bezeichnet wird . « » Mein Gott ! « lachte ich unwillkührlich , » Sie haben mit dem vorüberfliegenden Blick die ganze Person aufgefaßt ! Sie steht , wie sie lebt und webt , vor mir . « - » Wahrhaftig ! « entgegnete die Gräfin geschmeichelt ; nun , ich bin auch nicht gerade vorüber geflogen . Unter uns gestanden , ich wußte , daß die jungen Leute gestern angekommen waren , und da ich mich immer , was man auch gegen den Comthur sagen mag , für ihn interessire , so fühlte ich mich gespannt auf die Bekanntschaft seiner Hausgenossen . Ich ging deshalb den Thalweg , der an die Burg hinführt , überzeugt , bei dem schönen Wetter die Gesellschaft im Park zu finden . Wie Sie sahen , ist mir meine kleine List gelungen ! « lächelte sie selbstzufrieden . Ich lächelte auch über die Naivetät , mit der die gute Frau den Zweck ihres Besuches aussprach . Sie war indeß so voll von dem einen Gegenstande , daß sie ganz arglos blieb , und wirklich , wie so oft in der Welt , mit offnen Karten spielte , ohne eine Ahndung davon zu haben . Curd flüsterte mir zu , alles dies sei geschehen , um sich sogleich zu überzeugen , ob die hübsche Nachbarin wohl den Sieg über Rosalie und Agathe davon tragen werde ? - Der Umstand , daß jener ein glänzender Ruf voranging , habe die Eitelkeit der Mutter und der Töchter erregt . Er sei blos mitgefahren , um alle drei zur Verzweiflung zu bringen , ich möge nun Acht geben , wie ängstlich sie jedes lobende Wort begleiteten , und durch welche Gründe sie sich zu trösten wüßten . Ich war gar nicht geneigt , ihn in so hinterlistigen Plänen zu unterstützen . Im Gegentheile warf ich den Pfeil auf ihn selbst dadurch zurück , daß ich erklärte : er habe seine Begleiterinnen nur deshalb die steinige Straße geführt , weil er hoffte , die Aufmerksamkeit der Dame des Schlosses auf ein so tolles Fuhrwerk zu lenken . - » Sie thun ganz recht , « setzte ich hinzu , » denn seit es keine Originalität des Charakters mehr giebt , reicht es vollkommen aus , die Ordnung umzukehren , damit man bizarr erscheine . Wie witzlose Leute gewöhnlich Worte oder Sätze umdrehen , um die Lacher zu flüchtigem Beifall zu zwingen . « » Cousine , « flüsterte Curd halb empfindlich , halb gutmüthig neckend , » ich räche mich , ich kenne auch schon das Werkzeug hierzu . Sein Sie gewiß , Sie büßen den Muthwillen über kurz oder lang . « Und als wolle er sogleich Wort halten , fuhr er dann lauter redend fort : » Wenn Sie mir den Wunsch zutrauen , von einer reizenden Frau beachtet zu werden , so bin ich meiner Seits gewiß , daß Sie nicht gleichgültiger gegen die ächte Originalität eines genialen Sonderlings sein können , der aus dem Schlamme unserer verächtlichen Zeit sehr glücklich auf den Schauplatz der Welt auftaucht . Graf Hugo hat seine Probe diesen Morgen gemacht . Er ist es werth , den Ritterschlag zu empfangen . « Mit vielem Pathos erzählte Curd jetzt die Begebenheit mit dem Marktschiff , und schloß den Bericht damit , daß er versicherte , später habe der Graf die Frau und ihre Kinder selbst in einem kleinen Fischerkahn zur Stadt gerudert , und sie dort bis an das Krankenlager des Mannes begleitet . Agathe überschrie sich vor Entzücken und Bewunderung . Sie hielt das zierlich gestickte Batisttuch einigemal vor die Augen , und wirklich wurden diese auch feucht . Rosalie lachte sie deshalb eben nicht gar zu rücksichtsvoll aus , doch fand auch sie die Begebenheit einzig und den Grafen sehr interessant . Die Mutter horchte lächelnd auf die Aeußerungen der Töchter , dann sich zu mir wendend , flüsterte sie : » die Kleine ist ganz wie ich , das Herz läuft mit dem Kopf davon , ich schwöre Ihnen , ich habe Mühe , mich der Thränen zu enthalten . Es ist wahr , Graf Hugo muß allerliebst sein ! Es ist so viel Herz in allem , was er thut , und so erstaunlich viel originelle Energie ! Aber ein Bischen bange bin ich doch , daß er zu weit geht in seiner angenommenen Manier . Die Welt vergiebt eher das zu Wenig als das zu Viel . Man wird das Geniale darin seiner beschränkten Beziehung und dem Mangel an Kenntniß der Formen zuschreiben . Und ehrlich gesprochen , ich glaube , daß auch etwas daran ist . Aber ums Himmelswillen , kein lautes Wort hierüber . Sie fühlen wie ich , man muß gewisse Saiten nicht zuerst anschlagen ! « Sie hatte sie indeß angeschlagen , und hörbar oder nicht , sie klangen bald hell und schneidend durch einen immer größer werdenden Kreis hinzukommender Gäste hindurch , die der Gräfin auf dem Fuß folgten , und meine kleine Villa zu einem andern Ulmenstein machten . Curd wiederholte bis zum Ertödten aller Anwesenden Hugo ' s Abentheuer . Sichtlich gefiel er sich , das Urtheil eines Jeden herauszufordern . Man wünschte dem Grafen Glück , mit einer poetischen Farce aufgetreten zu sein ; schmeckte diese gleich nach veralteten Romanen , so gab sie doch Veranlassung , von sich sprechen zu machen . Es ward wirklich viel gesprochen . Ich aber konnte kein einziges Wort finden . Es war nichts in mir , was sich an diese Fäden anknüpfen ließ . Das Schlimmste dabei ist , daß auch ich über den Menschen selbst Anfangs confus geworden bin . Mein früheres Bild von ihm ist mir verwischt . Unwillkührlich schlüpft so etwas von provinzieller Abentheuerlichkeit in meine Vorstellung hinein . Ich will das weg haben . Ich bin ärgerlich , und komme nicht mit mir zurecht . Nun , ich werde ja selbst sehen und urtheilen ! Sie fühlen aber auch aus allem dem , welche Aufgabe Ihre Schützlinge hier zu lösen haben . Ich wünsche , daß es Ihnen damit glücken möge . Leben Sie wohl , Sophie ! und glückliche Reise ! Ich bin betrübt und verstimmt , ich verlasse Sie , um nicht noch trüber zu werden . Heinrich an Hugo Man glaubt immer , man könne einem Andern etwas Wichtiges , für ihn selbst Bedeutendes , sagen . Es ist eine Täuschung . Entweder weiß er es schon , oder er hört es nicht . Das innere Ohr ist eine Sensitive . Es verschließt sich , so wie man ihm nahe kommt . Ich hatte mir in der vergangenen Nacht , die ich schlaflos zubrachte , vielerlei ersonnen , was ich Dir mittheilen zu müssen glaubte . Nun es dazu kommt , lasse ich es lieber . Dir hilft es nichts , und mich verleitet es vielleicht zu einer Uebereilung . Hugo ! wir verstehen uns ohne Worte . Aber ich fürchte , es kommt für Dich , wie für mich , wenig dabei heraus . In der Hauptsache macht es uns beide nicht klüger ; denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein Räthsel . Die Alten kehrten das Inwendige nach Außen . Das schöne Ungeheuer , die Sphinx , war selbst das Symbol ihrer unaufgelösten Aufgabe . Der Kopf wickelt sich wohl heraus aus der Hölle der Nacht , aber bis der Leib aufsteht , und sich nach eignen Gesetzen bewegt , bis der Gedanke ein Dasein hat , da müssen die Zeiten ihren Kreislauf vollenden , und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei werden ! Du bist gefesselt , Hugo , was klagst Du mehr , als ein Anderer ? Im Grunde warst Du doch auch nicht mit Deiner frühern Stellung zufrieden . Hättest Du Dir genügen lassen an dem Besitz der Idee , wäre Dir das Eigenthum höherer Freiheit über alles lieb gewesen , und könntest Du Deinen ganzen Stolz darin finden , über die Köpfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg , mit den Flügeln des Geistes , die Nebel um Dich her zu zertheilen , Du lebtest freier . Doch , Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter Vorurtheile auch noch im Blute , Du bist auch erst mit halbem Leibe heraus . Trage , was Du nicht los werden kannst . Du wirst es lernen ! Am Ende versöhnst Du Dich doch wohl noch mit der neuen Weise . Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher , wenn es etwas giebt , die Zwischenräume auszufüllen , und Glanz , Reichthum , Ansehen und Bequemlichkeit ändern Vieles . Wenn Du ein gewöhnlicher , nichtiger , schlaffer Alltagsmensch würdest ! Unmöglich ! So beschwichtigt sich der heiße Durst der Seele nicht . Die Welt gießt wohl Wasser in die Flamme , aber , wo das Oel aus dem Mark und Saft des Innern quillt , da belebt sich die Gluth durch sich selbst . Ich erinnere mich jetzt oft einer Aeusserung von Dir . Du warst noch sehr jung . Wir standen im Begriff , die Akademie zu verlassen . Die Pläne Deines Vaters , im Betreff Deiner militärischen Laufbahn , wollten Dir nicht einleuchten . Du hattest den Gedanken , in einem andern Welttheile zu suchen , was Du hier nicht zu finden glaubtest . Wir lasen gerade Le Vaillant ' s Reisen in Afrika . Dich stachelte der Trieb , das geheimnißvolle Herz dieses fremdgebliebenen Stückes Erde zu durchdringen . Es entstanden Dir , wie jedem Jünglinge , über alles , was er nicht kennt , phantastische Bilder . Tritt dergleichen erst in die Anschauung , so hat es auch Leben und Wirklichkeit . Man ist davon überzeugt , und will es auch Andern beweisen . Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausführung . Ich setzte Dir alles das entgegen , was auf Verhältnisse einer abhängigen Lage Bezug hat . Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab . Nach einer langen Pause bliebst Du vor mir stehen , in einer Hand das Buch haltend , worin wir gelesen , legtest Du die andere auf meinen Arm , indem Du noch in Nachsinnen vertieft , ausriefst : » Ich will Dir etwas sagen , entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen . Im letzten Falle läßt man sich beherrschen , im ersten bedeuten die angelegten Ketten wenig . Conventionelle Verträge sind eben auch nur conventionell . Sie sind etwas , insofern sie einer Idee entsprechen ; geht diese über sie hinaus , so zerfallen sie in sich selbst . Deshalb , wie unbeweglich der behende Wettläufer auch dasteht , bis das erwartete Zeichen gegeben wird , der Fuß ist schon gehoben , das Auge faßt sein Ziel , und er mißt in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen einander ab . Jetzt erschallt der Ruf . Im Fluge ist die Ferne durchmessen , die einen Augenblick zuvor unabsehbar schien . Glaube mir , der Mensch wurzelt nur da fest , wo ihn Trägheit bindet , oder Mangel eigner Kraft zum Nachgeben an eine fremde , überwiegende zwingt . Der Erdenfleck , wo er steht , verschlägt hierzu nichts . « Diese Worte , Hugo , sind mir unvergeßlich geblieben , nicht sowohl ihrer Bedeutung wegen , denn in diesen Jahren nimmt man es damit nicht so genau , und vieles klingt nur , weil es schallt , allein Dein Gesicht , Deine Gestalt machte in dem Augenblick einen besondern Eindruck auf mich . Die Augen flammten Dir , Deine Stirn glänzte , um die Lippen spielte ein geistig Lächeln , Du schienst mir größer ; ich glaubte , der Boden trüge Dich nicht mehr , und sah Dich schon in Gedanken in weiter Ferne , über die Berge , den Strom und das ganze Festland wegfliegen . Nun bist Du doch wohl eingewurzelt . Die Zeit hat Dir , wie manchen andern Freiheitskindern , die Flügel beschnitten . Dir ahndet selbst so etwas . Der Ton Deiner Briefe ist melancholisch . Du hattest immer einen gewissen Hang zu dieser Richtung der Empfindungen , die , wie alle Blüthen eines schönen Frühlings , die Köpfe neigen , wenn der hohe Sommer heraufzieht . Bei Dir stand die Sonne schon sehr frühe in ihrem Culminationspunkte . Sonderbar ! der kalte Norden drängt die Uebergangsperioden alljährlicher Entwickelung fast in einen Zeitmoment zusammen . Wäre auch in Dir mehr Gluth als Wärme , und der Winter Dir nahe , wenn Du noch Rosen zu brechen gedenkst ? Es waltet eine gewisse , laue Ergebung in Allem , was Du sagst , die mich ängstigt . Sie erinnert eben nicht tröstlich an das Senken der Flügel , ehe man weiß , daß diese gebrochen sind . Lieber Hugo ! Dir steht eine fatale Zwischenzeit bevor , und wohin Dich diese auch führe , ohne harte Kämpfe kann das nicht abgehen . Rüste Dich immer im Stillen dazu . Ueber Eins bin ich nur unsicher geworden . Hattest Du jemals einen eigenthümlichen Lebenszweck ? und warst Du völlig im Klaren darüber ? Sage mir das aufrichtig in Deinem nächsten Briefe . Das Maaß der Deutlichkeit unserer Vorstellungen hierüber bestimmt wohl zumeist das Nothwendige oder Zufällige einer Richtung . Ich bin begierig auf Deine Antwort , lieber Hugo . Lebe bis dahin recht glücklich . Ganz der Deinige . Emma an einen Geistlichen Wenn ich aus Gründen , die Sie , theuerster Lehrer , heller durchschauen , als ich sie angeben darf , in den Briefen an meine Mutter nur allgemeine Umrisse der verflossenen Tage , der neuen Verhältnisse , der Personen , welche diese bilden , hinwerfe , so will ich Ihnen in dem Allen mich selbst mit meinen innigsten Gefühlen , mit meinen geheimsten Gedanken ungetheilt geben . Sie sollen niemals aufhören , mich in jedem Zuge der Seele , in den bangen Regungen , wie in der stillen , sichern Befriedigung des empfundenen Daseins zu begleiten . Durch Sie will ich mich und Andere verstehen lernen . Lieber , väterlicher , verehrter Freund ! es ist nicht alles mehr so einig in mir wie sonst . Jeder Schritt vorwärts in das Leben hinein öffnet neue Ansichten , theilt den Blick , vervielfältigt die Eindrücke . Ich werde nicht irren , aber vielleicht unbillig sein , und hierüber bin ich ängstlich . Erschrecken Sie nicht . Es ist nichts vorgefallen , es hat sich nichts verändert , ich , ich allein muß anders geworden sein ! Das Leben hört auf , dasselbe zu bleiben , seit die leichten Umrisse sich plötzlich körperlich gestalten , die Dinge zwei Seiten gewannen , ein jedes Dasein für sich , wie im Zusammenhange mit Andern betrachtet sein will . Meine einfache Weise es zu nehmen , paßt nicht mehr . Es wird so voll , so laut um mich . Weder die innere noch die äussere Stimme reicht aus , mich meiner Welt verständlich zu machen . Ich werde in dem Maaße sprachloser , als mir die rechten Worte fehlen . In dieser Einsamkeit der Seele quält mich ein entsetzlicher Zweifel . Ich fürchte , nicht im Einverständniß mit Gott gewünscht , gewollt , und in der Gebetserhörung nur eine Prüfung erstürmt zu haben , die um so schwerer zu bestehen sein wird , als sie mich nicht allein trifft . Sehen Sie , das ist es , das ist es hauptsächlich , was mich beugt . Ach Gott ! und ich kann mich fast nicht länger täuschen , daß ich unbewußt zwar , doch nicht unschuldig das Geschick des geliebtesten Menschen verwirrt , einen Vorwurf auf sein großes Herz geladen habe ! Hugo ' s kühner Gang wird durch mich gehemmt . So kann und darf ich nicht einmal versuchen , seinen Weg zu gehen . Ich erschrecke oft , wenn es mir klar wird , daß er den Kampf allein hätte ausfechten , ich aber im Verborgenen , beschränkt und entsagend , für ihn beten sollen , ohne unser beider Geschick in unklare Beziehung zu einander zu stellen . Vielleicht war ich überhaupt nur für das Kloster geboren . In der Dunkelheit entfaltet sich das Geheimniß des Innern am besten . Hier , unter so verschiedenen Menschen , zwischen die entgegengesetztesten Richtungen geschoben , wie kann ich , ohne anzustoßen , mich frei bewegen ? Der Comthur , der mir eigentlich eine Stütze sein müßte , verletzt mich durch sichtliche Abgeschlossenheit gegen Hugo . Er mißtraut diesem , und scheint auf der Huth gegen Angriffe , welche gleichwohl nie erfolgen . Mich betrachtet er oft bedenklich . Sein ernster , hoher Blick wird dann von unverkennbarer Rührung gemildert , er findet immer ein inniges Wort für mich . Der Ton der Stimme , das Herabbeugen des stolzen Nackens , die stumme Sprache seiner Mienen , alles an ihm athmet in solchem Augenblicke fast unwiderstehliche Wärme , ich glaube , wir verstehen uns dann vollkommen , allein wir gleiten beide über das hinweg . Ich wüßte nicht , wie ich es anfinge , ihm gegenüber gewisse Saiten zu berühren , die nur den Mißton zwischen Oheim und Neffe noch schärfer herausheben würden . Ich fühle ja ohnehin deutlich genug , daß Hugo niemals darin gewilligt haben würde , sich mit dem Urheber so großer Familienstörungen auf eine Weise zu vergleichen , die ihm drückende Verpflichtungen auflegt , wäre es nicht in Bezug auf die Verbindung mit mir geschehen . Auch hierin glaube ich ein Werkzeug höhern Willens zu sein . Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich , als unverkennbare Vermittlerin verjährter , gehässiger Mißverständnisse . Allein auch hier diente ich nur , den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zurückzudrücken . Was vergessen , oder unbeachtet , mit der Zeit seine Schärfe verliert , das wetzt sich an den täglichen , unmerklichen Reibungen so schneidend heraus , daß jede Berührung verwundet . Ich fühle Hugo etwas Aehnliches an . Er wird immer einsilbiger . Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unauslöschlicher Schwermuth , selbst wenn er lacht , verdunkelt sich sein Auge , als schelte es die Lippen , daß sie sich so leichtsinnig öffneten . So gehen wir in sehr verschiedener Seelenstimmung neben einander hin . Der Comthur mag wohl denken , die Einsamkeit drücke auf uns . Er sinnt daher auf Veränderung . Wir durchstreifen die Gegend um das Schloß nach allen Richtungen , ohne gleichwohl Bekanntschaft zu machen . Gestern endlich führte er uns bei einer Dame der Nachbarschaft ein . Ich hatte seit meiner Verheirathung wenig von der geselligen Welt gesehen . Mir fiel jetzt Manches auf , woran ich sonst gewöhnt war . Ich kam mir hier sehr einsam vor . Der Abend war auf diese Art ziemlich langweilig hingegangen . Wir saßen noch spät im Freien . Der Mond stand hell am Himmel , sein liebes , ruhiges Licht flimmerte silbern durch die Zweige Ich saß ganz im Schatten , vor mir dehnte sich ein runder Platz , über den die breiten Lichtstreifen ausgegossen lagen . Da sehe ich einen Herrn und eine Dame auf uns zukommen . Die Frau des Hauses wird ihrer nicht sobald gewahr , als sie mit den Worten aufsprang : » Ach ! da ist sie ja dennoch ! Willkommen , willkommen , liebe Elise . « Meine Aufmerksamkeit wurde sehr natürlich auf diese gerichtet ; sie ging mit leichtem , freiem Schritt über den erhellten Rasensitz , ihre Gestalt schwamm im Schein des Mondes , es war , als umfließe sie ein durchsichtiger Glanz . Sie kam mir außerordentlich schön vor , ich betrachtete sie mit großer Ueberraschung , und als sie anfing zu sprechen , klopfte mir das Herz , wie beim Tone unsichtbarer Musik . Wir waren einander jetzt ganz nahe . Unsere Wirthin stellte uns gegenseitig vor . Ich konnte nichts sagen , meine Zunge stockte wie gebunden . Die Fremde blieb unbefangener . In ihrem Benehmen lag die reizendste Sorglosigkeit . Sie sah umher , und schien jemand zu suchen . Hugo stand ihr in demselben Augenblicke zur Seite . Er war durch ihren Anblick eben so sehr überrascht . » Aha ! « rief sie aus , als er ihr genannt ward . Beide betrachteten sich aufmerksam . Mich überfiel eine unbegreifliche Angst . Es war , als müsse ich zwischen sie und Hugo treten . Ich konnte mich auch lange nicht wieder finden . Seitdem bekämpfe ich vergebens ein banges Vorgefühl , daß an jener Minute die Wendung meines Erdengeschicks hänge . Ich schelte mich darüber , ich verbanne es als sträflichen Aberglauben , aber ich kann es nicht los werden . Später , da wir in die erleuchteten Zimmer des Hauses zurückgingen , der Einfluß geheimnißvoller Dämmerung vor einer bestimmten Klarheit verschwand , die Formen des Herkömmlichen ohnehin den Phantasiespielen ein Ende machten , gerieth ich dem allem ohnerachtet in einen häßlichen Widerspruch mit mir selbst , als jene anziehende Erscheinung mich aufsuchte , fast vertraut mit mir redete , ihre Freundschaft für das Stiftsfräulein erwähnte , sich dadurch in Beziehung zu uns allen setzte , Bekannte und meine Willfährigkeit in Anspruch nahm , solches Entgegenkommen wenigstens in etwas zu beantworten . Werden Sie es glauben ? ich fühlte mich zugleich hingerissen und erstaunt . Mein Auge , meine Gedanken , mein Gefühl lag fest , wie gebannt durch einen Zauber , auf dem Ausdruck des schönsten , ja rührendsten Gesichtes , das ich jemals sah . Alles spricht darin , der Blick , das Lächeln , der weiche Ton einer fast durchsichtigen Haut , die wechselnden Mienen , die Harmonie vollkommen gebildeter Züge . Ich sah mehr , als ich hörte . Sie erröthete oftmals wie beschämt über mein stummes Anstarren . Ich besann mich . Wir sprachen seitdem wie Menschen , deren Bekanntschaft durch Anderer Vermittelung vorbereitet ist . Es kam zu Einladungen und Versprechungen baldiger Besuche . Der Comthur zeigte sich galant und liebenswürdig . Hugo trat aus seiner Verschlossenheit hervor . Nie sah ich ihn bereitwilliger die Fäden des Gesprächs aufnehmen , zusammenwerfen , um Gefühle und Anschauungen daraus hervorgehen zu lassen . Elise war bei der Abendtafel seine Nachbarin . Sie weiß mit Anmuth einen leichten Streit geistreich zu führen . Sichtlich wollten beide vor einander glänzen . Sie steigerten sich im Laufe der Unterhaltung bis zu einem Punkt , der wirklich blendende Funken über den ganzen Kreis ausstreute . Der Wettkampf hatte sie , wie durch eine Reihe electrischer Schläge , mit einander in Berührung gebracht . Es lag in ihrem Ton vertraulicher Scherz und Wohlwollen . Sie kannten sich schon von früher . Niemand war Sieger geblieben , aber keinem von beiden war es entgangen , wie viel ein jedes in die Waagschaale zu legen vermochte . Ich hatte mit gelacht , geredet , sie durch Widerspruch gestachelt ; doch es war nicht unbewußter Trieb , es war Stolz , Unruhe , Furcht , hier unbedeutend zu erscheinen , die mir Worte gab , mich zur Theilnahme fortriß . Sehen Sie , und nun ist mir das unbehaglichste Gefühl , eine Art Verlegenheit gegen Elise , gegen Hugo , ja gegen die ganze Gesellschaft geblieben , die mich zugleich demüthigt und erkältet . Was ist das ? Ist es Demuth ? Eifersucht ? Nicht wahr , ich , ich bin anders geworden . Mußte so bald der ruhige Einklang bescheidner Ansprüche an dem Wechselverkehr des Lebens scheitern ? Ist es auch denkbar , am Hofe erzogen , bringt eine Abendversammlung auf dem Lande mein Gemüth in Verwirrung . Ich bin entschlossen , mich selbst für so viele Thorheit zu strafen . Noch heute will ich die gefährliche Elise aufsuchen ! Es ist doch sonderbar , daß mich das so viel kostet . Wie beneide ich jetzt die Menschen , die durch Orden und Gelübde in einer bezeichneten Gränze gehalten , sich selbst treu bleiben ! Niemals war es mir begreiflicher , daß man der Welt gern entsagt , um das Gewissen zu retten . Ach ! eher ein Glück aufgeben , als es unter Vorwurf und Zweifel halb sein nennen . Sie , Sie , mein einziger Vertrauter , sollen mir helfen , mich wieder zu finden . Werden Sie anstehen , mir die Wahrheit zu sagen ? Kann auch die zärtlichste Schonung zögern , Wunden zu schlagen , um das Gift aus der Seele zu ziehen ? Hugo an Heinrich Ich habe recht sehr über Deinen Brief gelacht . Du hast immer noch die alte Gewohnheit , bei einem freundschaftlichen Besuche den Gallarock über das Hauskleid anzuziehen . Wozu der Prunk mit mir ? Ich kenne die Gelegenheit , und weiß , was diese täglichen Redensarten bedeuten . Gerade herausgesprochen , Du bist irre an mir geworden , und willst wissen , woran Du bist . Ich kann Dir es nicht verdenken , wenn Du Dir überhaupt etwas Besonderes bei mir gedacht hast . Lieber Heinrich ! es geht Freunden , wie Eltern und Verwandten , die immer das Außerordentliche von denen erwarten , die ihrem Gefühle am nächsten stehen . Selten ist dies aber etwas mehr als schwankende , in das Blaue hineintaumelnde Vorstellung von allgemeiner Berühmtheit . Ich brauche Dir nicht zu sagen , wie uns da die Eitelkeit ein X für ein U vormacht . Deine Frage , auf die es Dir hauptsächlich ankommt , und die eigentlich nichts anders heißt , als ob ich wirklich jemals gewußt habe , was ich wollte ? sagt mir , daß es Dir auch nicht sonderlich klar geworden ist , was ich soll ? Wir waren beide einmal jung , wie andere Jünglinge . Laß es dabei , Heinrich , und frage nicht weiter . Ich bitte Dich , sieh ' um Dich ! da lernt man schweigen , und den Narrenspossen den Abschied geben . Hast Du nicht mehr Achtung für die Idee , als daß Du sie abhängig glaubst von dieser oder jener Stellung im Leben ? - Sie stirbt nicht , da sei Gott vor ! Er weiß , wenn die Sonne scheinen oder Dünste sie verhüllen sollen . Man muß warten können , Doch diese Kunst ist nicht leicht . Basta ! hierüber ! Worte thuns nicht . Eins ist indeß eine gar zu schwache Stelle in Deinem Briefe , die muß ich doch rügen . Du thust ja , als habe ich mich von meinem Oheim für bequemen Lebensgenuß erkaufen lassen und ihm meine bessere Ueberzeugung mit in den Handel gegeben . Wärest Du ohne so viel Umstände geradezu in meine Stube gekommen , und hättest Dich darin umgesehen , so würdest Du Bescheid wissen . Das Verhältniß zu dem Comthur ist Folgendes : Mein Vater ging seines Erbes aus Ursachen verlustig , die Du kennst , sein Bruder trat in seine Rechte . Er wird Geistlicher , der Zweig ist todt . Nun entsteht die Frage , rankt eine Nachbarpflanze an dem Stamme heran ? oder ist der junge Schößling , der aus der Wurzel heraustreibt , durch Saft und Blut mit jenem eins geblieben ? und werth erkannt , das Ganze zu beleben ? - Diese Frage entstand immer einmal . Ob nach dem Tode des Oheims ? oder bei dessen Lebzeiten ? Der ganze Unterschied ist der , daß sie jetzt schneller entschieden ward . Kam mir das Erbe zu , sollte ich es wegstoßen ? Weshalb ? wozu ? Sage doch , glaubst Du , daß man Flügel bekommt , wenn man dem Glück ein Schnippchen schlägt und sich in seine Armuth hüllt . Wem die Flügel gewachsen , den tragen sie wohl , wohin er Lust hat . Die Metapher hat überdem seit der Geschichte des Ikarus einen Stoß weg . Brauche sie nicht mehr , es liegt etwas Lächerliches darin . Und nun zu andern Dingen . Es mag Dich unterhalten , wie wir hier leben . Recht erträglich , ich versichere es Dich . Die schönen Waldungen , welche unmittelbar hinterm Schloßbezirk anheben , die Höhen bekränzen , spiegelhelle Seen umschließen , und sich bis an den Strom ausbreiten , würden hinreichen , eine mannigfaltige Unterhaltung zu geben . Ich hause hier Tage lang . Wege und Stege sind mir überall bekannt . So manches kleine Abentheuer mit Menschen und Thieren stößt mir hier auf . Jäger , Reisende , Arbeiter und Bettler , alle geben mir Stoff zu Beobachtungen , mit allen gerathe ich in Berührung , schwatze , verkehre mit ihnen . Ich kenne nach gerade ihre Art. Es wird mir leicht , ihnen in ihrem Ideengange zu folgen . Wir sind sehr eitel , Heinrich , wenn wir uns einbilden , auf solche Leute herabzusehen . Ich weiß , man hat das schon oft gesagt , aber ich denke mir vielleicht etwas anders dabei . Es ist nicht sowohl , daß sie auch öfters Geist , Gemüth , Verstand haben wie Andre , mir fällt besonders auf , daß sie diesen Verstand so scharf auszubilden , so gerade zu richten , und so fest zu halten verstehen . Bei größerer Lebensfrische bleibt ihnen auch länger die gesunde Art des Gebrauches . Der Kreis , in dem sie sich bewegen , ist eng , das ist wahr , aber sie sind Herr darin , und was hinein fällt , verfällt ihrem Urtheil , das dann auf energische Weise die Dinge auf beide Füße stellt , und sie zeigt , wie sie sind . So flach hin sehen sie nichts an , bis auf den rohen Frevler , faßt jeder seinen Gegenstand ganz und tüchtig . Man kommt auf besondere Resultate im Umgange mit ihnen . Sie sind doch wenigstens etwas . Was sind wir ? Wir werfen ihnen die Rohheit ihrer Laster vor , und nennen deren Quell : thierische Selbstliebe . Die Sünde , ohne Deckmantel erregt ungefähr das nämliche Entsetzen , als wenn man sich in einem entstellenden Spiegel sieht . Es ist die Phisiognomie , es sind die Grundzüge , nur durch zufällige Bedingungen verschoben . Verfeinerter