Weisheit am Ende gefruchtet ? wahrscheinlich so wenig , als alle Weisheit auf Erden , sobald ein mächtigeres Gefühl das Steuerruder ergreift . Nun so sei es darum , das Vergangene sei vergangen , nur von der Zukunft dürfen wir unser Heil erwarten , und ihr nicht nur würdig , sondern auch vorsichtig entgegen treten , keinen Schritt zu viel , aber auch keinen zu wenig . Dies sei von nun an Deine Aufgabe , Richard ; die meinige , als treuer Berather und Helfer Dir zur Seite zu bleiben . O , die Zukunft ! was kann , was darf ich Unglücklicher , Namenloser vernünftiger Weise von ihr hoffen oder erwarten ? rief Richard . Alles ! habe nur dazu den Muth , erwiederte Eugen . Zur Erreichung eines weit höheren Zieles , als das Deine , von Andern , die in keiner Hinsicht mehr waren als Du bist , wurden in unsrer vielbewegten ereignißreichen Zeit wohl ganz andere Schwierigkeiten besiegt , als die sind , welche Dir im Wege liegen . Soll ich eine Reihe , aus den verschiedensten Ländern stammende Namen Dir nennen , die vor kurzem aus tiefem Dunkel auftauchend , jetzt als leuchtende Sterne auf der nämlichen Bahn glänzen , die Du Dir erwählt hast ? Und schüttle nur nicht so ungläubig den Kopf ; früher , weit früher als Du denkst , können , werden Ereignisse eintreten , die Dir überflüßige Gelegenheit bieten , auch Deinen Namen jenen glänzenden Erscheinungen , die ich Dir andeutete , anzuschließen . Zwar hörte Helena sehr aufmerksam auf alles , was ihre beiden Brüder , wie sie dieselben noch immer nannte , sprachen , doch ohne deutlich zu fassen , wie sie es eigentlich meinten . Ihr einfacher Sinn verlangte und erwartete von der Zukunft fürs erste nur , daß sie alles bleiben und bestehen lasse , wie es gewesen , so lange sie denken konnte . Richard täglich sehen , in den nämlichen Verhältnissen wie bisher , war alles was , wie sie wähnte , ihr zum Glücklichsein unentbehrlich war ; an eine nähere Verbindung mit ihm kam ihr noch kein Gedanke . Aber die Idee , daß ihre Eltern beabsichtigen könnten , sie in Petersburg zu verheirathen , mit der die Amme sie eingeschüchtert hatte , war ihr unbeschreiblich ängstlich , und sie erklärte schon im voraus ihren festen Entschluß , nie darein zu willigen . Im Übrigen ergab sie sich mit großer Bereitwilligkeit darein , sich Eugens Leitung ganz zu überlassen ; sie versprach ihm , nie , unter keiner Bedingung an Richard zu schreiben . Auch dieser gelobte dem Freunde das Nämliche , der dagegen Beiden verhieß , auch hier als Mittelsperson zwischen ihnen einzutreten , und sie nie ohne gegenseitige Nachricht von einander zu lassen . Richard und Helena brachten von nun an die , bis zur Abschiedsstunde noch verfließende Zeit , in stetem Schwanken zwischen Wonne und Schmerz hin . Zwar sahen sie sich täglich , doch immer nur für kurze abgerissene Momente ; und nur selten mochte es Eugens unermüdlicher Vorsorge gelingen , eine geräuschlose Viertelstunde , die ein ungestörtes Beisammensein ihnen gewähren konnte , ihnen zu gewinnen . Von nun an schlichen die langweiligen Tage träge und bleiern , in ihrer grauen Farblosigkeit einer dem andern völlig gleich , dem verlassenen Richard vorüber . Eugen hielt zwar sein Versprechen , aber wie wenig ist ein Brief für das in Sehnsucht und Ungewißheit zagende Herz ! Mehrere Monate vergingen auf diese Weise , Nataliens Hochzeit war längst in Petersburg mit großer Pracht gefeiert , Helena am Hofe vorgestellt , des Winters Annäherung wurde schon merkbar : da endlich fiel ein heller Morgenstrahl in Richards sternlose Nacht ; das Regiment , bei welchem er stand , wurde nach Petersburg verlegt , er selbst zu einem höheren Dienstgrade befördert . Wiedersehn ! welch ein Zauber liegt in diesem kleinen Worte ! der selbst bis an den Rand des Grabes seine Wunderkraft nicht verliert ; der den Sterbenden ermuthigt , und den Zurückbleibenden dem Übermaße des Schmerzes nicht ganz erliegen läßt . Richards Freude war gränzenlos ; Iwan Yakuchin , dem es im Grunde ziemlich einerlei war , ob er in Moskau oder Petersburg lebe , freute ehrlich und treuherzig sich mit ihm , eben nur , weil Richard sich freute ; denn er für seinen Theil wäre wohl lieber in Moskau bei seinen Bekannten geblieben , wenn man ihm die Entscheidung überlassen hätte , doch ohne Richard nimmermehr . Wie alle guten und bösen Stunden des Lebens , ward auch die für Richards glühende Ungeduld höchst peinliche Zeit der Erwartung bis zum Auszuge des Regiments , und der nicht minder ihn fast zur Verzweiflung bringende langsame Marsch , nebst allen damit verknüpften Beschwerden und Unfällen , endlich überstanden . Eugen nahm bei seiner Ankunft in Petersburg seinen Freund sogleich in Empfang , und Richard erlag fast der überwältigenden Freude dieses Wiedersehens , das der Verkündiger eines noch schmerzlicher ersehnten ihm war . Der Fürst , die Fürstin , Natalia und ihr junger Gemahl , sie alle nahmen mit dem nämlichen herzlichen Wohlwollen , mit welchem sie von ihm geschieden waren , ihren Schützling als ganz zu ihnen gehörend wieder auf . Auch Eugens ältere Brüder fand er in ihrem väterlichen Hause versammelt , und die jahrelange Trennung von den Gefährten seiner Kindheit hatte keinen von ihnen ihm entfremdet . Der älteste , Fürst Isidor , der nur um seine Eltern wiederzusehen , und der Vermählung seiner Schwester beizuwohnen , nach Petersburg gekommen war , suchte auf das Freundlichste ihn zu ermuthigen , und ging auf mehr als halbem Wege dem Jünglinge entgegen , den er vor vielen Jahren in seinem väterlichen Hause als Kind gesehen , und der beim ersten Anblick der ihm ganz fremd gewordenen , imposanten Gestalt des schönen jungen Mannes , zögernd und verlegen vor ihm stand . Anders war es mit dem Fürsten Alex , Eugens zweitem Bruder , welcher in der Zeit ebenfalls zu einem recht stattlichen Marineoffizier sich entwickelt hatte . Dieser war durch die größere Gleichheit ihres Alters Richarden schon früher weit näher gebracht , als der von Jugend auf ernste weit ältere Bruder , der immer von den jüngern Knaben wie eine Art Respektsperson betrachtet worden war . Mit recht treuherziger Beredsamkeit sprach Alex seine Freude über das Wiedersehen seines alten Spielkameraden aus ; manch lustiges Ereigniß aus ihrer frühen Knabenzeit kam unter den Beiden gleich in der ersten Stunde wieder zur Sprache ; Eugen verfehlte nicht , lebhaften Antheil daran zu nehmen , und unter fröhlichem Geplauder , unter Lachen und Scherz , fühlte Richard zum erstenmal seit langer Zeit sich wieder zu Hause , unter den Seinen . Helena allein war bei Richards Empfange im Kreise ihrer Familie nicht zugegen gewesen ; denn Eugen hatte unter einem leicht zu findenden Vorwande die nichts ahnende Schwester vom Hause entfernt gehalten . Richard war darauf vorbereitet gewesen sie nicht zu finden , und mußte , wenn gleich mit schwerem Herzen , die Vorsicht des treuen Freundes billigen , die beide der schweren Aufgabe entziehen wollte , ein solches Wiedersehen vor Zeugen zu bestehen , ohne ihr eignes theuerstes Geheimniß zu verrathen ; um so heftiger aber war Helenas Zorn , als sie Eugens Verrath , wie sie es nannte , bei ihrer Zuhausekunft erfuhr . Sie blieb die ganze , in schlafloser Erwartung zugebrachte Nacht hindurch unversöhnlich , bis Morgens , zur gewohnten Stunde , der Freund von ihrem Bruder geleitet in ihr Zimmer trat . Er fand , wie vorauszusehen war , sie allein . Ein Wiedersehen wurde gefeiert , das unbeschrieben bleiben mag . Nicht Jahre , nur Monate lagen zwischen dieser Stunde und der des Scheidens , aber um so wunderbarer mußte die auffallende Veränderung erscheinen , die während dieses kurzen Zeitraums mit der jungen Fürstin vorgegangen war . Ohne an süßem Liebreitze oder anspruchsloser Natürlichkeit dadurch zu verlieren , war das fröhlich-unbefangne Kind , wie durch einen Zauberschlag , zur lieblichsten Jungfrau erblüht . Helena schien größer geworden zu sein , ihr Auge strahlender ; ihre Gestalt hatte in seltener Vollkommenheit sich entwickelt . Alles an ihr , ihr Gang , ihr Blick , der Ton ihrer Sprache , deutete bei liebenswürdigster Anmuth auf eine eigne Sinnesfreiheit , ein Selbstbewußtsein , eine Sicherheit des Geistes hin , die bei ungeheuchelter Bescheidenheit zu einer der blendendsten Erscheinungen sie erhob . So durchbricht während einer einzigen lauwarmen Frühlingsnacht die junge Rose die sie verbergende grüne Umhüllung , und entzückt alle Augen und Herzen , indem ihre der Knospe entquellenden Purpurblätter die hohe Pracht verkünden , die sie später , in duftendem Schimmer völlig erblühend , vor der Sonne entfalten wird . Du siehst so verwundert , so befremdet mich an ? fragte Helena lächelnd , sobald der erste , jeden andern Gedanken überwältigende Freudentaumel es erlaubte . Und kann ich anders ? erwiederte Richard : ich sehe Dich , ich halte Dich ; Du bist es und Du bist es nicht . Entzückt , betäubt stehe ich vor Dir ; Du bist mir so bekannt und doch so fremd . Ich möchte anbetend vor Dir hinknieen , wie vor einem Wunderbilde , das vor meinen geblendeten Augen ein Götterhauch von oben belebte . Helena , sage mir , was ist mit Dir vorgegangen ? Was soll denn mit ihr vorgegangen sein ? sie hat die Kinderschuhe ausgezogen und ist eine große vornehme Dame geworden , wie es ihr denn auch nicht anders gebührt . Am Hofe wie in der Stadt wird sie allgemein bewundert und verehrt ; da muß sie doch wohl den Kopf ein wenig höher halten als sonst ? rief eine laute , etwas kreischende Stimme dazwischen . Es war die Amme , die sich herbei drängte , um auch ihrerseits den lange nicht Gesehenen zu begrüßen , und die beim Eintritte in das Zimmer Richards letzte Worte , aber auch nur diese , gehört hatte . Ja so ist es , die alte Pythia hat wahr gesprochen , seufzte Richard , nachdem die Amme sich wieder entfernt hatte . Du schöner Stern ! Du wandelst in aller Deiner glanzvollen Herrlichkeit hoch über mir , auf Deiner Dir gemessenen Bahn ; bewundernd blickt eine Welt anbetender Verehrer zu Dir auf ; sie alle , vornehm , reich , brillant , wie Du selbst es bist , dürfen Dir folgen , Dir dienen , um Deine Huld sich bewerben , während ich armer dunkler Erdensohn im Staube , unbemerkt , tief unter ihnen und Dir - - Kein Wort weiter , kein einziges dieser Art mehr , wenn Du nicht absichtlich mich erzürnen willst , gebot ihn unterbrechend Helena , und richtete sehr ernst sich hoch empor . Was sollen solche Jämmerlichkeiten zwischen uns ? kennst Du mich so wenig ? fuhr sie sehr lebhaft fort . Ich kann und will Dir nicht heucheln , denn ich bin von Natur jeder Lüge abhold ; ich kann Dich nicht glauben machen wollen , daß ich nicht gern bin was ich bin , oder daß ich lieber in einer Hütte leben möchte , als im Palaste meiner Eltern . Ich wäre ein unnatürliches Geschöpf , wenn ich nicht lieber Gefallen als Mißfallen erregte , wenn Tanz , Musik und aller Glanz , der mich umgiebt , mir keine Freude machten , und darf von Dir fordern , daß Du diese Freude gern mir gönnst . Denn Du mußt mir vertrauen wie ich Dir vertraue , und keine armselige Eifersüchtelei darf zwischen uns treten . Im Herzen bin ich Dein , und bleibe es , denn ich kann nicht anders ; Du gehörst zu mir , wie ein Theil von mir selbst ; dies Gefühl ist mit mir aufgewachsen ; ich kann mir gar nicht denken wie es wäre , wenn ich Dich nicht hätte oder nie gehabt hätte . So bleibt es , daran laß ' Dir genügen ; mag es übrigens um uns her werden wie es wolle , ich bleibe wie ich bin . Auch in Petersburg , wie früher in Moskau , war Iwan Yakuchin Richards treuer Freund geblieben . Die heitre Gegenwart des stets lebenslustigen Gesellen trug nicht wenig dazu bei , ihm über manche dunkle Stunde hinaus zu helfen , deren er jetzt leider nicht wenige zählte . Tage , ja Wochen vergingen , während welchen Helena und selbst Eugen , hingerissen von dem geräuschvollen Treiben der großen Welt , in deren Mitte sie jetzt lebten , ihm kaum einige , gleichsam im Fluge zu erhaschende Augenblicke schenken konnten . Der Abstand zwischen sich und ihnen ward ihm dann so fühlbar , so drückend , daß er darüber in Trübsinn und Hoffnungslosigkeit rettungslos hätte untergehen müssen , wäre Iwan mit seiner unversiegbaren Fröhlichkeit nicht dazwischen getreten , und hätte ihn zu Vergnügungen fortgerissen , die ihm zwar wenig Genuß , aber doch Zerstreuung gewährten . Auf diese Weise gerieth Richard auf Kaffeehäusern , in Restaurationen und an ähnlichen Orten in eine zahllose Menge von Bekanntschaften , von denen nur sehr wenige seinem verfeinerten Gefühle für Geselligkeit zusagen konnten . Doch um so weniger durfte er es wagen , seinen gar zu treuherzigen Freund ihnen allein zu übergeben . Der gutmüthige , nichts weniger als argwöhnische Iwan hatte sich sogar schon einigemal an Orte verlocken lassen , wo in Vergnügen verkleidete Raubsucht in tiefer Verborgenheit ihr wüstes Wesen treibt , und nur Richards Gegenwart war es gelungen , den Unvorsichtigen aus ihren Klauen zu befreien , und ihn vor allerlei andern gefährlichen Abenteuern zu bewahren . Eines Abends gingen beide Freunde mit eintretender Dämmerung Arm in Arm ihrer Wohnung zu . Es war um die Zeit , wo der Winter dem im Norden mit rascheren Schritten heraneilenden Frühlinge zu weichen beginnt ; die Newa hatte ihre starre Eisdecke abgeworfen , der Schnee war verschwunden , und ein scharfer Ostwind hatte , selbst in dem sehr abgelegenen , etwas verrufenen Quartiere der Stadt , in welchem sie sich eben befanden , das Labyrinth von engen Gäßchen gangbar gemacht , das nur selten der Fuß der Bewohner der breiten prächtigen Straßen von Petersburg zu betreten pflegte . Beide Freunde befanden sich eben in keiner rosenfarbnen Stimmung . Richard , durch einen glücklichen Zufall geleitet , hatte abermals seinen leichtsinnigen Schützling in einem der berüchtigtsten heimlichen Spielvereine aufgefunden , und ihn mit sich fortgeführt . Er war in einer sehr nachdrücklichen Strafpredigt begriffen , die Iwan , in seiner großen Unzufriedenheit mit sich selbst , geduldig und reuevoll über sich ergehen ließ , denn er hatte so eben den größten Theil seiner Baarschaft am grünen Tische zurückgelassen . Einige demüthige Versprechungen sich zu bessern waren alles , was er seinem zürnenden und beredten Freunde entgegenzustellen wagte ; doch er hatte diese schon zu oft geleistet , und zu oft gebrochen , um einen gewichtigen Eindruck davon hoffen zu können . Endlich wurde er aber doch des bloßen Anhörens müde : Es geht nicht mit rechten Dingen zu , ich sage Dir ich bin behext , rief er sehr lebhaft . Richy , Du weißt es ja selbst , daß ich am eigentlichen Spielen nicht mehr Freude habe als Du . Wenn es auch anfänglich mich amüsirt , es wird mir immer gleich wieder langweilig , besonders wenn ich gewinne . Anderer Leute Gold einzusäckeln schäme ich mich , ich spiele weiter fort , um es wieder los zu werden ; dann geht gemeiniglich auch mein eigenes mit zum T .... l , das verdrießt mich , ich spiele weiter , um es wieder zu bekommen , und so wird das Übel immer ärger . Daß man mit solchen Gesinnungen kein Spieler vom Fach werden kann , siehst Du doch ein . Aber ich will mich bessern , das schwöre ich Dir zu , Richy ; wenn nur die lustige Gesellschaft mich nicht lockte , ich rührte zeitlebens weder Karte noch Würfel an . Die lustige Gesellschaft ? eiferte Richard : wahrhaftig eine saubere Gesellschaft ! Giebt es in der Welt ein abstoßenderes Gesicht , als das im braunen Überrocke , das Dir heute schon zum drittenmal gegenüber saß . Ich meine den großen starken Mann , mit der grünen Brille vor den Augen . In seinem Wesen liegt etwas , das ihm das Ansehen eines Mannes von Stande giebt . Das ist er aber auch , fiel Iwan , froh dem Gespräche eine andere Wendung geben zu können , hastig ein ; sie nennen ihn alle Herr Baron , seinen Namen habe ich aber noch nicht erfahren können . Sei er was und wer er wolle , sprach Richard sehr unmuthig , er ist mir tief in der Seele zuwider . Was man eigentlich häßlich nennen könnte ist er nicht , aber sein versteinertes Gesicht sieht wie der verödete Wahlplatz aller nur möglichen gehässigen Leidenschaften aus , die jemals eine enge Menschenbrust durchtobten . Nimm dazu den gleißenden Heuchlerschein , mit dem er seine innere Verworfenheit zu überkleistern strebt ; recht wie ein getünchtes Grab , von außen Schaumgold , von innen Greuel der Verwesung . Dich in seiner Nähe zu sehen , kann ich nun einmal gar nicht ertragen . Still ! denk ' an das Sprichwort vom Wolf ; wenn nicht alles mich täuscht , biegt er dort , zwanzig Schritte vor uns , um die Ecke , flüsterte Iwan , und strengte seine , durch das frühere Leben im Gebirge mit der Schärfe eines Wilden begabten Augen und Ohren an , um die neblige Dämmerung die vor ihm lag zu durchdringen . Richard sah nur undeutliche Umrisse einer vor ihnen sich bewegenden Gestalt . Ich höre seine Stimme , ich höre auch eine weibliche klagende ; schnell , da müssen wir hin , rief Iwan plötzlich , und riß seinen Freund im Sturmschritt mit sich vorwärts . Sie erreichten in wenig Secunden eine seltsame Gruppe ; eine schlanke , jugendliche , in Mantel und Schleier sittsam verhüllte Gestalt , eine kurze , dicke , theatralisch bunt aufgeputzte ältliche Frau von durchaus nicht einladendem Äußern , und neben ihnen den eben besprochenen Baron , der eben hinzutrat . Das Mädchen zitterte in sichtbarer Angst , die Alte keifte , der Baron suchte mit einschmeichelnder Rede das Mädchen zu beruhigen . Ich danke Ihnen sehr , gewiß ich bin Ihnen recht dankbar , liebe Madame , sprach es fast weinend in gebrochnem Russisch ; aber lassen Sie sich erbitten , und nennen mir endlich den Namen der Straße , wohin ich will und Sie die Güte haben wollen , mich zu führen ; ich habe ihn zwar vergessen , aber ich besinne mich gleich wieder darauf , wenn ich ihn höre ; es ist nur , damit ich gewiß weiß , daß Sie sich nicht vergebliche Mühe mit mir machen . Was für Umstände ! was denken Sie denn , wofür halten Sie mich ? meinen Sie ich hätte Zeit und Lust , stundenlang hier mit Ihnen zu verweilen ? erwiederte mit harter keifender Stimme die Alte . Wenn ich Ihnen nun sage , Herr Lange ist mein guter Bekannter und nächster Nachbar , ist das nicht genug ? Kurz und gut , Jungfer , entweder Sie gehen mit mir , oder Sie bleiben hier allein , mitten unter dem betrunkenen Volke , das gleich hier aus den Branntweinskneipen herauskommen wird . Frau Marina ist heftig , aber grundgut , sie ist meine alte Freundin , und Sie können sich ihr sicher anvertrauen , nahm jetzt der Baron das Wort . Ach , ich fürchte mich so ! seufzte das Mädchen . Aber wovor ? fragte der Baron , der erst seit ein paar Minuten den beiden sich zugesellt hatte ; ich höre an Ihrem Dialekte , daß Sie eine Deutsche sind , und so bitte ich Sie , vertrauen Sie dem Worte eines Landsmannes Sie sind unter Freunden , fuhr er in deutscher Sprache fort , die gute . Frau wird Sie sicher führen . Ich selbst will sie beide begleiten , setzte er in russischer Sprache hinzu , der Weg ist zwar ein wenig weit , aber wir treffen wohl bald einen Wagen - Ach , mein Herr , weit von hier kann es nicht sein , das ist nicht möglich , unterbrach ihn das Mädchen ; ich habe mich verirrt , und kann mich allein nicht wieder zurecht finden , aber ich bin gar nicht lange gegangen ; weit von Hause bin ich gewiß nicht . Wenn man in der Angst vorwärts läuft , zählt man weder Schritte noch Minuten , erwiederte der Baron , daher nehmen Sie nur ganz unbesorgt den Arm an , den die gute Frau Marina Ihnen bietet , und lassen Sie uns machen , daß wir fort kommen . Zwar unter Zittern und Zagen , aber doch hingerissen von dem vaterländischen Laute , war das Mädchen wirklich schon mehr als halb entschlossen , diesem Rathe zu folgen , als Iwan plötzlich dazwischen trat . Halt ! rief er ; auch ich kenne die gute Frau Marina , wenn gleich nur dem Rufe nach ; doch das ist genug , um nimmer zugeben zu können , daß eine junge Dame , wie Sie , mit ihr geht . Hier steht mein Kamerad , wir beide sind bereit Sie hinzuführen , wohin Sie wollen , aber mit der da , wenn Ehre und - - Wahrhaftig ein paar treffliche Begleiter , die sich Ihnen so ganz unverhofft anbieten , schrie die Alte laut auflachend : nun Jüngferchen , Glück zu , wenn Sie etwa lieber bei Nacht und Nebel mit ein paar jungen Militärs die Stadt durchziehen wollen , als mit einer ehrbaren Frau gehen - - So bin ich wenigstens noch da , um mich meiner Landsmännin anzunehmen , und werde solch einen Scandal nimmermehr zugeben , rief der Baron , und trat auf die beiden Freunde zu , während das geängstete Mädchen jetzt wirklich anfing laut zu weinen . Wie , Ihr Herren , was unterfangt Ihr Euch , fuhr er fort , eine junge Dame auf öffentlicher Straße - wißt Ihr wohl wer und was - - Was giebt es hier ? Worüber weint die junge Person ? erscholl plötzlich eine wohltönende , gebietende Stimme . Ein großer , in Mantel und Hut tief verhüllter Mann , der schon lange in einiger Entfernung den beiden Freunden gefolgt war , und wahrscheinlich ihr Gespräch , wenigstens zum Theil mit angehört hatte , stand mitten unter ihnen ; alles schwieg , betroffen von der eben so unerwarteten , als imposanten Erscheinung . Sagen Sie mir , was Sie so traurig macht , Mademoiselle ? vielleicht kann ich helfen , wiederholte mild aber ernst der Unbekannte . Wer sind Sie , wie heißen Sie ? fragte er nochmals , als er von dem erschrockenen Mädchen keine Antwort erhielt . Ach ich weiß nicht , ich weiß nicht , ich bin hier fremd , und habe in der großen Stadt mich verloren , schluchzte das Mädchen besinnungslos . Nun wie Sie heißen , und bei wem Sie wohnen , werden Sie doch wissen ; denken Sie nur ein wenig nach , erwiederte der Unbekannte mit einem gewissen Tone der Stimme , der deutlich verrieth , daß es ihm schwer werde , das Lachen zu unterdrücken . Mittlerweile war das furchtsame Kind doch wieder zu einiger Fassung gelangt . Ich heiße Julie Reinert , sprach sie rasch und ängstlich hinter einander weg ; ich habe keine Eltern , mein Vormund hat mich von Königsberg hieher zu seinem Bruder , dem Musiker Lange geschickt ; ich bin erst seit vier Tagen hier ; ich habe die Schwester der Frau Lange besucht , und habe auf dem Rückwege mich verirrt . Also bei dem Pianofortisten Lange wohnen Sie ? erwiederte der Unbekannte sehr freundlich ; ich kenne ihn , und auch seine Frau ; sie war früher eine sehr beliebte Sängerin bei unserm deutschen Theater . Fassen Sie Muth , mein Kind , Sie sind bei braven Leuten . Aber was hatten denn Sie , Madame , mit diesem jungen Frauenzimmer zu streiten ? fragte er im Verhör fortfahrend , und wollte an Frau Marina sich wenden , doch die Stelle , wo diese gestanden , war leer , sie sowohl als der Baron waren mittlerweile unbemerkt verschwunden . Hatte der Wind das edle Paar durch die Lüfte fortgeführt ? hatte die Erde es verschlungen ? keine Spur davon war weder hörbar noch sichtbar . Sonderbar ! sprach der Unbekannte vor sich hin ; es waren ihrer zwei , wo sind sie hin ? kannten Sie diese Leute ? und wer waren sie ? fragte er , an den ihm zunächst stehenden Richard sich wendend . Nur von Ansehen , versicherte dieser in seinem und seines Freundes Namen . Es lag in der Gestalt , im Wesen , in der Sprache des Unbekannten etwas seltsam Überwältigendes , Ehrfurcht und Gehorsam Gebietendes , dem weder Richard noch Iwan zu widerstehen vermochten . Offen und wahr gaben beide ihm alle Auskunft über sich selbst , die er verlangte . Auch Julie Reinert wurde ruhiger , als fühle sie sich unter der Obhut eines mächtigen , ihr wohlwollenden Beschützers . Auf seinen Befehl überließ sie sich ohne Weigerung der Führung der beiden jungen Männer , denen er den Weg zu der wirklich nicht sehr entfernten Wohnung des Musikers Lange deutlich beschrieb . Noch heute werde ich mich erkundigen lassen , ob das Ihrem Schutze empfohlene Frauenzimmer sicher zu Hause gekommen ist ; übrigens sind auch Ihre beiden Namen mir nicht fremd , rief er beim Fortgehen mit ernstem Nachdruck den Freunden noch zu , und war nach wenig Augenblicken den ihm nachschauenden Augen , in der schon zur Nacht sich verdickenden nebelhaften Dämmerung verschwunden . Still und schweigend gingen alle Drei raschen Schrittes den ihnen angedeuteten Weg , und gelangten , ehe sie es vermutheten , aus dem verworrenen Labyrinthe der engen Gäßchen in eine der breiten , hell erleuchteten und volkreich belebten Straßen von Petersburg , ganz nahe an Herrn Langes Wohnung . Ist mir doch als hätte ich lebendigen Leibes , mit weit offenen Augen , ein Mährchen erlebt , wie man sie sonst wohl auf dem Theater nur aufführen sieht , fing Iwan jetzt an . War es doch als stünde ein mächtiger Zauberer vor uns , dem wir gehorchen und Rede stehen mußten , wie er es verlangte . Und wo sind nur der Baron und die saubre Frau Marina hingekommen ? Begreifst Du etwas von dem Allen , Richy ? Du bist doch sonst immer viel verständiger als ich . Es wäre gewiß verzeihlich , wenn man sich hier verleitet fühlte , an eine überirdische Erscheinung zu glauben , die der Unschuld sich annimmt , und böse Geister verscheucht . Wer kann dieser Unbegreifliche sein ? erwiederte Richard nachdenklich . Mein schützender Engel in Menschengestalt ! frohlockte Julie Reinert , die , seit sie jenes Gewinde enger Gäßchen hinter sich gelassen hatten , ganz getrost worden war . Ein kleiner , in Mütze und Pelz wohl verwahrter , mit einem keulenartigen Stocke und einem Regenschirme wohl bewaffneter Mann , trat in diesem Augenblicke ganz keck auf sie zu ; Julie , sobald sie ihn gewahrte , warf mit einem Freudensprunge sich ihm in die Arme , so daß der Kleine Stock und Regenschirm darüber fallen lassen mußte . Bist Du es ? bist Du es auch ganz gewiß ? rief er auf deutsch , und zog sie vorwärts , um beim Schein einer Straßenlaterne sie besser zu betrachten . Ja Du bist es , Du desertirter Kanarienvogel , herein mit Dir in Deinen Käfig ; ob Du uns Noth gemacht hast , Du malitiöse Person ! Jetzt eben jagte Frau Karoline mich zum Hause hinaus , ohne Dich soll ich ihr nicht wieder vor die Augen kommen . Aber ist das auch eine Art ? bis in die sinkende Nacht , so ganz allein - aber wo ist mein Schirm und mein Stock - ei da sind ja auch ein paar Herren , also nicht ganz allein ? Guten Abend , meine Herren , wen habe ich die Ehre zu sprechen ? damit stellte der kleine bepelzte Mann sich kerzengerade , dicht vor die beiden Freunde , in einer etwas herausfordernden Stellung hin . Mühsam des Lachens sich erwehrend , beantworteten Iwan und Richard auf das Höflichste die an sie ergangene Frage ; berichteten dann in wenigen Worten , wie sie die junge Dame in einiger Verlegenheit getroffen , weil sie sich nicht nach Hause zu finden gewußt , wie sie sich ein Vergnügen daraus gemacht hätten , sie sicher zu begleiten , und wie sie sich jetzt empfehlen wollten , indem sie das Fräulein in Sicherheit bei den Ihrigen sähen . Aber der Kleine wollte das nicht erlauben ; halt , rief er , das gilt nicht ; wie der Fuchs vom Taubenschlage wegschleichen , ohne förmlichen Bericht ? ohne schuldige Danksagung von unsrer Seite , wollte ich sagen ; setzte er sich besinnend hinzu . Die da lacht zwar jetzt , aber das soll ihr schon vergehen , wenn die gestrenge Hausfrau dort oben ein schweres Gericht über sie ergehen lassen wird , wie sie es denn nicht anders verdient . Die gestrenge Hausfrau , wie Herr Lange seine eigene hübsche Frau nannte , erschien in diesem Augenblicke selbst ; ein allerliebstes , kugelrundes Figürchen , nicht zu jung , nicht zu alt . Sie lachte und weinte , sie schalt und liebkoste Julien , alles das in einem Athem , indem sie dieselbe in Empfang nahm . Unter ununterbrochenem liebenswürdigem Geschwätz eilte sie mit ihr ins Haus , die Treppe hinauf , ins Zimmer hinein ; dankte zehnmal den Begleitern ihres Lieblings , versicherte , gleich morgenden Tages der Schwester einen derben Leviten lesen zu wollen , weil sie die Kleine habe allein gehen lassen , schilderte die Todesangst , die sie über das lange Außenbleiben derselben inzwischen ausgestanden , schalt ihren Eheherrn einen Träumer