ja am besten , in Höhlen und Wälder zu ziehen , wenn niemand mehr das Bestreben zeigen wollte , liebenswürdig zu erscheinen , und sogar durch den bloßen Anblick zu gefallen . « » Sollte denn aus diesen Tableaus , über welche wir so viel streiten , nicht auch für die Kunst manches Gute entstehen können ? « fragte Auguste von Willnangen . » Dochwohl nur , indem sie mehr Theilnahme an ihr und ihren Erzeugnissen aufregen , « erwiederte Ottokar , » sonst glaube ich nicht , daß sie in dieser Hinsicht von großem Nutzen sind . Sie bleiben doch nur die Kopie einer Kopie der Natur , und zwar eine unvollkommne , denn vieles muß aus jedem Gemälde hier wegbleiben , das doch durchaus dazu gehört , die Hintergründe , die Architekturen , die Landschaften , das Gewölk . « » Eine angenehme , gesellige Unterhaltung zur Abwechselung mit den ewigen Charaden und Sprichwörtern scheinen sie mir doch wenigstens zu bieten , « sprach Frau von Willnangen , » auch hoffe ich , sollen sie dazu beitragen , die unseligen Jeux d ' esprit aus der Gesellschaft zu verbannen , in welchen der arme Geist so gemartert wird , um zu erscheinen , daß er sich endlich ganz in Langeweile auflöst . Nur thut es mir leid , daß die Vorbereitungen zu Tableaus für die kurze Dauer ihrer Erscheinung zu viel Zeit und Mühe kosten . « » Alles läßt sich vereinfachen , « erwiederte Ernesto , » und ich getraue mir mit sehr wenigen Vorrichtungen , ganz aus dem Stegreif , dennoch manches Ergötzliche in dieser Art Ihnen vorzuführen . Wir brauchen zum Beispiel nur diese Flügelthür auszuheben , einen Vorhang vorzuhängen , eine große spanische Wand dahinter zu stellen , und wir haben das Lokal dazu . Einige große Lampen , oder ein Paar Dutzend zu einer Fackel vereinigte Wachslichter , und die Beleuchtung ist fertig . Schminke und etliche falsche Bärte für die Herren sind bald herbeigeschafft , und wenn die Damen ihre schönen Schawls zur Garderobe herleihen wollen , so läßt sich mit diesen wenigen Requisiten schon manch guter und glänzender Effekt hervorbringen . Auch für die Kunst selbst könnte auf diese Weise Bedeutendes geschehen , wenn die Gesellschaft einem Künstler erlaubte , mit ihrer Hülfe nicht bloß schon vorhandene Gemälde nachzubilden , sondern seine eignen Gedanken , die oft noch beinah formlos ihm vorschweben , auszuführen . Manches erfreuliche Kunstwerk könnte diesem Spiele seine Entstehung verdanken , wenn ein talentvoller Künstler auf diese Weise gleichsam ein Vorbild von dem sähe , was er auszuführen Willens ist ; der Zufall würde manches ordnen , manches in ihm erwecken , an das er außerdem nie gedacht hätte , und der aus solchen Proben für die Kunst entstehende Gewinn könnte leicht unschätzbar werden . « Kaum hatte Ernesto geendet , als schon Auguste von Willnangen und Fanny Silberhain fröhlich aufsprangen und ihn mit Bitten bestürmten , gleich auf der Stelle eine solche Darstellung anzuordnen . Ottokar , Antonius und der größte Theil der Gesellschaft , selbst Frau von Willnangen nicht ausgenommen , vereinigten ihre Bitten mit jenen , und Ernesto mußte dem allgemeinen Wunsche nachgeben ; nur that er es mit der Bedingung , daß es ihm erlaubt sey , seine Figuranten selbst zu wählen . Fanny sammelte sogleich aufs eifrigste alle Shawls ein und wählte dabei in Gedanken den glänzendsten unter ihnen für sich aus ; Auguste besorgte aufs schnellste alles übrige und trug noch eine Menge zweckdienliche Sachen herbei , die von frühern Maskenanzügen und kleinen theatralischen Vorstellungen her , sich noch in der Garderobe vorfanden . In weniger als einer halben Stunde war alles zum Anfangen der Vorstellungen in Bereitschaft . Mehrere Tableaus folgten nun einander , ernste und heitere , im mannigfaltigen Wechsel , denn Ernesto war unerschöpflich im Erfinden , und Ottokar sowohl als der Professor standen ihm bei der Anordnung treulich bei . Die ganze Gesellschaft gerieth in eine so fröhliche Stimmung , daß Alle die Wagen überhörten welche allmählich , herbeirasselten , um sie zu einem glänzenderen Feste abzuholen . Nur Fräulein Silberhain saß ernst in sich gekehrt , und wies im voraus alle Einladungen zur thätigen Theilnahme unerbittlich ab , ehe noch eine an sie gelangte . Gräfin Eugenia hingegen hatte eine Weile zugesehen ; da es aber Ernesto nicht einfallen wollte , ihr eine Rolle anzubieten , winkte sie Antonius herbei , der eben müßig dastand . Leise flüsterte sie ihm den Auftrag zu , Ernesto auf nicht auffallende Weise an sie zu erinnern , und ihm zu verstehen zu geben , daß sie in einem so kleinen , aus lauter Freunden bestehenden Zirkel ihren Widerwillen wohl überwinden werde , und nöthigen Falles sich entschließen könne , etwa als Grazie oder Muse aufzutreten . Antonius erklärte ihr sein Entzücken über diesen Auftrag , versicherte , nicht mit Worten ausdrücken zu können , wie geehrt er sich durch dieses holde Vertrauen in seine Geschicklichkeit fühle , und flog in das Nebenzimmer , um ihren Befehl zu vollbringen . Leider aber gelang es ihm durchaus nicht , Ernesto nur auf eine Minute allein habhaft zu werden , es kam ihm sogar vor , als ob dieser ihm geflissentlich ausweiche . Vielleicht hatte Ernesto wirklich von dem ausgesprochenen Wunsch der Gräfin etwas gemerkt , und vermied mit Vorbedacht die Gelegenheit , ihn an sich kommen zu lassen , vielleicht lag aber auch die Schuld an der gar zu höflichen Unbeholfenheit des Abgesandten ; genug , Eugenia blieb den ganzen Abend unangefochten als Zuschauerin , und war die erste , welche die laute Bemerkung machte , daß die zum Anfange des Balls bestimmte Stunde schon längst geschlagen habe . Gedankenvoll saß Frau von Willnangen dicht neben Gabrielen in der fernsten Ecke des Zimmers . Sie sah , wie jene jedem Tone Ottokars lauschte , wie ihr Auge entzückt auf ihm ruhte so oft er in den Tableaus erschien , und das unruhige , fast hörbare Klopfen des jungen Herzens erregte so tiefes Mitgefühl , so bange Sorge in ihrem Gemüth , daß sie fast eben so sehr als Gabriele selbst erschrak , als Ernesto plötzlich vor beiden stand , und sie zur thätigen Theilnahme an dem Tableau aufforderte , welches für heute die Reihe derselben beschließen sollte . Doch bald faßte sie sich wieder und stand mit gewohnter Freundlichkeit auf , um ihm mit ihrer jungen Freundin in das Nebenzimmer zu folgen . Gabrielens Hand zuckte in der ihrigen , ihr Blick bat , sie frei zu lassen , doch er ward nicht erhört , und Ernesto erinnerte sie mit komischer Feierlichkeit an das ihm zugestandne Recht , seine Figuranten nach Belieben wählen zu dürfen . Das Tableau stellte die Nacht vor , die ihren dunkelblauen Sternenschleier über ihre Kinder , den Schlaf und den Tod , ausgebreitet hält . Der Frau von Willnangen hohe Gestalt , der ruhige , milde Ausdruck ihres noch immer schönen Gesichts eignete sich ganz zum Bilde einer stillen , heitern Sommernacht . Zu ihren Füßen schlummerten zwei liebliche , blonde Genien , der eine war mit Mohnblumen geschmückt , der andre , mit der ausgelöschten Fackel , trug einen Kranz von Zypressen . Bunte , fantastische Traumgestalten drängten sich hinter ihr , unter ihnen stand Gabriele , als ein trüber , Unheil verkündender Traum , in ihren langen , schwarzen Schleier gehüllt , unter welchem die goldglänzenden Locken tief herabrollten . Beim Lampenlicht , mitten unter rosenwangigen , schimmernden Gestalten schien sie , ohne alle Schminke noch blässer als sonst . Sie glich Pygmalions Meisterwerk bei der ersten Regung des erwachenden Lebens . So glühend strahlte ihr dunkles Auge aus dem Marmorgesicht , denn ihr Blick traf auf Ottokarn , der in einiger Entfernung in ihrem Anschaun verloren stand . Alle Anwesende erklärten einstimmig dieses Tableau für die Krone von allen , welche dieser genußreiche Abend an ihnen vorüber geführt hatte . » Ich stimme gern mit Ihnen ein , « sprach Ernesto , » denn die Erfindung dieser Gruppe ist nicht mein , ich habe nur die Träume hinzugefügt . Ich bildete sie nach einer Zeichnung meines leider viel zu früh unter der Pyramide des Cestus zur Ruhe gegangenen Freundes , Carstens , « fuhr er mit bewegter Stimme fort . » Lange fesselte ihn ein trübes Mißgeschick , das wie ein böser Zauber auf seinem Leben ruhte und ihn verhinderte , aus dem Reich der Formen in das der Farben zu dringen . Und da es endlich überwunden war , da sein hoher Genuß die Flügel freier zu regen begann , da entschwand er uns ganz . Die Kunst wird ewig um ihren Liebling trauern , um so mehr , da jetzt ein dem seinen ganz entgegen gesetztes verderbliches Streben unter ihren Jüngern täglich herrschender wird . « Die Gesellschaft mußte nun ernstlich zum Aufbruch eilen , denn das Stampfen der Pferde unter den Fenstern mahnte sie immer lauter . In dem dadurch entstehenden Gewimmel fand sich Gabriele plötzlich neben Ottokar . Er beugte sich freundlich zu ihr herab und ergriff ihre zitternde Hand . » Ich fürchte keine bösen Träume mehr , « flüsterte er ihr zu , » seit ich die Vorbedeutung des Unglücks so anmuthig erscheinen sah . « Der fortwogende Strom der Gesellschaft riß ihn im nämlichen Moment fort , ohne daß Gabriele zur Antwort Zeit gewann . Aus Gabrielens Tagebuche . Ich fürchte keinen bösen Traum mehr , seit mir die Vorbedeutung des Unglücks so anmuthig erschien ! Sprach er nicht so ? Warum mußte ich auch dieses Mal , nur stumm mich verneigend , vor ihm stehen und vermochte nicht , ihm zu antworten ? Ach , weil ich bin , was ich zu seyn schien , weil mein ganzes Daseyn ein schwerer , banger Traum ist ! Immer ringe ich nach dem Erwachen ; bin ich einst erwacht , dann , Ottokar , dann werde ich zu dir sprechen , dich fragen , dir antworten können , und , gewiß ! du wirst mich verstehen . Wie oft versuchte ich es schon , sein Bild auf dem Papier fest zu halten ! aber ich ermüde im fruchtlosen Streben . Ja , wenn ich mit den Zügen seines Gesichts auch die unbeschreibliche Harmonie in seinem ganzen Wesen wiederzugeben vermöchte ! Er ist immer er selbst ! ganz und ungetheilt er selbst , in jeder seiner Bewegungen , in jedem seiner Worte , im Scherz wie im Ernst ! Nur er , einzig er kann so dastehen , so sprechen , so aussehen , und doch ist es nicht seine Gestalt allein , die ihn vor allen auszeichnet , es ist der Einklang , die Uebereinstimmung in seiner ganzen Erscheinung . Wo lebt der Künstler , der diese darzustellen vermöge ? Ohne sie bleiben meine Bilder leblos und starr , bei aller übrigen Aehnlichkeit gleichen sie Wachsbildern , die das Leben ungeschickt nachäffen wollen , und ich muß sie vernichten , denn sie erregen mir Grauen . Nichts wollen , nichts wissen , nichts wünschen als Lieben , sich selbst vergessen im Glück des geliebten Wesens , ohne Erwiederung zu hoffen oder zu wünschen , stellt uns den Engeln gleich , ist Vorgefühl himmlischen Glücks ! So lehrtest du mich , meine Mutter ! Warum bin ich denn nicht glücklich ? Warum treibt unerklärliche Unruhe mich rastlos umher ? Warum beklemmt meine Brust ein Wünschen , ein etwas Erwarten von der nächsten Minute , für das ich sogar nicht einen Namen habe ? Könnte ich nur einmal recht Großes , recht Schweres für ihn vollbringen , ohne daß er ahnete , von wo es aus ginge . Könnte ich , ungesehen von ihm , ein trübes Geschick , ein großes Unheil von seinem geliebten Haupte auf das meinige lenken und dann , in mich geschmiegt und still aus meinem Dunkel hinauf zu ihm blicken und mich in seinem freudigen Lächeln sonnen . Dann , dünkt mich , wäre ich ruhig und glücklich für mein ganzes übriges Leben . Nie werde ich mich darüber trösten , daß meine Mutter starb , ohne ihn gesehen zu haben . Ach hättest du Verklärte ihn gekannt , wie lieb wäre er dir geworden ! Wie glücklich ich im Anschaun von euch geliebten Beiden ! Arme Pflanzen , die sie verstieß , weil ihr verblüht seyd , wie will ich euch pflegen und lieben ! Ich fand sie heute alle im Vorsaal , die schönen Blumen , welche Ottokar Aurelien an ihrem Geburtstage schenkte ; verdorrt , losgerissen von ihren Stäben , mit Staub bedeckt , erkannte ich sie kaum . » Sie taugen nur noch zum Wegwerfen , « sprach Aurelia , » sie sind verblüht . « » Ja , « setzte sie mit komischem Pathos hinzu , » sieh hier , gutes Kind , das Bild der Vergänglichkeit aller Dinge , und nimm dir ein Beispiel daran . Alles Fleisch vergeht wie Heu , singt die christliche Gemeine , darum verträume deine Blüthenzeit nicht , sie kehrt dir so wenig wieder als diesen armen Sträuchen , die Anton alsobald wegschaffen soll . « » Liebe Aurelia , « erwiederte ich , » mit uns ist es wie es ist , aber diese Blumen können wirklich wieder blühen , nimm sie nur wieder in dein Zimmer , trage sie an die Sonne , begieße sie . « - » Allerliebste Gabriele , thu du das selbst , ich schenke sie dir « , unterbrach mich Aurelia , und machte mir nach ihrer lustigen Art einen tiefen Knicks . Ich erschrak ; » aber du hast sie von Ottokar , « stammelte ich , und fühlte dabei , wie ich roth ward ; weiß ich doch nicht ob vor Freuden über die Blumen oder vor Verdruß , daß ich Aurelien an ihren Geber erinnern mußte . » Mag er mir frische Blumen schicken , wenn er will , daß sein Andenken bei mir grüne und blühe , « antwortete sie lächelnd ; » seit ich nicht mehr vierzehn Jahre alt bin , bewahre ich nichts länger auf , als es des Bewahrens werth ist . Damals freilich , da hatte ich auch ein Heumagazin von gedörrten Rosen , Vergißmeinnicht und sonst noch allerlei Grünlichkeiten , so gut wie eine von euch zarten Seelen , wie ich aber einmal gewahr ward , daß ich alle das Zeug sogar nicht zum Kräuterkissen bei Zahnweh brauchen konnte , warf ich es zum Fenster hinaus . « Ottokar weiß , daß ich seine Blumen besitze , er hat Aurelien meine Zeichnung dafür geraubt und auf sein Zimmer getragen , gewiß nur im Scherz , gewiß er giebt sie ihr wieder . Warum hat mich denn Annettens Erzählung dieses unbedeutenden Umstandes so erschreckt ? Warum strebe ich jetzt so ängstlich , mir diese Zeichnung Zug für Zug recht deutlich zu denken ? Er wird sie ja doch nicht behalten . Wenn er unglücklich würde ! Nein diese Möglichkeit kann ich mir nicht denken . Nicht einmal die , daß ich oder andre es in seiner Nähe seyn könnten . Ihm gegenüber , seinem freundlich hellen Blick gegenüber , muß ja das Unglück eine so stille rührende Gestalt annehmen , daß es zur schmerzlich süßen Freude sich darüber umwandelt . Sonst nannte Frau von Willnangen nie Ottokars Namen , jetzt höre ich ihn täglich aus dem Munde der geliebten Frau und lausche mit Freuden seinem Lobe . Während Gewohnheit und Arbeit mich zu Hause in meinem Zimmer festhalten , bringt er die Morgen bei ihr und Augusten zu . Meine Freundinnen streben auf vielfache Weise , mich zu einem Besuche zur nämlichen Zeit zu veranlassen , ohne jedoch mich geradezu einzuladen , und oft regt sich auch in mir der Wunsch , ihren Winken folgen zu dürfen , aber ein innres Widerstreben hält dennoch mich zurück . Abends singt mir Auguste die Lieder , welche er ihr brachte , ihre Mutter giebt mir fast wörtlich den Inhalt ihrer Gespräche mit ihm . Ich bewundre die Freiheit des Geistes , welche es ihr möglich macht , sich mit ihm so in Rede und Gegenrede zu verständigen , denn in seiner Nähe wird mein ganzes Wesen nur ein Spiegel des seinen . Ich wollte , ich könnte dichten , oder komponiren ; oft ist es mir , als müsse ich beides können , aber vergebens suche ich Worte oder Töne für das , was ich so gerne singen oder sagen möchte . Auch in meinen Büchern , in meinen Dichtern , finde ich nicht , was ich suche , nirgends , was auf ihn paßte . Alle Gestalten , welche sie mir vorführen , sind nicht wie er , mild und hoch , kräftig und bescheiden . Er hat meine Zeichnung behalten , sie hängt über seinem Schreibtisch , freilich als ein Geschenk Aureliens . Ernesto sah sie bei ihm . Ich bin darüber froh wie ein Kind , ich möchte sagen , ich fühle mich geehrt , so wie sonst , wenn die geliebte Mutter irgend eine Arbeit von mir sich zum Gebrauch aneignete . Wenn er die Zeichnung ansieht , muß er nicht zuweilen meiner gedenken ? Heute Abend war ich zeitiger als gewöhnlich zu Frau von Willnangen gegangen , ich fand die liebe Frau allein mit Augusten , trübe und traurig schien ein schmerzliches Andenken schwerer als sonst auf ihrem Gemüthe zu lasten . Sie bat uns , etwas zu singen , und wir wählten das himmlische Duett aus Pärs Sargino , das mir von jeher wie die Sprache klingt , in welcher Engel einander sagen , wie sie sich lieben . Dolce dell ' anima , fing ich an ; speme e diletto di questo cor , und meine Seele schwebte auf den süßen Tönen himmelan . Da erscholl es dicht hinter mir , dolce dell ' anima , es war nicht Augustens Stimme , es war seine , seine ! unbemerkt von mir war er ins Zimmer und an Augustens Stelle getreten . Ich wagte nicht , mich umzusehen , aber ich hatte den unbegreiflichen Muth , fortzusingen , la pura fiamma che m ' arde in petto ! Ich fühlte mir das Herz in der Brust , jeden Puls meines Lebens erzittern , aber meine Stimme bebte nicht , ich wußte kaum , daß ich sang , die Töne strömten unwillkürlich aus meiner tiefsten Brust , aus dem Herzen meines Herzens , und ich hörte mich selbst wie die Stimme eines Dritten . Athemlos , bewustlos sogar , stand ich da , als das Duett geendet war , und konnte nichts als mich tiefer und immer tiefer vor Ottokar neigen , während er zu mir sprach . Auguste sagt , er habe viel zum Lobe meiner Stimme , meines einfachen Vortrags gesagt ; ich weiß es nicht , ich habe sogar nicht gesehen , wie er sich bald darauf entfernte . Als er fort war , schloß mich Frau von Willnangen mit verdoppelter Zärtlichkeit in ihre Arme , Augustens schönes Auge blitzte freudig , beide waren den ganzen Abend unerschöpflich in seinem Lobe , in Erzählungen kleiner Züge von ihm . Zu jeder andern Zeit hätte diese Unterhaltung mich sehr glücklich gemacht , jetzt konnte ich kaum darauf achten . Ja Musik ist die Sprache seliger Geister , das weiß ich jetzt mit Ueberzeugung , in Tönen konnte ich ihm singen , wofür ich nimmer Worte fände , und der Nachhall dieser Stunde wird mein ganzes kommendes Leben durchtönen . Einmal , nur einmal möchte ich doch Aurelia seyn , neben ihm sitzen , ihn ansehen , und mit ihm sprechen können wie sie . Es war mein Stolz und meine Freude , mit Ottokar , wenn gleich ihm unbewußt , ein Geheimniß zu theilen , etwas , allen andern Verborgnes von ihm zu wissen , daher vertraute ich keiner lebenden Seele die Geschichte unsers ersten Zusammentreffens . So lange ich allein darum wußte , wähnte ich , sie sey ein unsichtbares Band , das mich allein vor allen andern mit ihm vereinte . Nun ist es zerrissen . Woran ich Wochen und Monde hindurch in der Stille mich freute , ist die Neuigkeit des Tages geworden und geht entstellt von Mund zu Mund . Die ganze ungewöhnlich zahlreiche Gesellschaft , Aurelien an der Spitze , strömte mir heut entgegen , so wie ich den Speisesaal betrat , nur Ottokar blieb in der Ferne . Mein Blick sucht immer ihn zuerst , ich bemerkte einen leisen Zug des Unmuths auf seinem Gesicht , ein vielleicht nur meinem Auge sichtbares schnell wieder verfliegendes , zorniges Erröthen . Erstarrt blieb ich in der Thüre stehen , Aurelia und alle Uebrige mochten lange mit Fragen und Redensarten in mich hineingestürmt haben , ehe ich nur begriff , wovon eigentlich die Rede sey . Ich sah nur Ottokar in dieser mir unerklärlichen Bewegung . Ernesto , der , sonst um diese Stunde ein seltner Gast , bei uns ist , kam mir zu Hülfe . Seit meinem ersten Eintritt in dieses Haus ist er mir immer nah , so bald ich seiner bedarf . Wie er es anfing , weiß ich nicht , ich war zu aufgeregt , um es zu bemerken , aber der ganze gesellige Knäuel drehte sich bald von uns ab , um Aurelien her , und ich stand mit Ernesto allein im Fenster . Hier erfuhr ich von ihm , daß Ottokars Kammerdiener Aureliens Kammerjungfer erzählt habe , wie sein Herr eine arme alte Frau unterweges in den Wagen genommen habe , auch daß ich damals mit ihnen in einem Gasthofe wohnend , die Geschichte mit großer Theilnahme gehört und durch Frau Dalling mich näher darnach erkundigt habe , denn obgleich Lorenz mich nicht zu Gesichte bekam , so hatte er diese doch dort gesehen und hier wiedererkannt . Die Jungfer hatte nichts angelegentlicheres zu thun , als ihrer Gebieterin bei der nächsten Gelegenheit diese Anekdote wieder zuzutragen . » Sie können denken , « fuhr Ernesto fort , » wie willkommen ein solcher Stoff Aurelien seyn muß , um ihren nie zu ermüdenden Muthwillen daran auszulassen . Gönnen Sie ihr die Freude , folgen Sie Ottokars Beispiel und lachen Sie mit , anstatt sich darüber zu ärgern . Die Tante trat zu uns , anscheinend recht fröhlich , aber in ihren Augen zuckte doch eine gewisse Unruhe , sie vermochte nicht ganz die Furcht zu verbergen , daß Aurelia den Scherz zu weit treiben könne ; der lustige Tumult in dieser und Ottokars Nähe ward immer größer und lauter , die Tante immer ängstlicher und freundlicher , und mir ward das Herz schwer und schwerer mit jeder Minute . Mehrere Spottbilder , mit erklärenden Knittelversen , alle von Aurelien selbst , nur zu geistreich erfunden und ausgeführt , hatten bisher die Gesellschaft ergötzt , endlich gelangten sie auch zu uns . Ottokar war darauf als Don Quixotte dargestellt , wie er seine durch Zauberkünste in die Gestalt einer alten häßlichen Frau verkappte Dulcinea von Toloso in eine Schenke bringt , die er für ein Kastell ansieht . Auf einem andern Blatt erscheint er als ein Schäfer , der eine zur Bettlerin verwandelte Fee vom Tode befreit , und gleich darneben , wie er zum Danke dafür in einen wunderschönen Prinzen mit Krone und Scepter verwandelt wird . Dann sahen wir ihn auch in Hofgalla , die Bettlerin am Arm , und mich im Hintergrunde , ganz in Extase vor Rührung und Bewunderung , neben mir eine ganze Reihe naßgeweinter Schnupftücher auf einer Leine zum Trocknen aufgehängt . Ottokar selbst näherte sich uns und betrachtete diese Ergießungen einer nichts schonenden , übermüthigen Laune mit beifälligem Lächeln . » Wir sind diesesmal Leidensgefährten , liebes Fräulein , « sprach er , indem er sich freundlich zu mir neigte , während ich , erröthend vor Zorn und Verlegenheit , nicht wußte , wohin ich die Blicke wenden sollte . » Sie sehen so ernsthaft aus , thun Sie das nicht , nehmen Sie einen geselligen Scherz nicht höher auf , als er aufgenommen seyn will , « setzte er leiser , fast bittend , hinzu . Alles schwamm vor meinen Augen bei dem unerwarteten Glück , einen von ihm ausgesprochnen Wunsch erfüllen zu können . Ich hätte Aurelien , auf die ich eben erst zürnte , jetzt mit Freuden an mein Herz gedrückt , weil sie die Veranlassung dazu lieh , und ich hoffe , daß jede Spur des Unmuths in diesem Moment eben so von meiner Stirne schwand wie aus meinem Herzen . Um meiner Zufriedenheit die Krone aufzusetzen , sammelte Ernesto die Zeichnungen alle sorgfältig zusammen und legte sie in seine Schreibetafel , mit der Erklärung , daß er sie als das gelungenste Werk seiner Schülerin aufbewahren wolle , und weder die Bitten der Gesellschaft noch Aureliens Zürnen konnten ihn bewegen , sie wieder herauszugeben . Der einmal angestimmte Ton wollte bei Tische noch nicht gleich verhallen , aber Ernesto und Ottokar bemeisterten sich des Gesprächs , die Tante unterstützte sie auf das kräftigste , und so nahm es bald eine für mich erfreulichere Wendung , die ich mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgte . Ottokars Blick gleitete wärend dem Gespräch oft von dem neben mir sitzenden Ernesto auf mich herab , ich sah es nicht , denn meine Augen senken sich immer vor den seinen , aber ich fühlte seinen Blick wie einen Sonnenstrahl in meinem Innern . Jetzt bin ich allein , und das durch Ottokars Nähe unterdrückte bittre Gefühl regt sich von neuem in meiner Brust . Ach ich fürchte die Spottsucht , die flache Charakterlosigkeit der Gesellschaft um mich her wird auch mich noch ergreifen . Am besten wär es wohl für mich , ich ginge . Aber wohin ? Arme Gabriele , wohin ? Wo er nicht ist ? Freilich werden Tage kommen , an denen ich ihn nicht sehe , vielleicht ein Tag , der von ihm auf dieses ganze Leben mich scheidet , aber soll ich denn schon jetzt dem Licht der Sonne mich entziehn , weil vielleicht bald die Nacht herein brechen wird ? Mit dem neuen Jahre war endlich der Zeitpunkt erschienen , der eine gänzliche Umänderung in Gabrielens , ihr allmählich lieb gewordnen Lebensweise hervorbrachte . Von nun an ward sie die beständige Begleiterin ihrer Tante durch die ganze lange bunte Reihe von Lustbarkeiten , welche das Karneval in der großen , lebenslustigen Stadt herbeiführte . Bälle , Soirees , Schauspiele aller Art raubten ihr jeden Abend , und die Zurüstungen zu diesen verkümmerten ihr manche Morgenstunde , die sie sonst andern Beschäftigungen zu widmen gewohnt war . Mit aller Kraft ihres Geistes suchte sie jetzt die ängstliche Blödigkeit zu überwinden , welche ihre ersten Schritte in der Gesellschaft so unsicher gemacht hatte . Es gelang ihr nach und nach . Das Blendende der Erscheinungen , das betäubende Geräusch verloren allmählich die Gewalt , ihr zu imponiren , ihre Existenz in der Welt ward mit jedem Tage angenehmer und obgleich sie sich oft nach den stillen , genußreichen Abenden sehnte , welche sie sonst bei Frau von Willnangen zu verleben gewohnt war , so gab es doch auch oft Stunden , in denen sie sich recht jugendlich heiter an dem bunten Leben ergötzte . Dennoch war ihre Erscheinung in demselben nichts weniger als brilliant . Als eine nahe Verwandte der von allen gefeierten Gräfin Rosenberg , in deren Begleitung sie überall erschien , verfehlte man zwar nicht , ihr die Aufmerksamkeit zu erzeigen , zu welcher dieses Verhältniß sie berechtigte ; aber eigentlich betrachtete man sie doch noch immer als ein halbes Kind , und sie hätte gewiß an manchem Abend die Reihe der ungestört gähnenden Opfer der Sozietät vermehrt , welche man in allen Salons-Ecken sitzen sieht , wäre nicht Ernesto ihr treuer Beschützer geblieben , und hätte nicht Frau von Willnangen diesen Winter der gewohnten Ruhe weit öftrer als sonst entsagt , um ihren Liebling in so ungewohnten Verhältnissen nicht ganz verlassen zu wissen . Ottokar sah Gabrielen jetzt täglich , ohne daß beide einander deswegen viel näher gekommen wären . Er zeichnete sie nicht minder als Aurelien aus , durch tausend kleine Aufmerksamkeiten , die er , als der Gast der Gräfin , ihnen vor andern schuldig zu seyn glaubte , übrigens aber blieb ihr gegenseitiges Verhältniß fremd und abgemessen wie zuvor . Nur selten , besonders aber am Neujahrsabende , bei ihrem Eintritt in die große Welt , hatte er ihr einige Theilnahme gezeigt . Die Gräfin feierte den Schluß des festlichen Tages mit einem Ball , den sie den jüngern Bekannten Aureliens gab . Einsam und vergessen saß Gabriele lange in einer Ecke des Tanzsaales . Sie gedachte der Neujahrsabende , welche sie als fröhliches Kind an der Hand der Mutter in den hohen , düstern Sälen von Schloß Aarheim verlebt hatte . Die Tanzmusik tönte nur wie aus weiter Ferne in ihre Träume , als Ottokar plötzlich vor ihr stand und ihr seine Hand bot , um auch sie den fröhlichen Reihen zuzuführen . Es war der erste festliche Tanz ihres Lebens , ihr schwindelte , noch ehe sie den Tanzplatz betrat . Ottokar merkte ihr Schwanken , schrieb es ihrer gewohnten Furchtsamkeit zu , und umfaßte sie nur um so fester , um sie vor jedem möglichen Zufall zu sichern . Gabriele fühlte den Druck seines Arms , das Säuseln feines Athems in ihren Locken , sie sah sein freundliches Auge ganz nahe auf sie herabblitzen und schwebte , an ihn gelehnt , wie auf geflügelten Sohlen durch den weiten Saal , so leicht , so anmuthig , daß selbst die Tante ihr freundlich Beifall zunickte . Mit ihm so durch das Leben ! Der Gedanke flog zum ersten Mal wie ein Pfeil , in stechendem Schmerz , durch ihr Innres ; ein unendlich betrübendes Gefühl bewegte sie fast bis zum Weinen , und noch nie hatte sie sich so vereinzelt , so ganz verlassen gefühlt , als da Ottokar nach beendigtem Walzer sie zu einem Sitz führte und