sie den Wagen schon von Weitem kommen sehen . Sie nahm ihren Hut ab , und legte ihn auf die Bank , damit er sie nicht etwa am Sehen hindere . Bange Minuten vergingen ihr - sie fühlte und dachte dabei aber sonst Nichts , weil sie immer nur auf den einen Punkt der Gegend hinstarrte , von wo der Wagen kommen mußte , der Wagen , den sie so sehnlich erwartete , und vor dessen Nahen sie doch auch wieder so zitterte , weil dann bald der Augenblick für immer vorüber sei , wo sie noch ein Mal vor dem theuern Menschen gestanden . Jetzt wirbelten Staubwolken auf - ein zurückgeschlagener Wagen ward sichtbar - ein einzelner Mann saß darinnen - er war es - sie sprang auf den Wagen zu , wie er bei ihr vorüberfliegen wollte , warf den Strauß hinein , und rief : » Mein Lehrer ! « Er befahl hastig , den Wagen zu halten - er sprang heraus . » Sie hier , Elisabeth ? « fragte er sanft im Tone der höchsten Verwunderung . Sie stand zitternd vor ihm mit gesenktem Blick , und wie die Morgenröthe am Osthimmel aufflammte , so erglühte auch ihr Gesicht wie im sanften Wiederschein - und gleichsam , als fühle sie jetzt bei Thalheims Befremden über ihr Hiersein , daß der Schritt , den sie gethan , vielleicht nicht nur ungewöhnlich , sondern auch unmädchenhaft sei , hauchte sie leise » Vergebung « und senkte ihr Haupt auf seine Hand herab , welche die ihrige hielt , so daß sie in einer gebeugten , halb knieenden Stellung vor ihm verharrte , bis er selbst sagte : » Richten Sie sich auf , Elisabeth , Sie haben mir vielleicht noch Etwas zu sagen , zögern Sie nicht - ist es ein Wunsch , vielleicht ein Auftrag , ich werde wenigstens versuchen , Ihnen Nichts unerfüllt zu lassen . « Sie richtete sich plötzlich auf mit aller Kraft , welche ihr zu Gebote stand , und sagte unter Thränen , lächelnd : » Ich habe um Nichts bitten wollen , als daß Sie diese Blumen mitnehmen - Nelken sind ja Ihre Lieblingsblumen - und deshalb kam ich hierher - und zu einem letzten Lebewohl . « Sie hatte diese Worte mit ruhiger Fassung gesagt : » Ich werde Sie niemals vergessen , Elisabeth - ich habe es sie immer ahnen lassen : Sie sind meine theuerste Schülerin gewesen , und es wird mir eine süße Genugthuung sein , wenn Sie mir ein freundliches Andenken bewahren . « Sie zitterte , und vermogte Nichts zu antworten , er nahm ihre Hand , führte sie zu der Steinbank unter den Linden , und sagte : » Ruhen sie hier aus in der schönen Morgenfrische , und lassen Sie uns Beide dieser Stunde ein dauerndes Andenken bewahren . Leben Sie wohl und glücklich . « » Leben Sie wohl ! « rief sie ihm noch nach , als er sie hastig verließ und in den Wagen sprang , blieb aber wie angewurzelt auf der Bank sitzen , an welche er sie geführt hatte . Der Wagen rollte davon . Sie sah ihm starr nach - wie er ganz verschwunden war , glitt sie von der Bank herab auf ihre Kniee , drückte die bleichwerdenden Wangen auf die kalte Steinplatte der Bank , und ließ ihr Antlitz von den feuchtgewordenen Locken verhüllen . So lag sie regungslos da . Ihr schwarzes Morgenkleid umfloß weit , wie das Trauerkleid einer Büßerin , die knieende Gestalt . Nachdem sie eine lange Weile so gelegen , hauchte sie : » Nun ist Alles aus , « und wollte sich langsam erheben . Da - plötzlich , wie sie ihr Gesicht wandte , blickte sie in ein paar Augen , in welche sie schon ein Mal geblickt - sie erschrak - denn eine hohe Männergestalt hatte sich über sie geneigt - sie bemerkte es erst jetzt , als sie rasch und erbebend aufsprang . Es war Jaromir von Szariny , welcher sich ihr genähert hatte . Jaromir war nicht früh aufgestanden - für ihn war der heutige Tag noch gestern . Er hatte die Nacht mit Bekannten bei einem Trinkgelag zugebracht - er hatte wieder einmal für die Leere , die Unbefriedigtheit seines Herzens Vergessenheit gesucht in den goldnen Fluthen des Weines - er hatte sie auch gefunden , er hatte sich einige Stunden unbeschreiblich amüsirt , und wie Einer nach den Andern lärmend oder stumm gegangen war , so war er doch noch geblieben , und hatte Füßly und noch ein paar andere Herren mit zurückgehalten . Endlich waren sie auch aufgebrochen . Drinnen das große , durch geschlossene Laden gegen das Morgengrauen verwahrte Zimmer , in welchem Cigarrenrauch mit hellem Gaslicht kämpfte , in welchem der Dunst starken Weines und dampfenden Grogs eine betäubende warme Luft hervorbrachte , hatte wohl zu dieser nächtlichen Orgie gepaßt . - Aber wie paßte zu dieser Aufregung derer , welche sie gefeiert , nun die frische Morgenluft , in welche sie traten ? Der reine , blaue Himmel mit dem sanften Morgenroth und ziehenden Silberwölkchen über ihnen ? - Die geschäftige Thätigkeit , mit welcher die vom Schlaf noch rothen und frischen Gesichter der Dienstmädchen , welche zum Brunnen liefen ? Wie die fröhlichen Morgenlieder , mit welchen die Handwerker zur Arbeit gingen ? Wie das » guten Morgen « , was Vorübergehende ihnen zuriefen ? » Gute Nacht ! « sagten die vorhin so Heitern und Glücklichen plötzlich übelgelaunt und verstimmt zu einander , und an den verschiedenen Straßenecken sich trennend , ging Jeder , verdrießlich vor sich ausschauend , den Weg nach seiner Wohnung . Jaromir war plötzlich ernüchtert - vielleicht auch noch nicht ganz - er fühlte nur auf ein Mal wieder , daß sich eine Last auf sein Herz senkte , welche er vorhin für immer abgeschüttelt zu haben meinte . So fremd und unharmonisch er jetzt seine eigne , verstörte Erscheinung fand in und mit dieser frischen , thätigen Morgenwelt - so unharmonisch kam ihm wieder sein ganzes Sein zur ganzen großen Erdenwelt , so unharmonisch seine innere Sehnsucht zu seiner Stellung im Leben , zu seiner Umgebung , der Gesellschaft vor - in seiner innern Gefühlswelt vernahm er wieder nur lauter schrillende Mistöne - er fühlte , daß er heute noch ganz derselbe zerrissene Mensch sei , wie gestern , ja daß er dies Bewußtsein heute nur tiefer hatte , als jemals . - Und so war er denn jetzt auch wieder unglücklicher und nüchterner als jemals erwacht aus dem kurzen Taumel des Vergnügens . Er hätte heimgehen , und den Morgen verschlafen können , wie andere Male , sich in sein Lager vergraben , damit er auf ein paar Stunden wenigstens Nichts sehe und höre von dieser Welt , deren Treiben ihn eben jetzt so anekelte - aber er kehrte wieder um , als er an seiner auch schon offen stehenden Thüre ankam , und eilte die Straße entlang , durch das Thor , hinaus in ' s Freie . Erst verdroß ihn die Lerche , die jubelnd neben ihm aus der Saat aufwirbelte , und sich in ' s Blaue des Himmels hineinstürzte - verdroß ihm der Thau , der in luftigen Silberketten von Grashalm zu Grashalm schwebte , sah er die Blumen , die groß und wunderbar dem jungen Sonnenstrahl entgegen die Augen aufschlugen , verdrießlich an . - Aber wie er so hastig immer weiter lief , und auf eine Höhe kam , von welcher herab er plötzlich einen weiten Blick thun konnte in die ganze lachende Gegend hinein : da ging ihm plötzlich das Herz auf - da fühlte er , daß die Erde so schön sei , und die Natur so reich - und immer heller ward sein Blick , und er sah die Natur an , wie eine erste , jungfräuliche Geliebte , von der ihn lange ein feindliches Schicksal und der eigne unstäte Sinn getrennt - die aber jetzt ihm entgegentrat in aller Anmuth einer erblühten Schönheit , und ihn wieder zu sich zu ziehen strebte an ihre treue Brust . - Da war ihm , als habe er hastig hintereinander viele Masken im wechselnden Spiel getragen , bald habe er sich für einen Salonmenschen , bald für einen Trunkenbold bald für einen theatralischen Liebhaber , bald für einen leidenschaftlichen Spieler ausgegeben , und so immer wieder eine Maske mit der andern vertauscht - jetzt aber hatte er sie alle weggeworfen , und in dem Spiegel , welchen ihm die Natur vorhielt , schaute er sein wahres Gesicht - er fühlte sich wieder , er erkannte sich wieder - er war ein Poet ! - Er war nicht mehr in Verzweiflung , er verachtete sich nicht mehr selbst , wie vorher , aber er fühlte , daß sein Herz schmerzlich allein sei - allein , unverstanden , und daß in der Sehnsucht , die Wünsche des Innern zum Schweigen zu bringen , eben dieses Herz sich so oft zum Unwürdigen verirrte . Er versank in tiefes Sinnen - endlich schienen seine Gedanken und Gefühle zu dem Resultat zu kommen , das er leise vor sich hin sprach : » Ideale , wie ein Dichterherz sie träumt , giebt es in der Wirklichkeit nicht - und einer wirklichen Erscheinung das Ideal , das ich ersehne , anzudichten - dazu reicht meine Phantasie nicht mehr aus ! « Wie er das gesagt hatte , war er auf der andern Seite der Höhe herabgeschritten - er stand jetzt auf dem Hügel , wo zwischen den Linden sich die Steinbank befand , vor welcher Elisabeth auf die Kniee hingeworfen lag . Er blieb hastig , beinah erschrocken stehen - er erkannte sie wieder . Es war dieselbe hohe Jungfrau , welcher er begegnet war , als er von dem erschütternden Wiedersehen Amaliens gekommen war . So begegnete ihm diese schöne Erscheinung zum zweiten Male - ja zum zweiten Male in einem Moment , wo in ihm all ' seine Gefühle im Sturm sich erhoben hatten . Aber wie anders jetzt , als damals ! Damals hatte ein leuchtender Friede auf ihrem Gesicht gelegen , mit festen , leichten Schritten war sie an ihm vorübergegangen - jetzt lag sie hier hingeworfen , wie innerlich vernichtet - ihre goldenen Locken bemühten sich vergebens , ihre Thränen zu verschleiern , ihre gefalteten Hände zeugten wohl vom Gebet , aber doch von keinem Gebet , das Frieden und Erhörung gefunden . Langsam näherte er sich ihr , bis er ganz dicht neben ihr stand - da fuhr sie auf , und maß ihn mit einem langen , fragenden Blick der Bestürzung . » Sie sind noch so jung , und schon so unglücklich ? « sagte Jaromir mit der sanftesten Stimme des Mitgefühls . Sie griff nach ihrem Hut , und wollte sich rasch entfernen , ohne zu antworten - da warf sie unwillkührlich noch einen vorübergehenden Blick auf ihn - und er erwiderte ihn so aus tiefster Seele , so ernst und voll innigster , schmerzlichster Theilnahme , daß sie leise sagte : » Schonen Sie mich ! « und wieder in einen Strom von Thränen ausbrach . » Fürchten Sie keine beleidigende Annäherung von mir , « sagte er mit sanftem Ernst , » ich werde Sie nicht stören , wenn Sie in diese morgentliche Einsamkeit flüchteten , um Ihren Schmerz auszuweinen - glauben Sie mir , ich kenne das , und ich weiß jede Thräne zu ehren ! Bleiben Sie hier , ich störe Sie nicht , mein Weg führt nach der Stadt . « » Ich kann nicht länger hier bleiben , ich muß zurück ! « sagte Elisabeth . » Nun dann , « antwortete er , » will ich bleiben an dieser Stelle , welche Thränen geheiligt haben . « » Ich danke Ihnen , Sie scheinen auch nicht glücklich - mögen Sie an dieser Stelle mehr Beruhigung finden , als ich . « Nachdem sie diese Worte gesagt hatte , entfernte sie sich hastig . Er setzte sich auf die Bank , welche sie verlassen hatte , sah ihr nach , und überließ sich dann wunderlichen Träumen . VII. Ein Empfang » O , meiner Mutter blasse Wangen , Im ganzen Haus kein Stückchen Brod ! Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen - « Ferdinand Freiligrath . Das Jahr hatte sich seinem winterlichen Ende genaht . Elisabeths sehnlichster Wunsch war , aus dem Institut , in dem ihr der Aufenthalt , nachdem es Thalheim verlassen , unerträglich schien , sobald als möglich zu scheiden . Ihre Eltern hatten diesen Wunsch erfüllt . Sie verließ die Residenz zu Weihnachten mit Paulinen zugleich . Aber sie reis ' ten in verschiednen Wagen , und zu verschiedenen Stunden ab . » Vielleicht , « sagte Pauline bei ' m Scheiden , » vermögen wir uns in der ersten Zelt nicht wiederzusehen ; wir wollen uns aber ein großes Zeichen unsres Einverständnisses geben , ein Zeichen , das unsere ganze Umgebung sehen soll : wir wollen am Christmorgen den armen Kindern bescheeren , Du denen des Dorfes , ich denen unsrer Fabrik . Willigst Du ein ? « » Von ganzem Herzen - es würde Thalheim freuen , wenn er unsern Entschluß ahnen könnte - aber wir werden uns bald wiedersehen , wir werden einander bleiben , was wir uns bisher gewesen sind . « Die Freundinnen fielen einander noch ein Mal in die Arme , und Pauline fuhr zuerst davon ; bald folgte auch Elisabeth . Pauline athmete frei und leicht auf , als sie die Residenz hinter sich hatte . Sie hatte dort außer Elisabeths Freundschaft , welche ihr doch auch erst in der letzten Zeit zu Theil ward , Nichts als Kränkungen erfahren , sie hatte sich überall zurückgesetzt gesehen - nur weil sie aus bürgerlichem Stande war . Nun war sie geschützt gegen all ' die bittern Wirkungen dieser festsitzenden Vorurtheile , denn das traute Vaterhaus erwartete sie . Wie sehnte sie sich nach dem heitern Frieden dieses ländlichen Lebens , wie freute sie sich , in die Arme ihres theuern Vaters zu fliegen , den sie so lange nicht gesehen hatte . Mit welcher Zärtlichkeit und Umsicht gedachte sie seinen Wünschen nachzukommen , wie wollte sie sein Alter erfreuen und erheitern ! - Seit ihren Kinderjahren war sie nicht wieder in die Fabrik des Vaters gekommen , wenn auch dieser selbst sie hier und da besucht hatte . Sie besaß ein großes Bild von dieser Fabrik . Wie schön erschien darauf das von Bäumen umgebene palastartige Wohnhaus - daneben die nicht minder großen Gebäude mir den vielen hohen hellen Fenstern , hinter denen viele Maschinen und Hunderte von Menschen arbeiteten ! Wie malerisch nahmen sich auf diesem Bilde die Hütten aus , welche die Arbeiter bewohnten - und in der Mitte des hofartigen Platzes der kleine Thurm mit der Uhr , welche man weithin sehen konnte , und der großen , freischwebenden Glocke . Auch ein prachtvoller Garten mit Terrassen blühender Blumen und seltner Bäume fehlte nicht . » Und dieser reizende Aufenthalt , « dachte Pauline , » wird mein bleibender Aufenthalt sein , ist meine Heimath ! Wie glücklich werde ich sein ! - « Jetzt freilich war es Winter , wie sie ankam . Sie reis ' te allein , ihr Vater und ihr ältester Bruder hatten nicht Zeit gehabt , sie abzuholen - ihr jüngerer Bruder wurde selbst erst später erwartet . Es that ihr doch leid , daß der Vater keine Zeit hatte für sein Kind , das er so lange nicht gesehen - doch sie dachte , es müsse wohl einmal so sein , und beruhigte sich dabei . - Sie hatte einen Tag lang zu fahren . Es war Abend geworden , als sie auf der Höhe ankam , von welcher aus sie die Fabrik zuerst konnte liegen sehen . » Da , « sagte der Kutscher , und zeigte auf die seitwärts liegende Ebene , in welche sie jetzt einen Blick thun konnten . » Dort ist das Haus des Vaters ! « rief Pauline jubelnd , klopfte fröhlich in die kleinen Hände , und eine Thräne der Rührung und Freude fiel aus ihren Augen . » Aber was ist denn das ? « sagte sie nach einem Weilchen , als sie genauer hingesehen hatte , » so helles Licht kann doch nicht in allen Zimmern sein ? Und sogar draußen die Terrassen schimmern hell , und am Himmel breitet sich ein lichter Schein über das Ganze aus . « » Ei , ja doch , « sagte der Kutscher , » der Herr Vater hat Ihretwegen illuminiren lassen . Das nimmt sich ganz schön aus ! « » Der gute , liebe Vater , wie lieb er mich haben muß ! « sagte Pauline immer fröhlicher und gerührter . » Ja , er hat es sich Etwas kosten lassen , Sie recht großartig zu empfangen , « versetzte der Kutscher wieder . Sie hatten nur noch eine kleine halbe Stunde zu fahren - dann fuhren sie an den ersten Häusern vorbei , welche von Fabrikanten bewohnt waren . » Da kommt sie ! « rief eine Schaar versammelter Kinder , und näherte sich mit Hallogeschrei dem Wagen . » Macht keinen solchen Lärm ! « sagte eine barsche Männerstimme . » Lassen Sie den guten Kindern immer ihren Spaß , « sagte Pauline zu dem Wagen heraus , der jetzt langsam fuhr , damit die Pferde vor dem nahen Lichtglanz sich nicht scheuen mögten . » Lassen Sie die Kinder , ich freue mich , wenn sie mich mit solchem Jubel empfangen . « Ein grobes , bittres Gelächter antwortete diesen Worten , es klang Paulinen so unheimlich und widerwärtig , daß sie sich beinah erschrocken in eine Wagenecke zurückzog . - » Halt ' s Maul , Canaillen ! « antwortete der Kutscher auf dies Gelächter und knallte drohend mit der Peitsche . Pauline erschrak vor diesen derben Redensarten eben so sehr , wie vor dem Gelächter , und wünschte um Alles bald vor dem Wohnhaus zu halten . Bis dahin war aber immer noch ein gutes Stück zu fahren . Ein paar zerlumpte Frauen , die Eine von ihnen ein schreiendes Kind auf dem Arm , saßen auf einem Stein , an dem der Wagen nahe vorbei kam . Eine Rakete stieg als Zeichen der Ankunft vor dem Thurme auf , und die Glocke wurde gelauten . » Gar noch Feuerwerk ! « sagte die Eine der Frauen . » Machen ' s denn die Lichter nicht hell genug , unser Elend zu beleuchten ? « » Das ist doch wahrer Spott , « versetzte die Andre , » läßt sein sündhaft erworbnes Geld lieber in Feuerkugeln aufgehen , als daß er sich unsrer Noth erbarmte . « » Laßt ' s nur gut sein , Else , « sagte ein zerlumpter Mensch , der hinzutrat , » der Feuerstrahl schreit für uns um Rache zum Himmel auf - und mag sich der Himmel nicht erbarmen , nun zum Teufel auch , wir haben ja Fäuste ! Sind schwielig von der Arbeit geworden , werden schon gut dreinschlagen können « - und er schwang die Arme drohend in der Luft . Weiter fuhr er fort : » das sag ' ich , Else , wenn Dir der Wurm auch noch verhungert an der Brust , wie die Andern , die auf dem Kirchhof liegen - da seh ' ich nicht mehr mit ruhig zu . « Pauline hörte das Alles mit Grausen - Schrecken und Angst erfaßte sie - sie riß hastig den Geldbeutel aus ihrer Tasche , nahm das Geld , was sich darm befand , heraus , ein paar Thaler in kleiner Münze , und warf es zum Wagen heraus : » Nehmt , nehmt , wenn Ihr wirklich so arm seid , und seid nicht böse , wenn es nicht mehr ist ! « rief sie hinaus mit ihrer kindlichen , von noch nie empfundnem Schauer bebenden Stimme . Sie hörte nur noch , wie die Leute mit einem thierischen Freudengeschrei sich nach dem Gelde bückten , dann darum schlugen und zankten . Sie drückte den Sammthut fester an ihre Ohren , um nur diese rohen Stimmen nicht länger zu vernehmen . » Sind wir denn noch nicht vor dem Haus ? « rief sie vor Angst ungeduldig dem Kutscher zu . » Wir wellen doch schneller fahren . « Ein Betrunkner wankte noch vorbei und sang ein freches Lied . - » Fahr zu , Kutscher ! « rief Pauline außer sich . » Nun , was ist ' s denn weiter ? « sagte der Kutscher kopfschüttelnd . » Das Fabrikvolk ist einmal nicht anders , so hört man ' s alle Tage , das werden Sie schon noch gewohnt werden . « Endlich war das überstanden - der Wagen hielt . Zwischen der Hausthüre stand der Vater der Ankommenden . Herr Felchner war ein kleines , mumienartig zusammengetrocknetes Männchen . Seine Gesichtsfarbe war gelb , die Haut lederartig und in vielen Runzeln zusammengezogen , die Nase war ungemein spitzig , und zwischen ihr und der Stirn befand sich ein tiefer Einschnitt . Die Augen lagen dicht bei einander , sie waren klein , grau und stechend , und konnten , ohne gerade schielend genannt zu werden , nach beiden Seiten verschiedene Blicke auf verschiedene Gegenstände werfen . Die Augenlider zeigten in diesem fahlen Gesicht die einzige Spur von Roth auf , besonders in den Winkeln . Die Augenbrauen trafen über der Nase fast zusammen , und waren buschig und grau , die Haare spielten ebenfalls aus lichtem Braun in Grau hinüber , waren nur sehr spärlich und dünn , ebenso der Backenbart , den man eigentlich nur einen Versuch dazu nennen konnte , denn in der Nähe des Ohrläppchens erschien er wie förmlich ausgerissen - oberhalb und unterhalb dieser Stelle fanden sich aber einige Haarpartieen , die jedoch mehr einzelnen Stachelbüschen glichen , als einem Bart. - Herr Felchner trug einen grauen , abgetragenen Ueberrock , auf dem die Nähte weiß schimmerten , und die Aermelaufschläge von langem Gebrauch spiegelhaft glänzten , jeder seiner Knöpfe war gewissenhaft zugeknöpft vom obersten bis zum untersten Knopf , den dritten ausgenommen , weil das zu diesem gehörige Knopfloch ausgerissen war . Ein beschmuztes , bis zur Schmalheit eines Strickes zusammengedrehtes Halstuch von weißer Leinwand befand sich unter dem spitzen Kinn , die dürren Beine umgaben weit umschlotternde Beinkleider , welche nur bis zum Knöchel reichten , grauwollne Socken und ein paar buntgestickte Schuh , an derem einen sich der Lederbesatz an der rechten Seite widerspenstig von dem bunten Zeug getrennt hatte , so daß er noch wie eine zweite verschobene oder zu breite Sohle erschien - dies war das vollständige Bild eines Mannes , dessen Vermögen man nicht mehr nach Tausenden , sondern nach Millionen zählte , welcher neben dieser Fabrik , die er selbst bewohnte und verwaltete , noch im Ausland große Fabriken besaß , und dessen Reichthum Tausende von Menschen , denen er Arbeit und Elend zugleich gab , zu weißen Sklaven erniedrigte . Das war der Mann , welcher eine von solcher ahnungslosen reinen Kindlichkeit , einem so heitern Vertrauen für die Menschen und das Leben erfüllte , mit einer so warm für alle Menschen , für all ' ihr Glück und ihre Noth schlagendem Herzen begabte Tochter besaß , wie Pauline . » Guten Abend , mein Kind ! « sagte er munter und zärtlich , als Pauline rasch aus dem Wagen in die Hausflur sprang , und sich in die Arme des harrenden Vaters warf . » Guten Abend , mein liebes Kind ! - Aber Du siehst mir ja ganz erfroren und blaß aus , bist Du nicht warm angezogen ? ' s ist ja eben für eine Decembernacht gar nicht kalt . Nun komm nur herein in die Stube , da wird Dir schon warm werden , oder willst Du , ehe wir essen , erst oben in Deinen Stuben ablegen , mein Püppchen ? « » Nein , das ist nicht nöthig , « sagte Pauline . » Nun , so komm nur herein , Kind , Du zitterst ja am ganzen Leibe ! « Und der Vater schob sie in die große Stube im Erdgeschoß , wo der Tisch gedeckt war . Warum sie so zitterte , und so blaß aussah , konnt ' er freilich nicht wissen . Die große Stube war einfach eingerichtet , besonders trugen die Dielen Spuren von vielen schmuzigen Stiefeln . An der Oeffnung , aus welcher der heiße Luftstrahl der Dampfheizung hereinströmte , stand Georg , Paulinens ältrer Bruder , und ließ sich den heißen Strom an den Rücken wehen . Sie lief auf ihn zu und umarmte ihn . Er erwiderte den Gruß kalt , und als sie freundlich zu ihm sagte : » Nun , wie geht es , lieber Bruder ? Wir haben uns lange nicht gesehen ! « antwortete er finster : » Wie soll ' s gehen ? Es sind schlechte Zeiten , da weiß man wohl wie ' s gehen kann ! « » Was meinst Du ? « » Nichts als Aerger den ganzen Tag mit dem verfluchten Pack , das bald von der Arbeit laufen , bald höhern Lohn verlangen will , und noch Gesichter schneidet , wenn man ihm viel Geld oder gute Waaren auszahlt für Pfuscherarbeit . « Pauline wandte sich an den Vater , der sich schon an die Tafel gesetzt und sie neben sich gewinkt hatte : » Lieber Vater , laß doch die vielen Lichter auslöschen - es blendet so , ich bin ja nun da . « » Sie können immerhin noch ein Weilchen brennen , damit die Leute sehen , wie ich mein Kind empfange , « sagte Felchner schmunzelnd . » Und brennen sie mir zu Ehren , « fiel ihm die Tochter wieder in ' s Wort , » so wollen wir sie heute auslöschen , und noch an einem andern Tage für mich anzünden . « » Nun , meinetwegen , laß sie brennen oder auslöschen , aber jetzt wird gegessen . « Georg setzte sich neben Felchner , Pauline stand noch ein Mal auf und rief zur Thüre hinaus : » Wer die Lichter angezündet hat , soll sie wieder auslöschen , die Illumination ist vorbei . « Dann setzte sie sich wieder auf den vorigen Platz . In demselben Augenblick läutete draußen die Glocke , es war sieben Uhr , und damit ward das Zeichen zum Abendessen gegeben . Der Tisch war noch für acht Personen gedeckt - es waren die unverheiratheten Factoren und Buchhalter Felchners , welche bei ihm den Tisch hatten . Sie traten rasch und geräuschvoll ein , mit einer stummen Verbeugung vor Paulinen , und nahmen stumm ihre Plätze ein . Pauline sah sie verstohlen der Reihe nach an , wie sie hastig zulangten , und unbeschreiblich schnell aßen , mit Messer und Gabel auf Teller und Tisch klirrend . Es waren noch einige junge Leute unter ihnen - aber alle hatten mürrische , halbvertrocknete , theilnahmlose Gesichter , in deren Falten es war , als ob lauter Zahlen verzeichnet stünden . Dieses stumme Essen , wobei Keines auf das Andere Rücksicht nahm , Keines dem Andern irgend einen tischnachbarlichen Dienst erwieß , hatte für Paulinen etwas Befremdendes , Widerliches , ja es kam ihr sogar thierisch vor - die Stille bei Tische war ihr namentlich peinlich . Felchner ließ jetzt einige Weinflaschen die Runde den Tisch hinab machen , indem er dabei sagte : » Wir wollen die Ankunft meiner Tochter feiern . « Das war das einzige Wort , womit er diese den Anwesenden vorstellte - diese machten als Antwort darauf einige hastige Bewegungen mit Schultern und Köpfen , Bewegungen , welche wohl dankende Verneigungen vorstellen mogten , schenkten sich ein , tranken aus , standen dann auf , schoben geräuschvoll die Stühle zurück , und indem Einer nach dem Andern zur Thüre hinausging , murmelte Jeder halb unverständlich : » Ich wünsche wohl zu schlafen ! « Der Fabrikherr und sein Sohn antworteten mit einem einzigen halbverschluckten : » Gleichfalls . « Auch Pauline erhob sich , und sagte zu dem Vater : » Kann ich nun nicht mit Dir in Deine Stube gehen ? « » In mein Comptoir , Kind ? Was wolltest Du dort ? « » Nein in Deine Stube , wo Du Dich aufhältst , wenn Du nicht arbeitest - oder in die Wohnstube , wo wir noch oft zusammen sitzen und traulich plaudern werden ! « » Nun , wenn ich nicht mehr arbeite , bin ich in dieser Stube hier , es ist meine und Deine Wohnstube . « Die Magd räumte eben lärmend ab - der Kutscher trat ein , und nahm aus einem an der Wand befestigten colossalen Schlüsselschrank ein Bund klirrender Schlüssel , mit dem er wieder hinausging , kurz nachher lief ein Factor stumm durch die Stube in das Zimmer neben an , holte da ein Buch heraus , und ging mit demselben unter dem Arm wieder zu derselben Thüre hinaus , durch welche er gekommen . Dieses geschäftige , rücksichtslose und stumme , aber doch keineswegs stille Thun kam Paulinen so ungewohnt und wunderlich vor , und machte darum einen so unfreundlichen , ja verletzenden Eindruck auf sie . » Das ist meine Wohnstube ? « sagte sie deshalb befremdet zu dem Vater . » Nun , nun , « sagte er , » der glänzenden Stellung , welche Du einnehmen sollst , wird Nichts vergeben , wenn Du auch manchmal in einem weniger brillanten Zimmer bist . Du findest oben die schönsten für Dich , und wenn Gäste kommen , wie sie keine Prinzessin schöner haben kann ; aber für gewöhnlich ist der Luxus unbequem , und da befinde ich mich in dieser Stube