tröste Dich , Maria ! Mit mir tröste Dich ! Wahrlich , wahrlich , ich sage Dir , Du kannst keine größere Heilige auf Erden sein , als wenn Du eine Weltliche bist ! Schönes Mädchen , ich erwähle Dich zu meiner Heiligen , damit Du nicht zu sehr verzagst an Dir ! Ich grüße Dich als meine Heilige , eine Weltheilige ! Ich küsse Dich ! Sie sank mir von selbst in die Arme . Zärtlichere Lippen hatte ich nie geküßt , und doch vermischten sich mit der Gluth dieses Kusses heiße Thränen , die ihr aus den schmerzlich glänzenden Augen stürzten . Dann richtete sie sich still auf , und ruhte einen Augenblick ihr Haupt an mir , und sagte , ihr ganzes Herz hätte ich errathen . Ihr Herz mit ihren Schwächen und Wünschen , mit all der geheim nistenden Qual . Dann riß sie sich ganz los von mir , und sagte , ihr sei doch nicht zu helfen . Sie ging mit heftigen Schritten auf und nieder , und die leichte feenhafte Gestalt zeigte sich in dem rührendsten Zauber ihrer Bewegungen . Sie sah unendlich reizend aus , der Schmerz hatte , eine liebliche Unordnung über ihr Wesen verbreitet . Sie weinte in sich hinein , daß sie eine Verlorene und Verstoßene sei aus der Welt ! Wie kann man verloren sein , mußte ich ihr erwiedern , wenn man jung ist , und eine Weltheilige ? Die Welt hat Dich nicht ausgestoßen , sie will nur , daß Du Dich wieder zurechtfinden sollst in ihr . Sie ist groß und weit . Sie ist gut und göttlich . Ich habe sie genossen , sie hat mich gelockt und verführt ! klagte sie . Und sie lockt mich noch immer . Sie ist schön , und läßt mir keine Ruhe ! - Sie versprach mir , von ihrem Leben Alles aufzuschreiben , und auf wenigen Blättern mir Alles zu geben , wann wir uns wiedersähen . Ob wir uns wiedersähen ? Dies erinnerte mich , daß wir uns trennen mußten . Wir hatten die Zeit schnell mit diesen unruhigen Nachtgesprächen hingebracht . Ich fragte halb lächelnd , halb schmerzlich , ob sie mit mir gehen wolle in die weite Welt hinaus ? Wir wollten gut zusammen wandern durch die weite Welt ! Die Welt ist groß und weit , die Welt ist gut und göttlich ! wiederholte sie , auflächelnd , meine Worte . Ach ! sagte sie dann , zusammenzuckend , ich ginge gern als Jockey verkleidet mit auf die Reise , wenn ich nur hinwegkommen könnte aus des Vaters dumpfer Hütte , und von diesen böhmischen Heiligenbildern , die mich bedrückend ansehn , daß ich hier nicht athmen kann , und die auf mich herabzustürzen drohen , wenn ich sie angstvoll grüße ! Laut schluchzend stürzte sie auf mich zu , und ich fing sie erschrocken in meinen Armen auf . Dann schien ihr selbst bange darüber zu werden , daß sie sich so unverholen ausgesprochen . Es ist Schade , daß ein wandernder deutscher Schriftsteller keinen Jockey brauchen kann . Hilf Himmel ! wie bunt wirrt und zerrt sich das Leben durcheinander in der Bedrängniß der Gemüther . Wir sehen uns wieder ! Maria ! Maria ! ich muß fort , und wir sehen uns wieder ! Gott behüte Dich , meine Weltheilige ! Glück schieße reich an Dir auf , und bringe Dir noch den Genuß der schönsten Tage ! Von jeder Reisestation aus will ich an Dich schreiben , wie es in der Welt hergeht , und wie ich dort und hier , fern und nah , es finde ! Wie jener Bischof , welcher dem Bettlerknaben wenigstens seinen Segen schenkte , der ihm geringer als Hellerwerth zu stehen kam , wollte ich , gleich einem ächten Deutschen , ihr wenigstens etwas schreiben , da ich vom Glück der Welt ihr sonst nichts zu schenken hatte . Diesen Schriftstellersegen nahm sie an , und ich versprach ihr feierlich , ihr alle meine Tagebücher zu schicken . Darin sollte ihr nichts verschwiegen werden . Sie sollte miterleben , wie der Strom der Welt meine junge Brust zertheilt . Dann , sagte sie , müsse ich auch ganz aufrichtig gegen sie sein . Sich selbst belächelnd , fügte sie hinzu : sie sei sehr neugierig hier in ihrer großen Einsamkeit , wie es die Welt draußen weiter treibe . An Tugenden wie an Lastern der Menschen wisse sie hohes Interesse zu nehmen , sie verstehe längst das Leben wie ein Buch zu lesen . Ich solle selbst die verbotenen Stellen darin mit sympathetischer Tinte für sie zeichnen . Sie sei noch immer lüstern auf Alles , was Leben heißt . Sie sei eine solche Närrin , daß sie jedes Sumpfblümchen , wenn es nur im Freien gewachsen , an ihr Herz drücken könne . Ich sollte sie den Jubelschrei der Volksfeste , die Trauermusik der Leichenzüge , die großen Spectakelstücke von Liebe und Haß , die Maskenbälle des Wahns und die Fackeltänze der Leidenschaft , bis in ihr Dorf spielen , hören , sehen , empfinden lassen ! Ob ich ihr denn auch wirklich Alles und Jedes , selbst das Bedenklichste , schreiben wolle , was der Wandel der Tage bringe ? Denn die Gefahr gehöre mit zum Leben . Was die Augen sehen , was die Gedanken aufnehmen , was das heiße Blut in Wallung treibt , wie der unruhige Sinn sich irrt und freut , woran der Verstand sich belehrt und das Herz sich verwundet , solle sie Alles haben , gelobte ich . Sie werde mit mir über die ganze Welt weinen und lachen , sich wundern und sich die Finger verbrennen . Unter der Bedingung , daß ich mit gleicher schonungsloser Aufrichtigkeit ihre Biographie erhielte ! Sie nickte , und floh mit einem Abschiedskuß aus meinen Armen . Dann schlug sie den Rückweg ein durch die Gänge des Gartens . Ich folgte ihr schweigend . Wir näherten uns dem kleinen Hause , das in seiner düstern Stille wie ausgestorben dalag . An der Thür reichte sie mir noch einmal die Hand , und sagte ernst : Es gibt für mich doch kein Glück mehr . Gute Nacht ! Gute Nacht ! Lieber Freund ! Lieber Fremdling ! Gute Nacht ! Dann schlich sie sich leise weinend ins Haus . Ich eilte , wie von rastlosen Herzschlägen getrieben , ins Freie . In nächtlicher Wanderung wurde noch vor Anbruch des Morgens Teplitz wieder erreicht . - An meine Heilige . I. Mein Philister in Teplitz . - Noch einen Tag in Teplitz will ich Dir beschreiben , meine Madonna , ehe ich den Eilwagen nach Prag besteige . Es ist ein Sonntag , und das ist gerade die rechte Beleuchtung für einen Badeort , um alles Schöne und Häßliche in seiner besten Toilette zu erblicken . Komm nur Schlag 11 Uhr mit mir in den anmuthigen Schloßpark , wo vor dem Gartensaale des jungen Fürsten Clari allsonntäglich ein Concert im Freien gegeben wird , welches zum Versammlungspunct des ganzen badenden und nicht badenden Teplitz dient . Nur falle Dir nicht ein , wie mir , früher auszugehn , um auf der Promenade , oder etwa gar in der Kirche , schon interessante Figuren Dir aufzufangen . Die Promenade ist leer , und nur hier und da kommt Dir ein schwererer Kranker , der gebadet hat , verhüllt und auf seinem Rollstuhl entgegengefahren . Und wenn Du die Frommen zu schauen liebst , o Madonna , so suche sie nicht , wie ich , in der schönen Schloßkirche . Ich hatte gern einmal sehen wollen , wie ein Badegast oder eine Badegastin betet , aber es war fast gar nichts zu hören und zu sehen von eleganter Welt vor Petri Pforte . Gott weiß , was die Eleganten noch für Götter haben neben ihm ! Aber warte nur bis 11 Uhr , warte nur bis 11 Uhr ! Dann werde ich die Brille aufsetzen , und Dir die ganze Flora zeigen . Bis dahin frühstücken wir noch im Gasthof , und lesen die Zeitung , oder blättern in der Badeliste . Oder sprechen wir von Politik , mein Kind ! Ja , höre , liebe Heilige , mir ist eingefallen , daß ich ein schlechter Preusse sein müßte , wenn es mir gar nicht in Teplitz gefiele ! Es muß mir also durchaus hier gefallen , denn Alles ist hier Preussisch und Berlinisch , man mag hinsehen , wohin man will . Ganz Teplitz ist eine preussische Provinz , und meine Vaterlandsliebe braucht hier ordentlich stärkende Bäder , wenn ich über die Straßen gehe . Unser König , welcher bekanntlich alle Sommer hier zubringt , wird von der sämmtlichen hiesigen Bevölkerung , die mit einem wahren Herzensenthusiasmus an seiner ehrfurchtgebietenden Erscheinung hängt , nur immer geradezu der König genannt , und so sind wir Berliner alle natürlich wie zu Hause . Auch preussisches Militair jeder Art sieht man hier viel , denn der unermüdlich wohlthuende Sinn des Königs hat selbst für gemeine Soldaten , die erkrankt sind , einen Fonds angewiesen , aus dem sie in die Bäder von Teplitz geschickt werden . Und so müssen mich mehrere Soldaten vom Alexander-Regiment sogar an die Straße erinnern , wo ich in Berlin wohne , weil in deren Nähe die Alexander- ist . Kurz , nichts fehlt , um mir den Berliner einzutränken , und ich darf es mir nicht einmal merken lassen , daß ich verzweifele . Ich muß ordentlich wie ein dankbar vergnügter Berliner thun . Und der reiche jüdische Banquier aus der neuen Friedrichstraße , der mit seiner hübschen Frau hier ist , hat mich seinen jungen geistreichen Landsmann genannt , und wir sind Dreie zusammen gegangen auf den Schlackenberg , und haben bewundert die süperbe Aussicht . Itzig & amp ; Comp . ist auch dagewesen , und hat gesagt , der Tempelhofer Berg bei Berlin sei doch besser . Hat Itzig Sohn geschrieen aus Leibeskräften , wie ein gebildeter Berliner so wenig Natursinn haben könne . Hat Itzig Vater es bekräftigt , daß doch der Tempelhofer Berg bei Berlin besser sei , weil er sich leichter steigen lasse zu Fuß . Haben sie alle gelacht über den Witz . Bin ich fortgeschlichen wie ein frierendes Windspiel . Straßen und Häuser erinnern mich hier auch an Preussen . Alles ist so freundlich , so abgeputzt , so neu , so reinlich , wie ein jungfräulicher Staat . Ein jungfräulicher Staat , der eine gewisse Schamhaftigkeit hat , sich ganz zu entfalten . Und seltsam , da kommen mir gleich noch andere Beziehungen , die für Preußen auf diesem Teplitz ruhen , ins Gedächtniß , zum Theil als Erklärung jener Schamhaftigkeit ! In Teplitz , in einem Badeort , wurden gewissermaßen die ersten Grundsteine zu der für jeden Patrioten so ernsthaften Wahlverwandtschaft zwischen Rußland , Preussen und Oesterreich aufgerichtet . Denn diese Mächte hatten schon nach der Schlacht bei Culm am 30. August 1813 ihre Hauptquartiere nach Teplitz verlegt , um es für die vielen Bedrängnisse , welche diese Stadt erlitten , zu entschädigen , und unterzeichneten daselbst im September desselben Jahres jene Allianz-Tractate , die damals für die Befreiung Deutschlands von so großen Folgen wurden . Und ich bin wahrhaftig unschuldig daran , wenn es hier Jemand einfallen sollte , den Ton auf Damals zu legen . Was in aller Welt geht mich die Betonung meiner Sätze an ? In diesem accentlosen deutschen Leben habe ich längst den Muth verloren , auf die rechte Stelle den Ton zu setzen , wo ich wohl möchte ! Die Lehre , mit Accent und Nachdruck zu sprechen , ist eine gefährliche Wissenschaft , und sie wird Einem abgewöhnt in der Spießbürgerprosa unserer Redefreiheit . Ein mattes Leben , seine Aussprache ohne Accente ! Da kann kein Schulmeister helfen ! So komm denn , Heilige , lieber in den Schloßgarten ! Zeit ist es jetzt . Mädchen , Mädchen , es ist doch eine schöne Welt , - nämlich die , welche sich dort in den bunten Hüten und flatternden Schleiern , im weißen Kleid und durchsichtigen Busenflor , mit den Phantasielocken und Backenbärten , mit dem englischen Frack und den französischen Pantalons , über den Platz am Brunnen hinbewegt . Sie biegen alle in das hohe Portal des Schlosses ein , und wir müssen ihnen nach . Ich höre schon aus der Ferne einige tüchtige Grundstriche der Baßgeige , die Musik im Park hat begonnen . Wir mischen uns in das Gedränge , wir theilen muthig , wie geschickte Schwimmer , den glänzenden Strom , im Vorübereilen manchen schönen Arm streifend . Nun sind wir in der großen Allee , in der sich Alles in wogenden Gruppen auf und niederbewegt , die vornehmsten und reizendsten Gestalten , höchste Welt und anmuthigstes Volk aller Art , Elegantes im Großen , Elegantes im Kleinen . Außerordentlich gut und zahlreich ist besonders die Damen-Vegetation gerathen . Ein unübersehbares Beet strahlender Blumen , frischer und gemachter Rosen . Sie nehmen mehr als Dreiviertel des ganzen Gesichtskreises ein , und würden die Sonne verdunkeln , wenn sie nicht hinter Wolken untergegangen wäre . Man hat eine auserlesene Flora und Fauna fast aller Nationalitäten in einem bunten Festbouquet beisammen . Dem Concert kehrt man bald den Rücken , bald sucht man es wieder auf . Man läßt sich bald auf den Seitenbänken unter hübscher , selbstgewählter Gesellschaft nieder , bald schiebt man sich in der Mitte der Allee unter auf und nieder wandelnden Reihen fort , und folgt diesem oder jenem Augenstern , der in unser Sonnensystem zu passen scheint . Wahrlich , so viel schöne Mädchengesichter sieht man nur in einem Badeort , der gewissermaßen ein Bazar so mancher Frühlingserstlinge ist , auf einen Punct versammelt , obwohl sonst Teplitz an Eleganz und Reichthum der Toilette zurückstehen muß gegen die übrigen böhmischen Bäder . Dies ist jedoch nur Ergebniß der preussischen Einfachheit , zu welcher der hier verweilende Hof den Ton angiebt . Wir sehen uns noch ein wenig die Damen an . Jene Engländerin mit ihrer ätherischen Taille erkennst Du gleich heraus . Ein hochgewachsenes , fast durchsichtiges Bild schwebt sie mit ihren schlanken Schritten an dem Arm eines menschenfeindlichen , in einen langen , gelben , vorn ganz zugeknöpften Ueberrock gekleideten Lords vorüber . Sie blickt wenig umher , das blasse feine Gesicht ist meist in etwas gleichgültiger Ruhe auf die Spitze ihrer kleinen Füße gerichtet . Ihre ganze Gestalt ist heller , klarer Krystall , aber ohne farbige Sonnenreflexe . An ihren Bewegungen verräth sich dort die Französin , mit der kleinen zierlichen Figur , dunkelm Teint , starker Gesichtszeichnung und den bedeutend blickenden Augen . Sie geht frei und lächelt sieggewohnt ; ihre Blicke beherrschen den ganzen Umkreis der ihr begegnenden Gesichter . Sie weiß unaufhörlich etwas zu sprechen zu ihren Begleiterinnen , sie scheint Esprit zu haben , und macht Bemerkungen . Und das dort ist eine schöne Jüdin aus Berlin , reizend in dem gewissermaßen geklärten Orientalismus , der ihre eigenthümlich geschnittenen Gesichtszüge färbt , mit üppigen , lebensvollen Formen . Ein interessanter Schlag , sehr häufig in Berlin , und in dieser anmuthigen Klärung der Formen Abrahams gewissermaßen die dortige halbe Emancipation des Judenthums ausdrückend . Denn die ganze Emancipation müßte nothwendig entweder rein christliche , oder wieder durchaus stockjüdische Formen geschaffen haben . Jetzt aber erhebe den Blick zu jener polnischen Gräfin , die dort im vollen Glanz und Zauber ihrer Nationalität aus der sie umgebenden Damengruppe hervorragt . Sie ist ganz Polin , die originelle sarmatische Natur kann sich in den feurig sprühenden Bewegungen dieser Gestalt keinen Augenblick verläugnen . Die großen blauen Augen rollen umher und suchen ein Ziel ; das Zucken und scharfe Ziehen um den schönen , stolzen Mund scheint jeder Annäherung zu spotten , und doch verräth ein wunderbar blitzender Gesichtszug , daß die Polin genial und hingegeben in der Liebe ist , wie keine andere Frau . Und wer ist die kleine Unschuld , die auf jener Bank so tief verschleiert dasitzt ? Ein hübsches , gutes , deutsches Mädchen . Sie sieht aus , als hätte sie sich an frommen Erbauungsschriften , an den Glockentönen von Strauß , und den Stunden der Andacht , etwas schwindsüchtig gelesen . Den Schleier aber hat sie heut nicht aus ascetischer Frömmigkeit heruntergelassen . Die Badekur scheint eine bunte Schärfe auf ihrem nicht uninteressanten Gesicht hervorgelockt zu haben , und daher dieser Nonnenschleier . Auch die Frommen dürfen sich der Weltklugheit gar nicht schämen . - Alles wäre indeß schon gut , und ich wollte mich mit noch einmal so großer Lust unter diese frohbewegten Reihen mengen , wenn ich nur allein wäre . Ja , ich muß Dir nur gestehen , Madonna , ich bin nicht allein . Es läuft mir immer Jemand nach , ein unausstehlicher Reisegefährte , den ich schlechterdings hier nicht loswerden kann . Es ist der leibhafte und absolute Philister , der sich in Gestalt eines Postsecretairs aus Wittenberg an meine Fersen gehangen hat . Einen langweiligeren , miserableren Menschen sahst Du nie , und , denke Dir , er liebt mich . Ich bin mit ihm von Dresden hieher gefahren , und nun drängt er mir unaufhörlich seine Gesellschaft auf , weil er sich allein nicht getraut , sich die Stadt zu besehen . Er will überall mit mir gehen , ich soll überall mit ihm , denn der deutsche Philister ist ängstlich , sobald er unter Menschen geräth , die zwei Augen und eine Nase haben . So ist er wie ein Kind , und doch wieder wie ein Teufel der Langenweile , und ich könnte mich todt über ihn lachen , wenn mir nicht unheimlich würde vor der bewundernswürdigen Oede seiner Gestalt . Stelle Dir einen langen , noch um zwei Kopfgrößen mich überragenden Jüngling vor , mit einem selbstgefälligen Blick , einen Jüngling , der einen hellblauen Frack mit übernatürlich großen Messingknöpfen , dazu ein Paar weiße , grobe Leinwandsbeinkleider von ungeheuerer Weite , die einen Faltenwurf werfen , wie ihn kein Phidias nachmeißeln würde , und auf dem Kopfe einen weißen Quäker trägt . In diesem Auszuge muß ich mit ihm gehn , o Heilige ! und der eleganten Welt von Teplitz mich präsentiren . Und wenn er so mit seinen großen Plumpstiefeln , die immer so unverschämt unter ihm knarren , daß uns die nervenschwachen Damen schon fürchterliche Blicke zugeworfen haben , wenn er so in dieser fragwürdigen Erscheinung an meiner Seite hinschreitet , ist mir in meiner Angst ordentlich zu Muthe , als ginge unser ganzes philisterhaftes deutsches Wesen , zu einer allegorischen Figur ausgeknetet , in Person eines Wittenberger Postsecretairs mit mir spazieren . Ich fange auch schon an , ihn wirklich für eine Allegorie zu halten , deshalb schone ich ihn noch , denn sonst wäre , bei Gott , entweder die Bizarrerie oder die Gutmüthigkeit , daß ich ihn ertrüge , zu verdammenswürdig an mir ! Dennoch suche ich ihm zu entwischen , so oft ich kann , und jage mich ordentlich mit ihm umher durch Teplitz , aber der Philister muß etwas von dem weltbekannten Ueberall und Nirgends besitzen , denn wo ich nur um eine Ecke herumbiege , steht er vor mir , und wenn ich ins Concert oder Theater gehe , hat er sich schon unter der Thür an meinen Arm gehängt . Er hält mich für einen Doctor der Medizin , und glaubt vielleicht , daß ich ihn von einem alten Schaden curiren könne , an dem er zu leiden scheint , deshalb besonders mag er so anschmieglich an mich sein . Jetzt hat er sich , Gott sei es geklagt , auch im Schloßgarten plötzlich wieder zu mir gesellt . Er marschirt wacker neben mir her , schwenkt mit einer Art von lächerlicher Majestät seinen langen Oberleib , und tritt mir bei Gelegenheiten einmal mit seinen großen , stolpernden Beinen auf die Füße , wahrscheinlich um mich aufmerksam zu machen auf diese oder jene vorbeiwandelnde Schönheit . Wenigstens nehme ich es so an , weil er sich nie enschuldigt . - Nun aber habe ich dem Philister einen rechten Streich gespielt . Mehrere hohe Personen vom Hofe sind gekommen , und es ist ein großes Gedränge der Neugierigen und Schauenden um dieselben entstanden . Da habe ich den Philister mitten hineingestoßen , und bin ihm unter der Menge unvermerkt wieder entlaufen . Während er jetzt steht und sich den Hof ansieht , eile ich weit weg mit freier athmendem Herzen , ich wische mir den Angstschweiß von meiner Stirn , und wandle auf leichter beflügelten Sohlen dem Ende der Allee zu , wo ich einige höchst interessante Gestalten ins Auge gefaßt habe . Es ist - ja , Heilige ! es ist - eine schöne Kokette , die mir dort , am Arm zweier andern Damen , so merkwürdig und vor allen auffallend erschienen ist ! Ich begebe mich , aus alter astronomischer Beobachtungslust , in den gefahrvollen Dunstkreis dieses feuerstrahlenden Kometen . Ich muß sie eine Kokette nennen , aber sie ist die größte , die genialste , die ich jemals sah . Sie ist eine bewundernswürdige Virtuosin ihrer selbst . Eine Virtuosin ihrer selbst , sage ich , denn sie wendet eine Kunst und Begeisterung daran , um sich selbst zu spielen , und sie spielt so ausgezeichnet , daß man sie bei jeder Bewegung herausrufen möchte . Sieh nur , wie sie geht , wie sie blickt , wie sie stillsteht , wie sie die Hand aufhebt , wie sie die gedankenleichte Gestalt davonträgt , wie sie dem lebhaften Gespräch sich bald zu- bald abwendet , bald eine Locke im Nacken zurechtdrückt , bald sinnend ein flatterndes Band durch die Finger gleiten läßt . Keine Muskel regt sich an ihr unwillkürlich , jede Miene , jede Handbewegung ist eine Rolle , die sie mit Feinheit und Grazie ausstudirt hat . Und über all ' diese bewußte Absicht der Erscheinung hat die Macht des Talents doch den Zauber einer gewissen bewußtlosen Unbefangenheit ausgegossen . Sie hat die ausgerechnete Mathematik der Theile zur tönenden Musik eines Ganzen verschmolzen , und über das abgezimmerte Fächerwerk der ausgeklügelten Regel den freien Leichtsinn einer geistreichen Zerstreutheit gehaucht . So muß jeder gute Künstler seine Absichten verstecken . Und sie ist Schauspielerin und Künstlerin ihrer selbst , ich habe es gesagt , aber um die Illusion zu erhöhen , muß auch die Seele selbst mitspielen , und muß mitreden und mitzaubern . Denn die allergrößte Verführung ist doch eine Seele . Dies kannst Du an ihr sehen zu Deiner Verwunderung . Ihre Seele ist bildende Künstlerin geworden in ihren Gliedern , und lächelt , wie eine triumphirende Göttin , durch die irdische Schönheit der Gestalt hindurch . Dem Philosophen , welcher die Selbstkenntniß als die höchste Weisheit gepredigt , hätte ich es gewünscht , diese Kokette zu sehn . Die hatte es am weitesten gebracht in dieser Wissenschaft . Sie kannte sich selbst aus dem Grunde , denn sie wußte Alles an sich zu gebrauchen und auftreten zu lassen , was der Mensch , diese Fleischwerdung nach Gottes Ebenbild , Reizendes hat . Ihre Augen , ihre Blicke , ihr Umsehn , ihr Oeffnen des Mundes zum Lachen , wobei sie mit unbeschreiblicher Anmuth die kleinen weißen Kunstwerke ihrer Zähne zeigt , Alles verräth die wohlangewandteste Selbsterkenntniß , und zugleich einen mildthätigen Sinn , indem sie Jedem der Vorübergehenden aus dem reichen Füllhorn ihres Ueberflusses eine Augenweide spendet . Auch ich bin , mit der Ironie eines stummen Bettlers , schon mehreremal an dieser holden Geberin vorübergegangen , und habe mir manches überraschende Almosen geholt . Es ist ein Schauspiel , ihren großen , sicher blickenden Augen zu folgen , wie sie von einem Gegenstand auf den andern hinschwärmen , keinen zu versäumen und keinen zu beachten scheinen , und doch jeden anziehn . Bald schaut sie freundlich lächelnd , dann , sobald Du den Blick erwiederst , sieht sie Dich finster und befremdet an , und ergiebt sich einer schönen Verwirrung . Nun schnell , wie ein zündender Blitz , zu einem ganz entfernten Gegenstande hinschweifend , läßt sie an diesem die Augen allmälig wieder heiter werden , und wirft dann am Ende diese neue Erheiterung doppelt beglückend auch auf Dich zurück . Wahrhaftig , ich liebe eine Kokette . Sie ist Rossinische Musik , und steigt aus dem Champagnerschaum des Lebens , wie Venus aus der Meeresschäumung , in Glanzgestalt empor . Sie ist eine Abart der Musik , aber doch Musik . Ich liebe entweder eine Frau , wie ich sie mir denke , wünsche , und kenne , oder ich liebe eine Kokette . Aus der soliden und musiklosen Langenweile des hausbackenen Mittelschlags steigt nimmer eine Anadyomene auf . Dann ging ich weiter , und verließ diesen Kometen , der in der That einen ganzen Schweif brennender Blicke hinter sich herzog . Ich fürchtete , wenn ich zu lange an einem Ort verweilte , daß mich mein Philister doch unversehens wieder am Rockschoß erfassen würde . Ich hing mich daher an den Arm eines andern Bekannten , eines Hauptmann v.B. , der mir hier unvermuthet begegnet war . Ein stattlicher , angenehmer Mann , den ich in Dresden in einem Klubb von Schöngeistigen - Gott , könnte man doch gegen dies Wort ein Vomitiv einnehmen , um es aus der deutschen Sprache loszuwerden - kennen gelernt , und der auch unter einem andern Namen große und kleine Schriften herausgegeben hat . Er unterhielt mich lange vom Verfall der Literatur , von Mangel an Anerkennung , vom Epikureismus des Alles genießenden und Alles wieder vergessenden Publikums , und dergleichen mehr , was man von jedem mittelmäßigen deutschen Schriftsteller bis zur Abgeschmacktheit hört . Ich that , als sei mir das ganz etwas Neues , als wisse ich gar nichts davon , und fragte ihn ordentlich genau aus , was man denn in der Welt munkele von dem Verfall der deutschen Literatur . Ich selbst sei ein literaturliebender Einsiedler , der orthodox an Wiedergeburt glaube , sowohl in sich selbst , als in der Seele seiner liebsten Freunde . Ich wisse wahrhaftig nicht , was man in der Welt munkele . Da gerieth er in Feuer , und erzählte mir , daß von einem seiner Werke nur zwölf Freiexemplare ins Publikum gekommen wären . Wie soll man da wirken ? setzte er hinzu . Es muß an der Ursache liegen , sagte ich . Keine Wirkung ohne Ursache , keine Ursache ohne Wirkung . Uebrigens kann man in Deutschland auf zwölf Freiexemplare zwei tausend Leser rechnen . Dann bat ich ihn um Gotteswillen , von deutscher Literatur abzubrechen . Er bot mir an , mich seiner Frau vorzustellen , die ihm mit zwei andern Damen vorausgegangen sei , und die er suche . Ich war artig genug , um auf ihre Bekanntschaft begierig zu sein ; aber wer schildert meine fast schreckenerregende Ueberraschung , als er mich aufmerksam machte , daß sie uns eben entgegenkomme . Denn keine Andere war es , als die große und schöne Virtuosin ihrer selbst , deren künstlerische Bewegungen ich vorher so genau belauscht hatte . Wir standen still , und es knüpfte sich bald ohne Verlegenheit ein Gespräch an . Sie hatte Geist , denn eine ächte Kokette muß auch Geist haben . Nur war es sonderbar , daß sich die Unterhaltung , nachdem die ersten zufälligen Wendungen abgethan , plötzlich wieder auf deutsche Literatur lenkte . Denn auf die Frage , wie sie sich in Teplitz gefalle , sagte sie , daß ihr hier nichts als Jean Paul gefalle , den sie den ganzen Tag lese und hier zuerst vollständig kennen gelernt habe . Guter Gott , Jean Paul Friedrich Richter ! Ich gratulirte ihr zu dieser Badelektüre . In der That , eine Badelektüre . Sonnenstaubbäder der Gefühle , Jean Paulsche Schriften . Das ganze Herz badet sich und kann schwimmen lernen auf seinen Fluthen . Ich sagte ihr , daß mir Bäder nie gut bekämen , und daß ich deshalb auch seit vielen Jahren schon keinen Jean Paul gelesen hätte . Mein Arzt sei ein Liberaler und habe mir angerathen , einmal eine Zeitlang alles Baden in den deutschen Gefühlen einzustellen , um glücklicher und freier zu werden . Jean Paul bleibe darum doch ein großer Dichter , wenn ich ihn auch nicht lese . Sie lächelte , und schlug ihre Augen so reizend zum Himmel auf , daß mir war , als säße auf ihrer Iris ein sternenheller Jean Paul ' scher Gedanke . Er stand ihr schön , dieser Gedanke , und ich rückte mit unwillkürlicher Ehrfurcht an meinem Hut . Dann bedauerte sie mein Herz , daß ihm die Bäder nicht gut bekämen . Ich sagte , ich müsse es trocken halten , das sei mir besser . Da entstehe erst Feuersgefahr , bemerkte sie , lautlachend . Der trockene Zunder lodere am besten . Nun mußte ich ihr Recht geben , wenn die Feuersgefahr so nahe wäre , wie mir jetzt . - O Kokette ! O Jean Paul lesende Kokette ! Lebe wohl ! Meine Heilige hat jetzt genug von Dir gehört . Ich fliehe Deine verlockende Iris , auf der Jean Paulsche Gedanken sitzen ! Der Jean Paul Deiner Augen , und die zwölf Freiexemplare Deines Gemahls , haben die ganze herzerweichende Melancholie der literarischen Germania wieder in mir aufgefrischt . Lebe wohl ! Und dort , ja wahrhaftig , dort kommt auch schon mein Philister , ich erkenne ihn von weitem an seinem großen weißen Quäker . Er kommt , um mich wieder einzufangen , ich Unglücklicher kann mich ihm gar nicht entwinden . Er lächelt mir schon aus der Ferne zu , er blickt ordentlich wohlgemuth , denn er hat den Hof gesehen . Grüß Dich Gott , Du vielgetreuer Philister ! - Der Philister nahm mich in der That jetzt unter den Arm , und stolperte , obwohl