H. Man hat mir auch die Straße genannt , aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb , durch das man Mondschein gießt ! « Ich war nicht wenig begierig , wie sich der Ewige Jude bei einem Dichter produzieren würde , und beschloß , ihn zu begleiten . » Höre Alter « , sagte ich zu ihm , » wir sind von jeher auf gutem Fuß miteinander gestanden , und ich hoffe nicht , daß du deine Gesinnungen gegen mich ändern wirst ; sonst - « » Zu drohen ist gerade nicht nötig , Herr Satan « , antwortete er , » denn du weißt , ich mache mir wenig aus dir , und kenne deine Schliche hinlänglich , aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz angenehm und recht ; warum fragst du denn ? « » Nun , du könntest mir die Gefälligkeit erweisen , mich zu dem Dichter , der dich in einer Novelle abkonterfeite , mitzunehmen ; willst du nicht ? « » Ich sehe zwar nicht ein , was für Interesse du dabei haben kannst « , antwortete der Alte , und sah mich mißtrauisch an ; » du könntest irgendeinen Spuk im Sinne haben , und dir vielleicht gar mit bösen Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln ; dies schlage dir übrigens nur aus dem Sinn ; denn der schreibt so fromme Novellen , daß der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann ; - doch meinetwegen kannst du mitgehen . « » Das denke ich auch ; was diese Seele betrifft , so kümmere ich mich wenig um Dichter und dergleichen , das ist leichte Ware , welcher der Teufel wenig nachfragt . Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne selbst , was mich zu ihm zieht . Übrigens in diesem Kostüm kannst du hier in Berlin keine Visiten machen , Alter ! « Der Ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen , seine lange Weste mit breiten Schößen , seine kurzen , zeisiggrünen Beinkleider , die auf den Knien ins Bräunliche spielten ; er setzte das schwarzrote dreieckige Hütchen aufs Ohr , nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand , stellte sich vor mich hin und fragte : » Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie der Sohn Isais ? Was hast du nur an mir auszusetzen ? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du , keine Brille sitzt mir auf der Nase , meine Haare stehen nicht in die Höhe à la Wahnsinn ; ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt , und um meine Beine schlottern keine ellenweite Beinkleider , wozu freilich Herr Bocksfuß Ursache haben mag - . « » Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hieher « , antwortete ich dem alten Juden ; » wisse , man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein , wenn man sein Glück machen will , und selbst der Teufel macht davon keine Ausnahme . Aber höre meinen Vorschlag . Ich versehe dich mit einem anständigen Anzug und du stellst dafür meinen Hofmeister vor ; auf diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen und wie wollte ich dir ' s vergelten , wenn uns dein Dichter in einen ästhetischen Tee einführte . « » Ästhetischer Tee , was ist denn das ? in China habe ich manches Maß Tee geschluckt , Blumentee , Kaisertee , Mandarinentee , sogar Kamillentee , aber ästhetischer Tee war nie dabei . « » O sancta simplicitas ! Jude , wie weit bist du zurück in der Kultur ; weißt du denn nicht , daß dies Gesellschaften sind , wo man über Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und den Leuten damit aufwartet ? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben dazu und man amüsiert sich dort trefflich . « » Habe ich je so etwas gehört , so will ich Hans heißen « , versicherte der Jude , » und was kostet es , wenn man ' s sehen darf ? « » Kosten ? nichts kostet es , als daß man der Frau vom Haus die Hand küßt , und wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben , hie und da ein wundervoll oder göttlich schlüpfen läßt . « » Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren . Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen Dingen . Doch des Spaßes wegen kann man hingehen ; denn ich verspüre in dieser Sandwüste gewaltig Langeweile . « Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt ; wir besprachen uns noch über die Rolle , die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren , er als Hofmeister zu spielen hätte , und schieden . Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage . Der Ewige Jude hatte so alte , unbehülfliche Manieren , wußte sich so gar nicht in die heutige Welt zu schicken , daß man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten mußte . Ich nahm mir vor , mir selbst so viel Eleganz , als dem Teufel nur immer möglich ist , anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu bringen . Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig , denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen solchen Ansatz zur Frömmelei bekommen , daß er ein Pietist zu werden drohte . Der Dichter , zu welchem mich der Ewige Jude führte , ein Mann in mittleren Jahren , nahm uns sehr artig auf . Der Jude hieß sich Doktor Mucker , und stellte in mir seinen Eleven , den jungen Baron von Stobelberg vor . Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit bald auf die schönen Kupferstiche an der Wand , auf die Titel der vielen Bücher , die umherstanden , um desto ungeteilter mein Ohr , und wenn es unbemerkt möglich war , auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen . Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom Ewigen Juden ; der Dichter aber , viel zu fein und gebildet , als daß er seinen Gast hätte auf diesem Lob stehenlassen , wandte das Gespräch auf die Sage vom Ewigen Juden überhaupt , und daß sie in ihm auf jene Weise aufgegangen sei . Der Ewige schnitt , zur Verwunderung des Dichters , grimmige Gesichter , als dieser unter anderm behauptete : es liege in der Sage vom Ewigen Juden eine tiefe Moral , denn der Verworfenste unter den Menschen sei offenbar immer der , welcher seinen Schmerz über getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse , der diese Hoffnungen erregt habe ; besonders verworfen erscheine er , wenn zugleich der , welcher die Hoffnung erregte , noch unglücklicher erscheine , als der , welcher sich täuschte . Es fehlte wenig , so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito abgelegt , und wäre dem wirklich genialen Dichter als Ewiger Jude zu Leib gegangen . Noch verwirrter wurde aber mein alter Hofmeister , als jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte . Hier ging ihm die Stimme völlig aus , und er sah die nächste beste Gelegenheit ab , sich zu empfehlen . Der brave Mann lud uns ein , ihn noch oft zu besuchen , und kaum hatte er gehört , wir seien völlig fremd in Berlin , und wissen noch nicht , wie wir den Abend zubringen sollen , so bat er uns , ihn in ein Haus zu begleiten , wo alle Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der schönen Literatur bei Tee versammelt sei ; wir sagten dankbar zu und schieden . Zwölftes Kapitel Satan besucht mit dem Ewigen Juden einen ästhetischen Tee Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt ; gerade das , daß er in seinem Innern dem Dichter recht geben mußte , genierte ihn so sehr . Er brummte einmal über das andere über die » naseweise Jugend « ( obgleich der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war ) , und den Verfall der Zeiten und Sitten . Trotz dem Respekt , den ich gegen ihn als meinen Hofmeister hätte haben sollen , sagte ich ihm tüchtig die Meinung , und brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit , daß er höflich gegen den Mann sein wollte , der so artig war , uns in den ästhetischen Tee zu führen . Die siebente Stunde schlug ; in einem modischen Frack , wohlparfümiert , in die feinste , zierlichst gefältelte Leinwand gekleidet , die Beinkleider von Paris , die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon , die Schuhe von Straßburg , die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet , wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead hervorgeht , so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar ; dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und hatte alles höchst sonderbar angezogen , wie er z.B. die elegante , hohe Krawatte , ein Berliner Meisterwerk , als Gurt um den Leib gebunden hatte , und fest darauf bestand , dies sei die neueste Tracht auf Morea . Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte , brachen wir auf . Im Wagen , den ich , um brillanter aufzutreten , für diesen Abend gemietet hatte , wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen Anstand . » Du darfst , « sagte ich ihm , » in einem ästhetischen Tee eher zerstreut und tiefdenkend als vorlaut erscheinen ; du darfst nichts ganz unbedingt loben , sondern sehe immer so aus , als habest du sonst noch etwas in petto , das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre . Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung ist schwer , und kann erst nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden ; man hat aber Surrogate dafür , mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln kann , ohne es entfernt gelesen zu haben . Du hörst z.B. von einem Roman reden , der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll ; man setzt als ganz natürlich voraus , daß du ihn schon gelesen haben müssest , und fragt dich um dein Urteil . Willst du dich nun lächerlich machen und antworten , ich habe ihn nicht gelesen ? Nein ! du antwortest frisch drauf zu : Er gefällt mir im ganzen nicht übel , obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entspricht ; er hat manches Tiefe und Originelle , die Entwickelung ist artig erfunden , doch scheint mir hie und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet zu sein . Sprichst du so , und hast du Mund und Stirne in kritische Falten gelegt , so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen . « » Dein Gewäsch behalte der Teufel « , entgegnete der Alte mürrisch ; » meinst du , ich werde wegen dieser Menschlein , oder gar um dir Spaß zu machen , ästhetische Gesichter schneiden ? Da betrügst du dich sehr , Satan , Tee will ich meinetwegen saufen , soviel du willst , aber - « » Da sieht man es wieder « , wandte ich ein , » wer wird denn in einer honetten Gesellschaft saufen ? wieviel fehlt dir noch , um heutzutage als gebildet zu erscheinen ! nippen , schlürfen , höchstens trinken - aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter , nimm dich zusammen , daß wir nicht Spott erleben , . Ahasvere ! « Der Dichter setzte sich zu uns , und der Wagen rollte weiter . Ich sah es dem Alten wohl an , daß ihm , je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen , desto bänger zumut war . Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelte , so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhältnisse finden , daß er alle Augenblicke anstieß . So fragte er z.B. den Dichter unterwegs , ob die Versammlung , in welche wir fahren , aus lauter Christen bestehe , zu welcher Frage jener natürlich große Augen machte , und nicht recht wissen mochte , wie sie hieher komme . Mit wenigen , aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel , der uns aufnehmen sollte . Die milde und sinnige Frömmigkeit , die in dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte ; der feierliche Ernst , die stille Größe des ältern Fräuleins , die , wenngleich Protestantin , doch ganz das Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen habe , die , nachdem sie mit gebrochenen Herzen der Welt Ade gesagt , jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen , interessanten Schmerz zehren.3 Das jüngere Fräulein , frisch , rund , blühend , heiter , naiv , sei verliebt in einen Gardelieutenant , der aber , weil er der ältern nicht sinnig genug sei , nicht zu dem ästhetischen Tee komme . Sie habe die schönsten Stellen in Goethe , Schiller , Tieck usw. , welche ihr die Mutter zuvor angestrichen , auswendig gelernt und gäbe sie hie und da mit allerliebster Präzision preis . Sie singt , was nicht anders zu erwarten ist , auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen Rouladen ; ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen . Die übrige Gesellschaft , einige schöne Geister , einige Kritiker , sentimentale und naive , junge und ältere Damen , freie und andere Fräulein4 werden wir selbst näher kennenlernen . Der Wagen hielt , der Bediente riß den Schlag auf und half meinem bangen Mentor heraus ; schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan ; ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen ; Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der halbgeöffneten Türe des Salons , auch diese flog auf , und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters , saß im Kreise die Gesellschaft . Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven , den jungen Baron von Stobelberg , vor . Huldreich neigte sich die Matrone , und reichte uns die schöne zarte Hand , indem sie uns freundlich willkommen hieß ; mit jener zierlichen Leichtigkeit , die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte , faßte ich diese zarte Hand , und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht darüber hin . Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen , und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die nämliche Gunst ; aber o Schrecken ! indem er sich niederbückte , gewahrte ich , daß sein grauer , stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei , sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe ; die gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß , aber der Anstand ließ sie nicht mehr , als ein leises Gejammer hervorstöhnen ; wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand , die rot aufzulaufen begann , und sie sah sich genötigt im Nebenzimmer Hülfe zu suchen ; ich sah , wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb ; sodann wurden schöne glacierte Handschuhe geholt , die Käppchen davon abgeschnitten , so daß doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten , und die gnädige Hand damit bekleidet . Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert , die Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges , worauf wir wieder Gleichgültiges antworteten , bis die Seele des Hauses wieder hereintrat . Die Edle wußte ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen , daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu sein schien , und sogar der » alte Sünder « selbst nichts von dem Unheil ahnete , das er bewirkt hatte . Die einzige Strafe war , daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen stechenden Handkuß zuwarf , und mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete . Die Leser werden gesehen haben , daß es ein ganz eleganter Tee war , zu welchem uns der Dichter geführt hatte ; die massive silberne Teemaschine , an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete , die prachtvollen Lüsters und Spiegel , die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten , die künstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen , endlich die Gesellschaft selbst , die in vollem Kostüm , schwarz und weiß gemischt war , ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schließen . Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus ; gnädige Frau bedauerte , daß wir nicht früher gekommen seien ; der junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen , so innig , so schwebend , mit so viel Musik in den Schlußreimen , daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört habe ; es stehe zu erwarten , daß es allgemein Furore in Deutschland machen werde . Wir beklagten den Verlust unendlich , der bescheidene , lorbeerbekränzte junge Mann versicherte uns aber unter der Hand , er wolle uns morgen in unserm Hotel besuchen , und wir sollten nicht nur die paar Stanzen , die er hier preisgegeben , sondern einige vollständige Gesänge zu hören bekommen . Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung ; eine ältliche Dame ließ sich ihre Arbeitstasche reichen , deren geschmackvolle und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich zog ; sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem Lispeln : » Voyez-là das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna ; sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt , und ich bin so glücklich , die erste zu sein , die es hier besitzt ; ich habe es nur ein wenig durchblättert , aber diese herrlichen Situationen , diese Szenen , so ganz aus dem Leben gegriffen , die Wahrheit der Charaktere , dieser glänzende Stil - « » Sie machen mich neugierig , Frau von Wollau « , unterbrach sie die Dame des Hauses , » darf ich bitten - ? ah , Gabriele , von Johanna von Schopenhauer ; mit dieser sind Sie liiert , meine Liebe ? da wünsche ich Glück . « » Wir lernten uns in Karlsbad kennen « , antwortete Frau von Wollau , » unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menschheit5 , sie zogen sich an , wir liebten uns ; und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele geschickt . « » Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft « , sagte Fräulein Natalie , die ältere Tochter des Hauses ; » ach ! wer doch auch so glücklich wäre ! es geht doch nichts über eine geniale Dame ; aber sagen Sie , wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her , ich kann ihre Tasche nicht genug bewundern . « » Schön , - wunderschön ! - und die Farben ! - und die Girlanden ! - und die elegante Form ! « hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen und die arme » Gabriele « wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen worden , wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten hätte . » Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet « , rief die Wollau , » wer von den Herren ist so gefällig , uns , wenn es anders der Gesellschaft angenehm ist , daraus vorzulesen ? « » Herrlich - schön - ein vortrefflicher Einfall - « ertönte es wieder , und unser Führer , der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte , wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt ; man goß die Tassen wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher , um doch auch dem Körper Nahrung zu geben , während der Geist mit einem neuen Roman gespeist wurde , und als alle versehen waren , gab die Hausfrau das Zeichen , und die Vorlesung begann . Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus dem Buche vor ; ich weiß wenig mehr davon , als daß es , wenn ich nicht irre , die Beschreibung von Tableaux enthielt , die von einigen Damen der großen Welt aufgeführt wurden ; mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung ; denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier Fräuleins , die , scheinbar aufmerksam auf den Vorleser , einander allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten . Zum Glück saß ich weit genug von ihnen , um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten , und doch war die Entfernung gerade so groß , daß ein Paar gute Ohren alles hören konnten ; die eine der beiden war die jüngere Tochter des Hauses , die , wie ich hörte , an einen Gardelieutenant ihr Herz verloren hatte . » Und denke dir « , flüsterte sie ihrer Nachbarin zu , » heute in aller Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten , und unter meinem Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen müssen . « » Du Glückliche ! « antwortete das andere Fräulein , » und hat Mama nichts gemerkt ? « » So wenig als letzthin , wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog ; was ich damals in Verlegenheit kam , kannst du gar nicht glauben . Ich war mit dem ... schen Attaché engagiert und du weißt , wie unerträglich mich dieser dürre Mensch verfolgt ; er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen gegeben , daß sie noch schöner wären , wenn ich mit ihm dorthin zöge , da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser Pein ; doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht , als der Unerträgliche sein altes Lied von neuen anstimmte , aber Eduard holte mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus , so daß jener vor Wut ganz stumm war , als ich das letztemal zurückkam ; er äußerte gegen Mama seine Unzufriedenheit , sie schien ihn aber nicht zu verstehen . « » Ach , wie glücklich du bist « , entgegnete wehmütig die Nachbarin , » aber ich ! weißt du schon , daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist ? Wie wird es mir ergehen ! « » Ich weiß es und bedaure dich von Herzen , aber sage mir doch , wie dies so schnell kam ? « » Ach ! « antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im Auge ; » ach , du hast keine Vorstellung von den Kabalen , die es im Leben gibt . Du weißt , wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des Vaterlandes war ; da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden , er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt , er ist allerliebst ; seinem Obersten gefiel er auch recht wohl , aber dieser wollte haben , er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen ; natürlich konnte Dagobert dies nicht tun und , darüber aufgebracht , ruhte der Oberst nicht eher , bis der Arme nach Halle versetzt worden ist . Ach , du kannst dir gar nicht denken , wie wehmütig mir ums Herz ist , wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster vorbeikommt , sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung , und der , welcher ihn machte , kann ihn nicht hören ! « » Ich bedaure dich recht ; aber weißt du auch schon etwas ganz Neues ? daß sie bei der Garde andere Uniform bekommen ? « » Ist ' s möglich ? o sage , wie denn ? woher weißt du es ? « » Höre , aber im engsten Vertrauen : denn es ist noch tiefes , tiefes Geheimnis . Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es neulich , aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit : sieh , die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu , auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker , dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen , das weiß aber der Oberst , und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiß ; - Eduard muß aussehen wie ein Engel - siehe bisher ... « Sie flüsterten jetzt leiser , so daß ich über den Schnitt der Gardeuniform nicht recht ins klare kommen konnte . Nur so viel sah ich , daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes Feuer haben , daß sie aber viel reizender leuchten , bei weitem glänzendere Strahlen werfen , wenn sich sinnliche Liebe in ihnen spiegelt . Dreizehntes Kapitel Angststunden des Ewigen Juden Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch nieder . Allgemeiner Applaus erfolgte , und die gewöhnlichen Ausrufungen , die schon dem Stickmuster gegolten hatten , wurden auch der » Gabriele « zuteil . Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern , obgleich sie nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten , so waren sie doch schon so gut geschult , daß sie voll Bewunderung schienen ; die eine lief sogar hin zu Frau von Wollau , faßte ihre Hand und drückte sie an das Herz , indem sie ihr innig dankte für den Genuß , den sie allen bereitet habe . Diese Dame saß aber da , voll Glanz und Glorie , wie wenn sie die » Gabriele « selbst zur Welt gebracht hätte . Sie dankte nach allen Seiten hin für das Lob , das ihrer Freundin zuteil geworden , und gab nicht undeutlich zu verstehen , daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf das neue Buch gehabt habe ; denn sie finde hin und wieder leise Anklänge an ihre eigenen Empfindungen , an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft , die sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen . Man war natürlich so artig , ihr deswegen einige Komplimente zu machen , obgleich man allgemein überzeugt war , daß die » geniale Freundin « nichts aus dem innern Wollauschen Leben gespickt haben werde . Der Ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare Figur gespielt . Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein , als traue er seinen Augen und Ohren nicht ; doch war das Bemühen , nach meiner Vorschrift ästhetisch oder kritisch auszusehen , nicht zu verkennen . Aber weil ihm die Übung darin abging , so schnitt er so greuliche Grimassen , daß er einigemal während des Vorlesens die Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog , und die Dame des Hauses mich teilnehmend fragte , ob mein Hofmeister nicht wohl sei . Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen , die ihn zuweilen befallen , und glaubte alles wiedergutgemacht zu haben . Als aber Frau von Wollau , die ihm gegenüber saß , ihren Einfluß auf die Dichterin mitteilte , mußte das preziöse geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen , daß er laut auflachte . Wer jemals das Glück gehabt hat , einem eleganten Tee in höchst feiner Gesellschaft beizuwohnen , der kann sich leicht denken , wie betreten alle waren , als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl . Eine unangenehme , totenstille Pause erfolgte , in welcher man bald den Doktor Mucker , bald die beleidigte Dame ansah ; die Frau des Hauses , eingedenk des stechenden Kusses , wollte schon den unartigen Fremden , der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte , ohne Rückhalt zurechtweisen , als dieser , mit mehr Gewandtheit und List , als ich ihm zugetraut hätte , sich aus der Affaire zu ziehen wußte : » Ich hoffe , gnädige Frau « , sagte er , » Sie werden mein allerdings unzeitiges Lachen nicht mißverstehen , und mir erlauben , mich zu rechtfertigen . Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet , daß eine Ideenassoziation Sie völlig außer Contenance brachte , ist doch schon manchem , mitten unter den heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke aufgestoßen , der ihn im Mund kitzelte , und je mehr er bemüht war , ihn zu verhalten und zurückzudrängen , desto unaufhaltsamer brach er auf einmal hervor , so geschah es mir in diesem Augenblick . Sie würden mich unendlich verbinden , gnädige Frau , wenn Sie mir erlaubten , durch offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen . « Gnädige Frau , höchlich erfreut , daß der Anstand doch nicht verletzt sei , gewährte ihm freundlich seine Bitte und der Ewige Jude begann : » Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer berühmten Dichterin mitgeteilt , sie hat uns erzählt , wie sie in manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr besprochen , und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben . Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen Garten , der jedem Stand zu allen Tageszeiten offenstand ; die schöne Welt ließ sich dort , zu Fuß und zu Wagen , jeden Abend sehen ; ich wählte die einsameren Partien des Gartens , wo ich , von dichten Gebüschen gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen , auf weichen Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte . Eines Abends , als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen geruht hatte , kamen zwei gutgekleidete , ältliche Frauen und setzten sich auf eine Bank , die nur durch eine schmale , aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war . Ich hielt nicht für nötig , ihnen meine Nähe , die sie nicht zu ahnen schienen , zu erkennen zu geben ; Neugierde war es übrigens nicht , was mich abhielt , denn ich kannte keine Seele in jener Stadt , also konnten mir ihre Reden höchst gleichgültig sein . Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor , Verehrteste , als ich folgendes Gespräch vernahm : Nun ? und darf man Ihnen Glück wünschen , Liebe ? haben Sie endlich die hartnäckige Elise aus der Welt geschafft ? Ja , antwortete die andere Dame , heute früh nach