? Komm einmal hierher , liebe Cottington , und sieh , wie schön der Blick in die Landschaft ist , recht stärkend für meine alten Augen , überall das schöne Grün , und die laue Luft , so frisch und duftig von all ' den jungen Blüthen ! - Mistreß Cottington hatte sich freundlich genähert , den Blick verfolgend , den die Herzogin mit kindlichem Vergnügen wieder hinaus richtete . Siehst Du hier wohl das Nest zwischen den feinen Zweigen der Birke , die uns zunächst steht ? Ich habe die kleinen Thierchen beobachtet , wie sorgfältig und fröhlich sie bauen ; das Häuschen muß noch nicht fertig sein , denn mit großem Jauchzen brachte eben eins ein weißes Fläumchen in dem Schnabel , und hatte dann viel Arbeit , es unterzubringen . - Lovelace , sagte sie zu dem alten Kammerdiener , sei nicht so geizig mit Deinem Backwerk oder Weizenbrote , erübrige mir ein wenig für mein kleines Vogelpaar , die armen Schelme werden da draußen noch nicht viel finden und müssen nach der Arbeit wol hungrig einschlafen . Wenn meine Enkelin Lucie kommt , fuhr sie fort , die ihr dargereichten Krümchen auf dem silbernen Teller zerflückend , dann soll sie dies auf den Rand des Altans streuen , die scharfen Aeuglein da oben werden schon Acht haben und es abholen . So beschäftigt ward sie von ihrer eintretenden Schwiegertochter und ihren beiden Enkelinnen überrascht , und , ehe sie sich zum Gruße erheben konnte , von allen dreien zärtlich auf ihrem Platze festgehalten . Ihr freundliches Sträuben ging bald in die Liebkosungen über , mit denen sie alle begrüßte , als ob sie seit der Tafel lang getrennt gewesen . O komm , mein gutes Kind , sagte sie zur Herzogin , setz ' Dich so , daß Du just den Blick in die Ferne hast , wie ich . Lovelace rücke meinen Stuhl ; so , und nun nimm diesen hier ein . Wie geht es Dir denn ? sagte sie , halb zu ihr aufblickend , doch die Herzogin hatte , ehe noch ihre Einrichtungen zu Stande kamen , ein Tabouret zu ihren Füßen geschoben und sich schnell so zu ihr gesetzt , daß sie ihren Kopf an die Armlehne des Stuhles lehnen konnte , in dem die liebenswürdige Greisin saß . Sie wollte nun freundlich dankend zu ihr aufschauen , aber ihr Blick tauchte unter in schnell hervorbrechenden Thränen , und sie senkte das Haupt in die zärtlich ihr entgegen gestreckten Hände . Geliebtes Kind , erhebe Dein Herz ! sagte die alte , gerührte Mutter ; diejenigen glücklich zu wissen , die wir lieben , ist ein reineres Besitzthum , als der Genuß , mit ihnen das zu theilen , was mangelhaft ist , wenigstens durch den irdischen Antheil , den wir ihm beifügen . - Ja wohl , ja wohl ! seufzte die Herzogin aus überzeugter Brust , auch weiß ich kaum , ob es Schmerzensthränen sind , die Du siehst , aber Dein liebevoller Empfang , Deine Engelmilde , es löst in meiner Brust die Herbigkeit , die , - Du kennst mich ja , sagte sie , wie zagend zu ihr blickend . Ich weinte eben , ich glaube aus Sehnsucht , Dir ähnlich zu werden ! - Nun schwärmst Du gar , mein liebes Herz , erwiederte die alte Lady lächelnd , und willst das sich neigende Haupt der alten Mutter noch ein Mal erheben , und gar mit dem bösesten Feinde der Menschen , mit dem Stolze . Sie strich dabei , als ob sie ein Kind vor sich hätte , mit ihren weichen , duftenden Händen die Stirn und die Wangen ihrer Schwiegertochter , und tupfte mit ihrem Tuche sanft die schönen , thränenfeuchten Augen . Nie war die Herzogin so ganz ihrer edlern Natur hingegeben als in der Gegenwart der geliebten Mutter ihres Gemahls . Sie hatte so früh die eigene verloren , daß sie das Glück , von einem älteren weiblichen Wesen ihres Standes mütterlich geliebt zu werden , erst nach ihrer Verheirathung kennen lernte . Als die Herzogin mit ihrem Gemahl und dem Grafen Archimbald aus Spanien zurückkehrte , lebten beide Frauen in Godwie-Castle bis zum Tode des Herzogs , wo alsdann die Witwe das freundliche Schloß Burtonhall bezog , welches ihr Gemahl zu ihrem Aufenthalte bestimmt hatte . Das oft Störende in dem Karakter der jüngeren Herzogin war eine ihr leicht mögliche Härte , in Gesinnung , Urtheil und Worten , eine rauhe , tugendhafte Strenge , die sie sich selbst auferlegte , aber auch von Andern mit kalter Uebergehung dessen forderte , was mildernd oder begütigend solchen Anforderungen hätte entgegen treten können . Ihr tief leidenschaftliches Gemüth verbarg sie aus Stolz unter einer kalten Miene und Haltung ; aber von Jugend auf durch eine freie , uneingeschränkte Ausübung ihres Willens verzogen , überraschte sie beim leichtesten Widerstande eine Heftigkeit , die zwar nur vorübergehend , doch in ihren Folgen nicht immer gut zu machen war . Dessenungeachtet hatte sie eine schöne und großartige Karakteranlage , ein Herz , das in seinem Stolze auch eine große Reinheit bewahrte , und die Klarheit des Verstandes , die ihr einen hellen Blick auf sich gestattete . Oft ward sie dadurch unzufrieden mit sich , doch durch zu schmeichelnde äußere Verhältnisse immer wieder abgelenkt , ließ sie die Fehler altern , bis sie einen Theil ihres Selbstes ausmachten und nur noch einzelne wehmüthige Stimmungen herbeiführten , die wie Sehnsucht nach einem mildern Zustande sich regten , den sie aber , so lang verwöhnt , nicht mehr erreichen zu können wohl selbst fühlte . Sie hatte wenig Freunde gewonnen und war meist auf die Bande eingeschränkt , womit die Natur in ihren nächsten Verhältnissen sie umgab ; aber daß sie die Herzogin sich gewonnen hatte , daß diese seltne Frau , ein vollkommener Gegensatz ihres eigenen Selbstes , ihr Liebe geschenkt hatte und erhielt , und nie sich durch ihre Fehler verscheuchen ließ , das war der süßeste Trost ihres Herzens , und an diesem Gefühl löste sich auch in ihrer Gegenwart am ersten die starre Haltung , die sie oft so störend gegen Andere behauptete . Nie war es dagegen irgend wem gelungen , die wahre Meinung der ältern Herzogin über ihre Schwiegertochter zu erfahren ; sie liebte sie mit mütterlicher Aufmerksamkeit , ihre Fehler schien sie nie zu sehn ; doch wenn ste dieselben gut zu machen suchte , so wußte man nie , ob sie dieselben wirklich bemerkt hatte , oder ob es ihr blos selbst eben um das Vergnügen war , etwas Liebes zu thun . Dankbar fühlte die junge Herzogin diese grenzenlose Schonung , die in nichts ihren Stolz reizte oder verwundete , da Alles blos von der zärtlichsten Liebe eingegeben schien . Indessen wünschte heute die ehrwürdige Mutter nicht , die Weichheit ihrer Schwiegertochter zu vermehren , und leicht kehrte dieselbe zu der durch lange Gewöhnung ihr natürlich gewordenen ruhigen Haltung zurück . Um ihr Zeit zu gönnen , fuhr jene fort , von ihrem Sitze aus , alle zu begrüßen , die sich nach und nach in dem Zimmer versammelten , und nächst den beiden Gouvernanten der jungen Gräfinnen aus Mistreß Morton und dem Caplan des Schlosses , dem Master Copley , bestanden . Sogleich vermißte die Herzogin Stanloff , und Master Copley brachte seine Entschuldigung , daß Geschäfte ihn noch einige Stunden entfernt halten würden . Alles nahm nun Plätze ein , um die alte Lady her ; die Herzogin zu ihrer Rechten , Arabella , ihre älteste Tochter , ein schönes Mädchen in der ersten Blüthe , zu ihrer Linken ; dann so fort die Damen , die , aus angesehenen Familien und von vorgeschrittener Bildung , ganz dazu berechtigt waren , zu dem Familienkreis gerechnet zu werden . Lucie , die jüngste Enkelin und ein Liebling der Großmutter , saß schon längst mit der ruhigen Sicherheit , die Kinder so reizend da üben , wo sie sich geliebt wissen , vor der alten Lady auf dem rothen Fußkissen . Sie hatte ihr schönes blondes Lockenköpfchen auf beide dicke Händchen gestützt , und blickte mit großen blauen Augen unverwandt in die von der untergehenden Sonne sich färbende Gegend . Es war ein unaussprechlich reizender Anblick , das schöne blühende Kind in seinem Trauerkleidchen , die üppigen blonden Locken an den Schläfen mit schwarzen Schleifen zusammengehalten , in diesen Ausdruck ernsten Nachdenkens vertieft zu sehn , den Kinder wohl nur in einem holden Schlummer der Seele annehmen , und der uns doch erinnern will an das Verfolgen hochwichtiger Dinge , welches nur spätern Tagen aufgehoben bleibt . Sie zog die Augen Aller auf sich , und man tauschte Blicke , die das Vergnügen über diesen Anblick verriethen . Auch war es nicht die Art der alten Lady , störend auch nur in den Blick eines Auges zu dringen ; daher ließ sie das holde Kind gewähren und bewahrte ihr selbst ihre Liebkosungen auf , bis sie von selber erwachen würde . Dagegen mußte Lovelace den schönen silbernen Kessel , welcher über einem zierlichen eisernen Kohlenbecken schwebte , in den Kreis stellen , und daneben den mit silbernen Kannen , Tellern und Büchsen reich besetzten Tisch . Mit der lieblichen Heiterkeit , die Alle sofort in ihrer Nähe belebte , begann die alte Lady , zur Herzogin sich wendend : Du siehst , meine liebe Tochter , meine alte Liebe bleibt mir getreu ; Friedrich von Nassau besorgt noch immer meinen Theetisch mit dem feinen Aroma seiner Chinesischen Lieblinge , und ich bin ihm herzlich dankbar dafür , denn wahrlich nichts scheint mir unter den vielen schönen Gaben zur Labung und zur Stärkung unsers Körpers mehr für mich da zu sein , als diese balsamischen Blätter . Höre ich den lieblichen Ton des Theekessels , so setze ich mich erst behaglich zurecht , und mein zärtlicher Freund hätte nichts Besseres erdenken können , um sich der Gesinnung seiner alten Freundin zu versichern . - Schade , liebe Mutter , sagte die Herzogin , in den heitern Ton einzugehen sich bemühend , daß auf unserm Boden nichts gedeihen mag , was dem liebenswürdigen Herzog ein ähnliches Bedürfniß angenehm befriedigen könnte ; denn das Neue und Erfreuliche der fremden Welttheile werden die thätigen holländischen Meerbeschiffer uns immer noch zuerst bieten können . Den Geist , den Elisabeth bis in die Segel ihrer Schiffe zu hauchen verstand , und der unter Hug Willoughby ' s Anführung auch diesen lieblichen Blättchen den leichtern Weg zu erspähn wußte , wo ist er jetzt geblieben ? Wer wird nach Walter Raleigh mit neuen Goldminen uns beschenken und so muthig die trügliche Wasserfläche durchziehen , die er leichter befuhr , als andere den grünen Plan der Wiesen ! Wohl wahr , seufzte die alte Lady , und eine leichte Wehmuth glitt über ihren klaren Blick . Es war ein Gruß der Liebe , den sie dem enthaupteten Freunde ihres Gemahls hinüber sandte . Seinem Andenken Frieden ! sprach sie weiter ; Raleigh verlor das Ziel , welches seiner schönen Jugend vorgeleuchtet , als hätte sein Auge sich getrübt ; wie viel hätte er seinem Vaterlande sein können ! Doch das Maaß der Schuld , dem sein Haupt verfiel , hat vielleicht dort oben , mit Vielen getheilt , für Alle Versöhnung erlangt . - Die Herzogin fühlte , daß sie hier eine schmerzlich nachklingende Saite bei der alten Lady berührt habe , und suchte durch Fragen ihre Gedanken abzulehnen . War es nicht zur Zeit der Thronbesteigung König Jakobs , daß Du dies Getränk zuerst kennen lerntest ? Ich dächte , Du hättest ein Mal dessen erwähnt , frug sie unbefangen weiter . - Es war allerdings damals schon längst in England bekannt , sagte die Lady , doch mehr unter dem reichen Handelsstande , der sich die Produkte fremder Zonen fast leichter zu verschaffen wuste , als die höhern Stände ; die Königin Elisabeth liebte es nie , und so blieb es am Hofe unbekannt . Als damals durch die Anwesenheit der Gesandtschaften aller Höfe in Whitehall die glänzendsten Feste mit ernsten und schwierigen Unterhandlungen wechselten , hatte ich auf einem Balle , den der König gab , mich erkältet , denn es war ein kalter , trüber Sommer . Als wir uns den nächsten Tag bei der Königin versammelten , fühlte ich ein schwaches Fieber , und Friedrich von Nassau , mit dem ich mich unterhielt , errieth mein Uebelbefinden und sprach mir zuerst von seinem Lieblingsgetränk , welches er ein herrliches Mittel gegen all die klimatischen Uebel nannte , die der feuchte Holländische Dunstkreis , wie der unsere , so leicht mit sich führt . Mein Gemahl und der Marquis von Rosny traten zu uns , und nachdem Rosny , der stets mit Friedrich von Nassau sich neckte , auch dies Getränk angegriffen , das Friedrich so heilsam fand , schlug mein Gemahl vor , einen gemeinschaftlichen Versuch in unserm Palais zu machen . Da der Hof am andern Tage - wie sie es nannten - ruhte , so versammelten sich die Herren an diesem Abend in meinen Zimmern . Friedrich von Nassau ; Johann von Olden-Barnevelt , der edle und tugendhafte Märtyrer seiner hochherzigen Gesinnungen ; der Marquis von Rosny , jener nachmals so berühmte Herzog von Sully ; Aremberg , der Gesandte Erzherzog Alberts ; Taxis , von Spanien gesandt ; mein Gemahl , mein Bruder Cecil , meine beiden Söhne und einige andere Herren des Hofes machten einen kleinen , aber seltenen Zirkel aus , und von dem tiefsinnigsten Ernste bis zu dem heitersten , muthwilligsten Scherze waltet der Zauber der höchsten geistigen Bildung und die Anmuth der feinsten Sitte . Barnevelt war nun eigentlich die Seele bei der Theebereitung , um die es sich handelte . Seine dicken holländischen Lakaien trugen eine im Vorsaale mit allen dazu nöthigen Bequemlichkeiten servirte Tafel herein , die aus der Wohnung des Prinzen dazu herüber geschafft war , zum ausgelassensten Jubel Rosny ' s. Barnevelt und Friedrich besprachen sich mit Ernst über die Quantität der zu nehmenden Blätter , und erregten durch ihre fingirte Gravität unser aller Laune . Die geschlagene Sahne , die Butter ohne Salz , die Weizenbrödchen und Zimmtbrödchen , waren nach Grundsätzen hergestellt und durften zu dem Ganzen nicht fehlen . Das Ende war , daß wir das Getränk herrlich fanden , daß mein rheumatisches Fieber verschwand und Friedrich mir ein wunderlich bemaltes Kästchen von Ebenholz zurückließ , das mit diesen köstlichen Blättchen gefüllt war . Mein Gemahl hatte bald die Güte , mir einen silbernen Theetisch zu schenken , nach Barnevelts Angabe vollständig versehen ; außerdem noch ein an Pracht das meinige übertreffendes reich vergoldetes Thee-Service für meinen liebenswürdigen Freund , Friedrich von Nassau , der nun seit so vielen Jahren seine Thee-Galanterie gegen mich fortsetzt . Doch wie Lovelace dies Getränk zu bereiten weiß , scherzte die alte Lady weiter , findet er auch keinen Meister . War es nicht Barnevelt selber , der Dir damals Unterricht gab ? - Euer Durchlaucht , der Kammerdiener Seiner Gnaden Barnevelt hat mich darin unterrichtet , antwortete Lovelace , sich ehrfurchtsvoll mit dem freundlichen Lächeln des befriedigten Ehrgeizes verneigend . - Nun , so verstand er es herrlich ! Aber Lovelace würde auch Sturm laufen , wenn ich nicht gleich erschiene , so wie im ersten Aufgusse die Blume sich entwickelt hat , wie er es nennt , und ich lasse mich stets bereit finden , diesen Genuß mir zu verschaffen . Doch heute hat unsere gute Cottington , fürchte ich , Deinen Haushofmeister Ottwey erzürnt , denn sie hat sich von ihm die Erlaubniß bei Deinem Küchenmeister verschafft , die Weizenbrödchen und Zuckerröllchen selber zu backen , die sie Dir eben anbieten wird , und wir werden uns ins Mittel legen müssen , damit die guten Leute uns nicht undankbar schelten für die köstlichen Backwerke , womit sie meinen Theetisch überschüttet haben , die sich aber für die alte Frau nicht mehr recht passen wollen . - Doch sieh , mein Liebchen , was spart ' ich Dir hier auf , sprach sie , zu Lucie gewendet , und hob das silberne Schälchen mit den Brodkrümchen vom Schooße ; denn Lucie hatte ihre sinnende Stellung bei dem lieblichen Geruche der Zimmtröllchen verlassen und speiste schon ruhig darauf los , zur Großmutter umgewendet und ihr die lieblichen Worte aus dem Munde zählend . Sieh meinen Finger entlang dort nach der Birke zu , siehst Du das kleine Nest ? - O Großmutter , rief Lucie entzückt , und so eben ein Köpfchen , - jetzt zwei ! O , laß es fangen , liebe Großmama ; guter Lovelace , fange die Vögelchen ! - Nicht doch Lucie , dann müßten sie sterben ; aber viel Besseres sollst Du selbst ihnen thun , füttern sollst Du sie , daß sie nicht Hungers sterben . Darum nimm die Brodkrümchen ; streust Du sie auf den Rand des Altans , bald kommen sie dann , wenn Du wegtrittst , und holen sich die Nahrung in ihr Nestchen . - Gieb , liebe Großmama ! rief Lucie und hüpfte leicht hinaus , nur auf den Zehen nach dem Rande schleichend , hold übergebogen , die Bröckchen zu streuen , wie man Engel auf alten Bildern sieht , die den Eingang zum Himmel mit Blumen bestreuen . Doch von einer neuen Idee erfaßt , wandte sie sich um , und das leere Schälchen nachlässig neben sich sinken lassend , legte sie beide Aermchen in den Schooß der Großmutter und sagte , sie ernst anblickend : Stirbt denn irgend ein Vogel aus Hunger ? - Es mag wohl , mein Liebchen . Ob Gott schon freundlich für seine Geschöpfe sorgt und auch die Menschen leitet , daß sie ihren Mitgeschöpfen Nahrung reichen , doch wohl stirbt manch ' Vögelchen in solcher Jahreszeit , wo die Natur noch arm ist an Nahrungsmitteln . - Lucie schwieg , dann sagte sie : Aber Hunde sterben nicht aus Hunger ? Die Großmutter sah in das wehmüthig werdende Gesicht des Kindes und wollte sie eben davon ablenken , als Lucie heftig ausrief , indem große Thränen über ihre Wangen rollten : Und Gaston wird nie sterben vor Hunger ! Nein , sagte die alte Lady , freundlich beschwichtigend , wir wollen ihn immer füttern . Doch Lucie war noch nicht mit ihren Combinationen zu Ende , denn sie sagte bittend , als hinge Alles von den Zusicherungen der Großmutter ab : Aber Menschen , liebe Großmama , die sterben nie aus Hunger ? Alle fühlten sich ergriffen von dieser ängstlichen , rührenden Frage des holden Kindes , und erst nach einer Pause sagte die Großmutter , indem sie die Stirn des Lieblings küßte : Ohne Gottes Willen fällt kein Haar von unserm Haupte ; er ist nahe Allen , die ihm vertrauen . Sanft wandte sie sich weg , um dem lieben Kinde nicht länger Rede zu stehen , als ihr Blick auf ihrer Schwiegertochter ruhen blieb , die sich mit einer Art Schauder von dem leise eingetretenen Stanloff , der sich eben den Damen nähern wollte , wegwandte , indem sie mit einem Tone , in dem eine angstvolle Befürchtung ausgedrückt lag , ihm zurief : O , was bringt Ihr , Stanloff ? Die Gewißheit Ihres Todes ! und ist dies arme , hülflose Weib wirklich den Hungertod gestorben ? Stanloff wollte eben beruhigend erwiedern , als Lucie mit einem heftigen Ausbruche des Weinens sich in die Arme der Mutter warf , angstvoll dazwischen rufend : O Mutter , Mutter , stirbt doch ein Mensch aus Hunger ? Alle waren bewegt . Stanloff wiederholte einige Mal , daß sie lebe , nicht aus Hunger sterben werde , aber Luciens Phantasie war in Schrecken aufgegangen , und die Herzogin fühlte mit gemischten Empfindungen , daß ihre eigene gereizte Stimmung das liebe Wesen so hingerissen habe . Erst dem ehrenwerthen Master Copley gelang es , mit seinen verständigen Worten sich Eingang zu verschaffen . Lucie hob das Köpfchen von dem Busen der Mutter , gab Copley ihr Händchen und schaute gläubig mit den großen , in Thränen schwimmenden Augen zu ihm auf ; dann stieg sie von dem Schooße herunter und ging mit ihrem geliebten alten Lehrer auf den Altan , um nachzusehen , ob die Vögelchen schon die Krümchen abgeholt hätten . Auch ließ sie sich willig finden , vom Weinen ermüdet , mit Miß Debington , ihrer Gouvernante , nach ihrem Zimmer zu gehen , und nahm höflich mit kleinen holden Verbeugungen von Allen Abschied . Als sie aber an Lovelace vorüber ging , bettelte sie ihm vertraulich ein Weizenbrödchen ab , um Gaston noch damit zu füttern , bei dem sie selbst nachsehen wollte , ob er satt sei , Nach ihrem Verschwinden kehrte man zu dem Gegenstande zurück , über den man Stanloffs Mittheilungen erwartete . Sie lag seit gestern schon mehr in dem Zustande einer Schlummernden , hob er an ; ich versuchte ihr stärkende Brühe und Tropfen einzuflößen , und überzeugte mich , daß sie heute erwachen müßte , da ihr Schlaf immer leichter und das Athmen freier ward . Diesen Moment durfte ich nicht versäumen , er entzog mich der Ehre , hier zu sein , und vor einer Stunde schlug sie die Augen auf . - Ein Ausruf des Antheils unterbrach hier die Erzählung . Stanloff fuhr fort : Ihre Blicke hafteten an ihren Bettbehängen , dann an dem Theile des Zimmers , der zu übersehen war ; sie bewegte die Lippen , aber Schwäche schien sie zu hindern . Ich erwartete , daß sie Durst empfinden würde , und hatte zu dem Ende ein angenehm stärkendes Getränk bereitet . Alice trat an die Vorhänge mit dem Becher in der Hand , sie blickte sie lange ohne Ausdruck an . Nachdem Alice nun einige Male gefragt , ob sie zu trinken begehre , und nachdem jene das Gesagte verstanden , erhob sie die Hand nach dem Becher . Leider sah ich an der Heftigkeit , mit der sie trank , eine neue Bestätigung meiner ersten Vermuthung . - Daß sie durch Hunger so weit kam ? rief die Herzogin . Ja , sagte Stanloff , ich muß es wiederholen . Als sie getrunken hatte , sagte sie zuerst : Bin ich denn krank ? Warum liege ich zu Bette ? Und warum nicht in meinem Zimmer ? Ich kenne Dich nicht , gute Frau ! Wo ist Hanna ? - Ihr waret krank ; seid nur recht ruhig , sagte Alice , legt Euch nieder . Ich bin sehr müde , erwiederte jene , kaum vernehmbar , und schlief sogleich wieder ein . - Und seid ihr nun beruhigt ? fragte die alte Lady , hofft Ihr jetzt ihre Genesung ? - Ich hoffe sie jetzt , denn sie ist jung , ihr Zustand hat ihren Körper noch nicht verzehrt ; es scheint vielmehr , daß Seelenleiden den Muth des Herzens gebrochen , wie dies bei jungen Personen häufig die physischen Kräfte bis zur Ohnmacht zu unterdrücken vermag . Man blieb noch eine Zeitlang beisammen und begab sich dann durch die angrenzenden Gemächer nach der Kapelle , in der sich die Dienstleute schon versammelt hatten , um ein höchst erbauliches Abendgebet des Master Copley anzuhören . Die alte Lady zog es vor , von dort aus nach ihren Zimmern sich zu begeben , und die kleine Gesellschaft des Schlosses trennte sich , den Rest des Abends für sich zu verleben . Wir finden nach einigen Tagen die Damen in den Zimmern der jüngern Herzogin beschäftigt mit der Auswahl von farbiger Seide zu dem noch unvollendeten Teppiche , an dem die Gräfin Arabella mit den andern Damen arbeitete , indessen Lucie die Nadeln für alle fädelte und vorgab , sehr viel zu thun zu haben , Die Herzogin mußte auch gearbeitet haben , doch ruhte das Blumenstück , an dem sie gestickt , wie es schien , vergessen in ihrem Schooße , und ihr Auge blickte in die helle Flamme des Kamins , den man heute aufgesucht , da der Frühling seine alten Neckereien begonnen , und sich in Nebel und kalte Winde gehüllt hatte . - Die Theestunde war vorüber , Lovelace mit seinem wichtigen Geschäft entlassen , und Mistreß Cottington half der alten Lady , welche zunächst dem Kamin saß , bei der beliebten Arbeit des Seidezupfens . Endlich hob die jüngere Herzogin zu Mistreß Morton an : Wie kommt ' s , daß Du uns heute noch nichts über unsern Gast gesagt hast ? Ich hoffe , ihr Befinden schreitet vor , und wir werden bald selbst ihre Bekanntschaft machen können . - Das möchte jetzt noch nicht möglich sein , sagte Mistreß Morton rascher , als ihre Art war , denn die junge Lady steht zwar seit heute aus dem Bette auf , doch der Weg bis hierher würde ihr unmöglich fallen . Nun , nun ! sagte die leicht gereizte Herzogin , wir werden uns zu bescheiden wissen , da wir über den ersten Ungestüm der Jugend hinaus sind . Doch sobald die junge Lady , wie Du sie nennst , aus dem Bette uns empfangen kann , werden wir die Gesetze unserer gewohnten Gastfreundschaft auch gegen diesen unfreiwilligen Gast zu üben nicht versäumen , und uns zuerst nach ihren Zimmern begeben . Stanloff hat sich heute bei mir entschuldigen lassen , wir sind also sehr in Ungewißheit über die Angelegenheiten dieser jungen Person . Ich weiß nicht , ob Euer Durchlaucht schon wissen , wandte sie sich zur alten Lady , daß sie jetzt spricht und viel Thränen vergießt . Mistreß Cottington , erwiederte die alte Lady , welche sich mit Mistreß Morton in ihrem Zimmer ablöst , sagte mir davon ; wir müssen uns , denke ich , der wiederkehrenden Zeichen von Leben und Gefühl freuen , wenn ihre Thränen auch freilich unsere Vermuthungen bestätigen , daß viele Leiden auf dies junge Leben einstürmten ; ich denke dann mit Rührung an Gottes Güte , der sie Dir zugeführt hat . Ein zärtlicher Blick ihrer lieben Augen traf den schnellen Aufblick der jüngern Herzogin und erreichte , wie immer , den schönen Kern dieses festen Herzens . Lucie , die mit unbeschreiblicher Begierde jede Nachricht von der jungen Unbekannten verfolgte , verließ ihre Arbeit , und zur Mutter tretend , sagte sie bittend : Gehst Du zu ihr , liebe Mutter ? Nimm mich mit , ich möchte ihr so gern sagen , daß Du mir versprochen hast , daß sie nie wieder vor Hunger sterben soll , gewiß wird sie dann nicht mehr weinen . - Wir wollen ihr diese Gewißheit bald verschaffen , sagte die Herzogin ; auch hoffe ich , fürchtet sie dies wohl nicht mehr . Liebe Lucie , Du sollst sie sehen , sobald es ihre Gesundheit erlaubt ; sei indeß recht ruhig , denn Morton sorgt ja für sie , und ließ sie Dich wohl je hungern ? - Lucie kehrte beruhigt und freundlich zu ihrem Geschäft zurück , und die Herzogin frug , gegen Mistreß Cottington gewendet , weiter : Ihr , liebe Cottington , waret bei der ersten Unterredung mit dem Doktor zugegen , wollt Ihr uns das Bemerkenswerthe mittheilen ? Wie scheint Euch überhaupt ihr Karakter , ihre Erziehung ? Was glaubt Ihr von dem Range , zu dem sie gehören könnte ? Mistreß Morton scheint allerdings damit schon fertig zu sein , doch sagt auch Eure Meinung . - So viel ich beurtheilen kann , muß sie eine vornehme Erziehung erhalten haben , sagte Mistreß Cottington mit Ruhe , doch bleiben ihre Aeußerungen fast noch immer ohne eigentlichen Zusammenhang , wegen des großen Schmerzes , den sie zu empfinden scheint . Ihre ersten wiederkehrenden Gedanken richteten sich voll Erstaunen auf das fremde Zimmer , die Geräthe und Bedienung ; sie sagte einmal höchst erstaunt : Warum hat meine liebe Tante mich denn nicht in meinem schönen grünen Zimmer gelassen ? Dann bat sie , man möge Hanna rufen . Doch vergaß sie das Eine bald über dem Andern und blieb dazwischen wieder ruhig . Als Stanloff zuerst an ihr Lager trat , sah sie ihn wild an , dann warf sie sich in meine Arme und flehte mit Entsetzen mich an , sie vor diesem fremden Mann zu schützen . Doch der Schreck , den sie gehabt , schien auch ihre Besinnung etwas befestigt zu haben ; denn sie hörte meinen Worten aufmerksam zu und sagte , als wollte sie es sich recht klar machen : Ein guter alter Herr und mein Arzt , der mir mein Leben erhielt ! Sie wagte es , Stanloff anzusehen , und sein weißes Haar schien sie völlig zu beruhigen . Denn mit einer Bewegung der Hand hieß sie ihn näher treten und sagte dann : Verzeihet meinen Schreck ! Ich weiß Vieles nicht zu begreifen , mir ist wohl sehr viel begegnet . Stanloff hielt nun für ' s Beste , ihr zu Hülfe zu kommen ; er sagte ihr , indem er sie aufforderte , sich niederzulegen , er wollte ihr Alles erzählen , was er von ihr wisse , ja , er schien mir die Absicht zu haben , sie zu erschüttern , denn er hob sogleich an : Ihr seid nicht unter Euern Angehörigen , Ihr seid für todt in dem Park der Herzogin von Nottingham gefunden worden , und in einem Zustande von Starrsucht gewesen . Ihr seid von den Frauen der Frau Herzogin bedient worden , und ich bin der Arzt dieses Hauses ! - Ich muß gestehen , daß ich den Muth Stanloffs bewunderte , der so kurz und rauh ihr die schreckliche Wahrheit enthüllte , und er muß seine ärztlichen Ursachen dazu gehabt und darum Muth behalten haben , denn nie sah ich in solchem Grade einen so schnell wechselnden und sich von Augenblick zu Augenblick erhöhenden Ausdruck von Erstaunen und höchstem Schmerze . Sie richtete sich mit Kraft auf , glühender Purpur