, zu Freude und Lust , oder zu Leid und Trübsal hinreißt . Hätte nicht ein zu tiefer Eindruck die Lebenswoge meines Herzens zertrümmert gehabt , ich würde mich dem göttlichen Leichtsinn angeschlossen und das Glück geschöpft haben aus reinstem Kristall . Die Unterredung mit Gleichmuth , das Manuscript , dessen Convolut ich in der Brusttasche fühlte , zogen mich dem Schatten entgegen . Dennoch wagte ich nicht , schon in dieser Nacht die Siegel zu brechen . Ich wollte mich erst laben am Sonnenblick der Liebe , stürzte die steilen Gassen hinab zum Rhein und stand mit klopfender Brust an der Wohnung Auguste ' s. Ihr Fenster war erhellt , ein Zug an der Klingel öffnete mir den Eingang zum Paradiese . Die Hausflur war finster . Ich griff mit umherfahrenden Armen nach der Treppe , stieß aber überall an und fiel endlich polternd über altes Gerümpel . » Ephraim ! « rief eine warme Frauenstimme von Oben herab , in der ich sogleich den silbernen Ton Auguste ' s erkannte . » Ephraim Klapperbein , so laß doch Dein Singen und leuchte hinab ! Die Menschen zerstoßen sich ja Köpfe und Beine an Deinen Korbflechtereien . « Während ich mich wieder aufzuraffen suchte , schimmerte ein Lichtstreif die Treppe herab und mit ihm zugleich stolperte die lustige Sangesweise eines jovialen Liedes an mich heran . Meine Lust am Gesange ist Dir bekannt , so wenig auch meine eigne Kehle gesangsfähig erfunden wird . Ein lustiges Lied läßt mich auf Augenblicke den Untergang einer Welt vergessen . Mit kindischem Kosen hänge ich mich in die Locken eines singenden Greises , dessen Jugend glücklicheren , heiteren Zeiten angehörte , als die unsern sind . Ephraim Klapperbein , ein Mensch , so curios , wie sein Name , schlappte in Holzpantoffeln langsam die Treppe herunter , und ließ sich nicht im geringsten dabei in seiner Gesangübung stören . Von seinem Liede verstand ich nur folgende Verse : » Fehlt ' mir ' s nicht an Geld und Wein , Möcht ' ich ewig leben , Auf und ab den goldnen Rhein Mit dem Schifflein schweben . Müßt ' ein muntres Dirnlein auch Frei den Mund mir reichen . ' Sist ein guter alter Brauch , Lockt zu losen Streichen . Küssen , lieben , trinken , Geld - Das ist mein Vergnügen . Und wer ' s mit der Erde hält , Dem wird ' s auch genügen . Bleibt mir mit dem Himmel fort ! Kommt zurecht noch immer . Selig bin ich hier und dort Blinkt mir Weingeflimmer ! « » So , « sagte Ephraim Klapperbein , ein alter rüstiger Greis von einigen siebenzig Jahren , und beleuchtete mich von allen Seiten , » so ! Also in meine Körbe ist der Herr gefallen ? Wunderliche Zeit , fremde Leute zu besuchen . Nachts in der neunten Stunde ! Als ich jung war , gingen nur junge Bursche an ' s Fenster der Liebsten . Was will der Herr ? « » Lieber Alter , meldet mich bei dem Fräulein vom Hause . « » Fräulein vom Hause ! « wiederholte der schlaue Fuchs . » Ein ganz neues Geschlecht ; gibt keins dieses Namens in ganz Köln . Vor alter Zeit könnt ' es sein , es wäre so ' was von dieser Ausländerei hier zu Lande vorhanden gewesen , dazumal , als das römisch Zeugs sich mausig machte am Rhein . Heut zu Tage aber ist ' s ausgestorben ganz , rattenkahl , auf Ehre ! « » Ich frage nach Fräulein Auguste . « » Ist mir ganz unbekannt . « » Ephraim ! « rief es von Oben wieder in demselben lieblichen Flötentone . » Was schwatzest Du denn ? « » Gleich , gnädiges Fräulein , « antwortete Klapperbein . » Das ist die Jungfrau , der ich eine wichtige Nachricht zu bringen habe , « fiel ich ein , » ich kenne sie an der Stimme . « Oberhalb der Treppe ward ein zweites Licht sichtbar , ich drängte den Alten zur Seite und flog eilig die Treppe hinan . Unten hörte ich den Korbflechter noch murmeln : » Kennt meine Herrschaft an der Stimme ! Ueber die Einbildungen ! Und ist doch der Mensch ganz gewiß nicht mehr der Jüngste . Saubere Geschichten ! Ephraim , Ephraim , Du kömmst in die Jahre und magst Dir den Witz schleifen lassen , wenn er künftig hin noch schneiden soll ! « Auguste empfing mich mit banger Verschämtheit . Sie machte mir Vorwürfe über mein spätes Kommen und geleitete mich mit sanfter Eile in ihr liebliches Zimmer . Der Genius weiblicher Ordnungsliebe waltete in diesem zierlich ausgeschmückten Raume . Ein Fortepiano stand am Fenster , darüber hing eine Mandoline . Vor dem einen Fenster duftete ein kleiner Blumengarten . Die warme Nachtluft wehte leis durch die geöffneten Flügel . Ueberall sprach sich ein süßes Behagen aus und reizte zu stillem , verschwiegenem Genusse . Schon wollte ich mich dem ungebundenen Geschwätz überlassen , als ich bemerkte , daß eine dritte Person gegenwärtig sei . Wie ein plötzlicher Nebel den Himmel , störte diese Erscheinung meine aufspringende Freude . Mein innerstes Leben , die Ufer übersprudelnd , ebbte zurück in die Borde zahmer Gewöhnlichkeit . Doch nur Minuten dauerte mein Unmuth . Es war eine volle , verführerisch üppig gebaute Mädchengestalt , die Auguste in die Arme schloß und mich mit lächelndem Gruß bewillkommte . Ein Blick genügte , mir zu sagen , daß dieses Mädchen meine jüngst durch Zufall neu erworbene Bekanntschaft aus der Kirche der heiligen Ursula sei . » Bist Du doch glücklich , Auguste ! « rief die Fremde mit einem fast komischen Seufzer aus . » Dein Geliebter läßt nicht auf sich warten , während mein Oskar grausam genug ist , oft einen ganzen Tag nichts von sich hören zu lassen . Seit gestern ist er wie verschwunden . Ich glaube , er ist in den Rhein gesprungen . O Auguste ! « Sie schlang in komischer Angst ihren Arm um Auguste ' s Nacken , die ihrerseits durch die naive Vermuthung ihrer Freundin mit schöner Purpurgluth übergossen ward . Auch mir stieg das Blut in ' s Gesicht . » Lucie , Du bist närrisch , « sagte Auguste , die Ungestüme von sich losmachend . » Freilich , « erwiederte das lebhafte Mädchen , » das ist ja eben das Unglück . Ich wollte lieber ganz toll sein ! « Sie riß alle Fenster auf und setzte sich dann an das Fortepiano , auf dem sie Töne anschlug , die im Reich der Harmonie noch kein Bürgerrecht erlangt haben . Auguste saß neben mir . In unsern Blicken lag tausendmal mehr Melodie als in dem Geklimper Luciens . Die sanfte Gewalt , mit der uns ein jungfräuliches Auge in seinen Kreis zu bannen weiß , hat für mich immer mehr Reiz gehabt , als die momentan hinreißende Gluth , die aus Wesen , wie Lucie ist , uns überfluthet . Lucie ist verführerisch , Auguste liebenswürdig . In Lucie jauchzt der Triumph , der Liebe seine vorüberrauschenden Dithyramben , durch Auguste ' s Wesen klingt ein feierlicher Hymnenton , der den Genuß erhebt zur Innigkeit eines dauernden Glückes . Wie Lucie nur den Moment , der in seiner keuschen Entschleierung heilig ist , zur Erscheinung bringt , so feiert in Auguste die unschuldige , ewig reine Weiblichkeit in nackter Schönheit ihre Apotheose . Lucie besitzt nur die neckende Launenhaftigkeit dessen , was liebenswürdig ist am Weibe , Auguste aber verhüllt diesen bleibenden Reiz unter einer Zurückhaltung , die eine intensivere Wärme verräth . Ich will Dich nicht mit dem unterhalten , was wir mit einander plauderten . Dazu taugt weit besser die halb natürliche , halb kokette Unruhe Luciens . Denn diese Art der Liebe ist phantastisch und spricht in ihrer Launenhaftigkeit weit mehr an , als jene stille Poesie der Liebe , die mit dem Senkblei tieferer Seelenbeschauung herausgehoben sein will aus dem Perlenmutterschrein der Keuschheit . » Oskar ist ein ekelhafter Mensch ! « sagte Lucie und schlug einen noch nie gehörten Accord auf dem Fortepiano an , in dessen herzzerreißendem Gewimmer wirklich ein paar Saiten im Herzen des Instrumentes zersprangen . » Sobald er zu mir kommt , geb ' ich ihm Nasenstüber . « » Daran thust Du ganz recht , « sprach Auguste . » Besser aber wär ' es noch , Du ließest ihn gar nicht mehr herein . Wirklich , glaube mir ! Der Mensch ist Deiner Liebe nicht werth . « » Nein , das geht nicht , Auguste ; ich muß ihn doch ärgern . Das kann ich nur mündlich . « » Wenn Sie ihm einen Kuß geben , « fiel ich ein . » Da möchte er lange warten müssen . Ich hasse das Küssen . « » Immer ? « fragte ich . » Die Erfahrung wäre ganz neu . « » O , mein Bester , « sagte Lucie , sich vor mich hinstellend , » glauben Sie denn die ganze Welt von Erfahrungen schon hinter sich zu haben ? « » Sie beweisen mir das Gegentheil , Fräulein Lucie . « » Bei mir sollten Sie zu rathen bekommen ! « » Wenn Sie es zufrieden sind , wollen wir einen Versuch mit einander wagen . « Hier schlug mich Auguste auf den Mund und meinte , ich sei ein unausstehlicher Mensch . Lucie lachte und ließ die Mandoline wie einen Perpendikel an der Wand hin und herschwanken . » Mein Gott , « rief sie wieder aus , die Hände angstvoll über den Busen kreuzend , » wenn er nun aus purem Wahnsinn in den Rhein gesprungen wäre ! Herr Gott , was sollte ich anfangen ! Gestern schlug ich ihn so heftig mit dem Fächer auf die Stirn , daß er bös ward und von mir ging . Ich wollte doch lieber , ich hätt ' ihn todt geschlagen , als - « Auf der Straße ward ein lustiges Lied gesungen . Lucie sprang an ' s Fenster , warf ein paar Blumenstöcke , die ihr im Wege standen , in das Zimmer und rief laut und vernehmlich » Oskar ! « hinunter . » Was Du für eine wilde Hummel bist ! « schalt Auguste , die zerbrochenen Töpfe aufhebend . » Vor Dir hat nichts Ruhe . Erst das Unglück wird Dich vernünftig machen . « Lucie hörte nichts mehr . Sie griff nach Hut und Shawl , und hätte diesen im Augenblick zerrissen , als ich ihr beim Umschlagen helfen wollte . » Gute Nacht , Auguste , « sprach das wundersamlebhafte Mädchen , die Freundin flüchtig küssend . Dann riß sie an der Klingel , daß die Glocke gar nicht läutete und rief dreimal in einem Athem nach Ephraim . Der Alte war sehr schwer aus seiner Ruhe zu bringen . Ehe er erschien , hatte das muthwillige Kind schon wieder sechsmal vergeblich gerufen und auch eine Art Dialog mit Oskar auf der Straße improvisirt . » Du bist also nicht ertrunken ? « Fragte sie hinunter . » Ertrunken ? « wiederholte verwundert Oskar . » Nun ja doch . Ich dachte , Du hättest Dich in den Rhein gestürzt . « » Nein , theuerste , süße Lucie , nur in sein glühendes Rebenblut . « » Gut , gut , Oskar ! Aber ich war recht böse auf Dich und hatte große Lust Dir die Lippen blutig zu küssen . « » O die Nacht ist noch lang , mein süßes Leben ! Komm nur herab , so wollen wir nachholen , was wir seit gestern versäumt haben . « Endlich trat Ephraim ein . » Wer ist denn die leibhaftige Ungeduld , « fragte der Korbflechter . » Das hat ja ein Mündchen und eine Kehle , wie gebohrt . Als ich noch jung war , mußten wir Geduld haben . Ist das Jüngferchen bereit , so will ich ihr den Arm reichen . « » Ueber den alten Gecken ! « rief Lucie , warf uns Beiden ein Kußhändchen zu und hüpfte zur Thür hinaus . » Was ? Alter Stecken ? « wiederholte Ephraim . » Mein allerliebstes Kind , zwar heiße ich Ephraim Klapperbein , aber so gar steckenartig sehe ich doch noch nicht aus . Und hören Sie , Jüngferchen , wenn Sie einmal in mein Alter getreten sein werden , so wird sich ' s auch nicht mehr so rund und voll herumspringen lassen . « Für Lucie ging diese Rede verloren . Sie war schon die Treppe zur Hälfte hinunter . In der Thür drehte sich Ephraim noch einmal um . » Und der Herr ? Gehen der Herr mit ? Es ist ein Thüraufmachen und so ziemlich an der Zeit , nach Hause zu gehen . In fünf Minuten gehe ich zu Bett und kein Nachtschwärmer soll mich wieder herausbringen , so wahr ich Ephraim Klapperbein heiße und in einem Jahre zehn Eimer Wein getrunken habe . « » Geh nur , Ephraim , « sagte Auguste , » meinen Gesellschafter werde ich schon selbst über die schwierigsten Passagen unserer Treppe hinwegbringen . « Wir blieben allein . In den Duft der Blumen mischte sich das Aroma der säuselnden Sommernacht , Feuerfliegen schwärmten herein und glänzten in den aufgelösten Locken Auguste ' s wie dunkle Rubinen . Bei allen Schrecken , die über mir hingen , verlieh mir doch diese Nacht auch die seligsten Augenblicke . So verketten sich die Ringe von Glück und Unglück , wie zwei Schlangen , farbenschillernd , giftschäumend und doch bezaubernd im wandelnden Feuer , das auf ihren Schuppen spielt . - Es schlug Mitternacht , als ich Auguste verließ , reich , wie ein Nabob , denn ich war im Besitz ihres Herzens ! - Du fragst , ob dies Alles sei ? Ob mich der heilige Rausch nicht hingerissen habe in seiner glücklichsten Betäubung und ich mich gebadet in der Flammengluth des Fleisches , über dessen zitternde Wogen die Psyche mit keuscher Hand den Himmel ihrer Flügeldecken wirft ? - Ach , Ferdinand , Du kennst sie nicht , die wunderlichen Launen der Weiber ! Auguste hat mir Alles gegeben , ihr Herz , den Glanz ihres Auges , in dessen lichter Wölbung ich die wundersamste Sterndeuterei begann , Lust und Umarmung , aber die Seligkeit auf Erden - ? Das holde Kind meinte , nur die Verheißung sei beseligend . Sie entriß sich mir ; es gab noch mehr Unglück unter den Blumenstöcken , ich mußte mich beruhigen . - Du kannst es ebenfalls . Dein Begriff der Tugend und Unschuld , von dem ich nie viel gehalten , steht noch sehr leserlich auf meiner Brust geschrieben . Bis Du Dich an den Gedanken der Vernichtung dieser wundersamen Gottheit gewöhnt haben wirst , soll er Dir bewahrt bleiben . Dann aber will ich ihn ausbrennen und dennoch mich nicht schämen vor Deiner schneckenkalten Sittlichkeit . - Sieh ! die Sommernacht neigt sich wieder dem Ende zu . Eine Welt in Trümmerschutt ihres Chaos habe ich hingeworfen auf das geduldige Papier . Was sich daraus formen wird , wer mag ' s bestimmen ? Ueber eins aber freue ich mich . Dies ist der alte Ephraim , der erste rein vergnügliche Mensch , der mir seither begegnet ist . Dieser brave Greis weiß nichts vom Schmerz des jugendlichen Europäers . Seine Zeit ist mit ihm alt geworden und die schöneren Erinnerungen aus der Sonnenwelt der Jugend trägt er wie Reliquien mit sich herum , in deren Kusse er die welke Lippe des Alters frisch badet . Wir Andern alle , die wir uns hier getroffen , sind mehr oder weniger dem Ungemach der Gährung hingegeben . Selbst Auguste und Lucie , gewiß noch die Fleckenlosesten aus meiner Bekanntschaft , fühlen dunkel die Qual , die mit dem Fortwandeln der Tage wie eine dunkelgefleckte Boaschlange sich auf den Ast des Weltbaumes aufrollt , um sich auf ihre Opfer zu stürzen . Der morgende Tag soll neue Räthsel lösen , vielleicht auch schürzen . Die Geschichte der Ewigkeit ist über und um mir , wie der ferne , grause Donner des Malstromes . In seinen Schlund hinab fährt , dünkt mich , das Schiff der Europa . Uebermuth mit Schwäche und feigem Alter gepaart ist sein Kapitän , Koketterie und Bedientendemuth sein Steuermann . Glück auf die Reise , du europäischer Koloß mit dem Colosseum deiner tausend und abertausend Heldengräber ! Erweckt die alten Schläfer das Donnergebraus ' des Weltenstrudels , so wird dir ein Todtentanz aufgeführt , der selbst den Schatten deines versunkenen Leibes noch einmal zur Welt beleben könnte . Vergessenheit , zerdrücke den Docht meines Geistes , damit ich nicht gegenwärtig sein darf bei der Grablegung Europa ' s ! - 4. An Raimund . Köln , den 6. August . Es ist sehr unrecht von Dir , mich der Saumseligkeit zu beschuldigen . Weiß ich doch , daß Ihr Brüder so eng in einander verwachsen seid , als wäret Ihr Zwillinge . Nicht nur besteht Gütergemeinschaft zwischen Euch , die Ihr doch sonst jeden Saint Simonistischen Gedanken unerbittlich verdammt , sondern auch Euer tieferes Leben mündet sich gegenseitig in die Seele des Andern . Ich lobe und achte dieses brüderliche Vertrauen , wiewol es nicht immer klug sein mag . Briefe wenigstens sollte man nicht behandeln , wie ein gedrucktes Buch . Ein Brief ist ein in Aufwallung aller Gefühle , Empfindungen , Leidenschaften verrathenes geheimes Liebesgeständniß an ein Herz , dessen Puls sympathisirende Vibrationen mit dem unsern haben muß . Hast Du Dich übrigens vernachlässigt geglaubt , so wird Dich dieser lange Brief von dem Gegentheil überzeugen . Meine bisherigen Erlebnisse sind Dir bekannt . Dein hohes Intresse an dem Weltbewegenden , das sich darin ausspricht , wie Du meinst , bewegen mich , an das schon Gegebene Eröffnungen zu knüpfen , die das Ansehen von Herzen haben , welche im Sehnsuchtsdrange nach Thaten zerbrachen . Das ist das Tragische in unserm Leben . Es kann einer heut zu Tage ein ganz tüchtiger Kerl sein , die Conflicte , das Aufgelöste , Zerrissene , machen ihn doch zum Lump . Darum ist nur der Philister glücklich , dessen Horizont begrenzt wird vom Rande seines Kachelofens . O , diese süß-behagliche Kleinbürgerlichkeit des Deutschen , welch ' tiefe , unergründliche Schmach hat sie über die ganze Nation gebracht ! - Mit neugierigem Verlangen folgte ich an voriger Mittwoch Bardeloh . Meine Mittheilungen hatten ihn ernsthaft beschäftigt . Er verließ den ganzen Tag über nicht einmal sein Zimmer und schrieb viel . Von Rosalie erfuhr ich zufällig Abends beim Schachspiel , daß er Schriftsteller sei und zwar mit großem Glücke . Mehrere seiner Bücher waren sogar verboten worden , was ich aber grade nicht mit zum Glück rechnen möchte . Der Name schien ihm dabei gleichgiltig zu sein , denn er hatte sämtliche Schriften anonym herausgegeben . Vielleicht auch war es Klugheit , die ihn dazu veranlaßte . Ueber den Inhalt von Bardeloh ' s Büchern konnte ich nichts erfahren , glaube jedoch zum Ziele zu treffen , wenn ich behaupte , es seien wichtige Besprechungen europäischer und vorzugsweise deutscher Zustände in poetischem Gewande , d.h. in einer Prosa , die den kühnsten Gedanken in poetischen Formen leicht und graziös den Lebenden in den Schooß wirft . Ebenso bekannte sie mir , daß er jetzt eben wieder schon seit längerer Zeit an einem neuen , großen Werke arbeite , das einen dialektischen Angriff auf das Kirchendogma der Liebe , insofern es Anwendung erleiden will auf die Praxis im socialen und politischen Leben , enthalten wird . Es trifft diese Vermuthung sehr genau mit Bardeloh ' s eigenen Aeußerungen zusammen und ich wünschte sehr seine tieferen Gedanken über dieses Thema kennen zu lernen . » Ich muß mir heut erst eine Zerstreuung machen , « sagte Bardeloh , » angestrengtes Arbeiten hat mich abgemattet . Lassen Sie uns rudern . « Wir gingen an den Hafen und bestiegen einen Nachen , der leicht wie ein Vogel über die stille , hellgrüne Fläche hinflog . Wir trieben den Kahn erst stromaufwärts und ließen uns dann von der Gewalt des Wassers hinab zur Schiffsbrücke schaukeln . Bei unserer Zurückkunft saß Friedrich wieder auf dem Krahnbalken und strich seine Geige . Er hatte uns kaum erblickt , als er johlend herabsprang , uns zuwinkte und an Bord stieg . Dann ergriff er zwei Ruder auf einmal und arbeitete mit einer Kraft den Nachen quer durch den Strom , die mich in Erstaunen setzte . Dabei wiederholte er mit herzbrechendem Lächeln von Zeit zu Zeit nur das einzige Wort » Lebensfahrt . « Was er damit meint , ist schwer zu errathen . Bardeloh versank , wie immer , wenn er diesem Menschen begegnet , in sein quälerisches Brüten , saß stumm und bleich im Kahn , und spielte mit seinem Siegelringe . Dieses Wasserexercitium hatte etwa eine halbe Stunde gedauert , als es Bardeloh mit dem Worte » in den Hafen « unterbrach . Friedrich nickte mit dem Kopf und landete . Ein Geschenk von Bardeloh nahm er mit seiner gewöhnlichen , excentrischen Freudigkeit hin , schleuderte dagegen das von mir dargereichte in den Rhein . Bei unserm Abgange saß er schon wieder auf dem Krahn und spielte die Violine . Der Unglückliche hat etwas Grausenerregendes für mich , das durch ein hartnäckiges Stillschweigen über ihn noch mehr Wirkung erhält . Bardeloh führte mich über den Heumarkt dem Dome zu . Noch hatte ich mich aus einer Art heiliger Scheu nicht in die Majestät dieses Riesenbaues gewagt . Alles Kleinliche , Beengende wollte ich zuvor beseitigen , um mit reinem , heiterem Geist eintreten zu können in das Pantheon mittelaltlicher Gedankengröße . » Hier gibt es auch noch etwas zu sehen , « sagte mein Begleiter . » Sobald Sie Stimmung haben , wollen wir uns einmal in dieser monströsen Unmoralität untertauchen . Man darf jetzt nichts unversucht lassen . « Diese trockene Bemerkung war mir zu seltsam , um bei meiner damaligen Stimmung mich in ein Disput mit Bardeloh einlassen zu können . Der Dom zu Köln » eine monströse Unmoralität ! « Das ist zu rund , um es begreifen und fassen zu können . Nahe dem Dome befindet sich das berühmte Wallraffsche Museum . Dorthin führte mich Bardeloh . » Es ist nicht , um Ihnen große Merkwürdigkeiten zu zeigen , « sagte er , » sondern blos der Anregung wegen . Alles , was in diesen Sälen gesammelt ist , trägt mehr den Stempel der Liebhaberei eines vermögenden Privatmannes , als den einer wahrhaften Kunstsammlung . Aber es rüttelt doch auf , und das ist Grund genug , ihm ein paar Stunden zu opfern . « Schnell durchwanderten wir die ersten Zimmer , in denen römische Vasen , Alterthümer verschiedener Art und einige merkwürdige Gemälde aus der frühesten Zeit der deutschen Malerkunst aufbewahrt standen . » Das sind Alles sehr schöne Sachen für einen Kunst-Enthusiasten , « sagte Bardeloh » ein Mensch aber mit dem Orden des Weltschmerzes in der Brust kann unmöglich großes Behagen daran finden . Zu Alterthümlern sind wir Modernen verdorben . « Ein anderes Zimmer ward geöffnet und Bardeloh blieb auf der Schwelle stehen . Der Koloß des Domes warf seine Schatten herein und hüllte die hier aufgestellten Gemälde in ein Dunkel , das dem Beschauer keineswegs günstig war . » Was halten Sie von diesen Gemälden , Sigismund ? « fragte Richard und lehnte sich an die Thürpfosten , die Arme über der Brust kreuzend . » Jenes uns gegenüber ist ein großes Meisterwerk , « erwiederte ich und deutete auf ein Gemälde , das mehr als die halbe Wand einnahm und dessen Figuren eine fast übermenschliche Größe hatten . Die Dämmerung ließ im Anfang Licht und Schatten sich nicht genau scheiden und ich bemerkte nur , daß ein paar Mönche die Hauptfiguren bildeten . » Betrachten Sie es genauer , « sprach Bardeloh . » Sie müssen aber hier stehen bleiben . « Ich befolgte seinen Rath und erkannte bald aus Farbenton und Auffassung den Pinsel Rubens . » Es ist die Bekehrung des heiligen Franz von Assisi , « versetzte Bardeloh , » ein Werk , das viel zu wenig beachtet wird von Künstlern und sogenannten Kunstkennern . In diesem Gemälde liegt eine ganze Welt . Rubens hat sich selbst übertroffen , ohne daß er es geahnt . Das Bild ist weit mehr werth , als die Kreuzigung Petri in der Peterskirche , von der jeder Commis voyageur ein Langes und Breites faselt . Jenes ist ein gutes Experiment , dies ist eine That . Der ganze religiöse Wahnsinn mittelalterlicher Heiligkeit ist mit den genialsten Schlaglichtern in dieses Gemälde verwebt , und Alles , was späterhin Möncherei und jesuitischer Unsinn über die getäuschte Welt verhängten , das kann man herauslesen aus diesem zusammenstürzenden Franz und seinen Begleitern . Will einer erfahren , was es heißt , eine weltgeschichtliche Epoche moralisch auffassen , und an ihr die Unmoralität der Zukunft nachweisen , der darf nur dieses Gemälde mit productivem Gemüth betrachten . « Bardeloh ließ mir jetzt hinlängliche Zeit , von allen Seiten aus dem Rubens ' schen Gemälde die nöthige Aufmerksamkeit zu schenken . Ich will nicht läugnen , daß es dem Künstler gelungen ist , mit großer Genialität der Menschengeschichte die verschwiegensten Seelentöne abgelauscht zu haben , um sie als Harmonie durch Auflösung der grellsten Dissonanzen in diesem Gemälde zusammenzustellen ; aber es gehört eine Bardeloh ' sche Art und Weise dazu , die Dinge zu betrachten , um zu finden , was ihm bedünkte . Mir ist es genug , eine That in dem Gemälde zu erblicken , die , bestehe sie , worin sie wolle , als Schöpfung an sich immer moralisch ist . Das Werden , das Gestalten kann sich dem Unmoralischen annähern , das Gewordene aber muß , als ein Fertiges , immer moralisch bleiben . Freilich wird man dies vielfach bestreiten wollen und daraus die Moralität von Jedem und Allem ableiten ; es soll mich aber nicht irren . Die Kraft ist immer gut , und die That als Manifestation der Kraft kann auch nur gut sein . Erst der Conflict mit Zeit und Umständen erklärt sie für moralisch oder unmoralisch , wozu als Ergänzung nicht wenig Vorurtheile , Gewohnheiten , Sitten , Meinungen und Satzungen beitragen , mit Einem Worte : die Philisterei des zahmen Gedankens gibt den Ausschlag . Gesättigt von Kunst und Ideen verließen wir das Museum . » Nun führen Sie mich nach dem Kloster , wo es so gesangreiche Mönche gibt , « sagte Bardeloh . » Ich bin doch neugierig , wie sich ein Mönch des neunzehnten Jahrhunderts im Gegensatz zu dem in Andacht aufgelösten Francesco ausnehmen wird . « Einige Gäßchen führten uns zu dem Gebäude . Dieselbe Stille wie vor einigen Tagen ! Grabesruhe lag um das öde Gemäuer , Todesröcheln schien aus jedem Quadersteine heraufzustöhnen . » Hier also sitzt der fidele Vogel ? « fragte Bardeloh . » Der Ort ist passend . Die heilige Schaar ist so klug wie der profane Diplomat . « » Dort an jenem Fenster sah ich den Mann , « versetzte ich und deutete nach dem engen Spalt . - Es blieb Alles still wie ausgestorben . Vor der Pforte wuchsen Gras und Nesseln . » Unkraut , « murmelte Bardeloh . » Gleich und gleich gesellt sich gern . Lassen Sie uns läuten . « Die Glocke dröhnte wie ein lauter , wehmüthiger Lebensschrei in den weiten Gewölben . Ein heiseres Lachen schallte von Oben herab . Es dauerte eine geraume Zeit , ehe der Pförtner öffnete . » Ist der Prior zu sprechen ? « fragte Bardeloh . » Tretet herein in das Haus des Herrn , « erwiederte der Pförtner , eine Gestalt , in der das Menschliche , wie es schien , ohne Widerstreben der Regel unterlegen war . Dieser Mensch konnte für eine simple Null gelten . Er führte uns in das Sprachzimmer und entfernte sich dann , um den Prior zu rufen . Individuen , wie dieser Pförtner , taugen ins Kloster , überhaupt zu gewöhnlichen Pfaffen . Es kommt ihnen nicht schwer an , Thoren zu werden und bei der nothwendigen Metamorphose , die sie innerlich erleiden , geht es ab ohne Todtschlag , ohne Seelenmord . Muß aber ein ganzer , voller Mensch sich dem heiligen Wahnsinn der Satzung , des Dogma ' s fügen , so bleibt diese sogenannte Moralität immer ein unmoralisches Factum . Verfehmung der Menschheit in uns , um sich den sogenannten Himmel zu sichern , ist unsittlich . Der Prior trat ein . Bardeloh schrack gleich mir zusammen , als er in dem Oberen des Klosters einen seiner Abendgäste erblickte . Auch dem Prior schien diese Entdeckung zu geniren . Es war der gewandteste Weltmann im Salon des Particulier ' s. Durch seine stets lächelnde Miene war er mir schon damals aufgefallen , doch hatte ich nicht mit ihm gesprochen . » Was verschafft mir die Ehre Ihres werthvollen Besuches ? « fragte etwas verschüchtert der Prior . » Ei , « erwiederte Bardeloh , » ich konnte doch nicht unterlassen , Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Versetzung abzustatten . « - Der Prior horchte mit offenen Ohren und Augen . - » Ihr Avancement vom Weltgeistlichen zum segenverheißenden Vorsteher eines Klosters ist für mich ein zu bedeutsames Ereigniß . « » Sehr verbunden , sehr verbunden ! « erwiederte der Prior , mit schlauem Tact in Bardeloh ' s Gedanken eingehend . Er drückte meinem Begleiter die Hand , die dieser mit ächt katholisch-andächtiger Grazie an die Lippen führte . » Als alten Bekannten werden Sie mir gewiß einen kleinen Gefallen erweisen , « fuhr Bardeloh fort . » Sie haben zu befehlen , trefflicher Mann , so weit Ihre Wünsche nicht gegen die