. Ich blieb in meiner Oede - und darüber ergriff mich zuweilen ungeduldiger Schmerz . So lag ich eines Abends in meiner Hängematte auf dem Verdeck . Es war kaum neun Uhr ; daher sah ich mit Erstaunen daß ein Boot die Richtung vom Lande nach der Yacht nahm , denn Paul kam nie vor Mitternacht . Das Meer phosphorescirte prächtig ! bei jedem Ruderschlag flogen Myriaden von leuchtenden Funken um das Boot . Es giebt nichts Schöneres als diesen mystischen Glanz über der schwarzen Tiefe . Astrau sprang aus dem Boot und an Bord . » Ich habe Sie in drei Tagen nicht gesehen , sagte er . Paul versichert Sie wären lieber an Bord als in der Stadt ; aber ich glaube das nicht ! er versteht nur nicht Sie aus Ihrer Hängematte herauszulocken . Stehen Sie auf , kommen Sie ! es ist wunderschön auf dem Platz S. Antonio . Es taugt nichts daß Sie sich gar keine Bewegung machen . « » Sie sind recht gut .... aber ich mag nicht . « » Sie müssen ja umkommen vor Langerweile . « » Ich bin kein Mann - also muß ich schon auf eine gute Dosis Langerweile gefaßt sein . « » Thörichtes Kind ! rief er und hob mich mit einer raschen Bewegung aus der Hängematte . Und nun kommen Sie mit mir . « Aber ich machte mich los , setzte mich auf den breiten Divan der auf dem Verdeck stand und wollte nicht fort . » So bleibe auch ich ! « rief Astrau und setzte sich zu mir . » O das ist mir sehr lieb ! « sagte ich froh . » Großer Gott , Sibylle ! wenn Sie mich freundlich und freudig ansehen , so überrieselt mich ein Freudenschauer . Es ist lieblich überraschend als ob Sterne vom Himmel fielen ! « » Ah bah ! erzählen Sie mir etwas Andres ! was haben Sie den ganzen Tag gemacht ? « » Wir haben einen wunderschönen Fächer für Sie gekauft . « » Und um den auszuwählen haben Sie den ganzen Tag gebraucht ? « » Ich nicht .... aber Paul ! ein Fächer war immer schöner als der andere , und am allerschönsten - - war die Verkäuferin . « » Sehen Sie wol , sagte ich gelassen , so unterhält man sich vortreflich . « » Ungeheuer ! herz- und seelenloses Ungeheuer , brach Otbert aus . Ich weiß nichts von Fächern und von Paul ! aber ich weiß daß Sie nicht einmal der Eifersucht fähig sind . « » Und welchen Schluß ziehen Sie daraus ? « » Daß Sie keiner Liebe fähig , folglich gar kein Weib , sondern die Incarnation irgend eines Elementargeistes , einer Nixe oder einer Elfe sind ! - - Können Sie denn wirklich nicht lieben ? - ist in der kindischen Unwissenheit mit der Sie Ihrem Gemal die Hand reichten wirklich die Liebeskraft erstorben , welche so himmlische Blüten treibt ? - hat die fremde Hand vor der Zeit die arme grüne Knospe geknickt , daß sie nun auf ewig welk dahin siecht ? - sind beim ersten Flugversuch die jungen Schwingen gebrochen und nun auf ewig gelähmt ? - O armes beklagenswerthes Kind ! « - - - Er sprach so weich , und seine großen dunkeln Augen glänzten so ungewöhnlich sanft , und seine Worte klangen wie ein Bannspruch der das Leid verscheucht ! Mir war als löse sich eine Eisrinde von meinem Busen . Ich weiß nicht was für ein frisches Leben sich plötzlich wie Springfluten in mir regte . Ich hätte jauchzen können über das entschwindende Weh und die geahnte Lust . Otbert umschlang mich leise . Ich saß regungslos da , umsponnen vom Zaubernetz , das sich fest und fester um mich webte . Otberts heiße Lippen berührten meine fiebernd heiße Wange wie ein sengender Funke , der aber keine Flammen , sondern Licht entzündete . Pauls Gestalt und Arabellas Wort von der ewigen Fessel blitzten mir durch die Seele . Ich sprang auf , streifte Otberts Arm herab , und floh scheu und hastig wie eine Schwalbe über das Verdeck , die Treppe hinab in den Salon ; - und um mir jede Möglichkeit der Rückkehr abzuschneiden , rief ich meine Kammerfrau , klagte über plötzliches krampfhaftes Uebelbefinden , ging in meine Cabine und ließ mich entkleiden . Im Bette liegend hörte ich über eine Stunde Otbert auf dem Verdeck hin und her gehen . Endlich bestieg er wieder das Boot das ihn zur Stadt zurückbrachte . Da sprang ich auf , nahm einen Mantel um , schlüpfte leise herauf , kauerte mich auf dem Divan zusammen und blickte mit einem unentwirrbaren Gemisch von Sehnsucht und Befriedigung ihm nach . Aber die Sehnsucht oder vielmehr der Reiz des Verbotenen behielt die Oberhand , und mit glühenden Thränen fragte ich halblaut : Wohin geht er jezt ? - Wo wird er jezt sein ? - Und Er - war nicht Paul , sondern Otbert . Endlich schlief ich erschöpft auf dem Divan ein , und so schwer , daß ich erst erwachte als Paul heimkehrend vor mir stand . Es war tiefe Nacht . Bewildert und schauernd fuhr ich zusammen als er meine eiskalte Hand nahm . » Schlafe nicht im Freien , es ist schädlich , sagte er . Dein Haar , Dein Pelz sind ganz feucht . « » Es war so beklommen in meiner Cabine , stammelte ich und setzte hinzu um jeder Erörterung vorzubeugen : Und .... ich wartete . « Das war meine erste Lüge . - - Am andern Morgen gab mir Paul wirklich einen ganz wunderschönen Fächer . Also doch ! dachte ich . - Ich fuhr mit Paul zur Stadt . Wir sahen Astrau nicht , und es war mir ganz lieb . Aber drei Tage vergingen und ich begegnete ihm nicht in der Stadt und er kam nicht an Bord - das versetzte mich in fieberhafte Spannung . Endlich kam er mit Paul ; die Abreise nach Sevilla war beschlossen und auf den andern Tag festgesetzt . Ich jubelte und ließ meine geliebten Castagnetten freudig rasseln . Die Freude galt Otbert , aber ich ließ sie auf Sevilla deuten . Kein Wort , keine Andeutung streifte an unsre Abendscene . Ich war selig daß Otbert überhaupt wieder in meinen Gesichtskreis gekommen war . Wir machten die Reise zu Pferde und sehr angenehm . Auch unser Aufenthalt in Sevilla und später in Granada war es bis zur Bezauberung . Paul hatte ein wenig den Kopf und die Haltung verloren . Die frische Grazie , die aufrichtige Koketterie , die feurige Schönheit der spanischen Weiber war ihm so neu , fremd und überwältigend , daß ihm der Strudel über das Herz fortging . Er überließ mich mir selbst und Otbert . Dieser nahm sich wol in Acht mich wieder in meine angstvolle Scheu zurückzujagen . Mit tiefem Vertrauen sollte ich mich an seine Seele schmiegen und ein Herz zu ihm fassen . Er sprach das unbefangen aus . » Es giebt Frauen , die den Mann hassen , welcher sie bethört hat und es ihm nie vergeben , weil sie es sich selbst nie vergeben für ihn schwach gewesen zu sein . Das ist für beide Theile Schmach und Elend - und das fliehe ich . Liebe muß glücklich machen , zuversichtlich und stolz . « » Ach ! entgegnete ich , den Stolz begreife ich nicht in der Liebe . Doch Zuversicht und Glück gehen für mich stets Hand in Hand ! ich ahne ihre Möglichkeit .... aber nicht für mich . « » Wer sie ahnt - ahnt sie auch für sich , denn Ahnungen beziehen sich auf geheimnißvolle Möglichkeiten im innersten Wesen , welche eine second sight nebelhaft andeutet . Aber Sie wollen immer eine gleichsam verbriefte Gewißheit . Nicht im Sturm - sondern langsam nur sind Sie zu gewinnen , Sibylle . Aber ich werde Sie gewinnen , Ihr tiefstes heiligstes Vertrauen rechtfertigen ; und wenn Sie glücklich sind .... werde ich selig sein . « Er beherrschte sich in der That auf eine so außerordentliche Weise , daß ich begann von einer platonischen Liebe zu träumen und mit sehr ruhigem Gewissen tausend Untreuen des Herzens und der Gedanken beging . Ich ließ Paul seine Freiheit ungestört genießen ; er benutzte sie auf seine Weise ; weshalb sollte ich es nicht in der meinen thun ? Es war plötzlich ein Reiz , eine Lockung in mein Leben getreten . Ich behandelte sie mit geheimnißvoller Scheu , das war mir ganz fremd , denn es berührte Regionen des innern Wesens , die ich bis dahin noch nicht gekannt . Das Erlaubte , das Gestattete hatte mich beschäftigt , und ich erschöpfte und verschwendete dabei mich in den Gegenstand bis ich bemerkte , daß ich ihm müde und mit leerer Hand gegenüber stand . Den sinnlichen und geistigen Freuden des Lebens hatte ich mich zu rücksichtslos entgegen gedrängt um sie nicht schleierlos - und folglich dürftig zu finden . Sie lagen wie zerpflückte Blumen , wie geknickte Schmetterlinge zu meinen Füßen ; ich sah sie mit einem Gemisch von Niedergeschlagenheit und Gleichgültigkeit an und sprach zu mir selbst : Es muß doch noch ganz andere Schönheiten und Seligkeiten unter der Sonne geben ! - Ich erwartete innerlich unendlich viel ; ich war so recht darauf vorbereitet mich dem Unbestimmten hinzugeben und in seiner schwülen Atmosphäre die Leidenschaft groß zu ziehen . Dies Unbestimmte nahm die Gestalt der Neigung für Otbert an . Ich vermied es mir Rechenschaft zu geben wohin sie mich führen könne . Höchst sophistisch gab ich mir selbst folgenden Vorwand : Die Ergründung hat bisher immer Nüchternheit in mir zur Folge gehabt , und sie macht muthlos weil sie das Leben entzaubert ; aber ohne frischen Muth , ohne animo führt man eine unnütze Existenz ! ich will suchen mir fortan jene zu bewahren . Ich gab mich der Gegenwart hin , und die war so poetisch , feenhaft , anmuthig-schwelgerisch und seelenberauschend , daß ich nicht hätte das feinorganisirte , reichbegabte Geschöpf sein müssen das ich war , um unter ihrem Einfluß kalt zu bleiben . Ich hatte damals in Sorrent mit Paul ebenso phantastische Tage verbracht ; aber das flammende sprudelnde Sinnenleben der eben entfalteten Jugend hatte den ersten Platz in ihnen behauptet , und ihnen trotz aller Phantasterei einen Stempel von Wahrheit aufgedrückt . Jezt - trat es zurück , oder es trat wenigstens nicht ehrlich hervor . Es war nicht die schlichte heiße Sonnenglut die dem Sommer angehört ; sondern ein fremdartiges Feuer halb ätherisch halb vulkanisch , das unwiderstehlich schlummernde Kräfte weckte und trieb . Otbert war unaussprechlich liebenswürdig . Die seltsame Mischung seines Characters , welche vielleicht zu seiner Dichterorganisation nothwendig war , verschmolz in ihm eiskalte und haarscharfe Beobachtung mit flammender Feinheit und fliegender Glut der Empfindung ; zugleich Zersetzung und Wahrnehmung des Gefühls . Daher erschien er stets bewegt vom Bannspruch den ich ihm zuwarf und stets beherrscht von seiner Willenskraft , und ich mußte ihn zugleich lieben und verehren . Schöne Lieder dichtete er die nie gedruckt worden sind . » Es sind die St. Elmsfeuer , sagte er , welche beim Gewitter auf den Spitzen der Mastbäume schweben . Nach dem Sturm tritt das gemeine Tageslicht wieder an die Stelle dieser elektrischen Flammen . Ich weihe sie der Macht die sie hervorgerufen hat . « Dann setzte er sich zu meinen Füßen nieder und las sie mir vor , oder sprach sie mit Begleitung der Guitarre , was ihre leidenschaftliche Wirkung ungemein erhöhte . » Werde ich aber nie den Sängerdank bekommen ? rief er einmal und warf unmuthig die Guitarre fort . Die alten Troubadours , Sibylle , lebten und starben für einen Kuß den die Geliebte ihnen freiwillig gab . « » Da hatten die Troubadours sehr Unrecht , erwiderte ich scherzend , denn so einen freiwilligen Kuß giebt nur der Dank .... nicht die Liebe . « » Und was giebt die Liebe ? « » Das Herz ! « » Falsch ! - Sie giebt immer das was grade ersehnt wird ! - Sie verstehen nichts von der Liebe , Sibylle . « Er sprang auf und verließ mich dann immer plötzlich , so daß ich meinem träumerischen Nachsinnen überlassen zurückblieb . Das war in Granada . Ich hatte durchaus in der Alhambra wohnen wollen . Es wurde bewerkstelligt , aber nur für mich , meine Kammerfrau und einen Diener . In der Wohnung des Pförtners wurden einige unbenutzte Zimmer für mich nothdürftig eingerichtet . Die Fenster gingen in den Patio de los arraynes , und ich genoß die Wonne zu jeder Stunde des Tages und der Nacht in den Sälen , Hallen und Gärten der maurischen Könige ungestörten Zutritt zu haben . Mein Diener besorgte meine höchst einfache Küche ; ich aß Reis und trank Chocolade . Paul und Otbert wohnten unten in der Stadt . Ich lebte wie es mir eben einfiel ! ich ließ mir Tänzerinnen kommen und lernte geschickt ihre üppigen , graziösen Tänze . Ich ließ Zigeuner holen , die mir wahrsagen und wilde Lieder singen mußten . Einmal gab ich für Paul und Otbert ein Fest in der Sala de los Embajadores , ganz voll Tänze , Gesänge , bunter Lampen und Blumen . Sie mußten Beide in der Majo-Tracht kommen . Otbert trug sie charmant ! Man muß ein bischen Schauspieler und ein bischen Fanfaron sein um ihre Vortheile gehörig geltend zu machen . Er verstand das ! aber mit so ernster Grazie , daß er wieder einmal alle Frauen bezauberte . Ich sagte ihm : » Wäre ich eine Königin , so dürfte kein Mann anders als in Majo-Tracht an meinem Hof erscheinen . « » Da Ihr Hof unfehlbar nur ein Sänger- und Liebeshof sein würde , so wäre die neue Hoftracht an ihrem Platz . Aber stellen Sie sich einmal unsre Minister , Generäle , Diplomaten und Kammerherrn als Majos vor ! das wäre ja ein ewiges Pasquil auf alle Grazie . « In Sevilla hatte sich mein kleines Talent für Aquarel-Zeichnungen sehr angeregt gefühlt und ich hatte Skizzen der Gebäude und der Gemälde von Murillo gemacht , die jezt vor mir liegen und die mir trotz ihrer Unvollkommenheit verrathen , daß ich mit Fleiß , Ausdauer und Stetigkeit einen gewissen Grad der Vollkommenheit hätte erringen können ; - die Ausführung ist überall höchst mangelhaft , aber in Auffassung und Wurf des Gegenstandes ist etwas Geniales . In Granada arbeitete ich mit Eifer ; Zigeuner und Tänzerinnen mußten mir sitzen . Paul in seiner Majo-Tracht gelang mir außerordentlich . Ich hob sein naturtreues Bild in den Geist hinein - wie die Kunst das immer soll - und machte ein höchst characteristisches Porträt von ihm . Astrau hingegen gelang mir gar nicht . Stand er vor mir und fixirte ich ihn , so flimmerte stets etwas wie ein rosenfarbener Schleier zwischen uns . Wollte ich ihn aus dem Gedächtniß zeichnen , so verschwebte er mir ganz und gar in Duft und Glanz . Ich konnte ihn nicht treffen . » Was ist denn das ? rief er unmuthig ; ein halbes Dutzend der gleichgültigsten Leute malen Sie sprechend ähnlich ... und nicht mich ! - weshalb nicht mich , ich bitte ! « » Ich kann Sie nicht erfassen , entgegnete ich traurig ; kann Ihr Bild nicht genug in meinem Innern concentriren um es aus mir selbst wieder heraus zu erschaffen . « » Das ist ja eben kränkend für mich . « » Nein nein , Astrau , kränkend nicht ..... denn so ist es : treten Andre vor den Spiegel meines Auges und meiner Seele , so fängt er gelassen ihr Bild auf und gelassen zeichnet die Hand es ab . Doch Sie .... Astrau ! Sie werfen mir einen Regenbogen , einen Sonnenhimmel , ein tausendfarbiges Prisma über den Spiegel .... ich bin geblendet ! - Kann ich dafür ? « » Ihr Auge spinnt eine Welt aus Ihrem eigenen innerlichsten Selbst heraus - und in dieser Welt wohne ich nicht , Sibylle ! so wird es sein ! « sprach er schwermüthig . » Wenn nicht Sie - wer denn , Otbert ? « » O ! rief er heftig , Du liebst mich nicht .... aber wirst Du mich denn niemals lieben ? Gieb mir Hofnung , Sibylle ! sprich Ja ! « Er umschlang mich stürmisch mit dem rechten Arm , hob mit der linken Hand mein Gesicht zu sich empor und sah mich so dringend , forschend , glühend an , daß ich mich magnetisirt fühlte und ganz träumerisch sagte : » Ja Otbert .... das weiß ich nicht . « Ein Blitz des Zornes glitt über seine Züge , er schleuderte mich aus seinem Arm und eilte fort . Dies geschah in dem sogenannten Gärtchen der Lindaraja . Ich war entsetzt , Herz und Nerven thaten mir weh . Immer wenn ich traurig war zog es mich zur Erde herab , wenn froh - in die Lüfte empor . Ich setzte mich auf die Erde und weinte bitterlich . Otbert hatte ein Paar Gänge durch den Löwenhof gemacht und kam beruhigt wieder . Er hob mich liebreich auf und sagte in dem scherzhaft hofmeisternden Ton den er oft gebrauchte um mir Wahrheiten zu sagen : » Excentrisches Kind das Sie sind , Sie müssen mich nicht so fürchterlich quälen wenn Sie mich nicht lieben . Es ist freilich Frauenart mit dem Blick zu verheißen , mit dem Wort zu verneinen - allein man entdeckt doch bald welches von beiden die eigentliche Meinung ist . Bei Ihnen ist das unmöglich ! Sie sind nicht falsch , aber Sie sind auch nicht aufrichtig . Sie nähren absichtlich Widersprüche in sich und verstehen keinen derselben durch einen Entschluß zu brechen . Es wühlt ein Kampf in Ihnen und Sie bringen es zu keinem Siege , denn - Sie lieben nicht . Sibylle , wach auf . « Mit diesen Worten führte er mich nach meiner Wohnung zurück und ich war unfähig ihm etwas zu erwidern - dermaßen hatte er durch seine richtige Erkenntniß meines Innern Alles in mir aufgewühlt . Arabellas » ewige Fessel « war für mich das bethörende Wort gewesen unter dessen Einfluß ich mich bewegte . Als wir bald darauf nach Malaga zurück gingen wo unsre Yacht im Hafen lag , fand Astrau Briefe vor , die ihn in möglichster Eil zu seiner Mutter beschieden . Er hatte mit ihr in Nizza zusammentreffen und den Winter verleben wollen ; nun aber hielt ihre schlechte Gesundheit sie in Genf fest . Sie hatte den Muth verloren über die Alpen zu gehen , während die Aerzte nur in dieser Reise ihre Rettung sahen ; Otbert sollte diesen Zwiespalt vermitteln . Ohne Zaudern entschloß er sich zur plötzlichen Abreise , da ein Schiff segelfertig für Marseille im Hafen lag . Ich war ganz betäubt ! Um fünf Uhr Abends waren wir in Malaga angelangt , um fünf Uhr Morgens sollte er fort ! Die Ausfertigung seiner Pässe , die Umschiffung seiner Sachen beschäftigten ihn ausschließlich ; Paul war ihm dabei behülflich und ich - allein . Meinetwegen ! sprach ich mit stumpfer Gleichgültigkeit , und ging zu Bett . » Sibylle , wachst Du ? ... Astrau will Dir Lebewol sagen - darf er ? « - fragte Paul gegen Morgen und öfnete die Thür meiner Cabine nachdem er mich durch leises Anklopfen geweckt hatte . Otbert trat hastig ein , nahm meine Hände , preßte sie an seinen Mund , legte die Rechte auf meine Stirn und sprach bewegt : » Leben Sie recht wol .... und auf Wiedersehen , denn wir sehen uns wieder ! - Vergebung , daß ich Sie im Schlaf gestört ! ... schlafen Sie fort und träumen Sie süß . « Fort war er ! - Eine stille Betäubung legte sich über meine Seele , und verließ mich auf der ganzen Reise nicht mehr . Mir war als sei ein Vorhang zwischen mir und der Außenwelt herabgelassen . Mechanisch sah ich Valencia und Barcelona ; mechanisch zeichnete ich hier einen Baum , da ein Gebäude , dort einen Menschen ; mechanisch blieb der Körper bei seinen Verrichtungen und Gewohnheiten . Ich kann nicht sagen ob unsre Heimreise nach England traurig oder langweilig war . Meine Gedanken hatten ihre unablässige Beschäftigung : sie waren bei Otbert . Paul benahm sich sehr gut , sanft ernst und ruhig . Er mogte sich wol einen leisen Vorwurf über die Unbesonnenheit machen Astraus Reisegesellschaft angenommen zu haben . Die Holsteinschen Angelegenheiten wirkten bei unsrer Heimkehr wie ein Sturzbad auf mich : ich kam zur Besinnung und Paul trat wieder in den Vorgrund meines Lebens , ohne daß ich jedoch in mir Otbert überwunden hätte . Ich verschleierte ihn gleichsam nur . Paul zeigte sich bei diesem Ereigniß , welches zerstörend in seinen ganzen Lebensplan eingriff , so nachsichtig und großmüthig - er wußte mir das drückende Bewußtsein daß mein Leichtsinn es herbeigeführt so zu erleichtern - er fand sich so muthig und gefaßt in Engelau und in den gebotenen Verhältnissen zurecht - er ordnete die Verwirrungen so umsichtig in allen Richtungen , daß ich begann eine wahre Achtung vor ihm zu haben . Die leichte Kälte welche sich in der letzten Zeit zwischen uns gelegt , schmolz wie ein Nachtreif vor der natürlichen Innigkeit , die aus einem abgeschlossenen Leben mit gemeinschaftlichen Interessen erfüllt , in gutgearteten Menschen von selbst entspringt . Ordnete Paul die Geschäfte im Großen , so wollte ich es im Kleinen thun . Ich beaufsichtigte das Hauswesen , schaffte kleine Mißbräuche ab , sorgte für hinreichende Beschäftigung der Dienstboten , nahm mich der Kranken und Armen auf meinen Besitzungen mit Rath und That an - kurz ich entwickelte einige Anlagen eine vernünftige Person werden und zu innerer Ruhe und Befriedigung gelangen zu können . Ununterbrochene Gewohnheit sanfter Pflichterfüllung , durch Theilnahme belebt , durch Wolwollen verschönt : das ist die lautre Quelle des wahren , d.h. des dauernden Glückes . Die leidenschaftlichen Seelen , die Kinder des Sturmes nennen es Apathie und fliehen es so lange bis sie sterbensmüde am vorzeitigen Ende ihrer Laufbahn zusammenfallen , auf dieselbe zurückschauen , und auf dem einen Punkt wie gebannt den Blick ruhen lassen . Und warum auf dem einen ? - Weil er in dem langen Wirrsal voll kurzer Entzückungen , voll langer Schmerzen , voll ewiger Unruh , voll dauernder Reue - in diesem nachtschwarzen Gewebe , welches einzelne Faden von Gold und Purpur regellos durchschießen - weil jener Punkt unwandelbar licht ist . Nicht flammend , nicht glühend , nicht stralend , nicht rosig , nicht prismatisch ! nur hell ! hell wie der Tag , hell wie ein liebes Lächeln , hell wie ein guter Gedanke , wie ein unschuldvolles Auge , wie eine wolwollende That ..... hell , wie das ächte Glück ! - Dann seufzen sie : Ja , da war es ! - aber dann ists zu spät ! die verwegene hastige Hand hat voreilig den Baum des Lebens entlaubt ; das Paradies ist verloren . - - - Eine lange Hofnung sollte uns endlich erfüllt und ich - Mutter werden . Bei dieser Aussicht regte sich in mir ein wunderliches Gemisch von jauchzender Seligkeit und von Gewissensbeängstigung . Ich warf mir die Schatten der Gedanken vor , die zwischen mir und Paul gewesen waren , und ich verhehlte mir nicht daß diese Hofnung mir vor einem Jahr wenn keine größere doch eine frischere Freude gemacht haben würde . Es rächt sich jede Unlauterkeit die man an seiner Seele begeht . Rohe Naturen bemerken das nur wenn sie eine äußere Wirkung zur Folge hat ; feine nehmen es an der leichtesten Nüance von Frische und Zartheit wahr um welche ihr Empfindungsvermögen ärmer geworden ist . Paul war rührend in seiner Freude . Jedes persönliche Interesse trat für ihn in den Hintergrund . Er gab seine Laufbahn und das Leben in England ohne Bedenken auf , obwol er seit zehn Jahren sich gewöhnt hatte es als das einzig ihm zusagende zu betrachten . Er entschloß sich das einsame und ein bischen langweilige norddeutsche Landleben zu führen . » Denn , sagte er lächelnd , hier fehlen uns die Verlockungen zur Verschwendung , denen wir nun einmal in London nicht widerstehen können , und die nicht unser Vermögen sondern das unsers Kindes zerrütten würden . « Es war sehr großmüthig daß er » wir « sagte ! - - Sein Vater sah ihn ungern seine Carriere verlassen , und meinte da ich unverständig genug sei um mich nicht mit meinem so reichlichen Einkommen in London einrichten zu können , so müsse Paul etwa sechs Monate des Jahres als Junggesell allein dort leben und ich mit dem Kinde in Engelau ; die andern sechs Monate dürfe er dann bei mir zubringen . Er unterstützte diesen Vorschlag mit verschiedenen theils scherzhaften theils cynischen Gründen , welche beweisen sollten daß eine solche Trennung für das gute Vernehmen in der Ehe höchst vortheilhaft - und für die Vergrößerung der Familie äußerst zweckmäßig sei - so daß zu gleicher Zeit die Ansprüche der Liebe und die Interessen der Carriere bei dieser Einrichtung berücksichtigt würden . Aber Paul ging nicht darauf ein . » Können Mann und Frau sechs Monate ganz heiter und wolgemuth von einander getrennt leben , so können sie es auch sechs Jahr und sechszig Jahr . - Man muß sich den Glauben zu bewahren suchen , daß man zu einem frohen und zufriedenen Leben einander nothwendig in der Häuslichkeit sei . « » Ich glaube Du bist noch verliebt , entgegnete mein Schwiegervater etwas geringschätzig ; das finde ich stark , Paul , und ich kann es nur mit Deiner ersten Vaterfreude entschuldigen . « Paul nahm scherzend den Vorwurf hin ohne sich in seinem Entschluß irre machen zu lassen . Er richtete seine ganze Zukunft für Engelau ein . Ich sah freudezitternd der nächsten entgegen . - - - Und wieder am Tage Aller Seelen gab es ein Geburtsfest . Ohne vorhergehende Furcht , ohne lange Qual gebar ich eine Tochter . Wir hatten aber Beide , und ich besonders , auf einen Sohn gerechnet . Hundertmal hatte ich gesagt zu Pauls höchstem Ergötzen : » Nur kein Mädchen ! kein Mädchen ! zwölf Knaben sind nicht so schwer durch die Welt zu bringen als ein einziges Mädchen ! « Der Name , die kleinen Anzüge , die Pathen - Alles war auf einen Knaben berechnet . Benvenuto sollte er heißen ; - und nun war es keiner ! Ich empfand im ersten Augenblick einen dummen unsinnigen Schmerz darüber , der erst dann wich als Paul das Kind auf den Armen hielt und es freudig : » Benvenuta ! « nannte . Ich nährte es selbst . Es war eben so frisch und gesund als ich . Ich befand mich leiblich und geistig in einem Normalzustand , ohne Excentricität oder Phantasterei irgend einer Art. Das Kind beschäftigte mich zu sehr , zu praktisch um nicht meine Grübeleien zu ersticken . Ich mußte sorgen , pflegen , nachdenken , überlegen . Das Alles hätte ich auch einigermaßen als Hausfrau und Gattin thun können ; aber Paul hatte mich nicht sowol als Frau , sondern mehr als Kind und Schmuck des Hauses behandelt und keine Sorge von mir begehrt . Das kleine hülflose Geschöpf war aber auf mich allein angewiesen , und meine Aufmerksamkeit mußte ersetzen , was mir an Erfahrung und Rathgebern fehlte . Dadurch war ich auf dem Wege mich an eine gewisse innere und äußere Disciplin und mein Gefühl an gesunde Nahrung zu gewöhnen . Jene hätte meinem Leben Haltung - dieses ihm Tüchtigkeit gegeben ; Beides meine Kraft geweckt , meine Schwäche überwinden helfen . Da trat die fürchterlichste Katastrophe ein ! - - Um Weihnachtseinkäufe zu machen fuhr Paul nach Kiel , erkältete sich bei der Heimkehr und starb binnen drei Tagen an einer Gehirnentzündung , die ihm Gottlob ! von Anbeginn seine Besinnung raubte . So war ihm wenigstens der Schmerz des Abschieds erspart . Er ging heim mit heitern Phantasien von Weihnachtsbäumen und Engelsgesichten ! - wahrscheinlich schwebte Benvenuta an dem verschleierten Spiegel seiner Seele vorüber . Er ging heim - ein Mann wie ich nie einen ehrenwertheren gekannt habe - so gut wie es der allgemeinmenschlichen Schwäche verstattet ist zu sein - bei fünfunddreißig Jahren ! und ich war Wittwe in einem Alter wo die meisten Frauen erst ihr Leben zu beginnen pflegen , und ein Kind von wenigen Wochen war meiner Unerfahrenheit einzig und allein anvertraut . Die arme Kleine mußte sogleich den übelsten Einfluß empfinden . Ich bekam heftige Nervenzufälle , konnte sie nicht mehr nähren ; sie hingegen sich nicht an ihre Amme gewöhnen , so daß sie während zwei Jahre einem welken Pflänzchen glich , das in der Erde nicht Wurzel schlagen kann . Mit ihr und meinen Dienern und Untergebenen blieb ich allein in Engelau , ohne Familie , Verwandte , Freunde , einzig auf mich beschränkt - denn auch Heinrichs alter Hofmeister starb in dieser Zeit , friedlich wie er gelebt hatte am Nervenschlag , zwischen getrockneten Blumen , gespießten Käfern und gemalten Schmetterlingen . Er war das letzte äußere Kettenglied zwischen mir und der Vergangenheit . Er hatte meine Kindertage gekannt und meine Todten . Diese wehmüthigen und melancholischen Capitel im Buch des Lebens konnte ich mit ihm allein durchblättern , - nun fehlte mir auch dieser Trost ! ich war auf mich selbst angewiesen . Ich lebte mit einem tiefen eisernen Ernst . Alle Geschäfte die Paul geführt , übernahm ich ; was er begonnen hatte wollte ich zu Ende bringen : die Ordnung meines Vermögens herstellen um es meiner Tochter zu überliefern wie ich es von meiner Mutter empfangen . Ich lebte mit der äußersten Einschränkung , versagte mir sogar Bücher und manche