lassen . Einer nach dem andern stand auf , begrüßte die Bleibenden und ging davon . Die Frauenzimmer , welche bemerkten , daß der Gast auf das , was vorging , mit einiger Verwunderung achtgab , erklärten sich folgendermaßen : » Sie sehen hier abermals die Wirkung der Eigenheiten unsers trefflichen Oheims ; er behauptet : keine Erfindung des Jahrhunderts verdiene mehr Bewunderung , als daß man in Gasthäusern , an besonderen kleinen Tischchen , nach der Karte speisen könne ; sobald er dies gewahr worden , habe er für sich und andere dies auch in seiner Familie einzuführen gesucht . Wenn er vom besten Humor ist , mag er gern die Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern , wo jedes Glied mit fremden Gedanken beschäftigt sich niedersetzt , ungern hört , in Zerstreuung spricht , muffig schweigt und , wenn gar das Unglück kleine Kinder heranführt , mit augenblicklicher Pädagogik die unzeitigste Mißstimmung hervorbringt . So manches Übel , sagt er , muß man tragen , von diesem habe ich mich zu befreien gewußt . Selten erscheint er an unserm Tische und besetzt den Stuhl nur augenblicklich , der für ihn leer steht . Seine Feldküche führt er mit sich umher , speist gewöhnlich allein , andere mögen für sich sorgen . Wenn er aber einmal Frühstück , Nachtisch oder sonst Erfrischung anbietet , dann versammeln sich alle zerstreuten Angehörigen , genießen das Bescherte , wie Sie gesehen haben . Das macht ihm Vergnügen ; aber niemand darf kommen , der nicht Appetit mitbringt , jeder muß aufstehen , der sich gelabt hat , und nur so ist er gewiß , immer von Genießenden umgeben zu sein . Will man die Menschen ergötzen , hörte ich ihn sagen , so muß man ihnen das zu verleihen suchen , was sie selten oder nie zu erlangen im Falle sind . « Auf dem Rückwege brachte ein unerwarteter Schlag die Gesellschaft in einige Gemütsbewegung . Hersilie sagte zu dem neben ihr reitenden Felix : » Sieh dort , was mögen das für Blumen sein ? sie decken die ganze Sommerseite des Hügels , ich hab ' sie noch nie gesehen . « Sogleich regte Felix sein Pferd an , sprengte auf die Stelle los und war im Zurückkommen mit einem ganzen Büschel blühender Kronen , die er von weitem schüttelte , als er auf einmal mit dem Pferde verschwand . Er war in einen Graben gestürzt . Sogleich lösten sich zwei Reiter von der Gesellschaft ab , nach dem Punkte hinsprengend . Wilhelm wollte aus dem Wagen , Juliette verbat es : » Hülfe ist schon bei ihm , und unser Gesetz ist in solchen Fällen , daß nur der Helfende sich von der Stelle regen darf ; der Chirurg ist schon dorten . « Hersilie hielt ihr Pferd an : » Jawohl « , sagte sie , » Leibärzte braucht man nur selten , Wundärzte jeden Augenblick . « Schon sprengte Felix mit verbundenem Kopfe wieder heran , die blühende Beute festhaltend und hoch emporzeigend . Mit Selbstgefälligkeit reichte er den Strauß seiner Herrin zu , dagegen gab ihm Hersilie ein buntes , leichtes Halstuch . » Die weiße Binde kleidet dich nicht « , sagte sie , » diese wird schon lustiger aussehen . « Und so kamen sie zwar beruhigt , aber teilnehmender gestimmt nach Hause . Es war spät geworden , man trennte sich in freundlicher Hoffnung morgenden Wiedersehens ; der hier folgende Briefwechsel aber erhielt unsern Freund noch einige Stunden nachdenklich und wach . Lenardo an die Tante Endlich erhalten Sie nach drei Jahren den ersten Brief von mir , liebe Tante , unserer Abrede gemäß , die freilich wunderlich genug war . Ich wollte die Welt sehen und mich ihr hingeben und wollte für diese Zeit meine Heimat vergessen , von der ich kam , zu der ich wieder zurückzukehren hoffte . Den ganzen Eindruck wollte ich behalten , und das einzelne sollte mich in die Ferne nicht irremachen . Indessen sind die nötigen Lebenszeichen von Zeit zu Zeit hin und her gegangen . Ich habe Geld erhalten , und kleine Gaben für meine Nächsten sind Ihnen indessen zur Austeilung überliefert worden . An den überschickten Waren konnten Sie sehen , wo und wie ich mich befand . An den Weinen hat der Onkel meinen jedesmaligen Aufenthalt gewiß herausgekostet ; dann die Spitzen , die Quodlibets , die Stahlwaren haben meinen Weg , durch Brabant über Paris nach London , für die Frauenzimmer bezeichnet ; und so werde ich auf Ihren Schreib- , Näh- und Teetischen , an Ihren Negligés und Festkleidern gar manches Merkzeichen finden , woran ich meine Reiseerzählung knüpfen kann . Sie haben mich begleitet , ohne von mir zu hören , und sind vielleicht nicht einmal neugierig , etwas weiter zu erfahren . Mir hingegen ist höchst nötig , durch Ihre Güte zu vernehmen , wie es in dem Kreise steht , in den ich wieder einzutreten im Begriff bin . Ich möchte wirklich aus der Fremde wie ein Fremder hineinkommen , der , um angenehm zu sein , sich erst erkundigt , was man in dem Hause will und mag , und sich nicht einbildet , daß man ihn wegen seiner schönen Augen oder Haare gerade nach seiner eigenen Weise empfangen müsse . Schreiben Sie mir daher vom guten Onkel , von den lieben Nichten , von sich selbst , von unsern Verwandten , nähern und fernern , auch von alten und neuen Bedienten . Genug , lassen Sie Ihre geübte Feder , die Sie für Ihren Neffen so lange nicht eingetaucht , auch einmal zu seinen Gunsten auf dem Papiere hinwalten . Ihr unterrichtendes Schreiben soll zugleich mein Kreditiv sein , mit dem ich mich einstelle , sobald ich es erhalten habe . Es hängt also von Ihnen ab , mich in Ihren Armen zu sehen . Man verändert sich viel weniger , als man glaubt , und die Zustände bleiben sich auch meistens sehr ähnlich . Nicht was sich verändert hat , sondern was geblieben ist , was allmählich zu- und abnahm , will ich auf einmal wieder erkennen und mich selbst in einem bekannten Spiegel wieder erblicken . Grüßen Sie herzlich alle die Unsrigen und glauben Sie , daß in der wunderlichen Art meines Außenbleibens und Zurückkommens so viel Wärme enthalten sei als manchmal nicht in stetiger Teilnahme und lebhafter Mitteilung . Tausend Grüße jedem und allen ! Nachschrift Versäumen Sie nicht , beste Tante , mir auch von unsern Geschäftsmännern ein Wort zu sagen , wie es mit unsern Gerichtshaltern und Pachtern steht . Was ist mit Valerinen geworden , der Tochter des Pachters , den unser Onkel kurz vor meiner Abreise , zwar mit Recht , aber doch , dünkt mich , mit ziemlicher Härte austrieb ? Sie sehen , ich erinnere mich noch manches Umstandes ; ich weiß wohl noch alles . Über das Vergangene sollen Sie mich examinieren , wenn Sie mir das Gegenwärtige mitgeteilt haben . Die Tante an Julietten Endlich , liebe Kinder , ein Brief von dem dreijährigen Schweiger . Was doch die wunderlichen Menschen wunderlich sind ! Er glaubt , seine Waren und Zeichen seien so gut als ein einziges gutes Wort , das der Freund dem Freunde sagen oder schreiben kann . Er bildet sich wirklich ein , im Vorschuß zu stehen , und will nun von unserer Seite das zuerst geleistet haben , was er uns von der seinigen so hart und unfreundlich versagte . Was sollen wir tun ? Ich für meinen Teil würde gleich in einem langen Brief seinen Wünschen entgegenkommen , wenn sich mein Kopfweh nicht anmeldete , das mich gegenwärtiges Blatt kaum zu Ende schreiben läßt . Wir verlangen ihn alle zu sehen . Übernehmt , meine Lieben , doch das Geschäft . Bin ich hergestellt , eh Ihr geendet habt , so will ich das Meinige beitragen . Wählt Euch die Personen und die Verhältnisse , wie Ihr sie am liebsten beschreibt . Teilt Euch darein . Ihr werdet alles besser machen als ich selbst . Der Bote bringt mir doch von Euch ein Wort zurück ? Juliette an die Tante Wir haben gleich gelesen , überlegt und sagen mit dem Boten unsere Meinung , jede besonders , wenn wir erst zusammen versichert haben , daß wir nicht so gutmütig sind wie unsere liebe Tante gegen den immer verzogenen Neffen . Nachdem er seine Karten drei Jahre vor uns verborgen gehalten hat und noch verborgen hält , sollen wir die unsrigen auflegen und ein offenes Spiel gegen ein verdecktes spielen . Das ist keinesweges billig , und doch mag es hingehen ; denn der Feinste betriegt sich oft , gerade weil er zu viel sichert . Nur über die Art und Weise sind wir nicht einig , was und wie man ' s ihm senden soll . Zu schreiben , wie man über die Seinigen denkt , das ist für uns wenigstens eine wunderliche Aufgabe . Gewöhnlich denkt man über sie nur in diesem und jenem Falle , wenn sie einem besonderes Vergnügen oder Verdruß machen . Übrigens läßt jeder den andern gewähren . Sie könnten es allein , liebe Tante ; denn Sie haben die Einsicht und die Billigkeit zugleich . Hersilie , die , wie Sie wissen , leicht zu entzünden ist , hat mir in der Geschwindigkeit die ganze Familie aus dem Stegreif ins Lustige rezensiert ; ich wollte , daß es auf dem Papier stünde , um Ihnen selbst bei Ihren Übeln ein Lächeln abzugewinnen ; aber nicht , daß man es ihm schickte . Mein Vorschlag ist jedoch , ihm unsere Korrespondenz dieser drei Jahre mitzuteilen ; da mag er sich durchlesen , wenn er Mut hat , oder mag kommen , um zu sehen , was er nicht lesen mag . Ihre Briefe an mich , liebe Tante , sind in der besten Ordnung und stehen gleich zu Befehl . Dieser Meinung tritt Hersilie nicht bei ; sie entschuldigt sich mit der Unordnung ihrer Papiere u.s.w. , wie sie Ihnen selbst sagen wird . Hersilie an die Tante Ich will und muß sehr kurz sein , liebe Tante , denn der Bote zeigt sich unartig ungeduldig . Ich finde es eine übermäßige Gutmütigkeit und gar nicht am Platz , Lenardon unsere Briefe mitzuteilen . Was braucht er zu wissen , was wir Gutes von ihm gesagt haben , was braucht er zu wissen , was wir Böses von ihm sagten , um aus dem letzten noch mehr als dem ersten herauszufinden , daß wir ihm gut sind ! Halten Sie ihn kurz , ich bitte Sie . Es ist so was Abgemessenes und Anmaßliches in dieser Forderung , in diesem Betragen , wie es die Herren meistens haben , wenn sie aus fremden Ländern kommen . Sie halten die daheim Gebliebenen immer nicht für voll . Entschuldigen Sie sich mit Ihrem Kopfweh . Er wird schon kommen ; und wenn er nicht käme , so warten wir noch ein wenig . Vielleicht fällt es ihm alsdann ein , auf eine sonderbare , geheime Weise sich bei uns zu introduzieren , uns unerkannt kennen zu lernen , und was nicht alles in den Plan eines so klugen Mannes eingreifen könnte . Das müßte doch hübsch und wunderbar sein ! das dürfte allerlei Verhältnisse hervorbringen , die bei einem so diplomatischen Eintritt in seine Familie , wie er ihn jetzt vorhat , sich unmöglich entwickeln können . Der Bote ! der Bote ! Ziehen Sie Ihre alten Leute besser , oder schicken Sie junge . Diesem ist weder mit Schmeichelei noch mit Wein beizukommen . Leben Sie tausendmal wohl ! Nachschrift um Nachschrift Sagen Sie mir , was will der Vetter in seiner Nachschrift mit Valerinen ? Diese Frage ist mir doppelt aufgefallen . Es ist die einzige Person , die er mit Namen nennt . Wir andern sind ihm Nichten , Tanten , Geschäftsträger ; keine Personen , sondern Rubriken . Valerine , die Tochter unseres Gerichtshalters ! Freilich ein blondes , schönes Kind , das dem Herrn Vetter vor seiner Abreise mag in die Augen geleuchtet haben . Sie ist verheiratet , gut und glücklich ; das brauche ich Ihnen nicht zu sagen . Aber er weiß es so wenig , als er sonst etwas von uns weiß . Vergessen Sie ja nicht , ihm gleichfalls in einer Nachschrift zu melden : Valerine sei täglich schöner geworden und habe auch deshalb eine sehr gute Partie getan . Sie sei die Frau eines reichen Gutsbesitzers . Verheiratet sei die schöne Blondine . Machen Sie es ihm recht deutlich . Nun aber , liebe Tante , ist das noch nicht alles . Wie er sich der blonden Schönheit so genau erinnern und sie mit der Tochter des liederlichen Pachters , einer wilden Hummel von Brünette , verwechseln kann , die Nachodine hieß und die wer weiß wohin geraten ist , das bleibt mir völlig unbegreiflich und intrigiert mich ganz besonders . Denn es scheint doch , der Herr Vetter , der sein gutes Gedächtnis rühmt , verwechselt Namen und Personen auf eine sonderbare Weise . Vielleicht fühlt er diesen Mangel und will das Erloschene durch Ihre Schilderung wieder auffrischen . Halten Sie ihn kurz , ich bitte Sie ; aber suchen Sie zu erfahren , wie es mit den Valerinen und Nachodinen steht und was für Inen , Trinen vielleicht noch alle sich in seiner Einbildungskraft erhalten haben , indessen die Etten und Ilien daraus verschwunden sind . Der Bote ! der verwünschte Bote ! Die Tante den Nichten ( Diktiert ) Was soll man sich viel verstellen gegen die , mit denen man sein Leben zuzubringen hat ! Lenardo mit allen seinen Eigenheiten verdient Zutrauen . Ich schicke ihm Eure beiden Briefe ; daraus lernt er Euch kennen , und ich hoffe , wir andern werden unbewußt eine Gelegenheit ergreifen , uns auch nächstens ebenso vor ihm darzustellen . Lebet wohl ! ich leide sehr . Hersilie an die Tante Was soll man sich viel verstellen gegen die , mit denen man sein Leben zubringt ! Lenardo ist ein verzogener Neffe . Es ist abscheulich , daß Sie ihm unsere Briefe schicken . Er wird uns daraus nicht kennen lernen , und ich wünsche mir nur Gelegenheit , mich nächstens von einer andern Seite darzustellen . Sie machen andere viel leiden , indem Sie leiden und blind lieben . Baldige Besserung Ihrer Leiden ! Ihrer Liebe ist nicht zu helfen . Die Tante an Hersilien Dein letztes Zettelchen hätte ich auch mit an Lenardo eingepackt , wenn ich überhaupt bei dem Vorsatz geblieben wäre , den mir meine inkorrigible Neigung , mein Leiden und die Bequemlichkeit eingegeben hatten . Eure Briefe sind nicht fort . Wilhelm an Natalien Der Mensch ist ein geselliges , gesprächiges Wesen ; seine Lust ist groß , wenn er Fähigkeiten ausübt , die ihm gegeben sind , und wenn auch weiter nichts dabei herauskäme . Wie oft beklagt man sich in Gesellschaft , daß einer den andern nicht zum Worte kommen läßt , und ebenso kann man sagen , daß einer den andern nicht zum Schreiben kommen ließe , wenn nicht das Schreiben gewöhnlich ein Geschäft wäre , das man einsam und allein abtun muß . Wie viel die Menschen schreiben , davon hat man gar keinen Begriff . Von dem , was davon gedruckt wird , will ich gar nicht reden , ob es gleich schon genug ist . Was aber an Briefen und Nachrichten und Geschichten , Anekdoten , Beschreibungen von gegenwärtigen Zuständen einzelner Menschen in Briefen und größeren Aufsätzen in der Stille zirkuliert , davon kann man sich nur eine Vorstellung machen , wenn man in gebildeten Familien eine Zeitlang lebt , wie es mir jetzt geht . In der Sphäre , in der ich mich gegenwärtig befinde , bringt man beinahe so viel Zeit zu , seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen , womit man sich beschäftigt , als man Zeit sich zu beschäftigen selbst hatte . Diese Bemerkung , die sich mir seit einigen Tagen aufdringt , mache ich um so lieber , als mir die Schreibseligkeit meiner neuen Freunde Gelegenheit verschafft , ihre Verhältnisse geschwind und nach allen Seiten hin kennen zu lernen . Man vertraut mir , man gibt mir einen Pack Briefe , ein paar Hefte Reisejournale , die Konfessionen eines Gemüts , das noch nicht mit sich selbst einig ist , und so bin ich in kurzem überall zu Hause . Ich kenne die nächste Gesellschaft ; ich kenne die Personen , deren Bekanntschaft ich machen werde , und weiß von ihnen beinahe mehr als sie selbst , weil sie denn doch in ihren Zuständen befangen sind und ich an ihnen vorbeischwebe , immer an deiner Hand , mich mit dir über alles besprechend . Auch ist es meine erste Bedingung , ehe ich ein Vertrauen annehme , daß ich dir alles mitteilen dürfe . Hier also einige Briefe , die dich in den Kreis einführen werden , in dem ich mich gegenwärtig herumdrehe , ohne mein Gelübde zu brechen oder zu umgehen . Siebentes Kapitel Am frühsten Morgen fand sich unser Freund allein in die Galerie und ergötzte sich an so mancher bekannten Gestalt ; über die Unbekannten gab ihm ein vorgefundener Katalog den erwünschten Aufschluß . Das Porträt wie die Biographie haben ein ganz eigenes Interesse ; der bedeutende Mensch , den man sich ohne Umgebung nicht denken kann , tritt einzeln abgesondert heraus und stellt sich vor uns wie vor einen Spiegel ; ihm sollen wir entschiedene Aufmerksamkeit zuwenden , wir sollen uns ausschließlich mit ihm beschäftigen , wie er behaglich vor dem Spiegelglas mit sich beschäftiget ist . Ein Feldherr ist es , der jetzt das ganze Heer repräsentiert , hinter den so Kaiser als Könige , für die er kämpft , ins Trübe zurücktreten . Der gewandte Hofmann steht vor uns , eben als wenn er uns den Hof machte , wir denken nicht an die große Welt , für die er sich eigentlich so anmutig ausgebildet hat . Überraschend war sodann unserm Beschauer die Ähnlichkeit mancher längst vorübergegangenen mit lebendigen , ihm bekannten und leibhaftig gesehenen Menschen , ja Ähnlichkeit mit ihm selbst ! Und warum sollten sich nur Zwillingsmenächmen aus einer Mutter entwickeln ? Sollte die große Mutter der Götter und Menschen nicht auch das gleiche Gebild aus ihrem fruchtbaren Schoße gleichzeitig oder in Pausen hervorbringen können ? Endlich durfte denn auch der gefühlvolle Beschauer sich nicht leugnen , daß manches anziehende , manches Abneigung erweckende Bild vor seinen Augen vorüberschwebe . In solchem Betrachten überraschte ihn der Hausherr , mit dem er sich über diese Gegenstände freimütig unterhielt und hiernach dessen Gunst immer mehr zu gewinnen schien . Denn er ward freundlich in die innern Zimmer geführt , wo er köstliche Bilder bedeutender Männer des sechzehnten Jahrhunderts sah , in vollständiger Gegenwart , wie sie für sich leibten und lebten , ohne sich etwa im Spiegel oder im Zuschauer zu beschauen , sich selbst gelassen und genügend , nur durch ihr Dasein wirkend , nicht durch irgendein Wollen oder Vornehmen . Der Hausherr , zufrieden , daß der Gast eine so reich herangebrachte Vergangenheit vollkommen zu schätzen wußte , ließ ihn Handschriften sehen von manchen Personen , über die sie vorher in der Galerie gesprochen hatten ; sogar zuletzt Reliquien , von denen man gewiß war , daß der frühere Besitzer sich ihrer bedient , sie berührt hatte . » Dies ist meine Art von Poesie « , sagte der Hausherr lächelnd ; » meine Einbildungskraft muß sich an etwas festhalten ; ich mag kaum glauben , daß etwas gewesen sei , was nicht noch da ist . Über solche Heiltümer vergangener Zeit suche ich mir die strengsten Zeugnisse zu verschaffen , sonst würden sie nicht aufgenommen . Am schärfsten werden schriftliche Überlieferungen geprüft ; denn ich glaube wohl , daß der Mönch die Chronik geschrieben hat , wovon er aber zeugt , daran glaube ich selten . « Zuletzt legte er Wilhelmen ein weißes Blatt vor mit Ersuchen um einige Zeilen , doch ohne Unterschrift ; worauf der Gast durch eine Tapetentüre sich in den Saal entlassen und an der Seite des Kustode fand . » Es freut mich « , sagte dieser , » daß Sie unserm Herrn wert sind ; schon daß Sie zu dieser Türe herauskommen , ist ein Beweis davon . Wissen Sie aber , wofür er Sie hält ? Er glaubt einen praktischen Pädagogen in Ihnen zu sehen , den Knaben vermutet er von vornehmem Hause , Ihrer Führung anvertraut , um mit rechtem Sinn sogleich in die Welt und ihre mannigfaltigen Zustände nach Grundsätzen frühzeitig eingeweiht zu werden . « » Er tut mir zu viel Ehre an « , sagte der Freund , » doch will ich dies Wort nicht vergebens gehört haben . « Beim Frühstück , wo er seinen Felix schon um die Frauenzimmer beschäftigt fand , eröffneten sie ihm den Wunsch : er möge , da er nun einmal nicht zu halten sei , sich zu der edlen Tante Makarie begeben und vielleicht von da zum Vetter , um das wunderliche Zaudern aufzuklären . Er werde dadurch sogleich zum Gliede ihrer Familie , erzeige ihnen allen einen entschiedenen Dienst und trete mit Lenardo ohne große Vorbereitung in ein zutrauliches Verhältnis . Er jedoch versetzte dagegen : » Wohin Sie mich senden , begeb ' ich mich gern ; ich ging aus , zu schauen und zu denken ; bei Ihnen habe ich mehr erfahren und gelernt , als ich hoffen durfte , und bin überzeugt , auf dem nächsten eingeleiteten Wege werd ' ich mehr , als ich erwarten kann , gewahr werden und lernen . « » Und du artiger Taugenichts ! Was wirst denn du lernen ? « fragte Hersilie , worauf der Knabe sehr keck erwiderte : » Ich lerne schreiben , damit ich dir einen Brief schicken kann , und reiten wie keiner , damit ich immer gleich wieder bei dir bin . « Hierauf sagte Hersilie bedenklich : » Mit meinen zeitbürtigen Verehrern hat es mir niemals recht glücken wollen , es scheint , daß die folgende Generation mich nächstens entschädigen will . « Nun aber empfinden wir mit unserm Freunde , wie schmerzlich die Stunde des Abschieds herannaht , und mögen uns gern von den Eigenheiten seines trefflichen Wirtes , von den Seltsamkeiten des außerordentlichen Mannes einen deutlichen Begriff machen . Um ihn aber nicht falsch zu beurteilen , müssen wir auf das Herkommen , auf das Herankommen dieser schon zu hohen Jahren gelangten würdigen Person unsere Aufmerksamkeit richten . Was wir ausfragen konnten , ist folgendes : Sein Großvater lebte als tätiges Glied einer Gesandtschaft in England , gerade in den letzten Jahren des erhabenen William Penn . Das hohe Wohlwollen , die reinen Absichten , die unverrückte Tätigkeit eines so vorzüglichen Mannes , der Konflikt , in den er deshalb mit der Welt geriet , die Gefahren und Bedrängnisse , unter denen der Edle zu erliegen schien , erregten in dem empfänglichen Geiste des jungen Mannes ein entschiedenes Interesse ; er verbrüderte sich mit der Angelegenheit und zog endlich selbst nach Amerika . Der Vater so unseres Herrn ist in Philadelphia geboren , und beide rühmten sich , beigetragen zu haben , daß eine allgemein freiere Religionsübung in den Kolonien stattfand . Hier entwickelte sich die Maxime , daß eine in sich abgeschlossene , in Sitten und Religion herkömmlich übereinstimmende Nation vor aller fremden Einwirkung , vor aller Neuerung sich wohl zu hüten habe ; daß aber da , wo man auf frischem Boden viele Glieder von allen Seiten her zusammenberufen will , möglichst unbedingte Tätigkeit im Erwerb und freier Spielraum der allgemein-sittlichen und religiösen Vorstellungen zu vergönnen sei . Der lebhafte Trieb nach Amerika im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war groß , indem ein jeder , der sich diesseits einigermaßen unbequem befand , sich drüben in Freiheit zu setzen hoffte ; dieser Trieb ward genährt durch wünschenswerte Besitzungen , die man erlangen konnte , ehe sich noch die Bevölkerung weiter nach Westen verbreitete . Ganze sogenannte Grafschaften standen noch zu Kauf an der Grenze des bewohnten Landes , auch der Vater unseres Herrn hatte sich dort bedeutend angesiedelt . Wie aber in den Söhnen sich oft ein Widerspruch hervortut gegen väterliche Gesinnungen und Einrichtungen , so zeigte sich ' s auch hier . Unser Hausherr , als Jüngling nach Europa gelangt , fand sich hier ganz anders ; diese unschätzbare Kultur , seit mehreren tausend Jahren entsprungen , gewachsen , ausgebreitet , gedämpft , gedrückt , nie ganz erdrückt , wieder aufatmend , sich neu belebend , und nach wie vor in unendlichen Tätigkeiten hervortretend , gab ihm ganz andere Begriffe , wohin die Menschheit gelangen kann . Er zog vor , an den großen , unübersehlichen Vorteilen sein Anteil hinzunehmen und lieber in der großen , geregelt tätigen Masse mitwirkend sich zu verlieren , als drüben über dem Meere um Jahrhunderte verspätet den Orpheus und Lykurg zu spielen ; er sagte : » Überall bedarf der Mensch Geduld , überall muß er Rücksicht nehmen , und ich will mich doch lieber mit meinem Könige abfinden , daß er mir diese oder jene Gerechtsame zugestehe , lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen , daß sie mir gewisse Beschränkungen erlassen , wenn ich ihnen von einer andern Seite nachgebe , als daß ich mich mit den Irokesen herumschlage , um sie zu vertreiben , oder sie durch Kontrakte betriege , um sie zu verdrängen aus ihren Sümpfen , wo man von Moskitos zu Tode gepeinigt wird . « Er übernahm die Familiengüter , wußte sie freisinnig zu behandeln , sie wirtschaftlich einzurichten , weite , unnütz scheinende Nachbardistrikte klüglich anzuschließen und so sich innerhalb der kultivierten Welt , die in einem gewissen Sinne auch gar oft eine Wildnis genannt werden kann , ein mäßiges Gebiet zu erwerben und zu bilden , das für die beschränkten Zustände immer noch utopisch genug ist . Religionsfreiheit ist daher in diesem Bezirk natürlich , der öffentliche Kultus wird als ein freies Bekenntnis angesehen , daß man in Leben und Tod zusammengehöre ; hiernach aber wird sehr darauf gesehen , daß niemand sich absondere . Man wird in den einzelnen Ansiedelungen mäßig große Gebäude gewahr ; dies ist der Raum , den der Grundbesitzer jeder Gemeinde schuldig ist ; hier kommen die Ältesten zusammen , um sich zu beraten , hier versammeln sich die Glieder , um Belehrung und fromme Ermunterung zu vernehmen . Aber auch zu heiterm Ergötzen ist dieser Raum bestimmt : hier werden die hochzeitlichen Tänze aufgeführt und der Feiertag mit Musik geschlossen . Hierauf kann uns die Natur selbst führen . Bei heiterer Witterung sehen wir gewöhnlich unter derselben Linde die Ältesten im Rat , die Gemeinde zur Erbauung und die Jugend im Tanze sich schwenkend . Auf ernstem Lebensgrunde zeigt sich das Heitere so schön , Ernst und Heiligkeit mäßigen die Lust , und nur durch Mäßigung erhalten wir uns . Ist die Gemeinde anderes Sinnes und wohlhabend genug , so steht es ihr frei , verschiedene Baulichkeiten den verschiedenen Zwecken zu widmen . Wenn aber dies alles aufs Öffentliche und gemeinsam Sittliche berechnet ist , so bleibt die eigentliche Religion ein Inneres , ja Individuelles , denn sie hat ganz allein mit dem Gewissen zu tun , dieses soll erregt , soll beschwichtigt werden . Erregt , wenn es stumpf , untätig , unwirksam dahinbrütet , beschwichtigt , wenn es durch reuige Unruhe das Leben zu verbittern droht . Denn es ist ganz nah mit der Sorge verwandt , die in den Kummer überzugehen droht , wenn wir uns oder andern durch eigene Schuld ein Übel zugezogen haben . Da wir aber zu Betrachtungen , wie sie hier gefordert werden , nicht immer aufgelegt sind , auch nicht immer aufgeregt sein mögen , so ist hiezu der Sonntag bestimmt , wo alles , was den Menschen drückt , in religioser , sittlicher , geselliger , ökonomischer Beziehung , zur Sprache kommen muß . » Wenn Sie eine Zeitlang bei uns blieben « , sagte Juliette , » so würde auch unser Sonntag Ihnen nicht mißfallen . Übermorgen früh würden Sie eine große Stille bemerken ; jeder bleibt einsam und widmet sich einer vorgeschriebenen Betrachtung . Der Mensch ist ein beschränktes Wesen ; unsere Beschränkung zu überdenken , ist der Sonntag gewidmet . Sind es körperliche Leiden , die wir im Lebenstaumel der Woche vielleicht gering achteten , so müssen wir am Anfang der neuen alsobald den Arzt aufsuchen ; ist unsere Beschränkung ökonomisch und sonst bürgerlich , so sind unsere Beamten verpflichtet , ihre Sitzungen zu halten ; ist es geistig , sittlich , was uns verdüstert , so haben wir uns an einen Freund , an einen Wohldenkenden zu wenden , dessen Rat , dessen Einwirkung zu erbitten : genug , es ist das Gesetz , daß niemand eine Angelegenheit , die ihn beunruhigt oder quält , in die neue Woche hinübernehmen dürfe . Von drückenden Pflichten kann uns nur die gewissenhafteste Ausübung befreien und was gar nicht aufzulösen ist , überlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen . Auch der Oheim selbst unterläßt nicht solche Prüfung , es sind sogar Fälle , wo er mit uns vertraulich über eine Angelegenheit gesprochen hat , die er im Augenblick nicht überwinden konnte ; am meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen Tante , die er von Zeit zu Zeit besuchend angeht . Auch pflegt er Sonntag abends zu fragen , ob alles rein gebeichtet und abgetan worden . Sie sehen hieraus , daß wir alle Sorgfalt anwenden , um nicht in Ihren Orden , nicht in die Gemeinschaft der Entsagenden aufgenommen zu werden . « » Es ist ein sauberes Leben ! « rief Hersilie ; » wenn ich mich alle acht Tage resigniere , so hab ' ich es freilich bei dreihundertundfünfundsechzigen zugute . « Vor dem Abschiede jedoch erhielt unser