malte mit rührender Inbrunst den Segen , der Jenny in dem Besuch der Kirche , in dem Genusse des heiligen Abendmahls zu Theil werden müsse ; sie schilderte ihr die Ruhe , den Himmelsfrieden , den sie nach demselben empfunden , und Jenny , deren ganze Seele gerade jetzt in der furchtbarsten Unruhe befangen war , fühlte sich dadurch in ihrer Ansicht bestärkt , und fing an , auch die Eltern allmälig auf ihre Wünsche vorzubereiten . Diese nahmen es anfänglich leicht . Sie hielten es für eine jener enthusiastischen Aufwallungen , die sie an ihrer Tochter gewohnt waren , und mit denen sie sich ebenso gut für das Christenthum und einen allgemeinen Kreuzzug , als für das Judenthum und die Begründung eines neuen jüdischen Reiches begeistern konnte . Nur Joseph faßte es anders auf . Er kannte die geheimen Triebfedern , die hier im Spiele waren , und ein doppeltes Interesse flößte ihm den Wunsch ein , die Ausführung oder das Ausbilden dieses Gedankens bei Jenny zu verhindern . Eines Tages , als man vom Mittagstische aufgestanden war , Eduard sich entfernt , und die Eltern eine kleine Spazierfahrt unternommen hatten , die Jenny mitzumachen abgelehnt , blieb sie mit Joseph allein in dem Eßzimmer zurück und das Gespräch wandte sich bald auf das Christenthum und Jenny ' s beabsichtigten Uebertritt , da Joseph sowohl als Jenny gleich lebhaft bei dem Thema betheiligt waren . Was ist es denn eigentlich , fragte Joseph , was Dich so urplötzlich zu dem Entschlusse gebracht hat ? Urplötzlich kannst Du ihn nicht nennen , antwortete sie . Ich habe bis jetzt überhaupt nicht über mich selbst nachgedacht ; ich habe wie ein Kind in den Tag hineingelebt . Nun ich älter werde und ernster über mich nachdenke , fühle ich , daß die Halbheit , in der ich erzogen bin , mich nicht befriedigt , daß ich nicht glücklich bin , und ich will das ändern . Joseph lächelte unwillkürlich . Und Du hoffst , das Christenthum werde Dich glücklicher machen ? Täusche Dich doch nicht ! Der Glaube , der Friede , der nicht in uns ist , den bringt kein Wechsel der Religion in unser Herz , den kann Dir weder Christus noch Moses geben . Das kannst Du nicht wissen , weil Du selbst nicht Christ bist ! erwiderte sie . Und woher weißt Du es denn ? Durch Therese , durch Reinhard . O ! wenn Du wüßtest , wie selig Therese nach dem Genusse des Abendmahls war , wie fest Reinhard daran glaubt , daß selbst Leiden , die Gott uns auferlegt , zu unserm Heile dienen , wie sicher er darauf rechnet , nach dem Tode mit seinen geliebten Verstorbenen wieder vereinigt zu werden ! Joseph , glaube mir , mit der Ueberzeugung muß man glücklich sein ! Joseph schwieg eine Weile , denn Jenny ' s Worte , aus denen ihre angeborne Lebhaftigkeit mit der Liebe für Reinhard zugleich hervortönte , machten einen schmerzlichen Eindruck auf ihn . Er beneidete Reinhard , daß er Jenny ' s Liebe gewonnen , und war einen Augenblick nahe daran , ganz von dieser Unterhaltung abzubrechen und mit keinem Zweifel ein Herz zu beunruhigen , das für ihn , wie er fühlte , hoffnungslos verloren sei . Indeß war Jenny ihm zu theuer , als daß er sie ohne Besorgniß auf einem Pfade sehen konnte , dessen Ziel ihm für ihre Ruhe durchaus gefährlich schien , und er hielt es für recht und nöthig , bei einem so wichtigen Schritte , an dessen Ausführung er , wie er die Verhältnisse kannte , nicht mehr zweifelte , die Stimme der Warnung ernstlich geltend zu machen . Verkenne mich nicht , sagte er , wenn ich an die Möglichkeit Deiner ernstlichen Bekehrung zweifle . Du sagst mir , mit Theresens und Reinhard ' s Ueberzeugung müsse man glücklich sein . Hast Du diese Ueberzeugung ? Nein , antwortete Jenny . Aber Du glaubst auch , daß Gott über uns lebt , daß er unser Schicksal lenkt , daß uns nichts begegnen könne , ohne seinen Willen , daß er allweise und allgütig ist , daß er uns liebt ? Gewiß , das glaube ich . Du glaubst , daß wir eine unsterbliche Seele haben ? denn das scheint eine von den Ueberzeugungen zu sein , die Du am tröstlichsten findest . Joseph , fiel Jenny rasch ein , sieh ! wenn ich an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben vermöchte , wenn mir das bewiesen werden könnte , so daß ich es einsehen , es begreifen könnte , dann wäre ich schon glücklich . Es ist so furchtbar , Dasjenige auf das bloße Wort eines Andern glauben zu müssen , was uns zur unwandelbaren , felsenfesten Ueberzeugung werden muß , wenn wir nicht beständig in Todesangst erzittern sollen bei dem Gedanken , daß einer unserer Lieben uns entrissen werden könne . Aber bewiesen muß es mir werden , daß ich es erfassen kann mit der Vernunft . Daß Ihr mir sagt : Glaube , wir sind unsterblich , das genügt mir nicht , das vermag ich nicht . Du vermagst nicht zu glauben , und willst Christin werden ? zu einer Religion übertreten , die , ganz auf Offenbarungen fußend , voll von Mysterien , nur durch den Glauben besteht , in Allem , was nicht Moral oder Philosophie ist ? Was ist Dir der Sohn Gottes , der Mensch gewordene Gott ohne den Glauben ? Wie kann Dich die Anwesenheit Christi im Abendmahle erheben , wenn Du nicht zu glauben vermagst ? Oder meinst Du , man könne Dir die Gegenwart Christi im Sakramente beweisen ? es gäbe eine Erklärung für die Kindschaft Jesu ? Kannst Du den heiligen Geist , die Dreieinigkeit begreifen ? Man wird Dir ein Bild dafür geben , aber wer gibt Dir die Fähigkeit zu glauben , dieses Bild sei Wahrheit ? O Gott ! nicht weiter , rief Jenny weinend aus , nicht weiter , Joseph ! mache mich nicht haltlos . Doch ! mein Kind ! denn wie mein Kind , oder wie eine Schwester liebe ich Dich , sagte Joseph mit bebender Stimme , sich selber überwindend , doch ! - Du mußt mit Dir selbst einig werden . Du weißt , das viele Sprechen ist nicht meine Sache ; um Dich aber aufzuklären über Dich selbst , müssen wir aufrichtig mit einander sein . Den Glauben an Gott , die Lehren , recht zu thun und dem Nächsten zu dienen , enthält das alte Testament , und Du findest sie veredelt und einer höhern geistigen Entwickelung entsprechend im neuen Testamente wieder ; und Mahomet und Zoroaster lehrten sie - denn sie sind begründet in der Seele , die uns Gott gegeben . Darüber hinaus ist alles Menschensatzung . Und Du , großgezogen in den Vorstellungen des jetzigen Judenthums , wirst nie aufhören , an Alles den Maßstab der Vernunft anzulegen . Du hast gesehen , daß Deine Familie , gut und brav , den Gesetzen der Moral gefolgt ist , und doch die Gesetze , die das Judenthum charakterisiren , als bloßes Ceremonialgesetz verwirft . Du bist erzogen in der Schule des Gedankens , wenn ich so sagen darf , und Dir ist die Möglichkeit des Glaubens ohne Prüfung dadurch genommen . Du wirst hoffentlich ein Mensch werden nach dem Herzen Gottes , aber Du wirst niemals Christin sein noch Jüdin . Wie wir Juden jetzt in religiöser Beziehung denken , gibt es keine positive Religion mehr , die für uns möglich ist , und wir theilen mit Tausenden von Christen die Hoffnung , daß eine neue Religion sich aus den Wirren hervorarbeiten werde , deren Lehren nur Nächstenliebe und Wahrheit , deren Mittelpunkt Gott sein muß , ohne daß sie einer mystischen Einhüllung bedürfen wird . Joseph hielt inne , und auch Jenny schwieg . Endlich fragte sie leise : Und was soll aus mir werden ? Was soll ich denn beginnen , wenn ich nicht glauben kann ? Joseph , der neben ihr auf dem Divan saß , zog sie sanft an sich und sagte mit dem mildesten Tone , dessen seine Stimme fähig war : Du sollst Dich prüfen , ob Du ohne Reinhard nicht glücklich zu sein vermagst , denn nur ihn suchst Du im Christenthume . Du sollst prüfen , ob Reinhard Dir eine so feste Stütze im Leben werden kann , als die Deinen ? Reinhard ist gut und brav , aber ich fürchte , Ihr Beide werdet einander nie verstehen - und am Ende wirst Du Deinem Herzen folgen . Das allein entscheidet zuletzt das Schicksal der Frauen . Gott gebe , daß Dein Herz Dich niemals irre leitet . Er küßte mit den Worten Jenny ' s Stirn , sie lehnte ergriffen und verschämt den Kopf an seine Schulter , da klopfte es an die Thüre und Reinhard trat in ' s Zimmer . Er blieb erschreckend stehen , Jenny erhob sich nicht weniger erschrocken und eilte schnell hinaus , nur Joseph war ruhig und hieß den Gast willkommen . Dadurch gewann Reinhard Zeit , sich zu fassen ; einen kurzen Moment schien er zu überlegen , dann ging er schnell und leidenschaftlich bewegt auf Joseph zu und sagte : Ich kenne Sie nicht genau genug , um eigentlich eine solche Frage an Sie richten zu dürfen . Sie könnten mich der Zudringlichkeit beschuldigen , aber mein Lebensglück hängt von der Frage ab : Wie stehen Sie mit Jenny ? Ihre Forderung ist allerdings sonderbar , antwortete Jener , da ich wirklich nicht einsehe , was Sie zu der Frage berechtigt ? Doch will ich Ihnen antworten , weil ich Ihrer Ehre vertraue . Meine Cousine ist mir eine theure Verwandte , die , unter meinen Augen aufgewachsen , mir wie eine Schwester werth ist . Und Sie ist nicht Ihre Braut ? fragte Reinhard weiter . Nein ! war die entschiedene Erwiderung . Aber Sie lieben Jenny ? Was bedeutet sonst die Scene , die ich eben hier mit angesehen habe ? Darüber brauche ich Ihnen keine Auskunft zu geben , und es ist mehr als Sie fragen dürfen , wenn Sie Fräulein Meier die Achtung zollen , die sie zu fordern berechtigt ist , sagte Joseph tadelnd . Reinhard wollte eben eine heftige Entgegnung machen , denn seine Eifersucht raubte ihm die Besinnung ; doch bezwang er sich gewaltsam , und mit erkünstelter Ruhe sagte er : Ich muß es darauf ankommen lassen , wie Sie über mich in diesem Augenblicke urtheilen mögen . Vielleicht gelingt es mir bald , Ihnen in günstigerem Lichte zu erscheinen , und mein Betragen vor Ihnen zu rechtfertigen . - Mit den Worten verließ er Joseph , der gedankenschwer im Zimmer auf und ab ging , bis sein Oheim mit seiner Frau nach Hause kam , denen bald darauf Eduard in der besten Laune folgte . Der Doctor kam aus dem Horn ' schen Hause . Man hatte dort von einem Treibhause gesprochen , in dem eine Menge der schönsten Blumen gerade jetzt in voller Blüthe ständen , und Hughes hatte dabei die Bemerkung gemacht , er halte das Treibhaus von Eduard ' s Vater für eines der reichsten und schönsten , die er jemals gesehen habe . Er erzählte von alle den verschiedenen Camelien , Azalien und Hyazinthen . Clara schien sich dafür lebhaft zu interessiren , und Eduard wagte endlich den Vorschlag , sie möge seinen Eltern die Freude machen , sich selbst durch den Augenschein davon zu überzeugen . Hughes fand die Idee vortrefflich ; er war gleich bereit , seine Cousine zu begleiten , und erhielt dazu nach einigen Einwendungen die Erlaubniß seiner Tante . Die Commerzienräthin nämlich , die ihren Plan niemals aus dem Gesichte verlor , fingen William ' s häufige Besuche im Meierschen Hause zu beunruhigen an . Es bangte ihr vor der Möglichkeit , Jenny könne der Magnet sein , der ihn dort hinziehe , und sie wünschte lebhaft , die Verlobung Clara ' s mit William , die ihr sehr am Herzen lag , so schnell als möglich geschlossen zu sehen . Darum war ihr jede Veranlassung willkommen , die Clara und Hughes zusammenführte , besonders diese , bei welcher der junge Mann als Beschützer des Mädchens auftrat ; und es war ihr lieb , wenn sich die Leute gewöhnten , das Paar als verlobt zu betrachten , weil nur zu häufig das Urtheil der Welt uns erst zu Entschlüssen bestimmt , die wir sonst vielleicht gar nicht oder doch viel später fassen würden . Eine größere Freude hätte die Commerzienräthin aber weder ihrer Tochter noch Eduard bereiten können . Beide erglühten vor Lust , als ihre Blicke sich begegneten . Die Verabredung wurde für den nächsten Morgen getroffen , und Eduard eilte nach Hause , um seine Eltern davon in Kenntniß zu setzen . Auch Reinhard war , als er sich von Joseph trennte , nach seiner Wohnung gegangen , und so stürmisch in das friedliche Zimmer der Pfarrerin getreten , daß diese , Brille und Strickzeug bei Seite legend , verwundert zu dem Sohne empor sah , denn sie war dergleichen Ausbrüche in ihrer Nähe , die er wie geheiligten Boden ehrte , nicht gewöhnt . Was ist geschehen , Gustav ? sprich mein Sohn ! fragte sie endlich , als Reinhard , der offenbar keinen Anfang zu dieser Unterhaltung zu machen vermochte , sich schweigend neben sie auf das Sopha warf , und tief aufathmend sein Gesicht in den Händen barg . Was ist geschehen ? Um Gotteswillen ! fragte die Mutter noch einmal , so rede doch . Und des starken Mannes Lippen bebten , und aus beklommener Brust stieß er die Worte heraus : Ich liebe Jenny , und ich sah sie an ihres Vetters Brust ! Auch die Pfarrerin fuhr zusammen . Armer Sohn , sprach sie , also ist sie Joseph ' s Braut ? Und ich glaubte , sie theile Deine Liebe , die ich lang schon kannte . Sieh Mutter , das ist es ! Auch ich habe an ihre Liebe geglaubt . Ich bete sie an , sie ist der Gedanke meiner Tage , der ewige Traum meiner Nächte gewesen , und nun ! Die Mutter drang in ihn , ihr genau zu berichten , was vorgefallen sei . Reinhard ' s Erzählung , von den leidenschaftlichsten Klagen unterbrochen , ließ sie einsehen , daß ihres Sohnes Eifersucht der Geliebten Unrecht gethan haben möchte . Sie fragte ihn , ob er Jenny seine Liebe bekannt habe ? Niemals ! antwortete er . Ein mir sonst unbekanntes Bangen hielt mich davon zurück . Wenn ich es zu sagen vermöchte , wie ich Jenny liebe , das schöne , schöne Geschöpf , dessen Lehrer ich gewesen bin , dessen Geist ich gebildet habe , dessen Herz so warm , an dessen Seite zu leben das heißeste Verlangen meines Lebens ist ! Aber in Jenny ist noch ein zweites , fremdes Wesen , das mich kalt zurückstößt , wenn mein Herz ihr offen und warm entgegenwallt . - Hast Du Jenny gesehen , wenn sie den schalen Witzen des albernen Steinheim Beifall lächelt ? wenn sie mit Wonne die Huldigungen von Alt und Jung duldet , und kein höheres Glück zu kennen scheint , als die Pracht und den Luxus , die sie umgeben , keine andere Freude , als Allem Hohn zu sprechen , was es Großes und Heiliges gibt ? Ich habe sie am Morgen Thränen der Rührung vergießen sehen über Empfindungen , die sie am Abend spottend verlachte ; und oft , wenn Ihr schönes Auge mich zu den schönsten Hoffnungen berechtigte , verletzte mich im nächsten Augenblick ihr kaltes Wort so schwer , daß ich schon tausendmal entschlossen war , sie für immerdar zu fliehen . Und sie zu fliehen , sie nicht zu sehen , Mutter ! von Jenny zu scheiden , vermag ich doch nicht mehr . - Beide schwiegen , und die Pfarrerin weinte still . Neulich , fuhr er nach einer Weile fort , hörte sie von dem Unglück einer armen Familie sprechen ; sie war sehr bewegt und doch so klug und ruhig in den Hülfsleistungen , die sie anbot . Sie war gerührt wie ein Weib , und klar und verständig wie ein Mann . Hoch erfreut betrachtete ich sie , wie sie geschäftig alles Nöthige ordnete und aus Kisten und Schränken zusammentrug , was irgend der augenblicklichen Noth zu steuern vermochte . Und nach einer Stunde , als vielleicht auf ihr junges Haupt der beste Segen des Himmels von den Armen erfleht wurde , hörte ich selbst aus ihrem Munde die Worte : Die Dürftigkeit ist nicht poetisch , ich habe nie an die glückliche Armuth geglaubt , sie ist nur niederziehend , ist nur kläglich . - Und ich sollte daran denken , sie in ein kleines Pfarrhaus einzuführen , das ihr niederziehend und kläglich scheinen könnte ? - Nein ! niemals , niemals ! Und wieder entstand eine lange und traurige Pause , bis die Pfarrerin endlich sagte , indem sie ihren Arm um ihren Sohn schlang : Mein armer Sohn ! leider ist manches wahr in Deinen Klagen . Aber bist Du sicher , daß Du Jenny nicht Unrecht thust mit Deinem Urtheil ? Ihr Herz ist gut , sie liebt Dich , und viele ihrer Fehler , die ich nicht verkenne , würden sich verlieren , wenn sie in der Ehe höhere und reinere Freuden kennen lernte , als den Luxus ihres Vaterhauses . O ! das ist es auch nicht , rief Reinhard , innerlichst erfreut , sich widersprochen und die Geliebte gelobt zu sehen . Das ist es nicht ! Gönne ich ihr nicht die Perlenschnur in ihren schönen Locken ? Freue ich mich nicht selbst , wenn der weiche Caschmirshawl sich um die kleine , feine Gestalt legt , und die Schultern blendend weiß daraus hervorschimmern ? Sie ist geboren für diesen Schmuck ! aber , sie kann ihn nicht entbehren ; ich vermag ihn ihr nicht zu geben und würde doch erröthen , mein Weib in einer Pracht zu sehen , die sie nicht mir allein verdankte , die ich nicht mit ihr theilen könnte , ohne von den Wohlthaten eines Dritten zu leben . Und wenn Jenny in einem jener Anfälle rücksichtslosen Witzes jemals ein Wort sagte , das mich daran erinnerte , sie sei die Reiche mir gegenüber - gerade , weil ich sie liebe - bei Gott ! ich glaube , ich könnte sie hassen ! Das wird Jenny nie , begütigte die Pfarrerin , und in der Beziehung würde ich sie ruhig an Deiner Seite sehen . Was mir an ihr mißfällt , ist das jüdische Element in ihr . Der Witz dieses Volkes ist eigenthümlich und fürchterlich , er hat mich oft erschreckt , gepeinigt , wenn es mir in ihrem Vaterhause wohl war , wie es Einem bei so braven , gebildeten Menschen wol werden muß . Der Witz der Juden hat etwas von dem Stilet des Banditen , der aus dem Verborgenen hervorstürzt , den Wehrlosen um so sicherer damit zu treffen . Er ist die letzte Waffe des Sklaven , dem man jede andere Waffe gegen seinen Unterdrücker genommen hat , die feige Rache für erduldete tiefempfundene Schmach . Mutter ! Jenny ' s Witz ist nicht so schlimm ; er ist kindisch , schnell und treffend . Aber wenn ich , in thörichter Eifersucht aufgeregt , hart über Jenny urtheilte - vergiß es , liebe Mutter ! bat der Sohn , denn ich habe Jenny Unrecht , sehr Unrecht gethan . Ich selbst glaube nicht , was ich sagte ; es war Leidenschaft , Zorn , was aus mir sprach , nicht meine Ueberzeugung , nicht mein Herz , das Jenny liebt - und nicht wahr ? auch Du hast Jenny lieb ? fragte Reinhard , und die Pfarrerin schwankte , was sie beginnen sollte . Sie sah , daß ihr Sohn zu sehr an der Geliebten hing , um selbst aus dem Munde seiner Mutter ein Wort des Tadels gegen sie ertragen zu können . Lieber wollte er seine Ueberzeugung , seine eigene Erfahrung in der Beziehung Lügen strafen , als Jenny tadeln hören , die er gerade jetzt , wo die Eifersucht ihm die Gefahr , sie zu verlieren , vorspiegelte , um so leidenschaftlicher liebte . Doch siegte die Pflicht , ihren Sohn an Jenny ' s Eigenthümlichkeit zu mahnen , in ihr über die Scheu , ihm augenblicklich wehe zu thun . Ich habe Jenny sehr lieb , sagte sie , und die kindliche Freundlichkeit , die Hingebung , die sie mir immer zeigt , verdienen meinen wärmsten Dank . Klug , schön und gut wie sie ist , darf jede Mutter stolz auf solche Tochter sein . - Reinhard ' s Gesicht leuchtete vor Freude und ein feuriger Händedruck lohnte seiner Mutter diese Anerkennung . Doch , fuhr die Pfarrerin fort , täusche Dich nicht , mein Sohn ! Jenny hat Fehler , für die sie nicht verantwortlich ist , weil sie gewissermaßen nationell sind , und weil die Mehrzahl der Jüdinnen sie mehr oder weniger mit ihr theilen . Die Lebhaftigkeit , die Rührigkeit der Juden wird bei der großen Masse zur unerträglichen Manier . Ihr Sprechen , ihre Geberden sind carrikirt . Davon ist der Gebildete bis zu einem gewissen Grade frei , die unruhige Lebhaftigkeit indessen bleibt ein hervorstechender Zug der Juden . Sie mag vortreffliche Geschäftsmänner hervorbringen , der Weiblichkeit aber tritt sie zu nahe . Jenny belebt eine ganze Gesellschaft ; sie ist täglich neu ; man hat Freude an der Unterhaltung mit ihr , nur Ruhe findet man nicht bei ihr . Sie hat Muth und Geist ; sie bewegt sich frei und keck ; und doch muß ich , wie zur Erholung , auf Therese sehen , die in ihrer Bescheidenheit neben Jenny einen gar wohlthuenden Eindruck auf mich macht . Therese ist kälter ; hat nicht so viel Geist , wandte Reinhard ein , und was Du von den Jüdinnen sagst , trifft auch nicht immer zu . Ist Jenny ' s Mutter nicht die liebenswürdigste , vortrefflichste Frau ? Auch Jenny wird so werden , wenn sie älter sein wird . Und diese beständige Lebhaftigkeit , die Du tadelst , wie viel Freude muß sie dem Manne gewähren ! Jenny ' s Geist .... Das ist es , was ich fürchte ! sagte die Pfarrerin . Jenny ' s Geist ist unerbittlich klar ; er läßt sich nie von ihrem Herzen täuschen . Das ist es , was mich besorgt macht . Diesen geistreichen Mädchen aus den jüdischen Familien , die gleich Jenny erzogen werden , fehlt es fast immer an gutem weiblichen Umgange : mehr unterrichtet , als die Frauen ihrer nächsten Umgebung , überschätzen sie sich zu leicht ; das Beisammensein mit Mädchen , die Sorge für die täglichen Bedürfnisse des Hauses hört auf ihnen Freude zu machen ; sie ziehen die Unterhaltung der Männer vor , welche mit Vergnügen solche einen kleinen Ueberläufer empfangen . Im Kreise der Männer machen ihr Geist und ihre Aufklärung rasche Fortschritte ; die neuen Begriffe , der große Maßstab der Männer werden an Alles gelegt ; das Mädchen schämt sich der engen Verhältnisse , die ihm bis dahin genügten ; eilig werden die alten Vorurtheile niedergerissen , die beschränkten Ansichten verworfen ; das Haus , in dessen friedlichen alten Mauern das junge Mädchen heimisch ist und am liebenswürdigsten erscheint , wird zerstört , und ein neuer spiegelblanker Palast errichtet . Durch die großen Scheiben dringt strahlend hell das Sonnenlicht , und glänzt von den glatten Marmorwänden wieder . Alles ist Licht ! kein Halbdunkel , kein düsterer Schatten ; aber auch kein stiller Raum , um dem Schöpfer einen Altar zu bauen , kein traulich Plätzchen für schüchterne Liebe . - Sie hielt inne , ergriff des Sohnes Hand , und sagte mit Bewegung : Ich habe Dir , als Du noch auf meinen Knieen spieltest , oft in Märchen und Bildern die Wahrheit mitzutheilen versucht , die ich Deinem Herzen einprägen wollte ; die alte Gewohnheit ist mir geblieben , wie Du siehst . Jenny , von den Ihrigen im Zweifel erzogen , ist ein weiblicher Freigeist geworden . Wird sie , die Glaubenslose , Dich dauernd glücklich machen können ? Reinhard sah brütend vor sich nieder , ohne zu antworten ; auch seine Mutter verlor sich in Gedanken . So saßen sie eine Weile still beisammen . Bei den Männern , hub die Mutter dann aufs Neue an , ihrer Gedankenreihe Ausdruck gebend , bei den Männern , bei Jenny ' s Vater , bei Eduard , fällt der Unglaube nicht so störend auf , weil philosophische Erkenntniß ihnen eine feste Ueberzeugung gegeben hat . Aber Madame Meier selbst bedauert die Richtung , welche ihre Tochter genommen hat , denn die Mutter ist ein frommes , echt weibliches Gemüth ; und sage mir ehrlich , mein Sohn ! glaubst Du , Jenny werde jemals von Herzen Christin sein ? Wenn Du nun dastehst und mit inniger Erhebung Deiner Gemeinde das Abendmahl ertheilst im Namen unsers Heilandes , der für uns gestorben ist , wird Dein Herz nicht bluten bei dem Gedanken , daß Deine Frau , Dein anderes Ich , der heiligen Handlung kalt und zweifelnd zusieht und innerlich Dich und die Gemeinde bemitleidet , die Erbauung findet , wo sie ein leeres Formenwesen sieht ? Hast Du Dir Jenny als die Mutter Deiner Töchter gedacht ? - Sie könnte einem Manne unter anderen Verhältnissen gewiß viel , sehr viel sein , aber keinem Christen , keinem Geistlichen , der aus innerer Ueberzeugung seinen Beruf heilig hält . Nein ! rief Reinhard plötzlich aus , nein ! Du irrst Dich Mutter ! Es wird anders werden , anders sein ! Das Licht göttlicher Wahrheit wird auch in Jenny ' s Geist leuchten , sie wird einsehen und fühlen , daß im Christenthum der Quell ewiger Seligkeit rein und lauter strömt . Ein starker Glaube , wie meiner , muß sie davon überzeugen , und ist sie nicht schon dem Herzen nach Christin ? Alles , was Du an ihr tadelst , liebe Mutter , wird schwinden ; Du hast es selbst vorhin gesagt , wenn ihr Gemüth die ewig wahre Lehre in sich aufgenommen haben wird , wenn eine edlere Freude , eine selige Ruhe sie beleben werden . Denke Dir , welch ein Glück , die Seele seiner Frau gebildet zu haben , sie gewonnen zu haben für die Wahrheit ! - Und werde ich ihr nicht Schätze bieten , edler und unschätzbarer , als ihre Reichthümer , die mich ängstigten ? Morgen noch sage ich ihr , daß ich sie liebe , und ich hoffe , Dir morgen eine Tochter zuzuführen , die würdig ist , einen Platz an Deinem Herzen zu finden ! O theure Mutter ! glaube mir ! wir werden sehr glücklich sein . Ich allein weiß , welch eine Welt von Liebe , von Großmuth in Jenny lebt , ihre Seele entspricht dem holden , süßen Antlitz - und Beides mein ! Jenny ganz mein , mein Eigen ! Es ist fast zu viel Glück ! - sagte er lächelnd , und fing an , der Pfarrerin ein Bild ihres künftigen Lebens in ländlicher Stille zu entwerfen , das der armen Frau Thränen entlockte , eben weil sie ihrem Sohne ein solches Loos wünschte , und doch zweifelte , ob es jemals Jenny zusagen würde . Nur mit Ueberwindung wagte sie , ihrem Sohne den Vorschlag zu machen , noch ein paar Tage mit seiner Werbung zu zögern , nochmals reiflich zu überlegen - denn zu harren , bis er eine Anstellung gefunden , dazu war er nicht zu überreden . Die Warnungen seiner Mutter , ihre Mißbilligung hatten nur dazu gedient , ihn an Jenny ' s Vorzüge zu erinnern , und widerstrebend versprach er , das Meiersche Haus ein paar Tage zu meiden , und Jenny nicht zu sehen . Der nächste Morgen , ein Sonntag , brachte nach trüben Tagen mit Wind und Schneegestöber , wie der Dezember sie bietet , einen klaren , frischen Frost . Die Straßen waren trocken , und sahen in der Sonntagsstille , die in großen geräuschvollen Handelsstädten um so friedlicher erscheint , gar reinlich und festlich aus . Mit der eitlen Sorgsamkeit einer Hausfrau musterte Madame Meier die Zimmer , ließ nochmals jedes Stäubchen fortkehren , und wollte es doch nicht wahr haben , daß sie heute noch mehr darauf halte , als sonst , weil sie Clara zum Frühstück erwartete . Eduard hatte die erste Morgenstunde dazu benutzt , mit dem Gärtner das Treibhaus zu durchwandern . Er selbst hatte die seltensten Exemplare in das rechte Licht gestellt , den Frühstückstisch unter die Orangen setzen lassen , deren Blüthen am üppigsten dufteten , und dem Gärtner aufgetragen , ein Bouquet zu arrangiren , das für diese Jahreszeit als ein wahres Wunder erscheinen mußte . Dann hatte er in fast knabenhafter Fröhlichkeit mit Jenny gescherzt , mit ihr herumgewalzt , als eine Truppe Musikanten auf der Straße spielte , und sie zuletzt gebeten , doch zuzusehen , daß es Clara in seinem elterlichen Hause recht gefallen möge . Joseph sah theilnahmlos dem fröhlichen Treiben der Geschwister zu . Er wurde wehmüthig gestimmt , als Jenny nach Eduard ' s Entfernung zu ihm kam , ihm die Hand reichte und mit ungewohnter Feierlichkeit zu ihm sagte : Joseph ! ich habe Dich bis jetzt verkannt , Dich nicht genug geliebt . Was mir die Zukunft auch bringen wird , Du sollst mein geliebter Bruder , mein zweiter Eduard sein . Willst Du das ? und Du kannst mir vertrauen , wie einem Manne , wie ich Dir ! - Er antwortete ihr nicht gleich , sie hatte sein Urtheil ausgesprochen , über