der Zwischenzeit kam der Bediente mit der Nachricht zurück : man habe Lord Friedrich diese Nacht gar nicht zu Hause gesehen , indem er von dem Ball nach Lincoln abgereist sey . Nun konnte ich billigerweise keinen Verdacht mehr nähren und nahm ziemlich erheitert von der Lady Abschied . In einer der Straßen , durch welche mich mein weiterer Weg führte , war ein schwerer Kohlenwagen umgefallen , der die mir entgegen kommenden Fuhrwerke , eines nach dem andern , behutsam vorbeizufahren nöthigte , indeß das meine abwarten mußte , bis ein leerer Raum ihm fortzufahren gestatte . Aus derselben Nothwendigkeit hielt jetzt eine Miethkutsche neben mir , die ich sogleich für dieselbe erkannte , welche mir vor Lady St. Edmonds Thür Platz gemacht hatte . Es war ein ehemaliger Herrschaftswagen , an dem man das mir bekannte Wappen noch nicht übermalt hatte . Ich blickte in den Wagen und erkannte Miß Arnold darin , die sich anfangs zu verbergen suchte , dann aber , freundlich winkend , mich sie in mein Fuhrwerk aufzunehmen bat . Ich that das sogleich ; allein meine Empfindung war in so hohem Grad aufgeweckt , daß unser Gespräch sich sehr bald in eine Erörterung über meine Anklagpuncte verwandelte . Dergleichen Erklärungen zwischen einem offnen , zutrauenden , und einem kalten , berechnenden Charakter können nicht zur Ergründung der Wahrheit ausschlagen . Miß Arnold gab dem Gespräch bald eine Wendung , die mich gegen sie in Nachtheil setzte , sie bewies mir die Grundlosigkeit meines Verdachts , und einmal von meinem Unrecht gegen sie überzeugt , riß mich mein heftiges Wesen hin , durch den vollen Erguß meines Vertrauens mein Vergehen gegen die Freundschaft zu büßen . Einen Auftritt heftiger Empfindung , einen Erguß schöner Gefühle hatte ich nun gehabt ; aber ach , der ließ keinen Frieden in meiner Seele zurück ! Der leere Platz , wo Miß Mortimer beim Mittagessen gesessen , quälte mich mit Vorwürfen , und ich eilte in die Oper , in drei Gesellschaften , um mich von allem Nachdenken zu zerstreuen . Endlich war der Abend vorüber , beim Eintritt in mein Schlafzimmer überbrachte man mir einen Brief von Miß Mortimer , denn sie hatte befohlen mir erst am Abend , wenn ich mich für die Nacht zurückgezogen hätte , ihn zu übergeben . Mit einer höchst schmerzlichen Empfindung nahm ich ihn in die Hand , ich war ermattet von dem freudenlosen Schwindel des Tages und wußte zuverlässig , daß alles , was dieser Brief enthielt , mir den Schluß desselben nur noch peinlicher machen könnte . Ich hatte mich geirrt ! Mit aller Milde ihres liebevollen Herzens , aber mit dem Ernst einer Christin , die in der Erfüllung ihrer Pflicht keine Schüchternheit kennt , ging sie mein Betragen durch , legte mir nochmals alle ihre Gründe vor , mich vor Lady St. Edmonds Umgang zu warnen , und gestand mir , daß sie meinem Vater angerathen habe , Miß Arnold nicht weiter um die Verlängerung ihres Aufenthalts zu bitten , weil sie ihre Gegenwart meinem Wohl für sehr nachtheilig halte . Die Beweggründe , die sie mir darlegte , um mich zu einer Veränderung meiner Ansicht des Lebens zu bewegen , erschütterten meinen Leichtsinn ; sie zeigte mir , was ich oft , was ich heute so tief fühlte : daß all ' mein Flitterstaat , daß alle Befriedigung meiner Eitelkeit mir kein wahres Glück gewähre . Ich weinte laut bei der innigen Bitte meiner beleidigten Freundin : Gott zu suchen , so lang es noch Zeit sey , durch Mäßigkeit , Rechtschaffenheit und ein frommes Gemüth . Schlaflos verging mir die Nacht ; und obschon ich die folgenden Tage meine gewohnte Lebensweise nicht unterbrach , war mein Gemüth doch an jedem Abend - denn keine andere Einsamkeit ließ mir meine zerstreute Lebensweise zu - mit dem Inhalt von Miß Mortimers Briefe beschäftigt . Ich fühlte die Nothwendigkeit , etwas an mir zu bessern , doch womit ich anfangen sollte , wurde mir nicht klar . Rechtschaffenheit schien mir gar keine Tugend meines Standes ; sie schien mir nur für arme Leute gemacht . Der , ohne Andern etwas zu entziehen , seine Wünsche zu befriedigen im Stande ist , konnte meiner Meinung nach nicht in den Fall kommen , gegen die Rechtschaffenheit zu fehlen . Einst fromm zu werden , war ich sehr fest entschlossen ; doch jetzt hielt ich die Uebungen und Entsagungen , aus welchen ich die Frömmigkeit bestehend glaubte , meinem Alter nicht für angemessen . Mäßigkeit schien mir die Tugend , mit der ich anzufangen beschloß . Ich malte mir die Einschränkungen aus , die ich in meinem Putz zu machen gedachte , ich nahm mir vor , weniger Vergnügungsorte zu besuchen und - außer der Genugthuung , die diese Lebensbesserung Miß Mortimer geben sollte , mußte sie , das wußte ich , auch Herrn Maitland gefallen . Diese Rücksicht schien mir das Verdienst meines Entschlusses gar nicht zu schmälern ; denn der enthusiastische Beifall , welchen die ganze Nation seit dieses Mannes öffentlichem Auftreten ihm zollte , hatte meiner Eitelkeit seine Meinung so wichtig gemacht , daß ich mit Entzücken daran dachte , sie zu gewinnen . Herr Maitland , der bisher in unbekannter Zurückgezogenheit alle Pflichten eines guten Bürgers erfüllte , hatte auf Wegen , wo sein Gewinn zahlreichen Armen die Wohlthat des reichlichen Erwerbs gab , sein Vermögen vergrößert und dieses Vermögen angewendet , Talente zu unterstützen , arme Schuldner zu befreien , nützliche Unternehmungen zu befördern . - Aber unbekannt , woher die Wohlthaten kamen , konnten die Unterstützten , die Geretteten , nicht einmal in ihrem Dankgebet seinen Namen vor Gott stammeln . Doch jetzt ward die große Frage über die Sklaverei der Neger in dem Parlamente erörtert , und nun brach Maitland die Stille , in der er so manches Jahr lang gewirkt , und obschon selbst ein Theilnehmer an dem westindischen Handel , also bei der Aufrechthaltung des Sklavenhandels betheiligt , stand er dawider auf und sprach mit einer Beredsamkeit gegen dieses Schandmaal christlicher Cultur , welche auch die Kältesten erwärmte , die Gleichgültigsten zur Aufmerksamkeit hinriß . Britannien wünschte sich Glück zu dem Bürger , der die Zierde seines Volkssenats genannt ward , das Ausland beneidete das Volk , in welchem eines einzelnen Mannes Tugend Raum fand so mächtig zu wirken , und seine Bekanntschaft wurde von den Edelsten und Größten der Hauptstadt gesucht . Und diesen Mann gedachte ich durch die kleinen Künste der Eitelkeit unter mein Joch zu beugen , ihn , dessen Ueberlegenheit über alle Männer ich so lebhaft erkannte , wollte ich den mich umflatternden Gecken gleich sehn ! - Statt , wie ich bei Miß Mortimers Abreise besorgt hatte , sich aus unserm Hause zurückzuziehen , waren seine Besuche häufiger , als zuvor ; er kam gewöhnlich , ehe er ins Parlament fuhr , bei uns zum Frühstück , und wenn die Abendsitzungen der Kammer ausgesetzt wurden , verlebte er diese Stunden mit uns . Ich setzte jetzt alle Mittel , seine günstige Meinung von mir zu erhöhen , in Bewegung , aber sein Betragen blieb sich ohne Abweichung gleich ; er beschäftigte sich selten ausschließend mit mir , und wenn es geschah , so war es mit einem Ernst , der an Strenge zu grenzen schien ; sein Blick ruhte wohl oft auf mir , aber ich nahm nichts von dem Beifall darin wahr , der mir Gelingen versprochen hätte , im Gegentheil lag eine Wehmuth , eine Trauer in seinen glänzenden Augen , die ein bängliches Gefühl von Selbsttadel in mir aufriefen . Doch da mein Leben keinen würdigen Zweck hatte , konnten dunkle Gefühle seine Anwendung nicht veredeln . Von Miß Arnold in den zahlreichen Stunden unsers müßigen Geschwätzes stets aufs neue angespornt , mein Geschlecht , wie sie es nannte , an diesem stolzen Mann zu rächen , versuchte ich es , seine Empfindung durch dieselben Vorzüge zu rühren , die er in jenem , von mir auf eine so unredliche Weise gelesenen Brief , an mir gerühmt hatte . Ich führte mit der unwürdigen Kunst der Gefallsucht Gelegenheiten herbei , meinen Gang , meine Haltung vor seinen Augen zur Schau zu stellen ; ich suchte ihm meinen Arm unter den günstigsten Umständen zu zeigen , ich brachte in jedem Gespräch » meine kunstlose Einfalt , meine kräftige Originalität « an - das waren alles Züge , mit denen er mich gegen meinen unbekannten Warner vom Maskenball geschildert hatte . - Allein das Fremdartige , was diese Absichtlichkeit in mein Betragen brachte , arbeitete meinem Zwecke gänzlich entgegen . Anfangs sah er mir mit Befremden zu , bald aber bezeigte er mir durch den Ueberdruß , mit dem er sich von mir ab zu dem gleichgültigsten Mitglied der Gesellschaft wendete , wie peinlich meine Künste auf ihn wirkten . Miß Arnold , die in alle meine Thorheiten mit gewohnter Theilnahme einzugehen fortfuhr , brachte mich endlich auf den Gedanken , daß nur noch eine Probe , seine Gesinnung zu ergründen , übrig bliebe : - ich müsse versuchen ihn zur Eifersucht zu reizen , und nach mancher Ueberlegung schien uns Lord Friedrich zu dieser Probe am besten geschickt . Mylord hatte zwar , seit der mißlungenen Unterhandlung seines Vaters seine Besuche bei mir eingestellt und meiner Weigrung , sie wieder zu erlauben , gehorcht ; allein ich wußte sehr wohl , daß es nur eines Winkes bedurfte , um ihn zurückzurufen ; diesen erhielt er , und es konnte nicht fehlen , daß er zu gleicher Zeit mit Herrn Maitland , wiewohl durch meine Veranstaltung nicht in den Stunden , wo mein Vater gegenwärtig war , bei mir zusammentreffen mußte . Nun begann ich augenblicklich die elendsten Kunstgriffe eitler Quälsucht in Bewegung zu setzen . Ich zeichnete Lord Friedrich durch jede Zuvorkommung aus , flüsterte mit ihm , ohne ihm etwas Geheimes zu sagen , lachte , ohne einen Gegenstand dazu , machte Anspielungen auf nichtswürdige Kleinigkeiten , denen ich nie Werth beigelegt hatte . Obgleich Miß Arnold beauftragt war , die Wirkung dieser unedlen Posse auf Herrn Maitland zu beobachten , unterließ ich nicht einige Seitenblicke auf ihn zu werfen - ich glaubte ihn erblassen zu sehen , allein meinen Triumph zu vergewissern , gönnte er mir keine Zeit , denn ohne meiner Thorheit mit einem Worte Einhalt zu thun , nahm er nach einer Viertelstunde einen sehr frostigen Abschied . Miß Arnold versicherte mich , daß sie bei diesem ganzen Auftritt auch nicht die mindeste Regung von Eifersucht auf seinem Gesicht wahrgenommen hätte , allein daß ein jeder Empfänglichkeit für feinere Gefühle so fähiger Mann , wie er , wahrscheinlich mehr wie einmal dem Feuer dieser peinlichen Leidenschaft ausgesetzt werden müßte , bevor sie ihm ans Herz dränge - und so versäumte ich kein Zusammentreffen der beiden Männer , ohne mein unedles Spiel zu wiederholen . Alle meine Mühe war vergebens ; Herrn Maitlands Gleichmuth blieb unerschüttert , nur seine Heiterkeit schien sich zu trüben , und der Ernst seines Auges stand zu meiner Qual wie ein Zauberspiegel vor mir , der mir meine eigne Gestalt als Verzerrung zurückwarf . Mein Vater machte dieser unwürdigen Komödie ein Ende , indem er mir eines Morgens in der Stellung , mit dem Ton , in dem er seine bedeutendsten Ermahnungen zu geben pflegte , den Befehl ertheilte , Lord Friedrichs Besuche fortan nicht mehr zu gestatten . » Herr Maitland « , setzte er hinzu , » versichert mich zwar , daß dein Herz an dieser Bekanntschaft keinen Theil nimmt , - welches ein solcher Geck auch wenig verdiente - ich finde es aber nach dem , was zwischen mir und seinem Vater vorfiel , nicht dem Anstand gemäß , ihn in meinem Hause zu empfangen . « Also nicht einmal den Verdacht , daß ich Lord Friedrich einen Vorzug gewährte , gelang mir in Herrn Maitland zu erwecken . Nun gab ich meinen Plan und meine Hoffnungen auf , und um den innern Schmerz dabei zu betäuben , machte ich mir selbst weiß , und Miß Arnold bemühte sich mich darin zu bestärken , daß ein gefühlloser Mensch wie Herr Maitland meiner Bemühung nicht werth sey . Seit ich Miß Mortimers Brief las , hatte ich oftmals den Vorsatz gefaßt , sie in ihrer Einsamkeit zu besuchen . Jeden Tag wurde ich durch eine längst verabredete , oder nicht abzulehnende Einladung daran verhindert . Jetzt fühlte ich eine Leere in meinem Herzen , die mir sogar Trauer und Schmerz wünschenswerth machte . Der nächste Tag nach dem , an welchem ich meines Vaters Zeugniß über Herrn Maitlands scharfen Blick in mein Herz erhalten hatte , war ein Sonntag , und ich beschloß ihn , dem strengsten Gesetze gemäß , zu einem guten Werke - einem Besuch bei Miß Mortimer zu verwenden . Es war ein schöner sonnenheller Morgen , an dem ich mich auf den Weg machte . Die Natur hatte den ganzen Reichthum des Sommers enthüllt und besaß nur noch die Frische des Frühlings . Der Schatten der Bäume malte sich dunkel auf dem üppigen Rasen , die Fluthen der Themse trugen zahllose Fahrzeuge , die zum Theil vor Anker liegend , sich in ihrem elastischen Elemente wiegten , zum Theil vom sanften Lufthauch getrieben , ihre schneeweißen Segel , von dem blendenden Licht bestrahlt , majestätisch dahinglitten . Miß Mortimers Wohnung lag nur eine kleine Stunde von der Stadt entfernt ; in meiner Kindheit hatte ich sie oft mit meiner Mutter besucht , und noch bestand der Eindruck , der durch die pünctliche Ordnung in ihrem Garten , den Ueberfluß der schönsten Blumen , die sorgfältig gepflegten Geländer an ihren Fenstern sich mir damals einprägte . Die Veränderung in den Umgebungen ihres kleinen Häuschens fiel mir jetzt auf . Die Blumenbeete waren verwildert , der ehedem so sorgfältig gereinigte Weg von dem Hag zur Hausthür , bis auf einen schmalen Pfad mit Gras überwachsen , und die Rankengewächse , welche sich ehedem wohlgeordnet über der Pforte und den Fenstern gewölbt , hingen verworren herab , wie Thränenweiden von einem Grabmal . Eine ehrbare Person in reinlicher ländlicher Kleidung öffnete mir die Thür , geleitete mich die Treppe hinauf und trat , mich anzumelden , vor mir in das Zimmer . O willkommen , tausendmal willkommen ! hörte ich Miß Mortimer rufen , und ich eilte dem Dienstmädchen nach . - Ach , ich rechnete wohl , sie verändert zu sehen , aber so , wie ich sie fand , hatte ich mir sie nicht gedacht . - Eine schwache Röthe flog über ihr Gesicht , um dem Ansehen einer verklärten Unkörperlichkeit Platz zu machen . - Ihr Auge , das sonst so mild schimmerte , strahlte in krankem Feuer , ihre Hand , die sie nach der meinigen ausstreckte , glühte und war so weiß und so abgezehrt , daß das Licht wie durch Alabaster sie zu durchströmen schien , indeß jede kleine Ader sich in mattem Blau auf ihr hinschlängelte . Und dennoch drückten diese verstörten Züge nur Heiterkeit und Güte aus , dennoch tönte in dieser matten Stimme der Wohlklang der Liebe . Auf meine Frage nach ihrer Gesundheit sagte sie mit wehmüthigem Lächeln : » Ich glaube , ich werde noch eine Weile der Erde zur Last seyn müssen . Die Aerzte sagen , die augenblickliche Gefahr sey vorüber « , und wie ich dafür innig Gott dankte , setzte sie hinzu : » Gottes Wille geschehe ! Ich hoffte eine Zeitlang dem Himmel so nahe zu seyn , vermeinte nicht auf das stürmische Meer zurück geworfen zu werden . Doch wie es Gott gefällt . « - Die Rinde der Eitelkeit und Selbstsucht meines Herzens war durch ihren Anblick , durch ihre Worte gesprengt , ich sprach von meiner Hoffnung , sie bald in meines Vaters Landgut zu Richmont ihre gänzliche Wiederherstellung abwarten zu sehen . Sie wies diese Aussicht nicht ab , sprach aber mit Entzücken von einer andern , einer überirdischen Genesung . Es ist gut , dachte ich , daß die , so keine Freude mehr in diesem Leben haben , sich an der Aussicht auf ein andres erfreuen . Damals dachte ich nicht , wie bald ich selbst erfahren sollte , daß sich uns diese Aussicht beim Verlust aller irdischen Freuden nicht so unfehlbar darbietet , daß unser Blick im Genuß dieser Freuden schon auf sie gerichtet gewesen seyn muß , um nach ihrer Flucht in ihr Ersatz zu finden . Ich hatte zwei Stunden mit meiner würdigen Freundin zugebracht , in denen sie sich zu Zeiten einer liebenswürdigen Munterkeit überließ . In so einem Moment wagte ich es Herrn Maitland zu nennen ; ich äußerte meine Verwunderung , daß er nach ihrem Austritt aus unserm Hause dennoch fortführe , es fleißig zu besuchen . So wie mein durch Miß Mortimers Anblick aufgeregtes Gefühl sich beruhigte , nahm meine gewöhnliche Gedankenreihe ihren Gang , und ich hoffte durch Miß Mortimer einige Aufklärung über Herrn Maitlands Gesinnungen zu erhalten . Ihr Lächeln bei meiner Frage schien von Bedeutung , aber Barbara verhinderte sie zu sprechen , indem sie sehr schöne Früchte und feinen Wein auftrug , mit dem , wie meine Freundin mir sagte , sie reichlich versehen würde von einer Hand , die sie wohl errathen könnte , die den Dank aber ablehne . Ein sanftes Klopfen an der Hausthür lenkte Miß Mortimer zu meinem großen Verdruß abermals von der Beantwortung meiner Frage ab . Barbara kam ehrerbietig herein , Herrn Maitland zu melden , der schon zum dritten Mal eingesprochen hatte , ohne Zutritt zu erhalten . Ihre Gnaden sollten ihn doch nicht wieder abweisen , sagte die treue Dienerin , sich tief verneigend , der ehrenwerthe Herr hat sein Pferd schon an den Zaun gebunden und hofft sicher , vorgelassen zu werden . » Gut , weil Sie bei mir sind , meinen guten Ruf zu verbürgen , mag es drum seyn « , sagte Miß Mortimer mit sanftem Lächeln , » führ ' ihn herein . « - Sie wollte zu seinem Empfang aufstehen , war aber sichtlich zu schwach , daß ich sie in meinen Armen aufrecht halten mußte . Wie Herr Maitland mich erblickte , leuchtete die freudigste Ueberraschung aus seinen Augen . » Miß Percy « ! war alles , was er sagte , aber ich hätte diese Worte und den Blick , mit dem er sie begleitete , nicht gegen die Schmeichelei der ganzen Welt vertauscht . In diesem Augenblick war mein gefallsüchtiger Sinn von der Nähe der einfachen Liebe und Frömmigkeit gefesselt . Miß Mortimer bot ihm von den aufgetragenen Früchten an , wobei sie einen Wink fallen ließ , der ihre Vermuthung , daß er der Geber derselben seyn möchte , andeutete . Eine flüchtige Röthe zeigte , daß er verrathen war ; er nahm sie aber mit der Bemerkung an , daß sie nach einem langen Fußweg in der Sonnenhitze eine willkommene Erquickung gewährten . » Sie beharren darauf , an einem Sonntag Ihre Pferde nicht zu gebrauchen ? « fragte Miß Mortimer . - » Meine Geschäfte fordern es selten , und das Vergnügen Miß Mortimer zu besuchen , ist mit einem Spaziergang um einen sehr wohlthätigen Preis erkauft « , antwortete er mit einfachem Ernst . In dieser Stimmung verflog eine Stunde , ohne daß von der Welt Thun und Treiben die Rede war . Nur einmal klagte Herr Maitland , daß seine Hoffnung , das Loos der Sklaven zu mildern , vergeblich gewesen sey . » Ich fürchte aber , setzte er hinzu , ich bedurfte dieser Belehrung . Warum lassen wir Menschen uns beikommen , unserm obersten Herrn allein vorschreiben zu wollen , zu welchen Diensten er uns brauchen soll ? « - O diese Lehre bedarf Niemand so sehr , wie ich ! rief Miß Mortimer ; wie oft fühle ich mich zum Murren versucht , bei der Aussicht , vielleicht noch Jahre lang in diesem ganz nutzlosen Zustand hinzuleben ! - » Nennen Sie ihn nicht nutzlos « , sagte Maitland , und der Glanz seiner Augen wurde von einer Thräne gedämpft , » nennen Sie einen Zustand nicht nutzlos , in welchem Sie durch Muth und Milde Andern den Weg zum Himmel zeigen , indem Sie ihn gehen ! Bedenken Sie , daß Gottes Güte wohl herrlich erscheint , wenn er seine Menschen beglückt ; aber ungleich mächtiger noch , wenn sein Geist , indem er ihnen alle Glücksgüter entzogen hat , ihren Geist freudig erhält . « - Wie konnte ich unempfindlich bleiben bei einer Ansicht der Dinge , die Maitlands starke Seele durchdrang , und die schwache Leidende , deren hinwelkende Gestalt ich umfaßte , über Leben und Welt emporhob . Ich fühlte in diesem Augenblick eine unaussprechliche Sehnsucht , ihren Seelen nachzustreben in ihrem erhabnen Flug , und im Gefühl meiner Unfähigkeit sagte ich leise unter Thränen , mein Antlitz an Miß Mortimers Schulter gelehnt : » Beten Sie für mich ! beten Sie , daß , wenn ich einst krank und sterbend bin , Ihr Gott mich segnen möge , wie er nun Sie segnet ! « - Ich weiß nicht , was meine Freundin mir antwortete , meine ganze Aufmerksamkeit war auf Maitlands Handlung gerichtet . Er legte seine Hand auf mein Haupt , blickte auf mich , dann zum Himmel , mit einem Ausdruck , der alle große , erhabne Empfindungen vereinigend , ihm etwas wahrhaft Ueberirdisches gab - er sprach nicht , aber welche Beredtsamkeit hätte je diese Stille ersetzt ? - Was hätte denn geschehen müssen , um den Eindruck dieser heiligen Stunde in meinem Herzen fruchtbringend zu machen ? Ach , so schlecht bereitet war der Boden , daß Miß Mortimer selbst das Gedeihen des zarten Keimes verdarb . Beim Abschied sagte sie mir , gewiß mit der Hoffnung meines künftigen Glücks beschäftigt , in zärtlicher Zuversicht ins Ohr : » Nun weiß ich , warum Herr Maitland so oft nach Bloomsbury square kommt « , und mit diesen Worten war mein eingeschläferter Leichtsinn erweckt ! - Die einfachste Höflichkeit forderte mich auf , Herrn Maitland zur Rückkehr in die Stadt meinen Wagen anzubieten ; er nahm ihn an , und wie ich mich plötzlich ihm gegenüber sitzen sah , nahm ein thöriges Bild nach dem andern von meinem wankelmüthigen Sinne Besitz . Eine Zeit lang hörte ich meinem freundlichen Gefährten sogar theilnehmend zu , der nur von Miß Mortimer sprach , bald gab ich aber der Unterhaltung eine so herausfordernde Wendung , daß er , um seine Selbstbeherrschung zu behaupten , ganz natürlich dazu kam , mich als weiserer Freund wegen meines Verhältnisses zu Lord Friedrich zu warnen . Ich wies seine Vorstellung mit erkünstelter Heiterkeit zurück ; mit gut gelauntem Scherz wollte er tiefer in den Gegenstand eingehen , als mich meine absichtliche und natürliche Lebhaftigkeit hinriß , ihm , meine Hand auf den Mund legend , das Sprechen zu verbieten . Maitland ergriff sie und drückte sie an seine Lippen , ließ sie dann schnell los , und nun saßen wir beide , bestürzt und verwirrt einander gegenüber . Nach einer peinlichen Stille rief Maitland , mehr im Selbstgespräch als an mich gerichtet : » Sie mochte mich trotz meiner selbst dahin bringen , den Gecken zu spielen « , und dann blieb er , den Kopf auf die Hand gestützt aus dem Wagen blickend , in finsterm Stillschweigen vor mir sitzen . Meines Triumphs über Maitlands Gleichgültigkeit war ich nun gewiß , allein daß ich seinen stolzen Geist deshalb nicht unterjocht hatte , war sichtbar . Ohne einen klaren Begriff von der Würde des Mannes zu haben , ahnete ich , daß sie meinem Plane im Wege stehe , und ohne mir erklären zu können , welche Gefahr mich bedrohe , fand ich keinen Muth in mir unser Stillschweigen hinwegzuscherzen . Sobald wir London erreicht , bat Herr Mattland um Erlaubniß , aussteigen zu dürfen und nahm kalt und kurz seinen Abschied . Die Gewißheit von Maitlands Neigung war mir nun geworden . Mit übermüthigem Stolz trachtete ich jetzt darnach , von diesem Mann , den ich noch keiner Thorheit erliegen sah , das Geständniß seiner Schwäche zu hören und zwischen Hoffnung und Furcht die Qualen leiden zu sehen , welche ich thöriger Weise für die schmeichelhafteste Huldigung meiner Reize ansah . Miß Arnold reizte meine Beharrlichkeit , meinen stoischen Liebhaber bis dahin zu treiben , durch stets rückkehrende Zweifel : ob seinem Betragen auch wirklich der Sinn , den ich ihm gab , beigelegt werden könnte ? und bei der Begier , mit der ich sie überzeugen und meinen Triumph vervollständigen wollte , gelang es ihrer List , meine Einwilligung in alle ihre Vorschläge zu erhalten . Sie beharrte bei der Behauptung , daß nur die drohendste Furcht mich zu verlieren , einen Mann , der so eifersüchtig sey , sich selbst zu beherrschen , wie Herr Maitland , zu einem bestimmten Schritt mich zu gewinnen vermögen könnte . In ihm die Besorgniß zu erregen , daß ich in Gefahr stehe , Lord Friedrichs Vorschlägen Gehör zu geben , schien ihr dazu am besten geschickt . Ich war selbst durch die Fehler meiner Erziehung zur Aufrichtigkeit gewöhnt worden , und so oft ich seit einiger Zeit durch Umwege zu meinen Zwecken zu gelangen suchte , hatte der Gegenstand meiner Begierde mich hingerissen , aber mein Gefühl nie gegen ihre Strafbarkeit verhärtet . Auch jetzt empörte sich dieses Gefühl gegen den Gedanken , Herrn Maitland glauben zu machen , daß Lord Friedrich meine Liebe gewonnen habe , und heftig weigerte ich mich , diesen Plan ins Werk zu stellen . Miß Julie bewies mir sogleich , daß dieses nicht ihre Absicht sey , im Gegentheil würde sie , wenn ich ' s ihr überließ , Herrn Maitland einen Wink zu geben , das Verhältniß so darstellen , als habe meine Unbefangenheit mich in Verlegenheiten verwickelt , bei denen ich durch edle Aufopferung meiner selbst zu büßen entschlossen sey - und , weit entfernt Sie zu tadeln , schloß Miß Julie , wird er Ihre Denkart bewundern müssen . - Bewundern ! Herr Maitland würde mich bewundern müssen ! An diesem Gedanken scheiterte der letzte Rest meiner Gewissenhaftigkeit . Doch gestand ich mit Angst zu , daß meine dienstfertige Freundin Herrn Maitland bei seinem nächsten Besuch empfangen und ihre Hinterlist ins Werk setzen sollte . Herr Maitland ließ mir Zeit , bessere Entschlüsse zu fassen ; es verliefen acht Tage , ohne daß er in unserm Hause erschien . Allein Miß Arnold sorgte dafür , daß meine Begierde , diesen stolzen Mann das Bekenntniß seiner Schwäche ablegen zu sehen , nicht erkaltete , und indem sie meinen Sieg ausmalte , schwebten leichte , undeutliche Gestalten einer edlern Art im Hintergrund meiner Fantasie , Gestalten , denen sie , nur an Eitelkeit gewöhnt , keine bestimmte Umrisse zu geben vermochte , ich darf aber hoffen , sie deuteten auf die Sehnsucht , in der Neigung , die ich , sobald ich ihr Geständniß empfangen , zu verhöhnen gesonnen war , eine Zuflucht gegen mich selbst zu finden . Nachdem dieser Gegenstand täglich unser Gespräch beschäftigt hatte , überraschte uns endlich Herrn Maitlands Besuch , wie wir uns abermals über diesen Gegenstand unterhielten . Miß Arnold sah ihn an der Anfahrt absteigen und bewog mich durch die dringendsten Gründe , ihr seinen Empfang zu überlassen . Mit einer Vorempfindung unendlichen Wehs erwartete ich den Ausgang dieses Gesprächs , mehr wie einmal stellte mir meine Eitelkeit unsern Plan als gelungen , Maitland als gefesselten Sklaven zu meinen Füßen vor , aber schnell wich dieses thörige Gaukelspiel , und eine gestaltlose Furcht ließ mich auf die undeutlichen Töne ängstlich horchen , die von dem Besuchzimmer heraufschallten . Jetzt hörte ich die Thür öffnen und sah Herrn Maitland mit raschen Schritten , ohne einen Blick zurückzuwerfen , über die Anfahrt gehen und zwischen den Hecken verschwinden . Was haben Sie bewirkt ? rief ich , athemlos in das Besuchzimmer tretend , wo die Unterredung Statt gefunden hatte . - Miß Arnold fuhr bei meinem Eintritt auf , sie schien in unangenehm zerstreuter Stimmung , doch faßte sie sich sogleich und begann einen weitläuftigen Bericht über ihre Unterhaltung mit Herrn Maitland , aus dem sichtlich hervorging , wie widerwillig er sich mit ihr , gegen die er seine Abneigung nie verhehlt hatte , in ein Gespräch über mich eingelassen hatte , wie heftig er anfangs durch ihre Aeußerung , daß ich meine Freiheit für verwirkt halte , erschüttert gewesen sey , aber bald mit Stolz behauptet habe , wie er eine solche Nachricht von meinen eignen Lippen erwarte und dann meinen Entschluß gut heißen müßte . » Gereizt durch seinen Unglauben , durch seine stolze Zuversicht « , fuhr Miß Arnold fort , » ergriff ich nun das letzte Mittel ihn zu überzeugen : ich entdeckte ihm « - - Was ? um Gottes willen , was ? rief ich ungeduldig und ängstlich , da ich Miß Julie erröthen und stottern sah . - » Nun ich entdeckte ihm , daß ein kleines Darlehn , welches Sie Lord Friedrich abzutragen hätten , Sie in die Nothwendigkeit setzte , seine Anträge zu begünstigen . « - Ich hörte den Schluß ihrer Rede nicht mehr an . In der schrecklichsten Empörung meiner Gefühle warf ich meiner unvorsichtigen Freundin ein Geständniß vor , das mir nothwendig Maitlands Achtung entreißen mußte . Julie erschrack über meinen heftigen Schmerz , sie entschuldigte sich mit Thränen , im Eifer , mir zu dienen , dieses unselige Geständniß abgelegt zu haben , - » und dennoch bedurfte es dessen um auf seinen Starrsinn zu wirken , sagte sie weiter ; hätten Sie ihn gesehen wie er bleich , zitternd , um Athem kämpfend im Zimmer umherschritt , Sie würden eingestanden haben , daß er nur also zu überwältigen sey . « - Ich kannte diesen festen Mann zu gut , um diese Darstellung nicht für übertrieben zu halten