erklären werden . Die Spinngesellschaft war alle Tage den ganzen Winter hindurch auf Ehrhold ' s Hofe zusammengekommen , hatte ihre volle Mädchenzahl , nämlich zwölf , ohne Unterbrechung gehabt , und manchen Spaß der Burschen , die wöchentlich ein Mal um die Erlaubniß eines Besuches baten , mit angesehen . Jetzt zum Aschermittwochsabende hatten die jungen Burschen abermals ihren Besuch anmelden lassen und es war mit Bestimmtheit auf muntere Scherze und ausgelassene Tollheiten zu rechnen . Die Mädchen freuten sich über alle Maßen darauf , um so mehr , da manche der fleißigen Spinnerinnen fast ihren ganzen Flachsertrag des vorigen Jahres zu feinem Garn versponnen hatte , woraus , wenn sie vom Glück begünstigt werden sollte , binnen ein oder zwei Jahren das Linnen zu ihrer Ausstattung gewebt werden konnte . Ehrhold hatte einen jüngern Stiefbruder , Jan Sloboda , der einige Stunden weiter im ersten Gürtel der Haide ein kleines Gärtchen mit Sorgfalt bewirthschaftete . Letzterer überließ für die Dauer des Winters dem Bruder seine Tochter Rosa , damit sie ihm spinnen und der Wirthschaft vorstehen helfe . So jung Rosa oder Haideröschen , wie die jungen Burschen sie nannten , noch war , so viele Bewerber fand sie unter den schlanken , gesunden und heitern Bauerssöhnen , ja es war so ziemlich für gewiß anzunehmen , daß Röschen im künftigen Herbst Braut sein werde . Ohne Gesang vergeht keine Spinte unter den Wenden . Das Schnurren der Rädchen , das Tanzen der Spillen , die bejahrte Frauen vorziehen , das Schrillen und Zirpen der Heimchen im Heerd des Ofens und in dem tief in die Wand gemauerten Kamin , wo das Kienfeuer sprüht und prasselt , laden wie von selbst dazu ein , und da Gesang und Gespräch die reinliche Arbeit nicht stören oder unterbrechen , so dauern beide so lange , als die Gesellschaft beisammen bleibt . Späte Wanderer , die in der strengen Jahreszeit ein wendisches Dorf betreten , werden angenehm überrascht von den lieblichen , reinen Stimmen , den bisweilen heitern , meistens aber melancholischen Melodien , die ihnen aus der Schneenacht über die Breterwand irgend eines Bauerngehöftes entgegenschallen . Bei diesen Gesangübungen hatte sich Röschen besonders durch eine Menge neuer Lieder oder doch solcher , die nur in der Haide bekannt waren , sehr ausgezeichnet und die Liebe Aller erworben . Ihr zu Ehren sollte deshalb Aschermittwoch auf Ehrhold ' s Hofe so feierlich wie möglich begangen werden . Röschen mußte , da sie keine neuen Lieder mehr wußte , versprechen , die Gesellschaft mit einigen Mährchen zu unterhalten , die sie ebenfalls mit reizender Naivität vorzutragen verstand . Wirth und Wirthin der Spinte hatten für Speise und Trank reichlich gesorgt . Kaum brach der Abend herein , so kamen die Mädchen , ihre Spinnräder nebst Rocken in den Händen , bei Ehrhold an , nahmen ihre gewohnten Plätze auf der rund um die hölzernen Stubenwände laufenden Bank ein und ließen lustig die Rädchen schnurren und die Mäulchen plappern . Nach Verlauf einer Stunde schlug es plötzlich , ohne daß man vorher ein Geräusch im Hofe oder auf der Flur gehört hatte , so heftig an die Thür , daß man hätte glauben sollen , ein Pferd schlage mit dem Hufe daran . Die Mädchen zerrissen vor Schreck ihr Gespinnst und kreischten laut auf , manche blos zur Gesellschaft und um die andern noch mehr in Furcht zu setzen oder warfen gar Rocken und Rädchen um . Inzwischen stieß Ehrhold , anscheinend verdrießlich über den Grobian , der so ungeschliffen sein Ankommen meldete , die Stubenthüre auf , durch welche in gewaltigen Sprüngen ein künstlich aus weißen Regentüchern zusammengesetzter Schimmel hereingaloppirte , auf die Mädchen zusprengte und längs den Bänken unter den lächerlichsten Capriolen hintrabte , hier einen Rocken mit seinem Strohschwanz herabstreifend , dort gar eine der Spinnerinnen mit zudringlichem Kusse beehrend . Erst nachdem das Ungethüm jedem Mädchen einen Kuß geraubt hatte und von ihnen mit Rosinen und Weißbrod gefüttert worden war , unterließ es seine Schelmenstreiche , nickte gravitätisch mit dem Kopfe , wobei die Ohren abfielen und unter lautem Gewieher ein schöner Rocken zum Vorschein kam . Zugleich sanken die Tücher nebst ein paar Sieben auf die Dielen und ein schmucker Bursche , einige zwanzig Jahre alt , kam unter dem zufriedenen Lachen der gefoppten Mädchen zum Vorschein . Schon früher waren noch mehrere andere Burschen eingetreten . Diese bemächtigten sich jetzt des mitgebrachten Spinnrockens , steckten ihn über der Stubenthür fest und reichten dem ausgelassenen Darsteller des Schimmels , den wir Clemens nennen wollen , eine Ofengabel . Clemens nahm sie mit feierlicher Miene an , fragte jedes der Mädchen , ob auch ihr Rocken rein abgesponnen und Platz in der Flachskammer für die Aerndte des nächsten Jahres sei ? Als er die befriedigendsten Antworten darauf erhalten hatte , hielt er dem Rocken eine komische Standrede , indem er sich bei ihm für die vielen Freuden , die er den Winter über gebracht hatte , bedankte , sich aber nachträglich auch bei ihm entschuldigte , wenn er ihm zu guter Letzt , anstatt ihn zu pflegen und zu hegen , wie einem Feinde mitspielen müsse . Er könne nicht anders , denn er liebe die Sonne und hasse den Schnee , der Rocken aber sei ein Verehrer gefrorner Fenster , geheizter Stuben und lodernder Heerdfeuer . Das müsse nothwendig ein Ende nehmen , da der Saft schon lange in die Bäume getreten sei und die weißen unschuldigen Todtenglocken des Winters , die Schneeglöckchen , schon längst den Frühling eingeläutet hätten . Um also der Winterwirthschaft mit einem Male ein Ende zu machen , ersteche er hiermit im Rocken auch die Spinte und verbiete allen weißhändigen Mädchen , Rocken und Rädchen vor dem Sanct Burkhardtstage wieder anzugreifen ! So sprechend ergriff Clemens die Ofengabel und machte , von Burschen und Mädchen umstanden , von diesen unter Lachen zurückgehalten , von jenen angetrieben , mehrmals vergeblich einen Versuch , die schwarze zinkige Waffe in den weichen seidenglänzenden Flachsleib zu stoßen . Endlich aber traf die Gabel unter lautem Jauchzen aller Anwesenden den Rocken , er stürzte an die Erde und die Spinte war erstochen ! - Sogleich wurden nun die Spinnrädchen fortgeschafft , die Schemel an den großen Tisch gerückt , auf dem schon Kuchen , Bier und Tabak in Menge stand , und Mädchen und Jünglinge nahmen in weitem Halbkreise nach Belieben Platz . Nur für Wirth und Wirthin ließ man einen freien Gang , um sie im Zutragen neuer Lebensmittel nicht zu stören . Clemens erklärte die Spinte nochmals für todt und forderte die Gesellschaft auf , dies wichtige Fest so heiter und lustig wie möglich zu begehen . Die Wenden theilen mit ihren übrigen slavischen Brüdern nur das heitere sinnliche Temperament , das gern in laute Lustbarkeit ausbricht , dagegen ist ihnen der Hang zu ritterlichen Thaten , zu Kampf und Krieg , dem sich die große Masse aller slavischen Völkerschaften so gern hingibt , nicht eigen . Sie lieben den Frieden , die stille Häuslichkeit , die Freuden geselligen Zusammenlebens und harmloser Vergnügungen über Alles und vermeiden jeglichen Streit , wenn es irgend möglich ist . Beschäftigungen des Friedens , die nichts mit Waffenprunk zu thun haben , sind ihnen die liebsten . Darum blühten stets und blühen noch heute unter diesem singenden Volk der Haide Ackerbau , Fischerei und Bienenzucht mehr , wie anderwärts , und der Soldatenrock wird von ihnen , selbst in Friedenszeiten , mit furchtsamem Auge betrachtet . Werden sie aber zum Kriegshandwerk gezwungen , so wissen sie sich mit slavischer Gewandtheit in das Unvermeidliche zu fügen und selbst eine Tapferkeit anzueignen , die der angebornen wenig nachgibt . Das Festmahl , welches die Spinngesellschaft in Ehrholds Hause der erstochenen Spinte zu Ehren hielt , war so heiter , wie man es nur wünschen konnte . Einer von des Wirthes Knechten spielte das Brummeisen mit bewundernswürdiger Gewandtheit und entlockte der zitternden , feinen Stahlzunge mit Meisterschaft alle Melodien der vielen Lieder , die nur dem Volke bekannt sind und sich unter diesem von Generation zu Generation fortpflanzen . So oft der geschickte Spieler eine neue Melodie auf das Brummeisen hauchte , brach die Gesellschaft , die schmausend und lachend um den großen Tisch saß , das Gespräch ab , um in Menge oder von einem Vorsänger geleitet , je nachdem die Melodie es mit sich brachte , ihre geliebten Gesänge anzustimmen . Man setzte dies eine geraume Zeit fort , bis einer der Burschen sich Röschens gegebenen Versprechens erinnerte und jetzt , mit geballter Faust auf den Tisch schlagend und seine kurze dampfende Holzpfeife aus dem vergnügt lächelnden Munde nehmend , ausrief : » Gottes Segen auf uns ! Haideröschen muß erzählen ! « Von allen Seiten stimmte die Versammlung dieser Aufforderung bei und Röschen war ein viel zu natürliches und unverdorbenes Kind des Waldes , als daß sie sich , wie dies unsere fein gebildeten und wohlerzogenen Mädchen mit so wirksamer Koketterie zu thun wissen , mit scheinbarer Schüchternheit lange gesträubt hätte . Sie nickte vielmehr beistimmend ganz vergnügt , mit ihren großen kornblumenblauen Augen die Gesellschaft überblickend , legte beide Arme , die von dem blendend weißen » Kittelchen « leicht verhüllt und am Handgelenk mit Knöpfchen von Glasperlen zugeheftet waren , so auf den Tisch , daß die vollen runden Ellbogen die Höhlung ihrer kleinen Händchen füllten , und wartete nur auf völlige Ruhe und auf das tüchtige Qualmen aller in Thätigkeit gesetzten Tabakspfeifen . Röschen zählte siebzehn Jahre und war so schlank und ebenmäßig schön gewachsen , wie die jungen Tannen der Haide , aus der sie stammte . Fast alle Wenden , am meisten aber die Mädchen , zeichnen sich durch hohen Wuchs , durch schöne Körperform und durch einen wunderbar reinen Teint aus . Das Wort : » Ein Mädchen wie Milch und Blut « läßt sich vorzugsweise auf Mädchen wendischen Stammes anwenden . Auch sind sie ihrer starken Gesundheit wegen im ganzen Lande berühmt und bei den Vornehmen bis auf den heutigen Tag als Ammen überaus gesucht . Ein solches Mädchen nun von Milch und Blut war Röschen . Krankheit kannte Sie nur vom Hörensagen , denn ihr hatte buchstäblich noch kein Finger weh gethan sie müßte sich denn beim Abraffen des Getraides zur Aerndtezeit in eine Distel gestochen haben . Röschen hatte seidenweiches goldgelbes Haar , das sie nach der Sitte ihres Volkes in Flechten geschlungen und in ein hohes Kränzchen auf der Mitte des Kopfes zusammengebunden trug und hier mittelst einer messingenen » Senkenadel « befestigte . Diese Fülle reichen Haares , das jede Dame von Welt als verführerisches Netz ausgeworfen haben würde , um schmachtende Anbeter darin zu fangen , verhüllte Röschen im Haus und bei der Arbeit mit einem roth und blau gewürfelten Tuche von Kattun , das sie in ein Dreieck zusammengeschlagen über den Kopf legte , zwei Zipfel in den Nacken herabfallen ließ und die andern beiden unter dem feinen Kinn lose zusammenschürzte . Diese ungekünstelte , einfache Kopfbedeckung , die nirgends für einen Kopfputz angesehen wird , kleidet doch alle jungen und hübschen Landmädchen äußerst vortheilhaft , da sie das reine Oval der heitern , rosigen Gesichter in flatternden Purpur faßt , der wie das Blatt irgend einer mährchenhaften Pflanze oder wie ein luftiges Gewölk Haar und Wangen der ländlichen Schönen umgibt . Der allgemeine Reiz dieser Tracht ward bei Röschen noch erhöht durch die vielen zarten und dicht gekräuselten kleinen Löckchen , die rund um ihre Stirn wie goldene Rosenknospen blühten und , wenn sie den schönen Kopf bewegte , sich häufig auf die klare Stirn herabbeugten , als wollten sie diesen Tempel ächter Jungfräulichkeit ehrfurchtsvoll küssen . » Wenn Ihr fein ruhig seid und mich nicht auslacht , « sagte jetzt dies anmuthige Geschöpf voll gesunden Mutterwitzes , » so will ich Euch zur Belohnung für Eure schönen Lieder das Mährchen von den andächtigen Sängern erzählen . Habt Ihr die Geschichte schon einmal gehört ? « » So wie Du ' s erzählen wirst mit Deinen Marienlippen , « sagte Clemens , » so haben wir ' s sicher noch nicht gehört . « » Wir kennen ' s auch nicht ! « betheuerten ein paar andere junge Bursche . » Nun so hört denn zu ! « versetzte Röschen , ihr blühendes Gesicht gegen Clemens wendend , an den sie vorzugsweise ihre Mährchenworte zu richten schien . » Noch einen Augenblick , Röschen ! « fiel Ehrhold ein . » Das Heerdfeuer will verlöschen und das wäre ein schlimmes Zeichen . Des Wanderers Lampe muß hell brennen , wenn die Ohren der Bauern nicht Zeit haben , aufzupassen ! « Damit warf er ein paar Hände voll Kienspäne auf den Kamin , daß die glimmenden Kohlen schnell hoch aufloheten , und setzte sich wieder an den Tisch . Haideröschen begann : Das Mährchen von den andächtigen Sängern.1 » Es geschah aber , daß der Herr Christus und der heilige Petrus in der Welt herumwandelten . Und sie kamen in ein Dörflein , wo man in einem Hause so schön sang . Und der Herr Christus blieb stehen , um zuzuhören , der heilige Petrus ging aber immer weiter . Und als er ein Stückchen weiter gekommen war , sah er sich um und der Herr Christus stand noch dort . Der heilige Petrus ging aber immer weiter . Und als er ein Stückchen weiter gekommen war , sah er sich wieder um und der Herr Christus stand noch immer da . Der heilige Petrus ging aber doch noch immer weiter . Und als er ein Stückchen weiter gekommen war , sah er sich noch einmal um und siehe - der Herr Christus stand immer noch da und hörte zu . Da kehrte der heilige Petrus auch um und kam wieder zu dem Hause und dort sang man so schöne Volkslieder . Da sie nun eine Zeitlang zugehört hatten , gingen sie beide weiter und kamen an ein anderes Haus , dort sang man auch . Und der heilige Petrus blieb stehen , um zu horchen , der Herr Christus ging aber immer weiter . Da ging der heilige Petrus auch weiter und wunderte sich gewaltig . Da sprach der Herr Christus : Was wunderst Du Dich so gewaltig ? Und der heilige Petrus sprach : Ich wundere mich darüber so gewaltig , daß Du dort stehen bliebst , wo sie Volkslieder sangen , und hier vorbeigehst , wo sie geistliche Lieder singen . Da sprach der Herr Christus : Mein lieber heiliger Petrus , dort singen sie Volkslieder , aber mit aller möglichen Andacht , hier singen sie geistliche Lieder , aber ohne die geringste Andacht . « Allgemeines Händeklatschen belohnte die glückliche Mährchenerzählerin , und als wollte man zum Dank für das rechtfertigende und kluge Wort Christi im Mährchen sich selbst eine Genugthuung zu Theil werden lassen , stimmten sogleich ein paar von den Burschen das Lied von der Brautwahl an , in welchem das reiche Mädchen dem armen klagt , daß sie ein und denselben Schatz mit ihr liebe , und sie bittet , ihr den Burschen gegen ihren eigenen Bruder abzutreten . Das Mädchen dankt jedoch für diesen Tausch und ihr Bursche , der die Pferde hütend das Gespräch mit angehört hat und in dessen Herzen sich doch die Lust nach reichem Besitz bei den Worten des wohlhabenden Mädchens regt , wird durch die Entgegnung seiner armen Geliebten schnell wieder zu seiner Pflicht zurückgeführt und verschmäht die arbeitsscheue Reiche , um der Armen Herz und Hand zu reichen . » Nun was Lustiges ! « rief Clemens . » Das Lied war zwar hübsch und recht herzerquickend , wenn aber Haideröschen ihr Purpurglöckchen läutet , klingt ' s doch noch viel schöner . Was meint Ihr ? « » Ach ja , Röschen muß uns noch eins ihrer Mährchen erzählen ! « riefen einige von den Mädchen . » Aber was recht Lustiges , das bitt ' ich mir aus ! « sagte nochmals der lebhafte Clemens . » Ich weiß aber nichts , das so lustig ist . « » Warum denn nicht ? Besinne Dich nur ! « » Das hilft nicht . Wenn mir ' s nicht gleich einfällt , so kommt auch beim Nachdenken nichts heraus . « » Du weißt aber doch ein lustiges Mährchen , « sagte ihre Nachbarin . » Gelt , Du hast ' s uns erzählt letzthin zur Vesper beim Flachsbrechen ! Nun ? « » Ich erinnere mich nicht . « » Es war eine Geschichte von einem armen Manne - « » Mit den vielen Kindern , meinst Du ? « fiel Röschen ein . » Ganz recht . O bitte , erzähle sie uns ! « » Ja die Geschichte ist recht lustig , « sagte Röschen schelmisch lächelnd . » Es kommt mir nur vor , als wolle sie jetzt , wo ich ein so ernsthaftes Mährchen vorgetragen habe , nicht recht passen . « » Sieh , Schelm ! « rief Clemens , » bist Du nicht gerade wie der heilige Petrus ? Wäre doch der Herr Christus gleich bei der Hand , er würde Dir Dein Flachsköpfchen schön waschen ! Unser Herrgott hat uns das Lachen in die Augen und in das ganze Gesicht gelegt , daß wir recht oft diesen fröhlichen Spiegel seinem Himmel zukehren sollen , damit er an ihm sehen kann , ob wir auch noch seinem Ebenbilde gleichen ! « » Immer frischweg erzählt , « sagte Ehrhold ermunternd . » Es ist eben so wenig eine Sünde , als wenn Einer bei der Litanei niest und sein Nachbar ruft ihm Gott helf ! zu . « Röschen , noch blühender aussehend , wie gewöhnlich , blinzelte mit ihren strahlenden Augen Clemens zu und begann abermals : Die Geschichte vom armen Manne , der die vielen Kinder hatte . » Es war aber einmal ein Vater und eine Mutter , die hatten eine große Schaar Kinder . Da fuhr der Vater einmal in die Stadt und kaufte ein Viertel Eicheln . Als er nach Hause kam , gab er jedem Kinde eine , und da blieb noch eine übrig , die warf er hinter den Ofen und daraus erwuchs eine Eiche bis in den Himmel . Darauf sagte der Vater , daß er daran hinaufsteigen wolle . Die Mutter sagte : Meinetwegen steige hinauf ! Er kam hinaufgestiegen und klopfte an . Gott der Herr sprach zu St. Petrus : Geh ' , sieh , wer dort klopft . Er ging und sagte : Wer ist da ? Der arme Mann sagte : Ich , der arme Mann , der die vielen Kinder hat . Sanct Petrus sagte : der arme Mann , der die vielen Kinder hat . Gott der Herr sprach zu St. Petrus : Im Kämmerlein sind zwei Laib Brod , gib sie ihm . Der arme Mann stieg fröhlich herab und rief : Frau , mach ' auf , ich habe es gut getroffen , ich bringe zwei Laib Brod . Sie verzehrten das Brod und er sagte : Frau , ich möchte dort wieder hinaufsteigen . Sie sagte : Meinetwegen steige hinauf . Er kam dort wieder hinaufgestiegen und klopfte an . Gott der Herr sprach zu St. Petrus : Geh ' , sieh , wer dort wieder klopft . Er ging und sagte : Wer ist da ? Der arme Mann antwortete : Ich , der arme Mann , der die vielen Kinder hat . St. Petrus sagte : Der arme Mann , der die vielen Kinder hat . Gott der Herr sprach zu St. Petrus : Im Kämmerlein steht ein Korb mit Semmeln , gib sie ihm . Der arme Mann der stieg wieder fröhlich herab und rief : Frau , mach ' auf , ich habe es wieder gut getroffen , ich bringe einen Korb mit Semmeln . Sie verzehrten die Semmeln und er sagte : Frau , ich möchte dort wieder hinaufsteigen . Sie sagte : Meinetwegen steige hinauf . Er kam dort hinaufgestiegen und klopfte an . Gott der Herr sprach zu St. Petrus : Geh , sieh , wer dort schon wieder an die Thür donnert . Er ging und sagte : Wer ist da ? Der arme Mann antwortete : Ich , der arme Mann , der die vielen Kinder hat . St. Petrus sagte : Der arme Mann , der die vielen Kinder hat . Gott der Herr sprach zu St. Petrus : Hinter der Thür steht ein großer Stock , nimm den und haue ihn doch so durch , daß er von einem Aste auf den andern fliegt . St. Petrus ging hin und hieb ihn durch . Der arme Mann stieg eilig herab und rief : Frau , mach ' auf , mach ' auf , ich bin dort sehr übel angekommen , ich bringe sehr große Prügel mit - « Während die jungen Mädchen noch über die humoristische Bestrafung des Unersättlichen lachten und die Burschen sich nicht genug in Lobeserhebungen über das prächtige Erzählertalent Röschens erschöpfen konnten , klopfte es einigemal an den halbgeschlossenen Fensterladen , erst leise , dann laut und immer lauter . Ehrhold bemerkte es zuerst und gebot der summenden Spinngesellschaft Ruhe . Sogleich erscholl das Klopfen von neuem und diesmal so stark , daß die hölzerne Balkenwand schütterte . » Nun , nun , reißt mir nur nichts Haus ein ! « sagte der Wirth aufstehend und so laut , daß der außen so heftig Anklopfende seine Worte vernehmen konnte . » Ihr hört ja doch , daß die Spinte beisammen ist und unter Scherz und Lust begraben wird , werdet ' s also erwarten ! Was soll ' s denn ? « » Das Krummholz ist da , « erwiederte von draußen die Ehrhold wohlbekannte Stimme des Nachbars . » Schon wieder ? Was hat denn der Richter zu melden ? « versetzte Ehrhold , den Schieber am Fenster öffnend und den hölzernen Laden vollends aufstoßend . Ein Mann in Pelzmütze und weißgrauem Schaafpelz reichte ihm ein krummes , fast wie ein Hammer gestaltetes Holz , an das ein Papier genagelt war , welches eine Einladung oder einen Befehl der Obrigkeit enthielt , der auf diese Weise den einzelnen Hauswirthen zugeschickt und mitgerheilt ward . » Es ist von wegen der Hofemädchen , « sagte der Nachbar . » Der Herr will sie über acht Tage beschauen und sich die kräftigsten und die ihm am meisten gefallen aussuchen . Ihr sollt deshalb , wie alle Andern , übermorgen in der Dämmerung in die Schenke kommen und da Meldung thun , welche und wie viele Mädchen Ihr zu stellen habt . Weiter steht nichts auf dem Papiere , und wollt Ihr Eure Gäste nicht gern verlassen , so mach ' ich mir schon den Spaziergang bis zum nächsten Nachbar . « » Vielen Dank , Nachbar , und es wird mir lieb sein , « erwiederte Ehrhold . » Was aber für dieses Jahr den Mägdedienst bei Hofe anbelangt , so habe ich Niemand zu stellen . Ihr wißt ' s ja . « » Ihr kommt aber doch in die Schenke , Nachbar ? « » Ich werd ' schon da sein und meinen Krug Bier trinken . « » Gute Nacht denn und fröhliche Spinte ! Ich denke , es wird diese Nacht noch ein Schneegestöber geben . Ihr könnt immer vor Schlafengehen die Bodenfenster schließen , daß Euch der schöne Winterwaizen nicht verweht wird . « » Gute Nacht ! « sagte Ehrhold , schloß Laden und Fenster und setzte sich wieder zu seinen Gästen . » Vater Ehrhold , « nahm Clemens das Wort , ohne Zweifel durch Röschen dazu veranlaßt , die ihn während des Wirthes Gespräch mit dem Nachbar zu sich gerufen und heimlich mit ihm geflüstert hatte , » wir hätten Lust , wie wir da beisammen sitzen , künftigen Sonntag über drei Wochen nach Königshain zu gehen . Ihr seid doch mit dabei ? « » Was habt Ihr dort vor ? « » Ach , da ist das Todaustreiben , Vetter , « fiel Röschen ein , vor Freude in die Hände klatschend , » und das möcht ' ich gar so gern einmal mit ansehen ! Es gehen viele hin , auch der Vater wird vermuthlich dort sein , da er um diese Zeit für die gnädigste Herrschaft eine Lieferung Getraide nach Görlitz führen muß . Ich will auch recht fromm sein die Zeit her und für Dich und die Muhme so schöne Käse machen , daß Du auf Ostern beim Kuchenbacken Deine Freude daran haben sollst ! Geh nur mit ! « » Wenn den Andern so viel daran liegt , wie Dir , so werd ' ich wohl nachgeben müssen . Zwar hab ' ich mir sagen lassen , es sei weiter nichts als ein dummer Spectakel , bei dem viel müßiges Volk zusammenlaufe , Abends die Schenken auskehre und sich auf dem Heimwege die Jacken tüchtig ausklopfe , indeß - Dir zu Liebe - « » Nun also mir zu Liebe , Vetter , und meinem guten Vater , der sich um das Unglück meines Bruders so sehr grämt ! « » Kind , Kind , « versetzte Ehrhold , » mit Deinen frommen blauen Augen ziehst Du einem das Herz aus der Brust ! Was will ich thun ? Ich muß klein zugeben , um nur den lieben hellen Himmel in Deinem Köpfchen nicht zu trüben . Ganz umsonst aber will ich mein Versprechen doch auch nicht geben . Gewähr um Gewähr ! Ich begleite Dich und die ganze Spinngesellschaft nach Königshain für ein Mährchen und zwar ein frommes , das Du uns zum Schlusse erzählen sollst . « » Hurrah , ho ! « riefen die jungen Burschen und schwenkten ihre Mützen , und die Mädchen fielen plaudernd über einander her , als hätten sie sich die wichtigsten Dinge mitzutheilen . Röschen aber nahm ihre vorige hausmütterliche bequeme Stellung wieder ein und sagte mit der freundlichsten Miene von der Welt : Zum Schluß der Spinte das Mährchen von Diter Bernhard . » Es war aber einmal ein vornehmer , frommer Herr mit Namen Diter Bernhard , so fromm , daß er seine Kleidung in die Sonnenstäubchen hängen konnte , ohne zu fürchten , daß sie auf die Erde fielen . Er ging jeden Sonntag in die Kirche und erblickte dort einst den Teufel hinter dem Altare sitzen , wie er die Namen derjenigen auf eine Kuhhaut schrieb , welche in der Kirche schliefen . Der Teufel hatte aber die Haut ganz und gar vollgeschrieben und fing sie daher an mit den Zähnen auszudehnen , damit er noch mehr aufschreiben könnte . Sie entschlüpfte ihm aber auf einmal und er schlug mit dem Kopfe so an die Wand hinter sich , daß ihm ein Zahn ausfiel . Hierbei konnte sich Diter Bernhard des Lachens nicht enthalten . Weil er aber in der Kirche gelacht hatte , so rechnete ihm dies der liebe Gott als eine große Sünde an . Als Diter Bernhard nach Hause gekommen war , wollte er seine Kleidung wieder in die Sonnenstäubchen hängen , aber diese hielten sie nicht mehr und sie fiel dort zur Erde . Darüber erzürnte er sich und wollte dem lieben Gott auch etwas zum Possen thun . Und er nahm Brosamen und warf sie in seine Stiefel und schritt einher , indem er so Gottes Gabe mit Füßen trat . Deswegen entführte ihn bald ein Wagen in die Luft , und er fährt dort seiner Bosheit wegen noch bis zum heutigen Tage umher . « » Besten Dank , mein liebes Röschen , « sagte Ehrhold . » Ich erkläre hiermit die Spinte für geschlossen , damit nicht Einer oder der Andere auf schlechte Gedanken komme , sondern ein Jeglicher als rechtgläubiger Christ den Heimweg antrete . Gute Nacht , meine lieben , ehrenwerthen Gäste ! « Ehrhold gab das Zeichen zum Aufbruch , Alle reichten ihm und seiner Frau beim Abschiede die Hand , bedankten sich für gute Bewirthung und heitere Unterhaltung , und verließen , die Mädchen schirmend umgebend , das Bauernhaus . Fußnoten 1 Dies und die folgenden kurzen Mährchen sind wörtlich dem trefflichen Werke Volkslieder der Ober-und Niederlausitz von Haupt und Schmaler herausgegeben entlehnt . Zweites Kapitel . Der Todtensonntag . Die warme Märzsonne am wolkenlosen Himmel machte den Schnee auf den Gebirgen schmelzen und ließ zahllose Bäche über Wiesen und Saatfelder rieseln , daß überall schon an den bewässerten Stellen zarte Keime eines frischen , erquickenden Grüns aus der Erde hervorsproßten . Auch die Saalweiden enthüllten ihre weichen honiggelben , süßduftenden Blüthen der milden Luft und ragten hie und da an den bewaldeten Bergen über die noch dürren Gesträuche wie leuchtende Kerzenbüschel empor . Knaben und Mädchen sah man in einzelnen Gruppen auf den Rainen unfern der Dörfer hinwandeln und diese Erstlingsgeschenke des wiederkehrenden Lenzes triumphirend in der Luft schwingen . Sie zogen heim aus den Hügeln , um ihre niedrigen schwarz geräucherten und dunstigen Stuben mit den Palmzweigen des deutschen Nordens , die sie in ihrer kindlichen Weise » Palmmietzel « nennen , zu schmücken . Einer Schaar solcher mit blühenden Weidenzweigen versehener Kinder begegnete am Sonntage Lätare des genannten Jahres in den schon erwähnten Königshainer Bergen ein rüstig über die Felder einsam daher schreitender Mann . Die Kinder grüßten ihn freundlich , wie einen guten Bekannten , wünschten ihn gute Geschäfte und einen fröhlichen Nachmittag und eilten beschleunigten Schrittes dem großen Kirchdorfe zu , das sich am Fuß dieser Berge im fruchtbaren Thale ausbreitet . Der Gegrüßte dankte eben so freundlich den Kleinen , ließ sich aber in kein Gespräch ein , da er selbst ebenfalls Eile zu haben schien . Es war ein kräftiger Mann von untersetzter Statur in einem Alter von etwa dreißig Jahren . Seine Tracht bestand aus einer blautuchenen Jacke mit großen Seitentaschen , kurzen Beinkleidern von schwarzem Leder , graublauen Strümpfen und schweren rindsledernen Schuhen mit großen Messingschnallen .