stechen , welche noch nicht zeitig ist . Sobald sie in das Gekifel der Eltern reden wollten , so wurden sie an die alte Haussitte gemahnt , seit wann es der Brauch sei , daß Kinder hineinwelscheten , wenn Eltern mit einander redeten . Die guten Eltern dachten nicht daran , daß wenn man Die Stützen wegnehme , das ganze Haus umfalle , und daß wenn sie selbst das erste Bedingnis , vor den Kindern nicht zu worten , verletzten , die Kinder auch um den alten Respekt kämen , und daß wenn Eltern vor den Kindern sündigen , die Liebe die Kinder treibe , die Eltern zurückzuweisen , so gut als sie auch die Eltern treibt . Der Witzigere wehrt ab , wenn nun die Kinder die Witzigern werden , sollen sie nicht auch abwehren ? So verstunden es aber die Eltern nicht , sahen nicht , daß sie nicht mehr die Alten waren , sondern krank geworden , die Kinder aber die alte Lebenskraft seien , welche sie wieder zur alten Gesundheit bringen mochte . Wenn nun die Kinder zum Schweigen gewiesen wurden , so wollten sie sich entschuldigen und sagten : » Aber Vater , es dünkt mich doch , es sei nicht der wert , so bös zu werden « , oder : Die Mutter habe recht ; wenn man es so machen würde , wie die Mutter sagte , es käme besser , oder : » Der Vater hat doch auch etwas recht ; man kann in Gottes Namen nicht immer machen , was man will , man muß sich zuweilen auch nach den Umständen richten « Das ging dann noch tiefer ; was Entschuldigung sein sollte , nahm das Eine als Billigung , das Andere als Mißbilligung . So etwas während dem Streit ist Öl ins Feuer , und zugleich kam dasjenige , welches mißbilligt sich glaubte , in den Wahn , die Kinder hielten es mit dem Andern , glaubte sich unterdrückt , wurde nur hässiger und böser , der Streit ward häufiger , giftiger , lauter . Resli , in seinem Tätigkeitstrieb vom Vater zurückgewiesen , der Mutter Wohltätigkeitssinn , des Hauses Ehre , notwendig achtend und auch innerlich ihn teilend , entschuldigte sich öfters damit : Es dünke ihn doch , man sollte zuweilen auch darauf achten , was die Mutter sagte . Das machte den Vater immer böser über Resli , und laut klagte er über ihn , daß er nicht warten möge , bis er den Löffel aus der Hand gegeben ; er stecke hinter der Mutter und weise sie auf , und wenn er nicht wäre es ginge alles besser . Er merke wohl , was abgekartet sei und daß er den Hof abtreten sollte , aber das tue er nicht , solange er ein Glied rühren könne . Annelisi , Reslis natürlicher Gegenpart und nicht in die Absicht der Brüder eingeweiht , nahm des Vaters Partei und sobald Resli den Mund auftat , mischte sich auch Annelisi ein , oft noch ehe es wußte , wovon die Rede war . Wenn die Mutter es schweigen hieß , so begehrte der Vater um so lauter mit Resli auf , und wenn später Resli mit Annelisi alleine war , so drohte er ihm , wenn es noch einmal den Mund auftue , so nehme er es bei den Züpfen und führe es zur Stube aus . Er wolle ihm zeigen , was es sich in alles zu mischen hätte , und es sollte sich schämen ins blutige Herz hinein , ein Wort gegen die Mutter zu sagen . » Tue es nur « , antwortete ihm dann Annelisi , » wenn du darfst und du meinst , du hättest alleine das Recht zu reden ! Aber das Haus ist noch nicht deins , und solange ich in der Kräze sein muß , will ich das Recht haben , zu reden , was ich will , hörst du , so gut als du . Und es nimmt mich wunder , ob du dich nicht noch mehr schämen solltest , so auf dem Vater zu sein , du solltest doch wohl sehen , was er zu leiden hat von der Wunderlichkeit da Mutter . « » Was , Wunderlichkeit der Mutter « , schrie Resli , » es nimmt mich wunder , wer wunderlicher sei , der Vater oder die Mutter ! « So gings , und oft war es nahe dabei , daß Die Beiden sich in die Haare gefahren wären , wenn der ältere Bruder nicht gemittelt hätte . So ward , was zum Frieden dienen sollte , ein neues Reizmittel zum Streit , wie es ja auch bei großen Bränden geschieht , daß Feuerspritzen , welche man zur Rettung eines Hauses in eine Gasse gestellt , das Feuer leiten vom brennen , den Hause ins Nachbarhaus , weil , durch die Hitze angesteckt , sie selbst in Brand geraten . Statt daß da Eltern Streit aufgehört hätte , riß Streit unter den Geschwistern ein , und ein Streit nahm Nahrung aus dem andern Streit . So ward das Leben immer trübseliger , und es erleidete Änneli oft so dabei , daß es zu Gott betete , er möchte es doch sterben lassen , und Christen ging es nicht besser . Einmal , es war am Sonntag vor Pfingsten , am ersten heiligen Sonntag , dünkte es Christen , er möchte noch Kuchen zum zMorgenessen . Sie hatten am Samstag gebacken und nach üblicher Sitte Kuchen gemacht für das ganze Hausgesinde über den Tisch weg . Dies geschah gewöhnlich in so reichlichem Maße , daß immer übrig blieb und manchmal später den Rest niemand essen mochte . Diesmal kam Christen die Lust an , es war , als ob der Teufel ihn stüpfe , wie man zu sagen pflegt , oder ob er zwei Bettlerweiber vom Hause weggehen sah , ich weiß es nicht . Denn die sind auch früh auf , und je länger je weniger soll man den Bettlern Faulheit vorwerfen , hoschen und doppeln sie einem ja manchmal schon vor fünf Uhr an der Türe . Genug , Christen wollte zu seinem Kaffee Kuchen haben , und Änneli sagte : » Kuchen ist keiner mehr , aber ich will dir lings Brot holen . « » He , das wäre kurios , wenn kein Kuchen mehr da wäre « , sagte Christen , » es ist ja gestern noch so viel übrig geblieben . Gehe du , Annelisi , du wirst wohl noch finden . « » Du hast gehört « , sagte Änneli , » es ist keiner mehr , und du brauchst das Meitschi nicht zu schicken , wenn ich es dir sage . « » Aber wo ist denn der Kuchen hingekommen ? « fragte Christen . » Er ist einmal nicht mehr da « , sagte Änneli . » So , geht das nun so « , brach Christen los , » fressen einem Die Bettler den Kuchen vor dem Maul weg ? Brot ist nicht mehr gut genug für sie . Es wird bald dahin kommen , daß wir nicht einmal Brot mehr haben , wenn die Bettler uns den Hof gefressen . Aber so geht es , wo die Frau den Bettlern die Sache besser gönnt als dem Mann und den Kindern . « » Ich weiß gar nicht , warum du heute Kuchen willst « , sagte die Frau , » das ist nur um zu zanken , es ist manchmal übrig geblieben und du hast keinen begehrt , so daß er zuschanden gegangen wäre , wenn ich ihn nicht weggegeben hätte . Wenn ich dir anbot , hast du gesagt , du liebest alten Kuchen nicht . « » Selb ist nicht « , sagte Christen , » aber du begehrst mich auf Die Gasse zu bringen oder ins Grab , du - « . » Vater , Vater « sagte Resli , » denket , es ist heute heiliger Sonntag , und was werden die Leute sagen , wenn sie hören , daß wir wieder Streit haben . « » Aber was braucht die Mutter den Kuchen fortzugeben « , sagte Annelisi , » sie hätte doch wohl denken können , der Vater nehme noch . « » Und was hast du dareinzureden « , sagte Resli , » die Mutter hat gewußt , was sie zu machen hat , ehe du dagewesen bist . « » Ich habe so gut das Recht , dareinzureden , als du « , sagte Annelisi , » und lasse mir von einem Solchen , wie du einer bist , nicht befehlen . « » Wie bin ich denn einer ? « fragte Resli . » He , einer , daß wenn man mit den Schuhen an ihn gekommen wäre , man sie wegwürfe aus Grusen , man sei vergiftet . « » Wart , du Täsche ! « rief Resli und wollte hinter das Meitschi her . Das floh hinter den Vater und brüllte jämmerlich , der Vater donnerte auch . Da tat die Mutter , welche hinausgegangen war , als Resli vom heiligen Sonntag redete , die Türe auf , welche aus der Küche in die Stube führte , und sagte : » Eh Resli , denkst du jetzt auch nicht an den Sonntag und schämst dich nicht vor den Chilerleuten , sprichst Andern zu und kannst dich selbst nicht halten ? « Das schlug Resli wie mit einem Zaunstecken . Er sagte : » Vater , zürne nicht , mit dir wollte ich nicht streiten , und wenn ds Meitschi sagen darf , was es will , so ists mir auch recht , wenn du es erleiden magst « , und ging zur Tür hinaus . Es war eine gestörte Haushaltung an selbem Morgen . Sobald der Streit anging , hatten die Diensten sich fortgemacht , und als Resli hinausging , machten sich auch die Andern fort , eines hier aus , das Andere dort aus , fast wie eine Bande , die ob böser Tat gestört worden , und Keines kehrte in die Stube zurück , das zMorgen blieb auf dem Tische fast bis zMittag . Niemand ließ sich herbei , es wegzuräumen . Änneli wollten Reslis Worte , was die Leute sagen würden , nicht aus dem Kopf . Was werden sie erst sagen , wenn heute an einem heiligen Sonntag niemand in die Predigt geht ? Da erst werden sie uns verhandeln und allerlei lügen , warum wir nicht gegangen . Jemand muß doch gehen . Aber Änneli fand niemand , den es senden konnte ; es mußte , wenn ihr Haus repräsentiert sein sollte in der Kirche , Hand an sich selbsten legen , das heißt sich des Hauses , in welches es wollte , würdig kleiden . In ungestörter Einsamkeit vollbrachte es sein Werk , und es kam ihm wohl , daß es zu demselben nicht fremde Hände brauchte ; aber die Mutter hatte es von Jugend auf gelehrt , daß der Mensch sich selbst müsse helfen können in allem , was täglich ihm zur Hand käme . Dafür hätte Gott einem die Hände wachsen lassen , über die man einsten auch Rechnung ablegen müsse wie für jedes andere erhaltene Pfund . Änneli pressierte nicht , es begehrte nicht der Menge sich anzuschließen , welcher oft das , was vor und nach der Predige auf dem Kilchweg geredet wird , wichtiger ist als die Predigt selbst ; sein Gemüt drängte es nicht zur Mitteilung , und für Anderer Angelegenheiten hatte es keinen Platz , es war voll eigenen Leids . Eine halbe Stunde weit hatte Änneli zur Kirche , und niemand war auf ihrem Wege , denn heute eilte alles , um noch Platz zu finden . Gar seltsam war ihr zumute , so einsam und schauerlich , als ob sie pilgern sollte weit , weit weg und wüßte kein Ziel , wüßte keine Heimat mehr , und alle seien vorausgezogen und niemand wartete ihr , alleine müßte sie pilgern , weit und immer weiter . Noch tönten die Glocken , die ihr sagten , wo die Andern seien , aber sie verhallten bald , und stille wards . Sie hörte nichts als ihre eigenen Tritte , nicht einmal ein Hund bellte im Tale ; so stille mußte es im Grabe sein . Und wenn sie nun alleine wäre in der Welt , fände keinen Menschen mehr im Dorfe , keinen in der Kirche , keinen mehr in der ganzen Welt , und alle wären fortgezogen durch das unsichtbare Tor , zu welchem der Herr einzig den Schlüssel hat ! Da schwollen von der Kirche her feierliche Klänge und mächtige Töne rauschten auf , und Änneli faltete die Hände , es war ihr , als wäre ihr wieder Mut ins Herz gekommen , und doch bebte sie in ihrer Seele , es war ihr , als höre sie aus den Tönen heraus eine Stimme als wie eines Richters Stimme , die sie riefe vor Gericht . Angefüllt war die Kirche , kein Platz schien mehr für Änneli da , sie stund im Türwinkel . Sieh , wenn es dir so ginge , wenn du sterben würdest , dachte sie , und kämest unter des Himmels Türe , und kein Platz wäre mehr da für dich , und du müßtest stehen , müßtest wieder gehen , weil kein Platz für dich da wäre , weil du zu spät gekommen , alle vorangelassen im Wahne , du kämest noch früh genug . Und wieder nun wuchs ihr Angst ums Herz , denn es gibt Augenblicke , wo unser Herz angstvoll ist und alles auf sich bezieht , wo die Angst um die Seele zuvorderst ist und alle Augenblicke die Augen voll Wasser sind . Da winkte ihr eine Taunersfrau , welcher sie auch manche Guttat unters Fürtuch gegeben ; aber Änneli merkte es nicht , bis im nächsten Stuhl eine ihr einen Mupf gab und deutete . Da sah sie , wie die arme Frau ihr ängstlich winkte , den Andern deutete , daß sie noch näher zusammenrücken sollten , und ihr dann ein Plätzchen frei machte im Stuhle . So machte die arme Frau der reichen Platz in der Kirche , und diese trat demütig näher und nahm jetzt auch eine Wohltat an . Wer weiß , dachte Änneli , wenn ich so spät komme und voll Sündenschuld in den Himmel , wer weiß , ob mir dann nicht vielleicht auch eine arme Frau weichet , um ein Plätzchen für mich bittet , das ihre mit mir teilt , für Weniges , das ich getan , mir so Vieles gibt . Dann erfahre ichs , wie reich vergolten wird das Wenige , was man auf Erden an Nebenmenschen getan . Und als sie neben die arme Frau niedersaß , war es ihr fast , als sitze sie neben ihren Engel und hätte jetzt einen sichern Platz gewonnen , und niemand werde sie aus demselben stoßen , und ihr sei jetzt wohlgegangen in alle Ewigkeit . Als der Gesang verklungen war , begann der Pfarrer zu beten , und die Gemeinde stand auf . Es schmerzte Änneli , vom erhaltenen Platze aufzustehen , wo ihr so wohl geworden , als sei sie zur himmlischen Ruhe gekommen . Sie dachte , wie es wohl einem sein müßte , der den Himmel erlangt und wieder daraus weg müßte , in die Hölle vielleicht , wo Heulen und Zähneklappen ist ewiglich . Da zuckte es in ihrem Herzen , als ob feurige Pfeile durch dasselbe fuhren , und vor ihr standen die vergangenen Tage , und nach ihnen kamen die gegenwärtigen , und über den ersten stand Freude und Glück , und die letztern waren in Weh und Schmerz gehüllt , und sie fühlte in ihrem Herzen , wie es einem sein muß , der aus dem Himmel in die Hölle muß . War sie ja auch in schaurigem Jammertale und sah ihrem Elende kein Ende , und von hier weg , wo ihr so wohl geworden , mußte sie in kurzer Stunde wieder heim in Qual und Zank , in des Unfriedens graulicht Gebäude . Mußte alleine dort wieder einziehen , von all den Hunderten kam niemand mit , keine arme Frau , welche ihr ein still , friedsam Plätzchen bereitete ; dort warteten ihrer wieder die alte Not , das Elend , das nicht aus mißratenen Ernten kommt und mit den schlechten Jahren zu Ende geht , sondern das andere , das aus übelberatenen Seelen stammt und dauert so lange als der üble Rat in den Seelen , oft so lange als die Seele selbst , ewiglich . Ach , müßte sie doch nimmer heim , könnte sie ihr müdes Herz doch legen an ein ruhig Plätzchen , wo es schlafen konnte , bis ihr Plätzchen im Himmel bereitet sei . Da tönte in diese Gedanken hinein des Pfarrers Stimme , welcher den Text verlas , der also lautete : » Aber ich sage euch : Ich werde von nun an nicht mehr vom Gewächs dieses Weinstockes trinken , bis an den Tag , da ich es neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich . « Es war ihr , als hätte der Pfarrer in ihr Herz gesehen und die Worte gerade auf sie gerichtet , als eine schöne Verheißung , daß ihr Wunsch bald sollte erfüllet und sie befreit werden aus ihrem Elend und an ein ruhig Plätzchen kommen . Sie freute sich des Sterbens , und doch kam eine unbeschreibliche Wehmut über sie . Sie dachte anfangs wohl : Mir ginge es so wohl und niemand übel , wenn ich darausstellen könnte . Vielleicht , wenn ich einmal fort wäre , merkten sie , was ich gewesen und daß ich nicht mehr da bin , und sie sinneten vielleicht noch manchmal an mich , wenn an das nicht gesinnet wird und für jenes nicht gesorget . Sie würden vielleicht denken : Es ist notti übel gegangen , daß uns die Mutter gestorben ist . Würde aber wohl auch jemand weinen , wenn ich stürbe , wenn sie mich zu Grabe trügen und wenn die Erde polterte auf meinen Totenbaum ? Müßte wohl Christen das Nastuch nehmen vor das Gesicht ? Und Resli , was würde der sagen , würde er fühlen , wie übel es ihm ginge , Ach , hätte ich vor drei Jahren sterben können , da weiß ich , was sie getan hätten ; da wäre es Christen gewesen , als hätte man ihm das Herz aus dem Leibe genommen , als müßte er diesem Herzen nach ins Grab . Und wenn ich jetzt sterbe , steht vielleicht niemand an meinem Bette , und wenn sie mich tot finden , so ists ihnen , als sei ihnen ein Berg vom Herzen gefallen und der Stein des Anstoßes verschwunden . Ach Gott , wenn meine Mutter wüßte , wie es mir ergeht und daß ich ein solches Ende nehmen würde ; das hätte ich keinem Menschen geglaubt , und habe ich gemeint , wenn ich einmal sterbe , so müsse es heißen : Wir haben noch nie eine Leiche gesehen , wo es so übel gegangen ist , alli sufer hei pläret , man hat es fry wyt ghört , das mueß afe e Frau gsi sy ! Heiße , heiße Tränen siedeten in Ännelis Herzen und sprudelten in reichen Strömen über ihre Wangen . Sterben als ein Stein des Anstoßes , als ein Berg auf aller Herzen , als eine Türe vor dem Glück , das war schrecklich , und hatte sie ja immer das Gegenteil gewollt . Von wehmütigem Schmerz überwältigt , konnte sie fast des lauten Weinens sich nicht enthalten , und der Schmerz verzehrte ihr alle ihre Gedanken , und in die Finsternis ihrer Seele hinein tönte wieder des Pfarrers Stimme . Sein letztes Mahl hätte Jesus mit seinen Jüngern gehalten ; er hätte gewußt , wann es das letzte wäre , hätte einen unvergänglichen Segen gestiftet an selbigem , hätte dieses Mahl uns hinterlassen als ein unverwelkliches Erbe . Wann sein letztes Mahl jeder hielte mit den Seinigen , wisse Keiner , Keiner wisse seinen letzten Tag . Es wäre wohl gut , wenn jeder jedes Mahl als sein letztes betrachtete , das er mit den Seinigen hielte , und so weit aus den Augen sollte dieser Gedanke nicht liegen , denn wie mancher Hausvater sei am Abend als Leiche auf seinem Bette gelegen , der des Mittags mit den Seinen am Tische gesessen , wie manche Hausmutter hätte mit dem Tode gerungen , während das Mahl , das sie eigenhändig kochte , noch über dem Feuer stund ungegessen , und wie mancher Jüngling sei nicht über Nacht tut heimgebracht worden , der des Abends üppiglich gelebt an seiner Eltern Tisch ! Da wäre wohl gut , wenn jedes jedesmal gedächte , daß es sein letztes sein könnte , da wurde es anders sich gebärden , würde gerne ein schönes Wort , eine freundliche Rede hinterlassen zu seinem Andenken , daß es nach langen Jahren noch heiße : » Ich kann es nicht vergessen , als es das letztemal mit uns gegessen , wo kein Mensch ans Sterben dachte , da hat es noch gesagt - . Ich habe seither manchmal gedacht , ob er etwas vom Sterben gefühlt . Aber es ist seither oft mein Trost gewesen , daß wenn er schon ungesinnet gestorben ist , er doch so gute Gedanken gehabt hat . « » Aber wenn einer über Tisch schlechte Reden geführt , den Geber alles Guten geärgert , während er seine Gabe genoß , denket , wie muß es den Hinterlassenen sein , wenn diese Reden ihnen einfallen , wie muß es dem Sterbenden sein im Augenblicke des Todes , wo die Gedanken mit unbeschreiblicher Schnelle vor der Seele wechseln , als ob sie das ganze Leben aufrollen wollten vor selbiger , wenn er an seine Worte gedenket am letzten Mahle und was für ein Andenken er den Seinen hinterläßt und was für ein Zeugnis über den Zustand seiner Seele ! « » Oder wenn man gar in Streit und Zank die Gaben Gottes genossen , in Streit und Zank auseinandergegangen ist , mit Groll im Herzen , mit bösen Gedanken in der Seele vielleicht , mit bösen Wünschen auf der Zunge , und Gott rufet einen ab , er kann nicht Friede machen , nicht abbitten , nicht zurücknehmen , er stirbt unversöhnt , was meint ihr , muß der Tod nicht wie ein zweischneidend Schwert in seine Seele fahren , und wie muß es den Seinen sein , und muß es ihnen nicht allemal , wenn sie zu Tische sitzen , in Sinn kommen , wie einer aus ihrer Mitte im Unfrieden dahingefahren ! Wohin ? « » So sollte wohl jegliches Mahl in jedem Hause genossen werden als das letzte , genossen werden , wie Die Kinder Israel das letzte Mahl genossen im Diensthause des Ägypterlandes , zur Reise in die Wüste bereit , so der Christ bereit zur Reise ins wüste Tal des Todes , welches zwischen unserem jetzigen Lande und unserem gelobten Land gelegen ist . « Aber der Geschäfte des Tages , des gemeinen Lebens Aufregung hindere dies , halte meist den Geist nieder , daß er nicht aufzuschauen vermöge in die Gebiete des höheren Lebens . » Aber eben darum sollte man ja nicht versäumen , wenigstens das Mahl , welches die Erneuerung ist des Mahles , welches der Herr als sein letztes genossen , auch als ein Abschiedsmahl von dieser Welt zu betrachten . Nicht nur als einen Abschied von der Sünde , sondern auch als einen Ab , schied von allen , welche uns angehören , sollte man es betrachten , denken , man müsse nach genommenem Mahle scheiden von all den Seinen . Hat man für sie gesorget ? Seine Schuldigkeit an ihnen getan ? Welchen Namen , welches Andenken läßt man ihnen ? Scheidet man im Frieden ? Folgen ihre Tränen uns nach ? Bleiben ihre Herzen bei uns ? Das sind Fragen , die sich stellen sollen vor unsere Seelen . Denket euch , zum letzten Male tränket ihr hienieden mit den Eurigen vom Gewächse des Weinstockes , diesen Abend , wenn die Sonne scheidet , schlage auch eure Abschiedsstunde , und stellet nun jene Fragen vor eure Seele ! Was waret ihr den Euren ? Was hinterlasset ihr ihnen ? Wie trennen die Herzen sich , wenn heute abend der Abschied kömmt ? Ich weiß es , dieses fährt wie eine feurige Flamme in manches Herz , und manche Quelle innern Leids bricht auf , und manchen dunklen Schatten werfen die Gewissen über die Seelen . Denn den Unfrieden kann man nicht leugnen , der Groll liegt auf den Gesichtern , der gestrige , der heutige Tag können noch nicht vergessen sein , und was wir sind , steht vor unserem Angesichte . Darum eilet und machet Friede , machet gut , holt das Versäumte nach ! Den heutigen Abend werden wahrscheinlich die Meisten erleben , wenn nicht das Gewölbe dieser Kirche einbricht , die Brücke dort nicht unter euch zusammenbricht , aber das nächste Abendmahl , wer wird dieses erleben ? Drei Monate liegen zwischen diesem Mahle und dem nächsten Mahle ; drei Monate sind eine lange Zeit , vergesset nicht , wie Mancher vor einem Jahre im Laufe dieser Monate ins Grab sank ! Zählet draußen die Gräber ; wenn ihr sie gezählet , so vergesset die Zahl nicht , traget sie heim und gedenket , daß Der , welcher vor einem Jahre so Viele ins Grab legte , der Gleiche geblieben und in diesem Jahre ebenso Viele oder viermal so Viele zu diesen legen kann , sobald Er will ! Warum sollte euch diesmal die Reihe nicht treffen ? Hat einer unter euch einen Sicherheitsschein ? Junge sinds und Alte , Starke und Schwache , welche des Herrn Arm geschlagen , welche die Ihrigen dorthin gelegt . Fühlt ihr nicht , wie die Vergänglichkeit durch eure Glieder schleicht , wie das Pochen eurer Herzen mir recht gibt ? Säumet nicht , holt nach , macht gut ! Warum zögert eure Seele , den heiligen Entschluß zu fassen ? Ja , ich bin nicht schuld , sagen die Einen , der Andere hat zuerst gefehlt . Ja , sagt ein Anderer , ich weiß nicht , ob er Friede machen will . Die Dritten : und wenn ich heute Friede machte , so wäre es morgen im Alten ; und noch Hunderte solcher Sprüche schleichen aus dem Hintergrunde der Seele hervor ; es sind die alten Leichentücher , welche ihr schon hundertmal gebraucht , in welchen ihr jeden guten Entschluß zu begraben pflegt . Hat Jesus auch Entschuldigungen gemacht im Garten Gethsemane ? Machte er Vorbehalte , als er sprach : Vater , vergib ihnen , sie wissen nicht , was sie tun ? Machte er Ausnahmen , als er sein Opfer am Kreuz vollbrachte ? Er hatte keine Ausreden , machte aber auch keine Vorbehalte , als er befahl , daß man siebenmal siebenzigmal in einem Tage vergeben , den Balken aus dem eigenen Auge ziehen solle . Darum gehorcht , versöhnt euch mit den Menschen , dann erst könnt ihr euch versöhnen mit Gott ; vergebt euren Schuldnern , dann erst werden eure Schulden euch vergeben , rechnet nicht mit den Brüdern , wenn ihr nicht wollt , daß der Herr rechne mit euch ! Zögert nicht , zaudert nicht ; wie ein Dieb in der Nacht kommt der Herr . Glaubt es doch ! Der Bruder hat euch auch eine Rechnung zu stellen , sieht ebenso viel Fehler an euch als ihr an ihm . Diese Rechnungen aber gleicht man mit Rechnen nicht aus , da hilft nur Vergeben und Vergessen . Darum du , der du zum Altar treten willst und weißt , daß dein Bruder zürnet , so laß den Altar und versöhne deinen Bruder , dann erst komme wieder ! Im Himmel ist ewiger Friede ; wer im Himmel ein Plätzchen will , darf nicht Streit auf Erden lassen , nicht Streit im Herzen tragen . Darum reiniget euch , damit wenn der Herr kommt , ihr fröhlichen Abschied nehmen , auf Erden ein freundlich Andenken hinterlassen , im Himmel den ewigen Frieden finden könnet ! « So sprach der Pfarrer , und die Worte tönten in Ännelis Seele wider fast wie Gottes Worte . Sie trafen Punkt für Punkt ihre eigenen Zustände und Gedanken , als wenn ein allwissendes Auge sie in ihrer Seele gelesen hätte , sie begegneten jedem Stocken , jeder Ausflucht ; Schlag auf Schlag erschütterte ihre Seele , sie ward wie betäubt , und als der Pfarrer schwieg , da schien es ihr , sie stünde an eines tiefen , fürchterlichen Abgrundes Rand , und eine Stimme hoch über ihr sage : Frau , Frau , deine Zeit ist um , rette deine Seele ! Sie ging nicht zum heiligen Mahle , mit Andern verließ sie nach der Predigt die Kirche unwillkürlich , von einer inneren Gewalt getrieben , obgleich sie eigentlich angezogen war , um zum Tische des Herrn zu gehen . Aber eben es war nur der Leib , welcher die rechte Kleidung trug , und da weigerte sich die Seele und forderte auch das Kleid der Reinigung . Betäubt , fast wie jemand , der aus großer Todesnot gerettet worden , aber noch nicht weiß , wie es gegangen und wo er ist , ging sie nach Hause . Wie lange sie heimgegangen und was in ihrer Seele auf- und niedergegangen , das wußte sie ebenfalls nicht . Aber sie harten ihrer geharret , Resli stand auf der Bsetzi , und seiner Stimme , als er frug : » Mutter , kömmst du endlich und wo bleibst so lange ? « hörte man es an , daß er Angst um sie gehabt