an den Rhein wieder geht . Bettine An Clemens Es ist aus mit den Blumen , die letzten Asternsträuße waren die , womit wir in voriger Woche die Blumenurnen schmückten , und die wegen der Batterie vor die Tür gesetzt wurden . Gestern haben wir den letzten Herbst gemacht , nur noch die Winterbirnen hängen , von denen meint die Großmama , wir wollten sie hängen lassen , bis erst Reif kommt , der war heut nacht , und nun frag ich : » Wollen wir heut die Birnen abmachen , es war heut nacht Reif . « Großer Schrecken der Großmama , sie hatte so in den Tag hineingelebt und gemeint , es sei noch lang nicht Winter . Und wie sehen die Blumen aus ? Wir müssen heute noch Kränze haben , es ist eine Hochzeit hier im Haus , um drei Uhr wird der Pfarrer hier sein und ein edles Paar zusammengeben . Lieber Clemente , was doch alles hier im närrischen einsamen Haus passiert ! Aber wir drei Geschwister ahneten gleich die Geschichte , ich sprang mit Flügeln die Treppe hinauf , wir kriegten uns alle drei um den Hals und tanzten eine Ronde , daß die Wände zitterten . Auf einmal erscheint die Tante im Negligé , halb frisiert , was das für ein unanständiger Spektakel sei ? - Und was die Hofdame denken solle , die seit acht Tagen im Saal unter uns wohnt , daß wir so ihr auf dem Kopf herumtanzen . Und der Tanzmeister wartet schon eine Viertelstunde . Wir lernen nämlich schon seit vierzehn Tagen bei einem französischen Ballettmeister einen figurierten Tanz , an dem sollen wir fortexerzieren bis zum Neujahrstag , da sollen alle Nationen kommen , dem Fürst Ysenburg gratulieren , die Franzosen haben dazu Madrigale gemacht avec la pointe cachée , sagt Chateaubour , der Hauptdichter . Ich stelle eine Spanierin vor , blau und silbern , und ebenso mein Tänzer , der Prinz Neunzehner , der gar nicht vom Platz zu bringen ist , allemal rechts umdreht , es sei links oder rechts ; so hat der Tanzmeister deswegen die Figur umgeändert , damit er nun rechts auch auf den rechten Platz komme , und nun läuft er wieder allemal links , wir lachten so toll in der Probe , wir waren so ausgelassen , wir wußten , daß die Tante nicht kommen konnte , weil sie Toilette machte , wir sprangen auf Tisch und Stühle , Herr Baleri mit seiner Pochette in einer Staubwolke , die alte Cousine , die hereinkam mit einem Befehl der Großmutter , setzten wir auf ihren ledernen Sessel und trugen sie auf den Köpfen , sie schrie , die andern sangen , und Baleri spielte einen Marsch . - Die Großmama ließ uns in den Garten beordern . Alle Blumen vom Reif verdorben ! - Wir mußten uns an die Hambutten und die herbstlich rote Jungfrauenrebe halten , dazu Tannen und Efeu . Wir waren sehr lustig bei diesem Dekorationsfest , wir machten ' s wie die Braut und gaben den halb verblühten Astern mit farbigem Papier ein Ansehen . Diese Heirat ist ein Werk der Großmama , vor kurzer Zeit lernte diese Hofdame von Meiningen bei ihr den Herrn von Drais kennen , wie er gerade vor unserm Hause eine Draisine probierte , eine Bank mit Rädern , die Herr von Drais drauf sitzend mit Händen und Füßen fortbewegt . Die Hofdame sah ihn dahergerollt kommen , hinter ihm drein alles , was Beine hatte . - Nachdem sie getraut waren , hielt die Großmama eine bewegliche Rede . Wir spielten abends ein Sprichwort , worin die Draisine eine Hauptrolle hatte . - Heute werden nun die Birnen abgemacht . Da freu ich mich drauf . Das Hochzeitpaar ist nämlich gestern spät noch fortgereist und alles wieder im stillen Geleise . Morgen wird Kartoffelernte gehalten von einem kleinen Feld , worauf die Großmama Musterkartoffeln ziehen läßt , die ihr von allen Enden der Welt , ich glaub sogar von Amerika her , geschickt werden . Da müssen wir ein Register machen , wieviel jede Staude getragen hat , der Großmama ihre höchste Wonne , diese Register zu vergleichen . Nun weiß ich nichts mehr , als daß Du meinen letzten Brief nicht beantwortet hast . Buch sagte der Großmama , Du seist nicht in Marburg und würdest erst am 19. wieder da sein . Das ist mein Namenstag , der nie mit andern Blumen kann gefeiert werden , als die im Eiskristall am Fenster anschießen . Heut ist der 4. Also 14 Tage soll ich nicht wissen , wo Du bist , da kann der Brief ein Weilchen frieren in Deinem unbewohnten Zimmer . Bettine Liebe Bettine ! Deine Briefe erquicken meine Seele und nähren sie , der Winter ist hier so traurig , und Savigny tief in den Studien , überwintert die Saat seiner großen Zukunft unter einer Schneedecke von Verschlossenheit , die mich verzweiflen macht . Was ich mir auch die liebende Mühe gebe ihm mitzuteilen , er ist stumm dazu , oft denk ich mit Behutsamkeit etwas aus ihm herauszulocken , allein die Erfahrung ist nun in sich vollendet , daß ich nie den geringsten Beweis von ihm erhalten werde , daß , was ich ihm sage , ihn interessiert . Oft in meiner kalten Stube ( was mir nun auch noch den Winter unerträglich macht , daß der Ofen nicht heizt , sondern raucht ) komme ich darüber in Schweiß , ins klare zu kommen über seine Klarheit , mit der bald die Tonie , bald die Gundel oder Du mich plagen . Bin ich denn ganz auf den Kopf gefallen , daß mir diese gepriesne Klarheit und Ruhe den peinlichsten Eindruck macht ? - Also quäl Du mich nicht mit Deinen erhabenen Ansichten , da ich ihn in der Nähe habe und er vielleicht besonders gut fernt . Ich hab dem Buchhändler Guilhomman den Auftrag gegeben , Dir den Homer zu schicken . Hast Du ihn bekommen ? Weiter sollst Du nächstens die Reise des jungen Anarchasis lesen und recht aufmerksam , das wird Dich unterrichten und ergötzen . Doch mußt Du Dir keinen Zwang bei solcher Lektüre antun , Du mußt sie würdigen , indem Du sie liebst . - Die ästhetischen Briefe von Schiller - hast Du sie gelesen ? - , so bedaure ich Dich für die Pein ; sie sind für eine kindliche Seele etwas hölzern . Hiervon schweige gegen die Großmutter , sie tut Wunder der Güte in ihrer Art - und Du sollst sie ehren . Schreibe , wenn es möglich ist , Deine Empfindungen während oder nach der Lektüre nieder und schicke mir so etwas , überhaupt sprich in Deinen Briefen oft mehr über den ganzen Kreis Deiner Empfindungen , wie sie nämlich in die Welt hinausstrahlen , als über ihre Konzentration . Was Du tust , erhalte Deine Seele in reiner jugendlicher Liebe zum Großen und Schönen . Auch die Sinne wollen die Befriedigung in der Schönheit , sie suchen es in sich und in dem , was Einfluß auf sie übt . Du fühlst Dein Ohr beleidigt durch eine klanglose rauhe Stimme , die keinen Geist widerhallt , so Dein Auge lenkt ab von dem , was seinem Schönheitsreiz widerspricht . Oder es forscht nach der tieferen Schönheit des Geistesadels und der Güte , wenn es mit häßlichen Zügen sich bekannt macht . So ist das unschuldige Auge der strengste , aber auch der edelste Richter , ja der König unter den Sinnen , denn es begnadigt den , der unverschuldet gegen die Schönheit sündigt , es erhebt und rächt ihn an den stumpfen Sinnen , die das Tiefe nicht von der Oberfläche unterscheiden . Seelenreinheit im Verkehr mit andern , ohne Vorbedacht , ohne Berechnung , die allein ist der helle Kristall , durch den das Leben in seiner Ursprünglichkeit begriffen wird , und die aus sich selbst die ewigen Motive immer wieder erzeugt , welche eine verwirrte Welt umwälzen und ihre primitive Kraft ihr wieder verleihen . Verstehst Du mich ? - Nur solchen Naturen schließen sich alle Lebenstiefen auf , nur sie werden gesund zwischen Lastern , ansteckenden Krankheiten der verwirrten Zeit hindurchgehen , nur sie werden Heilung ausströmen , nur sie werden taube Ohren hörend und blinde Augen sehend machen . Sei unbekümmert um die Zukunft , es gibt keine ; wenn Du in jeder Minute rein und voll und ohne Langeweile lebst , so gibt es nur eine gegenwärtige Ewigkeit . Es würde mich freuen , wenn Du wolltest Dich mit dem Englischen beschäftigen . Sprachen sind ein großer Gewinn , sie enthalten außer der Verschiedenheit des Ausdrucks auch noch ein melodisches Genie , und dies erzeugt wieder auch ein tanzendes Genie im Geist . Und willst Du hinter alle Geheimnisse des Geistes kommen , so nehme nur Rücksicht auf das Leben , was die Sinne führen , es spricht Dir Befähigung und Kraft und Neigung aus . In unserer äußern Welt konstruieren sie eine erhabne Geisteswelt , die reifen muß in ihr und endlich sich selbständig zur Welt gebären muß . Das ist unsre Erlösung aus dem Irdischen ins Himmlische . - So wie der Tanz Dich lebendiger und rascher macht . - Als ob von frischem Frühlingswind angehaucht die Lebensglut aufflackert und spielend ihre Flamme hier- und dorthin wirft ; so ist ' s mit dem Geist . Sprachen lernen , ist mit dem Geist der aufregendsten Tanzmusik folgend , sich behagen in harmonischen Beugungen und zierlichen kecken labyrinthischen Tänzen , und dies elektrisiert den Geist , wie die Tanzmusik Deine Sinne elektrisiert . In der Sprache aber vermählen sich die Sinne wirklich mit dem Geist , und aus dieser Verbindung erzeugt sich denn , was die Völker mit Erstaunen als ihr höchstes Kleinod lieben und erheben , und wodurch sie sich erhaben fühlen über andre Völker , was den Charakter ausspricht ihrer Nationalität , nämlich der Dichter . Drum , liebes Kind , ist ' s nicht so gemeint , wie die andern es meinen , wenn sie Dich zum Fleiß anmahnen , - wenn ich Dich drum bitte ; es ist wahrhaftig aus einem tieferen Grund ; aus dem heiligen Grund der Vernunft . Diese Vernunft , die immer über uns schwebt , selten den Fuß auf die Erde setzt , nach der schaue ich beständig und flehe sie an , daß sie Deine Muse soll sein . Dir kömmt vielleicht das trocken vor . Ich hab schon oft Dich zürnen hören über Vernunft und vernünftig , Du hast dies Wort bei mir verklagt , daß es so wenig Klang als innerlichen Nachklang habe , und wenn ich Dir auch nachgebe , daß der Klang dieses Wortes nichts Anziehendes habe , was daher rühren mag , weil die Vernunftphilister es in falschem Gold nachmachen , so erinnere Dich nur , was Du mir noch vor einem halben Jahr geschrieben , die Pockengruben , die Lavater dem Mirabeau so bös auslegt , können Dich nicht hindern , in die Gruben seines Geistes und Herzens Dich einzubetten ? - Nun so glaube mir , daß , wer im Begriff der Vernunft , ein edles Lager findet , das mit Rosen und Lorbeern und auch mit Myrten Dir bestreut ist . Das Mißverständnis der Welt ist der wahre Verleumder , sein Lügennetz verwickelt alle Hin- und Widerreden , alle sich aus gegenseitiger Opposition bildenden Meinungen , und wer sich oder seinen Grundsätzen unrecht getan fühlt , tut wieder dem unrecht , den er selbst durch Irritation so weit gebracht hat , daß ihm die Ahnung in der Seele gelöscht ist vom Großen und Schönen , und betäubt nicht mehr das Rechte erkennt . - Aus Empörung gegen diese Mißverständnisse gegenseitiger Opposition ist die Revolution entsprungen , und aus Eigensucht derer , die für die höchste Liberalität zu streiten behaupten , wird sie mit ihren schrecklichen Nachwehen , eine schauerliche Ruine für die Nachwelt , dastehen . Aber gebessert kann nur das ganze Weltverhältnis werden durch die heilige Vernunft , laß sie Dein Mirabeau sein , wenn dieser Name Dir besser klingt . Widme ihm Deine Begeistrungen , da er Dir doch nur aus den Wolken herabpredigen kann , so wird dies leicht mit der Vernunft übereinstimmen , die auch immer über allen Projekten der Menschheit schwebt . Verzeih mir , wenn ich Dinge Dir mitzuteilen versuche , die viel reiner in Deiner Seele wohnen , die ich eigentlich in Dir selber wahrnehme , um sie Dir auszusprechen . Die Hoffnung auf eine köstliche Ernte macht mich so ungeduldig , ich sehe alles hervorsprießen und zur Blüte sich drängen in Dir , und kann es kaum erwarten , daß es der Wahrheit und Schönheit zugunsten reife . Noch einmal führ ich Dich auf Deine Studien zurück . Ach , wenn Du erst den Shakespeare englisch lesen kannst , das ist ein halbes Leben wert . Auch zeichne fort , recht fleißig und mit der Begierde , es zum Selbsterfinden zu bringen . - Die Zeit , die Du nicht arbeitest , liebe Bettine , mußt Du ja doch verlieren . Keine Minute lohnt Dir in Deiner Umgebung . Ja wohntest Du in der freien Natur und könntest in Feld und Tal und Wald und Berg herumlaufen , oder könntest Du mit Menschen sein wie mit Sternen , die ihren Einfluß auf große Charaktere ausübten und sie zu erhabnen Handlungen reizten . Aber leider haben die Sterne ihren Einfluß verloren , ich würde Dir dann nicht sagen : » Arbeite ! « denn dann würde die Ursprünglichkeit aller höheren Anlagen in Dir wie das Wort im Geist Fleisch geworden sein . Aber so kann es nicht sein noch werden , weil der Genius nicht mehr als erste Kraft in uns wirkt und wir uns an die Spekulation verkaufen . Du mußt daher in Deinem Innern Dir einen Schatz sammeln , worin Du Deiner Welt reines Sonnengold einschmelzest , auf daß die lebendige Sonne in Dir selber aufgehe . Ich wollte , mir wäre so in meiner Jugend geworden ! - Doch keine Klagen ! - Nein , so ist mir ' s nicht geworden ! - Gott hat mich vieles nur im Bedürfnis kennen gelehrt , damit ich es von Dir fordern könne ; und gern vertrauend , daß Du mir sicher folgst und unbefangen trauest , will ich Dir folgende Zeilen aus einem größeren Gedicht nicht vorenthalten , die ich in einer Stunde geschrieben habe , wo ich recht fest an Dich glaubte und das Leben um Deinetwillen liebte . Kehret Gedanken doch heimwärts , eilet den Tempel zu ordnen , Schafft mir im Herzen Gebet , eh es in Sehnsucht mir bricht , Drei sind ihrer , der Teuern , die weit in der Fremde mir weilen ; Zwei , dem Tode geweiht , grüße noch einmal mein Blick , Daß ich friedlich entsage dem , was die Fremde begehrt . Dann umfasse mich Leben , - denn eine noch weilet , - ich fühle , Daß sie das einzige ist : Leben und Liebe und Zukunft . - Wie mir ' s im Herzen , - das hat ihr der Gott in den Busen geschrieben , Wie in der Seele es mir , schrieb ihr der Gott in das Aug . - Schweigend spricht sie das Wort , was meine Lippe nicht redet ; Flieh ich , so ist sie die Flucht ; ruh ich , so ruht sie in mir . Suchst du sie ? - Dort in den Schatten des Waldes , wo sich das Dunkel Tiefer Begeisterung löst , stiller der Himmel sich senkt , Wo an der liebenden Brust , dem Gestade des brausenden Lebens , Des unendlichen Meeres Woge melodisch sich bricht . Dort weilt sie , dichtet fromm , was ihr Geister sie lehret , Begierig , Geheimes zu fassen , Und euch , ihr Götter , in mir , schuf nur des Kindes Gebet . Trösterin ! - Freundliche ! - Dein Seherauge entsiegelt dem Tode , Der dich als Leben umgibt , selbst den geschlossenen Blick . - Alles Bettine ! dem liebend dein schaffender Geist sich genährt , Was deine segnende Hand , was dein Gedanke berührt , Blühet schöner ein Freiheit verklärendes Leben . Bilde in mir deine Welt , du , die den Zweifel nicht kennt , Die aus dem Busen mir zog den vergifteten Pfeil . Alles , was der Genius zu bilden mich drängt , Bilde ich Schwacher es nicht , weilt schon gestaltet in dir . Schützend will ich dir folgen , du Leben , das , wo ich zage , mich schützt ; Das , wo ich welke erblüht , gern mir die Jugend ersetzt . Verwechselt im Herzen , schreitest du kühn auf tobender Woge , Die aufbraust in mir und sänftigst sie , daß sie heller , melodischer klingt . In dir weile ich flammend , du gibst die lindernden Öle , Und so sühnt sich in dir , opfernd den Göttern , der Sturm . Ach , liebes Kind , wie einzig möcht ich Deine Begriffe und Ahnungen so stark machen , daß sie wirklich endlich zum Kern würden , zum reinen Gesetz , an dem alle Verkehrtheit zu scheitern komme . Ach lerne , arbeite , Dich zu bereichern , was es auch sei , nichts ist unbedeutend , alles nährt und weckt und erleuchtet . Aus allem kannst Du weben und flechten einen schattigen Hut , wo die Sonne im Zenit steht , eine Freiheitsmütze , die Deine höheren Anlagen schützt . Ach die Welt ist groß . Es gibt mildere Sonnenhimmel ! - Spanien , wo die Orangen Dir in den Schoß rollen , ich muß Dich hinführen , wo die ganze Natur Dir bestätigt , was Du ahnest , was Du suchst und glaubst , drum lasse Deinen Geist kühn jede Stufe erklimmen , fürchte nicht , daß er ermüde , nein , er kann durch sich selbst nur erstarken , wer von den Banden der Sklaverei sich will befreien , der muß den Geist im Innern befreien . Verberge , was ich Dir hier sage . Es gibt Gedanken , die dem Gott im Menschen allein geweiht sind , und der Geist wird nicht Schöpfer werden , der nicht diese als Geheimnis bewahren kann . Der Geist ist Zauberer , dies ist die Schöpfung , die in sich selbst geheim und heilig ist , eine ewige Tiefe der Freude und des unergründlichen Glückes , fern und unantastbar für die lärmende vernichtende Oberfläche des Lebens . Wieder ein Posttag und nichts von Dir ! - Wie ist das ? - Hindert man Dich ? - Der Buchhändler schreibt mir , er habe Dir den Homer geschickt , hast Du ihn ? - Schreibe und liebe Deinen Clemens Ach manchmal möcht ich verzweiflen , manchmal ist mir ' s , als müsse dennoch alles im Rauch aufgehen , was mir so gut und so schön in Dir deucht , als könntest Du nicht zu Dir selber kommen , um was hab ich Dich alles gebeten ? - Du hast mir versprochen , was mich so glücklich machen könnte . Versprochen hast Du ' s , aber wirst Du ' s auch halten , wo eine lederne Zeit sich Deiner anmaßet ? - Du könntest - und doch kannst Du nicht . - Warum nicht ? - Frag Dich das ! - Warum hast Du nicht von Deinen Kinderjahren die Erinnerungen aufgeschrieben ? Du hattest mir ' s versprochen , Du hattest mir ' s gelobt . Werd ich nicht auf Dich zählen dürfen ? Clemens An Clemens Clemente , Du warst bei der de Gachet und nicht zu Hause im Stübchen , und jetzt klagst Du über Deine Einsamkeit , wo Du kaum den Fuß auf die Schwelle gesetzt hast . Und fragst ängstlich , warum ich nicht schreibe . Ei , weil Du nicht da warst . Weil bis zum 19. November keiner wußte , wo Du gewesen bist . Du schreibst mir endlich den schönen langen Brief , den ich nun schon acht Tage mit mir herumtrage , jetzt wirst Du denken , warum ich immer noch nicht antworte ! was da dran schuld sein mag ? - gar nichts ist schuld , als daß Dein Brief mich ganz betäubt hat , und ich hab ihn sehr vielmal gelesen und kann ihn nicht behalten , der Inhalt ist mir immer noch fremd . Ja , Du warst bei der de Gachet , dort hast Du an der galvanischen Batterie Dich elektrisch geladen , und nun fährst Du mit feurigen Zungen auf mich los . Soll ich denn wirklich schreiben heute ? - Oder soll ich wieder den Posttag versäumen ? Denk , es liegt meinem Geist , dem Du die Schöpfung einer neuen Welt zumutest , wie Blei in den Gliedern . Ich mocht lieber nicht schöpfen . Die ästhetischen Briefe von Schiller ? - Freilich hab ich die nicht gelesen , denn ich kann nicht auf Komma und Punkt Achtung geben . Der Großmama hab ich wohl draus vorgelesen , aber in Gedanken war ich wo anders , aber wo , weiß ich nicht ; aber von der Lektüre hab ich nicht profitiert , denn ich weiß nichts davon . Ist es Krankheit , daß ich so zerstreut bin ? Es ist wohl Schwäche in dem geistreichen Kopf , lieber Clemens , dem Du so hohe Würden und Kräfte zuschreibst in Deinem Gedicht . Du schreibst aber von mir nicht , nein , gewiß nicht , ich bin kein solcher Einsamkeitskobold , kein solch Wolkengespenst , noch Schattenriß der Erhabenheiten . Jetzt wirst Du böse , ich merk ' s. - Macht es Dich böse , Clemens , daß ich so Dir antworte auf Deinen treusten ernstesten Willen für mich ? Von Spanien ! - Ach , erst hat mir die de Gachet davon gesprochen , wie wir allein waren an jenem Sonntag , da hab ich ihr recht glücklich widersprochen , worüber sie sehr erstaunt war ; und hab gesagt , was denken Sie , daß ich hier sollte den Garten verlassen , der mir so lieb ist , und mein Bruder Franz , der mich so lieb hat , wenn ich so weit von dem fort wollte , und mein anderer Bruder Dominikus , der mir Schmetterlinge bringt , wenn sie bald aus der Puppe sich losmachen , die fliegen dann zu Dutzenden im Garten herum auf den Blumen , und mein Bruder George , der vornehmste aller Menschen , und mein Bruder Christian , der eine mathematische Korrespondenz mit mir führt , und mein Bruder Anton , der ist ein Phantast , mit dem dichte ich Fabeln , und mein Bruder Peter liegt in der Familiengruft in der Karmeliterkirche bei Vater und Mutter und noch drei Schwestern , die gewohnt sind , daß ich sie grüße , wenn ich in Frankfurt durch die Mainzer Gasse gehe , wo die Karmeliterkirche steht . - Sie war verwundert über dies große Register unzerreißbarer Vaterlandsbande , sie sprach von einem großen Weltteil , von Oliven und Orangenwäldern , von blauen Fernen , von heißem Mittag und kühlen Abendlüften , und daß Du mitgehen werdest , und dann könne ich ja immer mit Dir sein , und es seien so interessante Menschen dort , viel edler von Geist und Gestalt wie hierzulande . Ich sagte : » Ich will aber nicht immer mit dem Clemens sein , sonst könnten wir einander lästig werden , und mir ist das liebste beim Willkommen , ihm an den Hals springen und beim Abschied ihn vors Tor begleiten . « » Vous êtes un enfant « , hat sie gesagt , » sentez donc combien en voyageant votre âme et votre fantaisie se developeront et puis vous serez avec moi , je vous aimerais , et vous comprendrez , la vie , le monde , la nature tout autrement . « Glaubst Du , das habe mir keinen Eindruck gemacht ? - Gewiß hat es mich Überwindung gekostet . Ich sah ihr unter die Augen , plötzlich kam sie mir vor wie ein Seeräuber oder sonst eine edle Spitzbubengattung ; sie glaubte schon , sie habe mich gefangen , da kam die Großmama , ich riß mich los , - und jetzt verfolgt mich ' s , daß sie vielleicht nicht eine Frau , sondern ein Kriegsheld sein könnte , sie sieht so edel aus zu Pferd , so frei , sie bekümmert sich gar um nichts , sie läßt den Gaul dahin sausen , nur der Reitknecht war diesmal mit , das Pferd bäumte , als sie aufstieg , sein Übermut wiegte sie in den Lüften , und fort ! - Ich sah ihr durch die alte kalte Domstraße nach . - Und also , ich bleib hier , und sie reitet nach Spanien , am rauschenden Strom hin zwischen Felsen durch , der Schweiß rinnt ihr vom Gesicht . Was schadet ' s ? - Immer hoch , immer frei , immer stolz ; und ich hier in der Mansarde zähle die Dachziegel da drüben und betrachte dem Sperling sein Nest unterm Dach , die dort sieht die Adler über sich wegschweben und kämpft mit dem Lämmergeier , der die einsame Herde beraubt , und ich laufe mit der Gießkanne und begieße die Bohnen . Ach , was kann ich Großes tun ? Auf die Pappel klettern beim Gewitter , daß es auf mich losdonnert und blitzt ? - Oder im Winter auf den Schneeflächen mich tummeln ; dem Treibeis nachhelfen im Main ? - Clemente , schreib mir solche Briefe nicht von unmöglichen Anlagen in meinem Geist . Ich mein dann , ob ein Kobold Dich neckt , der Dir das alles weismacht . - O schreib keine Gedichte , worin Du meinen Namen nennst , es ist , als ob Du in die einsame Wüste hineinrufst , ich lausche selber , ob aus der Tiefe meiner Sinne Dir etwas antworte . - Nein , - die Sinne werden müde davon , Du rufst sie an zum Arbeiten , das wollen sie nicht ; sie sind eigensinnig . Du willst meine Trägheit überwinden , mich aufreizen , und vor ungeduldigem Eifer spring ich von einem Buch zum andern . Ich will nicht mit den Katzen spielen , nein heute nicht , ich will gewiß schreiben - lernen , - nein , es will nicht in mir , es lacht mich inwendig aus und sagt , du lernst ja doch nichts . Ach , wenn Du wüßtest , wie ich mich oft bezwingen möchte , Du würdest sehen , es ist nicht Mangel an Treue . - Ich kann mich keiner Beschäftigung hingeben . Inwendig ruft es : dorthin , und dort ruft ' s wieder hierher , und hier lockt ' s , da flüstert ' s , und hinter mir und vor mir , und in den Lüften gehen Stimmen durcheinander , die mich reizen . Heut hab ich mir vorgenommen , meine Lebensgeschichte zu schreiben . Gleich hier auf dem Blatt will ich anfangen . Es war einmal ein Kind , das hatte viele Geschwister . - Eine Lulu und eine Meline , die waren jünger , die andern waren alle viel älter . Das Kind hat alle Geschwister zusammengezählt , da waren ' s dreizehn , und der Peter vierzehn und die Therese und die Marie fünfzehn , sechzehn und dann noch mehr , die hat es aber nicht gekannt , denn sie waren schon tot ; es waren gewiß zwanzig Geschwister , vielleicht waren es gar noch mehr . Der Bruder Peter ist gestorben , wie das Kind drei Jahr alt war , von dem weiß es aber noch sehr viel . Er hatte schwarze Augen , die ein blendend Feuer von sich strahlten , in die hat das Kind oft sich ganz verloren vor tiefem Hineinschauen . Der Bruder Peter trug das Kind oft auf einen kleinen Turm auf dem Haus , da fütterte der Peter allerlei Gefieder , Tauben und eine Glucke mit jungen Hühnern , da saß das Kind mit ihm , da dichtete er ihm Märchen vor . Das waren Stunden , die glitzern wunderschön aus der frühsten Kindheit herüber . Was fing denn der Peter noch für närrische Dinge mit dem Kind an ? - Er war mißwachsen und daher sehr klein , er nahm es am Weihnachtstag mit in die Kirche , das sollte keiner sehen , er nahm einen großen Bärenmuff und hielt ihn vor sich und das Kind , daß man nicht Kopf , nicht Hand sah , nur die vier Beine trappelten immer vorwärts , die Leute wunderten sich über das kuriose Rauchwerk , das allein über die Straße lief . Einmal hatte der liebe Bruder heimlich im Garten etwas gebaut , dann führt er das Kind hinein . Da ist ein kleiner Hügel aufgeworfen , da hebt er einen Stein auf , da springt auf einmal ein Wasserstrahl empor , ein kleines Weilchen , dann hört ' s wieder auf . Das hast du alles deinem Schwesterchen zu Gefallen getan , o Bruder Peter ! Es liebte dich aber auch sehr . Morgens , wenn es aufwachte , standest du vor seinem Bettchen , und es lachte mit dir , noch ehe es die Augen öffnete . Es lernte an deiner Hand die Stiegen erklettern , immer führte es sich an dir . - Da war ' s einmal schon spät , eben wollte die Sonne untergehen , er stand an der Wendeltreppe mit dem Kind ; die letzten Sonnenstrahlen leuchteten ihm ins Gesicht , er ward so totenblaß , das Kind klammerte sich fest ihm an , laß los , sagte er kaum hörbar und fiel die Treppe hinunter , das Kind hatte aber sein Kleid festgehalten und war mit heruntergefallen . Da trug man den Peter ins Bett , das