, auf Gerathewohl , irret , trifft , trifft aber nie den Mittelpunkt des Seins , nie den Moment , wo die Knospe der Aloe aufspringt , welche alle hundert Jahr nur Einmal blüht . Ist ein Mährchen ! ist eine Fabel ! sprechen die Klugen ; die Naturforscher wissen nichts von solcher Aloe ! - Aber die Dichter wissen von ihr , meine Herren und Damen ; wer hat nun Recht ? Die Dichter sind ein uraltes , mystisches Volk , das ganz andre Dinge geschaffen hat , als eine Aloe , die nur alle hundert Jahre Einmal blüht . Bei den chaldäischen Schäfern ist ' s in die Schule gegangen , und die Priester von Memphis und von Dodona sind seine Zöglinge gewesen . Schlagt nach den Homer ! die Götter hat er geschaffen . Was wüßte man denn von dem ganzen Olymp , wenn der alte Homer ihn nicht so genau beschrieben ? Schlagt nach den Moses . Die ganze Welt hat er geschaffen . Die weisesten Hypothesen späterer Jahrhunderte taugen nur dann etwas , wenn sie mit seiner übermenschlichen und doch so ganz menschlichen Poesie übereinstimmen . Was die Geschichts- und Naturforscher auch entdeckt haben mögen - Homer und Moses sind noch nie dabei zu kurz gekommen . Verlaßt euch auf die Dichter , meine lieben Menschen , selbst wenn sie euch von der fabelhaften Aloe erzählen , die nur alle hundert Jahr Einmal blüht . In der dürren , heißen Wüste des Lebens , wo die Bäche versiegt sind und die Bäume versandet , wo kein Lüftchen weht und kein Vogel singt , unter dem brennenden Aequator des Herzens - da steht sie doch und blüht allen Naturforschern zum Trotz - aber freilich - nur alle hundert Jahr Einmal . Wer kann aber wissen , ob die hundert Jahr nicht gerade um sind , wenn er vor sie hin tritt ? Wenn Jemand mein Büchlein ungeduldig fortwirft , so kann ich es ihm kaum verargen . Er hat sich darauf präparirt , eine kleine Geschichte zu lesen , und ich erzähle ihm Mährchen ! Er verlangt , daß ich ihn - nicht , daß ich mich selbst amüsire . Es ist recht schwer , Autor- und Leserkopf unter einen Hut zu bringen . Die Zeit vergeht mit derselben Schnelligkeit , wenn man in beständigem Wechsel und in ruhigster Einförmigkeit lebt . Wieder ein Tag vorbei ! spricht der , welcher zwölf Stunden friedlich bei seiner Arbeit verbracht hat , und der , welcher die Sehenswürdigkeiten eines fremden Ortes wie ein Irrwisch durchrannt ist . Dann gehen Beide zu Bett : der Ruhige dankt Gott für seinen Frieden , und bittet ihn um ein wenig amüsante Abwechselung ; der Unruhige dankt ihm für seine amüsanten Drangsale und bittet ihn um ein wenig Erholung . Zuweilen denkt auch Keiner an Dank und Bitte , und dieser streckt nur ermüdet seine Füße aus , und Jener eben so ermüdet seine Arme . Es ist erstaunlich , wie im Grunde die Menschenschicksale sich gleichen . » Wieder ein Sommer dahin ! « sagte Faustine , als sie mit Andlau Ende Oktober bei kurzen Tagen und nebeligem Wetter in Mainz auf der Heimkehr begriffen , eintraf . » Wie soll ich es prästiren , die ganze Welt zu sehen ? bald reicht das Geld nicht aus , bald die Zeit nicht ! heut wollen die Verhältnisse es nicht dulden , und morgen giebt ' s Umstände , die es unmöglich machen . Am liebsten schnürte ich mein Bündelchen , zöge Männerkleider an , und streifte umher . Es sieht nur etwas vagabondenmäßig aus , ich könnte in keinen Salon gelangen , und eine Gräfin Obernau , der die Salons verschlossen sind , ist eine verlorne Person . Dafür zu gelten , kann ich mich nicht entschließen , und so muß ich mir denn den Hauptspaß des Lebens versagen . « » Du bist im Mittelpunkt Deines Wesens so fest , Ini ; wie können die Radien , welche davon auslaufen , in solcher ewig zitternden Bewegung sein ? Wäre meine Seele nicht der Deinen gewiß , so würdest Du mir große Sorge machen . « » Ist unnütz ! « sagte sie ; » mein Herz ist fest ; darauf kannst Du Felsen bauen . Giebt es etwas Zuverlässigeres in der Natur , als die Magnetnadel ? nun , sie zittert immer hin und her , und weist doch unverrückt gen Norden . Nur in der Polnähe weicht sie ab . Dahin komme ich aber nicht . Ich bleibe im Tropenklima . Wollen wir nicht in den Dom gehen ? Es regnet nur ein ganz klein Bischen . « » Du bist eine unermüdliche Kirchengängerin ! wir haben gewiß über hundert Kirchen in diesen drei Monaten besehen , und wie wenige darunter gefunden , die in reiner Vollkommenheit den Gedanken des Baumeisters auf die Nachwelt gebracht . Zerstört , geflickt , überpinselt , ausgebaut , angebaut , ruinirt durch barbarische Vernachlässigung und barbarische Geschmacklosigkeit , standen sie da , wie wunderschöne Menschen mit Kröpfen am Halse und Warzen auf der Nase . « » Leider wahr ! aber mein Auge ist ein geschickter Operateur und trennt die Auswüchse vom Körper . Und dann ist diese Stadt mit ihrem Dom noch eine von den alten entstandenen , keine moderne gemachte , die plötzlich aufschießt , weil der Monarch eine hübsche Avenue zu seinem Schloß haben will , oder weil die Leute reich werden wollen , und darum Häuser auf Actien bauen . Wie ich sie hasse , diese characterlosen , flachen , öden Häuser mit ihren hundert tausend blanken Fenstern ! Kann da Häuslichkeit drin gedeihen , kann da Treue drin wohnen ? Wenn ein Wagen vorbeifährt , zittern Thür und Fenster ; wenn der Wind weht , bebt das ganze feige Ding , als bäte es ihn unterthänigst um Verzeihung , daß es wagt noch auf den Füßen zu stehen ! O ihr lieben , stillen , alten Häuser , die ihr bescheiden mit der schmalsten Seite auf der Gasse steht , um eure Nachbarn nicht zu beeinträchtigen , um euch nicht in die Breite zu verflachen , wie gut bin ich euch ! hinter euren starken Mauern und sparsamen , aber weiten Fenstern , in eurer verschwiegenen Tiefe , in euren traulichen , geräumigen , gewölbten Zimmern , da ist ' s doch noch möglich , Gedanken zu haben , welche sich auf Häuslichkeit beziehen . Wär ' ich ein Mann , so holte ich mir nur aus solchem Hause eine Frau . Mädchen , in einem modernen Hause erzogen , sind es für fremde Augen ! alle Welt guckt da hinein und fragt neugierig : was thust du ? was treibst du ? Die Sonne scheint in all die Fenster wie in einen Glaskasten hinein , wo die Blumen vor der Zeit blühen müssen , und für die Mädchen ist Schatten gut , stiller , kühler , grüner Schatten - da bleiben sie frisch , frisch von Wangen , frisch von Seele . Es existiren aber gar keine Mirakelmädchen mit frischen , apfelblütnen Wangen mehr ! sie müssen so viel lernen , so viel schöne Künste treiben - das fatiguirt , und glaub mir , es hängt Alles mit den modernen Häusern zusammen . Wär ' ich ein Mann , ich schlenderte durch die alterthümlichen Gassen , und schaute rechts und schaute links . Da auf einmal , in jenem dunkeln Hause , wo über der gewölbten Thür drei Eicheln ausgehauen sind , im Erdgeschoß , am offnen Fenster , das mit Gitterstäben geschützt ist , die aber so weit geschweift sind , daß die Katze in dem Ausbug Raum hat , und der große Blumentopf , aus welchem sich die Kapuzinerkresse emporrankt - verstehst Du , lustige Kapuzinerkresse , kein sentimentaler Epheu - da sitzt ein herziges Mädchen und arbeitet fleißig . Sie arbeitet nicht hastig , nicht gebückt wie eine Magd , wie um ' s liebe Brot - sondern aus anmuthiger Gewohnheit an Beschäftigung . Gute Gedanken steigen mit der Nadel hinauf und herab , vom Kopf zum Herzchen , und die schelmischen Lippen summen ein Lied . Das Haar hängt ihr leicht und lose , wie Gott will , an den Wangen herab , die Augen - wenn sie sie aufschlägt - blicken ernst und verweisen gleichsam dem Munde seinen Muthwillen - das Mädchen müßte meine Liebste werden ! Alle Tage ginge ich zweimal vorüber , einmal am Morgen , einmal am Abend ; grüßen thäte ich nicht , das wäre befremdlich ; aber ohne Gruß würden wir nach und nach ganz bekannt . Dann legte ich mir einmal Morgens den Zwang auf , nicht vorbeizugehn , damit Abends ihre Augen fragten : aber wo warst du denn heute früh ? - O Anastas , komm , wir wollen das Haus suchen und das Mädchen . Heirathen kann ich es zwar nicht .... « - » Aber ich kann es « - sagte Andlau neckend . » Eben so wenig ! « rief Faustine , und warf muthwillig und stolz den schönen Kopf zurück , als brauche sie sich nicht einmal die Mühe zu geben , ihn anzusehen , um ihn zu fesseln . » Und welchen Ersatz willst Du denn dem armen Mädchen dafür bieten , daß es nicht geheirathet wird ? « » Ich will es malen . « » Brav ! das wird ein hübsches Bildchen werden , « sagte Andlau , und machte trotz Nebel und Wind einen Spaziergang mit ihr . Er freute sich ihres schönen Talents - nicht blos weil es ihm Wonne war sie zu bewundern - sondern weil er es betrachtete als einen Canal , in welchen der übervolle Strom ihres Wesens wohlthätig , ohne die Ufer zu zerstören , sich ergoß . Ihren Phantasien lieh er immer Gehör . Ihren Gedankensprüngen setzte oft sein Urtheil , seine Meinung , Schranken ; niemals seine Laune . Darum war Faustine außerordentlich durch seinen Umgang verwöhnt ; sie fand jeden andern langweilig und steril , wo sie nicht dieser Theilnahme , dieser Ermunterung , diesem Verständniß begegnete . Er hatte sie daran gewöhnt , sich rücksichtlos , absichtlos , in unbefangener keuscher Freiheit vor ihm zu offenbaren ; darum wurde es ihr schwer , in die zurückhaltenden , abwehrenden Formen der Gesellschaft sich zu fügen , und sie that es auch nur innerhalb selbstgewählter Grenzen , die angeborner Takt und kein Herkommen ihr bestimmten ; aber eben deshalb fühlte sie sich nur bei Andlau glücklich . » Mon aller n ' est pas naturel , s ' il n ' est à pleines voiles , sprech ' ich mit Montaigne - sagte sie - wenn ich in der kleinen Nußschale oberflächlicher Gespräche und nichtsbedeutenden Verkehrs balanciren muß , so legt sich dieses Unbehagen gleich einer eisernen Schlafmütze auf meine Stirn , und lieber rede ich in dreimal vierundzwanzig Stunden keine Sylbe , als in einer Stunde unaufhörlich von den Fliegen , die brummen , und den Mücken , die stechen . « Andlaus Liebe war ihr die Frühlingsluft , in welcher sie , wie die Lerche , ihre Flügel ausbreitete , sich hob , und steigend und singend hängen blieb . In Frankfurt fand Andlau einen Brief vor , der ihm den Tod seiner Mutter meldete , und den Wunsch seiner beiden Brüder , ihn bei der Regulirung der Geschäfte zu sehen . » Sie brauchen mich , « sagte Andlau ; » sie wollen einen Zeugen haben , daß Keiner von ihnen mit dem Pistol in der Hand dem Andern einen Napoleon mehr , als ihm zukommt , abgefordert hat . « » Du willst in den Elsaß ? « fragte Faustine ungläubig ; » willst mich verlassen ; Anastas , thu ' es nicht ! Ich in Dresden , Du jenseit des Rheins - das liegt zu weit auseinander ! « Sie schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn , ängstlich und fest wie ein junger Vogel unter den Flügel der Mutter . Sie hatte die großen diamantenen Augen einer Gazelle , und mit diesen Augen sah sie ihn so zärtlich und traurig an , daß er sie mit seinen Küssen schloß , denn er fühlte , wie sein Herz an diesen Strahlen zerschmolz . » Ich kann meinen Brüdern nützlich sein , « sagte er , » vielleicht dazu beitragen , daß Alles in Liebe und Güte abgethan wird . Meine Mutter mag ihren Liebling , meinen jüngsten Bruder , bevorzugt haben , und ich fürchte sehr , Aloys wird es sich nicht wollen gefallen lassen . Jeder handelt für seine Familie , jeder behauptet , das Recht seiner unmündigen Kinder vertreten zu müssen .... « - » Himmel ! « unterbrach ihn Faustine , » wie hasse ich all diese Verhältnisse , welche unter der Firma : Familie ! den Menschen in gefühlempörende Zustände bringen . Kaum hat ein Wesen die Augen zugethan , welches für uns das Ehrwürdigste unter der Sonne war , so stürzen wir heißhungrig über den Nachlaß her , und zanken uns im Angesichte der geliebten Leiche um die klägliche Erbschaft . Alle Andacht und Trauer geht unter in Berechnungen und Auseinandersetzungen . Und dann heißt es : meinetwegen führe ich nicht diesen Prozeß und werfe ich nicht dies Testament um , aber meine Kinder ! - Muß man denn seiner Kinder wegen Scandal treiben , so gehe man doch lieber auf die Landstraße und plündere den ersten besten englischen Reisewagen aus , als mit dem Bruder um drei Batzen zu hadern . « » Liebe Ini , ich will ja versuchen , ob ich meine Brüder daran verhindern kann . « » Ja , das schmerzt mich eben , Anastas ! Wenn sie Dich ruhig an das Grab Deiner Mutter treten ließen , wenn Ihr Euch an diesem Grabe freundlich und ernst die Hände drücken wolltet , so spräche ich zuerst : gehe hin ! - aber um zu verhindern , daß sie sich bei dieser unglückseligen Erbschaft todtschlagen oder bestehlen , dazu bist Du viel zu gut ! dazu ist die Polizei da , ich meine die Juristen , die Grenzwächter auf dem Mein- und Dein-Gebiete , die Flurschützen , welche aufpassen , daß keiner eine Traube vom Weinberg nasche - aber sie selbst dürfen naschen für ihre Mühe . « Doch was Faustine auch vorbringen mochte , Andlau blieb bei seinem Entschluß . » Einige Wochen vergehen schnell ; das hast Du ja im Lauf des Sommers erfahren , « sprach er ; » und welche Freude , wenn wir uns nach der Trennung wiederhaben ! « » Weil ich es bereits erfahren habe , « entgegnete Faustine weinend , » so bin ich ja mit dieser Erfahrung gleichsam abgefunden ; ich brauche sie nicht mehr . Und wie kannst Du wissen , ob nach einigen Wochen Alles abgethan sein wird ! Nimm mich wenigstens mit , als Dein Page verkleidet etwa . « » Ich werde Dich erst nach Dresden bringen , « sagte Andlau , ohne den letzten Vorschlag sonderlich zu beachten , » und dann zurückreisen . « » Du bist ein eiskalter Mensch ! « rief sie und warf unwillig seine Hand aus der ihrigen . » Das kann wol sein , « entgegnete er sanft . » Und ich sehe durchaus nicht ein , warum ich Dich liebe . « » Das hab ' ich nie eingesehen , und es Dir auch oftmals gesagt . « » Aber da ich Dich nun einmal liebe - rief sie , wieder mit süßer , schmeichlerischer Stimme - so schmerzt mich tödtlich die lange , dumpfe Trennung ! Dich nicht ? « » Faustine , Du kennst mich , Du weißt , daß mein Leben in Dir ist , daß Du nicht blos mein Glück , nicht blos meine Liebe , nein ! mein Glaube und meine Hoffnung bist , daß Deine Kristallseele mich gleichgültig gemacht hat gegen alle staubigen , buntgefärbten , flitterhaften Erscheinungen , daß neben Dir nichts , unter Dir eine Welt steht , daß ich von der Ewigkeit nichts wünsche , als Dich , weil ich in der Ewigkeit nur Dich , den schönsten Gottesgedanken , sehe ; - das weißt Du , und fragst , als ob Du nichts wüßtest ! Mache mir nicht das Herz schwer , und glaube nur , ich vermisse Dich durch die Trennung weit mehr , als Du mich . Du setzest Dich an Deine Staffelei und malst und erschaffst , und vergißt bei Deinen Schöpfungen alle Schmerzen , vielleicht alles Glück . Die Phantasie pflanzt goldene Stäbe rings um Dich her , und Deine Trauer rankt sich an ihnen empor und Du stehst schnell in einer duftenden , blühenden Laube , die Du selbst gezogen hast . Der Mensch deutet die Dinge , wie er sie versteht , nach seinen Fähigkeiten ; Du bist so reich , daß Dir die Welt ein Golkonda ist . Ein vorübergehendes Leid wird für Dich ein Brunnen tiefer Freuden werden - das solltest Du doch wissen ! « » Ja , « sagte sie , » ich mag aber doch kein Leid ! mag nicht aus dem tiefen Brunnen mühsam das helle , reine Freudenwasser emporziehen ! Ich thue es nur , wenn ich eben muß , weil ich meine , es sei doch besser , als die Arme schlaff herabhängen zu lassen ; aber lieb hab ' ich solche Arbeit nicht . « » Hernach , Engel , ruhst Du doppelt süß bei mir . « » Aber einstweilen trägt mich Niemand auf Händen ..... muß ich ganz allein auf der harten Erde stehen .... « - » Wünschest Du einen Stellvertreten ? « » Nein . « » Sonst könntest Du ja Clemens Walldorf kommen lassen , « sagte Andlau lächelnd , » der , nach Allem was Du mir von ihm erzählt hast , überglücklich sein würde , Dich auf Händen tragen zu dürfen . « » O ja , « erwiederte Faustine gelassen , » das glaub ' ich recht gern ! ich habe nur nicht die heilige Zuversicht , daß wir nicht Beide der Sache überdrüssig werden könnten . Ich würde fürchten , er ließe mich fallen oder ich spränge herunter . « » Aber bei mir hast Du es nie gefürchtet ? « » Nie ! « sagte sie sorglos . Ein solches » nie « - ist die größte Ehre , welche eine Frau einem Manne erzeigen kann . Andlau hatte so oft schon Aehnliches von ihr gehört und gesehen , daß er nicht überrascht davon sein konnte ; allein hingerissen und bezaubert war er immer von Neuem durch die anmuthige Nachlässigkeit , die gedankenlose Grazie , mit der sie stets das zu treffen wußte , was sie instinktmäßig als das Schönste erkannte . » So lange ich noch bei Dir bin , will ich mein schönes Vorrecht nicht blos figürlich gebrauchen « - sagte er , hob Faustine empor , und hielt sie in beiden Armen an seine Brust gedrückt ; - » Sonnenstrahl , Rosenduft , meine Ini , bist Du für mich Weib geworden ? wirst Du mir nicht verschweben in den beweglichen , unfaßbaren Elementen , woraus Du durch ein Wunder geschaffen bist , wie die Venus aus dem Schaum des Meeres ? oder hast du selbst das Wunder gethan , und wie eine Fee Dich sichtbar in der Welt gemacht ? « Faustine lag graziös auf seinen Armen , ihr Haar hing aufgelöst herab , ihre Augen waren halb geschlossen , nach ihrer Art. Wenn es nichts zu sehen gab , sparte sie sich gern die Mühe sie zu öffnen , und blickte nach innen . Sie sprach : » Rede nur weiter , es klingt gar lieblich ! ich freue mich , wenn Du einmal mit meinen Worten sprichst und aus Deiner kühlen Weise heraustrittst . « » Aber ich verweichliche Dich zu sehr ! « sagte er , wie sich besinnend , und stellte sie auf den Fußboden zurück und küßte ihr lockiges Haar , als sei es der Schleier einer Heiligen . Er trieb Abgötterei mit seinem lieblichen Idol . Seiner Absicht treu , um ihr die Langweiligkeit der einsamen , herbstlich trüben Fahrt zu sparen , brachte er sie nach Dresden , und Faustine , die , wenn sie glücklich war , wol in die Ewigkeit hinüber sah , jedoch nicht über das irdische Heute hinweg - dachte nicht daran , daß am erreichten Ziel der Abschied ihr bevorstehe , und war während der Reise so liebenswürdig , daß Andlau selbst zu glauben anfing : er bringe den Wünschen seiner Brüder ein unermeßliches Opfer . Manche Menschen werden immer liebenswürdiger , je mehr Augen sich auf sie richten ; nicht aus Eitelkeit , sondern weil ihnen der allgemeine Beifall Zuversicht giebt und sie anregt . Andere sind am liebenswürdigsten einer einzigen Person gegenüber , wenn diese ihrer Eigenthümlichkeit zusagt ; viel Augen , viel Fragen , viel Einwürfe stören sie . Es kommt dabei sehr auf die jedesmaligen Gaben an , sogar auf physische . Wer witzig ist , wer schlagende Antworten giebt , wer eine elegante Form des Ausdrucks , ja , gar ein wohltönendes Organ besitzt , fühlt sich behaglich in dem größeren Zirkel . Wo Ernst und Sinnigkeit vorherrschen , wo die Rede nicht schimmert , wo der Ton der Stimme leise ist , da sind weniger Zuhörer willkommen . Faustine , wie fast alle einsam , d.h. ohne großen Familienkreis , lebenden Personen , hatte eine leise Stimme . Wo eine bedeutende Schaar von Geschwistern ist , mit denen man doch auf gleichem Fuß stehen - oder von Kindern , denen man befehlen muß - da wird die Stimme von selbst laut und tönend ; sie soll gehört werden und bisweilen dominiren ; aus dem Hause bringt man diese Gewohnheit in die Gesellschaft hinüber . Wer allein lebt , ohne Kinder , ohne Hauswesen , nur mit einem oder zwei Menschen in vertrautem Umgang , der ist nicht im Stande , in einem übervollen Salon zu sprechen , es müßte denn sein , daß Alles schwiege , wenn er redete . Faustine hatte eine leise Stimme , die immer leiser wurde , je inniger und eindringlicher sie sprach . Es ward zuletzt wie ein Klingen der Seele , aber ganz verständlich , so wie man die Aeolsharfe und das Murmeln des Baches ganz genau versteht . Daher sprach sie in der Gesellschaft nur mit ihren Nachbarn rechts und links , sie machte kein allgemeines Aufsehen , aber der jeweilige Nachbar war captivirt , wenn sie sprach , - was auch nicht immer geschah . Den Wecker an der Uhr stellt man auf eine bestimmte Stunde : dann schnurrt er sein Stückchen ab ; der Mensch ist keine Sprechmaschine , die ihr gegebenes Thema abhaspelt . Von innen muß er angeregt werden , nicht von außen , wenn er etwas Gescheutes hervorbringen soll . In Faustinen war Alles vereinigt , um sie Andlau gegenüber am liebenswürdigsten zu machen ; ein Hauptgrund aber war der , daß er sie liebte . Es ist die schwierigste Aufgabe für eine Frau , auf die Dauer und durch lange Jahre hindurch , liebenswürdig wie keine Andre für den Mann zu bleiben , mit dem sie verbunden ist . Die entnervende Gewohnheit weht über ihn hin , wie feuchte Luft über eine Harfe , und die Saiten erschlaffen . Ihre Liebe reicht nicht aus . Aber die Sache wird ihr sehr leicht gemacht , sobald er sie liebt ; und dies seltene Glück hatte Faustine . Vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft in Dresden fuhr Andlau seiner Heimath zu . Beim Abschied sprach er zu Faustinen , nachdem er alle Ausdrücke der Liebe und Zärtlichkeit erschöpft hatte : » Nun zum Schluß das Wichtigste : Ini , vergiß mich nicht . « » Das ist ein abgebrauchter Scherz , Anastas ! « » Kein Scherz , Ini ! Du weißt ja noch gar nicht , was Du Alles vergessen kannst . « » O Alles , Herz , Alles , nur aber Dich nicht ! « sie umfaßte ihn mit stürmischem Schmerz , und als er gegangen , und die Thür hinter ihm zugefallen war , da meinte sie , ihr Schutzgeist habe sie verlassen , da sank sie auf die Knie und rief : » Er ist fort ! er ist fort ! o mein Gott , bleibe du nun bei mir ! « Sie fühlte sich unaussprechlich einsam , obgleich ihre Freunde und Bekannten sie sogleich aufsuchten , sie einluden , auf jede Weise suchten sie zu zerstreuen . » Andlau ist fort , ich langweile mich überall « - sagte sie ebenso aufrichtig als unverbindlich zu Frau von Eilau , mit der sie sehr liirt war . » Eben darum werden Sie sich nicht mehr bei mir langweilen , als hier in Ihrer Einsamkeit ; « entgegnete diese liebreich . » Sie werden ganz hypochonder zwischen Ihren vier Wänden , unter Menschen müssen Sie sich ein wenig Gewalt anthun , und Selbstüberwindung ist für uns Alle eine gute Schule . « » Meinen Sie ? nun , so will ich heute Abend zu Ihnen kommen - wenn ich es über mich gewinne . Es werden doch nicht viel Leute bei Ihnen sein ? « » Das weiß ich nicht ! Da ich nie Jemand einlade , können eben so gut zwanzig Personen mich am Abend besuchen , als zwei . Aber seit wann sind Sie denn menschenscheu ? « fügte sie lächelnd hinzu . » Seit Andlau fort ist « - sagte Faustine melancholisch . Sie hatte keinen andern Gedanken . Mitten im Salon der Frau von Eilau stand ein großer runder Tisch und Fauteuils rings umher , worauf die Damen saßen , Tapisserie nähten , plauderten . Die Herren schoben Stühle und Tabourets dazwischen - Worte weniger . Rechts daneben stand Frau von Eilaus Theetisch , woran sie so saß , daß sie zugleich das Theegeschäft besorgen und an den Gesprächen des runden Tisches Theil nehmen konnte . Links war eine Schachpartie etablirt . Dies Alles in der Mitte des Zimmers , damit jede einzelne Person zugänglich und uneingesperrt sei . Hinten an der Sophawand ward eine solide Bostonpartie gemacht , und die Spielenden bekümmerten sich nicht um das Vordertreffen . Frau von Eilau sagte zu Feldern : » Es ist über neun Uhr ; die Obernau kommt schwerlich mehr . Gehen Sie doch morgen früh gleich zu ihr und machen Sie ihr in meinem Namen ernste Vorwürfe . « » Aber sie mag krank sein « - sagte Feldern . » Keineswegs ! nur verdrießlich , nur eigensinnig . « » Auf jeden Fall gehe ich morgen früh zu ihr , und hätte nicht so lange gezögert , wenn ich nicht diese letzten acht Tage draußen gewesen und erst vor einigen Stunden heimgekehrt wäre . « » Und wie geht es Cunigunden jetzt ? « » Besser ! sie erholt sich langsam . « » Bleibt es bei dem festgesetzten Vermählungstage ? « » Ich darf es nicht hoffen , kaum wünschen ! sie ist von einer ängstigenden Nervenschwäche . « » Das schöne , kräftige Mädchen ! welch ein Jammer ! wie kann denn eine armselige Erkältung solche Umwandlung bewerkstelligen ? « » Die Aerzte wissen keinen andern Grund , als Erkältung bei der Weinlese . « » Die Schröder-Devrient verliert ganz ihre Stimme , « hieß es am runden Tisch , » sie wurde auch eiskalt als Norma aufgenommen . « » Schade um sie , sie war eine pompöse Norma . « » Diese Gleichgültigkeit wird ihr sehr wehe thun ! wer auf den Triumph des Augenblicks angewiesen ist , will in jedem Augenblick Triumphe . « » Natürlich ! wie sollen diese Künstler denn wissen , ob ihnen Auffassung und Darstellung gelungen , wenn das Publikum kein Zeichen des Beifalls giebt ? Die Malibran , von der man doch hätte glauben können , daß sie zum Voraus des tobendsten Beifalls gewiß sei , hörte und sah nichts vor Befangenheit , bis jubelnder Applaus ihre erste Scene belohnt hatte . Dann war sie sicher . « » Gott , welche traurige Existenz , trotz eines weltberühmten Talents so abhängig von der Laune des Publikums zu sein ! Jeder andre Künstler darf an die Nachwelt appelliren ; der Schauspieler hat es nur mit seinen Zeitgenossen zu thun . Wer ihn nicht sah , nicht hörte , weiß nichts von ihm . « Die Thür öffnete sich . Faustine trat ein . Frau von Eilau rief : » Je später der Abend , je schöner die Leute ! « ging ihr entgegen und umarmte sie herzlich . Faustine legte beide Hände auf ihre Schultern , und sagte eben so herzlich : » Liebe , Sie sind eine so kluge Frau ! sprechen Sie doch , bitte , mit Ihren eigenen Gedanken und nicht mit denen eines ganzen Volks . - Bon soir ! wie geht ' s ? charmirt Sie wiederzusehen ! « - wurde mit den Uebrigen gewechselt . Als Faustine eintrat , schlug der Mann , welcher ganz mit der Schachpartie und mit einer schönen Gegnerin beschäftigt war , die Augen auf und erkannte sie . Es war Graf Mengen . Sie sieht aber doch aus wie eine schöne Statue , dachte er , den ersten Eindruck festhaltend . Faustine war wieder ganz weiß gekleidet , und dann stand sie so graziös ! Schön tanzen können manche Frauen , schön gehen - wenige , schön stehen - die allerwenigsten . Woran es liegt , weiß ich nicht , vielleicht an der Ungewohnheit , vielleicht an zu engen Schuhen , vielleicht an einem Mangel an Selbständigkeit . Die meisten wackeln . Ruhig zu stehen , ist die Hauptsache beim Stehen ; aber darum darf es doch nicht schwerfällig , nicht bewegungslos , nicht plump