Gräfin Ilda Schönholm , Gräfin Cornelie , meine Mutter Sibylle , Margarethe Thierstein , Alle hatten einen bürgerlichen Liebhaber , eine Episode mit einem Bürgerlichen gehabt , und Alle hatten einen passageren Reiz darin gefunden . Dies beruhigte mich über die unwillkürliche Sensation , die ich empfand ; ich hatte gewähnt , mein adelig Blut revoltire dagegen , daß ein gewöhnlicher Professor , ein Friedrich Wahl , es schneller fließen machte . So weit war ich in meinen Meditationen gekommen , als wir in der Morgue anlangten . Friedrich war dort bekannt . Er führte mich in den Saal , in dem die Leichen ausgestellt waren . Dort lag ein junger Mann , aufgedunsenen , blau unterlaufenen Gesichts , man hatte ihn aus dem Wasser gezogen , ganz in der Nähe des Pontneuf . Ein Greis , mehr einem Skelett , als einer menschlichen Gestalt zu vergleichen , mumienhaft eingetrocknet , war sein Nachbar . » Er ist wol vor Hunger und Schwäche gestorben , « meinte Friedrich , und führte mich weiter an der Leiche eines jungen Mädchens vorüber , die sich im Kohlendampfe erstickt hatte . Lange , aufgelöste Haarflechten hingen an ihrem Haupte hernieder , die Augen waren starr geöffnet , ein weißer Schaum stand vor dem schön geformten Munde . Ich bebte vor Entsetzen ; der furchtbare Leichengeruch drohte mich ohnmächtig zu machen , meine Sinne schwanden . » O , « sagte ich zu Friedrich , » aber dies ist ja horribel , und unter solchen Scenen des crassesten Todes konnten Sie leben ? O , um des Himmels willen , aber das ist insupportabel ! « » Und doch , Frau Gräfin , lehrt uns nur der Tod das Leben verstehen , doch finden wir , indem wir die todte menschliche Gestalt in ihrer wunderbaren Organisation betrachten , das Mittel , dem lebenden Organismus zu Hilfe zu kommen , wenn ihn Störung bedroht . Aber lassen Sie uns gehen , dies ist , ich wußte es , kein Anblick für eine Dame wie Sie . « Er hatte meinen Arm genommen und wollte mich hinausführen . Es schien mir , als läge eine leichte Färbung von Spott auch in diesen letzten Worten . Das verdroß mich . Ich überwand den Degout , den instinctiven Schauder , den ich fühlte , dieser stolze Mann sollte sich nicht rühmen können , eine Faiblesse an mir gesehen zu haben . Ohne die geringste Flection der Stimme rief ich lächelnd : » O , fürchten Sie Nichts , Herr Wahl ! in uns Frauen der Aristokratie ist Muth und Race , wir dauern aus , wo Ihre Bürgerfrauen matt zusammenbrechen . Für die Wissenschaft ist mir kein Sacrifice zu schwer . Führen Sie mich jetzt nach Hause , bestellen Sie die nöthigen Bestecke , sorgen Sie für die anatomischen Präparate , die uns indispensabel sind und kommen Sie in drei Tagen zu mir , wir wollen unsern Cursus dann beginnen . « » Sie scherzen , Frau Gräfin ! « sagte Friedrich . » Was berechtigt Sie zu dem Glauben , daß ich dies der Mühe werth finde ? « fragte ich mit einem superben Accent von Hochmuth , vor dem Friedrich erbleichte . Als ich dies sah , fühlte ich , daß man diesem Manne gegenüber andere Alluren annehmen müsse , als gegen die an weibliche Impertinenz gewöhnten Männer der Salons . Ich lenkte ein , gab ihm mit graziösem Lächeln mein Händchen und sagte neckisch : » Auf übermorgen also , mein Herr Professor ! Sein Sie nur nicht zu rigorös mit Ihrer Elevin und denken Sie hübsch , daß wir Frauen der Aristokratie unsere eigenthümlichen Alluren haben , für die ich im Voraus Ihre Nachsicht erbitte . Wollen Sie die haben ? « » Frau Gräfin , « rief Friedrich , » o Sie wissen es , daß diesem Blicke , diesem Klange kein Mann widersteht , warum ziehen Sie mich in einen Zauberkreis , in dem ich niemals zu leben hoffen darf ? « » So tragisch ? « sagte ich . » Aber wer denkt denn an Zauber und Zauberkreise ? Von Anatomie ist die Rede , und ich erwarte Sie also übermorgen . Auf Wiedersehen , mein Herr Professor ! « Ich sprang aus dem Wagen , er geleitete mich zu meinem Zimmer , wo ich ihn mit einer nobeln Handbewegung congedürte . Während ich meine Toilette machte für einen Ball bei dem preußischen Gesandten , ließ ich meinen Kammerdiener kommen und sagte ihm , ich wünsche ein Changement mit meinem Laboratorium vorzunehmen . Der Schornstein müsse vermauert , die Fenster mit Spiegelgläsern versehen , ein Fenster oben an dem Plafond angebracht werden , weil ich volle Lumière brauche . Dann bestellte ich einen Sectionstisch mit einer Marmorplatte , Schränke für anatomische Präparate , Glasflaschen und Spiritus zur Conservirung derselben und eine Menge von Odeurs der kostbarsten Art , um während der Lectionen zu räuchern und sich später damit zu desinficiren . Dabei machte ich die Condition , daß Alles in zwei Tagen beendet sein müsse . Als ich eben mein Bracelett anlegte , und Rosalinde noch einen Esprit von Brillanten an meiner Coiffure befestigte , trat der Fürst Callenberg ein , und blieb wie geblendet von meiner Schönheit in der halb erhobenen Portière meines Boudoirs stehen , in das ich bereits aus dem Toilettenzimmer getreten war . » Sie kommen sehr apropos , lieber Fürst ! « rief ich ihm entgegen . » Ich war heute in der Morgue , um mich mit dem Anblick von Cadavern zu familiarisiren , da ich übermorgen meinen anatomischen Cursus beginne . Könnten Sie mir nicht die Leiche irgend eines Kindes aus einem aristokratischen Hause verschaffen ? Es liegt mir etwas Unbehagliches darin , an einer Leiche von niederm Stande zu operiren . « Der Fürst sah mich mit einem fast stupiden Ausdrucke von Bewilderung an . » Aber meine Gräfin ! « sagte er , » was für miraculöse Inclinationen hat Ihre immense Seele ? Sie vaguiren aus einem Extrem in das andere . Werden Sie denn niemals ein Genügen finden ? Sie wissen , ich respectire Ihre Alluren , indessen dies scheint mir doch fast zu extravagant . Sie , Sie , theure Gräfin ! wollten die rosigen Händchen mit Blut beflecken ? Aber wo wollen Sie denn enden ? « Es war die längste Rede , welche Fürst Callenberg jemals gehalten , das erste Raisonnement , das ich jemals von ihm gehört hatte . Auch wirkte es auf mich wie das maiden-speech eines immer schweigenden Parlamentsmitgliedes . Ich sah , wie sehr der Fürst mich lieben müsse , um zu einer Demonstration verleitet zu werden , die so ganz außer den Grenzen seiner Natur lag . Deshalb nahm ich mir die Mühe , ihm zu antworten , was ich nicht immer that . » Sie fragen mich , lieber Fürst ! wann ich Ruhe und Genügen finden würde ? Sehen Sie das Leben meiner Mutter und meiner Tante Faustine an und antworten Sie sich selbst . Wir sind die Incarnation der Rastlosigkeit , der Leere , des Müßigganges unserer Tage ; wir sind die weiblichen ewigen Juden , auf uns ruht ein Fluch , wir sind tragische Gestalten , Vampyrnaturen - und doppelt destructiv , weil wir das Bewußtsein davon haben , weil eine Eiseskälte des starrsten Egoismus uns unverwundlich macht . Sehen Sie denn nicht , Alles um mich her geht zu Grunde , die Herzen brechen und verbluten sich , wohin ich wandernd komme , und ich muß fort , immer weiter fort - o , darin liegt aber ein furchtbares Malheur ! « rief ich , und warf mich in Verzweiflung dem Fürsten an die Brust , in heiße Thränen ausbrechend . Der Fürst hatte mich nie eblouirender gesehen , als in diesem Momente . Er schloß mich an sich und sagte : » O , meine Diogena ! dürfte ich Dich ewig so halten , dürfte ich meine Arme einen Talisman sein lassen , der Dich einfriedete in eine andere Welt ! « Die enorme Liebe machte ihn fast beredt . Eine Weile ruhte ich an seinem Herzen , dann richtete ich mich empor und sagte : » O , wiegen Sie mich nicht ein in Reverien von Glück und Ruhe , die für mich nicht existiren ; meine tragische Mission ist noch lange nicht beendet ; ich muß fort und suchen , wo ich den Rechten finde . Und nun lassen Sie uns eilen , zu dem Ball bei dem Ambassadeur , ich bin zu allen Contretänzen engagirt . « Zwei Tage darauf waren alle meine Befehle erecutirt und der anatomische Cursus begann . Ich ward der Wissenschaft mit unglaublicher Leichtigkeit Herr , meine kleinen Händchen kamen mir wunderbar bei dem Präpariren zu Statten . Mit derselben Perfection , mit der ich früher die elegantesten Decoupuren von schwarzem Papier gefertigt , machte ich jetzt die feinsten Nervenpräparate , spritzte Venen aus und secirte die zartesten Zellgewebe . Mein Lehrer war in der vollsten Admiration dieses stupenden Talentes . Vorzüglich aber interessirte mich das Herz , als wir nach einigen Tagen uns damit zu beschäftigen anfingen . Es tentirte mich , diesen Muskel , in dem sich unsere sublimsten Sensationen vibrirend kund geben , in seinen minutiösesten Details zu kennen und ich arbeitete noch fort , als schon die Dämmerung begann und Friedrich sein Messer aus der Hand legte . » Lassen Sie uns aufhören , gnädige Gräfin ! « sagte er , » es wird zu dunkel . « » O , dunkel ist Alles ! « rief ich achtlos aus . » Alles ? « fragte Friedrich - » auch Ihr sonnenhelles Dasein ? « » Unseliger ! müssen Sie mich daran mahnen ? « Ich hatte die kleine Aermelschürze von dunkelm Taffet abgeworfen , die ich bei der Arbeit trug , und war aus dem Cabinet in mein Boudoir getreten . Rosalinde präsentirte mir ein Lavoir von Sèvresporzellan , in dem ich mich säuberte , reichte es dann Friedrich , goß Odeurs über unsere Hände , parfumirte das Zimmer und entfernte sich . Ich warf mich in einen Fauteuil zunächst dem Kamin , gab Friedrich ein Zeichen , sich ebenfalls niederzusetzen , kreuzte meine Füßchen auf dem Tabouret vor dem Feuer , dessen Gluth mich beschien , und beobachtete in halber Distraction den schweigsamen Friedrich , dessen Auge mit Spannung all meinen Bewegungen folgte . » Frau Gräfin ! « sagte er endlich , » wissen Sie wol , daß Sie mich meiner Wissenschaft abwendig machen ? Ich werde nicht mehr wiederkehren dürfen . « » Wie das ? « » O , ich empfand es gestern , Frau Gräfin ! ich kann nicht mehr seciren . Ich sehe Nichts als Sie . Ich kann die Spitze meines Messers nicht mehr in die Iris einer Pupille stoßen , ohne daß mir Ihr wundervolles Auge vorschwebt . Meine Hand zittert , meine Gedanken verwirren sich , Ihr Name schwebt auf meinen Lippen , ich werde zerstreut , meine Schüler kennen mich nicht wieder . « » So werden Sie mindestens wieder den Reiz der Neuheit für dieselben haben . « » Sie scherzen , « sagte Friedrich , » und doch spreche ich ernsthaft über eine heilige , ernsthafte Empfindung . Wollen Sie mir die Güte erzeigen , mich anzuhören ? « » Mit wahrem Interesse für Alles , das Sie berührt , lieber Friedrich ! « » So hören Sie ! Ich habe Ihnen gesagt , daß ich einsam aufgewachsen bin , in Noth und Arbeit , daß ich mir langsam und stufenweise den Weg gebahnt habe zu der Stellung , die ich jetzt einnehme und die mir bis vor wenigen Tagen genügte , all meinen Forderungen und Wünschen entsprach . Ich lebte ein ernstes Dasein mitten in dem Vergnügungswirbel und mitten unter dem wilden Lebensstrudel von Paris , ganz meiner Wissenschaft angehörend mit dem Geiste , ganz dem Volke mit meinem Herzen . Es war ruhig und friedlich in meiner Seele . « Er hielt inne und schien zu erwarten , daß ich ihn unterbrechen würde , da ich dies nicht that , fuhr er fort : » Mein Freund , Ihr Lehrer in der Chemie , lernte Sie kennen und statt der ernsten Gespräche , die wir sonst auf unsern Promenaden , an unserm Kamine führten , trat Ihre Strahlenerscheinung zwischen uns . Ich ward begierig , eine Frau kennen zu lernen , die im vollsten Glanze der Jugend und Schönheit , von den brillantesten Festen heimkehrt zu tiefsinnigen Forschungen an dem Schmelzofen . Mein Freund verschaffte mir die Gunst , Ihnen vorgestellt zu werden . « Noch einmal unterbrach er sich , fuhr mit der flachen Hand über die Stirn und sagte dann , tief athemholend , wie Jemand , der einen entscheidenden Schritt zu thun bereit ist : » Ihre erste Erscheinung wirkte auf mich wie ein neuer Tag , wie ein neues Licht . Ihre aristokratisch hochmüthige Weise stieß mich ab , beleidigte mein Selbstgefühl ; ich hätte Sie fliehen und verabscheuen mögen , hätte nicht ein trügerisches Gefühl , das ich damals nicht erkannte , mir zugerufen : bleibe ! um die Hochmüthige zu demüthigen . Zeige ihr durch eine Einsicht in das All der Wissenschaft die große , geheimnißvolle Weltmacht , den Allgeist , vor dem ihr Hochmuth so thöricht ist , wie das Revoltiren eines Insektes gegen die Weltordnung . Zeige ihr , daß sie Deinesgleichen ist - denn das allein wollte ich , um Ansprüche machen zu dürfen an Sie . « Ich fuhr empor , Friedrich bemerkte es und hielt mich zurück , indem er , vor mir niederknieend , meine Hände in den seinen festhielt . » Unterbrechen Sie mich nicht , sagte er mit einer Art von Heftigkeit , es handelt sich hier nicht um eine flüchtige Declaration . Ich stehe nicht als ein Bettler vor Ihnen , der um ihre Gunst fleht , ich stehe als ein Mann da , als ein liebender Mann , der - selbst sehr leidend - unsägliches Erbarmen hat mit Ihnen und Sie retten möchte , weil er die Kraft der Liebe zu seinem Beistande hat . « » Und wissen Sie , ob ich diesen von Ihnen anzunehmen geneigt bin ? « fragte ich , während meine Seele in ungekannter Verehrung zu ihm emporblickte . » Das müssen Sie , Gräfin ! ich würde versuchen , Sie dazu zu zwingen , weil ich Sie liebe . « - Er schwieg abermals und schien zu überlegen , dann sagte er : » Ich hielt Sie für kokett , für untergegangen in dem Schlammpfuhl niedriger Sinnlichkeit , die unablässig nach neuem Genusse jagt . Ich hatte von Ihrem Leben gehört , was man in den Salons und aus diesen in die Kaffee ' s berichtet . Man nannte mir die große Zahl Ihrer begünstigten Liebhaber - aber ich glaubte nicht mehr daran , als ich Sie gesehen hatte , mit Ihren Kinderhändchen , mit Ihrem edeln zarten Wesen , den Schrecken des Todes gegenüber Stich halten - als ich gesehen hatte , wie Sie in dem Ernste der Wissenschaft Trost und Ersatz suchten für ein Glück , welches das Leben Ihnen grausam versagte . Sie sind nicht schlecht , Gräfin ! o nein , nein ! Ein Engel sind Sie an Leib und Seele , aber Sie sind sehr unglücklich gewesen . « » O , namenlos , namenlos unglücklich ! « rief ich aus , » einsam ohne Liebe und die Liebe suchend , die Liebe , die allein mich glücklich machen konnte , die ewig ekstatische , nimmer verglühende Liebe ! « Friedrich sah wie verklärt aus , er legte sich meine Hände über seine Schultern und umschlang meinen Leib mit seinen Armen . » Du armes , armes Kind ! « sagte er selbst mit der spielenden Grazie eines Kindes , » ich ahnte es gleich , was Du suchtest in den Herzen der Gestorbenen - Du suchtest die Liebe ! - Ach , meine Diogena ! mein holdes Engelsbild ! die Liebe ist nur in dem lebenden Herzen , denn die Liebe ist das Leben ! Sieh , mein Engel , hier , hier , fühle es , da klopft die Liebe in meiner Brust zum ersten Male in meinem Leben . Sieh , hier ist ein Herz , in dem nie ein anderes Frauenbild lebte , als das Deine , - hier ist ein unentweihter Altar - wohne hier , Du Göttliche ! Du , Du allein und für ewig . « Eine seltsame Wehmuth überschlich mich . Friedrich war magnifik in dieser Ekstase , die den ernsten , ruhigen Mann wunderbar embellirte . Es schmeichelte mir , das erste Weib zu sein , das ihn die Gewalt der Liebe kennen lehrte ; es freute mich , den stolzen Bürgerlichen vor mir knieen zu sehen , und während mich die Hoffnung , er sei vielleicht der Rechte , in süße Emotion versenkte , beruhigte mich der Gedanke , daß ja auch all die andern exclusiven Gräfinnen sich ihrer Liaison mit einem Bürgerlichen nicht geschämt hätten . Vor allen Dingen aber gefiel er mir und ich raisonnirte mir dies Alles nur vor , um mir die Regungen zu seinen Gunsten nicht einzugestehen . Indessen hielt ich es meinem Range angemessen , ihm den Sieg nicht zu leicht zu machen . Ich machte mich sanft von ihm los und sagte , indem ich meine Rechte auf sein Haupt legte und mit der Linken sein Kinn in die Höhe hob , so daß ich ihm fest in die schöne blaue Iris seines treuen Auges sah : » Und wer bürgt Ihnen dafür , lieber Friedrich ! daß ich überhaupt für Liebe sensibel , der Liebe capabel sei ? « » O Diogena ! « rief er mit dem Tone der vollsten Conviction . » Sehen Sie , Friedrich ! ich war verheirathet , der Graf hat mich geliebt , Lord Ermanby , der Vicomte Servillier sind aus Liebe für mich gestorben , Fürst Callenberg betet mich an ; ich habe sie Alle zu lieben versucht , ich habe es nicht vermocht . Mein Herz ist todt geblieben und kalt , ich denke ihrer nicht mehr . Ich suche heute noch nach Liebe , nach der Liebe , die ich meine - und - « » Und ? « fragte Friedrich bebend und erbleichend . » Ich hoffe , ich habe sie gefunden « - lispelte ich leise und lehnte mich an ihn . » O Gott des Himmels ! « rief er und preßte mich mit glühender Leidenschaft an sich , mich mit seinen Küssen bedeckend . Ach , es liegt ein eigenthümlicher Charme in der Fülle unentweihter Liebe . Friedrich ' s Ekstase enchantirte mich , und während ich ihm immer und immer wiederholen mußte , daß ich noch nie geliebt , daß ich immer unbefriedigt , immer kalt gewesen sei , schwor er mit höchster Conviction , jetzt würde ich lieben lernen , denn seine Liebe müsse mich erwärmen . » Sieh , Diogena ! « sagte er , » die Liebe ist ein ewig bindendes Gefühl , Du mußt mein werden durch den Segen der Kirche , mein Weib , meine Hausfrau ! Du mußt da sein , wenn ich müde bin von der Arbeit , mir zulächelnd , mich belebend ; die Hebe , welche dem Hercules den Trank ewiger Jugend bietet . O Süße , willst Du mein Weib sein ? « Ich war wie aneantirt . Von Ehe , von Heirath zu sprechen mir , der Gräfin Diogena , mir , der Nichte Faustinens , das war doch wirklich zu bürgerlich . Aber das ist der Fehler der Roturiers , sie sind materiell in ihren Begriffen , sie verlangen solide Possession , wohl hypothekirt ins Kirchenbuch geschrieben . Sie verstehen Nichts von der Aisance unserer Liaisons , die wir binden und lösen nach unserm Ermessen . Was uns idealste Poesie scheint , ist ihnen profunde Depravation . Das ist ein großes Uebel mit der Bourgeoisie . Ich bedachte mich einen Moment , was ich thun solle . Sagte ich ein decidirtes Nein , so riskirte ich , Friedrich , mit seinen sogenannten moralischen Idealen , auf ewig von mir zu entfernen ; und das wollte ich nicht , denn er gefiel mir , ich liebte ihn sogar auf meine Façon . Da fiel mir ein , wie sich Gräfin Ilda Schönholm , auch eine nahe Verwandte meiner Mutter , klug aus dem Embarras gezogen hatte , und als Friedrich mich noch einmal fragte : » Diogena ! willst Du mein Weib sein ? mein treues , liebendes Weib ? « antwortete ich wie Jene : » Ich will es versuchen ! « » Und wirst Du glücklich sein ? wirst Du mich lieben ? « » Ich will es versuchen ! « antwortete ich wieder . Friedrich ließ mich los und sah mich forschend an . » Diogena ! « rief er , » mein Engel ! mein Kopf verwirrt sich , ich verstehe Dich nicht . Was will es sagen , dies wunderbare : Ich will es versuchen ? und wie versucht man die Ehe ? - O mein Engel , das ist ein häßliches , böses Wort - das sprach die kalte herzlose Gräfin , nicht Du , nicht meine süße , schöne Geliebte ! « Friedrich war so ganz Glück , so ganz zum frohen Jüngling umgewandelt , daß er mich mit sich fortriß . Er schilderte mir die Seligkeit der Ehe , wie er sie sich bisweilen in seinen einsamen Reverien ausgemalt hatte , dies Du und Du engsten Beisammenseins , paisibler Begrenzung , mit einer Liebe , mit einer Innigkeit , daß ich anfing , ein Penchant dafür zu fühlen und mich selbst danach zu sehnen . » O , « rief ich , » mein Friedrich ! das , was Du mir da schilderst , ist wol schön , aber unerreichbar für die Gräfin Diogena , so sehr Deine süße Geliebte sich danach sehnt . Sieh , mein Friedrich ! an die Gräfin hat die Welt Ansprüche , ich habe die Gesellschaft zu menagiren , ich habe Egards zu nehmen für meine Position , die ich durch meine wissenschaftlichen Capricen wol ein wenig compromittirt habe , die Gesellschaft - - « » Ach , mein Engel ! wirf sie von Dir diese Sklaverei der Gesellschaft . Ich liebe nicht die Gräfin , ich liebe Dich , Du Geliebte ! Komm , meine süße Diogena ! laß uns Paris verlassen , laß uns fortgehen von hier nach irgend einem stillen Fleck der Erde , an dem Niemand uns kennt , Niemand unsere traute Einsamkeit stört . Willst Du das , Liebe ? « » Mit tausend Freuden ! « rief ich aus . Die Proposition war so originell bei unsern beiderseitigen Verhältnissen , daß sie mich um ihrer Originalität willen reizte . Friedrich verließ mich , um sich einen Urlaub zu erbitten , ich expedirte meine Visitenkarten mit dem officiellen p. p. c. an alle meine Bekannten , ließ eine simple Toilette packen , befahl nur Rosalinden , sich zu meiner Begleitung parat zu halten , und verbot den Domestiken , den Fürsten , auch wenn er danach frage , über meine Abreise zu avertiren . Das anatomische Cabinet wurde geschlossen , die Studien in den todten Herzen der Cadaver für ' s Erste suspendirt , denn ich war entschlossen , noch einmal mit einem lebenden , liebenden Herzen zu experimentiren . In den Emotionen des unerwarteten Glückes , der ersten Liebe , unter den Präparationen für unsere Abreise , dachte Friedrich nicht mehr an das bürgerliche Amusement einer solennen Copulation . Ich war sein , dies satisfaisirte ihn und machte ihn indifferent gegen die ganze übrige Welt . Nach wenig Tagen saßen wir in meiner höchst comfortablen Kalesche , ohne Domestiken , nur Rosalinde mit uns . Dies gab ein wunderliches Dilemma ; denn während ich mich über die bürgerliche Simplicität dieser improvisirten Reise divertirte , war Friedrich enchantirt von dem ungekannten Comfort , den er in einer eigenen Reiseequipage genoß . Ihn machte es glücklich , tausend kleine Dienste zu übernehmen , die sonst mein Kammerdiener mir leistete , und ich fand es süß , von seiner adorirenden Liebe bedient zu werden ; so waren wir Beide sehr heiter und animirt . Es war die angenehmste Zeit , deren ich mich erinnere . Wir gingen von Paris nach Marseille , schifften uns für Neapel ein und durchwanderten die Inseln und Italien nach allen Distancen . Friedrich ' s profunde Gelehrsamkeit bot ihm überall Stoff zu neuen Entdeckungen , die er vor meinem immensen Geiste niederlegte , wie ein Anderer den duftenden Strauß an den Busen der Geliebten drückt . Meine divinatorischen Apercus inspirirten ihn , und unter seinen heißen Liebesküssen dictirte er mir ganze Volumen voll tiefsinniger Forschungen , die seinen Namen auf die späteste Nachwelt tragen werden . Dies Reisen , getheilt zwischen Liebe und Wissenschaft , hatte etwas wunderbar Ausfüllendes . Ich ennuyirte mich nie , ich gewann Geschmack an einem laborieusen Leben bei rastlosem Reisen , die Existenz eines gelehrten Touristen contentirte mich so sehr , Friedrich ' s Liebe war so ungeheuchelt frisch und warm , daß ich in der That nicht daran dachte , ob ich ihn liebe oder nicht . Ich fragte mich nicht , was empfindest du ? Ich ließ mich in diesem passiven bien être gehen . Indeß Friedrich fand , nachdem , mir selbst ein Mirakel , dies Touristenleben mehr als ein Jahr gedauert hatte , ohne mich zu ennuyiren , diese Art der Existenz unbefriedigend . Er verlangte nach einem festen Domicil , er wollte wieder ein bürgerliches Glück und häusliche Ruhe . Mich in Paris in bürgerlicher Glückseligkeit als Frau Professorin zu etabliren , wäre ein Heroismus gewesen , dessen ich mich nicht capabel fühlte . Mir bangte davor , Personen meines Kreises während dieses bürgerlichen Idylls zu begegnen , obschon es mich noch immer merveilleusement contentirte . So schlug ich Friedrich vor , nach Pisa zu gehen und sich dort um die vacante Professur der Anatomie bei der Universität zu bewerben . Friedrich fand die Idee zusagend , meldete sich zu dem Amte und erhielt es , da sein Ruf bereits ein europäischer war . Nach wenig Wochen war ein stilles Haus an dem Katharinenplatze gemiethet und ich hauste darin mit Rosalindens Beistand , unter dem Titel der Frau Professorin . Aber nach dem Eintritte in dies Haus ging ein veritables Changement mit Friedrich vor . Er zeigte Collegia an , es meldeten sich Zuhörer , sein Auditorium ward das frequentirteste . Das spornte seine Ambition , er fing an rastlos zu studiren , er operirte und secirte den ganzen Tag . Ich fand es horribel , es langweilte mich tödtlich , und ich konnte nicht umhin , mich darüber zu beklagen . Wenn ich in dem stillen , todten Pisa die langen Tage allein zugebracht hatte , so erschien Friedrich am Abende , strahlend vor Satisfaction über irgend ein Problem , das er in Bezug auf die Blutkügelchen oder die Nervenphysik decouvrirt hatte . - Mit komischer Consequenz wollte er mich bereden , ich müsse ein Interesse dafür haben , weil ich einst selbst hätte Anatomie studiren wollen . Er begriff nicht , daß man aus bloßer Caprice sich für eine Wissenschaft portiren könne , daß man sie cultivire , um sich zu desennuyiren , und sie abandonnire , wenn sie diesem Zwecke nicht mehr entspreche . Es that ihm leid , mich dafür indifferent zu sehen und er bot die ganze Gewalt seiner Liebe auf , die Wolken der Unzufriedenheit , der Ermüdung zu bannen , die anfingen , sich über meine immense Seele zu lagern . Aber auch dies gelang nur temporär . Ich hatte seine Liebe nun durch mehr als funfzehn Monate genossen , sie war immer dieselbe , immer ernst und mild , bisweilen feurig und überwältigend , aber das Alles kannte ich nun à fond . Ich regrettirte , diese herannahende Ermüdung nicht cachiren zu können , ich wollte es ernstlich , es mislang . Naturen wie die meine können nicht heucheln , es gibt einen Grad des Egoismus , der die Heuchelei unmöglich macht , weil er in wahnsinniger Verblendung sich ein despotisches Recht der Selbstbefriedigung zugesteht und nicht einmal die Milde hat , das Unrecht mit möglicher Schonung zu thun . Eines Abends saß ich auf dem Balcon unsers Hauses und sah hinab durch das Laub der dichten Bäume vor unserm Fenster , auf den Platz . Einige Kinder spielten daselbst , es war sehr still . Friedrich kam von der Anatomie nach Hause , er war müde und lehnte seinen Kopf an meine Schulter , um zu ruhen , während sein Arm mich umschlang . Es war ein heißer , siroccoschwüler Abend und nach wenig Minuten fühlte ich , daß Friedrich ' s Haupt schwer und schwerer auf meiner Schulter wurde . Er war eingeschlafen . Eine Thräne trat mir in die Augen , ich fühlte mich tief degradirt . So weit war ich gesunken , daß ein bürgerlicher Professor es wagte , einzuschlafen in meinen Armen , in den Armen der Gräfin Diogena . Mit prächtiger Indignation sprang ich empor . Friedrich fuhr auf wie elektrisirt . » Was gibt es , Diogena ! « fragte er erschrocken . » O , Nichts , eine Kleinigkeit ! « sagte ich kalt , die Gräfin Diogena wird es müde , dem Professor Friedrich Wahl in Sklavendiensten zu huldigen . Friedrich sah mich ganz bewildert an und sagte : » Ich verstehe Dich nicht , meine Diogena ! « » Du wirst es begreifen , wenn ich Dir sage , daß Du an meiner Seite eingeschlafen bist . « » Dann war ich sicher sehr müde . « » Nicht müder als ich