« » Ach Tante , ich glaube es wohl , « erwiederte seufzend Vicktorine , » aber Ihre Jugendzeit war anders und besser als die unsere , und auch das Mädchenleben , in allen seinen Anforderungen und Begebnissen , war gewiß himmelweit von dem unsern verschieden . Daher kann ich mir recht wohl denken , daß auch Sie fühlten wie wir , aber ich kann nimmermehr glauben , daß der Schmerz so gewaltsam zerstörend Ihnen nah getreten sei . Seit Sie jung waren , hat sich alles anders gestaltet , und auch wir sind ganz anders ins Leben hingestellt als Sie es waren . Bei Ihnen war Ruhe und Ordnung ; wir aber schiffen auf bewegtem Meer , jauchzend werden wir von der hohen Brandung zum Hafen getragen , oder finden , von ihr zerschmettert , am nächsten Felsenriff ' unser und unsrer Hoffnungen Grab . Jedes Lebensschiff ist jezt das Spiel der Windesbraut der Zeit , jede Bewegung ist Kampf . « » Die Form mag sich freilich , seit ich jung war , sehr verändert haben , « erwiederte die Tante , » aber das innere Wesen der Dinge verändert sich nie , und der Glaube ist kindisch , wenn gleich ziemlich allgemein , daß die Welt , weil wir sie betreten , sich durchaus umgestalten mußte . « Vicktorine schwieg erröthend , und jene fuhr , sehr ernst werdend zu reden fort , indem sie auch Angelikas Hand ergriff , welche inzwischen wieder in das Zimmer gekommen war . » Kinder , « sprach Tante Anna , » ich bin nicht daran gewöhnt , viel von mir selbst zu reden , aber ich liebe Euch mütterlich und habe es in diesen Tagen recht ernstlich bei mir selbst überlegt : ob ich nicht wohl daran thäte wenn ich Euch auch meine Jugend erzählte . Ich glaube , daß Dein Muth , meine Angelika , vielleicht gestärkt und erhöht wird , wenn Du an meinem Beispiele siehst , daß es ein noch herberes Leid geben kann als das Deine , und daß es dennoch möglich sei es zu tragen und dabei zu leben . Und Du , meine Vicktorine , kannst vielleicht lernen , daß die Liebe in Deinem jungen Herzen noch nicht das höchste Werk des alten Meisters ist , nicht die einzige Axe , um die für Dich die Welt sich drehen muß , und daß das , was Du dein Unglück nennst , nicht eine Art von Adelsbrief ist , der vor Andern Dich auszeichnet ; denn wir alle wurden geboren zu lieben , zu leiden , und am Ende in stiller , frommer Ergebung unser wahres Glück zu finden . Den ersten Abend , an welchem wir Drei ruhig und allein bei einander sind , denke ich dieser ernsten Unterhaltung zu weihen , obgleich ich vielleicht nicht ganz gleichgültig und ohne Schmerz daran gehen werde , so manchen längst besiegten bösen Tag noch einmal in der Erinnerung zu durchleben . « » Höre Babet , « fragte Agathe ihre Schwester , Abends beim Auskleiden , » wie gefällt dir Angelika ? « » Ach , geh ' mir mit der , die ist mir viel zu mattherzig , « erwiederte Babet verdrüslich . » Ja es ist wohl wahr , viel Leben hat das arme Ding freilich nicht , « erwiederte Agathe mit einem kleinen Achselzucken , aber gut muß man ihr doch sein . Sieh nur , was für ein großes Stück sie mir , während dem Vorlesen , an meiner Garnirung weiter half . « » Die Tante hat doch wirklich viel Geschmack , « setzte Agathe nach einer kleinen Pause hinzu , während welcher sie das neue Kleid wohlgefällig betrachtete ; » und sie ist dir auch noch sonst gar nicht so übel als wir anfangs meinten . Denk nur , sie weis alles von mir und dem Lieutnant , und dabei ist das das wunderlichste , daß ich ihr das meiste selbst erzählt habe ; ich begreife noch bis diese Stunde nicht , wie ich dazu gekommen bin . « » So ? und was sagte sie denn dazu ? « fragte Babet ganz trübseelig , denn sie überlas eben zum dreissigsten male des blonden Theodors Abschiedskarte , die sie vorhin im Wohnzimmer heimlich vom Spiegel mit weggenommen hatte . » Ach , es war recht wunderlich , « erwiederte Agathe , sie lachte und sagte : » nun mit diesem Herzchen hat es wohl fürs erste keine Noth , das nimmt es wohl noch mit einem ganzen Dutzend hübscher Blond- und Schwarz-Köpfe auf . War das nicht recht frivol gesprochen von einer so alten Person ? Hernach aber ward sie auch wieder mit einemmale ganz ernsthaft , und gab mir gute Lehren , und sagte mir allerlei darüber , wie ich mich gegen den Schwarzen zu benehmen habe . « » So hat sie Dich doch am Ende recht ausgescholten ; « murmelte Babet vor sich hin . » Gescholten ? Ach nein , nicht sehr , nur ein ganz klein bischen , « antwortete Agathe , » und Du wirst es kaum glauben , aber es ist doch wahr , sie hat mir ganz von selbst versprochen , daß er zu der ersten Gesellschaft gebeten werden soll die wir geben , und das geht auch recht gut an , denn Visite hat er beim Onkel gemacht , ich habe selbst die Karte gesehen . Und dann soll er auch mich zu Tische führen und neben mir sitzen dürfen , aber dafür mußte ich ihr auch versprechen , ihr nichts von dem zu verheimlichen was unter uns vorgeht . « » Und das hast Du auch gethan ? « fragte Babet . » Das wohl nicht , « war die Antwort , » ich habe ihr natürlicherweise gesagt , daß ich ihr unmöglich ein jedes Wort wiederklatschen könne , was wir beide miteinander reden , und damit war sie denn auch zufrieden . Sie lachte wieder recht von Herzen , und meinte denn , daß sie das auch gar nicht zu wissen verlange . Ich soll ihr nur nichts vorsätzlich verschweigen , und vor allen Dingen ihr gerade das sagen , wobei mir einfiele , daß ich es nicht gern sagen will . Das habe ich ihr denn endlich auch versprochen , denn ich denke , das kann mir doch einmal nützlich sein , da sie es doch so gut mit mir meint . Es ist mir auch selbst sogar lieb , daß ich doch jezt jemand Vernünftiges habe , mit dem ich alles überlegen kann , und der mir guten Rath giebt . « » O du dummes Kind , dann ist ja bei der ganzen Geschichte keine Freude mehr ! « seufzte die trauernde Babet , sezte sich verdrüslich mit ihrer Karte in eine Ecke , Theodor und die Seeligkeit des letzten Kottillions fielen ihr wieder ein , und sie weinte bitterlich wohl eine Viertelstunde lang , bis sie zulezt darüber vor Betrübnis einschlief . Wenige Tage später wurde eine neue berühmte Oper gegeben , und Babet und Agathe erhielten die Erlaubnis , der ersten Vorstellung derselben unter dem Schutze der Mamsell Virnot beizuwohnen . Seit Vicktorinens Krankheit hatten sie dieser Freude entbehrt , also lange genug , um ihr jezt mit Entzücken entgegen zu gehen , und so war denn der einsam ruhige Abend für die versprochne Lebensgeschichte der Tante gewonnen . Im Zimmer herrschte mehrere Minuten lang eine fast andächtige Stille , welche weder Angelika , noch Vicktorine unterbrechen mochte ; die Tante sah so wehmüthig feierlich aus , indem sie sich , ohne ein Wort zu sprechen , in ihren Armstuhl niederlies . Deshalb verstummten auch beide Mädchen , und mochten aus Zartgefühl es gar nicht wagen , sie durch Worte oder Blicke an ein Versprechen zu erinnern , dessen Erfüllung ihr , wie sie selbst gestanden hatte , schmerzlich sein mußte . Doch es bedurfte bei ihr keiner Mahnung , denn nach einer kleinen Pause nahm sie , wenn gleich sichtbar beglommen , von selbst das Wort . » Das ruhige Beieinandersein des heutigen Abends wollen wir benutzen , wie ich es Euch verheissen habe , « sprach sie ; » aber mir ist doch sonderbar dabei zu Muthe , wahrscheinlich , weil ich nie gewohnt war , von mir selbst viel zu reden . « » Ich wußte von jeher zu viel von der Welt , als daß ich hätte wünschen können daß sie viel von mir wissen möge und so seid Ihr denn die ersten , denen ich je von mir und der Geschichte meines Lebens Rechenschaft ablege . Meine Erzählung wird indessen doch lang sein , denn mein Leben war ' s. Es war doch auch mitunter recht öde , recht schmerzenvoll , recht arm ! « sezte die Tante , von ihrer Erinnerung unwillkührlich fortgerissen , hinzu , und sah dabei so trübe und schweigend vor sich hin , wie man einem bei sinkender Dämmerung sich entfernenden Gegenstande nachblickt . Angelika rückte ihr leise näher , Vicktorine , heftig wie gewöhnlich , schloß sie in ihre Arme und rief , indem sie mit besorgter Theilnahme ihr ins Gesicht sah : » Tante , liebe Tante , wenn es Sie schmerzt « - doch diese wehrte sie freundlich von sich ab . » Nicht doch , « sprach sie , » und wäre es auch ! Ihr beide seid ja meine geliebten Töchter , und Mutterliebe achtet keiner Schmerzen . Es liegt doch auch wieder gewissermassen etwas Erfreuliches in dem Gefühle , mit welchem wir am Ende einer langen gefahrvollen Bahn den zurückgelegten Weg noch einmal überschauen , und die , welche ihn erst antreten wollen , durch unsre mühsam erworbne Erfahrung zu leiten suchen , « sezte die Tante nach einer kleinen Pause mit gefälligem , wenn gleich anfangs etwas erzwungnem Lächeln hinzu . » Was ich Euch erzählen will , ist übrigens kein erheiterndes Mährchen , wie es für Euern jugendlichen Sinn sich passen möchte , aber mährchenhaft wird es Euch doch wohl zuweilen vorkommen , wenn Ihr die verfallne Gestalt der alten Tante anseht und sie dabei von jenem Zauber sprechen hört , dessen Nachhall ihr noch immer nicht verklungen ist . Von jenem Zauber , « fuhr die Tante mit feuriger Beredsamkeit fort , » von jenem Zauber , der bis in mein spätes Alter im Innern mich jung , im Aeussern mich kräftig erhielt ; der alle Hyroglifen des Lebens am Ende mir herrlich auflöste , der , wenn gleich erst spät , im Schmerz , wie in der Freude , das hohe Geschenk eines Lebens mich recht würdigen lehrte , in welchem Gott uns die Liebe zur Begleiterin gab , die am Ende unsers Tagewerks freundlich mild , wie der Abendstern bei sinkender Nacht , uns zur Ruhestätte leuchtet , um uns beim Erwachen wieder zu empfangen . « Vicktorine und Angelika blickten gerührt auf die Tante . Indem diese so sprach , schien sie vor ihren Augen höher , schöner , jugendlicher zu werden , denn der erhebende Ausdruck vollkommner , seeliger Ruhe nach langer mühvoller Pilgerfahrt , verbreitete seinen verklärenden Zauberschein über ihre ganze Gestalt , so daß die Mädchen sie kaum wieder erkannten . Wie sie damals , mag vielleicht ein seeliger Geist die eben verlassne Erde und die geliebten Menschen auf ihr , noch einmal überschauen , eh ' er den höhern Flug vollends aufwärts , der ewigen Heimath zuwendet . » Es ist wunderbar , wie groß und breit und gewaltig die Kluft zwischen ehmals und jezt sich in diesem Momente vor mir ausbreitet , indem ich zurückblicke in meine Vergangenheit , « fuhr die Tante nach einer kleinen Pause sehr ernsthaft und nachsinnend fort . » Es wird in der That fast nöthig , daß ich einen Anlauf nehme , wie jeder gern thut , der im Begriffe steht einen grossen Sprung zu wagen ; denn wahrlich ! es ist ein Riesensatz von dieser Stunde an , bis zu der , in welcher ich mein funfzehntes Jahr antrat . Daß ich auch einmal will funfzehn Jahre alt gewesen sein , kommt Euch wahrscheinlich schon ein wenig sonderbar und unglaublich vor , « sezte sie lächelnd hinzu , » aber gewiß , ich war es doch wirklich , obgleich mir dies selbst jezt wie ein Traum dünken will . Euch wird es einst nicht besser gehn , liebe Kinder , freilich wird dann der Hügel , unter dem ich ruhen werde , schon seit langen Jahren eingesunken sein , aber die Zeit kommt doch , und es wird euch auch dann ebenfalls scheinen , als habe sie dennoch Euch übereilt . Deshalb wollen wir aber für jezt der Eilenden nicht weiter vorgreifen , denn sie holt uns ohnedem schnell genug ein . « » Seid ruhig , Kinder , « sprach die Tante , als beide Mädchen mit einem unendlich wehmüthigen Gefühl ' ihre Hände ergriffen , und sie küßten ; » seid ruhig , und laßt Euch nicht so von Andeutungen und Bildern erschrecken , welchen man in meinem Alter nur gar zu gern nachhängt , und denen man auch in dem Eurigen nie , wenigstens nicht geflissentlich , aus dem Wege gehen sollte . Und nun bitte ich Euch , stört mich im Verfolg meiner Erzählung so wenig als möglich durch Einreden jeder Art , und laßt mich fürs erste den bewußten Anlauf zum Anfange derselben nehmen , indem ich Euch ein Bild unsers häuslichen und geselligen Lebens leicht hinskizzire , so wie es damals bestand , als ich vor einigen und vierzig Jahren aus der Kinderstube in die Mädchenwelt eingeführt wurde . In jener , Euch so ferne liegenden Zeit war das Leben von Euresgleichen beides , reicher , und ärmer als das Eure . Aermer , unendlich ärmer an Willkühr und Freiheit ; an Ueberfluß und Mannigfaltigkeit der Vergnügungen reicher ; viel reicher an wahrem reinen Genuß ; denn eben jener Ueberfluß , dessen Ihr Euch rühmt , ermüdet am Ende , und die Seltenheit war ja von jeher die beste Würze unsrer Freuden . Dieses Lob meiner Zeit kommt Euch etwas sofistisch vor ? nun so werdet Ihr doch wenigstens gewiß einen zweiten Vorzug für voll gelten lassen , den Eure Grosmütter vor Euch voraus hatten , und von dem , wie die Welt jezt steht , fast keine Spur übrig geblieben ist ; ich meine hiermit jene allgemeine , zarte Aufmerksamkeit , jene an Ehrfurcht gränzende Hochachtung , jene , an die Zeiten alter Chevallerie erinnernde und aus diesen abstammende , ehrerbietige Galanterie , welche damals von allen gebildeten Männern unserem Geschlechte gezollt ward . Wenn wir einmal in der Gesellschaft erschienen , was freilich weit seltner geschah als jezt , so traten wir gleich kleinen Fürstinnen einher , von einem Gefolge umgeben , das jedem unsrer Wünsche mit zuvorkommendem Eifer entgegen flog . Mit Euch , Ihr guten Kinder , dünken sich die jetzigen Männer wenigstens auf gleichem Fuß , und glauben damit schon ein Uebriges für Euch gethan zu haben . Daran aber seid Ihr selbst schuld , denn Ihr habt Euch auf glattem Boden neben sie hingestellt . Ich möchte uns , in unserem damaligen Verhältniß zur männlichen Welt am liebsten mit seltnen Blumen vergleichen , die mit Sorgfalt in einem verschlossnen Gewächshaus ' aufbewahrt werden , zu denen man deshalb gern Zutritt zu erhalten sucht , und sie in der Nähe zu bewundern wünscht . Ihr aber wachst und blüht in der Freiheit , vielleicht nur um so üppiger und schöner , aber Ihr steht in einem , aller Welt offnen , lustigen Garten , in welchem man ohne Rückhalt Euch nahen darf . Was man aber täglich mühelos sehen kann , verliert am Ende den höchsten Reitz , den der Neuheit ; man gewöhnt sich bald genug , achtlos daran vorüber zu wandeln , und leider geht darüber manche köstliche Pflanze unbemerkt zu Grunde , oder wird wohl gar im Gedränge zerknickt und zertreten . Indessen will ich nicht ableugnen , daß wir Euch um eure jetzige größere Freiheit wahrscheinlich würden beneidet haben , wenn wir uns eine solche nur recht lebhaft hätten denken können . Das war aber bei unsern beschränkteren Begriffen vom Leben und unsrer , durch unser Verhältniß herbeigeführten furchtsamen Bescheidenheit nicht wohl möglich . Auch muß ich gestehen , daß wir einen großen Theil unsrer damaligen vornehmen Grandezza mit unsäglichem schmerzlichem Zwange , mit hohen Absätzen an den Schuhen , mit breiten steifen Fischbeinröcken , mit Harnisch ähnlichen Schnürbrüsten theuer genug erkaufen mußten . Im vollkommensten Gegensatze mit dem jezt üblichen , war unser Anzug hauptsächlich darauf berechnet , unsre Gestalt bis zum unkenntlichen zu maskiren . Jede von uns war ein wandelndes Räthsel , von der Spitze des kleinen , mit Flittern gestickten Atlas-Kothurns , welchen blitzende Steinschnallen noch verherrlichten , bis zu dem Wipfel des hochaufgethürmten Haarschmucks , der obendrein den ganzen Tag über unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm , weil jeder Luftzug , jede zu rasche Bewegung des Kopfes dem zarten Puderreif ' Untergang drohte . Der zärtlichste Liebhaber konnte nicht einmal in jener Zeit über die Farbe der Haare seiner Schönen zu einiger Gewisheit gelangen , denn der gelbe Puder machte die Braune der Blonden ganz ähnlich . Die Kleine hob sich vermittelst höherer Absätze an den Schuhen zur mittleren Grösse hinauf , und die Wespenartig zusammengeschnürte Taille , die in unbegreifliche Breite ausgehenden Fischbein Röcke gaben Allen die nämliche Form , aus welcher kein sterbliches Auge die wahre menschliche Gestalt heraus finden konnte . Ihr lacht über die wunderliche Figur , die wir spielten ? Ich glaube , ich müßte selbst lachen , wenn ich mich noch einmal in meinem damaligen Putz ' erblicken sollte , und doch galten die Schönen unter uns deshalb nicht für minder schön , und die Häslichen gewannen noch bei dieser allgemeinen Vermummung , denn sie giengen in der Maske mit durch , die sich obendrein auf das vollkommenste dazu eignete , kleine Mängel zu verbergen . Ein sehr karackteristisches Unterscheidungszeichen jener Zeit bestand auch darin , daß wir Alle damals Zeit hatten , zu Allem was uns oblag oder was wir unternehmen wollten zu vollbringen . Die jezt so allgemeine Klage über Mangel derselben hörte ich in meiner Jugend fast nie , und der ganz einfache Grund hiervon war der , daß wir viel mehr zu Hause blieben als die jezige Generazion . Morgenbesuche und Morgenpromenaden waren etwas so Ungewöhnliches , daß ich wohl darauf wetten möchte , meine Mutter sei nicht dreimal in ihrem Leben Vormittags ausgegangen , ausser in die Kirche . Indessen möchte ich diese grössre Häuslichkeit meinem Zeitalter nicht ganz zur Tugend anrechnen , eine gewisse unbeholfne Steifheit der Sitten und Gewohnheiten hatte auch Theil daran . Man scheute nichts so sehr , als Bekannten , sogar Freunden sich und sein Haus anders als im vollen Putze zu zeigen . Ein unerwarteter Besuch , der uns im Hauskleide oder bei häuslichen Beschäftigungen überraschte , erregte gewöhnlich eben so viel Verwunderung als Unmuth , und nur eine sehr wichtige Veranlassung konnte einem solchen Ueberfalle zur Entschuldigung dienen . Daß wir , ohne gegen alle Regeln des Anstandes zu sündigen , weder im Theater , noch auf der Promenade , noch überhaupt an einem öffentlichen Orte ohne einen männlichen Begleiter erscheinen durften , diente auch gar sehr dazu , uns das Ausgehen zu erschweren . Denn obgleich zu dieser Gewohnheit die zum Dienste der Damen allzeit bereitwillige Galanterie der Männer wahrscheinlich den ersten Anlaß gegeben haben mochte , so waren doch die unter ihnen , von welchen wir uns anständigerweise eskortiren lassen konnten , nicht immer müssig , zuweilen auch nicht gefällig genug , um stets zur Hand zu sein , wenn wir ihrer bedurften . Uebrigens spreche ich hier nur von den Frauen ; junge Mädchen sezten keinen Fuß auf die Strasse , als unter dem Schutz ' ihrer Mütter . Alles , alles , was uns umgab , Lebloses und Belebtes , strebte damals zu einem gewissen formellen Wesen hin , welches gegen die jetzige zwanglose Lebensweise sehr wundersam absticht . Bei den fein geschnitzten und à quatre couleurs vergoldeten sehr zerbrechlichen Stühlen unsrer Putzzimmer , war an kein Anlehnen zu denken ; die zu den Stühlen passenden schmalen Kanapees hatten nur die Aehnlichkeit mit unsern jezigen damals noch ganz unbekannten Sofas , daß sie , wie diese , als Ehrenplatz manchen Rangstreit unter den Damen veranlaßten , übrigens boten sie durchaus keine Bequemlichkeit für die jezt so beliebte liegende Stellung , die damals in gesunden Tagen etwas Unerhörtes war . Auch weis ich nicht , wie man diese mit dem ganzen damaligen Anzuge , dem Reifrocke der gepuderten Frisur hätte vereinigen können ; wir hielten uns gerade , wie ich noch immer aus alter Gewohnheit thue , und ohne es weiter unbequem zu finden . Mit dieser körperlich geraden Haltung hieng aber auch , sogar im engsten Familienkreise , ein sehr genaues Beobachten der einmal angenommenen Höflichkeitsregeln gegen seines Gleichen , und der abgemessensten Ehrfurcht gegen Höhere zusammen , die ich jezt , ich mag es nicht leugnen , zuweilen recht schmerzlich vermisse , weil die jetzige Welt dergleichen als steifes überflüssiges Zeremoniell heut zu Tage verachtet . Die zierliche , vom Tanzmeister zu diesem Zweck erlernte Verneigung an der Thüre , mit der ich täglich meine Eltern zuerst begrüßte , ehe ich näher trat und jedem von ihnen besonders mit feierlicher Ehrerbietung den guten Morgen bot , würde jezt freilich lächerlich erscheinen ; doch der Mensch ist ein Kind der Gewohnheit , und wem man am Morgen so ehrfurchtsvoll sich nähert , gegen den wird man schwerlich im Laufe des Tages bis zum heftigsten Widerspruch ' oder zu andern Unziemlichkeiten sich vergessen , wie doch jezt von Kindern gegen ihre Eltern nur zu oft geschieht . Die Eltern nach jetziger Art Du zu nennen , hätte damals gewiß für eine Art von Blasphemie gegolten , nur bei ganz kleinen Kindern höchstens ward dieses geduldet , und doch wurden Vater und Mutter gewis nicht weniger geliebt , als jezt . Ich hieng an den meinigen mit so liebevollem reinem Vertrauen , daß ich unmöglich glauben kann , der jezt zwischen Eltern und Kindern herrschende Ton vollkommener Gleichheit hätte dieses Gefühl erhöhen können ; wohl aber kann ich es nicht ableugnen , daß er in einigen Fällen und mit gewissen Modulazionen mich jezt oft verletzt . Mein Vater lebte eine lange Reihe von Jahren hindurch in dieser freien Reichsstadt als königlich * * * scher Resident in Ehre und Ansehen . Als der jüngere Sohn einer sehr alten Familie , in welcher das Majoratsrecht galt , war er nicht reich , um so weniger , da auch meine Mutter ihm kein bedeutendes Vermögen zugebracht hatte . Die Einkünfte meiner Eltern , verbunden mit der Besoldung meines Vaters , reichten daher nur eben hin , um bei Sparsamkeit und Ordnung mit Anstand davon leben zu können ; freilich aber gehörte vor funfzig bis sechzig Jahren weit weniger dazu als heut zu Tage . Damals herrschte , selbst in den reichsten Häusern dieser Stadt eine gewisse frugale Mässigkeit , die man jezt vielleicht Geitz und Mesquinerie schelten würde ; tausend Erfindungen des Luxus , welche wir ohne Bedenken dem Unentbehrlichen zuzählen , waren in jener Zeit völlig unbekannt ; man wohnte weit enger zusammengedrängt , man brauchte viel weniger Bedienung und hatte durchaus keine kostspieligen Fantasien zu befriedigen . Bei alle dem aber hielt man dennoch viel auf eine gewisse solide , wenn gleich etwas schwerfällige Pracht , in der Kleidung sowohl , als in allen übrigen Umgebungen . Wenigstens zweimal im Jahre mußte der im alltäglichen Leben sehr mäßig besetzte Tisch unter der Last des schweren Silbergeschirres , der kostbarsten Weine , der ausgesuchtesten Speisen , sich seufzend beugen , und so viele Gäste , als der Saal nur zu fassen vermochte , saßen im feierlichsten Putze , starrend von Gold und Edelsteinen , um ihn her , alle von dem sorgsamen Herrn des Hauses nach Rang und Würden auf das gewissenhafteste geordnet . Dieser sowohl , als seine Frau sahen bei einem solchen Feste wie Leute aus , die einer an sich ehrenvollen , aber doch nicht ganz leichten Pflicht sich so gut als möglich zu entledigen suchen , und auch die Gesichter der Gäste zeigten im Ganzen mehr den Ausdruck einer höflichen Resignazion , als den des Vergnügens ; denn an einer dreistündigen Sitzung an der Tafel vermochten doch nur sehr wenige sich wirklich zu erfreuen . Eigentlich war aber auch von geselligen Vergnügungen bei einer solchen formellen Abspeisung nie sonderlich die Rede ; niemand machte Ansprüche daran und im Ganzen gieng es sehr still dabei her . Die Frauen beobachteten alles , zählten Schüsseln und Assietten , und überlegten , wie sie bei ihrem eignen nächsten Gastmahle deren noch ein paar mehr anbringen könnten ; die Männer assen , tranken , und liessen gegen das Ende der Mahlzeit ihren Witz in Ausbringung schalkhafter Gesundheiten leuchten . Alle aber , die Wirthe wie die Gäste , dankten Gott , wenn wieder einmal ein solches Vergnügen überstanden war . So sah es zu jener Zeit mit dem geselligen Vergnügen bei uns aus . Freilich hatte mein Vater im Auslande , besonders in Frankreich , eine leichtere und genusreichere Lebensweise kennen gelernt , doch er fühlte die Verpflichtung , sich nach den Gebräuchen des Ortes zu richten , in welchem er eine gastlich-freundliche Aufnahme fand ; überdem war er auch zu vernünftig , um gegen den Strom schwimmen zu wollen , was damals noch mit ganz besonderer Schwierigkeit verbunden war . Die Welt war gegen Sonderlinge und Neuerungssüchtige bei weitem nicht so tolerant als jezt , wo in jedem Winkel und auf jeder Schulbank Weltverbesserer mit grandiosen Ansichten sitzen , die alle ihr gläubiges Publikum finden . Jener Ausspruch : » Du Narr willst klüger sein als wir ! « mit welchem die ungebildeten Brüder von Gellerts tanzenden Bären diesen aus ihrer Mitte vertrieben , war damals noch in voller Kraft und ganz an der Tagesordnung . Mein Vater ließ es sich also gar nicht beikommen , an der Lebensweise seiner Freunde und Bekannten das mindeste abändern zu wollen ; er nahm an ihren Festen willigen Antheil , aber er hüthete sich zugleich gar sehr davor , sich mit den reichen Handelsherren , in deren Mitte er lebte , in einen Wettstreit einzulassen , bei dem er entweder mit Schande bestehen , oder sich und die Seinen zu Grunde richten mußte . Daher versammelte er in seinem Hause und an seinem mit anständiger Mässigkeit besezten Tische nur immer eine kleine Anzahl mit Auswahl zusammengebetener Gäste und das seltne Talent meiner Mutter , mit sehr Wenigem viel hervorzubringen , machte es uns leicht , diese kleinen Gastmahle ziemlich oft zu wiederholen . Die Ordnungsliebe der theuren Frau , der Scharfblick mit dem sie Alles von ihr mit Sorgfalt Aufbewahrte stets am rechten Orte zu benutzen verstand , gaben bei möglichster Ersparniß unserem Haushalte das Ansehen einer damals hier noch unbekannten Eleganz . Zwar nannte man unsre Lebensweise wohl zuweilen vornehm , aber man verzieh sie uns doch , weil man das Bewußtsein dabei behielt , uns an Reichthum und Pracht zu übertreffen . Man lebte sogar recht gern mit uns , weil meine Eltern mit dem Ausdrucke des herzlichsten Wohlwollens ächte Höflichkeit und jenen feinen geselligen Tackt verbanden , der uns lehrt , alles zu meiden , was auch den Geringsten in der Gesellschaft verletzen könnte und jedes so zu verstehen wie es gemeint ward . Mein Vater hatte sich diese Eigenschaften früher im Leben mit der Welt erworben , meiner wahrhaft liebenswürdigen anspruchslosen Mutter waren sie angeboren , und so erfreuten sich beide lange Jahre hindurch der Achtung und Liebe eines , aus ziemlich heterogenen Gestalten zusammengesetzten Kreises , dessen Mittelpunct sie waren , ohne je nach dieser Ehre gestrebt zu haben . Zwölf Jahre hindurch blieb ich das einzige Kind meiner Eltern , und genoß im Uebermaaße alles Glück und Unglück eines solchen , bis deine Mutter , liebe Vicktorine , geboren ward . Ich war von der Natur , sowohl geistig als körperlich mit den glücklichsten Anlagen ausgestattet , und meine Eltern sorgten auf das angelegentlichste für die fernere Ausbildung derselben ; ja ich darf wohl sagen , daß mein Vater , ganz gegen seine sonstige Art , verschwenderisch wurde , sobald es darauf ankam , irgend ein in mir schlummerndes Talent an das Licht zu rufen . So sorgsam er sonst alle neue fortlaufende Ausgaben vorher berechnete , so ernstlich er jede nicht durchaus nothwendige vermied , so sparte er doch nichts , um mir die ersten Lehrer in allem zu verschaffen wozu ich Lust oder Anlagen zeigte . Man hielt mir ganz gegen die damalige Gewohnheit , keine französische Gouvernante , ich ward auch in keiner Pensionsanstalt erzogen , denn meine Mutter hatte gegen beide Erziehungsmethoden einen unüberwindlichen Widerwillen , doch meine Eltern ersetzten dies überschwenglich durch die treue Aufmerksamkeit , mit der sie selbst über den Unterricht ihres Lieblings wachten . So machte ich denn in früher Jugend nicht ganz unbedeutende Fortschritte in der Musick , im Zeichnen und Miniaturmalen , in allem , worin nach der Meinung der jetzigen Zeit ein Mädchen unterrichtet werden muß , und schritt damit weit über die Gränze der damals gewöhnlichen Begriffe von weiblicher Erziehung hinaus . Diese drehte sich in einem weit engern Kreise herum , und die Kunstübungen eines Mädchens jener Zeit beschränkten sich gewöhnlich auf ein paar leidlich hergeklimperte Polonaisen , ein paar mühseelig durchgezeichnete Stickmuster höchstens auf ein ängstlich getuschtes Landschäftchen nach irgend einem Kupferstiche . Die mir angeborne Leichtigkeit , mit der ich fremde Sprachen erlernte , bewog unter andern meinen Vater , mir auch in der englischen und italienischen Sprache selbst Unterricht zu ertheilen . Französisch war ohnehin unsre tägliche Haussprache ; sobald wir unter uns allein waren , sprachen wir keine andere , denn dies war damals fast in allen adlichen Familien so