, wie ich meine Pflicht verletze . Ein Weib , die Frau eines so edlen Mannes , die einen Andern liebt ! Wer mir das je als möglich vorgestellt hätte ! - Und wie soll es enden ! Den 28. Dezember . Der Wind tobt durch die Straßen und peitscht den Schnee vor sich her . Es ist so todt und kalt in der Luft ; auch mir ist es fröstelnd und bang . Meining ist nicht zu Hause ; ich wollte , er käme zurück und bliebe bei mir , denn ich fürchte mich allein vor mir selbst . Ich wollte lesen und vermochte es nicht ; die Kinder , die ich holen ließ , sprachen von Onkel Thalberg , von dem mein Herz ohnehin schon laut genug spricht . Dann wollte ich mich zerstreuen und sah auf die Straße hinaus ; eine arme Frau ging vorüber , starr und weinend vor Kälte . Ich ließ sie hereinholen , wärmen , speisen und kleiden - wohl ihr , daß man ihr helfen kann . Mir kann Niemand helfen ! Den 2. Januar . Mir träumte die ganze Nacht von Dir . Ich saß mit Dir und den Kindern , und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer , das auf- und niederwogte , und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand , immer neue bildend und die frühern zerstörend . Darauf erzähltest Du von Deinen Reisen und Deinem Leben und sagtest : wir sind uns schon früher begegnet , da haben wir uns geliebt , und Du liebst mich noch , Clementine . Nun fing ich bitterlich an zu weinen . Du aber küßtest mein Haar und führtest mich hinab an ' s Meer . Schweigend und ruhend auf Deinem Arme , wandelte ich auf und ab mit Dir , und Du zogst lange , weiße Perlenschnüre aus den Wellen , und schmücktest mein Haar , daß mir die vollen Perlenreihen bis an das Herz niederreichten . Da wurde mir entsetzlich bange , und ich sagte : aber Perlen bedeuten ja Angst und Thränen ? und Du lächeltest trübe und sprachst : erwartest Du es anders ? Ich wachte auf , in Thränen gebadet . Gott selbst wollte mich warnen im Traume . Was soll ich thun ? Clementine an Frau v. Alven . Berlin , den 3. Januar 1840 . Glück auf zum neuen Jahre , meine gute Tante ! und möge es uns nichts Uebles bringen . Hast Du mich denn ganz vergessen , daß auch kein Wort mehr von Dir zu hören ist ? Ich sprach noch gestern mit Meining davon , der Dich leider noch immer nicht kennt ; und wir überlegten , ob es nicht möglich wäre , daß Du jetzt für einige Zeit zu uns kämest . Mir geschähe der größte Gefallen damit , denn ich habe seit Jahren Nichts so sehnlich gewünscht , als wieder mit Dir , Du treue Freundin , zusammen zu sein . Auch weiß ich eigentlich nicht , was Dich davon abhalten könnte , recht bald zu kommen , damit Du noch einen Theil der Winterfreuden und das beginnende Frühjahr mit uns genießen könntest . Du hast es mir immer abgeschlagen , uns in Heidelberg zu besuchen , unter dem doppelten Vorwande , die Reise sei zu weit , und Eheleute müßten erst Jahr und Tag allein mitsammen leben , ehe sie an einen Hausgenossen denken dürften . Beide Rücksichten fallen jetzt weg , und ich fange getrost an , Deine Wohnung bei uns einzurichten . Du sollst die Zimmer haben , die Du früher bewohntest ; Alles soll an der alten Stelle stehen , und Deine Clementine hat auch die alte Liebe für Dich . Komm Herzens-Tante ! ich bin so viel allein , ich habe Grillen , die ich nicht bannen kann ; ich muß Dir Vieles sagen , ich bedarf dringend Deines Rathes , also laß Dich nicht vergebens bitten und erwarten . In acht Tagen könntest Du hier sein , wenn Du noch die gute , flinke Tante wärest . Meining , der immer sehr gütig gegen mich ist , bittet mit mir um Deinen Besuch und empfiehlt sich Dir bestens ; so auch die Generalin und alle Deine übrigen Freunde , die sich ein Fest daraus machen , Dich wiederzusehen . Schreibe mir , welchen Tag Du einzutreffen denkst , gute Tante ! Wir kommen Dir , wenn es Meining ' s Geschäfte erlauben , bis zur ersten Station entgegen oder schicken Dir mindestens unsern Wagen und Diener . Aber komme bald , denn ich bedarf Deiner in der That . Frau v. Alven an die Geheimräthin v. Meining . St .... , den 12. Januar 1840 . Mein liebes Kind ! ich wünsche gewiß ebenso sehr als Du , daß es uns vergönnt würde , eine Zeit mit einander zu verleben ; leider müssen wir aber den Plan noch für eine Weile hinausschieben , da ich nicht wohl genug bin , jetzt an eine Reise zu denken . Indeß will ich mich so rüsten , daß ich bei der nächsten gelinden Witterung mich auf den Weg mache , und so wollen wir Beide um einen milden Winter bitten . Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst , das kann ich nach diesen unbestimmten Ausdrücken nicht verstehen ; will es auch nicht , falls irgend etwas Deinen häuslichen Frieden gestört hätte . Dergleichen kommt wol in jeder Ehe vor , und man muß sich nur hüten , ein Wort davon , auch gegen die beste Freundin , laut werden zu lassen . Der Frieden stellt sich oft gar leicht wieder her ; das ausgesprochene Wort kann aber nie zurückgenommen werden und ist nur zu oft eine Saat , die böse Früchte trägt . Meining ist , wie Du mir selbst sagst , gut und brav und liebt Dich . Mußt Du Dich also aussprechen , ist es Dir Bedürfniß , so sei es gegen ihn . Suche mit ihm und Dir selbst in ' s Reine zu kommen , und - wenn Du dulden mußt , dulde schweigend . Das ist der einzige Rath , den ich für verheirathete Frauen habe . Im Frühjahr sehen wir uns , wie ich hoffe , wieder ; mögen dann mit dem Winter auch Deine Grillen verschwunden sein . Du warst ein kluges , kräftiges Mädchen ; halte Dich , wie eine brave Frau soll , und schweige , mein Kind ! damit Du in den Himmel kommst . Gott erhalte Dich , und gebe uns ein frohes Wiedersehen , wie es herzlichst wünscht Deine treue Tante . Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrübniß . Sie hatte in der Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewußt , als die Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen . Robert gänzlich zu vermeiden , war in ihren Verhältnissen unmöglich , ohne daß Meining es bemerkte ; fast täglich traf sie mit dem Geliebten zusammen und litt unsäglich , wenn sie ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg sah . Sie hätte Meining Alles bekennen mögen , ihn bitten , mit ihr fortzugehen , damit sie dieses Elends ledig würde . Je mehr ihr Herz an Robert hing , je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog , je mehr fühlte sie das Bedürfniß , demselben dienstbar zu sein , sich vor ihm zu demüthigen , und ihn durch jede mögliche Aufmerksamkeit für die entzogene Liebe zu entschädigen . Wenn dann Meining erfreut und dankbar für so viel Zuvorkommenheit und Güte , sie in seine Arme schloß oder sie küßte , hätte sie vor Scham vergehen mögen ; besonders wenn sie bemerkte , wie dann Robert ' s Auge auf ihr ruhte , wie er die Farbe wechselte , und düster wurde und nicht Ruhe fand , bis Meining sich entfernte . Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet . Dieser ruhigen Frau ihr Leiden zu klagen , schien ihr der einzige Trost , und da Frau von Alven nur wenig ausging , hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu finden , wenn sie selbst sich in ihre Häuslichkeit zurückzöge . Aber Frau von Alven verweigerte für ' s erste den Besuch , Clementine blieb mit ihrem Kummer allein , und wußte Nichts zu thun , als die Kreise , in denen sie Robert zu begegnen glaubte , so wenig als möglich zu besuchen . Anfänglich schien Thalberg das zu billigen , und nur die unverkennbare Freude , mit der er sie jedesmal wiedersah , verrieth ihr , wie schwer er sie vermißt hatte . Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft auf das Höchste , und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen zu begegnen , als sie ihn zu vermeiden strebte . Wo er sie nur irgend vermuthen konnte , fehlte er niemals , und wenn sie sich nur für einen Augenblick im Theater oder auf der Promenade zeigte , war er sicher an ihrer Seite . Gelang es ihm , trotz alle Dem , ein paar Tage hindurch nicht , sie zu sehen und zu sprechen , hatte sie seine häufiger werdenden Besuche nicht angenommen , so wußte er sich durch den Geheimrath selbst eine Einladung zu verschaffen , und Clementine hatte nicht den Muth , ihm deshalb zu grollen . War er doch so glücklich in ihrer Nähe ! Sie hätte ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder ein freundliches Wort zu gönnen , weil sie , unaufhörlich gegen ihr Herz kämpfend , den Glauben in sich zu erhalten suchte , sie werde Robert ' s mit Ruhe gedenken , wenn sie ihn nicht mehr sähe , und es werde ihr gelingen , sich ihrem Manne zu erhalten . Zwölftes Capitel Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen , welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen , Frauen sowol als Männer ; und sind diese Letzteren jung und liebenswürdig , so kann es nicht fehlen , daß sich die Augen der Mütter liebreich auf sie richten und die der Töchter sich schmachtend niederschlagen . Die Stellung eines reichen Heirathskandidaten wird dadurch zu einer sehr unterhaltenden , wenn sein Herz frei und er in der Laune ist , die kleinen Intriguen zu beobachten , die gesponnen werden , um ihn zu fesseln . Freundlichere Augen , süßeres Lächeln sah aber selbst Rinaldo nicht in Armiden ' s Gärten , als sie jeden Abend Thalberg erblickte , wohin er trat . Seine Erscheinung hatte in dem Kreise ein gewisses Aufsehen gemacht ; und seine Equipage , seine schönen Pferde hatten nicht dazu beigetragen , das Interesse zu vermindern , welches er eingeflößt hatte . Leider schien es aber , als ob für seine mächtigen klaren Augen die jungen Mädchen gar nicht vorhanden wären . Kalt und höflich bewegte er sich in ihrer Mitte , ohne irgend eine der Schönen auszuzeichnen , so daß endlich eine der älteren Damen , welche eine einzige Tochter hatte , sich entschloß , ihre Wünsche der Geheimräthin unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu enthüllen . Die Staatsräthin war reich , ihre Johanna , eine hübsche , frische Blondine , von der klugen Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit einem Worte » eine vortreffliche Partie « . Die Staatsräthin sah , daß Thalberg viel im Meining ' schen Hause und anscheinend mit Clementinen befreundet war ; sie entdeckte ihr also , nach einer langen und vorsichtigen Einleitung , daß sie lebhaft wünsche , ihre Johanna , die nun neunzehn Jahre alt sei , zu verheirathen . Sie ist , wenn ich einmal sterbe , sagte sie , ganz verwaist , und ich brauche Sie nicht zu versichern , daß mich dieser Gedanke oft beunruhigt . Nun gestehe ich Ihnen , daß mich Thalberg in jeder Beziehung anspricht ; sein feines , geistreiches Wesen ist zutrauenerweckend , und grade Das , was manchen Frauen an Thalberg mißfällt , das kalte Betragen gegen junge Mädchen , ist mir ein Beweis mehr , daß er ein sehr guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein würde . Sehen Sie , Liebste ! wenn Sie Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten , sie vielleicht einmal zusammen einladen möchten - damit sie einander doch kennen lernten - das verpflichtet ja zu Nichts , Thalberg selbst braucht es gar nicht zu wissen ; und gelingt es , so haben wir einem Paar lieber Menschen zu ihrem Glück verholfen , und ich , liebste Freundin ! bin Ihre Schuldnerin für immer . Sie hätte noch lange fortsprechen können , ohne von Clementinen unterbrochen zu werden , so erschrocken war diese anfangs vor der Aussicht , Robert verheirathet zu denken . Bald aber siegte ihre edlere Natur . Es schien ihr , als zeige ihr der Himmel selber eine Möglichkeit , sich und Robert zu erretten , und so schwer es ihr auch fiel , ging sie bereitwillig auf den Gedanken dieser Verbindung ein , und versprach , so weit es in ihrer Macht stände , die nöthigen Schritte dafür zu thun . Als aber die Staatsräthin sich entfernt hatte , warf sich Clementine mit heißen Thränen auf das Sopha . Sie selbst sollte Robert eine Frau geben , sie sollte ihn veranlassen , ihrer zu vergessen , eine Andere zu lieben ! Sie sollte ihn dann nicht mehr sehen - denn sicher würde er mit der jungen Frau gleich nach der Hochzeit nach Hochberg gehen . Wie konnte sie das auch nur wünschen ? Eine lebhafte Eifersucht zuckte in ihr auf . Sie sah im Geiste Johanna schon in Hochberg walten , sie sah , wie Robert glücklich war mit der jungen , von ihm geliebten Frau , und ein Gefühl von Neid und Bitterkeit , wie sie es nie gekannt hatte , regte sich in ihr bei dem Gedanken , daß eine Andere das einzige Glück besitzen würde , nach dem sie selber sich ihr Leben hindurch vergeblich gesehnt hatte , daß eine Fremde ihm das Glück bereiten würde , das er einst in ihr zu finden gehofft - und wie glücklich mußte ein Mann mit seinem Herzen sein können ! An dem Gedanken raffte sie sich empor . Des Geliebten Glück ! das war ja Alles , was sie wollte . Sie selbst konnte ihm fortan nur Schmerz und keine reine Freude mehr bereiten ; so sollte er denn glücklich werden , durch ein Mädchen , das sie ihm gewählt . Dann würde er freilich fortziehen , sie würde ihn entbehren und wie schwer entbehren ! Aber er würde glücklich sein , und sie selbst mußte es versuchen , in dem Bewußtsein des Unabänderlichen ruhig zu werden , und durch die größte Hingebung das Unrecht gegen Meining zu sühnen trachten , das sie ihm wider ihren Willen angethan hatte . An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick . Ihre Eifersucht ließ sie in Johannen plötzlich eine unwiderstehliche Schönheit erblicken , sie fand sich selbst verblüht und alt , sie malte es sich aus , wie Robert überrascht sein würde durch Johannen ' s jugendliche Reize ; wie schnell er sie selber darüber wieder vergessen würde . Das aber sollte ihre gerechte Buße sein . Sie selbst wollte Johanna an sich ziehen und , so weit sie es vermöchte , zu deren Ausbildung beitragen , damit Thalberg in seiner künftigen Frau all ' das Glück fände , das Clementine ihm wünschte . So war in wenig Minuten aus einem jungen , fremden Mädchen , aus einem halben Kinde , das Nichts davon ahnte , ein Gegenstand der Abneigung für Clementine geworden , dessen sie einen Augenblick später schon wieder mit einer fast mütterlichen Rührung gedachte und an deren Zukunft sie mit den edelsten Gefühlen ihrer Seele hing . Eine Freude , wie nach guter That , belohnte sie für den Kampf dieser Stunde ; sie fühlte sich ihrem Manne gegenüber durch ihr redliches Streben gerechtfertigt . Sie hatte Muth , ihm frei in das Auge zu sehen , und dachte mit weicher Ruhe an Robert , dessen Besuch sie an dem Abende erwartete , an welchem ihr Mann seine gewohnte Partie in seinem Hause zu machen dachte , und auch Marianne und Frau von Stein sich bei ihr einstellen sollten . Man war schon am Ende des Februar ; die Luft war mild , die Tage länger geworden . In dem Wohnzimmer der Geheimräthin waren die Fenster geöffnet , der leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder und beugte die Blüthen einer mächtigen Cala , die in grünem Kübel neben dem Lehnstuhl stand , auf Clementinens schönes Haar . Ihre Nerven hatten durch die leidenschaftliche , unterdrückte Aufregung der letzten Zeit gelitten ; sie fühlte sich sehr matt und ruhte in ihrem Sessel , damit ihre Gäste später Nichts von ihrer Schwäche gewahr würden . Sinnend blickte sie in den Kelch der weißen Blume und kühlte ihr Gesicht mit den großen , träumerischen Blättern . So mag wol die Lotosblume blühen , dachte sie , und sehnte sich hin nach den stillen Thälern einer fernen Welt , fort aus der Gesellschaft und aus Verhältnissen , die ihr zur Pein geworden waren , in eine Welt voll Frieden , voll Schönheit und voll Ruhe . Da wurde ihr Robert gemeldet , der , um sie wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen , früher gekommen war , als sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte . Sie hatten sich einige Tage hindurch nicht gesehen , Robert fand sie bleicher als sonst und fragte nach ihrem Befinden . Sie klagte über Ermüdung , drückte aber die Hoffnung aus , die gute Jahreszeit werde sie herstellen , wenn sie erst ihre Sommerwohnung bezogen haben würde . Nur noch wenig Wochen , sagte sie , und wir wandern Alle aus und die Stadt wird leer ; auch Sie gehen ja nun vermuthlich bald auf ' s Land hinaus ? Ich weiß es selbst noch nicht , gnädige Frau , erwiderte er , Berlin ist mir wieder so werth , so sehr zu einer lieben Gewohnheit geworden , daß sich meine bisherige Vorliebe für das Landleben für den Augenblick verringert hat . Es ist also wol möglich , daß ich nur für eine Zeit nach Hochberg gehe , dort eine kleine Inspektion zu halten , und dann zurückkehre . Hochberg ist mir zu todt , zu still .... Das finde ich begreiflich , entgegnete Clementine , der das Herz heftig schlug , in dem Gedanken an ihren Plan , das finde ich begreiflich , weil Sie dort so ganz allein sind . Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben und werden es auch nicht , bei den hohen Begriffen , die sie von dem Beruf des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben . Ihre Besitzungen haben ein Recht an Sie , Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und dürfen , denke ich , eben so wenig dauernd von Ihren Gütern ferne bleiben , als ein König seine Krone zu seinem Vergnügen niederlegen dürfte . Aber Sie sollten sich das Leben auf Hochberg angenehmer zu machen suchen , Sie sollten .... Gäste einladen ? Wer kommt zu mir Einsamen ? Freunde , welche die Jagd zu mir lockt , und dergleichen Gäste mehr . Ja , gnädige Frau ! wenn ich Sie einmal dort sehen könnte , wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen wollten ! Sie glauben nicht , wie schön , wie sehr schön es bei mir in Hochberg ist ! Aber Sie werden nicht kommen . Doch ! antwortete Clementine leise und mit einer Eile , die ihr fremd war , so eilig wie Jemand eine schwere Last , die ihn gedrückt hat , von sich wirft , - doch ! Sie müssen nur vorher eine Frau nehmen ; das wollte ich Ihnen überhaupt schon lange rathen . Sie ! rief Thalberg , als traue er seinen Sinnen nicht , Sie wollten mir das rathen ! Wie konnten Sie auf den Gedanken kommen ? Wie können Sie glauben - Ich meinte , sagte Clementine , die in ihrer tiefen Bewegung mühsam nach Fassung rang und sie durchaus gewinnen wollte , ich meinte , lieber Freund , daß Sie sich glücklich fühlen und glücklich machen sollen . Sie haben so oft gegen mich den Werth der Häuslichkeit gerühmt ; warum wollen Sie also einsam Ihr Leben verbringen ? Und , rief sie , sich zu einem scherzenden Tone zwingend , von dem ihre Empfindung weit entfernt war , damit Sie wissen , was ich im Sinne trage , ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht . Achten Sie auf das erste Mädchen , dem ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle vorstellen werde . Robert wollte sie mehrmals unterbrechen , sie ließ ihn aber nicht dazu kommen . Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab . Beide schwiegen , es war eine bange Pause . Ja ! sagte er endlich und lächelte höhnisch , Sie haben Recht , ich bin ein leidenschaftlicher Thor , ein unbequemer Gast , den man um jeden Preis von sich entfernen muß ; auch wenn es mein einziges , letztes Glück zerstörte . Sie haben Recht , und es soll anders werden . Ich bin neugierig auf Ihre Wahl , meine Gnädige ! ich sehne mich , die Auserkorene kennen zu lernen , denn ich bin grade in der rechten Stimmung , einen liebenswürdigen Gatten zu machen . Aber freilich , eine Frau , die so viel Glück in der Ehe gefunden hat , als die Geheimräthin von Meining , will es Andern auch bereiten . O ! über die großmüthigen Frauen ! Wie ungerecht sind Sie ! das war Alles , was Clementine den stürmischen , unwürdigen Worten entgegnete , aber ein paar große Thränen zitterten in ihren Augen . Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen , er war blaß geworden , und auch sein Auge war von Thränen feucht . Er sah sie lange unverwandt an , faßte ihre Hände und sprach : Sei es so ! Sie haben Recht , ich werde gehen und zwar bald , weil Sie es wünschen . O ! Sie sind rein und licht wie der Kelch dieser Blume ; tief wie in ihn , sehe ich in Ihr heiliges Herz . Machen Sie mit mir , was Sie wollen , ich habe keinen Willen als den Ihren . - Damit bog er sich zu ihr nieder , daß er fast vor ihr kniete , küßte ihre Hände und ging eilig hinaus . Clementine schlug ihre Hände , wie im Gebet , zusammen und blieb in schwermüthigem Hinbrüten , bis Marianne und die übrigen Gäste kamen . Dann , weil sie sich innerlich Gewalt anthat , verfiel sie in eine überreizte Laune , welche Frau von Stein und Marianne allerliebst und höchst unterhaltend fanden , und bei welcher ihr selber das Herz brechen wollte und alle Nerven bebten . Auch war sie in den nächsten Tagen kaum im Stande , die nöthigen Einladungen und Besorgungen für ihren Ball zu machen . Sie fühlte sich krank und bestand doch , trotz Meining ' s Abreden , darauf , den Ball am bestimmten Tage zu geben . Sie ließ Robert , der gekommen war nach ihr zu fragen , wie alle übrigen Besuche , abweisen und bat den Geheimrath , er möge ihr , da das gesellige Treiben sie wirklich angreife , nur ein paar Tage vollkommener Ruhe gönnen , deren sie bedürfe , um zu dem Balle frisch und gesund zu sein . Der verhängnißvolle Abend kam denn auch heran . Die ganze Wohnung war glänzend geschmückt , alle Zimmer geöffnet , Blumen und Kerzen überall . Große Spiegel und glänzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und Kerzen fröhlich wieder . Der Geheimrath war in der besten Laune , als er Alles so festlich und heiter um sich her sah ; aber in Clementinens Seele war es nicht so hell . Und dennoch sah sie schön aus in ihrem schwarzen Kleide mit der weißen Perlenschnur um ihren stolzen Nacken . Ihr Haar , einst Robert ' s Entzücken , war glatt gescheitelt , ohne Blumen , ohne Schmuck . Weshalb sollte sie sich auch wohl schmücken ? Sie hatte den ganzen Tag gebangt vor dem Gedanken an den Abend , sie hatte unaufhörlich mit sich selbst gekämpft . Nun war sie ruhig , aber müde ; müde , wie ein Sieger nach der Schlacht . Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsräthin mit ihrer Tochter war unter den ersten Gästen , die sich einstellten . Clementine ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein herbes Weh fuhr durch ihre Brust , als sie das frische , junge Mädchen erblickte , das in dem rosenfarbenen Kleide mit dem Strauße von Rosen in den blonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah . Wie segnend küßte sie das blühende Kind auf die Stirne . Bleiben Sie bei mir , sagte sie , und helfen Sie mir die Wirthin machen . Ihnen übergebe ich die junge , tanzlustige Welt , Sie müssen dafür sorgen , daß sie sich gut unterhält . Die fröhliche Johanna verlangte es nicht besser . Sie fiel der Geheimräthin um den Hals , nannte sie die beste , liebenswürdigste Frau der Erde , einen wahren Engel und war noch an ihrer Seite , als Thalberg endlich eintrat . Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht mehr gesehen . Er ging schnell auf sie zu , um sie womöglich gleich zu sprechen , um sie zu versöhnen ; denn er wußte , daß er ihr unrecht , daß er ihr wehe gethan , und mehr noch , als sie selbst , hatte er in dieser Zeit gelitten . Kaum hatte er sie aber begrüßt , als sie , um es zu keiner besondern Unterredung kommen zu lassen , ihm ihren kleinen Schützling vorstellte . Er sah sie betroffen an , verbeugte sich kalt gegen Johanna und zog sich , da die Geheimräthin als Wirthin in Anspruch genommen war , mit einigen Herren plaudernd zurück . Vergebens versuchte er , sie einen Moment allein zu treffen , immer fand er andere Männer und Frauen an ihrer Seite , die nicht weichen wollten und bald ihn , bald sie mit sich von dannen zogen . Das peinigte ihn mehr und mehr . Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schönheit überein , und einer der anwesenden Künstler fragte ihn , ob er das prächtige Tableau bemerkt habe , das die ernste Schönheit der Geheimräthin und die liebliche Johanna gebildet , als sie am Anfange des Abends einmal neben einander gestanden hätten . Er hatte es wohl bemerkt ; aber es hatte ihm eine traurige Bedeutung gehabt . - Es dünkte ihm , als wolle dieser Ball kein Ende nehmen . Immer auf das Neue jubelten die Walzer durch den Saal , Frohsinn und Eleganz herrschten allerwegen , Johanna , die Schönheit des Festes , strahlte vor kindlicher Lust ; nur zwei Herzen in den weiten Sälen theilten die Festes-Freude nicht . Um einen Augenblick zu ruhen , lehnte Clementine in der Brüstung eines Fensters und ließ theilnahmlos die Huldigungen und Erzählungen eines älteren Hausfreundes an ihrem Ohr vorübergleiten , während ihr Auge Robert und Johanna suchte . Da , als der Sprechende sie endlich verließ , trat Robert eilig zu ihr . Sie sind krank gewesen , sagte er . Sie haben gelitten , ich sehe es , warum haben Sie mich bis heute verbannt ? warum mir nicht gegönnt , Sie zu sehen , Ihnen zu sagen , wie mich das Unrecht geschmerzt , das ich gegen Sie begangen habe ? Wenn Sie wüßten , wie ich verlangte , Sie zu sprechen , Sie zu versöhnen , Sie würden mir längst vergeben haben . Denken Sie nicht mehr daran , antwortete sie , ich hatte Nichts zu vergeben . Dann , nach kurzer Pause , meinte sie : Sehen Sie das schöne fröhliche Leben um uns her . Sehen Sie wie heiter mein hübscher Schützling ist . Robert antwortete ihr nicht darauf , und erst nach einer Weile sagte er sehr ernsthaft : ja ! Fräulein Johanna ist ein schönes , und gewiß ein harmlos glückliches Geschöpf ; soll sie aufhören das zu sein ? soll sie unglücklich werden wie .... so Mancher ? Clementine wagte nicht ihn anzusehen , und er fuhr fort : Ich habe Sie verstanden , gnädige Frau ! aber soll solch ein fröhlich schuldloses Kind zum Opfer gebracht werden um meinetwillen ? Ein Opfer muß gebracht werden , das fühle ich ; so will ich es bringen , indem ich Sie verlasse . Morgen schon gehe ich nach Hochberg ; ich habe es bereits meinen hiesigen Bekannten gesagt , auch der Geheimrath weiß es . Morgen schon werde ich gehen und nur , um Sie noch einmal zu sehen , um Ihnen Lebewohl zu sagen , bin ich heute noch einmal gekommen . Erlauben Sie denn , daß ich schon jetzt von Ihnen scheide ; und haben Sie Dank , innigen Dank für das Glück , das ich in Ihrer Nähe noch einmal gefunden habe . Leben Sie wohl , wiederholte er , und noch einmal ruhten Auge in Auge . Dann sah sie Thalberg ' s edle , hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im Nebenzimmer verschwinden ; und wie hell die Töne der Musik auch klangen , wie hell die Kerzen in dem Saal auch glänzten , es war kalt und Nacht geworden für ihr Herz . Kaum aber hatte Thalberg sich entfernt , als die Staatsräthin herbeikam . Neugierig fragte sie nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine , die den Zweck dieser Fragen wohl kannte , daß Thalberg ihre Johanna sehr hübsch , sehr anziehend gefunden , daß er aber zunächst Geschäfte halber auf seine Güter gehe . Das genügte der erfreuten Mutter für das Erste