noch freundlicher und fröhlicher zu sein , als sonst . Mochte ihn der warme Anteil , den die guten Ulmer an ihm nahmen , und der auf allen Gesichtern geschrieben stand , erfreuen ? Mochte ihm hier außen in dem schönen Morgen , unter seinen Waffenübungen wohler sein , als in den engen , kalten Straßen der Stadt ? Er blickte so freundlich auf die Menge hin , daß jeder glaubte , von ihm besonders beachtet und begrüßt zu werden , und der Ausruf : » Ein wackerer Herr , ein braver Ritter « , jedem seiner Schritte folgte . Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein ; wenn er vorübersprengte , so durfte man gewiß sein , daß er dort mit dem Schwerte oder der Hand herübergrüßte und traulich nickte . Die Hintersten stellten sich auf die Zehen , um den Gegenstand seiner freundlichen Winke zu sehen ; die Näherstehenden sahen sich fragend an und verwunderten sich , denn keiner der versammelten Bürger schien dieser Auszeichnung würdig . Als Frondsberg wieder vorübersprengte , und die Zeichen seiner Gnade wiederholte , gaben wohl hundert Augen recht genau acht , und es fand sich , daß die Grüße einem großen , schlanken , jungen Mann gelten mußten , der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand . Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen , die hohen Barettfedern , mit welchen der Morgenwind spielte , sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den ersten Blick vor seinen Nachbarn aus , die minder geschmückt als er , auch durch untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm unterschieden . Der Jüngling schien aber zum Ärgernis der guten Spießbürger nicht sehr erfreut über die hohe Gnade , die ihm vor ihren Augen zuteil ward . Schon seine Stellung , das Haupt gesenkt , die Arme über die Brust gekreuzt , schienen nicht anständig genug für einen feinen Junker , wenn er von einem alten Kriegshelden gegrüßt wurde . Überdies errötete er bei jedem Gruß des Feldhauptmanns , dankte nur durch ein leichtes Neigen , und sah ihm mit so düsteren Blicken nach , als gälte es ein langes Scheiden , und dieser Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes gewesen . » Ein sonderbarer Kauz der Junker dort « , sagte der Obermeister aller Ulmer Weber zu seinem Nachbar , einem wackeren Waffenschmidt ; » ich gäbe mein Sonntagswams um einen solchen Gruß von dem Frondsberger , und dieser da muckt nicht darüber . Hieß es nicht in der ganzen Stadt , was hat der Meister Kohler mit dem Frondsberg ; waren ja neulich miteinander wie zwei Brüder ? Oh , die kennen einander schon lange , hieß es dann , und sind gute Freunde von alters her . Ich kann mich ordentlich ärgern , daß ein so gescheuter und gewaltiger Herr solch einen Laffen all Paternosterlang grüßt ! « Der Waffenschmidt , ein kleiner , alter Kerl hatte ihm seinen Beifall zugenickt : » Gott straf mich , Ihr habt recht , Meister Kohler ! Stehen nicht dort ganz andere Leut , die er grüßen könnte ; ist nicht der Herr Bürgermeister auf dem Platz , und steht dort nicht mein Gevatter , der Herr von Besserer am Eck ? Ich wollt dem Junker den Kopf beugen lernen , wenn ich Herr wäre ; aber glaubt mir , der da beugt seinen Nacken nicht , und wenn der Kaiser selbst käme . Er muß auch etwas Rechtes sein ; denn der Ratsschreiber , mein Nachbar , der sonst allen Gästen feind ist , hat ihn in seiner Behausung . « » Der Kraft ? « fragte der Weber verwundert , » ei , ei ! aber halt , dahinter steckt ein Geheimnis . Das ist gewiß so ein junger Potentat , oder gar des Bürgermeisters von Köln sein Sohn , der auch unter dem Heer mitreiten soll . Steht nicht dort des Kraften alter Johann ? « » Weiß Gott er ist ' s « , fiel der Waffenschmidt ein , den die Vermutungen des Webers neugierig gemacht hatten ; » er ist ' s , und ich will ihn beichten lassen , trotz dem Probst von Elchingen . « Aber so klein auch der Raum zwischen den beiden Bürgern und dem alten Diener des Kraftischen Hauses war , so konnte doch der Schmied nicht zu ihm durchkommen , so dicht standen die Zuschauer . Endlich drang die gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch , denn er war reich und angesehen in der Stadt ; er erwischte den alten Johann , und zog ihn zu dem Schmied . Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid geben , er wußte nichts , als daß sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei ; » übrigens muß er nicht weit her sein « , setzte er hinzu , » denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute mit sich ; meinem Herrn aber wird der Gast übel bekommen , denn unsere alte Sabine , die Amme ist wie ein Drache , daß er die Hausordnung stört , und ungefragt , nur so mir nichts dir nichts ein fremdes Menschenkind mit Stiefel und Sporen ins Haus schleppt . « » Nichts für ungut « , fiel ihm der Obermeister in die Rede , » Euer Herr , Johann , ist ein Narr ! Die alte Hexe - Gott verzeih mir ' s - hätte ich schon lange auf die Straße geworfen , wo sie hingehört . Hat der Herr doch sein gutes Alter , und soll sich behandeln lassen , als läge er noch in den Windeln . « » Ihr habt gut reden , Meister Kohler « , antwortete der alte Diener , » aber das versteht Ihr doch nicht recht . Auf die Gasse werfen ? Wer soll denn nachher haushalten ? « » Wer ? « schrie der erhitzte Weber ; » wer ? ein Weib soll er nehmen , eine Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Bürger auch ; was hat er nötig als Junggeselle zu leben ? und allen Mädchen in der Stadt nachzulaufen ? Hab ich ihn nicht neulich angetroffen , wie er meiner Katharine schöngetan hat ? Schiff und Geschirr hätte ich ihm mögen an den Kopf werfen , dem gestrengen Herrn ; so aber - seine Mutter selig hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen , die brave Frau - so mußt ich meine Mütze abziehen und sagen : Gehorsamen guten Abend , und was befehlen Euer Wohledlen ! Daß dich der - « » Ei schau einer ! « sagte Johann mit unmutigem Gesicht ; » ich habe immer gedacht , ein Herr wie der Ratsschreiber , mein Herr , könne in allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort wechseln , ohne daß die böse Welt - « » So ? ein Wort wechseln , und abends nach der Versperglock im März ? Er heiratet sie doch nicht , und meint Ihr , meines Kindes guter Ruf müsse nicht so rein sein , wie Eures Herrn seine weiße Halskrause ? Das könnt ich brauchen ! « Der Obermeister hatte während seinen eifrigen Reden den alten Johann an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben , daß die Umstehenden aufmerksam wurden ; der Meister Schmidt hielt es daher für das beste , den Erzürnten mit Gewalt wegzuziehen , und er verhütete so zwar weitere Streitigkeiten , doch konnte er nicht verhüten , daß es schon um Mittag in der ganzen Stadt hieß : Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein , und seie von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur Rede gestellt worden . Die Übungen des Fußvolkes waren indes zu Ende gegangen , das Volk verlief sich , und auch den jungen Mann , der die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war , sah man seine Schritte der Stadt zuwenden ; sein Gang war langsam und ungleich , sein Gesicht schien bleicher als sonst , seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen Bergen , den Grenzmauern von Württemberg . Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt , als in diesen Stunden . Marie war mit ihrem Vater abgereist ; sie hatte ihn noch einmal beschwören lassen , seinem Versprechen treu zu sein , und wie unglücklich machte ihn dieses Versprechen ! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet es zu geben ; aber der betäubende Schmerz des Abschiedes , der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden . Doch jetzt , wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen , seiner Zukunft ins Auge sah , wie traurig , wie schwierig erschien ihm seine Lage ! Nichts davon zu sagen , daß alle seine goldenen Träume , alle jene kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einemmal verschwanden , nichts davon zu sagen , daß auch sein Ziel , das so nahe lag , Marien durch Kriegsdienste zu verdienen , ungewiß in die Weite hinausgerückt war - er sollte auf die Gefahr hin , von Männern , deren Achtung ihm teuer war , verkannt zu werden , diese Fahnen verlassen , gerade in einem Augenblick , wo man der Entscheidung entgegenging . Von Tag zu Tag , solange es ihm nur möglich war , verschob er diese Erklärung ; wo sollte er Gründe , wo Worte hernehmen , vor dem alten , tapfern Degen Breitenstein , seinem väterlichen Freunde seinen Abzug zu rechtfertigen ; mit welcher Stirne sollte er vor den edlen Frondsberg treten ? Ach , jene freundlichen Grüße , womit er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe aufzumuntern schien , hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert . An seiner Seite war sein Vater gefallen , er hatte gehört , wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte ; dieser Mann war es , der ihm jetzt so liebevoll die Schranken öffnete , und auch ihm mußte er in so zweideutigem Lichte erscheinen . Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tore der Stadt genähert , als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte ; er sah sich um , ein Mann , dem Anschein nach ein Bauer , stand vor ihm . » Was willst du « , fragte Georg etwas unwillig , in seinen Gedanken unterbrochen zu werden . » Es kommt darauf an , ob Ihr auch der Rechte seid « , antwortete der Mann . » Sagt einmal , was gehört zu Licht und Sturm ? « Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer . Er war nicht groß aber kräftig ; seine Brust war breit , seine Gestalt gedrungen . Das Gesicht von der Sonne braun gefärbt , wäre flach und unbedeutend gewesen , wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund , und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet hätten . Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt ; er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt , in der einen Hand hielt er eine Axt , in der andern eine runde , niedere Mütze von Leder , wie man sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk sieht . Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte , wurden auch seine Züge lauernd beobachtet . » Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden , Herr Ritter « , fuhr jener nach kurzem Stillschweigen fort ; » was paßt zu Licht und Sturm , daß es zwei gute Namen gibt ? « » Feder und Stein ! « antwortete der junge Mann , dem es auf einmal klarwurde , was unter jener Frage verstanden sei ; » was willst du damit ? « » So seid Ihr Georg von Sturmfeder « , sagte jener , » und ich komme von Marien von - « » Um Gottes willen , sei still Freund , und nenne keine Namen « , fiel Georg ein , » sage schnell , was du mir bringst . « » Ein Brieflein , Junker ! « sprach der Bauer , indem er die breiten , schwarzen Kniegürtel , womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte , auflöste , und einen Streifen Pergament hervorzog . Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament ; es waren wenige Worte mit glänzend schwarzer Dinte geschrieben ; den Zügen der Schrift sah man aber an , daß sie einige Mühe gekostet haben mochten , denn die Mädchen von 1519 waren nicht so flink mit der Feder , um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken , als die in unseren Tagen , wo jede Dorfschöne ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel , so lange als die 3. St. Johannis schreiben kann . Die Chronik , woraus wir diese Historie genommen , hat uns jene Worte aufbewahrt , welche Georgs gierige Blicke aus den verworrenen Zügen des Pergamentes entzifferten : » Bedenk deinen Eid . - Flieh beizeit . Gott dein Geleit . - Marie dein in Ewigkeit . « Es liegt ein frommer , zarter Sinn in diesen Worten ; und wer sich ein liebendes Herz dazu denkt , wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen möchte , ein Auge voll Zärtlichkeit umflort von einem Schleier stiller Tränen , einen holden Mund , der das Blättchen noch einmal küßt , verschämte Wangen , die bei diesem geheimnisvollen Gruße erröten - wer dies hinzudenkt , der wird es Georg nicht verargen , daß er einige Augenblicke wie trunken war . Ein freudiger , glänzender Blick , nach den fernen blauen Bergen hin , dankte der Geliebten für ihren tröstenden Spruch und wahrlich er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen als gerade jetzt , um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben . Wußte er doch , daß ein Wesen , das teuerste was für ihn auf der Erde lebte , ihn nicht verkannte . Der Schluß jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit , er bot dem guten Boten die Hand , dankte ihm herzlich und fragte , wie er zu diesen Zeilen gekommen sei . » Dacht ich ' s doch « , antwortete dieser , » daß das Blättchen keinen bösen Zauberspruch enthalten müsse . Denn das Fräulein lächelte so gar freundlich , als sie es mir in die rauhe Hand drückte . Es war vergangenen Mittwoch , daß ich nach Blaubeuren kam wo unser Kriegsvolk stand . Es ist dort in der Klosterkirche ein prächtiger Hochaltar , worauf die Geschichte meines Patrons des Täufers Johannes vorgestellt ist . Vor sieben Jahren als ich in großer Not und einem schmählichen Ende nahe war , gelobt ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin . So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit , daß mich der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat . Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte , ging ich allemal zum Herrn Abt , um ihm ein paar schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen , oder was er sonst gerade gerne hat . - Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem Geschwätz , Junker ? « » Nein , nein , erzähle nur weiter « , antwortete Georg , » komm , setze dich zu mir auf jene Bank . « » Das würde sich schön schicken ! « entgegnete der Bote , » wenn ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte , den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft grüßte ; erlaubt mir , daß ich mich vor Euch hinstelle . « Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Wege nieder , der Bauer aber fuhr auf seine Axt gestützt , in seiner Erzählung fort : » Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt , aber gebrochener Eid , tut Gott leid , heißt es , und so mußte ich mein Gelübde vollbringen . Wie ich vom Gebet aufstund , um dem Abt zu bringen was recht ist , sagte mir einer der Pfaffen , daß ich diesmal nicht zu seiner Ehrwürden könne , weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch seien . Ich bestand aber doch darauf , denn der Abt ist ein leutseliger Herr , und hätte mir ' s nicht verziehen , wenn ich ihn nicht heimgesucht hätte . Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt , so vergesset nicht nach der Treppe zu schauen , die vom Hochaltar zum Dorment führt . Sie geht durch die dicke Mauer , welche die Kirche ans Kloster schließt , und ist lang und schmal . Dort war es , wo mir das Fräulein begegnet ist . Es kommt mir nämlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab , entgegen ; ich drücke mich an die Wand um sie vorbeizulassen , sie aber bleibt stehen und spricht : Ei Hanns , woher des Wegs ? « » Woher kennt Euch denn das Fräulein ? « unterbrach ihn Georg . » Meine Schwester ist ihre Amme und - « » Wie , die alte Rose ist Eure Schwester ? « rief der junge Mann . » Habt Ihr sie auch gekannt ? « sagte der Bote , » ei seh doch einer ! aber daß ich weiter sage : ich hatte eine große Freude sie wiederzusehen , denn ich besuchte meine Schwester häufig in Lichtenstein , und habe das Fräulein gekannt als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lernte . Aber ich hätte sie kaum wiedererkannt , so groß war sie geworden , und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai . Ich weiß nicht wie es ging , aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele , und ich mußte fragen was ihr fehle , und ob ich ihr nicht etwas helfen könne ? Sie besann sich eine Weile und sagte dann : Ja , wenn du verschwiegen wärest , Hanns , könntest du mir wohl einen großen Dienst leisten ! Ich sagte zu , und sie bestellt mich bis nach der Vesper . « » Aber wie kommt sie nur in das Kloster « , fragte Georg ; » sonst darf ja doch kein Weiberschuh über die Schwelle . « » Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet , und da so viel Volk in Blaubeuren liegt , so ist sie dort besser aufgehoben als im Städtchen , wo es toll genug zugeht . Nach der Vesper , als alles still war , kam sie ganz leise in den Kreuzgang . Ich sprach ihr Mut zu , wie es eben unsereins versteht , da gab sie mir dies Blättchen und bat mich , Euch aufzusuchen . « » Ich danke dir herzlich , guter Hanns « , sagte der Jüngling . » Aber hat sie dir sonst nichts an mich aufgetragen ? « » Ja « , antwortete der Bote , » mündlich hat sie mir noch etwas aufgetragen ; Ihr sollt Euch hüten , man habe etwas mit Euch vor . « » Mit mir ? « rief Georg ; » das hast du nicht recht gehört , wer und was soll man mit mir vorhaben ? « » Da frage Ihr mich zuviel « , entgegnete jener , » aber wenn ich es sagen darf , so glaube ich die Bündischen . Das Fräulein setzte noch hinzu , ihr Vater habe davon gesprochen , und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn , daß sich jedermann darob verwunderte ? Glaubt nur es hat allemal etwas zu bedeuten , wenn solch ein Herr so freundlich ist . « Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers ; er entsann sich auch , daß Mariens Vater tief in die Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei , und vielleicht etwas erfahren habe , was sich zunächst auf ihn bezöge ? Aber er mochte sinnen wie er wollte , so konnte er doch nichts erfinden , was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepaßt hätte . Mit Mühe riß er sich aus diesem Gewebe von Vermutungen , indem er den Boten fragte , wie er ihn so schnell gefunden habe ? » Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen « , antwortete er ; » ich sollte Euch bei Herrn Dieterich von Kraft aufsuchen . Wie ich aber die Straße hereinging , da sah man viel Volk auf den Wiesen . Ich dachte , eine halbe Stunde mache nichts aus , und stellte mich auch hin , um das Fußvolk zu betrachten . Wahrlich der Frondsberg hat es weit gebracht . - Nun da war mir ' s , als hörte ich nahe bei mir Euren Namen nennen , ich sah mich um , es waren drei alte Männer , die sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin , ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte Euren Schritten , und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiß war , so gab ich Euch das Rätsel von Sturm und Licht auf . « » Das hast du klug gemacht « , sagte Georg lächelnd » aber dennoch komme in mein Haus , daß man dir etwas zu essen reiche ; wann kehrst du wieder heim ? « Hanns bedachte sich eine Weile ; endlich aber sagte er , indem ein schlaues Lächeln um seinen Mund zog : » Nichts für ungut , Junker , aber ich habe dem Fräulein versprechen müssen , nicht eher von Euch zu weichen , als bis Ihr dem bündischen Heer Valet gesagt habt ! « » Und dann ? « fragte Georg . » Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein , und bringe ihr die gute Nachricht von Euch ; wie wird sie sich sehnen ! alle Tage steht sie wohl im Gärtchen auf dem Felsen , und sieht ins Tal hinab , ob der alte Hanns noch nicht kommt ! « » Die Freude soll ihr bald werden « , antwortete Georg , » vielleicht reite ich schon morgen , und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein . « » Aber greifet es doch klug an « , sagte der Bote , » das Pergament darf nicht breiter sein als jenes , das ich brachte . Denn ich muß es wieder im Kniegürtel verstecken . Man weiß nicht , was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann , und dort sucht es niemand . « » Es sei so « , antwortete Georg , indem er aufstand . » Für jetzt lebe wohl , um Mittag komme zu Herrn von Kraft , nicht weit vom Münster . Gib dich für meinen Landsmann aus Franken aus , denn die Ulmer sind den Württembergern nicht grün . « » Sorgt nicht , Ihr sollt zufrieden sein « , rief Hanns dem Scheidenden zu . Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand sich , daß das holde Pflegekind seiner Schwester keine üble Wahl getroffen habe , wenn auch die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blühenden Farben verloren hatten . IX Was unter dieser Sonne kann es geben , Das ich nicht hinzuopfern eilen will , Wenn Sie es wünschen ? - Fliehen Sie ! Schiller Georg war es von Anfang bange , wie sich sein neuer Bekannter in dem Kraftischen Hause benehmen werde . Er fürchtete nicht ohne Grund , jener möchte sich durch seine Mundart , durch unbedachte Äußerungen verraten , was ihm höchst unangenehm gewesen wäre ; denn , je fester er bei sich beschlossen hatte , das Bundesheer in den nächsten Tagen zu verlassen , um so weniger mochte er in Verdacht geraten , in Verbindung nach dem Württemberg hinüber zu stehen . Konnte und durfte er ja doch im schlimmen Falle , wenn der Bote entdeckt würde , wenn er bekannte , an ihn geschickt worden zu sein , die Geliebte nicht verraten . Er wollte umkehren und den Mann aufsuchen , ihn bitten , sich so bald als möglich zu entfernen , aber als er bedachte , daß dieser schon längst von dem Platz ihrer Unterredung sich entfernt haben müsse , daß er indes zu Kraft kommen könne , schien es ihm geratener , dahin vorauszueilen , um jenem dort die nötigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu bewahren . Und doch , wenn er sich das kühne Auge , die kluge verschlagene Miene des Mannes ins Gedächtnis rief , glaubte er hoffen zu dürfen , daß Marie , obgleich ihr keine große Wahl übrigblieb , keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut haben konnte . Und wirklich traute er seinem Auge , seinem Ohr kaum , als ihm um Mittag ein Landsmann aus Franken gemeldet , und sein Liebesbote hereingeführt ward . Welche Gewalt mußte dieser Mensch über sich haben . Es war derselbe , und doch schien er ein ganz anderer . Er ging gebückt , die Arme hingen schlaff an dem Körper herab , selten schlug er die Augen auf , sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Blödigkeit , der Georg ein unwillkürliches Lächeln abnötigte . Und als er dann zu sprechen anfing , als er ihn in fränkischer Mundart begrüßte , und mit der geläufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine mancherlei Fragen antwortete , da kam er in Versuchung , an übernatürliche Dinge zu glauben ; die Märchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse auf , wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich widmet , und sie glücklich mitten durch das feindselige Schicksal hindurchführt . Der Zauber war zwar bald gelöst , als er mit dem Boten auf seinem Zimmer allein war , und ihn der gute Schwabe von seiner Persönlichkeit versicherte , aber doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen , über die Rolle , die er so gut gespielt . » Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit « , antwortete der Bauer , » man wird oft genötigt , von Jugend auf durch solche Künste sich fortzuhelfen , sie schaden keinem und tun doch dem gut , der sie kann . « Georg versicherte , ihm nicht minder zu trauen als vorher , der Bote aber bat dringend , er möchte doch jetzt auch auf seine Abreise denken , er möchte bedenken wie sehr sich das Fräulein nach dieser Nachricht sehne , daß er nicht früher heimkehren dürfe , als bis er diese Gewißheit bringen könne . Georg antwortete ihm , daß er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres abwarten wolle , um in seine Heimat zurückzukehren . » Oh , da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten « , antwortete der Bote ; » wenn sie morgen nicht aufbrechen , so ist es übermorgen , denn das Land ist offen bis ins Herz hinein . Ich darf Euch trauen , Junker , darum sag ich Euch dies . « » Ist es denn wahr , daß die Schweizer abgezogen sind « , fragte Georg , » und daß der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann ? « Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher , öffnete behutsam die Türe , und als er sah , daß kein Lauscher in der Nähe sei , begann er : » Herr ! ich war bei einem Auftritt , den ich nie vergesse , und wenn ich neunzig Jahre alt werde ! Schon unterwegs waren mir auf der Alb große Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet ; ihre Räte und Landamtmänner hatten sie heimgerufen ; bei Blaubeuren standen aber noch über achttausend Mann , jedoch lauter gute Württemberger und nichts andres drunter . « » Und der Herzog « , unterbrach ihn Georg , » wo war denn dieser ? - « » Der Herzog hatte in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern unterhandelt , aber sie zogen ab , weil er sie nicht bezahlen konnte.16 Da kam er gen Blaubeuren , wo sich sein Landvolk gelagert hatte . Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekannt gemacht , daß sich bis neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle . Es waren viele Männer , die dort versammelt waren , aber jeder dachte ein und dasselbe . Seht , Junker ! der Herzog Ulerich ist ein gestrenger Herr , und weiß den Bauer nicht für sich zu gewinnen . Die Steuern sind hart , der Jagdfrevel ist scharf und grausam , am Hof aber wird verpraßt was man uns genommen hat . Aber wenn ein solcher Herr im Unglück ist , da ist es gleich ein anderes Ding . Jetzt fiel uns allen nur ein , daß er ein tapferer Mann und unser unglücklicher Herzog sei , dem man wolle das Land mit Gewalt entreißen . Es ging ein Gemurmel unter uns , daß der Herzog wolle eine Schlacht liefern , und jeder drückte das Schwert fester in der Hand , grimmig schüttelten sie ihre Speere und riefen den Bündlern Verwünschungen zu . Da kam der Herzog - « » Du sahst den Herzog , du kennst ihn ? « rief Georg neugierig . » O sprich , wie sieht er aus ? - « » Ob ich ihn kenne ? « sagte der Bote mit sonderbarem Lächeln , » wahrhaftig ich sah ihn als es ihm nicht wohl war mich zu sehen . Der Herr ist noch ein junger Mann , wenn es viel ist , ist er zweiunddreißig Jahr . Er ist stattlich und kräftig , und man sieht ihm an , daß er die Waffen zu führen weiß . Augen hat er wie Feuer , und es lebt keiner , der ihm lange hineinschaute . - Der Herzog trat in den Kreis , den das bewaffnete Volk geschlossen hatte , und es war Totenstille unter den vielen Menschen . Mit vernehmlicher Stimme sprach er , daß er