. Lache nur jetzt nicht , bat Therese verdrießlich , wo das ganze Publikum in so entgegengesetzter Stimmung ist , Du machst Dich dadurch unangenehm auffällig . Man hatte einen Augenblick auf Julian gewartet , als man das Theater verlassen wollte . Da er nicht kam , nahm Therese Alfred ' s Arm , Theophil führte Eva und man stieg die Treppen hinab . Die Harcourt ist in der That die größte Künstlerin in ihrem Fache , die ich jemals gesehen habe , sagte Alfred , und sie muß überhaupt eine sehr geistreiche Frau sein . Ich habe Lust bekommen , sie persönlich kennen zu lernen . Welche Wahrheit in der Darstellung der Leidenschaft ! so spielt man nur , was man vollkommen versteht . Nur etwas mehr Stolz hätte ich ihr gewünscht , den ungerechten Anschuldigungen gegenüber , die der Gemahl auf sie häuft . Therese , im Innern lebhaft mit Sophien und den Ereignissen der letzten Augenblicke beschäftigt , ging schweigend neben Reichenbach her , seine Worte bedenkend . Plötzlich sagte sie nach langer Pause : Das grade ist das Wahrste in Sophien ' s Spiel gewesen ! sie muß die Liebe bis zu ihrem Höhepunkte kennen . Ihr Männer urtheilt , wie ihr es versteht , ihr sprecht von Stolz in der Liebe . Mein Gott ! Stolz in der Liebe ! - wiederholte sie leise . Und zweifeln Sie , daß es den gäbe ? fragte Alfred . Zweifeln Sie , daß es einen Grad der Kränkung gibt , dem gegenüber es Pflicht wird und Nothwendigkeit , sich mit dem Gefühl der eigenen Würde zu waffnen , um sich nicht untergehen zu lassen ? Ich weiß es nicht , entgegnete Therese , ich aber würde gewiß die Kraft dazu nicht in mir finden , selbst wenn ich sie suchen wollte . Stolz setzt doch immer Eigenliebe voraus und wahre weibliche Liebe ist ganz Hingebung , ganz Demuth . Wie kann man Stolz empfinden , wo man in opferfreudiger Liebe sich einem Anderen zu eigen macht ? Daß die Harcourt allen Kränkungen gegenüber kein anderes Gefühl darstellt , als den tiefen Kummer , nicht geliebt zu werden , die tiefe Betrübniß , nicht von ihrer Liebe überzeugen , nicht durch sie beglücken zu können , das ist ja eben so groß und so wahr in ihr . Sie werden wenig Frauen finden , die diese Ansicht mit Ihnen theilen , meinte Alfred , so unwiderstehlich diejenigen auch sein würden , die danach handelten . Weil wenig Frauen groß genug sind , sagte Therese mit schöner Erhebung , jene wahre Liebe zu fassen , mit der die Frauen des alten Testamentes sprachen : » Herr ! ich bin Deine Magd . « - Wie viel Frauen kennen denn das Glück , in einer großen Liebe aufzugehen , sich ihr ganz ausschließlich hinzugeben und nichts zu wollen , als nur sie ? Therese ! rief Alfred im Tone reinster Freude , theure Therese , jetzt endlich finde ich Sie wieder ; das ist das warme , das schöne Herz , das ich früher kannte , in das ich blicken durfte , als wir Beide noch gar so wenig vom Leben wußten . Auch ich , Therese , glaube noch an die großen Ideale unserer Jugend , aber haben Sie , außer der Ihren , viele Seelen gefunden , die dieser unselbstischen Liebe fähig gewesen sind ? Nein , nur wenige ! antwortete Therese , doch das war nicht Schuld der weiblichen Natur , denn dieser wohnt der Trieb inne , aufzugehen in der Liebe zu dem Manne ihrer Wahl . Es ist die Schuld der weiblichen Erziehung und unserer mißgestalteten Verhältnisse . Nicht die Liebe ist es , was die Meisten verlangen , es ist die einträgliche Stelle einer Hausfrau , das gesicherte Dasein einer solchen . Sie heirathen , um den Tand zu besitzen , den Flitter , an dem ihr Herz hängt , der sie beglückt ; sie wollen glücklich sein , nicht glücklich machen . Jene Liebe , welche die Harcourt uns zeigte , die einzig wahre , die will nichts für sich , als lieben und leben dürfen für den Geliebten ! Nicht auch dem Geliebten ganz zu eigen sein , ihn ganz ihr Eigen nennen ? fragte Alfred . Glauben Sie , daß es eine wahre Liebe gibt , die nicht nach gänzlicher Vereinigung strebt ? Ich halte das für ihr Kennzeichen . Schelten Sie mich engherzig , eigensüchtig - ich muß es ertragen . Ich hasse alle Entsagungstheorien . Ich will besitzen , was ich liebe , es soll mein sein und müßte ich es der Welt abtrotzen . Ja ! ich hasse sie tief , all die blasse verzichtende Entsagung , denn wir sind sicher zum Glück , nicht zum Entbehren auf der Welt . Der Muth zum Kampfe und die Lust daran mögen in der Natur des Mannes liegen , ich besitze sie Beide nicht , entgegnete Therese . Der bloße Gedanke an große Zerwürfnisse ängstigt mich , ich habe Furcht vor dem Urtheile der Menge ; ich wäre untröstlich , müßte ich je einen Schritt thun , der die Augen fremder Leute auf mich zöge ; und ich begreife nicht , wie eine Frau es überwindet , mit der Oeffentlichkeit in Berührung zu treten . Und doch haben Sie eben die Harcourt bewundert ! Glauben Sie nicht , daß diese einen Beruf erfüllt ? Sagten Sie nicht eben , daß Sie sie einer großen , wahren Liebe fähig hielten , einer Liebe , die jeder weiblichen Natur den höchsten Adelsbrief ertheilt ? Da Therese schwieg , nahm Alfred nach einer Weile das Wort und sagte : Warum verbergen Sie Ihr besseres Gefühl , warum wollen Sie , die eben in so großer Seelenschönheit vor mir standen , klein sein und von Vorurtheilen befangen ? Ich weiß , was Sie gegen die Harcourt einnimmt - aber gewiß , Therese , Sie haben Unrecht . Das kann wohl sein , antwortete sie ihm , aber ich liebe die Frauen nicht , welche den Muth haben , sich über Vorurtheile wegzusetzen ; denn dieser Muth ist in meinen Augen eine Feigheit . Das ist hart ! sagte Alfred . Theresen ' s Arm zitterte in dem seinen und mit bebender Stimme sagte sie : Begreifen kann ich es , daß eine Frau aus Liebe so feig wird , nicht entsagen zu können , sich selbst untreu zu werden - vergeben kann ich es nie . So beten Sie , daß nie die Stunde der Versuchung für Sie komme ! rief Alfred ernst , als sie Theresen ' s Wohnung erreicht hatten und er sich empfahl , während Theophil und Eva mit ihr in das Haus gingen , um den Abend bei ihr zuzubringen . X Ich komme , Dich zu fragen , sagte an einem der nächsten Tage Herr von Reichenbach zu dem Präsidenten , ob Du das Testament geprüft hast und was Du davon hältst ? Der Präsident zog bedenklich die Schultern in die Höhe und meinte : die Sachen stehen für Dich nicht eben günstig . Ich halte es nicht für unmöglich , daß der Clerus in Deiner Ehescheidung , und namentlich , wenn Du daran denken solltest , Dich anderweit zu verheirathen , diese Handlung als ein Zeichen Deines Austrittes aus dem Kirchenbunde ansehen könnte , da ihm thörichter Weise von dem Erblasser eine Art geistlicher Aufsicht über die Besitzer des Nachlasses eingeräumt ist . Indeß fehlen noch die beiden Codicille , von denen Du mir gesagt hast und ohne die ich Dir darüber und wegen der Nachfolge Deines Sohnes keine bestimmte Auskunft geben kann . Alfred bedauerte diese Papiere nicht zur Hand zu haben , sie waren in seinem Schreibtisch geblieben und er konnte sie nicht gut von einem Andern hervorsuchen und sich nachsenden lassen . Der Präsident rieth ihm selbst davon ab und fügte hinzu : Ueberhaupt würde ich zunächst an Deiner Stelle die Sache nicht auf die Spitze stellen . Was gewinnst Du bei dem Scheidungsprozesse ? Welche Frage ! rief Alfred , ich lebe in der unglücklichsten Ehe , ich will mich trennen und Du fragst , was ich dadurch gewinne ? - Ich gewinne meine Freiheit wieder . Und fehlt Dir die jetzt ? fragte der Präsident . Bist Du nicht frei in diesem Augenblick ? Wärst Du ein armer Bürger , der sein kümmerliches Geschäft betreibt und eine Schaar kleiner Kinder hat , die einer Mutter bedürfen , wenn die rechte Mutter nichts taugt , so begriffe ich Deinen Wunsch , von der einen Frau geschieden zu werden , wenn Du eine andere nehmen wolltest . Für Dich aber ist es ein unkluger Schritt . Du liebst Deine Frau nicht , aber Du liebst vorläufig doch noch keine Andere . Gut ! so lebe Du hier und mag sie dort nach ihrer Neigung schalten . Der Plan , Dich von Deiner Frau durch den hiesigen Aufenthalt zu trennen , war vernünftig ; er machte Dich von den unangenehmen Berührungen völlig frei und gab kein unnöthiges Gespräch und Aufsehen . Der Vorsatz , Dich gerichtlich scheiden zu lassen , ist unpraktisch ; er macht Dich nicht freier und wird großes Gerede geben , da auf Dich , den beliebten Autor , die Augen der Menge gerichtet sind . Zur Scheidung ist es noch Zeit , wenn Du einmal eine neue Ehe eingehen wolltest , bis dahin warte damit . Was soll überhaupt die unnütze Eile ? Alfred saß nachdenkend da . Es lag viel Wahrheit in den Behauptungen des Präsidenten und dennoch war Etwas darin , das ihm widerwärtig und abstoßend erschien . Was ihn leidenschaftlich bewegte , was ihm zu einer Lebensfrage geworden war , von Andern kalt beurtheilt , es zum Gegenstande einer ruhigen Erwägung und Berechnung gemacht zu sehen , hatte etwas Schmerzliches und Verletzendes für ihn . Zudem verlangte sein Gemüth nach Schönheit , nach vollständigem Genügen , und in der Halbheit , die der Präsident ihm vorschlug , fanden auch diese Ansprüche sich nicht befriedigt . Mir sind gewaltsame Schritte allerdings auch sehr zuwider , sagte Alfred nach einer Pause , weil sie mein Gefühl beleidigen ; das , was Du Aufsehen nennst , ist mir aber sehr gleichgültig . Ich bin es gewohnt , dem Publikum gegenüber zu stehen mit meinem Dichten und Wirken ; ich scheue es nicht , ihm auch meine eigensten Verhältnisse darzulegen ; denn ich thue Nichts , was ich nicht vertreten kann , nichts als Das , was ich für mein heiligstes Recht , für meine Pflicht erachte . Wer spricht denn davon , daß Du ein Unrecht zu verheimlichen hättest ? entgegnete der Präsident . Aber denke Dir nur die Bemerkungen der Fremden , das Herumschleppen vor den Gerichten und was daran Widerwärtiges noch hängt , und ich glaube Du stimmst mir bei . Das fällt fort , meinte Alfred , wenn Caroline ebenfalls in die Scheidung willigt . Ganz und gar nicht ! nur bei kinderlosen Ehen genügt die gegenseitige Einwilligung zu einer Trennung und Du bist ja der Zustimmung Deiner Frau noch keineswegs sicher . Folge mir , Alfred ! laß die Angelegenheit noch eine Weile schweben . Wer weiß , wie sich Carolinen ' s Ansicht , wie Deine eigene Meinung sich noch ändert . Das Aeußerste zu thun , bleibt Dir ja immer Zeit . Inzwischen schreibt mir Caroline fast alltäglich , und in einer Weise , daß ihre Briefe mich immer neu verstimmen , sagte Alfred mißmuthig und seufzend . Schicke sie uneröffnet zurück . Das vermag ich nicht , ich kann meiner Frau , so lange sie noch meine Frau ist , solch eine Beleidigung nicht anthun ! erklärte Alfred sehr bestimmt , am Wenigsten , da Felix jetzt noch bei ihr ist . So hole ihn her , sagte der Präsident . Du hast mir , denke ich , schon vor einiger Zeit gesagt , daß Du einen Lehrer für ihn gefunden und Alles für seinen hiesigen Aufenthalt vorbereitet hättest . Ach , mein Freund ! rief Alfred schmerzlich , wenn Du Dir vorstellen könntest , wie all diese Verhältnisse mir das Herz zerreißen , wie sehr ich unter ihnen leide , Du würdest mich weniger schwach schelten , als ich Dir offenbar erscheine . Felix durch einen Fremden von der Mutter abholen zu lassen , scheint mir eine entsetzliche Härte ; und ich selbst ? - Ich kämpfe seit vielen Tagen mit dem Gedanken , wie ich es anfange , mir den Sohn herzuschaffen , ohne daß seine Mutter es zu schwer empfindet . Ich will selbst nach dem Schlosse gehen , aber mir bangt vor dem Wiedersehen und vor der Trennung . Fasse einen festen Entschluß und gehe morgen , sagte der Präsident . Morgen ? wiederholte Alfred , nein ! morgen nicht , ich würde dann gerade am achtundzwanzigsten , an Carolinen ' s Namenstage eintreffen - das ist unmöglich . Er seufzte und sagte : Aber ich werde bald thun , was gethan sein muß . Ich werde zu ihr reisen , werde Felix mitbringen und mir ihre Zustimmung zu unserer Scheidung zu verschaffen suchen . Ich muß der Sache ein Ende machen , dieses beständige Schwanken ertrage ich nicht . Thue , was Du nicht ändern kannst , meinte der Präsident , und im Grunde kann ich Dich so hart nicht tadeln , denn auch ich habe heute einen entscheidenden Schritt gethan , um mich aus peinlichen Verhältnissen zu erlösen . Ich habe mit der Harcourt gebrochen . Heute ? fragte Alfred bestürzt , heute ? nach dem neulichen Vorfall ? Nimmermehr ! Gerade deshalb , sagte Julian . Ist ihr Betragen denn nicht höchst verletzend für mich gewesen ? Wie eine Rasende spielt sie Komödie in der Komödie , macht mich zum Zielpunkt für alle Blicke , und weshalb ? - Weil irgend ein närrischer Mensch ihr vorgeschwatzt , ich wolle Eva heirathen . Ich sah den Sturm heranziehen , ich verließ die Loge , um sie in ihrer Garderobe aufzusuchen ; kaum aber bin ich dort , so bringt man sie ohnmächtig herein , die andern Schauspielerinnen stürzen hilfeleistend nach , und sie erwacht mit meinem Namen auf den Lippen . Nun geht die interessante Neuigkeit von der Bühne in ' s Parterre , von dem Parterre durch die ganze Stadt und ich bin heute , Dank Eva ' s Kinderei und Sophien ' s Wahnsinn , das Gespräch der Kaffeehäuser . Er ging verdrießlich im Zimmer umher . Und ist sie Dir denn gar nichts mehr ? fragte Alfred . Ich bin überzeugt , daß sie Dich leidenschaftlich liebt ; gilt Dir das nichts ? Wie kann mich freuen , was mich quält ? Du sprichst von Liebe , als ob wir junge Männer wären , als ob ich Theophil von seiner ungetreuen Schönheit sprechen hörte . Die Zeiten sind für mich vorbei . Wer hat denn jetzt noch Muße zu einer sogenannten großen Liebe ? Sophie und ich , wir haben uns nicht verstanden , sie fordert mehr , als eine Frau verlangen dürfte ! Ich werde sie nicht wiedersehen . Und heute gerade wollte ich Dich zu ihr begleiten . Sie hat mich neulich so sehr angezogen , daß ich begierig bin , sie näher kennen zu lernen . Das trifft sich sehr glücklich , sagte der Präsident , denn ich wollte Dich bitten , zu ihr zu gehen . Ich verlange es sogar als einen Freundesdienst von Dir . Stelle ihr vor , wie die Sachen stehen . Sieh zu , daß Du sie von Uebereilungen , von Thorheiten abhältst . In Stunden der Aufregung pflegte sie das Unerhörteste zu lieben , das Ungewöhnlichste zu thun . Beruhige sie und rathe ihr sich verständig in das Unabänderliche zu fügen . Solche Frauen bedenken nicht , wie sehr wir den Anstand zu schonen haben , wie die Augen der Vorgesetzten und der Untergebenen auf uns ruhen , wie die ganze Journalistenmenge nur darauf wartet , einem hochgestellten Beamten etwas anhaben zu können ! Sophie hat mir schon die unangenehmsten Verwickelungen zugezogen und - In dem Augenblick klopfte es an die Thür , eine Stimme rief : Ich bitte um Audienz ! und Eva trat herein , Theophil nach sich ziehend . Julian ' s Antlitz erheiterte sich sogleich , er ging der jungen Frau entgegen , küßte ihr die Hand und führte sie zum Sopha . Was schafft mir das ganz unerwartete Glück , theure Cousine ! Sie in meinem Zimmer zu sehen ? fragte er galant . Man sagte mir , daß Sie um diese Zeit Audienz ertheilen und ich komme , Sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rathe zu ziehen . Hier Ihr Herr Assessor hat mich schwer verletzt und beleidigt , und Sie , Herr Präsident ! sollen mir Recht verschaffen und eine glänzende Genugthuung ; ich werde Sie königlich dafür belohnen . Ich bestreite aber dem Präsidenten , als Ihrem Verwandten , gnädige Frau , das Recht , Richter in unserer Angelegenheit zu sein . Er ist nicht unparteiisch , wendete der Assessor scherzend ein . Wo fänden Sie denn einen Richter , lieber Theophil ! sagte der Präsident , der nicht augenblicklich für Ihre schöne Gegnerin Partei nähme , sobald sie in Person die Klage anbringt ? - Das ist ein Nachtheil des öffentlichen Verfahrens , welches jetzt so heiß begehrt wird . Aber fürchten Sie nichts . Klägerin hat mich selbst oft so schwer gekränkt , daß die dadurch bewirkte Animosität ein Gleichgewicht gegen meine sonstige Vorliebe bilden wird . Rechnen Sie Beide auf volle Unparteilichkeit und , Frau von Barnfeld ! beginnen Sie Ihre Klage , ich bin ganz Ohr ! Erstens , sagte Eva , hat der junge Herr mich zwei Stunden hindurch immerfort gelangweilt . Wodurch ? fragte der Präsident . Mein Gott ! wodurch - durch Langeweile . Er hat mit Therese sehr ernsthaft über Unsterblichkeit gesprochen - Sie haben uns nicht dazu kommen lassen , gnädige Frau ! wendete der Assessor ein . Nicht ? fragte Eva - und woher , als von Ihnen , wüßte ich denn in diesem Augenblick , daß Mendelsohn einen Phaedon - oder wie das Ding sonst heißt , geschrieben hat ? Woher wüßte ich , daß Spinoza der Urheber des - Julian , heißt ' s Pantheismus ? fragte sie sich unterbrechend . Der Präsident nickte bejahend und sie fuhr fort : daß der Spinoza also den Pantheismus erfunden hat ? Glauben Sie , irgend ein anderer Mann wird einer lebenden Frau von so todten Dingen vorsprechen , wie Unsterblichkeit und Seelen ? Wer es gehört , hätte glauben müssen , der Pastor sei da und Therese oder ich lägen schon im Sterben . Die Männer lachten , und Eva fuhr dadurch ermuthigt , fort : Als ich es gar nicht mehr aushalten konnte und , um nur ein vernünftiges Wort zu hören , Therese fragte , wo sie ihren Winterhut kaufen werde , hat mir der Herr Theophil ein wüthendes Gesicht gemacht und dann mit Beharrlichkeit geschwiegen . Das ist mindestens kein Verbrechen ! sagte Theophil . Mindestens keine Verbalinjurie ! meinte der Präsident . Man würde es höchstens als eine Unterlassungssünde bezeichnen können und die gehört nicht vor mein Forum . Aber was haben Sie weiter vorzubringen ? Darauf , da Herr Theophil eigensinnig schwieg , forderte ich ihn auf , mit mir vierhändig zu spielen . Er lehnte es ab , weil er Kopfweh habe . Das ist allerdings Ihnen gegenüber ein wirkliches Verbrechen , sagte der Präsident ; wie kann man denn etwas Anderes empfinden , als heftiges Herzklopfen , wenn man Sie sieht ? Sie sind liebenswürdig ! rief Eva freudig , ich ahne es , Sie schaffen mir Genugthuung . Nun hören Sie , nun kommt die Hauptsache . Als er sich hartnäckig geweigert , mit mir zu spielen , habe ich mich beschieden , mich ganz still an das Clavier gesetzt und Galoppaden gespielt - ganz leise , weil er Kopfschmerz hatte , so gut war ich . Kaum aber habe ich einige Takte versucht , so sprechen sie wieder von Unsterblichkeit . Ich bitte sie , stille zu sein , mir zuzuhören , da steht er hastig auf und will hinaus . Ich springe ihm nach : Halt ! mein Herr ! habe ich Ihre langweilige Unsterblichkeit ausgehalten , so halten Sie meine Galoppaden aus ! sagte ich . Ist das nicht recht und billig , Herr von Reichenbach , ich frage Sie ? Vollkommen ! bestätigte dieser . Und nun hören Sie , was er antwortet . Ich schäme mich , es zu wiederholen . Er sieht mich an , lacht und spricht : Ich muß sterben , wenn ich noch länger all die falschen Accorde hören soll , schöne Frau ! und Sie wollen ja nicht einmal , daß ich mich während des martervollen Todes mit dem Gedanken an die Unsterblichkeit tröste . Das hat der Angeklagte wirklich gewagt ? fragte der Präsident lachend . Was haben Sie zu Ihrer Vertheidigung zu sagen ? Ich muß in allen Punkten mein Unrecht eingestehen , antwortete Theophil , ich fühle mein Verbrechen und wollte gar nicht erscheinen , sondern mich in contumaciam verurtheilen lassen , aber meine Gegnerin bestand darauf , daß ich mit ihr gehen und in Person mein Urtheil holen sollte . So wäre denn keine weitere Vernehmung , kein Zeugenverhör nöthig , erklärte der Präsident , die Acten sind geschlossen , das Urtheil kann gefällt werden , und ich erkenne , daß unser Freund sich gegen einen Höherstehenden einer groben Injurie schuldig gemacht hat , denn Frau von Barnfeld ist ein Engel und der Assessor wie wir Andern Alle nur ein armer sterblicher Mensch . Deshalb mag er Frau von Barnfeld demüthig um Verzeihung bitten , sich als den ärgsten Sünder bekennen und entweder sich für ihren Gefangenen auf Lebenszeit erklären oder die Gefängnißstrafe auf recht galante Weise abzubüßen suchen . Zugleich verurtheilen wir ihn aber nur in die Hälfte der Prozeßkosten , da er während des Streites die Klägerin » schöne Frau « genannt , was sein Unrecht mindert und von der Klägerin mit Uebernahme der halben Kosten anerkannt werden muß , und das von Rechts wegen . Theophil kniete auf Eva ' s Verlangen nieder , bat um Vergebung und durfte ihre kleine Hand zum Zeichen der Versöhnung küssen . Dann sprang sie fröhlich von ihrem Platze auf , reichte dem Präsidenten beide Hände und sagte : Sie sind weise wie der König Salomo , Gott lohne es Ihnen , daß Sie einer armen , schwergekränkten Wittib zu ihrem Rechte verhelfen , daß Sie die verfolgte Unschuld nicht unterdrücken lassen . Ich danke Ihnen dafür und nun kommen Sie zu Therese , die uns erwartet . So weit sind wir noch nicht , bedeutete der Präsident ; Sie haben die Hälfte der Kosten noch nicht bezahlt und sind mir auch noch die königliche Belohnung schuldig , die Sie mir versprochen haben . Das ist wahr , rief Eva ; was verlangen Sie ? Können Sie fragen , was man von Ihnen verlangt ? fragte der Präsident , was Ihr Cousin von Ihnen fordert ? Sehen Sie , Herr von Reichenbach , jetzt wird er wieder Cousin ! neckte Eva , während eine glühende Röthe ihr Gesicht überzog . Aber daraus wird nichts , Julian ! gewiß ! daraus wird nichts . Sie sind gar zu anspruchsvoll - sehen Sie mich nicht so lächelnd an . Er hatte ihre Hand ergriffen , sie machte sich los und lief hinaus . Aber im Abgehen rief sie : Ich fahre in ' s Theater , leben Sie wohl , Julian ? heute sehen wir uns nicht mehr . So werde ich mir morgen meine Gebühren einfordern kommen , antwortete der Präsident und , gegen die Freunde gewendet , bemerkte er : Dieser ewige Frohsinn ist für mich bezaubernd . Das begreife ich nicht , meinte Alfred , denn , wie bei dem ersten Begegnen , läßt Eva mich auch jetzt ganz kalt . Ihre unruhige Fröhlichkeit ermüdet mich . Sie haben Recht , Herr von Reichenbach ! rief Theophil , eine Frau , wie diese , könnte ich niemals lieben . Ihr fehlt jene Tiefe des Gemüthes , auf deren Boden allein die Liebe erblüht . Sind das Thoren ! lachte der Präsident , sind das biedere Deutsche ! - Aber wer denkt denn an Liebe , wer denkt denn an Ehe ? Wie der Schmetterling nur da ist , sich und uns zu erfreuen , so gibt es Frauen , geschaffen , zu spielen und zu entzücken . Auch Champagner stillt den Durst des Verschmachtenden nicht für immer ; aber sein perlender Schaum belebt die abgespannten Nerven des Leidenden und zaubert strahlendes Licht in die düstern Nebel , die ihn umlagern . Wißt Ihr denn , ob ich nicht auch einmal solch ein Leidender bin ? Könnt Ihr wissen , ob ich nicht der Erheiterung bedarf ? Eva , die blonde , tändelnde Eva ist vielleicht der Champagnerschaum , in dem ich mich berausche , und dazu ist sie wie geschaffen . Egoist ! schalt Alfred . Sie sind ein zu großer Epikuräer , meinte Theophil . Als ob von meinem Egoismus die kleine Frau nicht mehr Freude , nicht mehr Genuß hätte , als von Eurer Bedächtigkeit und Tugend ! Lernt endlich den weisen Epikur , lernt endlich einmal das Leben verstehen ! Ihr sollt genießen und genießen lassen , das ist der Zweck des Daseins ! den erfülle ich mit Andacht ! sagte der Präsident , als man sich trennte . XI Alfred konnte nicht aufhören , an Sophie zu denken , er hatte Mitleid mit ihr , er wünschte zu wissen , wie sie die Trennung von dem Präsidenten ertrage ; er wollte dessen Aufträge ausrichten . Er ging also zu ihr und ließ um die Erlaubniß bitten , sie zu sehen . Sophie nahm seinen Besuch an . Als er bei ihr eintrat , war es hoher Mittag , darum überraschte ihn die Dunkelheit , welche in dem Zimmer herrschte . Alle Vorhänge waren heruntergelassen , die Jalousien fast ganz geschlossen . Sophie hatte in einem Lehnstuhl geruht . Sobald sie Alfred ' s Schritte hörte , stand sie auf , ging ihm entgegen und sagte : Sie sind ein Freund des Präsidenten von Brand , Herr von Reichenbach , Sie kommen von ihm . Was bringen Sie mir ? Es war nicht allein der Wunsch meines Freundes , entgegnete Alfred , der mich herführte , sondern auch das eigne Verlangen , Sie kennen zu lernen und Ihnen für den Genuß zu danken , den Sie mir neulich durch Ihre Kunst in so hohem Grade gewährt haben . Wieder Einer , der mir Weihrauchdampf bietet , wo ich verschmachtend nach Lebensluft verlange ! Wieder Einer , der sich an fremdem Herzblut erfreut ! Lieben Sie den sterbenden Fechter ? fragte sie spöttisch - Ja ! sagte Alfred , denn ich sehe in dem Todeskampf desselben , daß die starke Seele das Leid besiegen , daß sie den Tod überwinden , daß sie rein eingehen wird in ein schöneres Dasein . Sophie sah ihn prüfend an ; ihr großes , dunkles Auge ruhte fest auf ihm , dann sagte sie : Den Tod zu überwinden , das ist leicht , aber wie erträgt man das Leben , mit dem Tode im Herzen ? - Ich habe viele Tage und Nächte daran gedacht , wie ich leben solle ohne Julian ' s Liebe , ich habe nach einem Gedanken gesucht , an dem ich mich aufrichten , an den ich mich halten könnte . Ich finde keinen . Man bricht die Blume , um sich an ihrem Dufte zu erfreuen , und man wirft sie von sich , wenn sie uns nicht mehr reizt . Aber ein Herz von sich zu stoßen , das mit all seinen Fasern an ihm hängt , das nur in der Liebe zu ihm lebt , das hätte ich ihm niemals zugetraut . Sie faltete die Hände zusammen und große Thränen fielen langsam aus ihren Augen , während sich keine Miene ihres Gesichtes verzog . Sie war noch in ihrem großen Schmerze schön , das ist ein Vorzug , den nur wenig Auserwählte haben . Alfred ehrte ihren Schmerz durch sein Schweigen . Als er sie gefaßter sah , sagte er : Gönnen Sie es mir , Sie auf sich selbst zu verweisen . Eine Natur wie die Ihre muß eine Lebenskraft in sich haben , die sie über Schmerzen fortträgt , an welcher gewöhnliche Frauen sich verbluten . Sie schüttelte zweifelnd das Haupt . Gewöhnliche Frauen ? und was bin ich als ein gewöhnliches Weib ohne Julian ' s verklärende Liebe ? Was bin ich ohne ihn ? Was bleibt mir , wenn ich ihn verliere ? Die Kunst ! antwortete Alfred . Wie Viele haben gleich Ihnen das schwerste Leid empfunden und besaßen nicht , wie Sie , den Genius der Kunst als Tröster . Ich werde nicht wieder die Bühne betreten , Herr von Reichenbach ! sagen Sie das dem Präsidenten , bis er es von mir fordert . Nur wenn er es verlangt , nur wenn es ihn noch erfreute wie einst , würde ich wieder spielen . Das wird ihn sehr betrüben , bemerkte Alfred , er opfert Sie und seine Liebe mit blutendem Herzen auf ; er hofft , Sie vielleicht später ruhiger wiederzufinden - und Sie werden sich ermannen . Ist es nicht - Sagen Sie nicht , was Sie selbst nicht glauben ! rief Sophie , ihn heftig unterbrechend , Julian ist kalt , ihn schmerzt das Opfer nicht . O ! wie hatte ich Recht , wie ist das wahr geworden , was ich einstmals sagte ! - Sie schien in Erinnerung verloren , dann sprach sie : Wir fuhren über Land , Julian und ich . Da sah ich Farrenkraut neben