Hoffnung in den Mienen empfing ihn die stolze Frau . » Was bringst Du mir , David ? « fragte sie gespannt : » Die Möglichkeit , die ich neulich Dir angab , ist zur bösen Wirklichkeit geworden . Mein Sohn ist hinübergegangen . « » Ist er ? « sprach Ben David mit Theilnahme : » so bedaure ich die zurückgebliebene Mutter . Beim hochgelobten Gott ! ich bedaure Euch aufrichtig , denn auch wir Juden wissen , wie lieb uns Kinder sind , und Söhne vor Allen . Ach ! auch mir hat der Herr Zweie genommen . Den Einen durch einen grausamen Tod ; den Andern ...... Nun des Herrn Wille geschehe ! « » Er geschehe ! « versetzte Margarethe kurz abbrechend : » Aber eben weil dieser Wille unabänderlich ist , und niemand aus dem Grabe rückkehrt , so ist es nicht gerathen , in einem vergeblichen Schmerz zu verwelken , und darüber das Leben zu vergessen . Der Himmel weiß , daß ich Dich nicht gern zu meinem innigern Vertrauten mache , aber die Lage der Dinge erfordert es . Ich war arm , ehe ich dem alten Mann meine Hand gab . Die Meinigen sind es noch . Ich bin jung , und will nicht gern umsonst den Winter meines Eheherrn mit dem Kranze meiner Jugend geziert haben . Die Vorsehung selbst hat das nicht verlangt , darum gestattete sie , daß meines Gatten einziger Sohn erster Ehe dem Himmel geweiht wurde , seine Tochter Verzicht leistete auf ihr Erbe , und ich ein Söhnlein gebar , das einst der Besitzer aller Habe seines Vaters zu werden bestimmt war . Für seine Gesundheit besorgt , übergaben wir den Knaben einer ehemaligen Dienerin meines Hauses , die unfern vom Wiesbade verheirathet , den schwächlichen Körper des Kindes in dem stärkenden Heilbrunnen daselbst zu baden angewiesen war , nach der Vorschrift des Arztes Joseph , der uns den Aufenthalt auf dem Lande , zu Sommer-und Winterzeit , als das wirksamste Heilmittel für das kränkelnde Kind anpries . Vor wenigen Wochen erfahre ich , der Knabe sey krank . Die Mutterangst reißt mich vom Lager des siechen Gemahls , den ich über diesen Punkt in Unwissenheit ließ ; ich sehe meinen Sohn , überzeuge mich von einer unheilbaren Verzehrung , die ihn überfallen , und denke , trostlos zurückkehrend , sogleich auf die allzuwahrscheinliche Zukunft . Damals war es , wo ich Dir , der mir schon öfter Vertrauen abgewann , ein größeres schenkte , und heute sind wir da , wo ich mich damals nur hindachte . Hast Du gefunden , was Du suchtest ? Eine Mutter , die ihr Kind für reichlichen Lohn auf ewig von ihrem Busen weißt ? oder eine Waise , würdig des herrlichen Looses , das ich ihm bereite ? Rede ! zaudre nicht . Die Zeit ist kostbar . « » Eine Mutter , die ihr Kind verkauft , fand ich nicht , edle Frau ; « erwiederte der Jude : » Selten mag wohl dieser Vogel seyn . Aber etwas Besseres fand ich , einen Knaben , an den die Welt keinen Anspruch hat , der selbst nicht weiß , woher er stammt , von dessen Eltern Ihr keine Forderung zu fürchten habt , da sie ihn verstießen . « Margarethe horchte aufmerksam auf die Geschichte , die ihr Ben David zu erzählen für gut fand , ohne dabei des Edelknechts von Hülshofen zu erwähnen . » Hat der Knabe alle Eigenschaften , die ich verlangte ? « fragte sie hierauf : » Braunes Haar , blaue Augen ... eine flüchtige Ähnlichkeit mit den Bildern unsers Geschlechts ? das rechte Alter ? « » Alles , wie Ihr ' s begehrt . Der Zufall konnte nicht besser dienen . - Überzeugt Euch selbst . « Ben David führte den Knaben herein . Willhild erschien mit ihm , und winkte der edeln Frau mit voller Zufriedenheit zu . Wohlgefällig betrachtete Margarethe beim hellen Kerzenschein das blöde dastehende Kind . - Thränen stiegen in ihre Augen . » Wahrlich ! « rief sie mit aufgeregtem Gefühl : » sind diese Züge nicht ein Fingerzeig von Gott , so weiß ich ' s nicht . Sprich , Willhild ! Mein Knabe , wäre er gesund und kräftig geworden ... hätte aussehen müssen , wie dieser . Ach , mein Johannes ! « » Ich heiße Hans ! « sprach der Knabe schüchtern . » Ein neuer Wink von oben ! « versetzte Ben David : » Das Büblein heißt wie der Eure , und leicht kann auf seinem Dorfe der Name also abgekürzt worden seyn . « » In der That ! « meinte Margarethe , die Zähren trocknend : » es ist außerordentlich , und Alles fügt sich besser , als man ' s wünschen kann . Komm her , mein Knabe ! wirst Du mich lieben ? « Sie zog den Buben an sich , und küßte seine Stirne : er starrte aber zu ihr empor , spielte mit dem goldnen Kreuz an ihrem Halse , und fragte : » Wer bist Du denn , gute Frau ? « » Ei , das ist ja Deine Mutter ! « antwortete ihm Ben David kurz und bestimmt . - Der Knabe aber lächelte ungläubig , und schüttelte zweifelnd mit dem Haupte . » Das ist Deine Mutter , und ich bin Deine Pflegemutter ; « bedeutete ihm Willhilde ebenfalls . Der Knabe sah sie groß an , und schien zweifelhaft zu werden . » Wo ist denn die Gundel , und das Hänschen ? « fragte er ein wenig kleinlaut . » Gundel ist fortgegangen und kömmt nicht mehr wieder ; « nahm Ben David das Wort , da die Frauen des Knaben Rede nicht begriffen : » Hänschen ist aber schwarz geworden , weil Du so lange ausgeblieben , « setzte er hinzu , und wies auf den kleinen schwarzen Spitzhund , der zu den Füßen der Altbürgerin auf einem zierlichen Polster schlief . - Der Knabe schlug verwundert die Händchen zusammen , warf dann noch einen prüfenden Blick auf Margarethens Antlitz , das bekümmert und freundlich zu ihm niedersah , und flüsterte hierauf dem Juden halblaut zu : » Die ist aber doch die Mutter nicht . « » Ungerathener Bube ! « rief Diether ' s Gattin , durch einen Wink Ben David ' s unterrichtet , und ihre Augen blitzten zürnend auf den blöden kleinen Hans ; » willst Du mich wohl gleich wieder erkennen ? schon zu lang dauert das Possenspiel . Sprich , wenn Du nicht die Ruthe kosten willst ; bin ich Deine Mutter , oder nicht ? « Der Knabe krümmte ängstlich seinen Rücken , faltete die Hände , und rief , in der Scheltenden Schooß geschmiegt : » Liebe Mutter , schlage mich nur nicht . Hans will gut seyn , und er weiß ja , daß Du seine Mutter bist . Nur nicht schlagen . « » So laß ich ' s gelten ! « erwiederte Margarethe , und reichte ihm versöhnt einen Zuckerfladen : » Sey nur immer gut und folgsam , und Du wirst auch den Vater zu sehen bekommen . « » Den Vater ? « fragte der Knabe : » ich habe keinen mehr . « » Doch , doch , mein Jüngelchen ! « redete ihm Ben David zu . » Einen guten und liebreichen Vater , der Dich lieben , reich beschenken und unter lauter Freude und Vergnügen groß ziehen wird . « » Das ist schön , daß ich einen Vater habe , und eine Mutter , die mich nicht schlägt ! « rief hierauf Hans ganz erfreut , und ließ sich , in den Zuckerfladen beißend , vertraulich auf dem Polster des Hündchens nieder , das bald gute Freuudschaft mit ihm machte , und seinen Kuchen mit verzehren half . Während nun die Beiden spielten , und Frau Willhild sich hineinmischte , um den Knaben mit sich bekannt zu machen , folgte Ben David Margarethen in ihr Schlafgemach , wo die Bedingungen des Verkaufs festgesetzt wurden . Nicht geringe waren sie , denn als Ben David mit Beuteln und Verschreibung beladen , davon zu gehen im Begriff war , sagte ihm Margarethe : » Du verstehst es , Jude , Deinen Vortheil zu beachten . Der Kinderhandel schlägt Dir gut ein . « » Was wollt Ihr , edle Frau , und was redet Ihr da ? « fragte Ben David , mit schlauer Aufrichtigkeit : » Kinder sind doch Gottes Segen , und den bezahlt man nie zu theuer . Am allerwenigsten , wenn man damit gewinnt Erb und Gut . Dem alten Herrn blüht gewiß kein Sohn mehr . Ihr seyd zu fromm , um zu beglücken den Freund statt des Ehemanns . Und dennoch muß der Sohn der ersten Ehe ausgeschlossen bleiben und Priester werden , und nimmer den Dispens gewinnen , den Stamm fortzupflanzen in Ermanglung andrer Erben . Der Knabe , den ich Euch überlasse , ist dennoch allzuwohlfeil erkauft , als Euer größtes Glück und Heil . « » Doch der tiefsten Verschwiegenheit darf ich mich zu Dir versehen ? « fuhr Margarethe mit durchdringendem Blicke fort : » Wenn Du treulos seyn könntest ... « » Beruhigt Euch , gute Frau ; « antwortete Ben David lächelnd : » wär ich ein Christ , so würde ich Euch leisten einen Schwur , und ihn hinterher vielleicht erst nicht halten . Als Jude darf ich nicht schwören einen Eid ohne den Rabbi , und dann erst müßtest Ihr mir glauben auf ' s Wort , ob ich recht geschworen habe , oder nicht ; denn ich verstehe Euer Deutsch , aber Ihr nicht mein Hebräisch . Verlaßt Euch deshalb auf ein sicheres Pfand : auf meinen Hals . Wenigstens an mein Leben ginge es , käme es heraus , daß ich ein Christenkind verschachert ; und mein Leben ist mir lieb , ist ' s gleich mir ein elend Judenleben . Gehabt Euch wohl , und versichert Euch nur der Weiberzunge , die Euer , unser Geheimniß theilt . « Hierauf entfernte sich Ben David schnell , und Margarethe säumte nicht , seinem Wink zu folgen , und die halb verlegen , halb froh sich benehmende Willhild zur Bewahrung des Gelübdes aufzufordern , das sie geleistet . » Ihr könnt mir keck vertrauen , beste Frau ; « versetzte Willhild : » mir fällt ein Stein vom Herzen , daß ich nicht des edeln Herrn Unwillen aushalten muß , der fürchterlich gegen mich entbrennen würde , träte ich vor ihn hin , und meldete ihm den Unfall , der seinem Söhnlein widerfahren . Aber ... wenn ich mich nur überzeugen könnte , daß es keine Sünde sey , einen unbekannten Zweig auf solch edeln Baum zu pflanzen . « » Wenn ich es nicht für Sünde halte , « entgegnete Margarethe stolz , » so denke ich doch wohl ... « » Ach , liebe Frau , Alles gut ; « versetzte Willhild ängstlich : » bei Euch vornehmen Leuten ist das was anders . Kömmt ein böser Fall auch hie und da vor , so könnt Ihr mit Geld Euch Ablaß holen . Wir armen Leute haben aber nichts , als das nackte Leben , und unser Leutpriester zu Wiesbaden ist ein strenger gottesfürchtiger Mann , dem ich doch nächste Ostern den ganzen Handel beichten muß . Er ist im Stande , und schickt mich ohne Ablaß aus dem Beichtstuhle , und dann ist es so gut , als ob ich vor der ganzen Gemeinde im Banne läge . « » Sey unbesorgt ! « erwiederte hierauf Margarethe : » kömmt die Zeit heran , so mache Dir ein Geschäft zu Frankfurt , und lege Dein Sündenbekenntniß vor meinem Beichtvater , dem guten Barfüßermönch Reinhold ab . Der wackre Priester fragt nicht nach Namen und nähern Umständen , und läßt Deiner Reue um so eher die gewünschte Lossprechung angedeihen , als Du beschwören kannst , durch besagte Verwechslung einen unglücklichen Knaben glücklich gemacht zu haben . « » Nun so sey es denn in Gottes Namen ! « sprach Willhild , und legte muthig ihre Hand auf das Kruzifix , das ihr Margarethe vorhielt und in dem ein Splitter von der Hirnschale der heil . Katharina eingefaßt war : » Da mein Seelenheil nicht gefährdet seyn soll , so schwöre ich das mit aufgelegten Händen auf die Heiligen zu den Heiligen , daß ich Euch nimmer verrathen werde , so lange mir die Augen offen stehen , an Niemanden , der da lebt , und vom Weibe geboren ist . « Hierauf küßte sie der Gebieterin die Hand und Beide begannen nun zu berathschlagen , wie und wann der Knabe in das Haus seiner neuen Eltern eingeführt werden sollte . Der kleine Hans saß dabei , ohne von der Verhandlung etwas zu verstehen , spielte mit dem Spitzhunde und liebkoste Margarethens Hand , und nannte sie einmal über das andre seine gute und liebe Mutter . - Ehe jedoch die Berathschlagung eine völlig genügende Wendung genommen hatte , hörte man von ferne den Schritt des heimgekehrten Gemahls . - Margarethe sprang mit Herzklopfen auf . - » Kein Zögern mehr ! « rief sie : » das Schicksal will schnellen Entschluß . Willkommen , Johannes Frosch ! Du wirst den Vater sehen ! « Sie drückte den Knaben mit wehmüthigen Gefühlen an ihre Brust , und drängte Willhild mit dem Kleinen in die Kammer . Schnell trocknete sie die Thräne von ihrer Wimper , schmückte vor dem Spiegel ihr Gesicht mit freundlichem Lächeln , und erwartete muthig , wiewohl nicht ohne innere Bangigkeit , den Eheherrn , der auch nicht säumte , bei ihr einzusprechen . » Guten Abend , Margarethe ! « sprach Diether in fröhlicher Weinlaune auf die Gattin zugehend , und sie in die Arme schließend . Er warf einen freundlichen Blick auf sie , und da er gewahrte , daß sie mit gleicher Freundlichkeit zu ihm aufsah , so freute er sich deß , und sagte : » Seht , liebe Ehewirthin , so gefallt ihr mir . Das düstre Gesicht , das schon seit geraumer Zeit Euer alltägliches geworden war , hat mir viel Nachdenken verursacht . Aber wenn Eure Stirn glänzt , wie ein Heller Spiegel und Euer Mund so zuckersüß lächelt , - gerade so wie jetzt , - dann geht mir das Herz auf . « Er küßte sie zärtlich . » Kommt , laßt uns Eins plaudern ; « fuhr er fort , und zog sie auf den gepolsterten Fenstersitz . » Es ist mir jetzt Bedürfniß , zu schwatzen wie eine Elster . Gar unlieb wäre es mir gewesen , wenn ich Euch noch trübsinnig gefunden hätte , wie heute zu Mittag , denn ein Glas Rheinfall hat meine Seele fröhlich gemacht , und eine wohlklingende Botschaft ist mir zu Ohren gekommen von meinem Sohne Dagobert . « » Welche ? « fragte Margarethe , nicht ohne Theilnahme . » Ihr seyd ein wackres Weib ! « versetzte der alte Diether , ihr die Hand drückend : » Ihr nehmt so viel Antheil an dem Jüngling , und er ist doch nur Euer Stiefsohn . Darum sagte ich ja immer , wenn mich meine Freunde und Spielgesellen aufhetzen wollten gegen Euch in Schnack und Schwank : meine Grete ist ein herzliebes Ehgespons , das sich weder an meinem grauen Bart stößt , noch nach dem flaumbärtigen Stiefsohn verlangt in Unehren ; und darum sollt Ihr auch jetzt wissen , daß der Dagobert glücklich und gesund zu Costnitz angekommen ist , wie mir - ' s ist kaum eine halbe Stunde - der Stadtschreiber Heinrich von Gelnhausen versichert hat , der in Reitstiefeln , gerade wie er vom Roß gestiegen , auf unsere Trinkstube Limpurg kam . Der Schöffe von Braunfels hat ihn zurückgesandt , um noch mehrere Schriften nachzubringen , und im Augenblicke der Abreise hat er unsern Dagobert , der gerade angekommen , begrüßt . - Nicht wahr , das freut Euch , so wie mich . « » Von ganzer Seele ; « versetzte die Frau . » Der Trunk Weins hat mir absonderlich darauf geschmeckt ; « versicherte Diether . » Mitten unter der Freude meines Herzens ist mir jedoch eine ernste Betrachtung angekommen . Sprecht selbst , liebe Ehewirthin : ist ' s nicht ein seltsam Schicksal , von dreien Kindern , die uns lieb sind , keines unter unsern Augen zu haben ? Von der Tochter will ich eigentlich nicht reden , denn sie hat sich selbst losgesagt von uns . Ihr Bruder aber ist fern , auf seinen Beruf bedacht ; und unser Johannes , mir das liebste von den Kindern , da Ihr seine Mutter seyd , lebt auch von uns entfernt , ohne daß wir selbst ihn pflegen könnten , und seinen schwächlichen Leib . « » Ihr würdet ihn also gerne wieder um Euch haben ? « fragte Margarethe lächelnd , obgleich ihr das Herz beinahe brach . » Welche , Frage ? « erwiederte Diether : » Zwei Jahre sind es fast , daß ich ihn nicht sah . Das verdammte Zipperlein hat mich gehindert , verwichenen Herbst den Buben zu besuchen , wie ich mir ' s vorgenommen . Aber so bald es wieder trocken und kalt wird , und meine Gicht das Leben im Steigbügel vertragen kann , steige ich zu Pferde , und gehe den Jungen zu küssen . « » Er ist recht kräftig geworden ; « sprach Margarethe . » Willhild hat mir gestern Botschaft gesandt . Seit ich ihn heimsuchte , hat er um Vieles zugenommen . « » Hat er ? « rief Diether : » beim Himmel ! das ist mir lieb . Ich sagte es oft . Ein gesunder Stamm trägt auch gesunde Früchte ! - Wenn er nur schon so weit wäre , daß er wieder kommen könnte in ' s Vaterhaus . « » Wer weiß , ob das nicht bald , recht bald geschieht ; « meinte Margarethe . » Bald ? recht bald ? « versetzte Diether mit glänzenden Blicken : » Weib , Ihr wißt am Ende , daß er kommen darf ? Sagt mir ' s ... ich will ihn abholen , auf meinen Armen ihn hieher tragen ! Wie gerne will ich meinen Bart von ihm zerraufen lassen , wie gern ihn auf meinen Knien schaukeln , so lange er will , wenn er nur kömmt , gesund ist , und unsre Freude wird ! « Margarethe benützte geschickt die freudige Bewegung des Alten , öffnete rasch die Seitenthüre , und legte den staunenden Knaben an die Brust des vor Freude zur Bildsäule gewordnen Gatten . - » Sieh hier Deinen Sohn ! « » Mein Johannes ! « stammelte der Überraschte , und preßte ihn unzähligemal an sein Herz , an seine Lippen . Er nahm ihn auf die Arme , tanzte mit ihm in der Stube umher , geberdete sich , als habe die Freude seinen Verstand verrückt . Endlich setzte er ihn zur Erde nieder , und betrachtete ihn staunend . » Ich kann nicht zu mir selbst kommen ; « sagte er . » Wie können wenige Monate ein Kind verändern ! Wie haben sich die Züge ausgebildet , und die Gestalt ! Ja ; so , so muß ein Sohn unsers alten Geschlechts aussehen ; stark , kräftig , ein emporstrebendes Stämmchen . Warum bist Du aber so fremd geworden gegen Deinen Vater ? Du betrachtest mich so verwundert , als ob Du mich noch nie gesehen ? Was ist denn mit dem Jungen ? « » Auf unserm Maierhofe , « begann Willhild ängstlich , » hat er viel vergessen . Zürnt ihm nicht , edler Herr . « » Umarme Deinen Vater , Hans ! « gebot Margarethe . - Der Knabe warf einen furchtsamen Blick auf sie , umschlang Diether ' s Hals , und drückte einen herzhaften Kuß auf dessen Mund . - » Willkomm , Vater ! « sprach er , noch halb verdutzt : » Hab den kleinen Hans lieb ! « Schon der Kuß hatte Alles wieder gut gemacht , und die zutraulichen Worte des Knaben vollendeten Diether ' s Bezwingung . Kosend und tändelnd trat er , den Kleinen auf dem Arm , vor den Spiegel , und sprach wohlgefällig : » Fast möchte ich für wahr halten , was die Amme schon sagte , da sie den neugebornen Buben in meinen Arm legte , er sieht mir ähnlich ; recht ähnlich ! Ist das nicht meine Nase , mein Mund ? Sind das nicht meine Augen ? Die Ähnlichkeit hat sich erst recht herausgewachsen . Nicht wahr ? « Margarethe und Willhild bekräftigten die Meinung des guten Alten , und sein Vergnügen wuchs zum Muthwillen auf . » Die Lästerzungen , « raunte er Margarethen in ' s Ohr , » die über unsern Ehbund spöttelten , werden gelähmt seyn , beim Anblick dieses Gesichts , das in das Geschlecht der Frosche recht eigentlich gehört . Sie prophezeiten mir das gewöhnliche Loos des Sechzigjärigen , der zur zweiten Ehe schritt , und dennoch .... « Hier wies er triumphirend auf den Knaben , der mit seinen grauen Locken spielte . Margarethe verschloß ihm aber den ruhmredigen Mund mit einem Kusse . Fußnoten 1 Lederne Gürteltasche der Frauen . Fünftes Kapitel . O , kehre nie zur Heimath wieder , Ein Fremdling warst Du ihr . Dir tönen nicht mehr ihre Lieder Und ihre Sitte widert Dir . Was willst Du hier ? im fernen Lande Fand ' st Du ein falsches Glück , Und ließest - Thor ! - dafür zum Pfande Dein ehrlich deutsches Herz zurück ! Altes Schauspiel . Dagobert ' s und Gerhard ' s Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung . Darum war es auch weiter kein Wunder , daß ihr täglicher Lebensweg ebenfalls ein verschiedner war . Gerhard lag in dem Gasthause zum Engel , auf der Bärenhaut , und wartete bei Trunk und Spiel mit der größten Gelassenheit auf eine Gelegenheit , in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt Frankfurt sich auszuzeichnen . Dagobert benützte hingegen die ersten Tage seiner Anwesenheit zu Costnitz , die Stadt sammt ihren Kirchen und Merkwürdigkeiten kennen zu lernen , und nach seinem Oheim zu fragen , der ausdrücklich versprochen hatte , sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzufinden . Um so seltsamer kam es ihm vor , daß es ihm nicht gelang , die mindeste Spur von ihm ausfindig zu machen . Vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach dem Prälaten Hieronymus Frosch : niemand wußte ihm Auskunft zu geben . Die Schöffen des Frankfurter Raths selbst hatten nicht das Geringste von einem solchen gehört , und so verging schier eine Woche , und der Eifer Dagobert ' s hatte schon bedeutend nachgelassen , als ihn mit einemmale ein Diener zu dem Herzog Friedrich von Östreich beschied . In sein bestes Kleid gehüllt , eilte er nach dem Hofe , den dieser reiche und prachtliebende Fürst mit seinem Gefolge einnahm . Der Herzog empfing ihn in einem einfach aber edel gezierten Gemache . - » Wie gefällt ' s Euch zu Costnitz , junger Degen ? « fragte er den Jüngling mit heitrer Miene : » Wie behagt Euch das lustige Treiben und die bunte Menge , die einen Jahrmarkt eher verkündet , als eine ernste Kirchenversammlung ? « Dagobert bekannte , daß er noch wenig gethan , um sich mit dem Gewühl der vielen Ausländer und fremden vaterländischen Gäste vertraut zu machen . » Bei Eurer Jugend nimmt mich das höchlich Wunder ! « sprach der Herzog : » Jesus Christus ! wenn ich daran denke , wie ich in Euerm Alter das Leben betrachtet habe ! Es kam mir nicht anders vor , als wie ein großer Pokal , den ich verbunden sey , Tag für Tag auszuleeren bis auf die Neige , nach guter alter Trinkersitte . Wo es recht toll herging , war ich mitten darunter , und nirgends fröhlicher als wo gescheite Leute und Narren um mich schwärmten wie ein Bienenvolk . Ihr , lieber Freund , seht aus wie ein lockerleichtes Blut , und müßt wohl Eure Gründe haben , wenn Ihr nicht gleich Andern Eures Schlags über die Schranken haut , wo es angebracht ist . Ihr habt Euch doch nicht etwa schon vergafft zu Costnitz ? Nehmt Euch in Acht . Es gibt der Schönen viele in dieser Stadt , aber die meisten sind fremde Zugvögel , die ihr trüglich Gefieder hier ausspreiten , weil es in der Heimath den Werth verloren hat ; Hexendirnen , die sich anstellen , als ob sie Herzen fischten , während sie doch nur das Netz nach dem Golde unerfahrner Lüstlinge auswerfen . « » Die Art und List dieser Meerweibchen ist mir - wenn gleich nur aus Berichten - nicht unbekannt ; « versetzte Dagobert lustig : » Ew . fürstl . Gnaden ist daher im Irrthum . Nicht einem rothwangigen Mägdlein jage ich nach , sondern einem graubärtigen Manne , der mich hieher berufen , und nun Versteckens mit mir spielt ; meinem Ohm nämlich . « » Euer Ohm ? « fragte der Herzog aufmerksam werdend : » Sein Name ? « » Ist der meine ; « antwortete Dagobert : » aber der Träger versteckt sich im Sumpfe . « » Wäre das der Prälat von dem Stifte des heil . Bartholomäus bei Cesena ? « » Derselbe , gnädiger Herr . Der Bruder meines Vaters : Hieronymus Frosch . « » Ei , der ist freilich hier ; « lachte der Herzog : » ist mit mir gekommen , da ich den heil . Vater hieher geleitete . « Dagobert stand , steif vor Erstaunen , da . » Ihr könnt mir ' s glauben , auf Fürstenwort ; « fuhr der Herzog fort : » sein Logement wurde ihm eingerichtet im Paradiesgäßlein , in dem Hause , zum Pfauen geschildet . « » Bin ich denn blind gewesen ? « fragte sich Dagobert halb ärgerlich ; » war ich denn taub ? hab ich nicht umhergespäht mit Aug und Ohr wie die Frommen am Pfingsttage in . der Kirche , da der heilige Geist aus dem Schalloche hernieder zu schweben hat ? « » Seyd zufrieden ; « versicherte der Herzog : » Ihr seyd nicht blind , nicht taub gewesen . Ihr habt aber beständig nur nach dem Unrechten gefragt ; der übelklingende Name Frosch ist nicht mehr der Euers Ohms . Er hat sich in ' s Wälsche übertragen , und wenn Ihr nach dem ehrwürdigen Monsignor Ranocchia Euch erkundigt , wird er Euch sicher nicht entgehen . « » Wie ist mir denn ? « rief Dagobert : » Unsers ehrlichen Namens , berühmt geworden durch den Hauskaplan Kaiser Karls des Vierten , schämt sich der Oheim ? « Der Herzog zuckte die Achseln . - » Ich habe Euern Vaterbruder nie als einen Deutschen gekannt , « sprach er , » und immer nur den Italiäner in ihm gesehen . Macht es auch so . Man weiß , ja ohnedieß nicht mehr , was heut zu Tage Deutsch ist oder nicht . Wer findet hier unter dem bunten wöllisch , englisch und böhmischen Geplauder das Vaterland heraus ? Jede Nation , nur die unsre nicht , spielt hier den Herrn , vorab die französische . Ein schnackisches Völklein das : singt höher dann genotirt , liest anders , denn geschrieben , spricht anders als ihm um ' s Herz ist , und steckt uns durch seinen gelehrten Kanzler Gerson gewißlich in den Sack . - O ! setzte er mit bitterm Spotte hinzu : dieß Concilium ist des Luxemburgers Meisterstücklein ! « Heftig schritt der Herzog einige Schritte vor sich hin , blieb dann stehen und wandte sich mit einem Male rasch und kurz zu Dagobert . » Ihr wißt nun , wo Euer Ohm zu finden , junger Mann ; « sagte er , wie man einem Besuche gern ein Ende machen will : » es wird ihn freuen , Euch bald zu sehen , wie es mir angenehm seyn wird , Euch nicht aus den Augen zu verlieren . Das Pferd , das Ihr bei Eurer Heimkunft im Stalle finden werdet , thut Ihr mir wohl die Liebe , als Geschenk für Eure Hülfe anzunehmen . Es ist ein polnisch Thier und gerade wild genug für einen derben Jungen , so wie Ihr . « » Gnädigster Herzog ... « stammelte Dagobert dankend , aber Friedrich unterbrach ihn schnell , indem er lächelnd sagte : » Kein Wort für die schlechte Gabe . Wär ' ich Kaiser , sollte sie besser seyn . Hätte ich Euch nicht aufrichtig lieb , und wollte Euch ablohnen , sollte sie auch besser seyn . - Ich stehe aber gerne noch ein wenig in Eurer Schuld . Geht mit Gott , und kommt bald wieder . Ohne den verwünschten Klopffechter seyd Ihr stets willkommen . « Mit der größten Freundlichkeit , aber ohne seinem Stande etwas zu vergeben , beurlaubte der Herzog , steif in der Mitte des Gemachs stehend , und kaum merklich mit dem Haupte nickend , seinen jungen Freund . Dagobert säumte nicht , da es erst um die Mittagsstunde war , die Wohnung seines Oheims aufzusuchen . Das Paradiesgäßlein war bald gefunden , und das Haus zum Pfauen , das ansehnlichste der Gasse , eben so schnell entdeckt . Die Thüre stand offen , und innerhalb derselben lehnte im Schein der Mittagssonne ein ziemlich nachläßig gekleideter Diener und speiste Nüsse . Dagobert erfuhr von dem Müßigen auf Befragen , daß Monsignor so eben vom Messelesen gekommen sey , und sein Stündchen der Bequemlichkeit feire , in welchem er sich nicht gerne von