war , als ob sie etwas bejahend nickte ; sie nahm dort den Dolch , hob ihn gen Himmel mit der rechten Hand , als ob sie mir ihn zeigen wolle , legte ihn wieder sanft und klanglos nieder ; dann nahm sie die Nachtlampe , hob sie auch in die Höhe und zeigte sie mir , und als ob sie mir bezeichnen wolle , daß ich sie verstehe , nickte sie sanft , führte die Lampe zu ihren Lippen und hauchte sie aus ; denk nur « , sagte sie voll Schauder , » ausgeblasen ; - im Dunkel hatte mein Auge noch das Gefühl von ihrer Gestalt ; da hat mich plötzlich eine Angst befallen , die ärger sein muß , als wenn man mit dem Tod ringt ; ja , denn ich wär lieber gestorben , als noch länger diese Angst zu tragen . « Ich war gekommen , um Abschied zu nehmen , weil ich mit Savigny nach Marburg reisen wollte , aber nun wollte ich bei ihr bleiben . » Reise nur fort « , sagte sie , » denn ich reise auch übermorgen wieder ins Rheingau . « - So ging ich denn weg . - » Bettine « , rief sie mir in der Tür zu , » behalt diese Geschichte , sie ist doch merkwürdig ! « Das waren ihre letzten Worte . In Marburg schrieb ich ihr oft ins Rheingau von meinem wunderlichen Leben ; - ich wohnte einen ganzen Winter am Berg dicht unter dem alten Schloß , der Garten war mit der Festungsmauer umgeben , aus den Fenstern hatt ich eine weite Aussicht über die Stadt und das reich bebaute Hessenland ; überall ragten die gotischen Türme aus den Schneedecken hervor ; aus meinem Schlafzimmer ging ich in den Berggarten , ich kletterte über die Festungsmauer und stieg durch die verödeten Gärten ; - wo sich die Pförtchen nicht aufzwingen ließen , da brach ich durch die Hecken , - da saß ich auf der Steintreppe , die Sonne schmolz den Schnee zu meinen Füßen , ich suchte die Moose und trug sie mitsamt der angefrornen Erde nach Haus ; - so hatt ich an dreißig bis vierzig Moosarten gesammelt , die alle in meiner kalten Schlafkammer in irdnen Schüsselchen auf Eis gelegt mein Bett umblühten ; ich schrieb ihr davon , ohne zu sagen , was es sei ; ich schrieb in Versen : mein Bett steht mitten im kalten Land , umgeben von viel Hainen , die blühen in allen Farben , und da sind silberne Haine uralter Stämme , wie der Hain auf der Insel Cypros ; die Bäume stehen dicht gereiht und verflechten ihre gewaltigen Äste ; der Rasen , aus dem sie hervorwachsen , ist rosenrot und blaßgrün ; ich trug den ganzen Hain heut auf meiner erstarrten Hand in mein kaltes Eisbeetland ; - da antwortet sie wieder in Versen : » Das sind Moose ewiger Zeiten , die den Teppich unterbreiten , ob die Herrn zur Jagd drauf reiten , ob die Lämmer drüber weiden , ob der Winterschnee sie decket , oder Frühling Blumen wecket ; in dem Haine schallt es wieder , summen Mückchen ihre Lieder ; an der Silberbäume Wipfel , hängen Tröpfchen Tau am Gipfel ; in dem klaren Tröpfchen Taue , spiegelt sich die ganze Aue ; du mußt andre Rätsel machen , will dein Witz des meinen lachen ! « Nun waren wir ins Rätsel geben und lösen geraten ; alle Augenblick hatt ich ein kleines Abenteuer auf meinen Spazierwegen , was ich ihr verbrämt zu erraten gab ; meistens löste sie es auf eine kindlich-lustige Weise auf . Einmal hatte ich ihr ein Häschen , was mir auf wildem einsamen Waldweg begegnet war , als einen zierlichen Ritter beschrieben , ich nannte es la petite perfection und daß es mir mein Herz eingenommen habe ; - sie antwortete gleich : » Auf einem schönen grünen Rasen , da ließ ein Held zur Mahlzeit blasen , da flüchteten sich alle Hasen ; so hoff ich , wird ein Held einst kommen . Dein Herz , von Hasen eingenommen , von diesen Wichten zu befreien und seine Gluten zu erneuen ; « - dies waren Anspielungen auf kleine Liebesabenteuer . - So verging ein Teil des Winters ; ich war in einer sehr glücklichen Geistesverfassung , andre würden sie Überspannung nennen , aber mir war sie eigen . An der Festungsmauer , die den großen Garten umgab , war eine Turmwarte , eine zerbrochne Leiter stand drin ; - dicht bei uns war eingebrochen worden , man konnte den Spitzbuben nicht auf die Spur kommen , man glaubte , sie versteckten sich auf jenem Turm ; ich hatte ihn bei Tag in Augenschein genommen und erkannt , daß es für einen starken Mann unmöglich war , an dieser morschen , beinah stufenlosen himmelhohen Leiter hinaufzuklimmen ; ich versuchte es , gleitete aber wieder herunter , nachdem ich eine Strecke hinaufgekommen war ; in der Nacht , nachdem ich schon eine Weile im Bett gelegen hatte und Meline schlief , ließ es mir keine Ruhe ; ich warf ein Überkleid um , stieg zum Fenster hinaus und ging an dem alten Marburger Schloß vorbei , da guckte der Kurfürst Philipp mit der Elisabeth lachend zum Fenster heraus ; ich hatte diese Steingruppe , die beide Arm in Arm sich weit aus dem Fenster lehnen , als wollten sie ihre Lande übersehen , schon oft bei Tage betrachtet , aber jetzt bei Nacht fürchtete ich mich so davor , daß ich in hohen Sprüngen davoneilte in den Turm ; dort ergriff ich eine Leiterstange und half mir , Gott weiß wie , daran hinauf ; was mir bei Tage nicht möglich war , gelang mir bei Nacht in der schwebenden Angst meines Herzens ; wie ich beinah oben war , machte ich Halt ; ich überlegte , wie die Spitzbuben wirklich oben sein könnten und da mich überfallen und von der Warte hinunterstürzen ; da hing ich und wußte nicht hinunter oder herauf , aber die frische Luft , die ich witterte , lockte mich nach oben ; - wie war mir da , wie ich plötzlich durch Schnee und Mondlicht die weitverbreitete Natur überschaute , allein und gesichert , das große Heer der Sterne über mir ! - So ist es nach dem Tod , die freiheitstrebende Seele , der der Leib am angstvollsten lastet , im Augenblick , da sie ihn abwerfen will ; sie siegt endlich und ist der Angst erledigt ; - da hatte ich bloß das Gefühl , allein zu sein , da war kein Gegenstand , der mir näher war als meine Einsamkeit , und alles mußte vor dieser Beseligung zusammensinken ; - ich schrieb der Günderode , daß wieder einmal mein ganzes Glück von der Laune dieser Grille abhänge ; ich schrieb ihr jeden Tag , was ich auf der freien Warte mache und denke , ich setzte mich auf die Brustmauer und hing die Beine hinab . - Sie wollte immer mehr von diesen Turmbegeistrungen , sie sagte : » Es ist mein Labsal , Du sprichst wie ein auferstandner Prophet ! « - Wie ich ihr aber schrieb , daß ich auf der Mauer , die kaum zwei Fuß breit war , im Kreis herumlaufe und lustig nach den Sternen sehe , und daß mir zwar am Anfang geschwindelt habe , daß ich jetzt aber ganz keck und wie am Boden mich da oben befinde , - da schrieb sie : » Um Gotteswillen falle nicht , ich hab ' s noch nicht herauskriegen können , ob Du das Spiel böser oder guter Dämonen bist « . - » Falle nicht , « schrieb sie mir wieder , » obschon es mir wohltätig war , Deine Stimme von oben herab über den Tod zu vernehmen , so fürchtete ich nichts mehr , als daß Du elend und unwillkürlich zerschmettert ins Grab stürzest ; « - ihre Vermahnungen aber erregten mir keine Furcht und keinen Schwindel , im Gegenteil war ich tollkühn ; ich wußte Bescheid , ich hatte die triumphierende Überzeugung , daß ich von Geistern geschützt sei . Das Seltsame war , daß ich ' s oft vergaß , daß es mich oft mitten aus dem Schlaf weckte und ich noch in unbestimmter Nachtzeit hineilte , daß ich auf dem Hinweg immer Angst hatte und auf der Leiter jeden Abend wie den ersten , daß ich oben allemal die Beseligung einer von schwerem Druck befreiten Brust empfand ; - oben , wenn Schnee lag , schrieb ich der Günderode ihren Namen hinein und : Jesus nazarenus rex judaeorum als schützenden Talisman darüber , da war mir , als sei sie gesichert gegen böse Eingebungen . Jetzt kam Creuzer nach Marburg , um Savigny zu besuchen . Häßlich wie er war , war es zugleich unbegreiflich , daß er ein Weib interessieren könne ; ich hörte , daß er von der Günderode sprach , in Ausdrücken , als ob er ein Recht an ihre Liebe habe ; ich hatte in meinem von allem äußeren Einfluß abgeschiednen Verhältnis zu ihr früher nichts davon geahndet und war im Augenblick aufs heftigste eifersüchtig ; er nahm in meiner Gegenwart ein kleines Kind auf den Schoß und sagte : » Wie heißt Du ? « - » Sophie « . » Nun , Du sollst , solange ich hier bin , Karoline heißen ; Karoline gib mir einen Kuß . « Da ward ich zornig , ich riß ihm das Kind vom Schoß und trug es hinaus , fort durch den Garten auf den Turm ; da oben stellte ich es in den Schnee neben ihren Namen , und legte mich mit dem glühenden Gesicht hinein und weinte laut , und das Kind weinte mit , und da ich herunter kam , begegnete mir Creuzer ; ich sagte : » Weg aus meinem Weg , fort . « Der Philolog konnte sich einbilden , daß Ganymed ihm die Schale des Jupiters reichen werde . - Es war in der Neujahrsnacht ; ich saß auf meiner Warte und schaute in die Tiefe ; alles war so still - kein Laut bis in die weiteste Ferne , und ich war betrübt um die Günderode , die mir keine Antwort gab ; die Stadt lag unter mir , auf einmal schlug es Mitternacht , - da stürmte es herauf , die Trommeln rührten sich , die Posthörner schmetterten , sie lösten ihre Flinten , sie jauchzten , die Studentenlieder tönten von allen Seiten , es stieg der Jubellärm , daß er mich beinah wie ein Meer umbrauste ; - das vergesse ich nie , aber sagen kann ich auch nicht , wie mir so wunderlich war da oben auf schwindelnder Höhe , und wie es allmählich wieder still ward und ich mich ganz allein empfand . Ich ging zurück und schrieb an die Günderode ; vielleicht finde ich den Brief noch unter meinen Papieren , dann will ich ihn beilegen ; ich weiß , daß ich ihr die heißesten Bitten tat , mir zu antworten ; ich schrieb ihr von diesen Studentenliedern , wie die gen Himmel geschallt hätten und mir das tiefste Herz aufgeregt ; ja ich legte meinen Kopf auf ihre Füße und bat um Antwort und wartete mit heißer Sehnsucht acht Tage , aber nie erhielt ich eine Antwort ; ich war blind , ich war taub , ich ahndete nichts . Noch zwei Monate gingen vorüber - da war ich wieder in Frankfurt ; - ich lief ins Stift , machte die Tür auf : siehe da stand sie und sah mich an ; kalt , wie es schien ; » Günderod « , rief ich , » darf ich hereinkommen ? « - Sie schwieg und wendete sich ab ; » Günderod , sag nur ein Wort und ich lieg an deinem Herzen . « » Nein « , sagte sie , » komme nicht näher , kehre wieder um , wir müssen uns doch trennen . « - » Was heißt das ? « - » So viel , daß wir uns ineinander geirrt haben und daß wir nicht zusammengehören . « - Ach , ich wendete um ! Ach , erste Verzweiflung , erster grausamer Schlag , so empfindlich für ein junges Herz ! Ich , die nichts kannte wie die Unterwerfung , die Hingebung in dieser Liebe , mußte so zurückgewiesen werden . - Ich lief nach Haus zur Meline , ich bat sie mitzugehen zur Günderode , zu sehen , was ihr fehle , sie zu bewegen , mir einen Augenblick ihr Angesicht zu gönnen ; ich dachte , wenn ich sie nur einmal ins Auge fassen könne , dann wolle ich sie zwingen ; ich lief über die Straße , vor der Zimmertür blieb ich stehen , ich ließ die Meline allein zu ihr eintreten , ich wartete , ich zitterte und rang die Hände in dem kleinen engen Gang , der mich so oft zu ihr geführt hatte ; - die Meline kam heraus mit verweinten Augen , sie zog mich schweigend mit sich fort ; - einen Augenblick hatte mich der Schmerz übermannt , aber gleich stand ich wieder auf den Füßen ; nun ! dacht ich , wenn das Schicksal mir nicht schmeicheln will , so wollen wir Ball mit ihm spielen ; ich war heiter , ich war lustig , ich war überreizt , aber Nächten weinte ich im Schlaf . - Am zweiten Tag ging ich des Wegs , wo ihre Wohnung war , da sah ich die Wohnung von Goethes Mutter , die ich nicht näher kannte und nie besucht hatte ; ich trat ein . » Frau Rat « , sagte ich , » ich will Ihre Bekanntschaft machen , mir ist eine Freundin in der Stiftsdame Günderode verloren gegangen , und die sollen Sie mir ersetzen . « - » Wir wollen ' s versuchen « , sagte sie , und so kam ich alle Tage und setzte mich auf den Schemel und ließ mir von ihrem Sohn erzählen und schrieb ' s alles auf und schickte es der Günderode ; - wie sie in ' s Rheingau ging , sendete sie mir die Papiere zurück ; die Magd , die sie mir brachte , sagte , es habe der Stiftsdame heftig das Herz geklopft , da sie ihr die Papiere gegeben , und auf ihre Frage , was sie bestellen solle , habe sie geantwortet : » Nichts . « - Es vergingen vierzehn Tage , da kam Fritz Schlosser ; er bat mich um ein paar Zeilen an die Günderode , weil er ins Rheingau reisen werde und wolle gern ihre Bekanntschaft machen . Ich sagte , daß ich mit ihr brouilliert sei , ich bäte ihn aber , von mir zu sprechen und achtzugeben , was es für einen Eindruck auf sie mache . - » Wann gehen Sie hin « , sagte ich , » morgen ? « - » Nein , in acht Tagen . « - » O gehen Sie morgen , sonst treffen Sie sie nicht mehr ; - am Rhein ist ' s so melancholisch « , sagte ich scherzend , » da könnte sie sich ein Leid ' s antun ; « - Schlosser sah mich ängstlich an . » Ja ja « , sagte ich mutwillig , » sie stürzt sich ins Wasser oder ersticht sich aus bloßer Laune . « - » Frevlen Sie nicht « , sagte Schlosser , und nun frevelte ich erst recht : » Geben Sie acht , Schlosser , Sie finden Sie nicht mehr , wenn Sie nach alter Gewohnheit zögern , und ich sage Ihnen , gehen Sie heute lieber wie morgen und retten Sie sie von unzeitiger melancholischer Laune ; « - und im Scherz beschrieb ich sie , wie sie sich umbringen werde , im roten Kleid , mit aufgelöstem Schnürband , dicht unter der Brust die Wunde ; das nannte man tollen Übermut von mir , es war aber bewußtloser Überreiz , indem ich die Wahrheit vollkommen genau beschrieb . - Am andern Tag kam Franz und sagte : » Mädchen , wir wollen ins Rheingau gehen , da kannst Du die Günderode besuchen . « - » Wann ? « fragte ich - » Morgen « , sagte er ; - ach , ich packte mit Übereile ein , ich konnte kaum erwarten , daß wir gingen ; alles , was mir begegnete , schob ich hastig aus dem Weg , aber es vergingen mehrere Tage und es ward die Reise immer verschoben ; endlich , da war meine Lust zur Reise in tiefe Trauer verwandelt , und ich wär lieber zurückgeblieben . - Da wir in Geisenheim ankamen , wo wir übernachteten , lag ich im Fenster und sah ins mondbespiegelte Wasser ; meine Schwägerin Toni saß am Fenster ; die Magd , die den Tisch deckte , sagte : » Gestern hat sich auch eine junge schöne Dame , die schon sechs Wochen hier sich aufhielt , bei Winckel umgebracht ; sie ging am Rhein spazieren ganz lang , dann lief sie nach Hause , holte ein Handtuch ; am Abend suchte man sie vergebens ; am andern Morgen fand man sie am Ufer unter Weidenbüschen , sie hatte das Handtuch voll Steine gesammelt und sich um den Hals gebunden , wahrscheinlich , weil sie sich in den Rhein versenken wollte , aber da sie sich ins Herz stach , fiel sie rückwärts , und so fand sie ein Bauer am Rhein liegen unter den Weiden an einem Ort , wo es am tiefsten ist . Er riß ihr den Dolch aus dem Herzen und schleuderte ihn voll Abscheu weit in den Rhein , die Schiffer sahen ihn fliegen , - da kamen sie herbei und trugen sie in die Stadt . « - Ich hatte im Anfang nicht zugehört , aber zuletzt hört ich ' s mit an und rief : » Das ist die Günderode ! « Man redete mir ' s aus und sagte , es sei wohl eine andre , da so viel Frankfurter im Rheingau wären . Ich ließ mir ' s gefallen und dachte : grade , was man prophezeie , sei gewöhnlich nicht wahr . - In der Nacht träumte mir , sie käme mir auf einem mit Kränzen geschmückten Nachen entgegen , um sich mit mir zu versöhnen ; ich sprang aus dem Bett in des Bruders Zimmer und rief : » Es ist alles nicht wahr , eben hat mir ' s lebhaft geträumt ! « » Ach « , sagte der Bruder , » baue nicht auf Träume ! « - Ich träumte noch einmal , ich sei eilig in einem Kahn über den Rhein gefahren , um sie zu suchen ; da war das Wasser trüb und schilfig , die Luft war dunkel und es war sehr kalt ; - ich landete an einem sumpfigen Ufer , da war ein Haus mit feuchten Mauern , aus dem schwebte sie hervor und sah mich ängstlich an und deutete mir , daß sie nicht sprechen könne ; - ich lief wieder zum Schlafzimmer der Geschwister und rief : » Nein , es ist gewiß wahr ; denn mir hat geträumt , daß ich sie gesehen habe , und ich hab gefragt : Günderode , warum hast Du mir dies getan ? Da hat sie geschwiegen , hat den Kopf gesenkt und hat sich traurig nicht verantworten können . « - Nun überlegte ich im Bett alles und besann mich , daß sie mir früher gesagt hatte , sie wolle sich erst mit mir entzweien , eh sie diesen Entschluß ausführen werde ; nun war mir unsre Trennung erklärt ; auch daß sie mir ein Zeichen geben werde , wenn ihr Entschluß reif sei ; - das war also die Geschichte von ihrer toten Schwester , die sie mir ein halb Jahr früher mitteilte ; da war der Entschluß schon gefaßt . - O ihr großen Seelen , dieses Lamm in seiner Unschuld , dieses junge zaghafte Herz , welche ungeheure Gewalt hat es bewogen , so zu handeln ? - Am andern Morgen fuhren wir bei früher Zeit auf dem Rhein weiter ; - Franz hatte befohlen , daß das Schiff jenseits sich halten solle , um zu vermeiden , daß wir dem Platz zu nahe kämen , aber dort stand der Fritz Schlosser am Ufer , und der Bauer , der sie gefunden , zeigte ihm , wo der Kopf gelegen hatte und die Füße und daß das Gras noch niederliege , - und der Schiffer lenkte unwillkürlich dorthin , und Franz bewußtlos sprach im Schiff alles dem Bauern nach , was er in der Ferne verstehen konnte , und da mußt ich denn mit anhören die schauderhaften Bruchstücke der Erzählung vom roten Kleid , das aufgeschnürt war , und der Dolch , den ich so gut kannte , und das Tuch mit Steinen um ihren Hals , und die breite Wunde ; - aber ich weinte nicht , ich schwieg . - Da kam der Bruder zu mir und sagte : » Sei stark , Mädchen . « - Wir landeten in Rüdesheim ; überall erzählte man sich die Geschichte ; ich lief in Windesschnelle an allen vorüber , den Ostein hinauf eine halbe Stunde bergan , ohne auszuruhen ; - oben war mir der Atem vergangen , mein Kopf brannte , ich war den andern weit vorausgeeilt . - Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen Schmuck der Inseln ; da sah ich die Ströme von allen Seiten dem Rhein zufließen und die reichen friedlichen Städte an beiden Ufern und die gesegneten Gelände an beiden Seiten ; da fragte ich mich , ob mich die Zeit über diesen Verlust beschwichtigen werde , und da war auch der Entschluß gefaßt , kühn mich über den Jammer hinauszuschwingen ; denn es schien mir unwürdig , Jammer zu äußern , den ich einstens beherrschen könne . Briefwechsel mit Goethe Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben Petrarcas Brust , vor allen andern Tagen , Karfreitag . Ebenso , ich darf ' s wohl sagen , Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben . Ich fing nicht an , ich fuhr nur fort zu lieben Sie , die ich früh im Herzen schon getragen , Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen , Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben . Petrarcas Liebe , die unendlich hohe , War leider unbelohnt und gar zu traurig , Ein Herzensweh , ein ewiger Karfreitag ; Doch stets erscheine , fort und fort , die frohe , Süß , unter Palmenjubel , wonneschaurig , Der Herrin Ankunft mir , ein ew ' ger Maitag . An Goethe Kassel , den 15. Mai 1807 » Liebe , liebe Tochter ! Nenne mich für alle Tage , für alle Zukunft mit dem einen Namen , der mein Glück umfaßt ; mein Sohn sei Dein Freund , Dein Bruder , der Dich gewiß liebt usw. « Solche Worte schreibt mir Goethes Mutter ; zu was berechtigen mich diese ? - Auch brach es los wie ein Damm in meinem Herzen ; - ein Menschenkind , einsam auf einem Fels , von Stürmen umbraust , seiner selbst ungewiß hin- und herschwankend , wie Dornen und Disteln um es her - so bin ich ; so war ich , da ich meinen Herrn noch nicht erkannt hatte . Nun wend ich mich wie die Sonnenblume nach meinem Gott und kann ihm mit dem von seinen Strahlen glühenden Angesicht beweisen , daß er mich durchdringt . O Gott ! Darf ich auch ! - Und bin ich nicht allzu kühn ? Und was will ich denn ? - Erzählen , wie die herrliche Freundlichkeit , mit der Sie mir entgegenkamen , jetzt in meinem Herzen wuchert ? - alles andre Leben mit Gewalt erstickt ? Wie ich immer muß hinverlangen , wo mir ' s zum erstenmal wohl war ? - Das hilft alles nichts ; die Worte Ihrer Mutter ! - Ich bin weit entfernt , Ansprüche an das zu machen , was ihre Güte mir zudenkt , - aber diese haben mich geblendet ; und ich mußte zum wenigsten den Wunsch befriedigen , daß Sie wissen möchten , wie mächtig mich die Liebe in jedem Augenblick zu Ihnen hinwendet . Auch darf ich mich nicht scheuen , einem Gefühl mich hinzugeben , das sich aus meinem Herzen hervordrängt wie die junge Saat im Frühling ; - es mußte so sein , und der Same war in mich gelegt ; es ist nicht mein vorsätzlicher Wille , wenn ich oft aus dem augenblicklichen Gespräch zu Ihren Füßen getragen bin ; dann setze ich mich an die Erde und lege den Kopf auf Ihren Schoß , oder ich drücke Ihre Hand an meinen Mund , oder ich stehe an Ihrer Seite und umfasse Ihren Hals ; und es währt lange , bis ich eine Stellung finde , in der ich beharre . Dann plaudre ich , wie es mir behagt ; die Antwort aber , die ich mir in Ihrem Namen gebe , spreche ich mit Bedacht aus : » Mein Kind ! Mein artig gut Mädchen ! Liebes Herz ! « Ja , so klingt ' s aus jener wunderbaren Stunde herüber , in der ich glaubte von Geistern in eine andre Welt getragen zu sein ; und wenn ich dann bedenke , daß es von Ihren Lippen so widerhallen könnte , wenn ich wirklich vor Ihnen stände , - dann schaudre ich vor Freude und Sehnsucht zusammen . O wieviel hundertmal träumt man und träumt besser , als einem je wird . - Mutwillig und übermütig bin ich auch zuweilen und preise den Mann glücklich , der so sehr geliebt wird ; dann lächeln Sie und bejahen es in freundlicher Großmut . Weh mir ! Wenn dies alles nie zur Wahrheit wird , dann werd ich im Leben das Herrlichste vermissen . Ach , ist der Wein denn nicht die süßeste und begehrlichste unter allen himmlischen Gaben ? Daß wer ihn einmal gekostet hat , trunkner Begeistrung nimmer abschwören möchte . - Diesen Wein werd ich vermissen , und alles andre wird mir sein wie hartes geistloses Wasser , dessen man keinen Tropfen mehr verlangt , als man bedarf . Wie werd ich mich alsdann trösten können ! - Mit dem Lied etwa : » Im Arm der Liebe ruht sich ' s wohl , wohl auch im Schoß der Erde ? « - Oder : » Ich wollt , ich läg und schlief zehntausend Klafter tief . « - Ich wollt , ich könnte meinen Brief mit einem Blick in Ihre Augen schließen ; schnell würde ich Vergebung der Kühnheit herauslesen und diese noch mit einsiegeln ; ich würde dann nicht ängstlich sein über das kindische Geschwätz , das mir doch so ernst ist . Da wird es hingetragen in rascher Eile viele Meilen ; der Postillon schmettert mit vollem Enthusiasmus seine Ankunft in die Lüfte , als wolle er frohlockend fragen : » Was bring ich ? « - Und nun bricht Goethe seinen Brief auf und findet das unmündige Stammeln eines unbedeutenden Kindes . Soll ich noch Verzeihung fordern ? - O , Sie wissen wohl , wie übermächtig , wie voll süßen Gefühls das Herz oft ist , und die kindische Lippe kann das Wort nicht treffen , den Ton kaum , der es widerklingen macht . Bettine Brentano An Bettine im Brief an seine Mutter eingelegt von Goethe . Solcher Früchte , reif und süß , würde man gern an jedem Tag genießen , den man zu den schönsten zu zählen berechtigt sein dürfte . Wolfgang Goethe Liebe Mutter , geben Sie dies eingesiegelte Blättchen an Bettine und fordern Sie sie auf , mir noch ferner zu schreiben . An Goethe Am 25. Mai Wenn die Sonne am heißesten scheint , wird der blaue Himmel oft trübe ; man fürchtet Sturm und Gewitter , beklemmende Luft drückt die Brust , aber endlich siegt die Sonne ; ruhig und golden sinkt sie dem Abend in den Schoß . So war mir ' s , da ich Ihnen geschrieben hatte ; ich war beklemmt , wie wenn ein Gewitter sich spüren läßt , und ward oft rot über den Gedanken , daß Sie es unrecht finden möchten , und endlich ward mein Mißtrauen nur durch wenig Worte , aber so lieb gelöst . Wenn Sie wüßten , wie schnelle Fortschritte mein Zutrauen in demselben Augenblick machte , da ich erkannte , daß Sie es gern wollen ! - Gütiger , freundlich gesinnter Mann ! Ich bin so unbewandert in Auslegung solcher köstlichen Worte , daß ich schwankte über ihren Sinn ; die Mutter aber sagte : » Sei nicht so dumm , er mag geschrieben haben , was er will , so heißt es , Du sollst ihm schreiben , so oft Du kannst , und was Du willst . « - Ach , ich kann Ihnen nichts anders mitteilen , als bloß was in meinem Herzen vorgeht . O dürft ich jetzt bei ihm sein , dacht ich , so glühend hell sollte meine Freudensonne ihm leuchten , wie sein Auge freundlich dem meinigen begegnet . Ja wohl , herrlich ! Ein Purpurhimmel mein Gemüt , ein warmer Liebestau meine Rede , die Seele müßte wie eine Braut aus ihrer Kammer treten ohne Schleier und sich bekennen : » O Herr , in Zukunft will ich Dich oft sehen und lang am Tage , und oft soll ihn ein solcher Abend schließen . « Ich gelobe es , dasjenige , was von der äußeren Welt unberührt in mir vorgeht , heimlich und gewissenhaft demjenigen darzulegen , der so gern teil an mir nimmt , und dessen allumfassende Kraft den jungen Keimen meiner Brust