erzähle , Du habest aus überreiztem Widerwillen gegen die Philosophie starkes Erbrechen gehabt , daraus sich ein galliges Nervenfieber gebildet habe ; er warnte mich und sagte , Du seiest ein unbedeutendes Mädchen und kein philosophischer Kopf , der Deine könne zwar übermütig und überspannt , weiser aber nicht werden usw. - Ich erriet , daß er ein diplomatischer Abgesandter sei von klugen Leuten , die viel von einem wissen , und von denen man nichts weiß ; seine Zitationen von überspannten Reden und absurden Behauptungen , die hier unter den Philistern im Umlauf sind , ergötzten mich : Dein eigner Brief , der wie der junge Strauch das kränkelnde Laub abwirft und in frischen Trieben ergrünt , macht mich mit dem guten Hohenfeld einverstanden über Deine Unbedeutenheit , auch gefällt sie mir besser , als was ich an Gelahrtheit Dir zuschanzen könnte , Du bist gefühlig für die Alltäglichkeit der Natur , Morgendämmerung , Mittagschein und Abendwolken sind Deine lieben Gesellen , mit denen Du Dich verträgst , wenn kein Mensch mit Dir auskommt . - Wenn Du willst , so können wir umtauschen und ich Dein Jünger werden in der Unbedeutenheit , so wie Du Dich für meinen Schüler hieltest , als ich einen starken Geist aus Dir bilden wollte . Jetzt , wo es rückwärts geht , mußt Du mein Lehrer sein , ein Zaghafter kann sicherer bergauf gehen , aber einen steilen Weg hinab , dazu gehört Entschlossenheit , die hast Du , Du schwindelst nicht und hast Dich noch nie besonnen , über Hecken und Gräben zu setzen . Es dämmern mir schon ganz glückliche Spekulationen über den Geist der Unbedeutenheit auf ; ich hatte unsägliche Lust , dem Domdechant , der mich so hoch stellt , als Überläufer ein paar Dummheiten zu sagen , die ihm Zweifel in sein Urteil gäben , ich habe ihm auch eine gesagt , worüber er die Hände zusammenschlug und meine Behauptung , daß ich viel von Dir empfange und Dein Umgang mich belehre , auf mein Unvermögen , mich selbst zu schätzen , schob , das mir da einen absurden Streich spiele , alle Welt wundere sich , daß ich meine Zeit mit dem Sausewind verbringe und ihm vor andern solche köstliche Minuten schenke . - Nun , es wird mir nicht fehlen , daß mir nächstens die ergötzliche Unbedeutenheit aus diesen meinen Verkehrtheiten zuerkannt werde , um die mich keiner beneiden wird , weil man eben das Bedeutende nicht zu schätzen weiß . Ich ahne sehr hell , daß , wenn in dem bescheidenen Knospenzustand Unbedeutenheit verborgen , nicht der volle innere Lebenstrieb wirkte , das Bedeutende nie ans Licht blühen würde , am wenigsten , wenn diebischer Eigennutz sich der Zeit vordrängt , bloß um auf der Höhe zu stehen , wo die andern zu seinen schimmernden Phantomen aufsehen müssen . Wie die Titanen mit großem Gepolter ihre Treppe zu der Götter Burgen auftürmten und die stillen Gipfel des Olympos als unbedeutend hinabstürzten . Eins empfinde ich in Dir , daß die Natur das Ideal des Menschengeistes gleichwie das Pflanzenglück unter warmer , nährender Decke vorbereiten muß , sonst werden die Menschen davon nicht wachsen und reifen und im Sonnenglanze grünen . Deine Begebenheiten , Deine Bemerkungen , alles macht mir Freude , sorge , daß mir nichts verloren gehe , wenn ' s nur Deiner Gesundheit nicht schadet , so schreibe doch jeden Abend , darum bittet der Dämon , der mir ' s zuflüstert und gern alles von Dir bewahren will . Wo soll ich mit Deinem Kanarienvogel hin ? Ich nehme ihn mit in fremde Lande , es wird nicht viel Mühe machen , ich kann ihn niemand anvertrauen , so wenig wie Dich . - Apropos ! Wenn ich nun auch eifersüchtig sein wollte auf die Prinzeß , mit der Du immer Hand in Hand gehst ! Hast Du Dich je von mir an der Hand führen lassen , wenn wir draußen waren ? - Summtest umher wie eine wilde Hummel durch alle Gebüsche und ließest mich allein nachsteigen ? Was vermag doch diese Fürstlichkeit über Dich , daß Du Dich so zahm an der Hand führen läßt im Freien ? - Dein Vogel ist mir ebenso zahm geworden , daß er mir in den Mund pickt , das ist nichts anders als Liebe zu mir , ich weiß nicht , ob er mir jetzt nicht mehr zutunlich ist wie Dir , grad wie Du mit der Kurprinzeß . - Ich war in Sorgen um ihn ; denn wie ich einmal zur Gartentür hinausging , flog er mir nach in den Garten , aber wie er eine Weile unter den Bäumen herumgeflattert war , setzte er sich mir auf den Kopf und ließ sich ruhig wieder hineintragen , ich war recht froh ; denn ich hätte nicht gewußt , wie ich bestehen solle , wenn Du ihn nicht wiederfandst . - Der Feigen waren elf an Deinem Baum , ich habe am Montag Ernte gehalten , drei davon habe ich vom Baum verspeist , drei habe ich in Gesellschaft verzehrt mit dem Jemand , der mir in der Tür begegnete , er begleitete mich nach Haus und schien sich zu freuen , daß der Baum , der von ihm stammt , so süße Früchte bringt . Nun liegen noch fünf Früchte , die noch etwas härtlich waren , unter der Glasglocke beim Apoll , die ich in die Sonne gestellt habe , sie haben auch schon nachgereift , ich werde sie vor meiner Abreise in Kompagnie verzehren , aber mit niemand , der sie allenfalls wie eine unbedeutende Frucht mit Stumpf und Stiel hinunterschluckte , sondern mit jemand , der Deiner Pflege für den Baum die Süßigkeit der Früchte zuschreibt und sie dankbar genießt . - Karoline Eine Merkwürdigkeit muß ich Dir noch melden von Deiner Altan , die Spinnen haben eine große Brabanter Spitze gewoben von einem Ende zum andern , von der kleinen Edeltanne über den Orangenbaum , über die Bohnenlaube , in die man nicht hinein kann , wenn man dies Kunstwerk nicht durchbrechen will , dann über den Granatbaum zum Feigenbaum ; ich habe alles geschont beim Brechen der Früchte . Dein Bruder Dominikus kam herunter und spritzte im Kreis sie alle an mit der kleinen Gießkanne , die Mittagsonne schien sehr hell . Da spiegelten die kristallnen Tropfen allerliebst in den Netzen , Dein Bruder meinte , wenn die Netze noch weiter gingen , so könne das eine Voliere für Schmetterlinge sein , die er vergeblich sich bemüht als Raupen zu zähmen ; denn wenn sie aus der Puppe ausflögen , so hätten sie aller Pflege und Nahrungssorgen , die er für sie als Raupen getragen , vergessen . - Mich amüsierte sehr seine ernsthafte Behauptung , bei der Raupe und Puppe auf die Seele des Schmetterlings wirken zu wollen . - Ich meine , die ungeheuren Spinnen würden wohl alle Dankbaren und Undankbaren verzehren , die in dieser Voliere eingefangen wären . - Noch soll ich Dir sagen von ihm , daß der Hopfen übers Dach hinaufgewachsen ist in die offnen Fenster herein . - Du hörst gern von Deinem kleinen Paradiesgarten , in dem alles so schön ist und kein Baum , von dem man die Äpfel nicht essen darf . An die Günderode Mit der einen Hand hab ich meinen Brief dem Bot ' gereicht , mit der andern Deinen genommen , wir kamen eben von unserm Sonnenaufgang zurück , so sah ich den Bot ' überm Tal am Berg hersteigen , ich wollt mit ihm zusammen ankommen , ich lief , die andern wußten nicht warum , sie riefen mir nach , ich galoppierte als an der Bergwand hin und schlug mit dem Stecken an die Äst , das regnete im heißen Lauf kühlen Tau auf mich , dann schoß ich bergab ins Tal und konnt nicht einhalten , der gut Bot ' stellte sich gegenüber und fing mich auf ; oben stand die ganze Gesellschaft , ein Kopf über dem andern , der Mstr . Haise in der Mitt und guckt durchs Perspektiv , ich legt mich ins Gras und schnaufte aus . - Potztausend , wieviel Hämmerchen pochten in meinem Kopf , lauter Goldschmied , und der große Hammer in meiner Brust , das war ein Grobschmied ; die andern kamen herbei , wie ich im hohen Gras verschwand , glaubten sie , ich sei ohnmächtig oder sonst was , der Voigt schrie , Gott bewahr , solche Einbildungen hat sie nicht ; ich guckte aus dem Gras hervor und lachte sie aus , aber da schrie alles : ich hätt können den Hals abstürzen , ich hätt können Arm und Bein brechen , mich hätt können der Schlag rühren , unvorsichtig , tollkühn , sinnlos schrien sie . - Was Guckuck , ich wollt ' s nicht mehr hören , ich setzt mich wieder in Galopp , der Badepeter hatte grad die Bäder angelassen , ich rief ihm zu : » Sagt nicht , wo ich geblieben bin ! « Und sprang ins Wasser mit Schuh und Strümpf und allen Kleidern ; da unterm Wasser warf ich die Kleider ab und dacht nicht gleich , daß ich Deinen Brief im Busen stecken hatt , bis er auf dem Wasser schwamm , ich hab ihn gleich auseinander gelegt und an dem Strick festgemacht in der Mitte vom Badegewölb , womit man die Klapp aufzieht , wenn ' s zu heiß ist , er flatterte im Luftzug über mir und drehte sich hin und her , ich bin ihm immer nachgeschwommen , links und rechts und hab ihn buchstabiert , hier ein Teil und dort wieder , wie der Wind das Blatt drehte , das hat mich ergötzt , und auch hab ich mich gefreut , wenn ich aus dem Bad käm ' , ihn zu lesen , und dann stimmt ich an : » O du der Götter Höchster , der über Olympia mächtiglich waltet , laß beim Laufe der Flur günstige Winde in den schläfebeschattenden Kränzen mir wehen . « - Da wußten sie auf einmal , wo ich geblieben war ; denn alles war in den Bädern und meine Stimme schallte laut am Gewölb , und da hört ich sie rufen : La voila ! - und : wieder eine Tollheit , so erhitzt ins Wasser zu springen . - Wollt ich nicht von allen Seiten schreien hören , so mußt ich wieder singen : » Laß , o Jupiter , mit leichten Füßen mich hingleiten dem schnellfüßigen Tage zuvor , der mich sieggekrönt am Abend begrüße mit der Unsterblichkeit süß hallendem Ruf . « - Da kam die Lisett als Gesandtschaft von den andern , was war die verwundert , als sie die Kleider unter Wasser sah und die Schuh auf der untersten Treppe , zwei volle Becher . - Ich sah ihr die Bestürzung an , sie glaubte , ich sei toll geworden , sie reichte mir verstummt ein Zettelchen , darauf stand : » Wohlan Füllenbändiger , opfere einen feisten Stier der Rossebezähmerin Pallas Athene und ihren goldgewirkten Zügel wirf schnell um den jungfräulichen Hals . « - Ich frag , wer ihr den Zettel gab , sie sagt der Badpeter , ich frag den Badpeter , der sagt sein Sohn Lipps , ich frag den Lipps , der sagt am Röhrbrünnchen ein Herr in Schlappschuhen , eine Zigarre im Mund . - Was hatte er an , wie sah er aus ? - Weißer Mantel , graue Sammetmütze . - Ich hielt fürs beste zu schweigen und niemand was vom Zettel zu sagen , den Zettel legt ich zu meiner merkwürdigen Naturaliensammlung , worunter ist ein goldglänzendes Horn von einem Weinschröter , das hohl ist und so zierlich , daß es sehr gut als Trinkhorn könnt passen für ein Elfchen , das ein Jäger wär , ich hab ' s deswegen aufgehoben , wenn mir einmal eins begegnet , ferner mehrere durchsichtige Steine , die sehr gut Edelsteine sein könnten , wenn die Sonn nur noch ein bißchen besser durchschien , und eine Puppe , aus der ich selbst den Schmetterling hab auskriechen sehen , die tut sich auf und entläßt den Schmetterling und schließt sich wieder , sie hat inwendig wie kleine Stahlfedern , an die rührt der Schmetterling , wenn er reif ist , und dann öffnet sie sich , außen ist die Puppe ganz hart , daß man sie nicht verletzen kann . - Ich hab mir ' s expreß aufgehoben für Dich , ich will Dir ' s zeigen und über die Unsterblichkeit mit Dir nachdenken dabei . - Wenn ich so was seh in der Natur , wovor gesorgt ist , daß alles geschützt ist so sorgsam , daß es nicht gestört wird , bis es reif ist , das schauert mich an , und gewiß ist nichts so traurig als sie stören ; denn so zärtlich wie sie ist , muß es ihr durch die Seele gehen . - Ich mag mich nicht an ihr versündigen , nicht mich empordrängen und was sein wollen vor der Zeit , mag nicht ein starker Kopf werden , sie will ' s nicht , die Natur , sie sagt , ich soll laufen und springen und Überlegung soll ich gar nicht haben , und in Deinem Brief steht ' s nun auch geschrieben , was mich so sehr freut , unbedeutend ! - Da bin ich von Herzen dabei , wenn Du nur auch so dumm sein willst und mich den bedeutenden Leuten vorziehen . Du mußt allen Leuten zugeben , daß nichts ist mit mir , da wird sich ' s bald geben ; eigentlich wer schuld ist , das ist der Clemens , der hat aus großer Lieb zu mir sich immer an allem gefreut , was ich getan hab , und hat meine unbedachtsame Reden als wunderschön gefunden . Nun , was liegt dran ? - Aber auf die Burg kommst Du doch noch ? - Nicht wahr ? Da sind wir zwei mit dem Dämon zusammen und fragen nach sonst niemand . - Ich freu mich so drauf , daß mir manchmal das Herz klopft , und wenn ich mich besinn , was es ist , so sind es die acht Tage , wo wir zwei zusammen in einer Stube schlafen , und der Herbstwind geht dann schon und schüttelt das Laub ab von den Platanen , und nachts wecken wir uns , wenn wir einen Gedanken haben , und schlafen dann gleich wieder . Ich kann Dir auch viel von hier erzählen , ich hab eine Menge Gedanken , die ich nicht aufschreiben kann , manchmal spring ich auf , als müßt ich zu Dir und Dir gleich was ganz neu Gedachtes sagen . - Aber ich hab Dir ja noch nicht erzählt , was heut noch vorgefallen ist . Um zwölf Uhr sind wir hinunter , bloß ich und die Tonie zur Kurprinzessin , um Abschied von ihr zu nehmen , die Tonie hatte ihr auf den Tisch im Vorsaal all die schönen Früchte aufgestellt und die Blumen dazwischen , sie nahm sehr freundlich von allen und sagt so viel herzlich Gutes zur Tonie , daß ich zum erstenmal empfand , als wenn es wahr wär , was ich bei andern nie glaub , wenn sie höflich sind . Du fragst : wenn Du nun auch eifersüchtig sein wolltest auf die Kurprinzeß . Ei warum bist du ' s nicht ? - Das ist eben , was mir leid ist , wenn ich Dir heut sagte , sie wollt mich mitnehmen und ganz bei sich behalten , da würdest Du am End ganz kalt schreiben : » Liebe Bettine , es tut mir zwar leid , daß unser Umgang hierdurch unterbrochen wird , aber ich rate Dir sehr , laß Dich dadurch nicht abhalten . « - Und ich würde das aber nicht tun , selbst wenn ich mir denk , daß Du mir so kalt antworten könntest und könntest es leicht verschmerzen , obschon mir die Kurprinzeß am liebsten ist von allen , die ich gesehen hab , denn außer der Großmama und Dir hab ich nie Frauen gesehen , die mir edel vorkamen , denn ich häng innerlich mit Dir zusammen , das weiß ich , und der Dämon hält mich auch fest bei Dir ; und wo sollt ich noch einmal fühlen so vertraulich ? - Kann man so bei Prinzessinnen simulieren , so im Mondschein im Zimmer an der Erde liegen und ihm nachrücken und Geschichten erfinden wie wir den Winter , und wenn ich Dein Haar flechten wollt , da hast Du mich ' s lassen aufflechten und wieder flechten und erfandest Ossians Gesänge , während ich es kämmte . Deine Locken gleich den Raben düster , Deine Stimme wie des Schilfs Geflüster , Wenn der Mittagswind sich leise wiegt . Weißt Du noch , wie ich ' s Dir still nachsang , was Du so schauerlich mir vorsagtest , und weißt Du wohl , daß da mein Herz ganz voll Tränen war , mehr wie einmal , und heimlich stritt ich mit mir , daß ich stark sein wollt und meine Schmerzen bezwingen ? - Ich wollt Dir ' s nicht zeigen , wie tief das in mich ging : Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flügel Dich , du Liebliche , du schönes Licht . - Wie oft hab ich das gesungen für mich und war ein Held . - Collas Tochter sank zum Schlafe nieder , O ! Wann grüßest du den Morgen wieder ? Schöngelockte , wirst du lange ruhn ? - Ach ! Die Sonne tritt nicht an dein Bette , Spricht : » Erwach aus deiner Ruhestätte , Collas schöne Tochter , steig herauf ! « - Junges Grün entkeimet schon dem Hügel , Frühlingslüfte fliegen drüber her . Sonne , birg in Wolken deinen Schimmer ! Denn sie schläft , der Frauen erste ! - Nimmer Kehret sie in ihrer Schönheit mehr . Das hab ich so oft gesungen und auch am Fels vorgestern , und ich kann so schöne Melodien drauf , die mir alle durchs Herz gehen , und wenn wir auf der Burg sind den Herbst , dann wollt ich Dir ' s vorsingen , wenn ' s dunkel ist , eh das Licht kommt ; wie kannst Du denn nur denken , daß ich die Kurprinzeß lieber haben könnt ? - Aber Du denkst es auch nicht , Du stellst Dich nur so , denn sonst wär ' s gar zu traurig für mich , daß Du nicht betrübt darüber wärst . - Ich kann mir unter Collas Tochter immer nur Dich denken ; denn sie schläft , der Frauen erste ! - Und so hab ich in mancher Stunde mit Tränen Dich besungen ; denn ich kann das nicht singen , ohne daß es mein Herz so stark bewegt , abends wenn ich allein bin , daß ich oft meinen Kopf in die Kopfkissen stecke und will alle Wehmut ersticken , weil sie mich gar zu schmerzlich befällt . - Aber was soll ich doch hier , so fern von Dir , Dir von meinen bitteren Stunden sagen , das kann Dich nur traurig machen , und Du bist jetzt so betrübt . - Aber laß dich ' s nicht betrüben von mir , das ist nur so vorübergehend , wie eben die Schloßen , die hier fielen , ich will Dir lieber noch weiter erzählen von der Kurprinzeß , Du weißt , daß ich traue in Deine Lieb und gar nicht denk , daß ich Dir gleichgültig bin , und auch nicht , daß Du an mir zweifelst . Die Kurprinzeß verlangte heut morgen , ich sollte ihr noch ein Lied singen zur Gitarre , das sie als zuweilen vom Fenster gehört habe , das erschreckte mich sehr , denn der Herzog stand dabei und zog den Mund so kurios zusammen und sagte , er hab auch meine Stimme gehört , sie sei sehr schön ; ich hätt gern ausgewichen , aber ich fühlte , daß es unschicklich war , ich holte also meine Gitarre , und unterwegs bezwang ich meine Angst vor dem Herzog , vor der Prinzeß hätt ich mich auch nicht gefürcht ; denn ich hatte schon oft die Abende in dem Laubgang vor ihrem Fenster allerlei Melodien improvisiert , weil mich einmal eine geheime Neigung zu ihr anregte , daß ich als recht zärtliche Melodien erfand . Vor dem Herzog hätt ich mich auch nicht gefürcht , aber weil ich den Morgen im Bad gesungen hatte , so dacht ich , er hätt ' s gehört und möcht wohl gar davon anfangen , und an den Zettel dacht ich auch . - Aber da kam mir mit einmal ein Gedanke , der half mir drüber hinaus , ich nahm Dein Darthulagedicht2 aus meiner Brieftasche mit und sang draus , was ich da oben Dir hingeschrieben , aus dem Kopf in eine Melodie hinein , im Anfang war ' s ein wenig steif , aber bald ging ' s recht , wie ich manchmal selbst überrascht bin und tief erschüttert , wie die Melodie soviel gewaltiger es ausdrückt und erst das Herz empfinden lehrt , und ich wiederholte es , da war ' s so schön , ach , wenn ich ' s doch noch einmal so singen könnt vor Dir ; - der Herzog verlangte , ich sollte noch fortsingen , da war ich nicht mehr bang , ich sang gleich : Laß zehntausend Schwerter sich empören , Usnoth sollt von meiner Flucht nicht hören , Ardan ! Sag ihm , rühmlich war mein Fall . Winde ! Warum brausen eure Flügel ? Wogen , warum rauscht ihr so dahin ? - Wellen ! Stürme ! Denkt ihr mich zu halten ? Nein , ihr könnt ' s nicht , stürmische Gewalten ! Meine Seele läßt mich nicht entfliehn . Wenn des Herbstes Schatten wiederkehren , Mädchen , und du bist in Sicherheit , Dann versammle um dich Ethas Schönen , Laß für Nathos deine Harfe tönen , Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht . - Und dies zweite Mal sang ich noch besser , mit tieferer Stimme und war selbstfühliger ; es sind die zwei Stellen , die ich aus Deinem Lied auswendig weiß , weil Du sie in meiner Gegenwart gemacht hast im Dunkel und sagtest zu mir : » Behalt es auswendig , bis Licht kommt , ich will unterdes weiter dichten , « und ich wiederholte immer vier Verse , bis noch vier dazu fertig waren , die Du auch meinem Gedächtnis vertrautest und immer weiter schifftest im Ozean , Günderode , wie schön war doch das ? - Wie werd ich je Schöneres erleben als mit Dir ? - Dem Herzog hab ich Dein Gedicht gegeben und gesagt , es sei von Dir und auch den Don Juan3 hab ich ihm geschenkt , er lag dabei , ich dacht , du gibst mir ' s wieder ; ich wollt ihm es so gern geben , weil ich sah , daß er große Freude dran hatte , Du gibst mir ' s wieder . - Die Kurprinzeß verlangte , ich soll ihr die Melodie abschreiben lassen von dem Lied , ich sagte ja , aber wo ist die hin ? Ich weiß nicht mehr - sie hat mich auch noch herzlich geküßt auf beide Wangen ; und der Tonie sagte sie sehr freundlich , wenn sie es erlaube , so wolle sie den Strauß aus der Ananas mitnehmen und zum Andenken in ihrem Treibhaus pflanzen lassen . - Gelt , das war so freundlich , und ich will Dir ' s nur gestehen , daß mir heimlich recht leid getan hat , wie sie fort war , und alles kam mir so leer vor , daß ich doch drüber weinen mußte , obschon ich nicht wollt , ich hielt mich auch gar nicht dabei auf , eben weil ich an Dich dachte und Dir keine Untreue wollte begehen . - Wir begleiteten sie bis zum Wagen , und sie sagte mir noch , wo ich ihr begegnete , da sollte ich immer zu ihr kommen , ich küßte ihre Hand und ging zurück ; denn der Herzog sprach noch mit ihr . - Sein Wagen war auch vorgefahren , er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte : » Auf Wiedersehen ! « - und lachte mich an , und ich dachte : » Ach Gott , am End hat er den Zettel dem Lipps gegeben . « Er stieg in den Wagen im leberfarbnen Rock , und wie das Windspiel nachsprang und sich zu seinen Füßen legte , da sah ich wohl so etwas auf dem Rücksitz liegen wie einen weißen Mantel , der hellblau gefüttert war , aber er sah doch nicht ganz weiß aus , sondern mehr hellgrau , aber die graue Mütze sah ich , wie mich deucht , auch . - Ja , ich sah sie gewiß , ich wollt sie nur nicht erkennen , weil ich mich schämte ; - aber das dauerte noch eine Weile , daß ich mich gar nicht trösten konnte , und so oft mir ' s einfällt , werd ich aufs neue rot vor mir selber . - Aber ich denk nur immer , ein Prinz hat kein lang Gedächtnis , er wird ' s bald vergessen . Ach , wenn er ' s nur recht bald vergäße ! - Gute Nacht . Morgen erzähl ich Dir noch mehr von heut , von unserm Sonnenaufgang hab ich Dir noch gar nichts erzählt , daß wir den gar nicht gesehen haben , und daß die Sonne hinter uns aufging , - und daß alles über die in der Ferne liegenden Berge sah und meinte , sie sollt dort hervorkommen , und daß sie hinter der Felswand in unserm Rücken aufstieg und der Mstr . Haise , mit dem Perspektiv bewaffnet , und der Voigt , der mir immer ins Ohr sagte : » Geben Sie acht , was passieren wird , Sie werden sich alle bald verwundern . « Kein Mensch achtete seiner Reden . - Es ward hell und hell und die Sonn kam nicht , und auf einmal war sie hinter uns , ganz mäßig und vernünftig , ohne Aufwand , wie wir sie beim Frühstück auf der Terrasse auch hätten sehen können , aber der große Streit , der vorfiel , keiner wollte der sein , der es nicht gleich gedacht hatte , jeder sollt den andern verführt haben , es war wirklich ein wunderlicher Streit , und der Mstr . Haise mit dem Perspektiv , mit dem er die Sonn zuerst hatte entdecken wollen ! - Der Voigt wurde am meisten gezankt , und er sollte zuletzt allein dran schuld gewesen sein , er hätt sie mit Fleiß all herumgewendet , und er hätte davon gesprochen zuerst , daß dort gen Morgen läg . Er sagte aber , nein , er hätt sie nicht verführt , er hätt es aber wohl gewußt , drum hätt er auch gesagt : sie würden sich bald alle sehr verwundern , aber er wüßt , er stände in so schlechtem Kredit bei ihnen , daß er sich nicht getraut hab , es ihnen zu sagen ; denn sie hätten ' s doch nicht geglaubt . Am Samstag - Den Kanarienvogel schenk ich dir , Du sollst ihn behalten , er hat Dich lieber wie mich , und ich bin ihm gut , was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud verketzern . Ich bin aber kein Kanarienvogel , und Du kannst mich nicht hingeben wollen ; denn ich schenk Dir alles , Du sollst mich nicht hergeben . - Meine Altan ist doch schön , nicht wahr ? - Als Kinder hat uns da der Herr Schwab die biblische Geschichten vorerzählt , abends , eh wir zu Bett gingen , da hab ich den Mond zum erstenmal scheinen sehen . Wie wunderlich war ' s doch , und die Fenster von den Stuben nebenan , wenn da abends Licht drin war , die malten den Schatten von den Sträuchern auf den Boden , da saß ich so gern allein auf dem Boden und sah den Schatten rund um mich sich bewegen . Ich hab mich wohl immer gefürchtet als Kind , aber mehr bei Tag , wenn ich allein war und im Zimmer , wo alles so nüchtern aussah , aber in der Nacht war was Vertrauliches , was mich lockte , und noch eh ich was von Geistern gehört hatte , war die Empfindung in mir , daß etwas Lebendiges in der Umgebung sei , dessen Schutz ich vertraute ; so war mir ' s auf der Altan als Kind von drei oder vier Jahren , wo beim Sonnenuntergang immer alle Glocken den Tod des Kaisers einläuteten , und wie ' s da immer nächter ward und kühler , und es waren keine Leute um mich und als ob die Luft lauter Geläute sei , was mich umfing ; da kam eine Traurigkeit über mein kleines Herzchen und dann wieder so rasches Zusammennehmen , ich fühl ' s noch , wie wenn der Schutzengel mich auf den Arm nähm . Jetzt muß ich aber sagen : Was ist doch das Leben für ein groß Geheimnis , das so dicht die Seel umschließt wie die Puppe den Schmetterling , kein Licht strahlt durch den Sarg , aber die Sonnenwärme empfindet die inwendige Seele und wächst und wächst unter schweren Ahnungen , unter Tränen . Ach verzeih ' s , daß ich gleich traurig war , aber die Altan ! - Dort hab ich ganz sehnsüchtige Augenblicke schon gehabt , die mir wie Schwerter durchs Herz gingen , und ich wußte nicht , was es war , und weiß es noch nicht . - Grad in der schönen blühenden Zeit