war der einzige Ausruf , der über seine bewegten Lippen dringen konnte . Wally zitterte vor Schrecken und Freude . Auch sie konnte keinen Ausdruck finden . So saßen sie sich eine Weile stumm gegenüber ; aber ihre Blicke sprachen mit feurigen Zungen und hatten tausend Dinge zu gleicher Zeit zu fragen und mitzuteilen . » Dein Tschionatulander ! « sprach dann Cäsar mit holdseliger Ironie . Wally errötete und barg ihr glühendes Antlitz vor Scham an seine Brust . » Sie müssen mir diesen stürmischen Angriff verzeihen ! « fuhr dann Cäsar fort . » Ich habe viel bei Ihnen gutzumachen und will es durch Dinge , welche für Sie von Wert sind . « » Sie haben vor zwei Monaten mir das Leben nur gerettet , um es mir zu nehmen ! « sagte Wally . » Ich wollte Sie nicht besuchen . Ich vermied Sie . Warum ? fragen Sie mich ! Ich weiß es nicht . War ich stolz , beleidigt ? Nein : es war lächerlich ; aber Sie kennen mich , Wally , wie schwierig ich zu behandeln bin . Ich lasse immer auf eine Liebenswürdigkeit zehn unerträgliche Torheiten kommen . « » Liebenswürdigkeiten ! Unerträglich ! Torheiten ! Oh , alles , wie sonst - mein Cäsar ! « » Meine Wally ! Aber Sie schweben in einer unvermeidlichen Gefahr , aus der ich Sie retten muß . Ihr guter Ruf ist bedroht . Sie verdanken das Ihrem Manne . Welche Leute kommen in Ihr Haus ? « Wally hatte nicht viel Gehör für diese Worte , für den Inhalt nicht , nur für den Schall , den sie an Cäsars Munde verfolgte . Wenn die Wörterbücher es erlauben , sich so auszudrücken , so wollte sie ihn nur sprechen , nicht reden hören . » Nein , in der Tat , Wally ! Wer ist dieser Jeronimo ? Alle Welt spricht davon . Es ist unmöglich , daß Sie Anteil an dieser Intrigue haben . Sie kömmt allein auf Rechnung Ihres Mannes . « Wally lächelte nur und weidete sich an dem Anblick . » Nein , bezaubernd sind Sie , Wally ! « grollte Cäsar mit komisch-weinerlicher Stimme ; » aber so hören Sie doch und gehen Sie auf etwas ein , das Sie interessiert . « Cäsar mußte sie wecken , mit Küssen wecken aus ihrem Rausche . Er mußte Auge an Auge , Stirn an Stirn legen , jeden Zug in Wallys Antlitz bannen , um sie in seiner Gewalt zu haben und seinen Worten Eingang zu verschaffen . Wally tat noch immer nichts , als in einer gewissen gemachten Abwesenheit von unten herauf mit einer halben Wendung ihres Kopfes , mit klugen und verdächtigen Augen an ihn sich hinaufschmiegen und das küssen , was sie grade traf , Auge , Mund , Nasenflügel . Man muß lieben , um diesen malerischen Gestus der Zärtlichkeit zu verstehen . » Wally ! « » Cäsar ! « » Wer ist Jeronimo ? « » Ein Narr . « » Der Bruder Ihres Mannes ? « » Der Bruder meines Mannes . « » Er liebt Sie . « » Er liebt mich . « » Er ist wahnwitzig . « » Er ist wahnwitzig . « » O , Wally ! Wally ! « » Was soll ich nur ? Warum inquirieren Sie mich ? « » Man behauptet , Jeronimo würde mit Vorspiegelungen von Ihnen hingehalten , während Ihr Mann die Zeit benutzt , seinen eigenen Bruder auszuziehen . « » Aus der Komödie ! Ein Roman von Eugene Sue , Balzac , Victor Hugo ; was soll ich lesen ? Raten Sie mir : ich verwildre ganz , Cäsar . « » Keine Fabel , nein ! Im Hotel des sardinischen Gesandten plündert man die unglücklichen Liebhaber . « » Und die glücklichen , Cäsar , sind langweilig . « » Und die glücklichen Liebhaber , Wally , wollen nicht , daß ihr Idol ein Gegenstand der allgemeinen Beschimpfung ist . « » Wer beschimpft mich ? « » Ihr Mann ! « » Nun , so müssen Sie mich wieder reinwaschen . « » Das will ich ; aber - « » Aber - « » Geben Sie mir Aufschlüsse , Data , Erklärungen . Wer ist Jeronimo ? Was will er ? Was hat er ? Ahnten Sie nichts ? Teilen Sie die Schuld Ihres Mannes ? « » Gott , so hören Sie auf , Cäsar . An diesen Sachen nehm ' ich keinen Teil . Ich habe ja an Ihnen genug , Cäsar ; ich lasse Sie nicht . Reden Sie von der Vergangenheit , von Ihren Lebensschicksalen , von unsern Freunden . Kein andres Wort , oder ich verlasse Sie im Augenblick . « Cäsar begriff diese Grillen nicht . Verdiente er , so geliebt zu werden ! » Nun dann ! « sagte er lachend und ärgerlich zugleich und begann , auf die Themata einzugehen , welche Wally entzückten . Bis zur Mittagszeit konnten sie über diese Dinge sprechen , ja noch in der Loge des Theaters , und nach dem Theater bis tief in die Nacht hinein . 10 Endlich hatte Wally den Zusammenhang ihrer häuslichen Verhältnisse erfahren . Cäsar war unermüdlich , den Ruf seiner Freundin wiederherzustellen und die öffentliche Meinung über sie zu berichtigen . Sie dankte ihm dafür nicht einmal ; denn sie lebte gar nicht in bezug auf diese unwürdigen Dinge , weil sie weder von ihnen eine Vorstellung hatte noch sie für wert einer Aufmerksamkeit hielt , die größer gewesen wäre als die vollständige Erschöpfung ihres Verhältnisses zu Cäsar . So verflossen einige für sie unersetzliche Tage . Wally duldete nicht , daß irgend etwas sie im Genusse derselben störte . Sie gab sich wenigen Besuchen preis . Die meisten wies sie ab , vor allen die Anmeldungen Jeronimos , den sie in seinen Leiden mit einer entsetzlichen Grausamkeit behandelte . Sie trat alles mit Füßen , was nicht in unmittelbarer Beziehung auf Cäsar stand . » Sie müssen mich über diesen Unglücklichen anhören « , sprach Cäsar einst zu ihr . » Er glaubt Rechte auf Sie zu haben und behauptet , daß Sie um den Preis seines Vermögens die seine wären . « Wally lachte hierüber , dann aber sagte sie ärgerlich : » Was soll ich aber tun ? Ich bin dieser Verhandlungen müde , daß mir meine Lage unerträglich wird . Es kömmt so weit , daß ich jedes Mittel ergreife , Paris zu verlassen . « » Was tut Ihr Mann ? Was sagt er Ihnen ? Will er denn alles geschehen lassen ? « » Was geschieht denn ? Gütiger Himmel , so schenken Sie den Narrheiten der Welt nicht fortwährend Ihr Ohr . Ich bin für Sie ohne Tadel und bedarf nicht mehr , weil ich nur Ihnen gefallen will . O Gott ! Ist je zu einem Manne so gesprochen worden ? « » Sie verwirren meinen Kopf , Wally ! « » Gewiß : denn der meinige ist unfähig , noch im Zusammenhange zu denken . Wollen Sie etwas Entscheidendes tun ? « » Nun ? « » Befreien Sie mich aus dieser Lage ! Ich gehe mit Ihnen aus Paris und kehre niemals zurück . In der Einsamkeit will ich wohnen , selbst wenn Sie mich verbergen müßten . Hier ist die Luft verpestet . Sagen Sie alles meinem Manne . Er ist ein Pinsel , der gar keine Rechte auf mich hat . Fort ! Gehen Sie noch jetzt hinüber zu ihm . « Als Cäsar mit dem Gesandten allein war , sagte er zu ihm : » Mein Herr , Sie vernachlässigen den Ruf und die Ruhe Ihrer Frau . « » In welcher Eigenschaft sagen Sie mir dies ? « fragte der Gesandte . » Als Bevollmächtigter und Beauftragter Ihrer Frau , als Freund des Hauses , dem sie angehört , als Teilnehmer an Wallys Lebensschicksalen , die sie betreffen , als beträfen sie mich selbst , zuletzt - wenn auch nur - als Beschützer eines Wesens , das unschuldig ist und nicht die Kraft hat , sich von einer Intrigue loszusagen , in welche sie wider ihren Willen verwickelt wurde . « » Sie scheinen von den Verhältnissen meiner Frau mehr zu wissen als ich selbst . Doch will ich ihre Mitteilungen abwarten , um mich zu irgend etwas bestimmen zu lassen . « » Dann werden Sie freies Spiel haben , mein Herr ! Wally lebt nicht mit dem , was um sie vorgeht . « » Dann scheint es , als bauten Sie ihr eine neue Welt . « » Ja , Sie können so sagen , wenn Sie darunter verstehen , daß ich die alte einreißen werde . Was können Sie tun , um Ihrem Bruder seinen Verstand wiederzugeben und die Reichtümer desselben , welche Sie sich das Ansehen geben , mit Ihrer Gattin zu teilen ? Sie wagten es , eine himmlisch reine Seele zu beschmutzen . Sie wagten es , das Leben eines Bruders methodisch zu untergraben . Gegen das letzte werden die Gesetze auftreten , gegen das erste aber Gesinnungen , die sich weder widerlegen noch bestechen lassen . « » Aber auch gegen diese tugendhaften Gesinnungen wird es Gesetze geben ; denn Sie wissen , daß diese Art Tugend nicht überall am Orte ist . « » Die Gesetze werden zu spät kommen . « » Wie sollten sie von Ihnen vereitelt werden ? « » Durch die Entführung Ihrer Frau , die Brandmarkung Ihres Namens , durch die Aufhebung jeder ehrlichen Gemeinschaft mit Ihnen , durch tausend Vorsprünge , welche die Ehrlichkeit vor einem Manne voraus hat , der mit dem guten Namen seiner Frau das Vermögen eines Bruders kauft , der zur einen Seite die Menschen übel berüchtigt , zur andern wahnsinnig macht . Wahrhaftig , ich schwöre Ihnen - « Der Gesandte trat scharf auf Cäsar zu und hintertrieb hiedurch das , was dieser sagen wollte , er stieß einige Drohungen aus und verließ dann mit einem gemachten Stolze das Zimmer . Cäsar wollte ihm nach , aber die Tür war ins Schloß gefallen . Als er in die Zimmer Wallys zurückkam und er hörte , daß sie im Bade sei , verließ er unmutig über die verlorne Mühe das Hotel . Seine Ausdauer war erschöpft . Er war nahe daran , jetzt alles so kommen und so gehen zu lassen , wie es ging . Aber noch an demselben Abende sollte eine Schlußkatastrophe den Knoten durchhauen . Jeronimos Seelenzustand war unheilbar zerrüttet . Es war ihm nur noch eine Kraft geblieben , die gefährlichste für seinen unzurechnungsfähigen Zustand , die Kraft , Entschlüsse zu fassen und sie um so eher ins Werk zu setzen , weil ihn nichts in seinen Combinationen störte . Jeronimo war fast ein Bild des Todes . Das dunkle Feuer seines Auges hatte sich selbst verzehrt , ein Büschel dünner Haare deckte den kahlen Scheitel . In Regen und Frost stand er vor den Fenstern seiner unglücklichen Neigung , die ihn von sich wies und den ganzen Herbst und Winter mit ihm nicht gesprochen hatte . Dabei versagte er sich das Notwendigste . Er schien verhungern zu wollen . Da ihn aber die Langsamkeit dieser Todesart peinigte , so wählte er eine schnellere . Nur darum handelte es sich noch bei ihm , wie er vor den Augen Wallys sterben sollte . Es war an demselben Tage , wo Cäsar mit dem Gesandten gesprochen hatte , als sich in der Nachtdämmerung eine blasse Gestalt von ihrem Lager erhob , nach einem Pistol griff und sich an den erleuchteten Häusern der Pariser Straßen dicht unter den ersten Stockwerken entlangschlich . Es war ein wenig Schnee gefallen . Die Straßen waren leer , oder doch hatte alles , was auf ihnen war , Eile , sie wieder zu verlassen . Nirgends brannten Laternen . Der Kalender hatte Mondschein . Jeronimo stand endlich vor dem Hotel seines Bruders . Man sah es , daß dieses Haus kein Sitz der Freude war . Nur hie und da war ein Fenster erleuchtet . Jeronimo spähte nach dem , welches zu Wallys Schlafkabinett gehörte . Er sah es , doch war es noch finster . Wally mußte aus dem Theater schon zurück sein . Einige falsche Akkorde auf dem Klavier drangen zu dem Ohr des Unglücklichen . Jeden andern , dessen Geist nicht schon in wahnsinnige Erstarrung übergegangen war , hätten diese Töne dem Leben wiedergegeben . Jeronimo hatte keine Empfindung als für das , welches mit seinem Tode und einer Art von Rache zusammenhing . Er tat nichts , als den Hahn seines Pistols zurücklegen . Jetzt schwiegen die Töne , welche nur in einem Anfalle von Zerstreuung und zufälliger Leere des Bewußtseins angeschlagen schienen . Das Schlafkabinett Wallys erhellte sich . Jeronimo zitterte , denn nah erkannte er zwei Gestalten , welche an den Gardinen des Fensters zuweilen wegrauschten . Bald war es nur noch dieselbe , die zuweilen wiederkehrte . Es mußte Wally sein . Jeronimo wollte nicht anders , als sie im Auge haben . Der Zufall war grausam genug , hier alles zu erleichtern . Vom Vorsprung des Parterrefensters war er bald auf das eiserne Gerüst einer Laterne . Die Einschnitte an der Wand des Hauses unterstützten ihn . Er schwang sich auf , griff mit zuckender Hand an das Fenster und faßte so viel vom Holze , daß er bequem aufgerichtet einige Minuten lang stehen konnte ; er stand noch länger ; denn in so fürchterlichen Augenblicken ermüdet der Körper nicht und kann das Unglaubliche leisten . Wally blieb drinnen an einen Pfeiler ihres Bettes gelehnt . Sie war noch nicht ganz entkleidet ; nur was an Schnüren und Bändern ihre Kleider zusammenhielt , das war gelöst und machte , daß sie in einer malerischen , die Sinne verlockenden Situation dastand . Sie war sehr indifferent in ihrem Gemüte , wie es schien , und griff nach einem Buche , nach einem deutschen Buche , um sich in Paris einzuschläfern . Da störte sie ein Geräusch am Fenster . Sie sieht auf und erblickte durch die angelaufenen Scheiben die ganz undeutlichen Umrisse einer menschlichen Gestalt . Sie eilt hinzu , wischt so viel von dem Tau des Fensters ab , um ein gräßlich verzerrtes Antlitz wahrzunehmen , das im Nu beim Knall eines Pistols zerschmettert ist . Sie stößt einen entsetzlichen Schrei aus : der Schuß machte das Haus lebendig . Man eilt von allen Seiten herbei , dringt in Wallys Zimmer ; denn hier hatte man den Schuß gehört . Man tritt in das Kabinett und findet Wally bewußtlos am Boden liegen . Die Scheiben sind zerschmettert , und blutige Teile eines zersprungenen Schädels liegen auf dem Fußboden . Wally hatte sich bald erholt . Sie besann sich auf alles ; sie hatte Jeronimo in dem Augenblicke , als das Pistol blitzte , erkannt ; niemand zögerte , ihre Vermutung zu bestätigen , als man den hinuntergestürzten Leichnam besichtigte und dem Bruder des Gesandten in ein Antlitz leuchtete , das nicht mehr da war . Aber welch ein tiefer Abgrund ist das weibliche Herz ! Wally tobte wie eine Bacchantin . Sie lief , sie schrie , sie riß die Zimmer ihres Gatten auf , der nirgends zu finden war . Sie verbot unter jeder Bedingung , den entsetzlichen Leichnam in das Haus zu tragen . Wäre Jeronimo nicht tot gewesen , jetzt hätte sie ihn umbringen können . Sie rief nach Cäsar . Bedienten eilten fort ; man traf ihn nicht . Sie schickte zwei- , dreimal . Zuletzt ließ sie ihm sagen , daß er am folgenden Morgen um sechs Uhr reisefertig in ihrem Hotel eintreffen sollte . Hier war kein Besinnen , kein Abraten mehr möglich . Alles mußte Hand anlegen , um ihre Sachen zu ordnen und das Nötigste auf den Reisewagen zu packen , der unter den Torweg gezogen wurde . Die Post wurde zur Minute bestellt . Wally war wie verzaubert . Sie befahl , majestätisch , kalt , nordisch , wie eine Alleinherrscherin Moskoviens . Bis tief in die Nacht war sie mit diesen Zurüstungen beschäftigt . Sie hatte in halbem Schlummer gelegen , als sie in der Frühe aufwachte . Das blutige Ereignis hatte sie vergessen ; nur ihr Entschluß beschäftigte sie . Cäsar erschien , ganz verstört . Sie blickte ihn forschend an , sie befahl . Er begriff nichts , er frug nicht , er folgte willenlos . Unten im Torweg war alles noch um den Wagen beschäftigt , sie zitterte vor Ärger , daß hier noch nicht alles beendigt war . Sie dachte gar nicht daran , bei Menschen , welche sie nie wiedersehen wollte , einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen . Cäsars Blick fiel auf eine Blutspur , die von außen sich in den Torweg und wieder hinauszog . Er wagte nicht zu fragen , so erschreckte ihn dies . Wally schien alles zu wissen , und wie leichtsinnig trat sie über das kaum getrocknete Blut , das hie und da mit zersplitterten Knochen vermischt war ! Erst als sie beide im Wagen saßen und die Barrièren von Paris im Rücken hatten , teilte ihm Wally das Geschehene mit . Cäsar schauderte . Drittes Buch Wallys Tagebuch Es ist zu spät , das Leben ihres Bluts Ist tödlich angesteckt , und ihr Gehirn , Der Seele zartes Wohnhaus , wie sie lehren , Sagt uns durch seine eitlen Grübeleien Das Ende ihrer Sterblichkeit vorher . Shakespeare Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich , den Kreis , in welchem ich mich bewege , nun doch auch in allen seinen Teilen auszufüllen . Wie beglückt mich Cäsars Liebe ! Ich will aber nicht ungerecht sein gegen die Außenwelt und mich wenigstens schriftlich mit ihr beschäftigen , soweit sie ein Recht dazu hat . Viele verdienen es , daß ich auf sie achte : nicht alle . Cäsar sagt mir , ich wäre egoistisch gegen die Welt , er nennt mich sogar grausam . Er meint es gewiß damit aufrichtig . Ich will mich auch mit den andern beschäftigen ; aber schriftlich : täglich will ich drei Vormittagsstunden darauf verwenden . Täglich - Ob ich das Vorige ausstreiche ? Fünfmal hab ' ich gegen meinen Vorsatz gesündigt , und multipliziere ich die drei vergessenen Stunden mit den fünf vergessenen Tagen , so tat ich ' s fünfzehnmal . Ich schreibe ungern , denn ich denke viel schneller , als mein bleierner Stil folgen kann . Cäsar sagte mir , man müsse die Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomieren . Dadurch lerne man und vergnüge sich . Cäsar hat immer recht . Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen . Ich vernachlässige alle ; wenn ich sie sehe , zeig ' ich ihnen , was ich von ihnen schrieb und daß ich sie doch liebe . Ich will Delphinen charakterisieren , sie ist so verschieden von mir . Delphine gefällt , ohne schön zu sein . Man kann ihr nicht einmal einen ausgezeichneten Wuchs zugestehen , nur ihre Haltung , ihr schwebender Gang kann den Mann veranlassen , auf sie zu achten . Sie trägt sich mit erstaunenswerter Einfachheit . Ihr Haar ist gescheitelt ; ein weißer Kantenstrich , wie man ihn unter Hüten trägt , hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck . Weiß und hellblau stehen ihr gut ; eine rote Schleife auf der Brust gibt dieser Monotonie der Toilette eine lachende Auffrischung . Delphine hat einen kleinen Fuß . Sie geht sehr schön . Das will viel sagen ! Das Blaue in Delphinens Auge ist nicht rein , es ist mit zu viel Weiß gemischt . Für die Augenbrauen ist eine schöne Wölbung da ; aber sie ist nicht stark aufgetragen ; dieser Reiz verschwindet . Sie hat einige hübsche Gewohnheiten . So faßt sie z.B. oft mit der linken Hand in die Gegend der Stirn , öffnet sie , schließt mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen Kreis und beginnt diesen Kreis allmählich zu öffnen , indem sie aus der Tränendrüse des linken Auges zurückfährt , das ganze Auge umkreist und die Öffnung der beiden Finger wieder schließt am Ende des Auges . Diese sonderbare Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle und ist deshalb so hinreißend , weil sie immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhängt . Der größte Zauber in Delphinens Erscheinung kömmt aber von ihrer eigentümlichen Seelenstimmung her . Diese muß man , um kurz zu sein , sentimental nennen ; obschon der Ausdruck sie nicht ganz erschöpft . Besser würde man sagen , sie ist musikalisch gestimmt . Denn Musik drückt ihr ganzes Wesen aus : und zwar nach jener einseitigen Richtung hin , wo die Musik nur Wollust der Empfindung ist . Für plastische Gestaltenschöpfung in der Musik , soweit die Musik diese erreichen kann , für Opern im französischen Geschmack , kurz , für das Dramatische in der Musik ist sie nicht . Die Richtung ihrer Seele ist lyrisch . Alles , was sie mit einem wunderlieblichen Organe spricht , nimmt den Ausdruck des Zarten , Schonenden und Bittenden an . Bittend sind die meisten Töne ihres Lautregisters . Nichts kann hinreißender sein als dies flehende , mit einer gewissen lächelnden und doch schmerzlichen Selbstironie hervorgebrachte : » O Gott ! « , womit sie so vieles begleitet , was sie spricht . » O Gott ! « Dieser Ausdruck soll ihr ewiges Überwundensein , ihre Hingebung an die Menschheit , an die sie glaubt , ausdrücken . Wer könnte widerstehen , wo solche Töne anschlagen ! Delphine ist so willenlos , daß sie die Beute jeder prononcierten Absicht wird . Mit liebenswürdiger Naivetät gestand sie mir einst : Sie würde jeden lieben , der sie liebt . Oh , wie nötig ist es , bei einer solchen Willensschwäche , daß sie in die Hut eines Mannes kömmt , der so viel geistiges Leben besitzt , um sie ganz durchströmen zu können mit seiner eignen Willenskraft ! Delphine liebte unglücklich , mehrmals ; aber sie ist so unentweiht , ihre früheren Zärtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen , daß sie dem Manne immer noch als kaum erschlossene Knospe erscheinen muß . Delphine besitzt äußerlich die Reize nicht , einen Mann auf die Länge zu fesseln , aber wer sie einmal , sei es aus Liebe oder Illusion , eroberte , der wird sie nie verlassen können , weil ihre Hülflosigkeit , ihre Hingebung entwaffnet . Vielleicht arbeitet sie noch mehr an ihrem Geiste . Sie hält einige Minuten lang die Dialektik eines bloß verständigen logischen Gesprächs aus ; aber dann kann sie es nur fortsetzen , wenn es entweder auf einen gemütlichen und Gefühlston übergeht oder auf einen bestimmten vorliegenden Fall , den sie erlebt hat . Über einen Fall , den man ihr bloß erzählt , kann sie nicht urteilen , weil sie alle Menschen für gut hält und alle nach sich selbst richtet . Delphine sollte viel lesen . Sie liest , aber fragmentarisch . Sie ist reich , sie sollte sich durch vielfache Lektüre darin zu bilden suchen , was über die Musik und das bloße Gefühl hinausliegt . Ihr Organ macht , daß sie schön , ihre keusche Seele , daß sie fast alles richtig liest . Ich hörte sie Gretchen im » Faust « lesen , so wahr und hold , wie es der Peche in Wien und Höffert in Braunschweig kaum gelingen möchte . Cäsar muß ihr Bücher geben . Was er wohl über sie urteilt ! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir doch einmal : er müsse jede lieben , die ihn liebe , und würde auch jeder treu sein in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus , bei Delphinen Schwäche . Sie können sich aber nicht begegnen . Delphine ist eine Jüdin . Ich habe das gestern nur so hingeworfen , daß Delphine eine Jüdin ist . Aber welche eigentümliche Richtung mußte dies ihrem Wesen geben ! Sie wurde unter sehr glänzenden Verhältnissen erzogen . Das Judentum in seinem Schmutz , mit seinen Zeremonien und Priestern nahte sich ihr niemals . Sie findet keine Reue darin , irgendeines der jüdischen Gebote zu übertreten , von welchen sie den größten Teil gar nicht kannte . Wie originell ist doch ein Mädchen , das den ganzen Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe steht , welche ganz Gefühl ist , und das so viel Liebenswürdigkeit entwickelt ! Delphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben , einen weiblichen Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht , eine häusliche Verehrung kömmt in Form von Zeremonien , Gesang oder sonst einer Weise nicht vor , die Konfirmation ist unter uns den Juden nicht erlaubt - wie auffallend ist dies alles , und doch hat man es dicht neben sich ! Glücklich ist Delphine zu nennen , denn niemals wird ihr die Religion irgendeine Ängstlichkeit verursachen . Ein gewisses unbestimmtes Dämmern des Gefühls muß für sie schon hinreichend sein , die Nähe des Himmels zu spüren . Sie braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Tatsachen nicht , die die Christin erst erklimmen muß , um eine Einsicht in das Wesen der Religion zu bekommen . Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten im Grunde , wenn die Religion die Tugend befördert , weit weniger tugendhaft als die Juden sein ; denn unsere Religion ist ein so hoher Münster , daß man ihn zwar ersteigen , aber nicht zu jedem Sims , zu jedem Vorsprunge , zu jedem Seitenturme gelangen kann . Eins aber bemerk ' ich , was charakteristisch ist . Niemals könnt ' ich als Christin über meine Religion zu Delphinen sprechen und sie eine Verzweiflung über meinen Glauben blicken lassen . Es ist dies eine Scham und ein Stolz , welcher unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen würde , selbst wenn vom Christentum alles in uns morsch geworden ist . Für christliche Männer , welche widerspenstig gegen den Katechismus sind , muß die Liebe einer Jüdin von besonderm Reize sein . Sie nehmen hier weder Bigottismus noch eine Zerrissenheit wie die meinige in den Kauf , sondern weiden sich an der reinen , ungetrübten , natürlichen Weiblichkeit , an einem sinnlichen Schmelz der Liebe , welcher die der Christinnen bei weitem übertreffen soll . Bei einer Jüdin reduziert sich alles einseitig auf ihre Liebe , Rücksichten tauchen nirgends auf : ihre Liebe ist ganz pflanzenartiger Natur , orientalisch , wie eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems , der alles erlaubt , jedes Spiel , jede weibliche ( aber wollüstig-ergreifende ) Gedankenlosigkeit , alles , alles : darum schwillt Delphine von Liebe . Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff , sondern immer aufgebläht , rund und voll , immer auf rauschender Fahrt . Cäsar entdeckt , glaub ' ich , in der Liebe zu Jüdinnen noch einen andern Reiz . Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen . Das Sakrament der Ehe ist nach seiner Theorie die Liebe , nicht des Priesters Segen . Wie glücklich würde Cäsar sein , wenn er je heiratete , es ohne kirchliche Zeremonie tun zu dürfen ! Eine Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen kann zwar nicht bei uns , aber in andern Ländern geschlossen werden ; natürlich ist dies eine Ehe ohne den christlichen oder jüdischen Priester ; es ist eine rein zivile Ehe vor den Gerichten , ein Akt der geselligen Übereinkunft . Ich glaube fast , Cäsar könnte deshalb seine Neigung zu Delphinen ins Äußerste treiben . Schon bemerk ' ich , wie eifrig er sie sucht . Wie leichtsinnig bin ich gestern über die Abgründe meines Denkens hingewandelt ! Ohne weiteres konnt ' ich mich damit beruhigen , diese Zweifel an meinem Glauben hinzunehmen als etwas , das ich mir längst selbst gestanden habe , und doch weiß ich aus meinem frühern Leben , wie unglücklich ich war , daß ich über diese Dinge nichts zu denken wagte . Oh , wie mächtig ist der Liebe Zauber ! Ein männliches Herz , das uns liebt , ist der Wächter aller unsrer Gedanken und muß die stille Verantwortung dessen tragen , was in der Seele des Weibes Sünde und Empörung ist . Wie sicher fühl ' ich mich , selbst im Entsetzlichsten , wenn ich nur die warme Hand meines Freundes drücken darf ! Er nimmt alles auf sich : er ist heiter und lächelt und fürchtet nichts . Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe , wie Cäsar sich Delphinen immer mehr nähert , wenn ich mir die grausame Wirkung denke , die ein Verhältnis zwischen beiden in mir Unglückseligen hervorbrächte : was muß dann kommen , wenn ich die Trümmer sehe , welche sich in meiner Seele aufgehäuft haben ! Die Unruhe , über die Religion eine Ansicht zu haben , peinigt mich mehr als sonst . Sie hat eine solche , jetzt zur Not gedämmte Gewalt über mich , daß ich glauben muß , die Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine Überflutung in mir hervor , welche selbst den Schmerz über Cäsars Verlust mit fortschwemmt . Ich lebe und sterbe mit Cäsar . Leben kann ich nur mit Cäsars Liebe . Sterben muß ich , nicht weil Cäsar imstande war , eine andre mir , ein Mädchen einer Frau ( ob er es wohl weiß , eine Unberührte einer Unberührten ) vorzuziehen , sondern weil dann alles in mir zusammensinkt . Gott , ich glaube , fast brauch ' ich Cäsar nur , um mich zu beschäftigen und meinen Gedanken eine unschädliche Richtung zu geben . Er kömmt . Nur die Erkenntnis ist das Schwere . Das Dasein Gottes selbst bezweifeln hieße den gegenwärtigen Zustand meines Innern fortleugnen . Würd ' ich diese Mühe haben