fast immer die wenigen Gedanken begleitete , welche sie äußerte . Landsfeld war überrascht von dem hellen Glanz , welcher in diesem Augenblick aus ihrem tiefblauen Auge strahlte , und ihrem reizenden Gesicht einen eigenthümlich fesselnden Ausdruck von geistiger Tiefe verlieh . Er dachte sich dieses liebliche Wesen als seine Gattin - und fragte sich , ob er im Stande sein würde , fest zu bleiben in dem Entschlusse , dem Scheine der Wahrheit zu trotzen und zu zweifeln - bis zur letzten unbezweifelbaren Ueberzeugung . Er fühlte die ganze Gefahr des Kampfes , den er mit sich selbst kämpfen werde . Einen Moment schwankte er . Die Süßigkeit gläubiger vertrauender Hingebung zog mit allen Wonneschauern durch seine Brust . Aber er dachte an Alice . - - Er wollte ja Wahrheit , nichts als Wahrheit . - Mit fester Hand riß er die jungen Wurzeln des Vertrauens , das sich in seinem Herzen zu regen begann , heraus , und wiederholte seinen Schwur der Entsagung . - Es war , wie gesagt , nur ein Augenblick , wo er von diesen hin und her wogenden Empfindungen durchströmt wurde , aber ein entscheidender . Sein großer feuriger Blick bohrte sich tief in den Lydiens ein , als wollte er ihre tiefsten Tiefen ausmessen . Es war derselbe Blick , dessen Gewalt sie bei seinem ersten Begegnen gefühlt hatte . Ihr Busen hob sich über den ungestümen Schlägen ihres Herzens und eine tiefe Angst durchzitterte ihre Seele . Dieser Mann erschien ihr wie ein Dämon , welcher mit eherner Faust ihren Geist umklammern wollte , und sie fühlte klar , daß sie ihn entweder lieben oder hassen müßte , vielleicht Beides . Landsfeld bemerkte die Wirkung , welche er diesmal wider seinen Willen hervorgebracht . Er wandte seinen Blick von Lydia ab und bemerkte , sich mehr zur Forsträthin wendend , in ruhigerem Ton : » Ich habe mich oft über die Ansicht gewundert , daß man reisen müsse , um sich von seinem Schmerze zu zerstreuen . Aber ist der nicht glücklicher , welcher bleibt , wenn der Geliebte scheidet ? gewiß , denn er hat zu Gefährten die mitfühlenden Plätze , die Denkmäler seiner Liebe . Unglücklicher der , welcher scheidet , um an fremdem Orte zu erwachen . Er hat nur sich und seinen Schmerz , in dem er sich ewig spiegelt , in den er , wenn fremde Mißtöne sein Herz zerreißen , zurückflieht , um ihn ewig wieder auf ' s Neue zu fühlen . « » Sie haben Recht « - erwiederte Frau von Dornthal - » wenn Sie von einer Trennung sprechen , die durch äußere Umstände oder durch die Gewalt eines Dritten herbeigeführt worden , ohne daß einer der Getrennten selbst daran Schuld ist . « Der Baron hatte geflissentlich jede Anspielung auf Berger vermieden , und Lydia wußte ihm Dank dafür . » Ich glaube « - fuhr er daher fort - » daß die Ursache des Schmerzes für die Wirkung mehr oder weniger gleichgültig ist . Denn die Erinnerung bleibt doch eine reine , oder ist sie nicht rein , so reinigt sie sich von selbst im reinen Herzen . Denn ein reines Herz ist ein Läuterungsfeuer , in dem sowohl der Schmerz , wie die Freude von allen Schlacken gereinigt werden . « » Jeder geistige Schmerz « - fragte Lydia - » wäre also nach Ihrer Ansicht etwas Edles ? « » Gewiß « - erwiederte Landsfeld . » Wenigstens wird er es mit der Zeit . Er trägt sogar immer einen größeren Adel in sich , als die Freude , möge diese noch so schuldlos und rein sein . Wohl Jeder macht wenigstens einmal in seinem Leben die Erfahrung an sich , daß das schmerzliche Gefühl ein wahres Element unserer geistigen Existenz ist und mit dem Edelsten in unserer Natur harmonirt . Es liegt ein Genuß darin , sich in den Schmerz zu versenken , davon die tiefste Tiefe zu erschöpfen und die bitteren Tropfen mit wehmüthiger Wollust zu schlürfen . Der Schmerz ist das eigentlich geistige Element der Hoffnung oder Erinnerung . Und jeder ideelle , inmaterielle Genuß ist entweder Hoffnung oder Erinnerung . Der Schmerz ist das Flügelschlagen unserer Seele an die Stäbe des Kerkers , die Klage des gefesselten Prometheus , an dessen Leber der Adler frißt ; die Rache des unendlichen Ideals an dem beschränkten Menschengeist . « Landsfeld hatte sich in einen Enthusiasmus hineingesprochen , der mehr eine Rückwirkung des überaus seelenvollen Ausdrucks in den Zügen der jüngern seiner Zuhörerinnen war , als aus seiner momentanen Stimmung hervorging . Mit ruhigerem Ton fuhr