. Sie fuhr erschrocken zurück . » Wir fahren der Sonne nicht entgegen « , sagte sie fast vernichtet , » gegen Abend kann Frankfurt nicht liegen . Wohin führt ihr mich ? « fragte sie stärker und faßte krampfhaft die Hand meines Vaters . Die Stimme versagte ihm den Dienst . » Wohin führt ihr mich ? Virginia , bei deiner Seligkeit ! wohin ? « - » Nach Monthameau « , stammelte ich leise . Sie warf irre Blicke wechselnd auf uns . » Dort kann er nicht sein « , stieß sie endlich hervor , » er ist tot . « - » Du sagst es « , brachte mühsam mein Vater hervor , indem er erschöpft zurücksank und das Gesicht mit seinem Tuche verhüllte . Auch mich laß eine Hülle über diese schreckliche Szene werfen . Den höchsten Schmerz vermag keine Feder zu beschreiben , wie ihn kein Pinsel zu malen wagen sollte . O Adele , wie leicht trägt sich eigenes Leiden gegen das zerreißende Mitgefühl bei dem Schmerze geliebter Personen ! Der Jammer meines eigenen frischblutenden Herzens wurde in jenen Stunden kaum von mir empfunden . Anfangs wollte die Mutter , als sie wieder zu einiger Besinnung kam , durchaus umkehren , sie wollte Mucius nicht sehn . » Willst du den treuen Pfleger deines Sohnes nicht an dein Herz schließen ? « fragte mein Vater sanft verweisend , » willst du den treuen Jüngling nicht hören , der dir die letzten Grüße seines Bruders bringt ? willst du nicht hören , wie er starb ? « Diese Vorstellungen wirkten , und wir kamen gegen Abend in Monthameau an . Bleicher Schrecken malte sich auf allen Gesichtern , als man uns erblickte . Mucius glühete einen Augenblick auf in Freude , als er , beim Eintritt in das Zimmer , mich erblickte . Aber nur einen Augenblick . Blässe des Todes scheuchte den rötlichen Schimmer hinweg , er stürzte außer sich zu den Füßen meiner Mutter und rief in Tönen der Verzweiflung : » Ich bringe ihn nicht zurück ! « Halb bewußtlos sank die Mutter auf seine Schulter hinab . Alles schluchzte , und es verging eine geraume Zeit , ehe ein Wort die Grabesstille unterbrach . Nach und nach löste sich dann freilich der starre Schmerz in laute Klagen auf . Es wurde gefragt und erzählt , und die Mitternacht rückte heran bei traurigen Gesprächen . Die Natur forderte endlich ihre Rechte , und Schlaf sank auf die müde geweinten Augen herab . Die Morgensonne weckte uns zu neuem Jammer . Mir insbesondre stand der herbe Schmerz der Trennung von Mucius bevor . Du hast noch nie geliebt , meine Adele , Du hast also keine Vorstellung von dem Schmerz , dem Geliebten ein ewiges Lebewohl zu sagen . Ach ! und wir fühlten klar und lebendig , es sei das letztemal für diese Welt , daß unsre Herzen aneinanderschlugen , unser Ohr die süßen Töne der geliebten Lippen vernahm . Aber das Schicksal , das unerbittliche , hatte kein Erbarmen mit unserm Jammer . Es mußte geschieden sein . Mucius mußte dem Regimente nacheilen , der Ehre die Liebe weichen ; er warf sich halb sinnlos auf das Pferd und war in einem Augenblick für immer verschwunden , der leuchtende Stern auf meiner Lebensbahn für immer erloschen ! Marie schloß mich laut weinend in ihre Arme . » Unglückliche Marie ! unglücklichere Virginia ! « rief sie mit tiefem Jammer . » Wir haben ihn beide verloren ! « sagte ich und drückte sie an meine Brust . Mein Vater ergriff zärtlich meine Hand . » Für Virginia fürchte ich nicht « , sagte er mit Vertrauen , » ihr männlicher Geist wird das Unvermeidliche tragen lernen . « Diese einfachen Worte von dem verehrten Munde erhoben meine sinkende Kraft , ich verschloß meinen Gram tief im Busen und vermochte es , mich hülfreich und teilnehmend mit meiner unglücklichen Umgebung zu beschäftigen . Viel lernt der Mensch im Leiden , es ist das eigentliche Seelenbad . Groß ist die Kraft des Menschen , wenn er nur den Willen hat , sie aufzurufen . Nicht den Schlägen des Schicksals erliegt der Mut , er wird nur von der eignen Schwäche gelähmt . Unsre Rückreise war jammervoll , soviel Beruhigung uns auch die weinende Familie des guten Försters nachgewünscht . Noch trostloser war unsre Ankunft in Chaumerive , in den herzlichen Tränen jedes Einwohners spiegelte sich aufs neue unser unersetzlicher Verlust . Meine Mutter kleidete das ganze Haus in Trauer und ließ jeden Morgen eine Seelenmesse für den teuren Toten lesen . Ach , die Ruhe ihrer eignen Seele stellte keine Messe her ! Mein Vater ließ sie gewähren , so wie er die ihr anerzogenen Begriffe nie bestritt . Er hatte den Grundsatz , übersinnliche Dinge müsse jeder nach seiner Einsicht abmachen . Seine eigne Überzeugung hatte sich immer frei von Menschensatzungen erhalten . » Ich wünschte « , sagte er mit leisem Kopfschütteln , » der Glaube der Kirche und ihr vorgeschriebenes Zeremonial könnten dieses liebe gebrochene Herz heilen ! « Er traf gar keine Anstalten für seinen Gram , aber er gab sich emsiger seinen Geschäften hin und suchte mehr als je den Wohlstand und die geistige Ausbildung der Gemeinde zu befördern , und allmählich kehrte eine sanfte Heiterkeit in sein Gemüt zurück . Nur wenn sein Auge auf meine Mutter traf , trübte sich sein Blick . Ich suchte seinem Beispiele zu folgen , auch zwang mich die Lage der Umstände , den tiefen stillen Gram zu zügeln . Meine Mutter wurde immer schwächer , sie nahm an keinem irdischen Geschäfte mehr teil und lebte nur noch ihren Andachtsübungen . Vergebens suchten wir sie auf alle Weise zu erheitern , sie war nicht wieder für das Leben zu gewinnen . Mir lagen nun die Geschäfte des Haushalts ob , und unbeschränkt in diesem Kreise , lernte ich mich bald darein finden . So schwand mir der Winter trübe , aber nicht allzu langsam vorüber . Mucius hatte mehrmals geschrieben ; er war mit seiner Lage nicht zufrieden . Er achtete die Kraft der Spanier und haßte die Triebfedern , wodurch diese gespannt wurde . Dies brachte ihn mit sich selbst in Streit . Sehnlich wünschte er der englischen Macht entgegengeführt zu werden , welcher er , mit ungeteiltem Sinn , feindlich begegnen würde . Übrigens erhob sich sein jugendliches Herz allmählich wieder zur Hoffnung . Er wünschte und rechnete darauf , mich wiederzusehen . Der neue Frühling war hoffnungs- und segensreich in Frankreich eingezogen . Eine hohe Nationalfreude belebte jedermann , bis zu den Hütten herab begrüßte man einander mit frohem Jubel . Ganz Frankreich jauchzte der jungen schönen Kaiserbraut entgegen , diesem sanften Friedensengel , der künftigen Mutter eines starken Geschlechts . Auch in unserm kleinen Kreise wurde fast von nichts als von dieser frohen Begebenheit gesprochen . Mein Vater nahm daran all den Anteil , den er immer an dem Wohl seines Landes und dem Ruhm unsers gekrönten Helden zu nehmen pflegte . Meine Mutter aber schien diese Fröhlichkeit nur zu schmerzen . » Zu spät « , seufzte sie , » mußte ich ein so teures Opfer bringen , damit der Friede einzöge ! « - » Oh , Mutter ! « rief ich im Auflodern meiner alten Begeisterung , » Emil starb , weil seine Tage gezählt waren . Wäre es aber möglich , daß die Gottheit ein Menschenopfer annähme für Frankreichs Frieden , Freiheit und Glück , so wollte ich ja , mit tausend Freuden , noch heute mein Blut tropfenweise dafür vergießen ! « Mein Vater drückte mir schweigend die Hand , meine Mutter sahe mich mit starren Blicken an , schüttelte dann langsam den Kopf , faßte nach ihrem Rosenkranz und versank wieder in stillen Gram . Die Tage der allgemeinen Freude wurden uns Tage der Trauer . Mitten unter den Vermählungsfeierlichkeiten starb meine arme gute Mutter in meinen Armen . Mein Vater kämpfte männlich mit seinem herben Schmerz . Er küßte den kalten Mund der Geliebten mit zärtlicher Wehmut . » Ruhe sanft , holde Klara ! « sagte er , » die Erdenleiden drücken jetzt dein armes Herz nicht mehr , stiller Friede ruht auf deiner reinen Stirn , ich will nicht klagen , da du glücklich bist , ich will mich deines Friedens freuen . « Auch ich empfand wie er , ich weinte um ihren Verlust , aber ich freute mich ihrer Ruhe und schmückte ihren Sarg mit den buntesten Kindern des Frühlings . Ach ! oft noch , wenn ich ihren Hügel mit Rosen umkränzt , habe ich sie glücklich gepriesen , daß der Tod sie so früh gegen die Stürme der Zeit in seine dunkle Wohnung gerettet . Ihrer Seele fehlte die ideale Richtung und der mutige Wille , womit man allein so ungeheure Schicksale zu bestehen vermag . Einsamer und stiller lebten wir nun fort , aber ruhig und heiter . Wir freueten uns des allgemeinen Wohls und strebten nach Kräften , es zu fördern . Mucius ' Briefe blieben im Herbste des Jahres 1810 plötzlich aus , und auch die genauesten Erkundigungen konnten uns keine Nachricht verschaffen . Lange schon war ich auf seinen Verlust vorbereitet , doch schmerzte er mich darum nicht weniger tief . Meine Seele wehrte sich lange , daran zu glauben , bis mehrere zurückkommende Soldaten seines Regiments uns versicherten , sie hätten ihn bei der Einnahme von Victoria auf der Brücke vordringen und , den Adler in der Hand , die Freiwilligen des Korps aufmunternd hinüberführen sehen . Auf der Mitte aber sei er über das niedrige Geländer herabgedrängt und unfehlbar von dem reißenden Strome verschlungen worden , da man ihn nicht wieder gesehen habe . Nun war es entschieden , mir blieb nichts zu hoffen , nichts zu fürchten übrig , so glaubte ich wenigstens und richtete mich an diesem traurigen Troste gewaltsam auf . » Jetzt bin ich nichts als deine Tochter ! « rief ich und warf mich um meines Vaters Hals . » Wir bleiben uns « , sagte er und drückte mich zärtlich an die Brust . Auch er trauerte schmerzlich über den Verlust des wackern Jünglings , er hatte ihn als Sohn geliebt . Wir redeten oft von den lieben Verlorenen und labten uns an der Erinnerung ihres irdischen Daseins . » Das ist das Los des Schönen auf der Erde « , sagte mein Vater , » daß es schnell verblüht ! « So verlebten wir unsere Wintertage . Ich spielte die Harfe fleißiger als je und sang manches neue Lied , das für unsere Lage paßte und meinen Vater erfreuete . Dieser suchte seine Studien wieder hervor , setzte mit mir den Unterricht in den neueren Sprachen eifrig fort oder übersetzte für mich die trefflichsten Stellen der Klassiker . Das Studium der Geschichte , besonders der ältern , füllte regelmäßig unsere Abendstunden , wobei es nicht an Vergleichungen fehlte , welche mancher neuerlich aufgestellten Meinung nicht sehr günstig waren . Ich beschäftigte mich daneben aufs emsigste mit künstlicher Stickerei und Weberei , wobei mich mein Vater lächelnd mit Penelope verglich . Als die Hirtenflöten wieder durch die Täler tönten , hüpfte auch ich wieder kindlich froh über die blumigen Matten . Das leichte Blut meiner Heimat verleugnet sich nicht lange in dem jugendlichen Herzen , es wirft die schwarze , trübe Mischung hinaus und hüpft fröhlich durch die Adern ; so auch bei mir . Wenn ich zum Sternenhimmel aufsah und weinend an meinen Mucius dachte , so entzückte mich doch bald das Flöten der Nachtigallen und der tausendstimmige Chor der Abendvögel umher . Die Balsamdüfte der Blütengebüsche zogen lindernd in meine Brust , und der schmeichelnde Abendwind trocknete mein feuchtes Auge . Wenn ich Blumen pflückte , das Grab der Mutter und Emils teures Bildnis zu kränzen , so erfreute mich ihr Farbenschmelz , und ich wand mir schon wieder spielend diejenigen in das Haar , deren Anblick den Vater erfreute . Seinem Arbeitstische ließ ich sie nimmer fehlen , und bei jeder Mahlzeit schmückte ich sorgsam die Tafel damit . Den Tänzen unserer Dörferinnen entzog ich mich nicht mehr , die Besuche meiner nachbarlichen Gespielinnen erwiderte ich willig und stimmte heiter in die jugendliche Fröhlichkeit ein . Mein Vater freute sich meiner Heiterkeit . Der Mut , womit ich den Gram bekämpfte und dem feindseligen Leben eine freundliche Seite abgewann , lag so ganz in seiner eigenen Seele . Kein Wunder , ich war ja sein Zögling . Wie leicht war es mir damals , mich aufrechtzuerhalten , an eine so starke Stütze gelehnt ! Wie wenig ahndete ich damals , daß das Schicksal mich so bald an meine eigene Kraft verweisen würde ! Die feste Gesundheit und die noch jugendliche Kraft meines Vaters gaben mir kindliche Sicherheit , und Ruhe , Zufriedenheit und Wohlsein herrschten in dem ganzen mir bekannten Lebenskreise . Hätte ich es denken können , daß dies mein letzter froher Frühling , wenigstens der letzte auf meines Frankreichs lieben Fluren , in den blühenden Tälern meiner schönen Provence , sein würde ? Denken konnte ich es nicht , aber meine Seele schien ein dunkles Vorgefühl zu hegen . Denn liebender als je hing ich mich an jeden mir irgend werten Gegenstand , als könnte er mir über Nacht entrissen werden . Mit durstigen Zügen trank ich jede Naturschönheit , jede Frühlingslust , wie der heitere Sterbende noch begierig den Duft der Blüten und die Strahlen des Lichts empfängt . Selbst da blieb ich noch lebensfroh , als schon mein Vater bisweilen besorgt den Kopf schüttelte . Ich hörte wohl von einem neuen Kriegeszuge gegen Norden , aber ich hatte ja dabei nichts zu verlieren . Ich war unter Kriegern aufgewachsen , wie Frankreichs ganze Jugend ; uns konnte das Wort Krieg nicht in dem Grade erschrecken , als es wohl Völker erschreckt , welche lange der Ruhe des Friedens genossen . Frankreich war im Innren glücklich und blickte vertrauend und sicher auf seinen kühnen Helden . Das Heer liebte den Kampf , und die jungen Konskribierten ergänzten es im Gefühl der Nationalehre meistens mit viel gutem Willen . Fand sich mitunter eine Ausnahme , so nannte meistenteils die öffentliche Meinung seinen Namen höchst mißbilligend . » Frankreichs Sicherheit in seiner Macht ! « das war seit fast zwanzig Jahren das Losungswort . Die Nachwelt wird richten , wenn ein Irrtum dabei obgewaltet , sie wird scheiden , was die Umstände , was Willkür herbeigeführt , was Ehrgeiz , was Notwehr . Aber nur erst an ferne Jahrhunderte kann der Unterdrückte appellieren , die Gegenwart hat die Gläser zu stark gefärbt . - Mir schien für den Augenblick das Unternehmen gigantisch und fabelhaft , ein neuer Alexanderzug nach Indien . Aber auf welchem Wege ? mir schauderte , wenn ich mir ihn malte ! tief hinein nach Norden , durch Rußlands Schneegefilde , durch seine menschenleeren , ewig wüsten Steppen . Wie dankte ich Gott , daß nicht Mucius , nicht Emil diesen abenteuerlichen Zug begleiten durften , welchen ich mir so gefahrvoll und schrecklich dachte . Nichtsdestoweniger wurde meine fruchtbare Einbildungskraft diesmal noch von der Wirklichkeit übertroffen ; ein seltner Fall . Doch tröstete ich mich wieder damit , daß ganz Deutschland mit uns im Bunde war . Diese Nachbarn des eisigen Nordens waren ja mit seinen Beschwerlichkeiten vertraut , wußten ihnen zu begegnen und konnten unsern Kriegern sehr hülfreich sein . Sommer und Herbst des Jahres 1812 verstrichen uns abwechselnd unter Beschäftigungen und Vergnügen . Man trank in dem lieblichen Weine der vorigen Lese die Gesundheit der Heerführer und manches einzelnen Kriegers , man hoffte zuversichtlich , sie bald und siegreich wiederzusehn , nur mein Vater schien leise Zweifel zu hegen . Er hatte in einem Briefe an Victor , welcher jetzt einen hohen Rang bekleidete , seine Besorgnisse ausgesprochen . » Bah ! « antwortete dieser , » es ist ja nicht unser Lehrwerk ! « - » Die Sehne wird zu lang gedehnt « , sagte mein Vater , » der Stützpunkt ist zu fern , sie reißt . « - » Denken Sie an die Römerzüge nach dem entfernten Albion « , tröstete unser Abendgenosse , der freundliche Pfarrer . » Und rechnen Sie Polen , welches sich voll Freiheitshoffnung und Rachgefühl erhebt , für nichts ? Es ist als ein zweiter Stützpunkt anzusehn . « - » Zu schwach ! « sagte mein Vater . » Oh , mein Vater ! « rief ich , » in einem Volke , dem dies geboten wurde , muß jeder einzelne ein Held werden . « Mein armes Polen ! nicht erobert , nein , mitten im Frieden durch einige Federstriche mächtiger Nachbarn zerteilt , zerrissen , dann das sträubende Volk gleich einem Rebellenhaufen behandelt . Und gleichwohl beruft man sich auf Moralität und Gerechtigkeit , wenn das Eisen nicht mächtig genug ist . Der Winter trat auch bei uns früher und unfreundlicher ein als gewöhnlich . Jedes rauhe Lüftchen preßte mir einen leisen Seufzer aus . Wie kalt mag es im Norden sein ? dachte ich . Oh , dieser unselige Winter ! Wieviel Tränen hat er Frankreichs Müttern und Bräuten gekostet ! Vernichtet das schönste Heer von Europa ! Die Nachricht traf wie ein Donnerschlag das ganze Reich . Ich erstarrte vor Schrecken und Graus . » Selig sind die Toten ! « rief ich mit aufgehobnen Armen ; » sie haben diese Tage nicht gesehen . « - » Wohl sind sie seligzupreisen ! « sagte mein Vater , und Tränen benetzten sein männliches Auge . » Frankreichs Heldenblüte gefallen , sein kriegerischer Ruhm befleckt ! o Tage des Jammers ! Aber nichts nützen weibische Tränen « , fuhr er fort , sich die Augen trocknend , » es muß gehandelt werden , daß wir uns wieder aufrichten von dem tiefen Fall . In den Tagen der Gefahr muß jeder sich um so fester an den Führer schließen ; nur vereinter , mutiger Wille und aufopfernder Sinn können retten , wo Klügeln und Absondern ins Verderben führen . « Sein männlicher Sinn wurde bald der allgemeine , wenigstens dem Anscheine nach . Der unglückliche Kaiser fand ein treues Volk wieder , welches seinen eigenen Schmerz vergaß , um den verehrten Herrscher zu trösten . Er hatte nichts verloren . Ein neues Heer zog bald dem nahenden Feinde entgegen , und in gespannter Erwartung wendeten sich alle Blicke gen Osten . Deutschland fiel ab von dem Bunde mit uns , diese Vormauer gegen den andringenden Koloß des Nordens war nicht mehr . Tief schmerzte dieser Abfall mein Volk . Mancher schmähte die tapfern Deutschen , doch ich teilte diese Ansicht nicht . Die Deutschen hatten recht , sobald sie bloß den Druck des Augenblicks in Betracht zogen ; und wie konnten sie anders ? Die Last des Krieges hatte jahrelang jeden einzelnen gedrückt , sein Ursprung war vergessen und von der Menge unbeachtet , der Sinn für Freiheit und Menschenrecht allgemeiner und lebhafter geworden . Sie fühlten sich gefesselt , klagten Frankreich deshalb an , erhoben sich in ihrer Kraft , wie einst gegen das Joch der Römer , und siegten wie damals . Gebe Gott , daß ihre blutige Saat ihnen goldene Früchte trage ! Der Volkswille ist mir etwas Ehrenwertes , und deshalb achte ich die daraus entsprungenen Großtaten der Deutschen , wie tief auch die Wunden sind , welche sie mir und meinem Frankreich schlugen . Möge das Gefühl ihrer Kraft nie wieder in ihnen entschlummern , so gelingt ihnen vielleicht einst , was Frankreich vergebens gewollt . Mein Vater sahe dem immer näher sich heranwälzenden Ungewitter des Krieges mit ernsten Blicken entgegen . Er traf Vorkehrungen , welche ich oft nicht ganz begriff , beschränkte unsere Ausgaben und suchte die Einnahme auf jede Weise zu erhöhen , selbst durch Verkäufe , welche nicht völlig den Wert der Dinge erreichten . » Die Zeit wird böse « , sagte er , » man kann der baren Hülfsquellen nicht zuviel haben . « Dabei war er der pünktlichste Zahler jeder öffentlichen Abgabe , der freigebigste bei jedem freiwilligen Beitrage . Alle Vergünstigungen , welche er schon längst den Einwohnern auf unsern Besitzungen zugestanden , suchte er gerichtlich auf Kinder und Kindeskinder hinaus sicherzustellen und bewies darin eine Ängstlichkeit , welche mich in Verwunderung setzte . Überhaupt handelte und redete er oft in dem Sinne eines Sterbenden , der seine Rechnung mit der Welt und dem Himmel abschließt obschon er blühend und in Lebensfülle vor mir stand . Wenn ich ihn dann ängstlich umarmte und ihm fragend ins Auge sahe , blickte er mich heiter an . » Meine Virginia « , sagte er , » wird begreifen , was not tut , wenn es not tut ; und wird tragen , was Pflicht und Ehre gebieten . « - » Oh , mein Vater « , rief ich , » nach so großem Verlust , was kann ich noch verlieren ? « - » Verliere nur dich selbst nicht , so hast du nichts verloren ! « sagte er ernst . Und ewig hallt dies Wort in meiner Seele wider . Es war ein rauher Novembertag , der Sturm heulte durch den Säulengang des Gebäudes und jagte die Blätter der hohen Ulmen an unsern Fenstern vorüber ; wir hatten uns zum freundlich leuchtenden Kamine geflüchtet , als der Pfarrer früher und eiliger als gewöhnlich in das Zimmer trat . » Wissen Sie ? « fragte er ängstlich . » Was ? « fragten wir . » Das Gerücht ist böse « , sagte er stockend , » die Feinde haben den Rheinübergang gewagt und keinen Widerstand gefunden . « Wir schwiegen in starrer Bestürzung . » So erfüllt sie sich denn « , brach endlich mein Vater aus , » jene dunkle Ahndung , welche ich bisher wie ein formloses Nachtgespenst auf mich zuschreiten sahe , welche ich weder mir selbst klarzumachen noch andern mitzuteilen wagte ! Jetzt ist es entschieden , und jeder Franzose muß einsehen , daß ihm nur eins zu tun übrigbleibt : jede Faust muß sich bewaffnen , den Thron zu schützen und den eigenen Herd . « Er schwieg und blickte erwartungsvoll auf uns . Mir stockte die Sprache . » Und du , Virginia ? « fragte er nach einer Pause , » du äußerst nichts ? « - » Auch du , mein Vater ? « fragte ich zitternd . » Bin ich nicht des Vaterlandes Sohn ? « sagte er . » Sein edelster ! « rief ich , und mein Mut kehrte wieder . » Ja , mein Vater , ich sehe , was du mußt , und keine weibische Träne soll dich hindern . Sorge nicht um deine Tochter , sie wird zu sterben wissen . « - » Auch zu leben , hoffe ich « , sagte er und zog mich an seine Brust . » Dem Unglücke durch den Tod entlaufen ist eine feige Flucht , sie entehrt , und nur die Schande darf man nicht überleben . Versprich mir , mutig fortzuwirken , dich an die eigene Kraft zu halten , auch wenn die letzte Stütze bricht , und dir selber treu zu bleiben in diesen Zeiten des Verrats . « - » Ich schwöre , mein Vater ! « rief ich schluchzend , » ich schwöre , deiner wert zu bleiben durch alle Zeiten ! « - » Ihr frommer Sinn wird Sie stärken , mein Fräulein « , sagte der wackre Pfarrer . » Virginia trägt das Göttliche im Busen , das über alle Form erhaben ist « , erwiderte mein Vater . Gerührt und begeistert hob ich die Hände gen Himmel und rief : » Ich will ! willst du nur , daß ich wolle . « Nun trieb mein Vater eifrig zu seiner Bewaffnung . Ein Teil unserer Dienerschaft und viele der Einwohner folgten seinem Beispiel . Man hoffte anfangs eine allgemeine Landwehr eingerichtet zu sehn , sie kam aber , wenigstens in unsern südlichen Provinzen , nicht zustande . » So müssen wir denn das Heer verstärken « , sagte mein Vater und machte sich zur Abreise bereit . » Laß mich mit dir gehen , Vater ! « flehte ich . » Weiber gehören nicht in den Kampf « , sagte er , » ihre Teilnahme an kriegerischen Auftritten ist eine Unnatur , welche sich nur entschuldigen läßt , wenn sie unfreiwillig dazu gezwungen werden . « - » Auch erbebt mein Inneres vor Blut und Mord « , erwiderte ich ; » aber laß mich dir wenigstens nahe sein , daß ich oft von dir höre , du bist ja mein alles auf der Welt . « - » Nun wohl « , entgegnete er , » wir reisen zusammen , zuvörderst nach Paris . Dies ist der Punkt , wohin die Feinde streben , das Herz des Staats , von dort muß auch die Verteidigung ausgehn . Der alte ehrliche Antoine und deine treue Manon sollen uns begleiten . « - Ich traf meine Anstalten , und der Vater versah mich reichlich mit Gelde für eine lange Abwesenheit . Am Abend vor unserer Abreise befahl er mir , die Leute zeitig zur Ruhe zu schicken und , wenn alles schliefe , auf sein Zimmer zu kommen ; ich gehorchte . Als ich bei ihm eintrat , hatte er ein Kästchen offen auf dem Tische stehen . » Siehe , Virginia « , sagte er , » hier ist , was ich längst für Zeiten der Not gespart , unsre einfache Lebensweise machte mir es möglich . Hier sind fünftausend Napoleondor und eine gleiche Summe in amerikanischen Staatspapieren . Sollte ich das Ende dieses Kampfes für unsre Unabhängigkeit nicht erleben und das Vaterland sich in Geldverlegenheit befinden , dann hilf du statt meiner ; gib dem Kaiser , was des Kaisers ist , unter der von ihm hergestellten und geschützten Ordnung wurde es erworben . Geht alles , was ich nimmer denken mag , geht alles in Trümmer , nun so rette dich selbst . « Er schloß das Kästchen , lud es , schwer tragend , auf seine Schulter , reichte mir eine Blendlaterne und Werkzeug , und wir gingen schweigend den Weg zur Kapelle . Hier nahmen wir das Marienbild herunter , öffneten eine unbemerkbare Höhlung des Gemäuers , schoben das Kästchen hinein , schlossen sie ebenso unbemerkbar wieder und hingen das Bild an seine Stelle . Werde ich diese heilige Stätte wiedersehen ? fragte leise mein Herz . Ich sank kniend auf die Stufen des Altars und betete : » Du Ewiger , gib mir Kraft ! « - » Darum flehe auch ich , Du Unerforschlicher ! « rief mein Vater und kniete neben mich . Der Anblick erschütterte mich tief , ich hatte nie ihn so bewegt gesehn . » Oh « , fuhr er in seiner betenden Betrachtung fort , » Deine Wege sind dunkel ; die Frage Warum ? drängt sich auf jede Lippe , und jeder beantwortet sie nach seiner Einsicht und wie es ihm selbst frommt . Ich weiß , daß alle Einsicht nur menschliche und Irren das allgemeine Los der Sterblichen ist ; doch bleibt das beste Wissen und der reinste Wille immer die einzig sichre Richtschnur ; auch ich folge ihr , der Ausgang steht bei Dir . Segne mein Vaterland ! doch muß es jetzt untergehen zum Wohl künftiger Geschlechter , zum Wohl der ganzen Menschheit , so gib uns zur Entsagung Kraft , und laß uns edel fallen . « Er erhob sich mutig und zog auch mich in seine Arme empor . Wir gingen gestärkt und mit neuem Vertrauen in unsre Wohnung zurück , um uns durch Ruhe zu kräftigen für den schmerzlichen Abschied . Weinend umringten uns am Morgen die Bewohner der umliegenden Gegend . Es war eine einzige große Familie , welche von ihrem Vater Abschied nahm . Segenswünsche erfüllten die Luft ; die junge Mannschaft , welche freiwillig Dienste nehmen wollte , stand ebenfalls bereit , sie hatte sich beritten gemacht und wollte uns begleiten , doch nur unter meines Vaters Anführung fechten . Die Greise gaben den Jünglingen kräftige Ermahnungen mit , und selbst die Mütter zitterten nicht für das Leben ihrer Söhne , sondern empfahlen ihnen nur Sorgfalt für die Erhaltung ihres guten Herrn . » Beschützet unsern Vater , beschirmt ihn mit Gefahr , mit Aufopferung eures Lebens ! « riefen sie uns noch lange nach . Mein Vater war tief gerührt , und meine Tränen flossen reichlich . - Der Weg nach Paris war mit Truppen bedeckt , welche aus allen Richtungen zu den Armeen eilten . Mein Vater war lange unschlüssig , welcher er sich anschließen sollte ; indessen setzten wir unsern Weg fort , weil er mich erst in die Hauptstadt , als den sichersten Aufenthalt , geleiten wollte . Wir langten an einem heitern Tage vor derselben an . Zu jeder anderen Zeit würde mich der Anblick so vieler Pracht und des wogenden Getümmels mit Entzücken erfüllt haben , jetzt aber war meine Seele zwischen schreckender Gegenwart und banger Ahndung geteilt . Doch gewann Paris , in geschichtlicher Hinsicht , bald ein Interesse für mich , welches mich in etwas von meiner eignen Gegenwart abzog . Alle Erzählungen aus den Tagen meiner Kindheit vergegenwärtigten sich mir . Hier war der Schauplatz jenes großen Trauerspiels , welches ehemals mit seinen Greuelszenen , mit seinen Großtaten mich wechselnd mit Schauder und mit Freudentränen erfüllte . Wie oft hatte ich mich hierher gewünscht ! Jetzt war ich da , und märchenhaft schien mir die rauhe Wirklichkeit . Hier hatte die furchtbare Bastille gestanden ; dort war aber auch wieder die schreckliche Guillotine permanent tätig gewesen . Diesen altertümlichen Dom hatte man damals zum Tempel der Vernunft geweiht ; dort erhob sich im großen reinen Stil das majestätische Pantheon . Welche Gegenstände , den Geist zu beschäftigen ! Mich