die Gräfin , und es scheint mir eine große Schwäche des Geistes und des Charakters anzudeuten , daß der gute Kaiser nach solchen Erfahrungen wie ein ganz gewöhnlicher Comödienvater sich benahm , und statt zu strafen vergab und vergaß . Ich hätte an seiner Stelle den Herrn Grafen laufen lassen , die saubere Helena aber in ein Kloster gesteckt , um - nicht die Leidenschaft , der sie gefolgt war - wohl aber die Lieblosigkeit ihrer kindlichen Gesinnung gehörig zu büßen . Daß die gefühllose Tochter dies verdient hätte , bestreite ich nicht , unterbrach sie Erna , aber sollte , was Ihnen Armuth des Geistes dünkt , nicht eher ein Reichthum des Herzens gewesen seyn , der den Kaiser vielleicht unwillkührlich bewog , nicht als Richter , sondern nur als Vater zu handeln ? Wie der Ocean den Tropfen verschlingt , daß keine Spur mehr sein kurzes Daseyn verräth , so tilgt die Liebe durch ihre unüberschwängliche Fülle ja auch die einzelnen Kränkungen und Beleidigungen aus , die uns von außen kamen , denn die Liebe überwindet alles , und vergiebt alles . - Mit brennenden Blicken lauschte Alexander ihren Worten , die so tröstlich die dunkle Wolke seines Schicksals mit dem goldenen Saum der Hoffnung zu schmücken schienen . Erröthend bemerkte sie die hochgespannte Achtsamkeit , mit der er ihr zuhörte , und setzte , Misverständnissen vorbeugend , hinzu : die himmlische Liebe nämlich , die das eigentliche Leben ist , und die Nacheiferung dessen , der seine erwärmende Sonne Bösen und Guten scheinen läßt , und seinen erquickenden Regen über Gerechte und Ungerechte vertheilt , und die , weil sie nicht im Irrdischen , sondern in einer höheren Region ihr Wesen gründete , unsterblich ist , und unsterblich macht . Sie wandte sich hierauf wieder zu den Gemälden , und die Lebendigkeit , mit der sie nach ächt weiblicher Art sich in der Geschichte wenig um die Heldenthaten berühmter Männer , desto mehr aber um die kleinen individuellen Züge ihres Privatlebens und um die zeitgemäßen Eigenheiten ihrer Sitten bekümmert hatte , und die Genauigkeit , mit der ihr treues Gedächtnis sich ihrer erinnerte , charakterisirte ihr Geschlecht auf eine sehr anmuthige Weise , und nahm ihrem Wissen , das sie unbefangen und freudig aussprach , jeden pedantischen Anstrich gesuchter Gelehrsamkeit , da es nur als freundlicher Antheil an dem menschlich empfundenen Wohl oder Weh der längst in Staub Verwandelten erschien . Es machte ihr Vergnügen , mit dem Gesandten , der die Geschichte als sein Lieblingsstudium trieb , ein kindlich neckendes Examen anzustellen , in welchem er oft nicht zu bestehen im Stande war , da sie begehrte , er solle in die größten Einzelnheiten eingedrungen seyn , und immer mehr den Menschen , als seinen öffentlichen Charakter im Auge behalten haben . Er hingegen , der Würde des historischen Zwecks sich bewußt , und ihn auf höheres beziehend , als auf das eigentlich menschliche Leben , von dem schon Salomon behauptet , daß es nichts neues zu bieten habe , hatte ihn im Allgemeinen aufgefaßt , und weniger enge Gränzen der Uebersicht sich gezogen . Wohlgeordnet wußte er die allmählich aus der Nacht hervortretenden Fortschritte der Bildung nach ihrer Zeitfolge sich vorüber zu führen , aber von dem eigentlich Häuslichen , Herzlichen der Vergangenheit , das für Erna die Hauptsache war , hatte er keine Notiz genommen . Daher als sie jetzt vor Otto des Großen Bilde standen , wußte er zwar in der möglichst chronologischen Ordnung darzuthun , daß dieser seltene , wahrhaft große Mann im Jahr 937 in Aachen von Hildebert , Erzbischoff zu Mainz gekrönt worden sei , tapfer als Kriegsheld für Recht und deutsche Ehre gekämpft , ritterlich seine Feinde überwunden , stets einen frommen gottseligen Wandel geführt habe , und im Jahr 973 in Quedlinburg unter heiligen Betrachtungen der sieben letzten Sterbensworte des Erlösers sanft und selig verschieden sei , worauf man seinem entseelten Leichnam die Ruhestätte in Magdeburg angewiesen , das , durch die Durchzüge barbarischer Völker verwüstet , von ihm neu gegründet , und durch den ehrwürdigen Dom daselbst wahrhaft kaiserlich für alle Zeiten ausgestattet worden sei . Als nun aber Erna ihn fragte , was der große Kaiser einst am Osterfeiertag in Pavia erfahren , und welche mächtigeren Feinde als ein Kriegsheer von außen , er rühmlich damals in seinem Innern bezwungen habe , wußte er ihr nicht Rede und Antwort zu geben . Triumphirend , ihn belehren zu können , trug sie daher im Chronikenton ihm die Begebenheit vor , die sich da ereignete , und lächelte gutmüthig über sich selbst , indem sie , wie sie sagte , vor einem so gründlich unterichteten Publicum als Lehrerin der Geschichte auftrat . Als nämlich einst Otto das Osterfest in Pavia beging , wurde seine Tafel unter andern Speisen , auch mit einem Osterfladen besetzt , dessen köstlicher Duft einen jungen Herzog von Schwaben , der sich am kaiserlichen Hof aufhielt , zu lüsterner Begierde reitzte . Ohne das genäschige Verlangen nach dem Genuß dieses Fladens mäßigen zu können , oder zu wollen , erdreistete er sich , ehe noch der Kaiser herein getreten war , ein Stück davon abzubrechen . Ergrimmt wurde der Truchses diese Verletzung schuldiger Ehrfurcht gegen Kaiserliche Majestät in der frevelhaften Verunzierung seiner Tafel gewahr , und erhob seinen Stab , das knabenhafte Beginnen des jungen Herzogs zu züchtigen . Aber unglückseliger Weise verwundete er ihn , und der Hofmeister desselben , Herr Heinrich von Kempten wurde durch das Blut seines Zöglings , das er fließen sah , so in Wuth versetzt , daß er den Truchses , diese Schmach zu rächen , auf der Stelle niederstieß . Als nun der Kaiser in der Absicht , sein Mahl zu halten , herein trat , und den treuen Diener ermordet zu seinen Füßen erblickte , entbrannte er in ungemessenem Zorn , und befahl , den Thäter augenblicklich hinzurichten . Da warf sich der Hofmeister zu seinen Füßen , und flehte nur um ein kurzes Gehör , sich verantworten zu dürfen . Aber Otto versagte es ihm in der Heftigkeit der Leidenschaft , und wiederholte den gegebenen Befehl , ihn sogleich , ohne Aufschub , zum Tode zu führen . Da bemächtigte sich des Unglücklichen die Verzweiflung , die nichts mehr zu hoffen , nichts mehr zu fürchten hat . Außer sich fiel er den Kaiser an , der sich dieser Kühnheit nicht versah , schlug ihn zu Boden , raufte ihm den Bart aus , und würde ihn mit starker Faust erwürgt haben , wenn nicht die Umstehenden hinzugeeilt wären , und mit vieler Mühe ihn aus den Händen des Rasenden gerettet hätten . Jetzt wollte man , empört über so unerhörte Frevelthat , ihn zum Tode schleppen , ohne einen neuen Befehl des athemlosen Kaisers dazu zu erwarten . Aber siehe - er winkt mit der Hand - noch kann er nicht sprechen , doch sein gütiges Auge befiehlt Schonung - zerknirrscht von Schaam und Reue steht der nun wieder zu sich selbst gekommene Verbrecher in der Ferne . Da ruft ihn Otto zu sich , und spricht mit sanftem Ton : » ich bekenne , daß nicht Du , sondern Gott durch Deine Hand mich gezüchtiget und geschlagen , dieweil ich das Obrigkeitliche Amt in Anhörung der Sach durch Zorns Verleitung hab unterlassen . Weil ich nun meines Amts vergessen , so hat mich Gott an diesem Tag des Herrn durch Deine Züchtigung mit gebührendem Schmerz erinnern lassen , wie ich mich hinführo in dergleichen Fällen verhalten soll . Derowegen rede , was zu Deiner Nothdurft dient , darob ich wissen kann , wie diese Begebnis zu entscheiden . Hierdurch ermuthigt , trug Heinrich von Kempten ihm hierauf in geziemender Ehrfurcht den Verlauf der Sache vor , und fügte die demuthsvolle Bitte um Vergebung seines zwiefachen Vergehens auf seinen Knieen hinzu . Zorn und Rachsucht schwiegen in des Kaisers edlem Herzen , und er hob das früher gefällte Todesurtheil wieder auf , und begnadigte den Reuigen . Doch , dieweil Du mir den Bart , die Zierde des Mannes , mit kühner Hand zerrauft und verwüstet hast , fügte er hinzu , so sollst Du eine Zeitlang mein Angesicht meiden , und mir nicht unter die Augen treten . XV Lachend über den Schluß der Erzählung , die Erna mit komischem Ernst vortrug , auf eine Menge alter Autoritäten sich berufend , aus denen sie dieselbe geschöpft hatte , wandelte man noch lange umher , um - von der eintretenden Dämmerung gedrängt - wenigstens flüchtig noch die übrigen Portraite zu betrachten , die als Stufen der nach und nach sich entwickelnden Kunst , und als Gepräge ihres Zeitalters so viel Interesse einflößten . Nur momentan verweilte man bei Otto dem Dritten , dem schönen , jugendlichen Kaiser , den Eifersucht in Italien durch ein paar vergiftete Handschuh im Lenz des Lebens dahin raffte , und bei Adolph von Nassau , dem muthigen Nonnenentführer , der so früh Krone und Leben verlor . Mitleidig gingen sie an dem unglücklichen Heinrich dem Vierten vorüber , den der eigene undankbare Sohn vom Throne drängte , ihm nicht nur gewaltsam die Zierden kaiserlicher Würde rauben ließ , sondern ihn unbarmherzig dem Hunger und dem Elende Preis gab ; aber schaudernd wandten sich alle von dem Bilde Heinrichs des Achten von England ab , der mit einer Physionomie , als habe ihn Naturanlage und Gewohnheit zum Henker bestimmt , seine ganze , scheußliche Seele in den Fanatismus und Blutdurst ausdrückenden Blicken trägt . Sein doppeltes Kinn und die feiste Fleischmasse seiner Wangen , die das feindselig glühende Auge fast begräbt , scheint von dem eingesogenen Blut zu strotzen , das er so reichlich vergoß , und das wahrhaft fürchterliche Lächeln , das seine Züge umschwebt , flößt Entsetzen , statt Vertrauen ein . - Hinweggescheucht von diesem Bilde hatten sie von dem widerwärtigen Eindruck , den es auf sie machte , sich noch nicht erholt , als der Gesandte , der ihnen ein wenig vorausgegangen war , sie durch einen lauten Ausruf der Bewunderung zu sich hinzog . Hier wartete ihrer eine anmuthigere Ansicht . Sie fanden ihn vor der Sirene ihrer Zeit , der reizenden Maria Stuart , die im schwarzen Sammthäubchen , das liebetrunkne Auge sanft erhoben , und den zarten Spitzenkragen um den noch zarteren Schnee des üppigen Busens geschmiegt , in wunderbarer Schönheit ihnen entgegen strahlte . Weich und lieblich hoben sich die Umrisse dieser reizenden Form von den goldbefranzten Purpurkissen ab , auf denen sie ruhte , und der blendende Schmelz ihrer blühenden lebenathmenden Farben bezeichnete sie in der jugendlichen Frische jener Zeit , wo noch der Thron statt des Kerkers ihr Loos war , so wie das still vor sich hin träumende Lächeln ihres verführerischen Mundes schweigend zu verkündigen schien , daß damals wohl die Regungen einer zärtlichen Leidenschaft , doch noch nicht der Wurm des befleckten Gewissens und der Schmerz verlorener Freiheit in ihrem Innern nagte . Manch mitleidiges Bedauern erweckte die Erinnerung ihres Unglücks beim Anblick ihrer Schönheit bei den Herren ; manch strenges , wiewohl gerechtes Urtheil von Seiten der Damen , die bei der Uebersicht ihrer Schicksale fanden , daß sie nicht durch unvermeidliche Verhängnisse , sondern größtentheils durch ihre eigene Schwäche , das Vergessen ihrer nicht nur königlichen , sondern auch weiblichen Würde , das Beleidigen alles Zartgefühls und das Verläugnen jeglicher Schaam die Dornenkrone eines schmachvollen Todes statt der zwiefachen Kronen erwarb , mit denen Natur und Rang sie geschmückt hatte . Erna schwieg , wie sie zu thun pflegte , wenn ihr milder , aber stets der Wahrheit geheiligter Sinn , nicht zu vertheidigen vermochte . Doch hörte sie mit Aufmerksamkeit dem Für und Wider zu , wodurch man sich bemühte , die unglückliche Königin theils zu verdammen , theils zu entschuldigen . Nun , wir wollen uns nicht streiten , sagte der Gesandte lächelnd , als die Debatten immer lebhafter wurden . Eine schmerzliche Buße , und am Ende der versöhnende Tod haben jetzt ja längst die schöne Sünderin wieder gereinigt . Ich spreche sie nicht von aller Schuld frei , aber viel , sehr viel trug gewiß die Rohheit ihres Zeitalters und der schottischen Sitten , und ihr in Frankreich durch Schmeichelei verwöhnter , durch Ueppigkeit aufgeregter Charakter nebst den mehrmals verfehlten Wahlen ihres Herzens zu ihrem Verderben bei . Jung , feurig , durch Partheienhaß verfolgt , und allein stehend , hielt sie das dunkle Gefühl , das sie leitete , für Instinkt der Schutzbedürftigkeit , und wurde so zu gleicher Zeit ein Gegenstand öffentlicher Geringschätzung und eine Beute männlichen Uebermuths und männlicher Härte , von der nichts als neue Uebereilungen ihr eine Erlösung zu versprechen schienen . Ich bekenne , daß ich mir sie weit lieber als eine Verführte , Gefallene denke , deren Unglück mein Mitleid anspricht , da ungünstige Verhältnisse sie Stufenweise weiter auf den unrechten Weg drängten , wie als eine Lasterhafte , die durch eine schwarze Seele die himmlische Schönheit dieses Körpers entweihte , Mordgedanken hinter dieser anmuthigen Stirn verbarg , und schamlose Unsittlichkeit , zerstörenden Haß und Rachgefühle in diesem blendenden Busen hegte . Daher scheint mir die Anwendung des Spruches nicht unpassend auf sie : wer viel geliebt hat , dem wird viel vergeben werden . In dieser Verdrehung des eigentlichen Sinnes jener Worte erkenne ich ganz den Diplomatiker , der gewohnt ist , seine vielseitigen Meinungen unbestimmt auszudrücken , damit ihm stets ein Schlupfwinkelchen übrig bleibe , unterbrach ihn lachend die Grafin , Maria Stuart hat Viele geliebt , ob viel oder wenig - wer könnte das ergründen , und wenn er auch eben so tolerant wie Sie und noch bestochener vom Eindruck ihrer Reize wäre ? Ja gewiß , sagte Alexander , den Erna ' s Nähe und ihre holde Freundlichkeit allmählig in eine immer steigendere Begeisterung versetzt hatte , sie kannte in der Flatterhaftigkeit ihres gedankenlosen Leichtsinns die eigentliche Liebe , jene Himmelstochter , nicht . Sie , die nur einen Gegenstand mit der Gluth eines vollen Herzens umfaßt , nur einem das Daseyn und alle Kräfte eines durch sie geheiligten Gemüths zu widmen vermag , hätte die Unglückliche nicht so unsicher im Leben schwanken , und am Ende als Opfer ihrer eigenen frivolen Unbedachtsamkeit sinken lassen . Er meinte in diesem Augenblick so herzlich was er sagte , er fühlte durch die Neigung , die so wahr und rein für Erna in seinem Busen aufgeflammt war , sein sonst profanes Wesen so veredelt , sich - im Endlichen das Unendliche ahnend - dem vorhergehenden Larvenleben so entrückt , und den wahren Werth des Daseyns , den er sonst im Schein und Schimmer suchte , in seiner eigentlichen Wurde anerkennend , daß es nur eines fernen Entgegenkommens , nur einer leisen , aber bestimmten Hoffnung der Erhörung bedurft hätte , die unerschütterliche Basis in ihm zu gründen , die in jeder künftigen Versuchung ihn vor dem Fallen bewahrt haben würde . XVI Er verdiente es daher nicht , durch den eigenthümlichen , oft etwas stechenden Humor der Gräfin , auf eine schmerzliche Weise der Heuchelei bezüchtigt , und in Erna ' s Augen herabgesetzt zu werden . Ei , ei ! hub sie nämlich an , ihn schalkhaft mit ihren Blicken fixirend , wie so auf einmal verändert ! Mir deucht , daß das Princip : Viele zu lieben , vor Kurzem noch ebenfalls ganz das Ihrige war , und daß Sie Sich durch Wort und That auch recht freimüthig dazu bekannten . Woher die plötzliche Metamorphose ? Erhalten vielleicht gewisse Tugenden erst ihren Glanz durch Reibung an entgegengesetzten Fehlern ? Oder wollen Sie - in allen Farben des Chamäleons schillernd - uns heute dadurch überraschen und ergötzen , daß Sie uns zeigen , wie Ihre Gewandtheit selbst das Heterogenste für Ihren Charakter , die Maske der Beständigkeit , mit Anstand zu tragen versteht ? Der heitre scherzhafte Ton , in dem sie sprach , milderte zwar die Bitterkeit der Beschuldigung , die für Alexandern in ihren Worten lag , aber da sein Blick auf Erna , die dunkel glühend erröthet war , ihm bewies , daß der Fluch des Argwohns gegen ihn , der wie ein mephitischer Dampf sich aus dem bitteren Kelch ihrer früheren Erfahrung entwickelt hatte , jetzt von Neuem wieder ihr zutrauensvolleres Wesen vergiftete , fühlte er sich so ergrimmt gegen die leichtfertige Frau , daß er den unersetzlichen Schaden , den sie ihm , ohne es zu wissen oder zu wollen , that , auf das bitterste hätte an ihr rächen mögen . Er nahm sich indessen zusammen , und strebte mit der Fassung eines Weltmannes , dessen Oberfläche stets ruhig scheint , wenn es auch im Innern tobt und brauset , durch eine ebenfalls scherzhafte , aber piquante Replik sich zu vertheidigen . Doch kostete es ihm wirklich Ueberwindung , ihr den Groll zu verbergen , der sein Herz erfüllte , und der , wenn er sich verrathen hätte , die leichte Neckerei schnell in das dornenvolle Gebiet einer förmlichen Entzweiung hinüber geführt haben würde . Indessen war die Dämmerung eingetreten , und mit ihr die Stunde des Mittagsessens , das sie erwartete . Ein liebliches Gemach von origineller Erfindung verband , den Mittelpunkt ausmachend , zwei lange Reihen von Gewächshäusern , in denen ganze Wälder der herrlichsten Orangerie mit Blüthen und Früchten prangten , und im vollen Schmuck des Südens der Schneehülle der Mutter Erde draußen spotteten . Stufenweis senkte sich von den hohen Wänden die Blumenfülle aller Zonen , so wie aller Jahrszeiten in zierlichen Gefäßen herab , mit süßem Duft die Nahenden begrüßend , und zahme Canarienvögel flatterten , jetzt vom Glanz der Lichter aus ihrer früh begonnenen Ruhe aufgescheucht , zwischen dem frischen Grün umher , und belebten es auf eine anmuthige Weise . Anders aber war der erwählte Speisesaal decorirt , der durch verborgene Röhren sommerlichmilde erwärmt , in lieblicher Täuschung eine Felsengrotte darstellte . Große Granitblöcke , zum Theil bemoost , zum Theil mit Epheu und Gesträuchen umzogen , fügten sich , kunstvoll die Natur nachahmend , zusammen , und wölbten sich in bedeutender Höhe , einen weiten , luftigen Raum umschließend . Palmen , Cipressen und Laurus , mit weiser , gefälliger Oeconomie vertheilt und gruppirt , schienen schlank dem weichen Moos des Bodens entsprossen , als sei hier ihre eigentliche Heimath . Ein reicher Quell ergoß von oben seine silberne Fülle rauschend als Wasserfall über mehrere Felsentrümmer , die ihn brachen und vervielfältigten , bis seine schäumende Fluth zu einem breiten Wasserspiegel sich sammelte , der alsdann mit sachterem Geplätscher in einem Becken von rohbehauenem Granit sich verlor . Hier , durch schimmernde Lampen tageshell erleuchtet , fanden sie eine reich besetzte Tafel , und es bestätigte sich auch diesmal die alte , vielbewährte Erfahrung , daß - nicht der thierische Genuß des Gaumenkitzels - sondern die Fröhlichkeit des Beisammenseyns , das harmlose Ruhen aller Geschäfte und das unwillkührliche Verstummen mancher Sorgen unter munterem Geschwätz , eine wohlgeordnete gesellige Mahlzeit zu einer nicht unerheblichen Erholung und Lebensfreude zu machen pflegt . Heiterkeit und Scherz herrschte in dem kleinen aber frohen Kreise , jedoch ohne im mindesten die Gränzlinie zu überschreiten , welche die Charis vorzeichnet , denn man wurde gegenseitig traulicher , ohne dreist zu werden . Munter erklangen die Becher , mit des Bachus edelsten Gaben gefüllt , und selbst die Damen versagten es nicht , tropfenweise den Champagner zu nippen , wozu die Männer mit wahrer Kriegslist , durch ausgebrachte Gesundheiten und sonstige heitere Veranlassungen , sie stets von Neuem zu verleiten suchten . XVII Anfangs hatte Alexander schüchtern nur von ferne Erna ' s Züge und ihre Stimmung beobachtet , und so lange er sie in sich gekehrt , nachdenkend und schweigend erblickte , fand der Frohsinn den Weg zu seinem Herzen nicht . Doch bald klärte sich der trübe Nebel auf , der ihre Stirn umwölkte , und das schöne Auge hing nicht mehr , durch die gesenkten Wimpern verschleiert , am Boden , oder erhob sich ernst , von schmerzlicher Gedankenfülle umdüstert . Freier schaute es um sich her , in seiner eigenthümlichen , reinen , überirrdischen Klarheit strahlend , wie ein milder Stern , der aus höheren Regionen den Glauben an das Heilige und Ewige unauslöschlich in jede Seele senkt . Kindlichen Sinnes , und die zarten Saiten ihrer Gefühle leicht bewegt , wie die vom leisesten Hauch bewegte Aeolsharfe , war ihr der Uebergang von tiefem Ernst zu mittheilender Fröhlichkeit nicht schwer , und sie kehrte nur dann erst wieder zu der ihr von den Bemerkungen der Gräfin aufgedrungenen , einsylbigen Förmlichkeit zurück , als diese Letztere , die mit der Gesandtin in ein sie lebhaft interessirendes Gespräch gerathen war , beim Wegfahren plötzlich erklärte , daß sie den Platz bei derselben im Schlitten einzunehmen und den ihrigen Erna zu übertragen wünsche . Ich werde Ihnen untreu , sagte sie zu Alexandern , aber ich mache Ihnen keine Entschuldigung , sondern ich erwarte Ihren Dank , da ich meine Stelle so würdig besetze . Eben so ahnungslos , wie sie ihn vorhin beleidigt hatte , versöhnte sie ihn jetzt durch die Gelegenheit , die sie ihm gab , während der Stunde des Heimwegs Erna nahe zu seyn . Ehe sie aber noch einstiegen , brachte ein heimlich von ihm beauftragter Gärtnerbursche einen Korb voll der lieblichsten Blumensträuße , die er unter die Damen vertheilte . Eine wunderschöne Rose hatte sich der leichten Fessel entrissen , und war vereinzelt im Korbe zurück geblieben . Er wagte es , sie Erna noch insbesondere anzubieten , und streifte sorglich vorher die Dornen ab , die sie verletzen konnten . Die Gräfin bemerkte es . Was thun Sie ? rief sie aus . Sie rauben ja dem armen Röslein Wehr und Waffen , und machen es zu einem unnatürlichen Unding . Denn eine Rose ohne Dornen - ist das nicht gerade , wie Liebe ohne Schmerz ? Beides ist auf dieser prosaischen Erde nicht zu finden , und wer weiß , ob es sogar in den elisäischen Feldern , oder in Oschinnistan , und wie die sonstigen Domainen und Residenzen der Feen und Zauberer heißen mögen , zu Hause ist . Der Natur nachzuhelfen , ist ja das schöne Vorrecht der Kunst , erwiederte er , wie nicht vielmehr der Verehrung , die dem zarteren Geschlecht so gern in der Liebe den Schmerz und an der Rose die Dornen sparen möchte . Er reichte hierauf die nicht mehr verwundende Blume Erna ehrerbietig hin . Sie nahm sie an , und er hatte die süße Genugthuung , gewahr zu werden , daß sie , als sie sich unbeobachtet glaubte , sie tief in ihrem Zobelpelz verbarg , um sie vor dem kalten Athem der Winterluft zu schützen . Jetzt mahnte das schallende Glockengeläute der Schlitten , das kunstmäßige Klatschen der Peitschen in den geübten Händen der Vorreuter , und der Schein der Fackeln , die den dunkeln Winterabend verklärten , an die Heimkehr . Er bot Erna den Arm , sie in seinen Schlitten zu führen , und hüllte sie sorgsam in die reichen Tygerdecken desselben , die zum Schutz gegen die Kälte dienten . Der Gedanke , sie so gewissermaßen für einige Zeit in seiner Gewalt zu haben , und sie furchtlos und ruhig der Leitung seiner Zügel sich hingeben zu sehen , durchzuckte ihn mit süßem Schauer , und weckte eine Reihe wehmüthig seliger Bilder in seiner Seele . Ach - dürfte er so ihr künftiges Schicksal lenken , wie jetzt den Schlitten , der die theuerste Bürde trug ! Gewiß - diese Ueberzeugung war ihm klar - sollte sie es nimmer bereuen , es ihm anvertraut zu haben . Denn er fühlte sich ein ganz anderer Mensch geworden , als vormals . Sein vergangenes Leben paßte durchaus nicht mehr zu der inneren Welt seiner jetzigen Gesinnung , und er mochte kein doppeltes Daseyn in sich ahnen , wie so mancher in sich trägt , sondern glaubte fest , daß ein Herz , in dem ihr Bild herrsche , unwillkührlich sich zum Tempel der Reinheit und der moralischen Würde veredlen müsse . Zuerst war die Unterhaltung zwischen ihnen sehr wortkarg . Ihm genügte es , sich stumm der Gewißheit zu überlassen , daß sie es sei , die er fuhr , und dies Gefühl , verbunden mit der eigenen Blödigkeit , die ihn in ihrer Nähe zu befallen pflegte , verschloß seine Lippen . Es schien ihm unbescheiden , hier , wo sie ihm nicht entrinnen konnte , die Rechte einer älteren Bekanntschaft geltend zu machen , und ihr irgend etwas zu sagen , was sie an die Vergangenheit erinnern , und so in Verlegenheit setzen , oder ihren Unwillen reizen könnte . Er wagte es daher nur , von der Schönheit des Abends zu reden , der , trotz der Kälte , aus dem tiefen Blau des sternbesäeten Himmels , und aus dem blitzenden Schneegewand der Erde , durch den Fackelglanz röthlich erhellt , mit streng nordischer Anmuth sie ansprach . Erna erwiederte einiges auf seine Bemerkungen . Der Ton ihrer Stimme war sanft und milde , und sie schien sich allmählig zu einer freiwilligeren Mittheilung zu bequemen , wenn diese gleich stets innerhalb der Schranken fremdartiger Zurückgezogenheit sich erhielt . So sprach und fragte sie manches , unter andern wollte sie wissen , wem das Landhaus gehöre , das , als sie den Weg zurückgelegt hatten , aus einer entblätterten Baumgruppe heiter mit seinen hellerleuchteten Fenstern von einer kleinen Anhöhe dicht am Wege ihnen entgegen schaute . Er antwortete ihr , daß der Besitzer einer seiner Jugendfreunde sei , der früher bei seinem Regiment gestanden , seit Jahr und Tag aber seinen Abschied genommen , sich verheirathet , und diesen kleinen halb ländlichen halb städtischen Besitz , den er Sorgenfrei nenne , zu seinem beständigen Aufenthalt gewählt habe . Sie versetzte hierauf , daß schon beim früheren Vorüberfahren die simple Eleganz der Bauart und die schöne Lage dieses Hauses ihr aufgefallen sei , und daß sie begreife , wie man recht gern an einer so lieblichen Stelle sich zeitlebens ansiedlen möge . Unter diesem Gespräch hatten sie die Thore der Residenz erreicht , und nach wenig Minuten hielten sie vor dem Hotel des Gesandten still . XVIII Nicht ohne einen leisen Schauer von Wonne betrat Alexander die Schwelle , die zu der Wohnung der Geliebten führte . Zwar konnte er sich denken , daß das Allerheiligste derselben , ihr Zimmer , ihm verschlossen bleiben werde ; aber es waren doch dieselben Wände , die sie täglich umgaben , die er sehen , es war ihr häusliches Leben , das er beobachten sollte , und um keinen Preis der Welt hätte er das Recht vertauscht , sich nun mit eigenen Augen überzeugen zu dürfen , wie sie im engeren Kreise des heimathlichen Thuns und Wirkens sich bewege . Ohne Pracht , aber in einem edlen , gefälligen Styl war die Wohnung des Gesandten eingerichtet , und man athmete bald unwillkührlich einen Theil des Friedens und der ruhigen Heiterkeit ein , welche nicht allein innerhalb der einfach geschmückten Räume , sondern auch in den Gemüthern ihrer Bewohner herrschte . Ein freundlicher Salon versammelte sie um den flammenden Camin . Erna hatte sich einen Moment entfernt , um ihren Pelz abzustreifen , und erschien nun in einer zierlichen Hauskleidung , sich , - als sei hier ihre eigentliche Sphäre , - mit Eifer und Lebendigkeit all der kleinen Geschäfte annehmend , die sonst der Wirthin obliegen . Als der Thee gebracht wurde , trat auch Linovsky herein , und mit ihm eine alte Bekanntschaft Alexanders , Auguste nämlich , vor deren strengem , kalt ihn messenden Blick sein der unbefangenen Freude geöffnetes Herz , gleichsam krampfhaft erstarrend , sich wieder zusammen zog . Sie schien nicht überrascht , ihn hier zu finden . - Dies war ihm ein Zeichen , daß Erna sie auf seinen Anblick vorbereitet hatte , da sie voraus wußte , er werde an der Gesellschaft Theil nehmen . Ohne Befremden , wohl aber mit einer gewissen frostigen Geringschätzung und mit jener Art von Scheu , mit welcher der Gesunde sich von dem Pestkranken abwenden würde , setzte sie sich neben ihn , und wurde ihm durch die Steifheit ihres ihm so offenbar abgeneigten Wesens zu einer höchst drückenden , widerlichen Erscheinung . Ganz sicher hätte sein beleidigter Stolz nicht so geduldig die schweigenden aber unverkennbaren Merkmale ihrer feindseligen Gesinnung hingenommen , wenn seiner Politik nicht die Nothwendigkeit eingeleuchtet wäre , sie als Erna ' s Freundin , die von je her einen fast mütterlichen Einfluß auf sie hatte , schonen zu müssen . Er stellte sich also , als übersähe er ihr unverbindliches Betragen , und - ohne die allgemeine Höflichkeit zu vernachläßigen , setzte er sich wohlweislich durch keine Annäherung der Gefahr aus , ihre Stimmung gegen ihn noch deutlicher als durch diese stummen Kennzeichen von ihr ausgesprochen zu sehen . Eine Beobachtung , die er im Stillen machte , gab ihm indessen von der einen Seite das Wohlbehagen wieder , das von der andern ihm geraubt worden war . Denn er glaubte nämlich zu bemerken , daß zwischen Linovsky und Augusten ein Verhältnis existire , dessen Eigenthümlichkeit ihnen wenig Rücksicht auf Erna zu nehmen gestattete . Es herrschte zwischen ihnen ein so achtungsvoller , inniger und zutraulicher Ton , daß man sie leicht hätte für ein Paar Verlobte halten können , die - nicht aus Leidenschaft , sondern aus Vernunft , ruhiger Ueberlegung und ächtem Wohlwollen sich gegenseitig fürs ganze Leben erkoren haben . Er begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit , faßte jede ihrer Aeußerungen auch in der leisesten Beziehung auf , richtete hauptsächlich an sie alles , was er sprach , und schien , sie nie aus den Augen verlierend , ihrem Urtheil stets das seinige zu unterwerfen . Sie hingegen nahm , als gebühre es ihr so , seine freundliche Beflissenheit um sie wie ein Recht auf , an das ein engeres Verhältnis ihr Ansprüche gegeben .