Bewegung der Seele zeugte . Bei der größten Zurückhaltung , die die Gräfin gegen Jedermann beobachtete , so daß sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals ihrer jungen Freundin öffnete , mußte der Zustand , in welchem sie , wie es schien , ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte , den sie zum ersten Mal sprach , Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen ; Dübois sah verlegen vor sich nieder und St. Julien schwieg , erstaunt über den seltsamen Empfang . Die Gräfin fühlte , daß sie sich hatte überwältigen lassen , und gewann , wie immer , bald die Herrschaft über ihre Empfindungen , so daß sie nach kurzem Schweigen sich mit Ruhe und Würde an St. Julien wendete , ihm ihre Theilnahme an dem Unglück bezeugte , das ihn zum Gast ihres Hauses gemacht hatte , und ihre Freude darüber äußerte , ihn so weit hergestellt zu sehen . Sie forderte den Haushofmeister auf , ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen , die seine Lage erheischte , und fragte höchst gütig , ob ihm seine Kräfte erlaubten , Antheil an der Gesellschaft zu nehmen . Man bemerkte zwar , daß die Gräfin von Neuem ein wenig zusammenschreckte , als sie seine Stimme wieder hörte , mit der er sich die Erlaubniß ausbat , noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben ; sie blieb aber ruhig und befahl nur , einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen über an den Theetisch zu rücken , den der Kranke einnehmen mußte . Sie richtete oft das Wort an ihn , um , wie es schien , sich an den Klang seiner Stimme zu gewöhnen , und forderte dann nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf , damit , wie sie bemerkte , St. Julien nicht mehr gereizt würde zu sprechen , was ihm doch schädlich sein könnte . Emilie gehorchte der Gräfin um so lieber , als sie sich heut nicht in ihr Betragen finden konnte ; hätte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt , so daß sie wußte , wie höchst ungerecht ein solcher Argwohn sein würde , so würde sie sich nicht haben enthalten können zu glauben , daß die Gräfin einen vortheilhaften Eindruck auf den jungen Mann zu machen wünsche . St. Julien war anfangs verstimmt und verwirrt durch die seltsame Art , mit welcher die Gräfin ihre Bekanntschaft eröffnet hatte ; doch fühlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen , so wie durch die Güte , welche sie gegen ihn äußerte , ein Wohlwollen in seiner Brust erregt wurde , über das er sich weder nachzudenken , noch es sich zu erklären bemühte . Es hatte während des Gesprächs die Gräfin des jungen Mannes Aufmerksamkeit so gänzlich gefesselt , daß er Emilien , die sich überdies nicht in die Unterhaltung mischte , wenig beachtet hatte . Er betrachtete nun , indem sie sich durch das Zimmer bewegte , um sich dem Instrumente zu nähern , die schlanke , edle Gestalt , und konnte nicht umhin , die Fülle der glänzenden , schönen blonden Haare zu bewundern , die theils in Flechten aufgesteckt waren , theils in Locken den zarten , weißen Nacken umspielten ; sie öffnete die frischen , rothen Lippen , und der Ton ihrer Stimme , der silberrein aus der Brust empor stieg , traf mit rührender Gewalt sein Herz . Emilie hatte den seltenen Vorzug , daß sie sich während des Gesanges verschönte ; ohne Anstrengung standen ihr die Töne in der Höhe und in der Tiefe zu Gebote , und sie konnte sich ungestört dem Genuß an der Musik , die sie vortrug , überlassen ; darum glühte das Gefühl , das ihre Töne auszudrücken strebten , während des Gesangs in ihren Augen ; das Entzücken spielte um den lieblichen Mund und färbte mit höherer Röthe die zarten Wangen . St. Juliens Augen waren auf die schöne Sängerin geheftet . Die lieblichen Melodien , die ihren Lippen entströmten , durchdrangen sein Herz ; die sanfte Glut ihrer blauen Augen schien sich heißer in den dunkeln Sternen der seinigen zu wiederholen , bis die zärtlichen Accorde ein wehmüthiges Gefühl hervorriefen , und er unvermuthet eine Thräne im Auge fühlte , als er die ihrigen im feuchten Glanze schimmern sah . Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung , beschämt durch eine zu große Reizbarkeit , die ihm Folge seiner Krankheit schien , blickte er während des Gesanges zum ersten Mal nach der Gräfin , um zu erfahren , ob er von ihr beobachtet würde , doch diese schien selbst in Gefühlen oder Gedanken verloren , und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben . Der Gesang war beendigt , und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang , weil es Menschen , die Musik fühlen und lieben , gewöhnlich schwer wird , nach den himmlischen Tönen , die eine schöne Stimme im Gesange hervorgerufen hat , die Unterhaltung durch Worte und gewöhnliche Rede wieder anzuknüpfen . Auf dem Gesichte der Gräfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Güte und Milde , als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat . Sie drückte die Hand ihrer jungen Freundin , und diese , die schon durch die Musik erweicht war , wendete sich schnell ab , um die Rührung zu verbergen , zu der sie sich durch die Zärtlichkeit der Gräfin bewegt fühlte . Gewöhnlich drückten die Züge dieser Frau eine gewisse Entschlossenheit aus , keinem Unglück , wenigstens im Aeußern , unterliegen zu wollen , und die Hoheit und Kälte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher abweisen , als erwiedern zu wollen . In den wenigen Augenblicken aber , wenn sie sich zu vergessen und einem Eindruck rücksichtlos hingegeben schien , dann schwand Kälte , Stolz , Hoheit aus ihren Mienen , wie ein Nebel vor dem heitern Himmel , hinweg , und Liebe , Güte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen , und spielten als wehmüthiges Lächeln um den schönen Mund . In solchen Augenblicken schien sie viel älter zu sein , als in ihrem gewöhnlichen Zustande , und doch auch zugleich viel schöner . Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin eben so aufmerksam , als St. Julien betrachtet , und niemals war ihr die seltne Schönheit und Anmuth dieses lieblichen Wesens so aufgefallen , als diesen Abend . Sie erschien ihr in ihrer frischen , eben aufblühenden Jugend wie eine zarte junge Rose , die bewußtlos ihre Schönheit nach und nach dem Strahl der Morgensonne entfaltet . Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung gewesen , und sie mußte sich gestehen , daß , obgleich seine Gegenwart schmerzliche Erinnerungen in ihrem Herzen erregte , sie doch auch zugleich wohlthätig wirkte . Sie betrachtete mit Rührung die geliebten Züge , die in ihr das Bild eines andern Wesens hervorriefen , und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den großen braunen Augen , deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward , und er erschien ihr , ihrer frischen jungen Rose gegenüber , wie eine Blüthe unter einem heißerem Himmel entsprossen , noch ungewohnt der rauheren Luft , die deßhalb krank und welk noch schmachtete , und nicht die Pracht der Farben zu entfalten vermochte . Diese Träume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurückkommenden Grafen ; er vermehrte die Gesellschaft , aber ohne die Unterhaltung durch seine Gegenwart zu beleben ; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn , und die Worte , mit denen er St. Julien seine Freude darüber bezeichnete , ihn so weit hergestellt zu finden , daß er sein Zimmer verlassen könne , erschienen diesem kurz und kalt . Die Gräfin that einige Fragen an den Grafen , die ausweichend beantwortet wurden ; St. Julien glaubte , daß seine Gegenwart eine freie Mittheilung hindere , und stand deßhalb auf , um sich nach seinem Zimmer zurück zu ziehen . Des Grafen Theilnahme kehrte wieder , als er die Ermattung des jungen Mannes und seinen noch hülflosen Zustand bemerkte . Er bot ihm die Hand , um ihm aufstehen zu helfen , und sagte mit etwas gezwungenem Lächeln : Da Ihre Kräfte zunehmen , und Sie sich bald wieder frei werden bewegen können , so werde ich Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen müssen , das Schloß nicht ohne meine Einwilligung zu verlassen , um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen . Welch ein ohnmächtiger Feind ich sein würde , sagte St. Julien scherzend , bemerken Sie wohl selbst , da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal aufzurichten vermag . In vollem Ernst , sagte der Graf zwar höflich , aber sehr bestimmt , ich muß Sie bitten , mir Ihr Ehrenwort zu verpfänden , daß Sie sich hier bei mir völlig wie ein Kriegsgefangener betrachten , folglich ohne meine bestimmte Einwilligung das Schloß nicht verlassen wollen ; auch auf den Fall nicht , sezte er finster hinzu , daß Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen das Anerbieten machen sollten , sie zu begleiten . St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an , bemühte sich dann , kalt und ernst , die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben , um sie dem Grafen zu reichen , und verpfändete förmlich und feierlich seine Ehre dafür , daß er sich als Gefangener betrachten und das Schloß nicht ohne Erlaubniß des Grafen verlassen wolle . Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch besonders gegen die Frauen ; er versuchte es dann sich nach der Thür zu bewegen ; Emilie zog rasch und ängstlich die Klingel ; Dübois , der im Vorzimmer gewartet hatte , trat ein und führte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen Krankenzimmer zurück . Was ist vorgefallen ? fragte die Gräfin mit Besorgniß , sobald der junge Mann das Zimmer verlassen hatte ; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben ? Ganz Schlesien ist in den Händen der Feinde , sagte der Graf finster , alle Festungen ergeben sich , das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen . Sie müssen landeseingeborne Führer haben , kein Thal , keine Schlucht bleibt verschont , und ungeheure Erpressungen drücken das ganze Land . Haben Sie diese übeln Nachrichten durch den Baron Löbau erfahren ? fragte die Gräfin . Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln , sagte der Graf , obgleich ich sie von ihm habe . Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel versammelt ; man wollte sich berathen , aber man sah bald ein , daß man gezwungen sein würde , den Umständen gemäß zu handeln , folglich keine Beschlüsse im Voraus fassen könne , und die Gesellschaft , die sich versammelt hatte , um zu berathschlagen , vereinigte sich , da sie nichts Besseres thun konnte , zu einem so kleinmüthigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen , daß ich dadurch um alle Geduld gebracht wurde . Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft , daß , wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten , sie dann wohl ihren Kameraden mit sich nehmen würden , den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten habe . Die Physiognomie des Menschen , der diese Bemerkung machte , war so einfältig , daß ich kaum glaube , er hat etwas Boshaftes gemeint , aber ich wurde durch sein Geschwätz daran erinnert , daß ich , um hier St. Julien besser zu verpflegen , als es im Hospital geschehen sein würde , und um ihn nicht der Gefahr auszusetzen , auf dem Wege dahin umzukommen , mich selbst verpflichtet habe , sobald es von der Regierung gefordert würde , ihn als Kriegsgefangenen zu stellen , und nahm ihm deßhalb das Ehrenwort ab , uns nicht zu verlassen , da er es gewiß bald erfährt , daß seine Freunde in der Nähe sind . Die Nachrichten , die der Graf den Frauen mittheilte , waren wohl geeignet , Unruhe zu erregen , und nachdem nun Mehreres darüber hin und her gesprochen war , wurde man darüber einig , daß es allerdings möglich sei , auch hier von den Feinden beunruhigt zu werden , ob man gleich früher das Gegentheil gehofft hatte . Der Graf schlug den Frauen vor , sich wo möglich zu entfernen und sich nach Prag zu begeben , wenn noch Wege dahin offen sein sollten . Die Gräfin aber weigerte sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte , daß sie das Drückendste mit ihm weit leichter , als die Ungewißheit in der Ferne ertragen würde . Der Graf hatte es der Gräfin ungern vorgeschlagen , ihn zu verlassen , es war ihm ein Bedürfniß , in ihrer Gesellschaft zu leben . Er hielt es aber für seine Pflicht , ihr die Wahl zu überlassen , ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn der Unruhe und möglichen Gefahr ausweichen , oder Beides mit ihm theilen wollte . Dankbar nahm er es daher an , als sie seinen Wünschen gemäß entschied . Daß Emilie blieb , war die natürliche Folge vom Entschlusse der Gräfin , denn diese war ihre einzige Stütze in der freundlosen Welt , und nicht allein Dankbarkeit , sondern auch innige Neigung fesselte sie an die Frau , die ihr seit Kurzem um so viel theurer geworden war , und die sie von Vielen verkannt glaubte . Nach und nach war man , wie es immer geschieht , ruhiger geworden , nachdem man die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte ; man sprach über mancherlei Vorsichtsmaßregeln , die anzuwenden wären ; man entschloß sich , den größten Theil des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werthe zu verbergen , um den bevorstehenden Verlust so gering als möglich zu machen , denn man erwartete nichts Anderes , als Raub und Plünderung , von den feindlichen Truppen . Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr , doch ließ sie nur wenig von der heftigen Furcht merken , von der sie befallen war , theils , weil sie nicht für kindisch gehalten werden wollte , theils , weil sie besorgte , die Gräfin möchte sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen , wenn sie ihre Unruhe bemerkte . Während solcher trüben Gedanken und Gespräche war es spät geworden , als der Arzt mit seinen gewöhnlichen starken und raschen Schritten sich dem Zimmer näherte , und ganz erhitzt eintrat . Nach den ersten flüchtigen Begrüßungen rief er dem Grafen zu : Haben Sie das Unglück schon erfahren ? Die Franzosen stehen vor Breslau , das ganze Land ist in ihren Händen . Woher haben Sie die Nachricht ? fragte der Graf , und Emilie heftete ihre Augen ängstlich auf den Arzt . Ich war beim Herrn Pfarrer , erwiederte der Doktor Lindbrecht , da kam ein Verwalter aus der Nähe , ich weiß nicht , wie das Gut heißt , ich habe mich auch nicht darum bekümmert , wie der schlechte Mensch heißt , kurz , der kam von einer Reise aus der Gegend zurück und brachte die Nachricht . Er war selbst mit Mühe der Gefahr entgangen , seine Pferde zu verlieren , wie er sagte . Ich wollte , er hätte sie verloren , der Schurke , und die Ohren dazu . Aber er wird sobald nicht wieder den Herren Pfarrer besuchen , hoffe ich . Wir haben ihm beide unverholen unsere Meinung gesagt , der Herr Pfarrer sowohl , als ich ; er eilte auch zum Hause hinaus , als wenn ihn der böse Feind vertriebe . Wie ? sagte der Graf verwundert , weil er die Nachricht brachte , daß die Feinde vor Breslau stehen ? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin beleidigen ? Nicht deßwegen , rief der Arzt mit Heftigkeit , was gehen mich die Feinde weiter an , nicht der Franzosen wegen , die vor Breslau stehen , sondern um des armen Menschen Willen , den ich hier im Hause wieder herzustellen suche . Was sagte er denn von dem ? fragte der Graf mit einiger Spannung , kannte er ihn , wußte er etwas von seinen Verhältnissen ? Nichts wußte der elende Mensch , rief der Arzt mit Erbitterung , Lügen , Verläumdungen verbreitete er von dem Kranken , von mir , von Ihnen . Was konnte er sagen ? fragte der Graf mit erhöhter Verwunderung . Denken Sie , rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glühenden Wangen , er kannte mich nicht , er wußte nicht , wer ich bin , und hatte deßhalb die Frechheit , in meiner Gegenwart zu erzählen , bei Ihnen hier auf dem Schlosse würde ein französischer Spion unterhalten , der alle Wege auskundschaftete , der von hier aus den Feinden alle Nachricht zukommen ließe , um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben zu bringen . Die Behauptung ist lächerlich , sagte der Graf mit Verachtung . Schändlich ist sie , rief der Arzt . Ein Mensch , der in einem so elenden Zustande war , daß er Wochenlang nicht sprechen , ja beinah kein Glied rühren konnte , der soll ein Spion sein . Sie , der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglücklichen annahmen , sollen ihn bei sich haben , um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln , und ich , der ich meine Wissenschaft , meine besten Kräfte anwende , um einen Menschen dem Rachen des Todes zu entreißen , werde dafür als ein Landesverräther betrachtet . Geben Sie sich zufrieden über das unsinnige Geschwätz des Pöbels ; vernünftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen , sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe . Es wäre aber gut , fügte er hinzu , wenn Sie Herren St. Julien dergleichen verschwiegen , es könnte ihn aufreizen , kränken . Was denken Sie von mir ? fragte der Arzt beleidigt , halten Sie mich für so roh and unwissend ? Jede Kränkung muß ihm schaden , und bei seiner Jugend muß man sich doppelt hüten . Ein solcher Feuergeist könnte darauf kommen , uns keinen Schaden zufügen und das Schloß verlassen zu wollen , ehe er hergestellt ist . Sorgfältig muß ihm darum Alles verborgen werden , was ihn auf solche Gedanken bringen könnte . Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch gleich sehen , wie er sich befindet . Die Frauen erzählten nun dem Arzte , daß der junge Mann einige Stunden in ihrer Gesellschaft zugebracht habe , und Emilie bemerkte mit Theilnahme , daß er noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe . Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat , rief der Arzt , die Jugend kennt kein Maß , und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht werden , so kümmert sich so ein Kranker wenig darum , wie viele Sorgen er seinem Arzte verursacht . Nun , ich werde gleich sehen , welche Folgen sein Besuch gehabt hat . Er wollte sich nach dieser Erklärung entfernen , kehrte aber schnell in der Thüre wieder um und wendete sich hastig an den Grafen , der indessen nachdenkend auf und ab gegangen war . Beinah , rief er , hätte ich einen Auftrag vergessen ; der Herr Pfarrer hat mir dieß Briefchen für Sie gegeben , und ich Dummkopf hätte es beinah aus Zerstreuung bei mir behalten , statt es Ihnen einzuhändigen . Er reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem Papier , nach des Pfarrers gewöhnlicher Weise in höchster Kürze , ohne alle Zierlichkeit abgefaßt , ja selbst ohne Beachtung der Formen , die Höflichkeit und Sitte sonst gewöhnlich dem Menschen vorschreiben . Der wörtliche Inhalt desselben war dieser : Statt des Titels : P. P. Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten Lorenz bei Ihnen sein . Er wird die Urkunde wiederschaffen . Ich bitte also , den Schlüssel zum Archive und die versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten . Seefeld , Prediger zu - - . Der Graf war freudig überrascht durch den glücklichen und schnellen Ausgang einer Sache , die ihm so viele Sorgen verursacht hatte , zugleich aber ein wenig beleidigt durch die unhöfliche Form , in welcher ihm dieser glückliche Ausgang gemeldet wurde , und indem er anerkannte , welchen wichtigen Dienst ihm der Pfarrer geleistet habe , beschloß er doch zugleich , die nächste Gelegenheit wahrzunehmen , wenn er etwas Bedeutendes für den Geistlichen thun könne , um sich von der Last der Dankbarkeit zu befreien , die ihm nach des Pfarrers Gemüthsart drückend zu werden drohte . Der Arzt verfügte sich nun zu seinem Kranken , er fand dessen Puls fieberhaft , seine Wunden gereizt , kurz seinen Zustand auf alle Weise verschlimmert , und schrieb dieß Unglück dem zu langen Aufsitzen und einer zu lebhaften Unterhaltung zu . Es ist ganz so , wie ich es mir gedacht habe , rief er mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister künftig darüber zu wachen , daß Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den nächsten zwei , drei Tagen das Zimmer gar nicht verließe . St. Julien schwieg . Er ließ sich mit dem Arzte in keinen Streit über die Ursache seines verschlimmerten Zustandes ein , er ließ sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern das Versprechen , sein Zimmer in den nächsten Tagen nicht zu verlassen . Wenn Sie wollen , sagte er mit einiger Bitterkeit , so will Ihnen versprechen , Monate lang mich hier einzuschließen , bis zum Frieden , wenn Sie es verlangen . Gott behüte , sagte der Arzt , nur so lange , bis Ihr Puls wieder ruhig geht , bis Sie ohne Gefahr Sich dem Vergnügen der Gesellschaft überlassen können ; dann , im Gegentheil , werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen , denn Sie werden schwermüthig und das darf nicht sein , das hindert die Genesung . Da St. Julien den Wunsch zu schlafen äußerte , so zog sich der Arzt zurück , indem er bemerkte , der Schlaf sei Balsam , den die Natur in alle Wunden träufle , und der am Besten die gereizten Nerven beruhige . Er ging ; aber St. Julien war weit davon entfernt , die Wohlthat des Schlafes zu genießen ; alle Bilder , die der heutige Tag ihm gezeigt hatte , gingen noch einmal vor seiner Seele vorüber , und er wiederholte sich innerlich alle Worte , die zu ihm waren gesprochen worden . Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Gräfin in Erstaunen , und von Neuem fühlte er sich von der edeln Gestalt angezogen und gerührt von der Güte , die sie ihm gezeigt hatte . Von Neuem entzückten ihn die süßen Töne , die Emiliens Lippen entschwebten , und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele ; er fühlte den Blick der blauen Augen im Herzen , er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmuthigsten Jugend , aber er fühlte auch schmerzlich die Härte , die Kälte , mit welcher der Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte . So bin ich denn hier nichts , klagte er innerlich , als ein gefangener Feind , der so lange mit Schonung behandelt wurde , als er ein Gegenstand des Mitleids war , und der , kaum dem Grabe entrissen , Mißtrauen und Zweifel erregt ; so schnell ist die Theilnahme verschwunden , daß mich der Graf im ersten Augenblicke , in dem er mich außerhalb des Bettes erblickt , mit Härte an meine Gefangenschaft erinnert . Hätten sie mich an dem unglücklichen Tage im Walde sterben lassen , so wäre ich nun frei . Er tadelte sich selbst über diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit ; indem er sich die Güte des Grafen vergegenwärtigte , blieb ihm der Gedanke höchst quälend , daß er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war , und er Alles , von den dringendsten Bedürfnissen des Lebens an , bis zu den überflüßigen Dingen , die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt , der Güte des Grafen verdankte , und daß er diese Güte nicht mehr so unbefangen benutzen könne , seitdem er , wie er glaubte , so unfreundlich behandelt worden war . Er seufzte tief , und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den Haushofmeister , daß er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte , den der Arzt als so heilsam pries . Der alte Dübois näherte sich behutsam dem Lager , und indem er leise den Vorhang des Bettes aufhob , sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in Thränen gebadet . Um Gottes Willen , rief er , was ist Ihnen begegnet ? Was kann Sie so erschüttern ? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben . St. Julien schämte sich seiner Schwäche und sagte , indem er die Thränen von den bleichen Wangen trocknete : Sie sehen , lieber Dübois , die lange entkräftende Krankheit macht mich so schwach , wie ein Kind . Ich weine , indem ich an meine Mutter denke und mir ihren Jammer vorstelle , da sie so lange nichts von mir erfahren hat und nach der Art , wie ich aus dem Regiment verschwunden bin , wenn diese Nachrichten zu ihr gekommen sind , mich getödtet glauben muß . Dübois hatte schon einige Male versucht , das Gespräch darauf zu lenken , wie der junge Mann im Walde gefunden worden war , und hatte von ihm zu erfahren gewünscht , Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe , und weßhalb man ihn habe ermorden wollen ; aber immer war St. Julien diesem Gespräche ausgewichen , und der Haushofmeister war viel zu höflich , als daß er ihm eine Antwort hätte abdringen sollen . Auch dieß Mal bemühte er sich etwas Näheres über diesen Gegenstand zu erfahren . St. Julien wich nicht , wie gewöhnlich , dem Gespräch aus , sondern sagte mit milder , aber ernster Stimme : Sie haben mir so viel Gutes erwiesen , daß ich Ihnen undankbar erscheinen muß , wenn ich nicht offen mit Ihnen spreche , aber selbst auf diese Gefahr hin muß ich über eine Sache schweigen , die nicht mich allein angeht , und ich bitte Sie , mich so wenig als möglich an diesen unglücklichen Tag zu erinnern . Diese wenigen Worte waren hinlänglich , um die Lippen des gutmüthigen , wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig über diesen Gegenstand zu schließen , und er wollte sich vom Lager des Kranken zurückziehen , als dieser sich aufrichtete und ihn mit bewegter Stimme bat , einen Brief , den er ihm diktiren wollte , an seine Mutter zu schreiben . Ich kann nicht ruhig sein , sagte der Kranke , ehe sie nicht Nachricht von mir hat , und Sie wissen , in welchem Zustande mein Arm noch ist , ich darf noch nicht daran denken , selbst zu schreiben . Dübois setzte seine Brille auf , holte ein Schreibzeug herbei , legte Papier zurecht , und St. Julien diktirte ihm einen Brief , in dem sich die zärtlichste Liebe für seine Mutter aussprach . Er meldete ihr , daß ein unglücklicher Zufall ihn betroffen habe , durch den er von der Armee getrennt sei , er sprach von seiner Verwundung und in so dankbaren Ausdrücken von der großen Hülfe , die er im Hause des Grafen gefunden , daß Thränen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten , und er die Brille abnehmen mußte , um sich die Augen zu trocknen . Endlich , nachdem sich Dübois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten konnte , wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefügt , daß die Mutter des jungen Mannes Mittel finden möchte , ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen , damit er nicht länger gezwungen wäre , von den Wohlthaten Anderer zu leben , wie edelmüthig sie ihm auch erwiesen würden . Dübois sah den Kranken verwundert an und legte die Feder einen Augenblick bei Seite ; da aber St. Julien noch einmal die letzten Worte wiederholte , so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder , indem er kaum merklich mit dem Kopfe schüttelte . Als der Brief vollendet war , ließ der Kranke sich die Feder reichen , um mit höchster Anstrengung seinen Namen zu unterschreiben , und bat dann Dübois , den Brief dem Grafen offen zu überreichen , mit der Bitte , ihn an seine Mutter zu befördern ; denn gewiß , sagte er , kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen , ein Mittel zu finden , dieß Schreiben auf irgend einem Wege nach Frankreich zu befördern . Dübois versprach seinen Wunsch zu erfüllen , und es schien , daß der Kranke nun ruhigen Vorstellungen Raum gäbe , denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach diesem Gespräche , daß er entschlummert war . IX Der Graf hatte den Schlüssel des Archivs sowohl , als eine Rolle mit hundert Dukaten an Dübois abgegegeben , um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das Schloß einzuhändigen , und der Haushofmeister saß deßwegen des andern Morgens am Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen , um seinen Auftrag auszurichten . Es war noch nich neun Uhr , als die kleine , leichte , aber nichts weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte , und er selbst mit der Pfeife im Munde abstieg und verdrießlich durch das offene Thor auf den Weg hinausschaute . Er hatte nicht lange wartend gestanden , als dieselbe Equipage , worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte , durch dasselbe lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde , gegen welche der Wagen des Geistlichen ein prächtiges Ansehen gewann , als nun beide neben einander hielten . Indeß Lorenz die Schnüre auflöste und so die Thüre seines Wagens öffnete , hatte sich Dübois dem Pfarrer genäherte und ihm Geld und Schlüssel , seinem Auftrag , gemäß , eingehändigt ; dieser steckte beides ein und befahl dann mit lauter Stimme , seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu führen , dagegen