er ein Weilchen nach , dann sagte er : » Kommt mir einmal ganz nahe , werter Herr , daß ich eure Physiognomie betrachten kann , denn es ist so verdammt finster hier , und Ihr seht wohl daß ich nicht zu Euch hinrutschen kann . - Ah ja ! Ihr seht recht ehrlich , ja sogar recht weichmütig aus , es wird also wohl keine Finte sein , um noch andere gute Kameraden in das Elend zu bringen . Wir hatten ehemals einen lieben herrlichen Menschen unter uns , Ascanio genannt , ein sanfter Kerl , der uns mit seinen Predigten immerdar vom Morden abhalten wollte ; er war ein halber Pfaff und dachte sich vielerlei Gutes bei den Worten Himmelreich , Gewissen , Religion und dergleichen Schnurren , die uns tätige Menschen nichts angehn . Dieser Ascanio war immer der Vertrauteste mit dem Oberhaupt jener Bande bei Subiaco , dessen Namen wir alle nicht wissen ; denn der närrische Ambrosio , den hier die Richter dafür halten , ist nur so ein Beiläufer , einer , der das Mus einrühren hilft , selten aber etwas zu fressen kriegt . Dieser Ascanio war immer wie unser Staatsminister oder Geheimschreiber . Der weiß , was der Teufel selber nicht weiß aber dabei ein Mensch , wie ein Lamm . Den guten Burschen haben sie jetzt in Castell Angelo eingesperrt , unter dem Vorgeben , er hätte falsche Münzen geprägt und ausgegeben . Ist es wahr , so macht das dem pfiffigen Kerl alle Ehre , nicht wahr ? und er ist ja fast ein Genie , wie unser Benvenuto Cellini . Es kann aber auch sein , daß es nur ein Pfiff der Unsrigen ist , daß sie ihn mit falschen Aussagen dahin gebracht haben , damit er in ihrem Banditenprozesse nicht mit figurieren soll . - Seht mal , guter Freund , ich vertraue Euch das alles so treuherzig an , weil Ihr mir ehrlich ausseht . Und Ihr mögt darüber denken , wie Ihr wollt , in meiner langen Erfahrung habe ich immer die meiste Treue und Ehrlichkeit unter Spitzbuben , Dieben und Mördern angetroffen . Es ist ja auch ganz natürlich , die tugendhaften Menschen in Eurer Welt leben von der Tugend , das ist ihr Gewerbe wie es aber irgend ihr Vorteil mit sich bringt , daß sie mit der Schelmerei mehr gewinnen können , schrammen sie aus und spazieren nebenbei . Besonders , wenn sie keine Entdeckung zu besorgen haben . Dagegen wir armen ehrlichen Schelme ! Das Regiment bei uns könnte ja keine vierundzwanzig Stunden bestehn wenn wir nicht untereinander Treue und Glauben hielten . Und welcher Bischof , Graf oder Kardinal würde uns denn jemals vertrauen , wenn er uns für ausschwatzendes Gesindel hielte ? Vor zehn Jahren etwa haben sie mich zweimal auf die Folter geworfen , aber der große Herr lebt noch in Ehren , Glück und Würde , so wußte ich meine Zunge im Zaum zu halten . Und wahrlich , die Schmerzen , die sie mir künstlich antaten , waren nicht klein . Ich habe auch jetzt den großen Mann um Hülfe angesprochen , aber er lacht mich nur aus , und mit Recht , denn es ist zu lange her , die Sache ist vergessen , keiner würde mir glauben , ja kein Richter und Advokat mich nur um das ganz verschollene Ding anhören wollen . « Der Graf ließ dem Unglückseligen ein Geschenk zurück , damit er sich noch einmal an Wein und einem Lieblingsgericht erheitern könne . Als er sich in Castell Angelo beim Governadore wollte melden lassen , vernahm er , daß dieser in einem wichtigen Geschäft über Land sei , und erst morgen zur Stadt wiederkehre . Er nahm sich also vor , seinen Abend bei einem Freunde zuzubringen , um sich von diesen traurigen Geschäften in einer edlen Gesellschaft wieder etwas zu erholen . Der Freund des Grafen , ein angesehener Römer , sah vorzüglich gern Gelehrte und Dichter in seinem Hause . Graf Pepoli , sooft er nach Rom kam , wohnte bei diesem Gastfreunde , der sein Verwandter war . Als man sich im heitern Kreise gegenseitig begrüßt hatte , trat auch Caporale herein , und bald nach ihm der alte Speron Sperone . Dieser feierliche Mann , welcher gern die jüngeren Leute beherrschte , erschien in einem langen , dunkelfarbigen Talar , weder die Tracht eines Priesters , Rechtsgelehrten , noch Professors , sondern ein Gewand , das er sich selbst ersonnen hatte , und das vielleicht an die römische Toga erinnern sollte , doch hatte es Ärmel und war um die Hüften mit einem breiten Gurt umschlossen . Dieser Dichter , für welchen er sich gerne gab , war hoch und schlank , sein Gesicht hatte den Ausdruck des Feierlichen , auch war seine Sprache langsam und seine Rede gesucht . Die übrige Gesellschaft bestand aus einigen angesehenen römischen Familien , Edelleuten , die ihre Frauen und Töchter hergeführt hatten , hauptsächlich in der stillen Erwartung , den berühmten Torquato Tasso kennenzulernen , von dem man wußte , daß er sich seit einiger Zeit in Rom aufhalte . Bald aber entstand eine allgemeine Trauer , als der Wirt erklärte , der große Dichter habe zu ihm gesendet , und seine Abwesenheit entschuldigt , indem er krank geworden sei . Einige junge schöne Damen äußerten laut ihr Mißvergnügen und beklagten den Armen , der so oft an Unpäßlichkeit litt , und sich doch in seinen Arbeiten durch die wiederkehrenden Leiden nicht stören ließ . » Vielleicht « , sagte eine junge schöne Frau mit lachender Miene , » kommt Tasso nicht , weil er erfahren hat , daß er seinen großen Gegner , den strengen Herrn Sperone , hier antreffen würde « . » Gewiß nicht deshalb « , sagte der ernste Mann ; » denn waren wir je entzweit , so haben wir uns jetzt wieder versöhnt , und keiner ist so geneigt als ich , den Gaben dieses Jünglings Gerechtigkeit widerfahren zu lassen . Er hat mich , weil ich schon ein vertrauter Freund seines außerordentlichen Vaters war , freiwillig zum Kritiker seines großen Werkes ernannt , und was kann ich dafür , wenn meine Überzeugung mich antreibt , dem Vater den Preis des größeren Dichters zuzuschreiben ? Und ist dies ihm eine Schande ? Darf es ihn wohl kränken ? « » Der Ruhm bleibt wenigstens in der Familie « , sagte Caporale , » und wenn unser Bernard nur noch lebte , so müßte er sich mit seinem Sohne in den genau abgewogenen Preis teilen . « » Er ist ein Dichter « , bemerkte eine der Damen , » der die Sprache so in seiner Gewalt hat , wie vor ihm noch kein anderer ; daher sind seine Verse so süß und musikalisch , daß sie ein jedes Ohr entzücken . « Der alte Sperone schien über diesen Ausspruch empfindlich zu werden , denn er sagte mit etwas spitzigem Ton : » Süß und lieblich , ja , aber die Männlichkeit fehlt . « » Diese Schlachten « , warf Caporale ein , » diese aufmunternden Reden der Helden , sind doch in heroischer , kräftiger Tonweise . Schade , daß er das Gedicht , da es nun doch einmal fertig ist , nicht sogleich drucken läßt , damit sich ganz Italien daran erfreuen könne . « » Im Gegenteil ! « rief Sperone , » er kann nicht zu lange damit zögern , damit ein Werk , das die jetzige Zeit überdauern soll , die notwendige Vollendung erreichen möge . Er ist freilich empfindlich über diese Verzögerung , und doch ist er wieder seinen jüngern und ältern Freunden dankbar , wegen der Weisungen , die sie ihm zukommen lassen . Nur tadelt freilich einer oft das , was der andere lobt ; mir scheint völlig überflüssig , was ein jüngerer höchst notwendig findet . Diese Strophe will der eine ausmerzen und ein anderer durchaus beibehalten . Das süße Liebesgekose , üppige , ja unzüchtige Stellen sind dem Gutdenkenden in diesem Gedichte , das die Religion zum Gegenstande hat , ein Greuel , und ein junges leichtsinniges Gemüt nennt diese sündlichen Ottaven die Licht- und Glanzpunkte des Werkes , um welche es sich einzig und allein der Mühe lohne , das weitläuftige Gedicht zu lesen . So verschieden ist der Sinn der Menschen , und es wäre deshalb besser gewesen , einem einzigen klugen Manne die Revision unbedingt anzuvertrauen . « Man stritt noch hin und her , und als die entschiedenste der Damen zu verstehen gab , der bejahrte Kritiker möchte doch vielleicht zu einseitig verfahren , und manche Schönheit nach seinem System gewissermaßen vorsätzlich und willkürlich verdammen , sagte der Alte mit einiger Erbitterung : » Mein Zwiespalt mit dem jungen Tasso schreibt sich eigentlich gar nicht von der abweichenden Ansicht seines Gedichtes her , sondern er ist viel älter und aus einer ganz andern Ursache entsprungen . - Als der Jüngling vor Jahren sich in den Dienst des Herzogs von Ferrara begab , war ich unter seinen Freunden der einzige , der ihm ernsthaft von diesem Schritte abriet . Er ist kein Hofmann , man muß als solcher geboren sein , man muß nichts anders sein wollen , nichts anders kennen und achten , als den Hof , am wenigsten aber den Dichter dorthin mitnehmen wollen . Er konnte Professor in Padua oder an einer andern Universität werden , er konnte ein Staatsamt übernehmen , und sich auf diesem Wege , da er kein Vermögen ererbt hat , unabhängig machen . Da lockte aber und blendete ihn der freundliche Herzog , die Prinzessinnen , dessen Schwestern , Lob und Bewunderung von allen Seiten . Meine Warnung schien ihm die törichte Rede eines Murrkopfs , wohl gar eines Pedanten , der ihm seine glänzende Stellung beneidete . So bin ich denn auch in seinem Schäferspiel Aminta als verdrießlicher Mopsus aufgetreten , im Gegensatze seines vortrefflichen Pigna , oder Elpino . Meinethalb , man kann nicht allen Menschen gerecht und beifällig leben , am wenigsten der Selbstständige , dem es mit Leben und Wissenschaft Ernst ist . Was ist ein Dichter an dem Hof eines verwöhnten , selbstsüchtigen Fürsten ? Niemals wie der ebenbürtige Freund und Verwandte , keinesweges wie der nützliche und notwendige Rat und Staatsmann . Anfangs Günstling , Vertrauter , Liebling , Gegenstand einer unverstandenen Bewunderung ; späterhin der Gemißhandelte , der die Launen seines eigensinnigen Beherrschers ertragen muß . Hat er sich berühmt gemacht , so wollen nun andere Höfe , Regenten und Weiber ihn lieben , bei sich sehn ; ihm geschehen Anerbietungen , er fühlt sich wieder geschmeichelt , unterhandelt hinterrücks halb und halb , die Aufpasser verraten es seinem Herrn , und dieser , der sich für den Wohltäter , ja den Schöpfer des Armen hält , ist erbost , sieht in seinem vormaligen Liebling den frevelnden Verbrecher , und sinnt , wie er sich an ihm rächen und ihn bestrafen könne , ohne sich der Welt und den Verleumderzungen zu sehr bloßzugeben . Wie sich dieselben Fürsten in ihren Gärten eine Sammlung der wilden , seltenen und ausländischen Tiere halten , die zuweilen wegen der Federn , oder des wundersamen Rüssels von ihnen und den Fremden in Augenschein genommen werden , so steht ein Poet an solchem Hofe in seinem kümmerlichen Futter . Und dann wird noch von Beschützung der Künste und Wissenschaften gesprochen und gesungen , und Perikles und Alexander oder Augustus angeführt , zum Verdruß und Ärger eines denkenden Mannes , der diese Szenen kennt , und öfter in seinem Leben gesehn hat . « » O Ihr böser , zorniger Greis ! « rief Caporale aus , » wenn Ihr so traurige Erfahrungen gemacht habt , so seid Ihr doch nur halb im Recht , denn Ihr vergeßt es ganz und gar , auch das Gute eines solchen Verhältnisses herauszuheben . « » Das meiste « , antwortete Sperone , » sieht in der Welt so aus , wie es der Mensch sehn will . Aber seid versichert , die Lage dieses armen Tasso ist gerade so , wie ich sie beschrieben habe , und der Erfolg wird meine Aussage rechtfertigen . Ich weiß es , daß er seiner Lage dort in Ferrara schon gänzlich überdrüssig ist : er sehnt sich nach neuen Verhältnissen , kann ohne Beschützer nicht leben und dichten und hat also den Mut nicht , offen mit dem Hofe zu brechen . Der neue Großherzog von Florenz , Francesco , ist eitel genug , um einen berühmten Mann in seiner Nähe haben zu wollen : stille Botschaften , Vermittelung von Fremden , Anerbietungen , alles bedrängt den Armen , er will und will nicht : nun ist sein Fürst , die Weiber sind einmal wieder freundlich zu ihm , sie schmeicheln und liebkosen ihm und seinem Talent ; da sieht er wieder goldne Tage , und schwimmt selig in der Abendröte . Aber der Ferrarese weiß es recht gut , daß er auf dem Sprunge steht , von ihm abzufallen ; es fehlt nicht an Klätschern , die dies benutzen , ihn gegen den Ärmsten zu erbittern . Er war erst mit Pigna vertraut , auch der Sekretär Guarini schloß sich ihm freundlich an : jetzt sind sie gegen ihn und der letzte ist sein erklärter Feind , ein schlauer gewandter Mann , und der die Haltung besitzt , die dem Torquato fehlt , dabei auch ein Poet , und ein begabter ; da muß die Eifersucht entbrennen . Nun hat ihn sein wahrster Freund und Beschützer , Scipio Gonzaga , hierher nach Rom berufen ; der Herzog hat ihm nur ungern den Urlaub bewilligt , weil er weiß , daß hier mit dem Kardinal Ferdinand Medicis des Tasso wegen verhandelt werden soll , ja Scipio denkt wohl gar , den Papst selbst für den Dichter zu gewinnen , daß dieser ihm hier ein Kanonikat oder eine Präbende zuweisen möchte ; dieser aber will natürlich um eine Nebensache Ferrara nicht beleidigen ; Florenz will nicht zu offen mit seinen Anerbietungen heraustreten ; Ferrara nimmt aus Eitelkeit den Gegenstand wichtiger wie die andern , auch vertrauen diese dem schwankenden Charakter Tassos nicht und seiner Unentschlossenheit , und so verwirrt und verwickelt sich das Verhältnis von allen Seiten so , daß es zum Unglück des Poeten ausschlagen muß . « » Eure Schilderung ist freilich eine traurige « , sagte eine junge schöne Dame , » und wenn Euer Wahrsagergeist ein richtiger ist , so möchte ich schon jetzt den lieben Tasso beweinen . Aber Euer Wort trifft eigentlich jedes menschliche Verhältnis : jeder Stand muß sich durchkämpfen , jeder geistreiche Mann hat seine Feinde , der Minister und Rat findet Verlockung , seinen Pflichten ungetreu zu werden , wer nicht als Eremit lebt , gerät in Verwicklung und muß kämpfen , sinnen und arbeiten . « » Ihr habt nicht unrecht « , antwortete der Greis , » und doch treten dem Poeten noch viel mehr Schwierigkeiten entgegen . Hat er kein Staatsamt , oder gelehrtes , ist er nicht Priester , so ist sein Beruf ein doppelter , durch welchen er eigentlich ein ganz rätselhaftes Wesen wird . Verwickelt mit der Welt , ist er in seiner Beschäftigung , in seinem Beruf doch ein wahrer Einsiedler ; denn auf den Weltlauf hat seine Arbeit auch nicht den allermindesten Einfluß . Dadurch aber verliert er auch allen Maßstab , sich an sich selbst oder den übrigen Menschen zu messen ; denn an keinem einzigen Abende kann er zu sich sagen : heut hast du einmal etwas Nützliches getan , du hast dem , du hast jenem fortgeholfen , jenen verwirrten Handel hast du aufgeklärt , diese Gesellschaft , jene Zunft , der Angeklagte , jener Vornehme muß dir danken . Ist er ohne Begeisterung , so fühlt er sich , als sei er ganz ohne Bestimmung , besucht sie ihn , so meint er alle Menschen zu überragen ; dann ertönt das Lob der Freunde , die laute Bewunderung der Menge , das Entzücken der Weiber und Mädchen - glaubt ihr , meine Freunde , daß es viele so starke Männer , so feste Charaktere gebe , die mit richtigem Sinn das alles genießen und fassen , die den Lorbeer nicht für strahlender als die Königskrone halten , im Rausche nicht dahintaumeln , und das Leben eigentlich verlieren sollten ? « » Ja nun freilich « , sagte Caporale , » kann es nur selten solche Menschen geben , wie unser großer Ariost war . Tasso ist weicher und nicht so selbstständig . « » Was die Fürsten betrifft « - fing Sperone mit einiger Feierlichkeit wieder an - » traut doch dem alten Ausspruch : procul a Jove , procul a fulmine . - Vor einigen Jahren besuchte ich auch eine Sammlung wilder prächtiger Tiere am Hofe eines vortrefflichen Fürsten . Der größte Tiger lag in seinem Käfige und sonnte sich , indem die bunten Flecken seiner schönen Haut ; im Lichte freundlich schimmerten . Man war oft so grausam gewesen , ihm lebende größere oder kleinere Hunde als Atzung in seine Zelle hineinzuwerfen . Ich war daher nicht wenig verwundert , als ich ein klaffendes Hündchen bei ihm sah , das uns mit munterem Bellen begrüßte und auf seinem Tyrannen hin und her sprang , welcher sich allen Mutwill von ihm gefallen ließ . Der Wärter erklärte meiner Verwunderung die sonderbare Erscheinung . Vor mehreren Monaten war der Tiger an entzündeten eiternden Augen erkrankt , so daß er sehr verstimmt und verdrießlich war . Es ist schwer , einer solchen Bestie einen Doktor und Arznei beizubringen und , da der hohe Patient auch kein Gemüse , oder Fastenspeise genießen mochte , so fürchteten sich die Wärter selber vor dem Unwillen des zornigen Kranken . Man fuhr fort , ihm Fleisch und zuweilen wieder lebendige Tiere in sein Behältnis zu werfen ; denn dies schien das einzige , woran er sich erfreute und zerstreute . Ein kleines Hündchen ward ihm lebend zugeworfen . Dieses , ohne Furcht und Zittern , sprang auf ihn freundlich zu , und leckte seine wunden Augen ; jener ließ es sich gefallen , fühlte sich erleichtert und tat dem Tierchen nichts . Dieses wiederholte seine Kur und Bemühung so fleißig , daß der mächtige große Tiger in wenigen Wochen vollkommen gesund , und wieder schön und heiter wurde . Seitdem konnte der Hund mit seinem furchtbaren Gebieter tun und beginnen , was er nur wollte und ihm die Laune irgend eingab . Wenn sie beide ihre Fleischportion verzehrten , durfte der Tiger sich dem kleinen Günstling nicht nahn ; kamen einmal Fremde und der Tiger war zu träge , um aus seinem hintern Behältnis vorzuschreiten und sich den Neugierigen zu zeigen , so sprang der Kleine so lange auf dem Großen hin und her , zerrte ihn am Fell , biß ihn in die Tatzen , bis der Tyrann sich erhob ; denn der Kleine , Unbedeutende tyrannisierte diesen . Der Fürst stand mit seinem Favoriten vor dem Käfig , als dieses erzählt wurde ; sie freuten sich der Naturerscheinung , und der junge Edelmann , halb Freund , halb Narr des Fürsten , erlaubte sich manchen derben Spaß über den Hof , die Damen , ja die nächsten Verwandten der Familie , worüber der Fürst herzlich lachte . - Mir war schauerlich zumute , da keiner von beiden ( vielleicht der Tierwärter ) an die Nutzanwendung dachte . Es waren noch nicht sechs Monate verflossen , so hatte in einem Anfalle von Unmut der Tiger seinen kleinen Freund doch zerrissen und aufgefressen , und der junge witzige Edelmann lag im Kerker eines Schlosses in Ketten und Banden . « - Caporale begleitete den Grafen Pepoli noch durch die Stadt . Sie gingen dem Hause der Accoromboni vorüber , und der Graf bemerkte : » Sollte man nicht glauben , daß alle jene ausgezeichneten Menschen durch ihren höhern Geist ein trauriges Geschick fast freiwillig auf sich herabziehn ? Oder sind es unsichtbare , neidische Mächte , die in der Menschheit nichts dulden wollen , das sich über die traurige Mittelmäßigkeit erhebt ? « » Fast scheint es so « , erwiderte der Poet , » der alte Wahrsager in seinem jüdischen Talare dort hat wohl im wesentlichen recht . Und so zittere ich auch für dieses schöne , so vielfach begabte Mädchen dieses Hauses . Sie kann nicht : die gewöhnlichen Wege wandeln , und der schwärmerische Geist der Mutter , statt sie auf die richtige Bahn zu lenken , treibt sie in das Seltsame hinein , aber ihr heftiger Geist wirft sich in den Widerspruch , und sie sucht noch steilere Bahnen und größere Wunder . Dazu dieser abscheuliche Luigi Orsini , welcher sie mit seiner rohen Liebe verfolgt , dieser Mensch , so schön und wohlgebildet , und doch ein Schandfleck unsers römischen Adels . « Vor der Tür erblickten sie die Leute des Kardinals Farnese ; der alte Fürst schritt aus dem Hause , sah und erkannte den Cesare Caporale , und lud ihn ein , mit in seinen Wagen zu steigen , weil er mit ihm etwas Wichtiges zu sprechen habe . Das Gespräch , welches beide führten , war sonderbar genug . Drittes Kapitel Der Kardinal Farnese hatte das Haus der Accoromboni noch niemals so oft besucht , als jetzt . Man empfing ihn jedesmal , wie es sich von selbst versteht , mit der größten Ehrfurcht , und doch fühlte es die Matrone nur allzudeutlich , daß sie , ungeachtet der Freundlichkeit des Fürsten , nicht mehr so , wie sonst , auf ihn vertrauen konnte . Man meldete ihn wiederum , und da die Tochter in der Messe war , so empfing ihn die Mutter , und es schien ihm lieb zu sein , sich mit dieser allein unterhalten zu können . Donna Julia fühlte , so fein auch der Kardinal war , daß er heut etwas Besonderes ihr mitzuteilen habe ; denn er war halb zerstreut und doch aufgeregt , sein schönes großes Auge glänzte mehr als sonst und er fing ein Gespräch an , und ließ es wieder fallen , fragte , ohne die Antwort abzuwarten , und zeigte in seiner Miene , die bald ernst , bald freundlich wechselte , daß er etwas Wichtiges vorhabe . » Was Ihr mir von dem jungen Orsini erzählt habt « , so begann er endlich , » hat mich wahrhaft erschreckt , und ich bin in der Tat in Verlegenheit , welchen Rat , oder welche Hülfe ich Euch anbieten könnte . Daß Eure Tochter den jungen Bösewicht verabscheut , ist natürlich , und an eine Vermählung mit ihm , so reich und vornehm er auch ist , ist nicht zu denken . Selbst wenn Vittoria nicht dagegen wäre , würde ich doch mit allen Kräften abraten , denn es ist zu fürchten , daß das Schicksal dieses jungen Mannes ein furchtbares sein wird . Er , der jedes Gesetz verachtet , der die Gefahr stündlich herausfordert , der den Rat keines Menschen hört , er muß , wenn er sich nicht einmal völlig umkehrt , tragisch endigen . Und doch - wer ist stark genug , seine Gewalttätigkeiten abzuhalten ? Sein Anhang ist groß , hundert verwegne Abenteurer , einige aus guten Häusern sogar , umgeben ihn , die besoldeten Banditen ungerechnet ; alle diese sind auf einen Wink von ihm zum Tollsten und Abscheulichsten bereit . Dieses Unwesen unsers Staates ist so mächtig geworden , daß der Heilige Vater und wir alle dem nicht steuern können . Neapel und andere Staaten ermuntern und unterstützen diese freien Banden , um uns zu schaden , der König von Spanien triumphiert , daß wir in dieser ängstlichen Verlegenheit sind , und Florenz ist jenem Monarchen fast dienstbar und widersetzt sich ihm nie . So groß ist das Übel und so furchtbar angewachsen , daß wir alle selbst zuweilen in diesen abscheulichen Verbindungen unsere Hülfe suchen müssen , um nicht unbedingt dem fremden feindseligen Einflusse zu gehorchen . Treibt nun ein Orsini , oder ein andrer vornehmer Bösewicht es einmal zum Äußersten , so ist höchstens der Bann seine Strafe , und er wird in Neapel , Florenz und Venedig mit offnen Armen empfangen , man gibt ihm bedeutende Ämter und Unterstützung aller Art. - Was soll also hier geschehn ? Wer soll Euch in diesem kleinen Hause mächtig beschützen ? wer diesem Orsini Furcht einflößen ? « » Aber Ihr selbst , hochverehrter Freund ; kann nicht ein so mächtiger Kardinal für seine Schützlinge stärker einschreiten ? « » Liebe alte Freundin « , sagte der Kardinal seufzend , » unsere Macht , unser Einfluß unterliegt ewigen Schwankungen . In diesen besteht nur , wenn Ihr Euch darum erkundigt , die Geschichte unsers geistlichen Regiments . Handeln irgend andre Mächtige gegen uns , offen oder unter der Hand , so entstehn Hemmungen , Widersprüche , wir gehn vorwärts , kämpfen , und plötzlich fühlen wir uns gelähmt und ohnmächtig , weil ein heftiger Schlag blitzschnell von einem Orte herkommt , wo wir es am wenigsten vermuten konnten . Ist schon an den Höfen ein beständiger Wechsel von sich ablösenden Intrigen , von Dienern und Vornehmen , die einer des andern Kraft zu vernichten suchen , so ist dies noch viel manichfacher , stärker , feiner und gewaltsamer in unserer Priesterherrschaft , wo nicht bloß Kardinal und Bischof , der Herzog und Gesandte des Hofes , sondern auch wohl der bettelnde Mönch durch seinen Einfluß einen groben Querstrich durch unsere besten Kalküls ziehn kann . - Alles das wird mir jetzt bei Eurem Prozesse klar , der nun schon seit zwei Jahren in der Schwebe hängt . Meine Advokaten wissen , wie es mein ernster Wille , ja mein Befehl ist , daß alle jene Schikanen niedergeschlagen werden , die Euch den größeren Teil Eures mäßigen Vermögens streitig machen wollen , alle meine Klienten kennen meinen Willen - und doch - doch ist es möglich , daß Ihr gerade jetzt unter den obwaltenden Konjunkturen Eure gerechte Sache verliert . « » Um Gottes willen ! « rief Donna Julia , und sank erblaßt in ihren Sessel zurück , » so träfe mich ein ungeheurer Schlag da , wo ich es am wenigsten fürchtete ! Auch noch Bettler werden ? Es wäre entsetzlich ! « » Nicht gleich das Ärgste fürchtet « , sagte Farnese , indem er ihre Hand faßte und sie freundlich drückte ; » im schlimmsten Falle hättet Ihr reiche Freunde , die Euch keinen Mangel würden leiden lassen . « » Keinen Mangel ? « rief sie aus , » - und von Almosen leben ! von Brocken , die man uns auch willkürlich entziehen könnte ! - In eine enge abgelegene Gasse flüchten , die Tür für jeden anständigen freien Mann verschlossen halten müssen ! Nicht mehr imstande sein , einen Armen durch eine Gabe zu trösten , viel weniger einem alten Gastfreunde eine Schüssel vorsetzen können ! Das also wäre dann der Beschluß meines Lebens . « - Aus ihren großen Augen stürzten brennende Tränen , sie schien es nicht zu bemerken . Die große Gestalt des Farnese erhob sich und beugte sich tröstend über sie , indem der zierliche Mund die freundlichsten Worte sagte . Als sie wieder mehr beruhigt schien , sagte der Kardinal : » Nicht wahr , Ihr habt Vertrauen zu mir , Ihr seid meine bewährte Freundin , und Ihr glaubt von mir , daß ich alles für diejenigen tun will und werde , die ich die Meinigen nenne ? « » Ihr seid mein einziger Schutz « , sagte die Matrone ; » wenn Ihr mich aufgebt , so bin ich ganz unter die Füße getreten . « » Macht es mir nur möglich « , rief der Fürst , » ganz mit aller Kraft für Euch zu handeln , daß ich mit begründetem Anspruch ohne mich lächerlich zu machen , auch das Äußerste versuchen und ausrichten darf . « » Wie meint Ihr das ? « » Seht « , fuhr er liebreich fort , » die Päpste haben ihre Nepoten , die sie nicht nur beschützen , sondern reich und mächtig , oft , wenn sich die günstige Gelegenheit bietet , zu unabhängigen und regierenden Fürsten machen . - Könnte ich nun Euch und die Eurigen nicht auf ähnliche Weise adoptieren ? « Die Mutter sah ihn forschend an . » Ich habe aus Vittorias eignem Munde « , begann der Kardinal wieder : » daß , wenn es nach ihrem Willen geht , sie sich niemals vermählen wird . - Und sie hat recht . Denn welches Glück könnte diesem hochgestimmten Wesen wohl in der gewöhnlichen Ehe blühen ? Glanz , Pracht muß sie umgeben , sie muß ein fürstliches Dasein führen und durch ihren erhabenen Geist Einfluß in die Händel der Welt gewinnen . So gelang es dieser merkwürdigen Bianca Capello , die als eine arme Flüchtige und Verbannte nach Florenz kam , und jetzt dort den Herzog und den Staat regiert , knieend von allen verehrt wird , und ihre Schönheit von aller Welt bewundert . - Erlaubt mir , fortzufahren . - Vittoria ist schöner und begabter als diese Bianca , deren Geschichte der Welt ein Märchen dünken möchte . Ich bin kein regierender Herzog , aber ich kann Euch und den Eurigen eins meiner großen Schlösser schenken , hier in Rom , oder auf dem Lande das prächtige Caprarola oder ein anderes , ihr und den Eurigen auf ewig so fest und bündig verschreiben , daß keiner meiner Verwandten Einwendungen machen kann , die ich auch unter den strengsten Bedingungen so reichlich entschädigen will , daß auch der frechste von diesen keinen Widerspruch wagen soll . Ja , daß ich es nur bekenne , meine Leidenschaft für die göttliche Virginia ist mit jeder Woche gewachsen : ihre Zuneigung und Liebe ist