und niederschreitend , du kennst mich nicht ; reize mich nicht durch Sophistereien , mache mich nicht zum wilden Thier , das in der Wuth des Schmerzes alles zerreißt und niedertritt . Was geht das Mädchen mich an ? Habe ich ihr je ein Wort von Liebe gesagt ? Was kümmert mich außer dir die ganze Welt ! Ich weiß es nicht ; aber sie hat sich geliebt geglaubt . Ein Recht dazu konntest du auch ohne Worte ihr geben - - und mußt es irgendwie gethan haben ; das Kind ist so bescheiden . O , glaube mir , es ist gut , ja nöthig , daß du gehst . Werde ich dich denn nicht vermissen ? Ach , ich hatte mich ja so unbeschreiblich auf Basel und unser Wiedersehen dort gefreut ! Nun , Anna ! nun ? Ich irre vielleicht , wir Frauen verstehen ein Männerherz so schwer in all diesen Verhältnissen . Ich kann dich nur bitten , lade keine neue Schuld auf dein Haupt , keine auf mein gedrücktes Herz . Du ? rief er , auf sie losstürzend , als wolle er ihr zu Füßen sinken , du schuldig , und durch mich ? Engel ! und worin ? Er preßte ihre zitternden Hände gegen seine glühende Stirn , dann eilte er fort . Mehre Tage traf er sie nie allein . Er hatte anfangs wegbleiben wollen , doch es nicht vermocht . Jetzt fand er sie beständig von Sophien und ihren Kindern umgeben , sogar Frauen aus Bern als Besuchende bei ihr . Nie war ihm Anna reizender erschienen , als in diesem milden , besonnenen Versagen , in dieser Scheu vor allem Unrecht ; aber ihre Absicht erreichte sie nicht , denn sie entflammte ihn nur zu immer heftigerer Leidenschaft . Sie bedachte nicht , daß sein ernster , einfacher Sinn sie ohnehin jetzt vor neuem Aussprechen seines Gefühls schütze ; nur das Ueberraschende des Moments hatte ihn zu Ausbrüchen fortgerissen , die er selbst strenger tadelte als sie . Vrenely war krank geworden . Anna besuchte sie täglich ; sie erzählte ihr , wie zufällig , von ihren Kinderjahren und der schönen mit ihrem Vetter verlebten Jugendzeit . So schien äußerlich alles beschwichtigt und in das alte Geleise zurückgekehrt ; die Stunden mit den Kindern sollten nächstens wieder beginnen . Otto hätte wahnsinnig werden mögen , jede Regung seines Wesens fühlte er gezügelt und tief im Innern den gigantisch tobenden , blind wüthenden Schmerz . Mit bewundernder Schwärmerei schloß sich das arme Mädchen der schönen gütigen Frau an , die ihr so viel Wohlwollen erzeigte ; sie glaubte Sophien , die ihre Ohnmacht dem plötzlichen Eintritt der Krankheit zuzuschreiben schien , obschon ihr klarer Sinn sich nicht zu bergen vermochte , daß des Geliebten Herz sich von ihr gewendet ; sie fand nur eine Milderung ihres Geschickes in dem Gedanken , daß er Annen vor ihr gekannt und geliebt . Dennoch müßte dieser künstliche Bau eines erträglichen Zusammenlebens zu einem sehr zweifelhaften Glück für alle geworden sein , hätte nicht ein ganz unerwarteter Brief Leontinens dem Augenblick plötzlich eine neue Färbung und neue Interessen aufgedrungen . Sie schrieb : » Thue mir den Gefallen , herzliebe Anna , gleich bei Empfang dieser Zeilen so recht gründlich auf mich zu schelten ; sage : ich sei von einem Leichtsinn , den man bei meinen einundzwanzig Jahren nicht zu entschuldigen vermöge . Meine Unüberlegtheit und Koketterie müßten und würden mich gewiß noch in unabsehbare Abgründe stürzen ; auf diese Weise müsse ich geistig und körperlich zu Grunde gehen . Letzteres , Gott sei ' s geklagt ! fängt bereits an , nämlich beim Teint , den ich in diesen Tagen gar sehr vernachlässigt . Wenn du nun im Zuge bist , kannst du gleich sagen , daß ich bei einem Haar zwei höchst achtbare , treffliche Kavaliere durch meine entsetzliche Frivolität auf zeitlebens elend gemacht haben würde , wenn sich diese lieben Kreaturen Gottes nicht glücklicherweise gleich mit einem zweiten Meisterstück der Schöpfung getröstet hätten . Wirf mir nun auch noch vor , daß ich bei der letzten an mich ergangenen , jedenfalls unverdienten Bewerbung , weil sie etwas sehr lange dauerte , am Ende nicht mehr recht Acht gab , aufsprang und beinahe - aber nur beinahe - in der Zerstreuung davongegangen wäre und den Freier stehen gelassen hätte , ohne alles abzuwarten , was er vorzutragen für nöthig fand . Ach , liebe traute Anna ! zeichne mich schwarz , so recht kohl-pech-raben-sünden-schwarz , dann aber ruhe aus und fasse dich , denn das Schlimmste kommt noch ! ich habe einen viel ärgeren , viel tolleren Streich begangen , als diese alle - ich bin davongelaufen ! Mit einem Liebhaber ? O Gott , nein , Kind ; vor einem Liebhaber , weil er sehr langweilig wurde . Nun bin ich aber in Solothurn , zwei , drei Meilen von euch , und meine Babet sitzt neben mir , betrachtet verzweifelnd meine zerknitterte Haube und meinen entfärbten Kapot , und versichert : daß sie nicht weiß , wie das alles enden soll ! - Nun gerade so weit bin ich auch . Im Grunde war die Geschichte ganz einfach Als die Saison in Baden beendigt , wollten wir , wie du weißt , nach Straßburg , wo Geierspergs Nichte heirathen und wir - das heißt ich - dazu tanzen sollten . So weit war alles gut ; nun aber denke dir meinen Todesschreck , macht uns am zweiten Tage unseres Aufenthaltes dort mein frühester , ehemaligster Ver- und Entlobter , Vetter Albert , eine angenehme Ueberraschung , kommt von Koblenz aus angefahren und trifft , mir nichts , dir nichts , in Straßburg mit uns zusammen . Und nun geht das Anhalten noch einmal los , und ich bin in dem letzten halben Jahre um ein ganzes älter geworden , denn Geiersperg erklärt mir peremptorisch , ich sei mündig und ganz mein eigner Herr , vermuthlich aber nicht meine eigne Frau , da ich , wie Babet sagt , absolument seinen Vetter Albert nehmen soll . Ich höre das alles an , sage nicht ja , nicht nein . Nun wird der General zornig und fragt : Misfällt dir sein Aeußeres ? - Gar nicht , Papa . - Ist er nicht gebildet , wohlhabend , Graf ? Was kann in seinen Verhältnissen dich abschrecken ? - Rien au monde , papa . - Hast du irgend eine andere Neigung ? - Für den Augenblick , nein , Papa . Nun ging ein entsetzliches Donnerwetter über meinen Uebermuth los . Ach , Herzens-Anna ! sie redeten alle so in mich hinein , Albert war so außerordentlich zärtlich , schön , glücklich , dazu war es himmlisches Wetter , man konnte an einem solchen Tage Niemand betrüben . - Da habe ich vermuthlich ja gesagt ; denn gleich darauf ging ' s an ein Herzen , Küssen , Danken , Gratuliren daß es eine Lust war . Nach der Hochzeit der Cousine machten wir alle eine kleine Reise nach Trier , Albert immer mit ; wir sahen schöne Alterthümer und unverfängliche Leute ; es ging prächtig . Gerade unter der Porta nigra überkömmt mich der alte Ennui . Ich fange an zu experimentiren , gerade wie in der Pension . Bald servire ich ihm heiß , bald kalt , bald glüht er , daß er fast besinnungslos zu meinen Füßen liegt , bald schilt er mich , wird bitter , heftig , scharf , schroff . Das war doch nun wirklich endlich eine Abwechselung , und ich bitte ihn um Verzeihung . Aber mit einem Mal wird mir ' s fatal - aber ganz fatal - ich begegne einem jungen Manne ; er grüßt her , ich grüße hin . Ach , lieber Engel ! es war eine so unschuldige Liebesgeschichte , Mädchen von vierzehn Jahren könnten sie lesen . Wird mir mein Verlobter wild , aber wild wie ein Türke . Geiersperg hält lange wohlgesetzte Reden , Mama macht Vorstellungen , Babet sagt : Aber wenn nun das gnädige Fräulein durchaus nicht mögen , da thäte ich ' s absolument nicht ! Babet hat den Stein der Weisen gefunden , denke ich , und kurz , wie wir eben von St. Bern-Kastell aus das himmlische Moselthal entlang schauen , sage ich : Albert , wir wollen es doch lieber gut sein lassen , wir passen doch nicht für einander ! Und wie nun so recht das Lamento und die ganze betrübte Geschichte im Gange sind , fängt mir der Mensch an zu weinen . Großer Gott ! - denke ich , das Weinen halte ich nicht einmal von der Babet aus , wenn sie ein Battisttuch versengt hat , sondern schenke es ihr immer lieber , damit sie nur gleich aufhört - was soll daraus werden ? Ehe ich mich noch besinnen kann , heirathe ich einmal in solch einem Accès den Vetter Albert frischweg und muß mich hinterher wieder von ihm scheiden lassen . Das geht nicht ! Und da fiel mir wie ein Lichtstrahl meine Anna ein , mit ihrer festen , treuen , starken Seele , und mein verehrter schöner Onkel , dem ich nicht die Hand , aber die Stirn küsse - halt ! denke ich , nach Bern fährt gewiß ein Eilwagen , oder du nimmst einen Char à banc , die Babet packt so etwas nothwendigstes Zeug zusammen , und du flüchtest zur Tante Anna . Gesagt , gethan ; wir erreichen Abends Kehl , Straßburg gegenüber , wo wir übernachten sollen , wir trennen uns ziemlich spät ganz doloros und schwärmerisch ; Geiersperg geht glorreich davon , weil er mich wieder einmal durch die Kraft seiner gediegenen Gründe besiegt , gedemüthigt und so zu sagen total herumgekriegt hat ; Mama denkt Alles geschlichtet zu haben und geht ihrerseits mit ihrem Compensations- und Nivellirungssystem zu Bette ; Albert küßt mir die Hände ; ich , ich lasse alles gut sein ; wie sie aber sämmtlich in ihren Kammern sind , schreibe ich , wie ' s Maidli am Brünnli , meinem Schatz den allerletzten Abschiedsbrief , schleiche früh um vier Uhr , in der Morgendämmerung , ganz sachte mit der Babet und ihrem Päckchen zum Hause hinaus und sitze nun in Solothurn . Hier habe ich fürs Erste ausgeschlafen , dann mir die Gegend durch ' s Fenster beschaut , und von fern , aber nur ganz von fern , kann ich den Montblanc erblicken . Die Solothurnerinnen tragen häßliche Mützen . Hier im Hause ist eine Dirne aus Schwyz , diese hat eine schwarze Flügelhaube von Spitzen auf , die auf ihrem Kopfe wie ein dunkler Schmetterling aussieht , der auf einer Rosenknospe sitzt ; das allerliebste Gesichtchen ist das einzige Lustige , was mir bis jetzt hier vorgekommen . Die Solothurnerinnen sehen alle entsetzlich fromm und ehrbar aus ; die Stadt ist winklig und schmutzig : das hat mich zur Reflexion gebracht . Ich will doch lieber hier warten , bis ihr mich holt . Daß ich mit der Babet über Nacht allein im Wirthshause geblieben , mag wirklich unpassend genug sein , und nun ich aufgewacht bin , fürchte ich mich fast ; die Leute sehen einen so besonders an . Wir haben gleich gefragt , ob der Onkel noch nicht da sei und gethan , als ob wir ihn erwarteten . Zögere nicht , lieber Engel , schicke schnell Duguet mit Pferden und Wagen - oder komme selbst zu Deiner thörichten Leontine . « Otto war bei Annen , als sie den Brief empfing . Lies ! sagte sie , ihm denselben reichend , ich muß doch sogleich hin . Ohne weitere Erklärung verließ sie das Zimmer , um die nöthigen Reiseanstalten zu treffen . Duguet ist mit dem Grafen fort , und sie will allein in der Nacht fahren ? schoß es ihm durch die Gedanken . Er eilte ihr nach ; sie stand im Vorzimmer , von ihren Leuten umringt , denen sie ihre Befehle gab . Anna ! sagte Otto sehr sanft und ernst , es wird spät werden , laß deinen Jugendfreund dich begleiten . Sie sah ihm fest in die Augen ; eben in diesen immer ganz einfachen Worten lag Otto ' s Gewalt , tausend Eide hätten sie nicht sicherer gestellt . Sie fühlte das , und das Bewußtsein der edeln Zuverlässigkeit dieses Charakters leuchtete einen Moment auf in ihr , fast wie ein Glück . Schweigend bot sie ihm die Hand . Um welche Stunde ? fragte er . - Sogleich erwiderte sie ; ich lasse nur anspannen . In diesem Augenblicke übertönte das lustigste Charivari von Posthornklängen , Jauchzen und Schreien , Jubeln und Lachen ihre Worte ; unwillkürlich eilten beide an ' s Fenster , unten hielt Kronberg ' s Wagen . Er selbst stieg eben heraus , ein junger Mann stand bereits am Schlag , den Rücken dem Fenster zugekehrt . Ehe noch Otto ' s fragender Blick dem ihren zu begegnen vermochte , legten sich zwei warme weiche Händchen auf Anna ' s Augen ; sie wandte sich rasch , es war Leontine , Leontine in all ihrer Frische , in all ihrer glänzenden Heiterkeit . Bist du mir bös ? fragte unter tausend Liebkosungen der süßeste Schmeichellaut einer weiblichen Stimme . Bist du mir wirklich ganz bös ? Aber es war schwer , ihr zu zürnen , wenn man sie ansah . Leontine war blond , aber von jenem durchleuchtenden Blond , das in den blauen Adern des schneeigen Teints , in den wie hingehauchten zarten Farben der Lippen , der Wangen , der blaßröthlichen Fingerspitzen überall sich ausspricht . Es war nicht möglich , etwas Dämonisch-Lieblicheres zu sehen als dies Amorsköpfchen , das wiederum zuweilen , aber selten , seine eigene Psyche schien , wenn Mitleid oder Neigung die reizenden Züge durchstrahlten . Und so war ihr ganzes Wesen : Dämon , Amor und Psyche , und der Muthwille der Hauptzug ihrer Erscheinung im täglichen Leben . Sie hatte sich ungewöhnlich spät entwickelt ; jetzt war sie einundzwanzig Jahre alt und sah aus wie siebzehn . Aber wie kamst du zum Onkel ? fragte Anna nach den ersten Ausbrüchen der Freude ; wie du , Kronberg , zu Leontinen ? Par compagnie , wie der Staar von Segringen ins Netz kam , würde Freund Hebel sagen , antwortete lachend Leontine . Ganz recht , sagte Kronberg , ich sah das Vöglein auf dem Zweige sitzen und fing mir es . Was sollte ich anders am Thor von Solothurn gewahren - Als meine schönen Augen ; nicht wahr , Onkel ? Er küßte ihr die Hand . Die meinen riß ich allerdings ein wenig groß auf . Das Uebrige könnt ihr euch ja leicht denken . Nicht ganz , erwiderte Anna , denn noch immer begreife ich nicht , wie du so schnell wieder hier sein konntest . Davon nachher , sagte Kronberg freundlich . Otto war es , als führe ihm ein Messer in die Brust . Sie werden reisen , dachte er dumpf ; dazwischen gaukelte Leontinens Bild vor seinen Sinnen . Sophie war hereingeschlichen ; sie vermochte es nicht , Leontinens Nähe zu entbehren . Leontine herzte und küßte sie und schmeichelte ihr wie ein Kind . Komisch war es anzusehen , wie in der guten alten Bonne Respect und abgöttische Liebe für ihren Zögling miteinander kämpften ; sie nannte Leontinen wol zehn Mal in einem Athem gnädiges Fräulein und Du , küßte ihre Hände und schalt sie zugleich wegen ihrer in Unordnung gerathenen Locken . Auch Duguet hatte unaufhörlich im Zimmer zu thun , servirte zum ersten Mal in seinem Leben schlecht , präsentirte Pfeffer zum Thee und lachte endlich sogar mit über seine eigenen dummen Streiche , was bei seiner Dienstgewöhnung ganz unerhört war . Erst jetzt fiel Annens Blick auf den Fremden . Es war ein junger Mann von vier bis fünfundzwanzig Jahren , nicht groß , nicht klein , kaum ausgezeichnet in der äußeren Erscheinung und dennoch blieb der erste Blick auf ihm haften ; es war durchaus kein schönes , nur ein sehr edles Gesicht , nichts auffallend darin als die gedankenklare , elfenbeinweiße und hohe Stirn , dann vielleicht noch der kleine etwas trotzig gewölbte Mund - in unserm Deutschland gehört ein schön geschnittener Mund zu den Seltenheiten - vielleicht also war es dieser künstlerisch geformte , fast ideale Mund , der so unbegreiflich das Auge fesselte , vielleicht war es auch nur das reine Ebenmaß der ganzen Gestalt und jedes einzelnen Zuges . Otto war unendlich schöner , aber jener sah vornehmer aus . Otto erinnerte an einen jungen Aar , von dem man jeden Augenblick erwartet , nun werde er die Flügel ausbreiten , jener schien keiner bestimmten Zeit , keinem bestimmten Lande anzugehören , und es fiel Niemand ein , ihn mit irgend etwas Anderem zu vergleichen . Vergeben Sie , lieber Herr Gotthard , sagte der Graf , die Damen tragen die Schuld ; wie Sie sehen , machen sie mich so verwirrt , daß ich vergessen habe , Sie meiner Gemahlin vorzustellen . Liebes Kind , Herr Gotthard will so gut sein , unserer Knaben sich anzunehmen , was um so nöthiger ist , als - doch wo sind denn die Kinder ? Der ein Hofmeister ? dachte Anna , das ist ja unmöglich . Sie verneigte sich verbindlich und sprach einige höfliche Worte ; zum ersten Mal in ihrem Leben war sie verlegen , es überkam sie das Gefühl einer Mystification . Leontine hatte indessen mit angeborner Koketterie Otto in ein langes Gespräch gezogen , dessen Wogenspiel ihm über dem Kopfe zusammenschlug ; ihm war es , als spräche er mit einer Fee oder Sylphide , so flatterten Wort und Gedanken hin und her . Als aber die Knaben kamen , die sie noch nicht gesehen , vergaß sie ihn mit einem Mal und ward mit diesen zum Kinde . Otto sah ihr verwundert nach . Der junge Fremde schien überrascht , seine Zöglinge so klein zu finden , beugte sich aber mit einer gewinnenden Herzlichkeit zu ihnen nieder und begann ein halblaut geführtes Gespräch , das ihn gleichsam mit den Kindern isolirte . Im Verlauf einer halben Stunde hatte er sie gewonnen ; eigentlich hatte er sie nur befragt und sich von ihnen erzählen lassen , er hatte nicht mit ihnen gespielt , nicht einmal gescherzt , aber er hatte ihr Zutrauen erworben , denn als er sich beurlaubte , um auf seinem Zimmer Einiges zu ordnen , liefen beide ihm nach . Anna ! fragte jetzt Otto leise , was soll der junge Mann ? Gott weiß es , erwiderte sie , ich kann kaum umhin , die ganze Sache für einen Scherz zu halten . Nicht im mindesten , versicherte Leontine , der Onkel hat ihn von Karlsruhe mitgebracht , um eure Kinder zu erziehen und mir ihn gleich in dieser Eigenschaft vorgestellt . Ich habe den Minister gesprochen , sagte Kronberg , als er endlich am späten Abend mit Anna allein war ; ich erreichte Karlsruhe drei Stunden vor seiner Abreise und sah ihn bei sich und dann bei Sternheim , wo wir dinirten . Er hat mir goldene Berge versprochen , leider aber mit der unglücklichen Idee geendigt , mir den Vorschlag zu einer Sendung nach Petersburg zu machen ; unterdessen hofft er mir die Stelle in Neapel verschaffen zu können ; an Rom , meint er , sei vorläufig nicht zu denken . Ich bin nun genöthigt , nach Berlin zu gehen und dort zu verweilen , bis ich meine Instructionen erhalte , und bin jetzt nur zurückgekommen , um dir vorzuschlagen , hier oder am Rhein zu bleiben . Otto geht ja zurück nach Basel , dachte Anna . Gut , sagte sie ruhig . Ich meine , fuhr der Graf etwas verlegen fort , die Einrichtung für so kurze Zeit in Berlin mit den Kindern , dem indispensabeln Bediententroß , den Ausgaben einer Hofpräsentation werden große Unkosten verursachen . Ich bleibe gern , sagte Anna . Aber was soll der junge Mann hier - Sonst , fuhr Kronberg fort , müßtest du in Berlin verweilen , bis ich von Petersburg zurückkehrte , und unserem Range nach ein brillanteres Haus machen als etwa Geierspergs . Freilich kann es einige Monate dauern und du bliebest allein dort . Kronberg , sagte Anna fest , dann kann ich nicht hier bleiben . Frage mich nicht weitläufig , ich will hingehen , wohin du willst , aber nicht etwa Jahre lang ohne dich hier sein , glaube mir ! - Indessen sage mir , was soll der junge Mann hier ? Die Kinder erziehen , liebe Anna ! Es ist ein seltsames Ding mit diesem jungen Menschen , er ist mir sehr dringend vom Minister empfohlen ; Näheres weiß ich selbst nicht . Indessen scheint er das Seine gelernt , vorläufig aber keine Aussichten zu haben . Der Minister bat mich , ihn auf ein paar Jahre zu nehmen ; er meint , späterhin werde man ihn als Privatsecretär bei einer Legation anwenden können . Der neueren Sprachen ist er vollkommen mächtig und ein sehr klarer Kopf - - Dir gefällt er nicht ? Gefallen , Roderich ! Ich habe zehn Worte mit ihm gesprochen . Zum Glücke sind die Kinder zu jung , er kann ihnen nicht schaden . Mir sieht er zu vornehm aus , er macht einen ungewöhnlichen Eindruck ; das meint auch Leontine . Bah ! die findet Alles ungewöhnlich , weil sie es selbst ist . Ihre kleine Escapade macht mir aber Kopfbrechen . Mein Schwager hat Unrecht ; schon als Albert das erste Mal um sie anhielt , mochte sie ihn nicht . Schade , es wäre eine brillante Partie , der kleine Trotzkopf aber - Albert ist ein Schwächling . Eh bien , ma chère ! sie ist bedeutend genug , ihm nachzuhelfen . Das geben die besten Ehen . Aber du willst also nicht hier bleiben ? Einige Monate , ja - länger , nein ! Liebes Kind , du weißt , daß ich nicht eifersüchtig bin . Du hast wahrlich Verehrer genug gehabt , um diese Eigenschaft in mir zu wecken - und zu unterdrücken , schloß er fast galant . Aber die kleine Vrenely - Anna erröthete ; sie vermochte es nicht , Otto ' s Gefühl preiszugeben . Ich werde bleiben , sagte sie , bis Leontine mit ihrer Mutter ausgesöhnt ist , dann mußt du das Weitere bestimmen . Ich danke dir und traue dir vollkommen , erwiderte er mit einem Anflug des edeln Ernstes , der ihn in einzelnen Momenten so liebenswerth erscheinen ließ ; aber ich bin achtundvierzig Stunden gefahren und falle um vor Ermüdung . Er küßte sie auf die Stirn und ging . Beklommenen Herzens blieb Anna vor ihrer Toilette sitzen ; sie kleidete sich gern allein aus , wie sie überhaupt ungern persönliche Bedienung brauchte . Madame Sophie erschien Abends nie , ohne daß ihr geklingelt worden . Es war eigen , welchen Unterschied ma bonne zwischen Annen und Leontinen machte . Die erste blieb immer ihre Gebieterin , die andere , trotz ihren tausend Launen , Bedürfnissen und Eigenheiten , das Kind , das sie erzogen . Lange saß Anna so vor den tief heruntergebrannten Kerzen . Also nun wieder hingehalten mit leerem Versprechen ! Wieder nach Petersburg und einem Phantom des Glanzes nachjagen , ohne Zweck und Ziel ! Wieder ein momentanes Wirken nach außen hin , das der nächste Windstoß des Geschickes spurlos verweht ! - Armer Kronberg ! - - Und dann zu guterletzt die wiedergewonnene Last einer Geselligkeit , die sogar mich schon ermüdet ! Mein Gott , und ich bin so jung ! - Wie viele , viele Jahre das so fortgehen kann : dies schön , geistreich , witzig , brillant sein müssen ! Alles das nach gegebenen Gesetzen , wie einen Zehnten , den man abliefert ! Und dagegen Otto mit dieser stillen Unergründlichkeit seiner tiefen Seele ! - Nein , ich liebe ihn nicht . Kronberg hat recht , so ruhig zu sein ; aber ich will für ihn sorgen wie eine Schwester . O , wie bliebe ich so gern hier , diesen weißen Alpenhäuptern gegenüber , einsam und still wie sie ! - - Es war weit über Mitternacht , sie trat an ' s Fenster , die Alpen hatten ausgeglüht . Der Herbst hatte sein Schweigen über die Landschaft gebreitet , auf dem dunkeln Grunde der ungestörten Nachtstille leuchteten die Bilder ihrer Vergangenheit auf . Kronberg stand wieder vor ihrem inneren Auge , wie er sich nach dem ersten Feldzuge um sie beworben . Wie fern schien jene Zeit zu liegen ! Damals , wie edel , wie fest zeigte sich sein Streben ! Welcher Aufopferung mußte sie ihn nicht fähig halten , wenn er seine künftigen Pläne und Wünsche ihr entfaltete ! Mit ihr auf seinen Gütern leben , seine so lange gedrückten , zur Knechtschaft herabgewürdigten Bauern in ihren Rechten vertreten , sie beglücken - das war sein einziges Ziel . Er wollte dem Staat nicht dienen als Beamter , er wollte sich seine eigene Stellung in demselben suchen und erbauen , wie der Adler seinen Horst . Gedachte sie dann ferner all der Versuche seiner Verwandten , diesen grillenhaften Eigensinn zu brechen , wie sie es nannten , wie that ihr das Herz so unsäglich wehe um ihn ! - Dann kam die Reise nach Italien . Ach , daß gerade diese , die ihn so vielen störenden Einwirkungen entziehen sollte , daß gerade diese Reise , die anfangs einer genialen Flucht glich , ihn nach und nach allen seinen früheren Zwecken entfremdete ! Wie drängten einander die reichen Erinnerungsgarben der ersten Jahre , die sie und ihr Gemahl in Italien und Sicilien verlebt hatten ! Rom , Florenz , Genua , Palermo und das schwimmende Venedig ! - Nur daß zuletzt im goldenen Freudenbecher der schwere , bittere Bodensatz geblieben . Eben diese immer wechselnden Scenen , besonders der in Nichts zerflatternde Freiheitstraum der Neapolitaner , waren es , die Kronberg ' s Ansichten und Vorsätze nach und nach umgeschmolzen und so gänzlich umgewandelt hatten . An die Stelle eines nationalen Ganzen war ihm die Kleinheit des eigenen Ichs getreten und ein gelungenes Miteingreifen in den momentanen Gang der Ereignisse hatte eine maßlose Eitelkeit in ihm erweckt , die wie ein feines Gift allmälig alle Lebensfasern seines intellectuellen Seins durchdrang . Seitdem war er ein Spielball in der Hand der Mächtigen geworden , hatte viel gethan und im Ganzen wenig geleistet . Das ist die Macht des Lebens ! seufzte Anna . Wenige Tage später reiste Kronberg wirklich nach Berlin . Ueber ihren Winteraufenthalt wollte er von dort aus ihr schreiben , wenn das Geschäft , das ihn nach Petersburg berief , erst deutlicher in seinen Verzweigungen ausgesprochen . Anna ließ ihn gewähren , sie war ja entschlossen . - Otto schwieg , er hatte noch acht glückliche Tage vor sich . Die Abende hatten sich belebt ; einzelne Kunstfreunde , junge Maler , die schon früher erwähnte alte irländische Dame , Lady Frederic und vor Allen Leontine hatten einen poetisch regen Geist in der kleinen Gesellschaft geweckt . Sogar das Vrenely fand den Muth , zu kommen , wenn gleich nicht immer den , zu reden . Leontine nannte sie ihr Veilchen , sich selbst deren Schmetterling . Sehen Sie , Comtesse , sagte ein alter Professor zu Leontine , ich behaupte , unsre Gegend allein ist wirklich im Stande , dieser immer wieder heranwachsenden Künstlermenge stets neue , frische Motive zu gewähren . Der Wechsel der Beleuchtung und Färbung bringt phänomenartige Wandelungen hervor , die , in der Darstellung treu zurückgespiegelt , den Vorwurf des Gemäldes immer neu und originell erscheinen lassen und es unsern jungen Burschen leicht machen , ein Bild zum Ganzen abzurunden . Charmant , sagte Leontine ; aber , bester Professor , es ist doch viel Verwandtschaftliches in den Bildern , so etwas à la cousin germain Aehnliches . Die Herren * * * * * und ihre Schüler haben es der Mama Natur treulichst abgelauscht , wie sie es hier mit Himmel und Erde hält ; sie gewährt liebenswürdige Charakterbilder , diese Schweiz , mit ihren frischen , grellen Tinten , aber mir träumt von größeren , edler gehaltenen Landschaften . Lachen Sie mich nur aus , wenn ich ' s gestehe , daß mich diese Art Bilder alle , alle an Genregemälde im Riesenstyl erinnern . Die Hintergründe , gnädiges Fräulein , entbehren der großartigen verschwimmenden Linien der Ferne in dem Theil der Schweiz , den Sie kennen , sagte mit einem Male Herr Gotthard . Die nächstliegenden Berge werden von höheren Gebirgsketten oder gar von den Alphörnern in ihren Thalweitungen unterbrochen , die sich nur schluchtenartig öffnen , um neue Höhenreihen zu zeigen . Das Berner Oberland ist ja durch und durch Gebirg . Sie müßten es von höheren und ferneren Standpunkten übersehen . Schaffhausen , wo die Künstler leben , die Sie nannten , liegt in diesem Sinne etwas günstiger ; doch wird auch dort die Gegend Ihren Kunstanforderungen nicht genügen . Kennen Sie die so genau ? fragte das Fräulein . Vergebung , wenn ich ja sage . Aus Ihrem vorhergehenden Gespräch kann ich ziemlich bestimmt entnehmen , daß Sie die Landschaft wie ein historisches Bild behandelt wünschen , und daß , während Ihnen in der Wirklichkeit hier die Gegend einen frischen , kräftigen Eindruck gewährt , sie im Gemälde dennoch Ihnen beengt erscheint . Ihr Landschaftsideal würde schon nicht mit der treuen Portraitauffaffung unserer hiesigen Landschafter sich genügen lassen , selbst wenn die Gewohnheit ihnen nicht einen gewissen Rhythmus der Auffassung gegeben hätte . Kann es denn etwas Höheres in der Landschaft geben , als das treue Spiegelbild der Natur zu sein ? fragte Otto . O ja , wie es etwas Edleres gibt ,