die Ehre von Männern , die die Welt achtet und die meine Liebe besessen haben . Er ist so tief gesunken , daß ich ihn einer öffentlichen Beschimpfung , der er nur zu nahe war , mit Mühe entrissen habe , und Undank ist stets mein Lohn gewesen . So gefährlich , mein Freund , sind die glänzenden Eigenschaften , die unser Auge bestechen und das Herz zugleich einer schmerzlichen Enttäuschung entgegen führen . Hier lesen Sie einen Zettel , in dem er beiläufig auch sein Urtheil über Sie ausgesprochen hat . « Eduard empfing das Papier und steckte es zerstreut zu sich ; er war durch all das Gehörte und Gesehene so befangen gemacht , daß ihm kaum Achtsamkeit genug übrig blieb , um die Baronesse und das Fräulein , die eben eintraten , zu begrüßen . Der Fürst ging auf die Eintretenden zu und beugte sich über Magdalenens Hand , diese lispelte aber : » Keinen Kuß , Prinz , Sie wissen , daß ich solches nicht liebe , ein Händedruck genügt mir , wovon Sie schon heute in - « » Sie schauen in meine Seele , wunderbares Mädchen , « sagte der Fürst leise , » brauche ich noch zu antworten ? « - Das Fräulein schüttelte wie zürnend das Haupt , dann weilten aber ihre großen blauen Augen fragend auf dem Jüngling , der , immer noch heftige Röthe im Gesicht , stumm vor sich hinsah . Der Fürst faßte ihn an der Hand und stellte ihn nochmals den beiden Damen vor ; es wurden einige gleichgültige Worte gewechselt , und Eduard fühlte sich wieder leicht , als er , die Treppe herabsteigend , die Gasse betrat . Sein Busen war zu voll , er mußte die Einsamkeit suchen , um mit der Welt zu grollen . Vor allen war ihm der Fürst ordentlich recht verhaßt . Kann man , rief er bei sich , wohl den Glauben und die Erkenntniß wie eine Schlafmütze über die Ohren ziehen , wenn einem der durch Jugendsünden nackt gewordene Scheitel zu frieren anfängt ? Fratze über Fratze ! Und was soll der Vorwurf rücksichtlich Emiliens - hat sie über mich geklagt oder hat es der Vater gethan ? Wie schwächlich und elend , wie kleinbürgerlich und alttugendhaft ; will man mich durch Ruthen an die Schulbank zurückzwängen ? Freiheit und Selbstständigkeit sind die athemholenden Lungen des geistigen Lebens , soll ich mit Schwindsüchtigen umgehen , um selbst schwindsüchtig zu werden ? Aus diesen Gedunken schreckte ihn plötzlich ein Gelächter , das neben ihm erscholl ; er hörte , daß über seinen Regenschirm gespottet wurde , und eine Stimme rief : » Geben Sie Acht , wenn diese tropfende Glockenhaube sich hebt , so schaut gewiß das sehr ehrwürdige Antlitz des Vikar von Wakefield uns entgegen . « Eduard glaubte die Stimme zu erkennen , hob seinen allerdings etwas baufälligen Schirm , und erblickte an dem halbgeöffneten Fensterchen die Gräfin Eva mit Jokonden . Ueber die beiden Mädchen sah Massiello ' s lächelndes Antlitz hervor . » O , ein guter Freund ! « riefen jetzt die drei Stimmen , und Eduard mußte sich selbst fragen , wie er denn an das einsame Fischerhäuschen gekommen sey . Träumerisch , wie er den ganzen Weg gemacht , kehrte er auch jetzt ein , und wurde von den Dreien mit herzlichem Jubel empfangen . Jokonde war schöner wie jemals , das Gefühl ihrer verlassenen Lage warf über ihre kindische Heiterkeit einen leichten Schleier von Melancholie , der die Seele ersetzte , und sie unendlich liebenswürdig kleidete . Beide Freundinnen hatten auf Anstiften Eva ' s sich streng bereitete Fastenspeisen zurichten lassen ; für die Ungläubigen oder Schwergläubigen stand ein zweites Tischchen bereit mit leckern Speisen von allerlei Art , und Massiello hatte schon Platz daran genommen und bereits einige Flaschen entsiegelt . Wegen Eduard entstand der Streit , zu welchem Tisch er gehöre . Die Mädchen wollten ihn durchaus auf ihrer Seite und auf Seite der Religion haben , Massiello zeigte dagegen nur auf die Flaschen und öffnete mit kluger Weltlockung die Schüssel mit einer dampfenden Pastete . Jokonde stand auf , und präsentirte in unendlich anmuthiger Haltung als Herodias den Kopf ihres ungewöhnlich großen Fastenhechts , Gräfin Eva versicherte aber vollen Ernstes , daß hier durchaus nicht zu spaßen sey , und sie wolle Eduarden nimmermehr freundlich ansehen , wenn er zu der Pastete überliefe . Dieses entschied und der Jüngling wurde von den muthwilligen Mädchen im Triumph zu der Fischtafel gebracht . In dem Augenblicke ging die Thüre leise auf und ein volles rothes Gesicht ward hineingesteckt . » Aha , ha ! ha ! schrieen alle , Signore Abbato , carissimo padre - bona seria , bona seria ! « - Der Abt war jetzt mit einer geschwinden Bewegung im Gemach , und seine Lippen ruhten zu gleicher Zeit auf beiden zarten Händchen der Mädchen . Drei schimmernde Astrallampen wurden hereingebracht , und die kleine Gesellschaft trieb sich in glänzender Helle unter Küssen und Lachen bunt durcheinander . Den Abt gaben beide Mädchen sogleich für die Sache der Religion verloren , er erhielt einen Stuhl neben Massiello , und Eva versicherte ihm , daß er zu ihrem Vereine eben so wenig gehöre , wie ein gebratener Kapaunflügel in ein Bouquet weißer Rosen . - Massiello hatte den Kapaunflügel gefaßt und ihn drohend erhoben , ein Theil des Tischtuches floß über seine Gestalt wie ein Mantel nieder , indem er den Stuhl bestiegen hatte und mit donnernder Stimme seine Fastenpredigt anhub : » O ihr Gottlosen , ist ' s nicht genug , daß eure Passionszeit dauert , so lange ihr jung und hübsch seyd , wollt ihr nicht zuweilen im Alter noch Passionen haben , die Niemand erwiedern kann ? Wohl nehmt ihr euer Kreuz auf euch und schleppt es , aber nur , wenn es modern gefaßt ist , à quatre couleurs , und wenn es schwer von Gold ist . O Himmel - noch heutzutage laßt ihr euch steinigen , aber nur mit ächten , nicht mit böhmischen Steinen . Vigilien und Nachtwachen zu halten , ist euch was Leichtes , nämlich wenn die Gesellschaft gut , der Tanz lebhaft , das Soupé auserlesen , und der Punsch nur einigermaßen erträglich ist . Noch heute kleidet ihr die Nackenden , nämlich wenn diese schön gewachsen sind , und wer anklopfet , dem thut ihr auf , wenn es nur nicht der Ehemann ist ! « Der Abt lachte laut und schallend , Jokonde aber ergriff die Rose , die dem gekochten Hechtkopf im Munde steckte und warf sie über beide Tische herüber in Massiello ' s blitzende Augen , indeß Eva ihr Haupt andächtig über die gefalteten Hände hinabneigte , und unter den überstürzenden schwarzen Locken hervorseufzte : » Pax nobiscum Domine . « Der Abt trug eine ganze Schüssel von Zuckerwerk zum Pianoforte , um unter dem Spielen zu naschen und unter dem Naschen zu spielen , indem er behauptete , die kränkliche Süßigkeit der Töne könne nur durch die gesunde der Kuchen aufgehoben werden . Eduard ' s Seele trieb und blühte in einem fieberischen Ungestümm , er glaubte die Schätze der Jugend und Lust nicht theuer genug von der gegenwärtigen Minute kaufen zu müssen ; die beiden Mädchen nahmen ihn in ihrer Mitte auf , und um ihn , über ihn schlangen sich die Blumenketten ihrer Scherze und Küsse , flogen die glänzenden Feuerbälle des Muthwillens , stöberten die kalten , spitzen Flocken der Neckerei , und auf seinen offenen Busen fielen und brannten die langen glühenden Balsamtropfen der Sehnsucht . Er fühlte sich durch und durch krank , doch wie ein fallendes Herbstblatt , nur um desto glänzender gefärbt . Jokonde sagte ihm tausend hübsche Dinge über seine Augen , und er ihr seltsam verworrene Ansichten über Weiber und Leben , die sie belachte , weil sie sie nicht verstand . Der Abt spielte die Ouvertüre aus dem Don Juan , zwischendurch tönten die Klagen Elvirens , die Drohungen Don Antonio ' s , - die ganze antike Schmerzensfülle der Anna , über alle herüber warf ein jäh auffahrender Glanz seine Strahlenkronen , Don Juan tändelte , Leporello machte seine Possen ; dann drohten einzelne Laute und zuckten wie mattlaufende Blitze am Horizont nieder , der Donner rollte ihnen nach und es erklang die Stimme des ersten Mahners aus der Tiefe ; wilde gellend atheistische Töne flatterten ihm entgegen und fielen zerquetscht an der marmornen Brust nieder , ein rother breiter Glanz schloß Himmel und Hölle plötzlich . Eduard und Jokonde verständigten sich über die Göttlichkeit des Gedichts durch einen Kuß . Massiello war beschäftigt , einem jungen Mädchen , das erschienen war und sich stumm in eine Ecke drückte , einige Rede abzugewinnen . Die Gräfin Eva sprang auf und rief : » Ah , da ist meine Aimée ; hier , meine Herrn , stelle ich Ihnen meine Nichte vor , nicht wahr , ein nicht ganz übles Geschöpf ? « Sie fuhr dem Mädchen , das immer stärker erröthete , unter ' s Kinn und hob den Lockenkopf ; der Abt und Eduard sagten einige Artigkeiten , Massiello rang nach einem Kuß hinter dem Rücken der Gräfin , und versicherte , die vollen weichen Lippen , die frischen Zähne seyen unendlich reizend , vor allen aber dieser wilde finstere Unwillen , der aus den Augen spräche , der rothe Zorn , der die gewölbte Wange färbe . Man entschloß sich , eine vollständige Musik aufzuführen , die Gräfin ließ ; sich ihre Harfe geben , Massiello stimmte , Notenblätter wurden hin- und hergeschleppt , der Abt zankte und die Dienerinnen hatten vollauf zu thun , die Reste der Mahlzeit hinwegzuschaffen , und statt deren Blumen und Früchte auf die Tische zu setzen . Unser Freund zog Jokonden sanft bittend nach sich , und die Gefällige entschloß sich , ihm zu einem Bildchen zu sitzen , das er schon lange angefangen , und das das reizende Mädchen als Cleopatra darstellte , mit der Schlange an der Brust . Die Idee war vom Herzog ausgegangen , doch hatte dieser sich weiter nicht um die Ausführung bekümmert , und jetzt wäre ihm der ganze Gedanke wahrscheinlich verwerflich vorgekommen . Ein Kabinet wurde ausgewählt , die Lampe zurechtgeschoben , Jokonde hatte mit Hülfe von ein paar Tüchern eine graziöse Drapperie hervorgebracht , welche sie mit ihrer gewöhnlichen Anmuth und Geschicklichkeit ordnete . Jetzt war sie fertig und warf sich in die Ecke des Sopha ' s. Als Eduard darauf drang , einen Theil des schönen Busens frei zu sehen , gab sie nach , verhüllte sich aber augenblicklich wieder , als Jemand in ' s Zimmer trat ; Eduard sah sich um und entdeckte das junge Mädchen , das schüchtern eingetreten war , und glühende Blicke auf Jokonden richtete . Sie verschwand wieder und die Liebenden blieben allein . Die rauschenden Ströme der Musik ergossen sich indeß im Vorgemach , doch bald trat Stille ein ; der Abt behauptete , Massiello mit Eva begingen Fehler auf Fehler , die Gräfin lachte , der Musiker gab nichts zu ; von Worten ging es auf Töne über , jeder Theil griff zu seinem Instrument und führte den Streit fort . Ein wildbrausender Sturm erscholl , zwischendurch gellte ein helles Harfencapriccio , dann lachten alle zu gleicher Zeit auf , und der Abt warf die Noten zusammen . » Es geht heute nicht , « rief Massiello , » die Noten behaupten ihre Sinn , wie alle Leute von Kopf . « Man wollte sich trennen , als ein fürchterlicher Schrei aus dem Nebenzimmer hervorbrach ; alle fuhren entsetzt zusammen , zu gleicher Zeit ward die Thüre aufgerissen und Aimée sprang heraus . Sie hatte ein Messer in der Hand , ihre Augen funkelten und an dem weißen Gewande brannten Blutspuren . » Alle Götter ! « schrie der Abt , » was gibt ' s da ! « - Man stürzte in ' s Zimmer - der Tisch mit dem Zeichengeräth lag umgeworfen mitten im Gemach - Jokonde ruhte auf dem Sopha , Hals , Arme und Kleid in Blut getaucht . Eva war auf den Teppich hingesunken und rang die Hände ; in dem Moment trat Eduard hinein , und zerrte das seltsame entsprungene Mädchen am Arme nach sich . Als er den Schreck der Freunde sah , rief er : » Nur keine Besorgniß , Ihr Lieben , der Vorfall ist höchst unbedeutend , was Ihr dort seht , ist nicht Blut , sondern blos rother Wein , mir aber hat der bösartige Knabe eine leichte Verwundung am Arme beigebracht . « - » Knabe ? ! « rief Massiello , und aller Blicke richteten sich auf den Gefangenen , der sich jetzt von Eduard ' s Arm losmachte , in die Ecke eilte , den dort stehenden Degen ergriff , und , mit der andern Hand in Geschwindigkeit den Frauenrock abstreifend , nun in seinen Pagenbeinkleidern dastand . Mit einem vor Zorn leichenblassen Gesicht und zitternden Lippen stammelte er , indem er sich trotzig in die Mitte des Gemachs hinstellte : » Nun ja , was seht Ihr mich an ? - ich gehöre nicht zum lumpigen Weibsgesindel ! ich bin ein Mann und Kavalier , wie der da , und habe meinen Degen , wie jeder ehrliche Junge , dem man zu nahe tritt . « Halbentkleidet , wie er da stand , den vollen Lockenkopf schüttelnd , im blassen Antlitz die rollenden schwarzen Augen , die brennend rothen Lippen und blitzenden Zähne ; er sah einem jungen zürnenden Apoll ähnlich . Massiello eilte auf ihn zu und schloß ; ihn in seine Arme , Enzio aber riß sich los und kniete vor der noch immer leblos daliegenden Jokonde ; indem er sein Haupt an ihre Knie drückte , schluchzte er so heftig , daß die Betäubte erwachte , und mit einem Angstruf vom Ruhebette sprang und Eduarden zueilte . » Bringt den Wahnsinnigen fort , « kreischte sie , » er wird ihn und mich morden ! « - » Ich werde nicht , « rief der Knabe , » Ihr seyd vor mir ganz sicher , Mademoiselle Jokonde ; liebt immerhin wen und wie Ihr wollt , für Euch mag ich wohl noch zu jung und unbedeutend seyn , da will ich warten bis ich das Offizierspatent in der Tasche habe . « Er entfernte sich mit diesen Worten , ohne die Gesellschaft eines Grusses zu würdigen ; im Vorzimmer fand er seine Jacke , die er anzog , den Mantel überwarf , und so hörte man ihn den Gang entlang in der Finsterniß kappen . Eduards Wunde brannte ziemlich heftig , Jokonde lag weinend im Arme der Gräfin , die Männer trennten sich und ein jeder schlich verstimmt und unangenehm berührt nach Hause . Eduard kam , innerlich auf das heftigste zerrüttet , in sein Zimmer ; er errieth nur zu schnell den Zusammenhang des ganzen Vorfalls und den Grund von Enzio ' s Zorn . Er verabscheute Jokonde und Eva , daß sie sich einem Knaben hingeben konnten , seine eigene Leidenschaft erschien ihm im schwärzesten Lichte , das Gewissen preßte ihn von neuem wegen des Treubruchs an Emilien . Er nahm sich vor , nie mehr die Schwelle des Fischerhäuschens zu betreten . Der Diener erschien , um ihn zu entkleiden , als der Rock behutsam abgezogen wurde , fiel ein Blättchen zur Erde , welches Eduard sogleich für das vom Herzoge ihm eingehändigte Schreiben Roberts erkannte ; er ließ es sich geben und las folgende Zeilen : » Ihr deutet an , Prinz , daß unser Verhältniß sich lösen könne , ich möchte Euch versichern , daß es nie bestanden ; Ihr sucht bei mir jene schwächlichen Tugenden , die charakterlose Menschen aneinanderknüpfen , die besitze ich nicht und meine großen Eigenschaften fangen an in Euren Augen als Laster zu erscheinen ! immerhin , ich forme mein Inneres nicht nach dem Urtheil der Menschen . Ihr fabelt von Verführung und stellt mir das Bild des jungen Eduards vor - was soll ich damit ? der Mensch ist mir immer gleichgültig gewesen , er war eine kurze Zeit meine Puppe , mit der ich spielte ; macht er Ansprüche auf mich , so lasse ich ihn fallen , denn meine Freiheit soll Niemand beeinträchtigen . « Eduards Wunde brannte heftig , als er diese Worte las ; er fühlte in diesem Moment die Bande losgerissen , so heftig tobte das unruhige Blut , dann legte sich eine beängstigende Kälte auf Stirn und Brust , er fühlte sich einer Ohnmacht nahe und stützte sich an ' s Bette , indeß die Wunde neu umbunden wurde . Jezt tönten Schritte im Vorzimmer , die Thüre flog auf und Robert stand vor dem tief Beleidigten . Die Stimmung beider Jünglinge drängte zu einem furchtbaren , entscheidenden Moment . Eduard zeigte den Brief vor , Robert entschuldigte sich nur halb , antwortete kalt und verächtlich - Eduards Fieberhitze ward zur Flamme , er griff mit dem rechten gesunden Arm zum Degen , Robert stellte sich ihm ruhig gegenüber und der Kampf begann . Robert , empfing eine Verwundung an der Seite , Eduard , kaum dies gewahrend , warf sich ihm mit Thränen an die Brust ; doch in demselben Moment schwanden seine Sinne und Finsterniß umhüllte das Auge . - Als er wieder erwachte , fand er sich allein im Zimmer ; im Nebengemach lag der Diener eingeschlummert im Sessel , die Lichter waren tief herabgebrannt , und der aufdämmernde Morgen lag mit farblosem Grau hinter den niedergelassenen Fenstervorhängen . So war durch eine rasche Handlung , durch Blut , Entsetzen , tiefe Erniedrigung der trügerische Himmel , in dem unser Freund so lange herumgeirrt war , plötzlich geschlossen ; Massiello ' s Fastenpredigt tönte in seinen Ohren , Jokondens Küsse drückten noch seine Lippen , Roberts Herzblut klebte an seiner Weste , doch alle diese Zeichen und Erinnerungen dünkten ihn durch eine weite Kluft von der gegenwärtigen Minute geschieden . Die Stille und Abgeschiedenheit , in der er sich jezt durch seine Krankheit versetzt sah , lähmte jede Wirksamkeit nach außen , und er hätte Zeit und Gelegenheit genug gehabt , seine frühern Irrthümer zu bereuen , wenn seine Seele noch mit jener frischen jugendlichen Spannkraft begabt gewesen wäre , die einen großen Entschluß faßt und ausführt ; je mehr er strebte , Klarheit und Gewißheit zu erlangen , desto gewaltiger bemächtigte sich seiner die innere Verworrenheit . Bald entschloß er sich Emilien aufzusuchen , durch ein offenherziges Bekenntniß seiner Schuld sein Loos in ihre Hände zu legen , bald schreckte ihn wieder der Gedanke ab , daß sie es war , die mit ihrem Vater und dem Fürsten vereint dahin strebte , seine Freiheit zu beeinträchtigen . In diesem Augenblick sah er die Unwürdigkeit derer ein , mit denen er bis jezt Umgang geflogen , im nächsten Moment erschienen ihm dieselben Personen höchst liebenswürdig , und nur sein eigenes Selbst fand er zu verdammen , indem die Schwäche ihn zu Mißbrauch und Verirrung hingezogen . Die Wissenschaft und ihre Schätze erschienen im ebenfalls in einem zweifelhaften Lichte ; die rege Lebenskraft , die , wenn sie gesund ist , mir ihrem Athem jedes Verhältnis , alles Wissen mit Wärme und Lust füllt , war in seinem Busen gebrochen , und Zweifel und Kälte waren eingetreten . So lag er oft Nächte lang auf seinem Lager , und sah mit unermüdetem Geiste eine Fläche vor sich , die , in Nebel gehüllt , sich in eine unbestimmte Ferne zu verlieren schien . In dieser Stimmung traf ihn ein Besuch , den er nicht erwarten konnte . Eines Abends , als er aus einem unruhigen Schlummer erwachte , stand der Graf Eberhard vor ihm , der zur Ursache seines Kommens die Besorgniß um seine Gesundheit anführte . Eduard hatte ihn über die mancherlei Begebenheiten fast ganz vergessen ; auch in den Zimmern des Herzogs war der Graf , als die Abendgesellschaften anfingen , nicht erschienen , und so war die Meinung natürlich , daß er die Stadt verlassen habe . Jezt , da er so unvermuthet erschien , da die lange , dürre , in Schwarz gekleidete Gestalt vor dem Ruhebette des Jünglings stand , erwachte bei diesem plötzlich das Bild jenes Abends im Fischerhäuschen , wo er den wunderbaren Mann zum erstenmal gesehen . Er besann sich , daß Jokonde ihn versichert hatte , daß sie den unüberwindlichsten Abscheu gegen den Seltsamen fühle , ja , daß er ihr oft in seiner starren , gebietenden Größe , in der Unbeugsamkeit seiner steinernen Gesichtszüge vorkomme , als könne er niemand Anders wie der ewige Jude seyn . Ein leiser Schauder überflog ihn , als jezt der Graf seine Hand faßte und sie eine Zeitlang in der eiskalten Rechte ruhen ließ . » Wir haben uns lange nicht gesehen , « rief er dann ; » Sie haben indeß Erfahrungen gemacht , und jede derselben ist schon ein Schritt näher zu mir . « - » Zum Tode « - entgegnete Eduard in einer sonderbaren Spannung . » Vielleicht ist das gleichbedeutend , « fuhr der Graf fort und lächelte wie über einen besondern Einfall , dem er selbst mit Vergnügen länger nachdachte - » allein dieser Tod ist das Leben und die Freiheit , obgleich ein verblendeter Hause ihn die tiefste Knechtschaft nennt ; doch wir werden nicht mit Worten spielen , die Sache bleibt wahr , so sehr sich auch unsere Eitelkeit dagegen sträubt . Nichts Elenderes gibt es , als den Glauben , wir könnten etwas Großes leisten , etwas Edles und Erhabenes darstellen . Wir wollen Bürger des Himmels seyn und sind Sklaven des bewegten Nervs , der jede Minute anders erzittert . Eine reichlichere , schmackhaftere Tafel verrückt die Ansicht der Dinge um ein Ungeheures , und der Kuß eines schönen Mädchens hilft den Himmel anders bauen . Wenn es uns der Körper nicht sagte , daß das Verbrennen schmerze , so hätten Millionen Menschen nie eine Hölle gefürchtet , und die Dichters hätten den Gegensatz derselben , den Himmel , nicht erdichten können . Das Grundübel der Welt liegt im Daseyn streitender Gegensätze ; gelingt es uns , diesen Streit zu lösen , so sind wir geheilt , denn nur da herrscht Ordnung , Ruhe , Gesundheit , wo kein Widerspruch sich zeigt , je höher der Widerspruch wächst , desto kränker ist der Mensch , desto kränker ein ganzes Volk . Tritt der Mensch freiwillig in seine Schranken zurück , ist er im vollen Begriff des Worts gesundsinnlich , so hört augenblicklich der schreiende Mißton in ihm auf , und er ist weder Betrüger , noch Betrogener mehr und alle jene Weltverbesserungs-Anstalten fallen von selbst weg . « » Mich schwindelt vor einer solchen Ansicht , « rief Eduard . » Weil Sie noch nicht zur Gesundheit sich durchgerungen haben , « versetzte der Graf ; » ich habe es und befinde mich ganz wohl . Ehe man von einem Thron herabsteigt , dessen Flitter uns blendeten , kostet es manchen Kampf . Die Geschichte aller Religionen ist eine Geschichte der Krankheiten des menschlichen Geistes . Besuchen Sie die Lehrsäle der Philosophen , saugen Sie an dem Marke alter und neuer Weisheit , lassen Sie sich in dunkeln gothischen Hallen , in griechischen Tempeln , in jüdischen Sinagogen , in türkischen Moscheen das unverständliche Etwas predigen , das die Menschenköpfe verrückt macht , welches das menschliche Fleisch vergiftet hat von Anbeginn an , das den Wahnsinn auf die Erde gerufen und alle Kammern des Elends und Gräuels geöffnet hat . « Eduards Wunde brannte heftig , der Graf brach das Gespräch kurz ab ; bald darauf entfernte er sich . Es vergingen einige Tage , ehe er wieder kam . Er sprach von seiner nahen Reise und gab zu verstehen , daß er es gerne sehe , wenn Eduard ihn begleitete . Unmittelbar berührte er nie wieder jene zuerst geäußerten Grundsätze , doch blickten sie bei jedem Gespräche durch , so mild und anscheinend verträglich es auch geführt wurde . » Wenn ich von Kunst spreche , « sagte er eines Tages , » so habe ich immer nur die griechische im Sinn ; sie allein ist es , die unverhohlen dem Menschen dient , nicht einem Gespenste . Wenn ich die Reize eines schönen Jünglings , eines vollen Mädchens sehe , so habe ich da etwas Wirkliches ; der lachende Faun , der drohende Zeus , wer verstände sie nicht ? wer labte sich nicht an der schönen frei ausgesprochenen Form ; das Colorit des Titian ist ebenfalls wirklich - gesund , doch ein Bildchen von Fiesole ist eine Krankheit , mit Pinsel und Farbe beschrieben . Poesie und Musik dulden ebenfalls kein anderes Element , als die Sinnlichkeit , wenn sie sich nicht in ein Nichts auflösen sollen . Die meisten Legenden sind unter den Händen ihrer Bearbeiter Liebesgeschichten geworden , wo der Heilige den Liebhaber , die Heilige die Geliebte spielt . Die Rigoristen , die Bilder und Lieder verbannen wollen , fallen in noch gröbere Verirrungen . « Eines Tages holte der Graf ein Buch aus der Tasche , es waren Wilhelm Meisters Lehrjahre . » Ein sonderbares Buch , « rief er , » da ist nun ein Mensch , der durch das Leben geht , ohne sich um das Schwarz und Weiß zu kümmern , mit welchen wir alle Dinge um uns bemalen . « Eduard meinte , daß das Buch geschrieben sey , um die Bühnenkunst auf eine höhere Stufe zu heben ; der Graf lächelte und kam mit einer Wendung wieder auf seine eigenthümlichen Meinungen und Ansichten zurück . » Dieses und ähnliche Bücher , « sagte er , » sind mir lebende Zeugnisse , daß eine gesunde sinnliche Entfaltung das Höchste in der Poesie leistet . Den Tumult der Leidenschaften , das rothe Pulsiren eines heißen Herzens , das lechzende Verlangen sinnlicher Glut , und das höhnende Gespött über die Anmaßungen des Geistes , das ist der heftige Lebensathem , der die Brust der Götheschen Muse schwillt ; nirgends Krankheit , überall Muskelfülle eines Laokoon und süßer Aphroditenreiz . « Eduard wandte kleinlaut ein , daß eine solche Ansicht ihm gefährlich schiene , indem dadurch der Unterschied zwischen Recht und Unrecht , Tugend und Sünde sich verdunkle . Der Graf rief dazwischen : » Es gibt keine Sünde , wie es keine Tugend gibt . Nennen wir den Orkan , der Bäume entwurzelt und Felsen erschüttert , Sünde ? er ist ein und dasselbe , mit dem Frühlingsgesäusel - eine Naturkraft , eine bloße Erscheinung ; nur unsere kurzsichtigen Begriffe nennen das Eine verderblich , das Andere beglückend . Ein durch sinnlichen Uebergenuß sich hinrichtender Mensch , ist mir nichts als eine Erscheinung ; ich tadle oder lobe ihn eben so wenig , als ich einen Baum lobe oder tadle , der durch Blüthenfülle hinwelkt . Sonnenschein , früher Regen , zu fetter Boden waren die Ursache seines Falls , dagegen gibt es Tausende , die anders gestellt , günstigere Strahlen saugen ; aber ich bedaure das arme krüppelhafte Gewächs , das ein Ziergärtner frühe in ein trocknes Gerippe einsperrte . Es wird eine Zeit kommen , wo alle Religionen , alle Philosopheme in den Staub sinken und die Menschen , von aller Kranktheit , von allem Elend genesen , wieder nackend in die ewigen Quellen des Paradieses tauchen . « Nach einer Weile setzte der Graf hinzu : » Da ist nun der Herzog ; anstatt sich gesund auszubilden , wie er Anfangs versprach , nährt er den geheimen Schaden und jetzt ist die Krankheit da . Schade um die schönen Anlagen . Mit einem am Felsen angeschlossenen Prometheus , der mit seinen Ketten gen Himmel zürnt , kann ich Mittleid haben , nicht aber mit einem Knaben , der aus Furcht vor der Ruthe auf die Worte seines läppischen Lehrers schwört . « Eduards Krankheit brach immer dergleichen Gespräche ab , doch ließ der Graf es sich nicht nehmen , täglich am Lager des Jünglings zu erscheinen , ja er wachte sogar Nächte hindurch und horchte den Fieberphantasien . Oefters zog er ein Manuscript aus der Tasche und las die Geschichte seines Lebens , die sich in finstern Bildern um das Kloster in den Apenninen bewegte . Einst entschlief unser Freund , und ein seltsamer Traum neigte sich auf ihn herab . Wie aus weiter Ferne tönte ein altes vergessenes Wiegenliedchen , das er seine verstorbene . Mutter singen gehört zu haben sich erinnerte . Die Töne rannen wunderbar in ein Bild zusammen und er sah sich selbst in der Kinderstube , wo er aufgewachsen , wieder ; eine Gestalt saß abgekehrt von ihm am Fenster : am Band der Haube , am Contour der Wange erkannte er seine Mutter . Ein Schauer der Rührung befiel ihn , es trieb ihn , das Antlitz zu sehen , aus dessen süßen Liebesaugen sich einst der Himmel in seiner Brust entzündet hatte ; doch ein inneres Grauen , dessen Grund er sich nicht erklären konnte , bannte ihn fest an seinen Sitz . Er betrachtete einen Tisch vor sich ; er lag voll Spielzeug , wohlbekannte Püppchen , doch die Vergoldung an den Soldaten war matt geworden und ein dicker Staub lag auf jedem Dinge . In seinem Herzen brachen die Knospen der ersten Jugend auf , seine Seele trank jene frühe Unschuld und Engelsfreudigkeit , die Töne der Wiegenlieder drangen mit Ungestüm in seine Brust , und weiteten mit kühlendem Flügelschlage sein Inneres aus . Vergnügt schob er jetzt die Sachen zusammen , und sie in eine bunte Reihe ordnend , konnte sein Auge sich nicht satt sehen an dem bunten Schmucke der Puppen . Sie alle waren ihm bekannt , er wußte den Namen einer jeden , doch während er sie , eine nach der andern , aus dem Kästchen hervorholte ,