und blaß , in den Saal trat . Das Erstaunen war gegenseitig ; Madame St. Albans , die ihren Mann im Felde glaubte , Miß Eton auf ihrem Zimmer , schien am Boden gewurzelt , als sie Beide in eifriger , traulicher Unterredung vor sich sah . Gewiß war das Gefühl der beiden so Ueberraschten , nach dem , was sie so eben mit dieser argwöhnischen Frau erlebt , nicht minder verwirrend , da ihnen einleuchtete , daß sie die Ursache dieses Beisammenseins noch nicht im Stande waren , auszusprechen . Daher war ein Augenblick , der Alle zur Freude berechtigte , jetzt nur gekommen , sie unsanft zu berühren . Herr St. Albans empfand jedoch zu aufrichtig die Freude , die in diesem Erscheinen seiner Frau als Zeichen der Genesung lag , als daß nicht bald alles Andere in seiner Seele davor gewichen wäre . » O , meine Liebe , « rief er , ihr entgegen eilend , » wie überraschest Du mich - wie glücklich fühle ich mich , Dich so begrüßen zu können ! « Doch Madame St. Albans wies seine Hand ziemlich unsanft zurück , und indem sie Marylone befahl , das Zimmer zu verlassen , ging sie , sich von ihrem Manne abwendend , mit schwankenden Schritten auf Miß Eton zu . » Ich beklage , Miß Eton , « sagte sie bebend vor Zorn , » daß meine zu frühe Genesung , wie es scheint , die traulichen Zusammenkünfte mit meinem Manne nunmehr unterbrechen wird - jedoch ist es mir immer lieb , daß ich Gelegenheit bekam , die treue Sorgfalt kennen und würdigen zu lernen , die Ihr meinen häuslichen Angelegenheiten schenktet ; daß sie sich bis auf das Herz meines Gemahls ausdehnen würde , habe ich freilich der Tochter meiner Margarith nicht zugetraut . « » Halt ' ein , unglückliche Frau ! « - rief hier Herr St. Albans in der schmerzlichsten Heftigkeit , und schloß die zürnende Frau fast mit Gewalt in seine Arme . - » O versündige Dich nicht so grausam an diesem reinen Engel ! denke , daß Du Dich an der Tochter Deiner Magarith versündigst ! « » Versündigen ! versündigen ! « rief Madame St. Albans , ihren Mann zurückstoßend , - » mir scheint , Du hättest dies bereits gethan , und nicht mir wäre dieser Vorwurf zu machen . - Ich habe mit Dir über diese Angelegenheit nichts zu sprechen . nur Miß Eton wird sicher vorziehen , zu ihrer erhabenen Beschützerin zurück zu kehren , die vielleicht in ihrer hohen Bildung gleichgültiger gegen solche Handlungen ist , als ich , die schlichte , ehrliche Hausfrau , die nichts als ihren einfachen Menschenverstand und etwas gesunde Vernunft hat . Auch meine Wirthschaft « - fuhr sie lachend fort , » hoffe ich ohne das Vorbild der durch sie eingeführten neuen Ordnung , wie bisher , und allein leiten zu können . « » Ich bitte Euch , Miß Eton , entfernt Euch ! « rief hier Herr St. Albans - » ich kann Euch nicht so hart in meinem Hause beleidigen hören , und kann nicht anders , als mit Mitleiden an die Beschämung meiner unglücklichen Frau denken , wenn sie erkennen wird , wie grausam sie Euch eben beleidigte ; daß dies geschehen wird , seid gewiß , und wenn Ihr dies Haus , wie ich fürchte , nun als ein unwürdiges fliehen werdet , wird Euch doch die größte Hochachtung von uns Allen folgen . « Miß Eton hatte sich während dieser ganzen Scene bleich , und von den grausam über sie ausgeschütteten Beleidigungen erstarrt , an ihren Stuhl gelehnt , sie fühlte sich außer Stande zu antworten , war wie zum Tode verwundet von den wild rollenden Augen dieser Frau , und sich als den Gegenstand ihres Zornes zu fühlen , war der größte Schrecken , den sie je empfunden . Sie ließ es daher geschehen , als Herr St. Albans ihre zitternde Hand ergriff , sie nach der Treppenthüre führte , die er ihr öffnete , und sie dann entließ , obwohl er deutlich sah , wie sie kaum die Kraft hatte , die Stufen zu ersteigen . Wir übergehen das etwas lebhafte , und zwischen Verlieren und Gewinnen schwankende Gespräch der beiden Ehegatten , überzeugt , daß nach den Angaben , in welchen wir bisher versucht haben , den Karakter Beider zu schildern , dies billig verdeckt bleiben kann . Madame St. Albans hatte bei der Rückkehr ihres Mannes sich in einen Sitz niedergelassen , in ihrem geträumten guten Rechte durch die feste und zürnende Haltung desselben etwas erschüttert . Herr St. Albans aber fühlte im Verlauf der Unterredung , daß hauptsächlich die Eitelkeit seiner Frau verletzt sei durch das etwas warme Lob , das er dem wirthschaftlichen Talente der Miß Eton gezollt . Wie alle beschränkten Frauen , die all ihren Verstand nöthig haben , um ihrem Haushalte vorzustehen , hielt sie diese Pflichten für unverträglich mit höherer Bildung und deren Beschäftigungen , und tröstete sich sehr dünkelvoll mit der Ueberzeugung , solche Frauen könnten ihre Pflichten nie vollständig erfüllen . Sie hatte sich längst gewöhnt , mit ironischem Stolze darauf hinzublicken , wobei sie nie unterließ , mit dem unbescheidensten Selbstgefühl ihre eigene Sphäre klein und unbedeutend zu schelten , indem sie sich aber Prädikate beilegte , die wirklich zu besitzen , nur das Streben und das Resultat der höchsten Vervollkommnung sein kann . Sie hatte sich mit lobenswerthem Eifer den Pflichten unterzogen , die die große Haushaltung ihres Mannes ihr überlieferte , aber unfähig , Plan und regelmäßige Ordnung in ihre und der Domestiken Geschäfte zu bringen , hielt sie stetes Selbstarbeiten für das Geheimniß aller guten Ordnung . Ganz anders war die Erziehung , die Miß Eton durch das Beispiel ihrer Mutter erhalten hatte . Sie verstand vollkommen , die Geschäfte ihrer Haushaltung dem eigentlichen Leben unterzuordnen . Die strengste Ordnung war gerade nöthig , um dies geräuschlose Dasein des nothwendigen Betriebes möglich zu machen . Sie erzog ihre Leute zum Selbstdenken , und indem sie ihnen die Form vorschrieb , in die ihr Geschäft einpassen mußte , gönnte sie ihnen in dieser Grenze die Willkür eigner Bewegung . Das ganze Räderwerk dieses Treibens war in eine Art Geheimniß gehüllt , niemals gewahrte man queer einlaufend , unregelmäßige Thätigkeit , nie das Stören oder Aufhören des häuslichen , geselligen Beisammenseins . Mistreß Eton legte den höchsten Werth auf die Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten , aber sie hatte Geist und Bildung , um den Gegenstand zu durchdringen , sie schienen ihr immer nur die Mittel zum Zweck , nie der Zweck selbst . Diesen Zweck , das Wohlbehagen Aller , die ihr anvertraut waren , zu bewirken , erreichte Mistreß Eton vollständig , dies schien ihr der Lohn , den sie beabsichtigte , und sie trachtete nie durch in die Augen fallende Abmühung die Aufmerksamkeit oder den Dank ihres Mannes zu fesseln . In diesem Sinne hatte Miß Eton die ihr hier durch die Umstände auferlegten Pflichten geleistet . Leicht fanden sich die Domestiken in die ruhigen , klaren Anordnungen , die plötzlich diese , von den ewig auf sie niederströmenden Worten ihrer Hausfrau zu Maschinen gewordenen Leute zu einer Art von Freiheit erhob , die ihnen doch genauer , als früher , ihre Pflichten bezeichnete . Worin der ewige häusliche Embarras ihrer Wirthin lag , hatte Miß Eton lange erkannt ; aber es war ihr nur eine wiederholte Erfahrung , daß , wo die Kraft des Geistes fehlt , einen Gegenstand in seinem Wesen aufzufassen , eine regellose Thätigkeit eintritt , die bei ihrer nothwendigen Belästigung das Individuum zu Dünkel und Anmaßung führt , die es mißtrauisch und tadelnd jeder andern Weise entgegen stellt . Es läßt sich kaum sagen , in welchem Grade Madame St. Albans von der Mittheilung ihres Mannes über Miß Eton ' s wirthschaftliches Verhalten überrascht war , und mit welchem Zorne sie der Gedanke erfüllte , ihr Mann könne darin irgend einem Wesen der Erde den Vorzug geben . Sie hatte nicht ohne eine gewisse Koketterie darnach getrachtet , ihm die höchste Meinung von ihrer Thätigkeit , Umsicht und der großen Last zu geben , welche sie trüge . Ganz erschöpft von diesen Sorgen sich darzustellen , und damit ihre eigenthümliche , oft mürrische und übellaunige Art zu entschuldigen , war immer das Mittel , womit sie ihren unendlich sanften und zu jeder Anerkennung stets bereiten Mann an sich zu fesseln suchte , und ihn über die Lücken täuschte , die der höher gebildete Mann erkannte , und doch gegen die so in Anspruch genommene Frau zu rügen , ihm ein Unrecht schien . - Herr St. Albans wußte daher auch mit der Art , die ihm dieser reizbaren Frau gegenüber zur Gewohnheit geworden war , diesen Feind in ihr durch seine Schmeicheleien zu beschwören - und als er sie nur erst ruhiger sah , gelang es ihm bald , sie zur Anerkennung ihres Unrechts gegen Miß Eton zu bringen . Sei es nun , daß die heftige Gemüthsbewegung die letzte Schwäche der Krankheit von Madame St. Albans genommen hatte - sei es , daß der Augenblick ihrer Genesung wirklich gekommen war - genug , im Laufe des Gesprächs fühlte ihr Gemahl sich ganz ermuthigt , ihr die Lage der Dinge auf Ste . Roche mitzutheilen und damit auch sein letztes Beisammensein mit Miß Eton zu erklären . Die arme Frau fühlte sich durch diese Mittheilungen mehr in ihrem Geiste , als körperlich überwältigt ; aber wir dürfen zu ihrer Ehre es nicht unerwähnt lassen , daß ihr das Unrecht , das sie Miß Eton gethan , sehr zu Herzen ging und sie durchaus selbst zu ihr hinaufsteigen wollte , ihr Abbitte zu thun . - Die Stimmung der armen Elmerice war keinesweges so ruhig , als wir es ihrem unschuldigen Herzen zutrauen würden . Die Beschuldigung selbst hatte sie verwundet , aber ob sie gerechtfertigt werde oder nicht , es blieb gleich für sie ; das Haus , wo sie dies erfahren , mußte sie jedenfalls verlassen . Aber hierin lag eine Fülle von Sorgen für sie , deren Grund uns noch entzogen bleibt : denn eben so unmöglich schien es ihr , jetzt zu ihrer Wohlthäterin zurückzukehren . So fühlte sie denn zuerst , daß ihr eine Heimat fehle , eine immer für sie bereitete schützende Stätte , wie das älterliche Haus in so jungen Jahren das einzig wahrhaft ausreichende Asyl bleibt , und eine Fülle heißer Thränen floß dem Andenken dieser so schön , so vollständig besessenen und nun für immer entschwundenen Zuflucht . » O meine Aeltern , « sprach sie - » sähet Ihr Euer armes Kind in solcher Lage , könntet Ihr mir noch die Arme öffnen , die mich so lange schützend umschlossen ! « - Da kam ein stiller , süßer Friede in ihr Herz , wie der Segenskuß dieser ehrwürdigen Beschützer , und auf ihre Kniee sinkend , konnte sie innig beten - beten um die Kraft , das Rechte zu thun . Leise hatte Madame St. Albans die kleine Treppe erstiegen und trat jetzt laut weinend in Elmerice ' s Gemach . - » O , Tochter meiner Margarith , wirst Du mir vergeben ? « sprach sie laut schluchzend , indem sie an der Thüre stehen blieb . Und Elmerice ? - Elmerice stand auf und empfing die Reuige , wie man es thut , wenn man gebetet hat , und Gottes Frieden unser Herz erquickt . Sie war ohne Thränen , ruhig , ernst , aber weich und wohlthuend in jedem Laut , in jeder Bewegung , und Madame St. Albans fühlte unwillkürlich eine Art Ehrfurcht vor dem reinen , hohen Geiste , der ihr so ohne Absicht , ohne Anmaßung entgegen trat . » O , mein Kind , wie danke ich Dir , daß Du durch Deine schnelle Vergebung diese eine große Last von meiner Seele genommen , da , was mich außerdem niederbeugt , schon hinreichend ist - mein guter Mann hat mir den Brief aus Ste . Roche mitgetheilt . « » O , mein Gott ! « rief Elmerice erschrocken , » wie viel stürmt auf Euch ein , arme , unglückliche Frau ! Faßt Euch doch nur , und sagt mir , ob ich Euch helfen , ob ich Euch dienen kann ! « » Ach , Elmerice , « sagte Madame St. Albans weinend - » versprich mir nur zuerst , daß Du mich nicht verlassen willst ; denke , wenn Du so zu Deiner Gräfin zurückkehrtest und ihr sagtest , ich hätte Dir das Haus verboten ! « » Denkt daran fürs Erste nicht , « erwiederte Elmerice , » wir haben Wichtigeres zu überlegen ; sagt mir , was Ihr beschlossen habt in Bezug auf jene Nachrichten . « » Was ich beschlossen habe ? « rief Madame St. Albans mit ihrer gewohnten Energie - » nun , was Anderes , mein Kind , als hinzureisen zu dieser armen verlassenen Mutter . « » Aber jetzt , in diesem Zustande von Schwäche , « entgegnete Elmerice - » wie werdet Ihr das aushalten , welchen Gefahren setzt Ihr Euch aus ! « - » Das ist Alles wahr , meine liebe Elmerice , aber darum kann ich doch nicht bleiben . Ich habe zwar Herrn St. Albans nicht abgehalten , zu dem guten Pater Ambrosius zu gehen und ihn in Rath zu nehmen , aber ich habe das nur zugelassen zu seiner Beruhigung - mein Entschluß steht fest , und kein Herr St. Albans , kein Pater Ambrosius wird mich abhalten , meine kindlichen Pflichten zu erfüllen . « - » So wird Euch doch wohl Herr St. Albans begleiten ? « fragte Elmerice gespannt . - » Herr St. Albans , mein Kind , kann mich nicht begleiten ; unsere Wirthschaft darf nicht ganz zu Grunde gehen - nein , nein , ich würde dies niemals leiden ! « » Nun , so nehmt mich denn mit , « rief Elmerice entschlossen - » ich will für Euch sorgen , ich will Euch pflegen und , so weit ich es vermag , unterstützen ; denn niemals kann ich zugeben , daß Ihr in diesem gefährlichen Zustande ohne andere Begleitung , als die eines Mädchens , reist . « Madame St. Albans schwieg einen Augenblick , dann breitete sie die Arme gegen Elmerice aus , und mit kurzem , heftigem Schluchzen sprach sie : » Komm ' her ! komm ' an meine Brust ! Du bist , weiß Gott , meiner Margarith echtes Kind ! So war sie auch - nie nachtragend , schnell versöhnt und dann zu jedem Liebesdienste bereit . Doch mitnehmen kann ich Dich leider nicht - wo ich hingehe , das ist ein höchst wunderlicher Ort , und für Dich kein Obdach zu finden - weiß ich doch kaum , ob meine arme , menschenscheue Mutter mich , die eigene Tochter , bei sich aufnehmen wird ; eine Fremde darf ihre Schwelle nie mehr betreten . « » Gut , « erwiederte Elmerice - » so werde ich in Eurer Nähe ein Obdach finden . - Es liegt ein Dorf bei dem Schlosse , es lebt ein Geistlicher dort - irgend wo , vielleicht selbst in einem andern Theile des Schlosses werde ich ein bescheidenes Unterkommen finden , und dann die Beruhigung genießen , mit Euch die am meisten zu fürchtende Hinreise gemacht zu haben und in Eurer Nähe zu sein , solltet Ihr , was Gott verhüte , Hülfe bedürfen . « - » Ach , mein Kind , das sind alles Opfer , denen Du nicht gewachsen bist ! Da könntest Du in Lagen kommen , aus denen ich Dich nicht einmal erlösen könnte , wärest Du erst einmal da . « - » O streitet nicht länger mit mir , « erwiederte Elmerice dringend - » ich bin eben so entschlossen , als Ihr selbst , und weiß , daß ich meinen Kräften besser vertrauen darf , als Ihr es annehmen wollt ; darum laßt uns jetzt an nichts denken , als wie wir so leicht und gut , wie möglich , diese nothwendige Reise einrichten wollen . « - » Da sei Gott für , daß ich Dich eben jetzt wieder beleidigen möchte , und an Deinem guten Willen zweifeln - ich bin ganz davon durchdrungen und füge mich , wenn Du darauf bestehst , in Deinen Beschluß . « » Nun , so laßt uns nicht säumen , genießt jetzt etwas der Ruhe , liebe Madame St. Albans , und laßt mich sorgen , daß ich Alles zur Abreise vorbereite . « » Ja , und zwar auf morgen früh , « sagte Madame St. Albans entschieden , » denn schwere , schwere Ahnungen beängstigen mich - ich will nicht zu spät kommen , was an mir liegt . « - Elmerice führte Madame St. Albans nach ihrem Schlafzimmer , und als sie für ihre Ruhe gesorgt , eilte sie , mit Marylone die nöthigen Anstalten zu verabreden . Herr St. Albans kehrte gegen Mittag mit Pater Ambrosius zurück , und Beiden blieb , dem energischen Willen der Kranken gegenüber , kein Mittel , als in ihre Abreise einzuwilligen . Dabei hob Madame St. Albans mit großem Lobe das Anerbieten der Miß Eton hervor , und so sehr Herr St. Albans auch vor der Größe dieses Opfers erschrak , fühlte er doch , welche Wohlthat es war ; erst von da an fügte er sich mit einiger Ruhe in diese bedrohende Reise . Obwohl das erste Zusammentreffen mit ihm und Miß Eton nicht ohne Verlegenheit blieb , traten dennoch die zunächst liegenden , so wichtigen Umstände bald so dringend hervor , um nicht jede andere Empfindung in den Hintergrund zu stellen . Es war keine kleine Arbeit , Madame St. Albans reisefertig zu machen , und alle ihre häuslichen Befürchtungen und Zweifel zu beseitigen . Es gehörte die immer gleiche ernste Ruhe und Geduld der Miß Eton dazu , um nicht an so viel Widerstand und Peinlichkeit den Muth zu verlieren . Doch gelang es ihr endlich , das Haus bestellt und den Reisewagen gepackt zu sehen , und sie zog sich auf ihr Zimmer zurück , die wenigen Stunden der Nacht bis zur Zeit der Abreise sich selbst zu leben . Fast betäubt von den Eindrücken des Tages , rang ihr Geist , sich zur Klarheit empor zu arbeiten , und so weh und gebeugt sie sich fühlte , mußte sie diese ängstliche , traurige Reise doch als eine Wohlthat erkennen , da ein längerer Aufenthalt in diesem Hause ihr jetzt fast unerträglich geschienen hätte , und ihr doch keine andere Zuflucht übrig blieb . Es giebt Augenblicke im Leben , die in uns bis auf das letzte Fünkchen alle leise gehegten Hoffnungen auslöschen , indem sie uns eine Klarheit der Seele leihen , durch die wir alle Illusionen selbst vernichten und von Allem zurückgetrieben , was wir festzuhalten trachteten , nichts übrig behalten , als die Sehnsucht , vor der wir uns vergeblich zu flüchten suchen , die immer wieder den kaum haftenden Verband von unsern Wunden nimmt und sie bluten läßt - ach , nur so viel , um die Kraft der Jugend , den Muth zum Leben zu entkräften , nicht bis zur süßen Todesruhe ! So fühlte Elmerice - sie sah ihre Lage klar und deutlich , sie wendete sich ab von jeder Hoffnung - aber die Sehnsucht schwellte ihr junges Herz , und sie fühlte eine tiefe Ermüdung , wenn sie an das dachte , was ihr noch übrig blieb nach dem , was sie hatte aufgeben müssen . Gegen Morgen schrieb sie ihrer Wohlthäterin noch einige Zeilen , ihre längere Abwesenheit durch die Krankheit der Madame St. Albans entschuldigend ; ihre Reise verschwieg sie dagegen , fürchtend , dadurch die zärtliche mütterliche Freundin zu beunruhigen . Die Wälder von Ste . Roche waren berühmt . - Auch glichen sie mit ihren kolossalen Stämmen , ihren gewaltigen , in die Luft in einander geflochtenen Kronen den Bildern , die uns ein fremder Welttheil von den Urwäldern gegeben hat , in denen die Axt niemals erklungen und der Vegetation ihr eigenes despotisches Walten gestattet ist . Mit Ranken , Moos und Schlinggewächsen jeder Art überwuchert , sehen wir das zum kräftigen Widerstand unfähige Stämmchen am Boden sich hinschmiegen , dem mächtigen Stamme weichend , der sich mit dieser Unterdrückung doppelt Platz gewann und , zu säulenartiger Pracht emporstrebend , das heitere Gewölbe seiner hundertfältigen Zweige leicht gen Himmel trägt . Die Sonne bahnte sich hier nur selten den Weg - nur in einzelnen glänzenden Lichtstreifen erreichte sie den Boden , der in der üppigsten Abwechselung bald das kurze , saftige Moos der Laubwälder , bald die lustig durch einander geschlungene Vegetation der mannigfachsten Ranken , Blüten und Waldbeeren zeigte . - Der Weg , den die Reisenden passiren mußten , schlang sich wie ein Geheimniß durch hin , bald ganz verschwindend , bald nur in leichten Andeutungen wahrzunehmen . - Das eigene majestätische Gespräch der hohen Laubkronen mit der oberen Luft , die sie erreichten , ward allein unterbrochen durch das Geschwätz der kleinen lustigen Waldbäche , die zwischen hohen bemoosten Felsstücken sich ihr grünes Bettchen ausgehölt hatten , und nun sorglos , wie Kinder zu den Füßen der Aeltern , spielten , während das niedere Gebüsch eine lockende Wiege für die junge Brut zahlloser Vögel war , die mit ihren Nestchen unter den jungen Zweigen hockten . Dazwischen gingen die schlanken Bewohner des Waldes mit ihren glänzenden , vielzweigigen Geweihen in großen Gesellschaften in ihrem weiten Palaste umher , und sahen mit stolzer Ruhe den lustigen Hasen nach , wie sie in ewiger , unnützer Eile vorüber jagten und die Eichhörnchen in die Luft schreckten , die mit klaren Augen von der hohen Wohnung argwöhnisch auf die verschiedenen Gesellschaften niederblickten . Leicht war aus dem Leben dieser Wälder das Schicksal der Besitzungen von Ste . Roche zu erkennen . Sie waren von den Menschen vergessen , weder zum Nutzen , noch Vergnügen mehr bestimmt , ihrem inneren Bedürfnisse zur freien Entwickelung überlassen , und wahrlich ein höchst eigenthümliches Bild stolzen Naturlebens ! Am Abend des Reisetages sahen sich die Damen in dem Theile des Waldes , der unmittelbar an das Schloß Ste . Roche grenzte . Sie hatten am Mittag aus dem Kloster Tabor einen Führer mitgenommen , durch dessen Weisung es ihnen allein gelang , auf dem rechten Wege zu bleiben ; jetzt verkündigte er ihnen die Nähe von Ste . Roche , und beide Frauen hörten diese Mittheilung mit großer Bewegung an . » Miß Eton , es ist wahr « - hob Madame St. Albans an - » daß ich mich niemals diesem alten Wohnsitze meiner Mutter nahe , ohne eine Art Herzklopfen zu fühlen . Aber gewiß ist es auch , daß schwerlich ein zweiter Ort gefunden werden soll , an dem so viele und unerhörte Histörchen haften , als an diesem alten Schlosse . Wenn Ihr es sehen werdet , so wird es Euch möglich scheinen , daß hier alles Abenteuerliche Raum fand , was davon erzählt wird - seht , ich bin keine leichtgläubige Thörin , aber ich selbst könnte denken , es sei hier nicht , wie sonst in der Welt , zugegangen , und obwohl der neue Besitzer Alles thut , den Verfall zu hindern , geschieht doch auf ausdrücklichen Befehl und nach testamentarischer Verordnung des verstorbenen Grafen Crecy nichts , um dies wunderbare Aeußere zu verändern . - Ach , Elmerice , « hob sie nach einiger Zeit an , » wie werde ich Alles dort finden ! eine Leiche oder eine Sterbende ? « Hierauf ließ sich schwer antworten , und Miß Eton frug daher : ob Mistreß Gray viel gekränkelt habe ? - » Ach , seht , das ist , wie man es nimmt - gesund war sie nie recht , wenigstens seit ich sie kenne - aber selten , selten , daß sie dem nachgab - ehe sie nicht niederfiel , in ihr Bett getragen werden mußte , gab sie keiner Krankheit nach , ja , auch dann hatte sie noch tausend Eigenheiten und widerstrebte immer in den Anordnungen zu ihrer Pflege ; und des Nachts , wo jeder Mensch schon bei gesunden Tagen Gott danken würde , dort Jemand um sich zu haben , schließt sie sich ein , und Niemand darf bei ihr bleiben . « - » Welche wunderbare Frau muß Eure Mutter sein ! « rief Elmerice unwillkürlich , » und welch ' Verlangen hege ich , sie zu sehen ! « » Ja , « sagte Madame St. Albans - » so wunderbar , wie ihr altes Schloß ; aber Ihr werdet von Beiden wenig zu sehen bekommen . Denkt Ihr , daß ich schon je weiter kam , als in den großen Vorsaal , den meine Mutter bewohnt ? Seht , der liegt wie ein Riegel vor den weitläufigen Gemächern , die einst die Gebieterin meiner Mutter bewohnte , und seit ihr Sarg daraus weggetragen ward , haben sie sich nie wieder einem menschlichen Fußtritte geöffnet , als dem meiner Mutter . Aber sie hält ihre Andacht dort , sie lebt hier ein verzehrendes Leben der gramvollsten Erinnerung , sie - ach , Gott vergebe mir ! - sie , glaube ich , schwört hier immer aufs Neue allen Menschen Haß . Seht , das sind Dinge , die an dem gesunden Menschenverstande meiner Mutter verzweifeln lassen , gäbe sie nicht sonst Proben , daß er ihr sehr gegenwärtig ist . « » Aber was sagt man denn so Unerhörtes von diesem Schlosse ? « frug Elmerice weiter ; denn sie konnte ihr lebhaft erregtes Interesse nicht mehr verbergen . » Ach , seht , Miß , so lange es steht , hat es wenig guten Ruf . - Es war zuerst ein königliches Jagdschloß , und man sagt , Heinrich der Zweite habe hier eine schöne Freundin verloren , die seine Gemahlin , Katharina von Medicis , habe ermorden lassen . In einem Thurme , der damals das kleine Schloß begrenzte , zeigt man ein Zimmer , das noch in schönen geschnitzten Holzwänden von dereinstiger Pracht zeugt ; da soll Heinrich die schöne Eudoxia Nemours gefunden haben , wie sie ihm nur noch die blutende Wunde zeigen konnte und dann verschied . Seitdem heißt er Eudoxien-Thurm , und Alle wollen darauf sterben , Eudoxia sitze noch zuweilen in ihren weißen Gewändern auf dem kleinen Altan und sehe in den Wald hinein , wo sie sonst den König daher kommen sah . - Solche Geschichten haben nun wenig Reiz für mich ; auch sah ich sie nie , und muß sie wandern und vergebens warten , geschieht ihr Recht : solche Frauenzimmer bereiten sich ihr Loos selber ; - aber seht , freilich später , sagt man man , sei nie viel Anderes , als Unglück hier geschehen und geschmiedet worden . Katharina von Medicis baute das Schlößchen oder den Flügel rechts daran , und die großen Wälder umher ließen hier prächtige Jagdpartieen zu ; aber immer geschah ein Unglück - es verschwand Jemand oder ward offen wo ermordet , und man sprach schon damals , daß die böse Königin den Ruf des Schlosses benutze , die heimliche Rache , die sie an Einem oder dem Andern ausüben wolle , auf den abergläubischen Spuk des Schlosses zu wälzen . So , sagt man , habe man sich gefragt , wenn die Gäste sich auf ihren despotischen Ruf hier versammelten , wer wohl das bezeichnete Opfer sein werde - ich aber sage : die Narren , daß sie gingen ! - mich hätte sie einladen können , so viel sie Lust gehabt hätte , ich wäre doch nicht gekommen . « » Die damalige Zeit , « erwiederte Elmerice , » hat freilich manchen Zwang auferlegt , der wenigstens jetzt nicht mehr in so offener Gewalt hervortritt , obwohl noch manches sehr Harte unter Ludwig dem Vierzehnten und selbst unter seinem Nachfolger , dem jetzigen Könige , möglich sein soll . « » Ach , seht mein Kind , das sprengen die Hofleute nur so aus , damit man sie nicht auslachen soll , wenn sie immer über die Last seufzen , bei Hofe erscheinen zu müssen , da sie sich doch hindrängen , so viel sie können . Das habe ich damals für mein ganzes Leben lang heraus bekommen , als wir , ich und Deine Mutter , zu Gaste waren in dem großen Hause d ' Aubaine , bei den Eltern Deiner Gräfin . Sieh ' , Kind , da hieß es immer von dem Hofzwange - aber hoftoll waren sie ; denn gab es ein Fest , so waren sie alle in Fieberangst , ob sie auch eingeladen würden , ob auch zur rechten Zeit , nicht später , als sie berechnet hatten , daß es ihnen zukäme - und erschien der Tag , so waren sie so wichtig , so gehoben und mitleidig gegen uns arme bürgerliche Mädchen , daß ich sie alle auslachte , wenn sie den Rücken wendeten , denn nicht wie zum Fest zogen sie hin , sondern wie zu einem Leichenbegängnisse , so ernst und beklommen . Aber das war lauter Hochmuth , Furcht vor Demüthigungen , da sie doch , wie sehr sie sich auch erhoben , immer wieder Einen ausspürten , der sich über sie erheben wollte ; und da nahmen sie denn ihre Strafe damit hin , denn jeder tolle Hochmuth straft sich selbst . « » Seit wie lange gehörten diese Besitzungen denn dem Grafen von Crecy ? « unterbrach Elmerice die sich erhitzende Madame St. Albans . - » Katharina von Medicis schenkte sie einem Grafen von Crecy , der ihr manchen erlaubten und unerlaubten Dienst geleistet haben soll , aber das Unglück hatte sich nicht mit dem neuen Besitzer