; denn wahrlich , dieser Mann ist euer Vater , und ohne ihn wäret ihr trostlose , verlassene arme Waisen ! « - Dies und anderes Schöne redete er ; und die Knaben und Mägdlein schluchzten laut , und hatten nun den Schulmeister noch viel lieber , als sonst , denn sie bedachten , er könne ihnen einst sterben . Und viele falteten die Hände , und sahen still und stumm mit betenden Augen durch die fallenden Thränen gen Himmel ! Und als endlich die Morgenschule vollendet war , ging der Herr Pfarrer zum Schulmeister und umarmte ihn vor allen Kindern und drückte ihn an sein Herz und sprach : » O du frommer und gerechter Mann , du säest Saaten , die dir herrlich in der Ewigkeit aufblühen ; lehre mich deinem Beispiele nachfolgen , denn du hast vieles gethan und ich noch so wenig . Und wenn ich je den Muth verlieren sollte , will ich herkommen und mich zu den Kindern setzen , und will werden wie sie , hoffend , glaubend , liebend , und mich durch den Anblick deines Beispiels und deiner Beharrlichkeit stärken . « Das war ein rechter Feiertag für alle Kinder im Dorfe gewesen . Sie hatten zwar den Oswald und die Elsbeth schon vorher lieb gehabt von Herzen . Nun sie aber gesehen hatten , wie große Ehrfurcht selbst der Herr Pfarrer ihren Lehrern bewies , betrachteten sie Oswalden und Elsbethen recht wie höhere Wesen , und in ihre Liebe mischte sich eine wunderbare Hochachtung . Pfarrer Roderich war kein halbes Jahr im Dorfe , so war er schon der rechte Hausfreund und Rathgeber der meisten Familien . Von ihm kam allezeit die beste Meinung , der beste Trost . Die Mühseligen und Beladenen fanden bei ihm Erquickung . In den Hütten sprach er als ein irdischer Freund . Sonntags aber ward den Leuten immer zu Muth , als sei der liebe , heilige Mann gestorben , und er rede in der Kirche als ein Verklärter , der aus den Himmeln gekommen oben herab , und wolle sie nachziehe in das Ewiglich-Schöne . Und er that den Armen viel Gutes ; man wußte es nur kaum , so bescheiden that er das Gute . Und wo Kranke waren , fehlte er nicht . Er hatte in seinem Hause eine kleine Apotheke von einfachen Hausmitteln . Daraus half er oft . Er las gern die Schriften der Aerzte , und wußte vieles zu heilen , ohne große Kunst . So ward er nicht nur ein geistlicher , sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen . Das brachte ihm großes Vertrauen und vielen Gehorsam . Also that er , wie Christus der Herr und seine Jünger , und heilete die Kranken und predigte das Reich Gottes . Und so geschah , daß er die unwissenden Leute von allerlei abergläubigen , sympathetischen und oft grundschädlichen Mitteln in Krankheiten abgewöhnte . Sie liefen nicht mehr zu den Kapuzinern um geweihte Zettel , nicht mehr zu den Henkern , Scharfrichtern , Wasserbeschauern und Quacksalbern . Denn er forderte für seine Mühe und Arznei kein Geld , und half doch besser , als zwei Pfuscher . Wenn aber eine Krankheit zu wichtig und schwer ward , mußten die Leute sogleich auf seinen Rath zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor in die Stadt senden . Anfänglich sträubten sich zwar viele dagegen und hatten mehr Zutrauen zu einem alten Weibe oder einem verschmitzten Harngucker , als zu einem rechtschaffenen Mann , der die Arzneikunst gründlich erlernt hatte ; oder sie liefen von einem Doktor zum andern , wenn die Arznei von dem einen nicht jählings half , und gebrauchten allerlei Mittel durch einander , daß das Uebel immer schlimmer werden mußte . Der Herr Pfarrer aber wußte die Leute bald auf andern Sinn zu bringen , denn er mußte es wohl besser verstehen , da er selber im Heilen Erfahrung hatte . Das brachte ihm Vertrauen und Gehorsam . Er wußte auch sonst noch viele Dinge , die man bei ihm nicht vermuthete . Er war ein geschickter Bienenvater , und wußte die Bienen aufs beste zu pflegen , vor Unfall zu hüten und ihnen gesunde Nahrung zu bereiten , wenn es daran fehlen wollte . Er hatte seine Bienenstöcke aber nicht lange bei sich , sondern verschenkte sie an die ärmsten Haushaltungen , und lehrte diese , wie sie die nützlichen Thiere besorgen mußten . Nur behielt er sich vor , wenn es neue Schwärme gab , sie aufzufangen und denen zu geben , die noch keine besaßen , bis fast alle Familien mit Bienen versehen waren . Und weil er die Sache meisterlich verstand , gedieh sie bei Allen . Da ward viel Honig und Wachs zur Stadt getragen und schönes Geld dafür heimgenommen . Und mit der Zeit ist Goldenthal im ganzen Lande berühmt geworden durch seinen Bienenstand , also daß aus entlegenen Ortschaften die Käufer kamen , und den Preis des Wachses und Honigs im Dorfe steigerten , weil jeder den Goldenthaler Honig pries . Und sie hatten Heerden , für die sie kein Land und Futter gebrauchten , sondern die auf ihren zarten Flügeln über Felder und Wälder schwärmten und ihren Besitzern Gold ins Haus trugen . Und wie der Herr Pfarrer diese und andere löbliche Einrichtungen in den Häusern machte , so machte er auch dergleichen in der Kirche . Hier aber hielt es fast schwer , besonders bei den alten Leuten , die sehr hartnäckig am Alten hingen . Wenn die Gemeinde in der Kirche sang , war es ein gewaltiges Durcheinanderschreien , ohne Lieblichkeit und Wohllaut . Jeder schrie aus Leibeskräften um die Wette mit dem Nachbar , als sollten die Fenster springen und die Gewölbe des Tempels zerbersten . Die Leute wurden dabei zuweilen von der Anstrengung kirschbraun im Gesicht . Schon Oswald hatte gegen dieses andachtlose Zetergeschrei viel geredet ; aber er redete in den Wind und hatte das Ansehen nicht . Darum ließ er die ältern Leute gehen , und hielt es mit den jüngern und Kindern . Die lehrte er feinen , lieblichen Gesang , vierstimmig , daß es recht erbaulich und rührend anzuhören war . Die Bauern und ihre Weiber hörten recht gern zu ; doch sie meinten , das sei wohl gut in der Schule , aber nicht in der Kirche , und ließen es beim alten Geschrei bewenden . Da griff es der Herr Pfarrer anders an . Ob er gleich die alten Lieder in Ehren hielt , theilte er doch , als Anhang zu den alten Liedern , in den Haushaltungen ein kleines Büchlein mit ; das enthielt allerlei schöne Gebete in Versen für solche Fälle , die in den alten Liedern fehlen mochten . Und dies Büchlein war dasselbe , was die Kinder schon längst in der Schule gehabt und gesungen hatten . Das war den Alten schon recht , denn es kostete sie nichts . Nachdem manche Woche und mancher Monat vergangen war , hielt eines Sonntags der Herr Pfarrer eine bewegliche Predigt über den Nutzen der Feierlichkeit beim öffentlichen Gottesdienst . Und er sprach von König Davids heiligem Harfenspiel und vom Halleluja der Engel am Throne Gottes . Und jeder Bauer verspürte , daß er bisher nicht mit gehöriger Andacht gesungen habe , wie die Engel Gottes singen . Dann sagte der Herr Pfarrer zuletzt : » Der Heiland hat gesprochen : lasset die Kindlein zu mir kommen , und wehret ihnen nicht . Also wollen wir auch unsern Söhnen und Töchtern nicht wehren , zum Heiland zu kommen . Und alle Sonntage sollen sie zuerst , ehe wir singen , einen Satz aus dem Anhang singen zu unserer Herzenserweckung ; künftigen Sonntag das erste Mal . « So sprach er . Und am nächsten Sonntage war die Kirche gedrängt voll ; und an den schwarzen Tafeln der Kirchthüren stand erst ein Vers aus dem Anhang , dann ein altes Lied angezeichnet . Die Leute hatten von selbst das Anhangbüchlein mitgebracht . Und es scholl der Gesang der Jugend wie sanfter Engelgesang durch die Kirchengewölbe . Es wurden viele Leuten vor Rührung die Augen feucht , die Herzen warm . Manche von den Alten sumseten leise und heimlich das schöne Lied nach . Dann ward von der ganzen Gemeinde das alte Lied gesungen . Der Herr Pfarrer sprach aber zuvor : » Ihr Männer , lieben Brüder , und ihr christlichen Frauen , vergesset nicht , daß unser Gott allgegenwärtig ist , und er euch höret , ob ihr gleich vor ihm sanft singet , wie Harfen Davids . « So sprach er . Die Gemeinde sang , und so sanft , daß man die schönen vierstimmigen Töne der jungen Leute hell und deutlich dazwischen hörte . Das klang wunderlieblich . Und wenn ein altes Weib einmal allzulaut hineinkreischte , stieß sie der Nachbar an , sie solle die Andacht nicht stören . So ging es manchen Sonntag . Und jeden Sonntag mischten mehrere von den Alten ihre Stimmen zu dem Gesang der Jugend , denn er gefiel ihnen wohl . Zuletzt sang die gesammte Gemeinde leise mit , sogar der Herr Pfarrer . Oft geschah , daß man bloß aus dem Anhang singen mußte . Wenn Fremde aus der Stadt oder aus benachbarten Dörfern einmal von Ungefähr in die Goldenthaler Kirche kamen und dem Gottesdienste beiwohnten , ward ihnen wundersam zu Muth . Und sie waren andächtiger hier , als anderswo . Und im ganzen Lande redeten sie davon . 19. Glück führt oft zur Unglücks-Schwelle , Unglück oft zur Glücks-Quelle . In denselben Tagen aber begab sich ein großes Unglück im benachbarten Dorfe Ferkelhausen , wo am hellen Tage eine Feuersbrunst ausbrach , während die Leute dort auf dem Felde gearbeitet hatten . Zwar aus Goldenthal , wie aus andern naheliegenden Ortschaften , war man sogleich zur Hülfe dahin geeilt . Allein binnen wenigen Stunde lagen sechs Wohnhäuser von den Flammen in Schutt und Asche verwandelt , und einige Stücke Viehs blieben in den Ställen lebendig verbrannt . Solches Unheil war durch Unvorsichtigkeit von Kindern gestiftet worden , die in einem der Häuser zurückgelassen worden waren , als sich die Erwachsenen zur Arbeit auf ihre Aecker und Wiesen begeben hatten . Die Kinder hatten in der Küche mit der Kohlenglut auf dem Herde gespielt . - Ein Unglück kömmt selten allein , sagt man . Und diesmal war ' s der Fall . Als Abends die Goldenthaler vom Löschen heimkamen , sahen sie vor der Hausthür des Adlerwirths Kreidenmann einen Haufen Weiber , Knechte , Mägde versammelt . Einige trockneten sich die Thränen vom Auge , Andere seufzten mitleidig ; Alle standen ernst und niedergeschlagen da . Aus dem Hause aber erschollen Stimmen lauten Jammers und Wehklagens . Denn das jüngste vierjährige Töchterlein hatte auf entsetzliche Weise sein junges Leben eingebüßt . Es war hinter dem Hause , beim Stalle , in die Mistjauche gefallen , und elendiglich in der stinkenden Pfütze ertrunken . Jedermann hatte das Kind lieb gehabt , denn es war artig und hübsch , wie ein kleiner Engel , gewesen . Darum sah man überall so großes Herzeleid . Als Herr Pfarrer Roderich zwei Tage nachher beim Begräbniß des Mägdleins rührende Worte des Trostes gesprochen hatte , begab er sich zu seinem Freunde Oswald und sagte : » Lieber Freund , gute Worte sind allerdings löblich ; aber gute Thaten viel löblicher . Es ist besser , Unglück verhüten , als darüber trösten . Es ist unverantwortlich , daß Leute zur Feldarbeit gehen und ihre unmündigen Kleinen ohne Aufsicht zu Hause sich selbst überlassen ! Es ist unverantwortlich , weil unverständig , gegen alle Aelternpflichten gesündigt , und gefahrvoll für sie selbst und Andre . Warum richtet man bei uns kein Bewahrhaus der Unmündigen ein , keine sogenannte Kleinkinderschule , wie man in vielen Städten und Ortschaften hat ? Das ist ja gar nicht kostspielig ; erspart den Aeltern Angst und Sorge , wenn sie , um Geld zu verdienen , von Hause sich entfernen müssen , und beugt manchem Jammer und Elend vor . « Oswald schüttelte den Kopf . Er gestand , er habe von dergleichen Bewahrhäusern , oder Kleinkinderschulen nie gehört , noch weniger solche gesehen . Dessen verwunderte sich der Herr Pfarrer sehr . Er ertheilte ihm darüber Auskunft und sagte : man gebe die Kinder , welche noch nicht alt genug wären die Schulen zu besuchen , der Aufsicht einer verständigen Frau . Diese hüte und besorge die Kleinen den ganzen Tag über , während die Aeltern außer Hauses in der Arbeit wären ; spiele mit ihnen in der Stube , oder , bei gutem Wetter , im Freien ; gewöhne sie zur Reinlichkeit und zum Gehorsam ; lehre sie im Spielen mancherlei Nützliches ; und gebe ihnen zu essen , was man Morgens für sie geschickt hätte . Es hörte Oswald die Worte des Pfarrers mit großer Aufmerksamkeit ; schüttelte dann aber mit bedenklicher Miene den Kopf , und sprach : » Die Bauern hier zu Lande sind noch etwas rohes Volk . Viele Aeltern sind gewissenlose Menschen , die sich um ihre Schweine , Ziegen und Kühe weit mehr , als um ihre eignen armen Kinder bekümmern . Ich fürchte , sie würden , wenn sie ihre Kleinen anderswo aufgehoben wissen , ihre Aelternpflicht noch mehr vergessen lernen ! - Dann aber , glaub ' ich auch , taugt es nicht , daß man die kleinen Geschöpfe , ehe sie das sechste Jahr zurückgelegt haben , schon zum Lernen anhalte . Es ist zu früh . Man muß , in so zartem Alter , vor allen Dingen nur für Pflege ihrer Gesundheit , und für Stärkung ihrer schwachen Kräfte Sorge tragen . « Der Herr Pfarrer konnte diesen Einwürfen des vorsichtigen Gemeinde-Vorstehers nicht ganz unrecht geben ; doch that er die Gegenfrage : Ob sich denn die Aeltern von ihrem Pflichtgefühl und ihren Kindern wohl mehr entwöhnten , wenn sie diese , statt ohne alle Aufsicht , den ganzen Tag unter guter Obhut und Aufsicht ließen ? Und , fügte er hinzu : auch ist keine Rede davon , daß die jungen Geschöpfe dort schon Lesen , Schreiben , Rechnen lernen , oder was sonst in der Schule gelehrt wird ; sondern sie sollen beim Spielen nur allerlei Dinge erfahren , nennen und kennen lernen , die auch ihrer zarten Jugend nützlich sind , und neben Uebung ihrer geringen Leibeskräfte auch zur Vorübung ihrer Verstandeskräfte dienen können . Dazu führte der würdige Pfarrer manche Beispiele aus Bewahrhäusern an , die er selber gesehen , und bewies die Wohlthat solcher Anstalten so sonnenklar und deutlich , daß Oswald ihm endlich ganz überzeugt Hand und Wort darauf gab , der Plan müsse ausgeführt werden . Und von Stund ' an überlegte und sann Oswald , wie die Sache am besten anzustellen sei ? Er besprach sich mit dem braven Schullehrer Johannes Heiter , der neulich geheirathet hatte , und dessen junge Frau geneigt schien , unter Elsbeths und ihres Mannes Rath und Beistand , die Aufsicht zu übernehmen . Er sprach mit dem Adlerwirth Kreidemann , der in seinem Hause einen großen Saal besaß , welcher allsonntäglich sonst mit Trinkern und Karten- und Würfelspielern gefüllt war , jetzt aber leer stand ; dazu befand sich auch hinter dessen Hause ein geräumiger Baumgarten , der zum Tummelplatz für Kinder dienen konnte . Er sprach mit den Beisitzern des Gemeinderaths ; mit den zweiunddreißig geheimen Bundesgenossen , und vielen Andern im Dorfe . Er nicht allein , sondern überall war ihm auch der thätige Seelsorger in der Gemeinde mit Rath und That und Zuspruch zur Hülfe . Nachdem nun Alles und Jedes bedächtig eingeleitet und vorbereitet war , trat Oswald an einem Sonntag-Nachmittag vor der versammelten Gemeinde auf , redete und sprach : » Ihr Männer , liebe Mitbürger , vor wenigen Wochen haben die Rauchsäulen und Feuerflammen von Ferkelhausen uns schreckhaft gewarnt , junge Kinder , welche noch nicht zur Schule geschickt werden können , tagelang ohne Beaufsichtigung zu lassen . Gedenket des gräßlichen Todes , welchen das Töchterlein eines unserer Mitbürger sterben mußte , als es im unbedeckten Jauchebehälter ertrank ! Viele andere ähnliche Unglücksfälle könnten angeführt werden und können wohl gar Euch selbst noch bevorstehen . Ich habe gelesen , wie eine Frau , die , um einige Stunden außer dem Hause zu arbeiten , ihr zweijähriges Kind in der Wiege festband , und in Koth und Unflath liegen und schreien ließ , bis es einschlief . Als aber die Rabenmutter zurückkam , stürzte ihr durch die Stubenthür des Nachbars Schwein entgegen . Sie fand die Wiege blutig ; das arme Kind todt darin , und halb aufgefressen . Deshalb laßt uns thun , um ähnliches Unglück zu vermeiden , wie anderer Orten geschieht . Da schicken die Leute , welche bei ihren Geschäften im Hause , oder im Felde , oder in den Fabriken nicht selber auf die Kinder Acht haben können , dieselben zu einer verständigen Person im Dorfe . Die gibt ihnen die Nahrung , welche von den Aeltern mitgeschickt worden ist . Die hütet und bewacht die unruhigen Kleinen ; hegt und pflegt sie , spielt mit ihnen , und hält sie säuberlich bis der Abend kömmt . « Oswald schilderte das Alles ausführlich , also , daß der Vorschlag Vielen einleuchtete . Besonders waren sämmtliche Bauern in dem Punkt wohl zufrieden damit , daß es ihnen gar nichts kosten solle , außer was sie den Kindern jeden Tag zum Essen mitgeben würden . Denn der Adlerwirth sei bereit , um billigen Zins seinen großen Saal und den Baumgarten herzuleihen ; und die junge Frau des Schulmeisters Heiter willig , um mäßigen Lohn die Aufsicht zu übernehmen . Zins und Lohn werden aus der Gemeindekasse , und Beiträgen einiger hablichen Leute bestritten werden . Man solle es doch nur wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen . Auch der Herr Pfarrer sprach dann sein lehrreiches und frommes Wort dazu : daß man die Kindlein , mit welchen Gott die Aeltern gesegnet und erfreut habe , nicht schon von der Wiege an , wie unvernünftige Thiere , in Koth und Unflath solle verwildern , sondern frühzeitig an Zucht und Gehorsam , Liebe und Gottesfurcht gewöhnen lassen . Darum habe schon Christus der Herr gerufen : » Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht . « Nach diesen Reden , zu denen auch einige andere verständige Männer ihren Beifall vernehmen ließen , und sagten , man läßt ja Pferde , Ochsen und Schafe hüten , daß sie nicht Schaden nehmen und Schaden stiften : warum denn nicht unsre armen lieben Kinder ? willigten die Versammelten in den Vorschlag ein ; doch blieb jedem überlassen , wer Lust dazu habe , sich , für seine Kleinen , beim Schulmeister Heiter zu melden und einschreiben zu lassen . In den ersten Wochen war die Anzahl der Unmündigen gering , welche man dieser neuen Anstalt anvertraute . Allein das Beispiel der Einen zog bald die Andern nach , zumal da selbst bemittelte Haushaltungen keinen Anstand nahmen , ihre Allerjüngsten dahin zu geben . Frau Heiter war sogar endlich genöthigt , Gehülfinnen anzunehmen , die sich freiwillig dazu erboten und abwechselnd Beistand leisteten . Auch Elsbeth und Oswald zeigten sich dabei sehr thätig , bis Alles im rechten Gang war ; nicht minder der gute Pfarrer und mancher rechtschaffene Hausvater im Dorfe . Anfangs liefen viele Mütter neugierig dahin , das fröhliche Leben in der Bewahrschule zu schauen , und sie konnten die artige Einrichtung nicht laut genug loben und rühmen . Aber es war recht lustig , das muntere Getümmel und Treiben der Heerde von Kindern zu sehen ; wie die Einen mit einander spielten , die Andern beisammen plauderten ; Andre umherhüpften und tanzten ; Andre zankten ; Andre schliefen ; Andre aßen ; Andre um die Aufseherin standen , kleine Geschichten zu hören , die sie ganz kindlich erzählte . Gab dann die junge Frau Heiter mit einem Glöckchen das Zeichen , ward Alles still . Mädchen und Bübchen nahmen durch einander auf niedrigen , langen Bänken ihren Sitz . Dann zeigte ihnen ein Lehrer , oder die Lehrerin , allerlei Dinge vor , einen Vogel im Käfig , ein Kleidungsstück , eine Kugel , einen Degen , eine Feldfrucht und dergleichen , und fragte um den Namen solcher Dinge , oder sprach den Namen vor , und alle sprachen ihn nach . So lernten sie vielerlei Sachen kennen und nennen ; das heißt , sie lernten reden . Auch hörten sie gern , wozu man dies und das gebrauche , wozu es nützen oder schaden könne , und wovon es verfertigt sei . Recht erbaulich war es zum Beispiel mit anzuhören , wenn sich , während die Kleinern Spiele machten , die Größern um die Lehrerin stellten ; diese dann einen Bogen Papier in die Höhe hielt , und fragte : wo das Papier wachse ? und Alle gar altklug über die Frage lachten und riefen : » Nein , Papier wächst nicht auf den Aeckern ; es wird von Menschen gemacht . « Dann aber ward ein Lumpen von Linnenzeug vorgewiesen und erzählt , wie daraus auf der Papiermühle Papier bereitet werde ; dann wie Flachs und Hanf auf den Aeckern wachse , gebrecht , gehechelt , gesponnen und zu Leinwand gewoben , und wenn diese verbraucht wäre , zu Papier benutzt würde . Das unterhielt und belustigte die wißbegierigen Kleinen sehr ; sie bekamen dabei noch allerlei zu sehen , wie Samen , Pflanze , Flachs , Zwirn u.s.w. War ' s Wetter irgend leidlich , trieb sich die jugendliche Horde lärmend , schwärmend , singend , springend im Garten umher , oder ward in Reih ' und Glied aufgestellt , Soldaten zu spielen . Die Schulmeisterin ward General ; machte Hauptleute aus denen , die schon bis 10 und 20 abzählen und anführen konnten ; ließ sie marschiren , links und rechts schwenken , und mit ihren einzelnen Reihen bald ein Dreieck , bald ein Viereck , bald einen Kreis u.s.w. bilden . Das gab immer Jubel ; und immer neuen Wechsel der Spiele . Niemand war dabei besser mit Rath und That zur Hand , als der würdige Pfarrer . Seitdem ist in Goldenthal allezeit eine Bewahrschule der unmündigen Kleinen beibehalten worden . Schon nach Jahr und Tag gaben die Aeltern gern einen geringen Beitrag zum Wochenlohn der Lehrerinnen , oder Abwärterinnen . In Ferkelhausen und andern benachbarten Dörfern folgte man dem Vorgang der Goldenthaler bald nach ; denn man sah , wie dort die Kinder , auch die ärmsten , viel reinlicher , gehorsamer , gesünder und verständiger wurden , als anderswo . So mußte das Unglück einer Feuersbrunst und eines ertrunkenen Mägdleins , zum großen Glück und Segen vieler Haushaltungen gereichen . 20. Was man von den Goldenthalern im Lande redet . In der Stadt und in den umliegenden Dörfern gab es über die Goldenthaler mancherlei Gespräch . Diese Leute hatten bisher immer Lumpen geheißen , waren als Saufbrüder bekannt , als lüderliche Vögel , als Schuldenmacher , denen man keinen Heller anvertrauen mochte . Nun war es gar sonderbar , daß es bei ihnen im Dorfe gar nicht aussah , wie bei armen Leuten . Ihre Häuser waren sauber und reinlich ; eben so Alles in schönster Ordnung auf der Gasse , hinter den Häusern und in den Gärten . Es war bei ihnen artiger , als in den reichsten Dörfern . Man sah im Sommer die Männer , Weiber und Kinder schon früh Morgens auf den Feldern . Da trugen und streuten die Einen den Dünger , Andere jäteten Unkraut aus . Immer hatten diese Leute etwas zu thun . Und es war eine Lust , sie arbeiten zu sehen . Es ging ihnen alles gar geläufig von der Hand . Brauchte man in der Stadt Taglöhner , so fragte man am liebsten nach Goldenthalern . Gingen die Bürgerfrauen zum Einkaufe auf den Markt , so gingen sie am liebsten zu den Goldenthalerinnen . Denn diese waren immer sehr nett , in frischen weißen Hemden , und reinlichen Kleidern und saubern Händen , daß sie rechte Lust machten , von ihrem Gemüs , ihrem Gespinnst und andern Waaren zu kaufen . Die Goldenthaler waren arm , das wußte man wohl . Aber sie verzinsten jedesmal ihre Schulden richtig auf den Tag . Und was gar außerordentlich war , sie hatten in der Stadt kleine Geldsummen an Zins ausgethan . Das brachte den Leuten Kredit und Glauben . Wenn der Pfarrer Roderich und der Schulmeister Oswald für einen Goldenthaler gutsprachen , lieh man lieber einem solchen , als einem aus andern Gemeinden . Und man lieh das Kapital lieber um einen sehr mäßigen Zins aus , weil man vorher wußte , daß es sicher stehe und richtig verzinset werde . Das schaffte den Goldenthalern gar ansehnliche Vortheile . Denn sie kündigten ihre Kapitalien ab , wo sie große Zinsen zu bezahlen hatten , und nahmen da Geld auf , wo sie es in niedrigerem Zins erhielten . Man urtheilte allerlei über das Dorf . Man sagte wohl , es sei da ein braver Pfarrer , ein sehr verständiger Schulmeister . Allein Vielen war doch die Sache ein Räthsel . Denn ein Pfarrer und Schulmeister können doch auch nicht Alles ; und jeder Pfarrer im Lande glaubte so klug zu sein , oder auch noch klüger , als die Beiden in Goldenthal waren . Das machte viel Kopfbrechens . Die Bauern in der Gegend sagten geradezu , das Ding gehe nicht mit rechten Dingen zu . Man hatte etwas vom Oswald gehört , und er könne Gold machen , und lehre es in seinem Dorfe Den und Diesen . Und man neckte und höhnte die Goldenthaler damit , sie könnten Gold machen . In der That war es auffallend , daß die Goldenthaler Dinge zu Markte brachten , man wußte nicht , woher sie Alles hatten . Ihr Gemüse , ihr Obst , ihr Flachs , ihr Hanf , ihr Getreide , Alles war gut . Die Kinder handelten sogar mit den schönsten Blumen und brachten solche in die Stadt . Honigwaben , ausgelassenen Honig und Wachs hatten sie mehr , als weit umher alle übrigen Dörfer zusammen . Man wußte sehr gut , sie besaßen keine ansehnliche Viehheerden , viele Haushaltungen hatten etwa jede ein Paar Kühe und ein Paar Ziegen . Demungeachtet brachten arme Leute , die bloß eine Kuh hatten , zentnerschwere Käse und große Ballen der reinsten Butter zum Verkauf . Es war ganz unbegreiflich , wie eine Kuh so viele Butter und Käse liefern konnte . Ebenso hatten die Goldenthaler jederzeit im Herbst die feinsten Obstsorten , schmackhafte Aepfel und Birnen , wie Niemand anders . Woher kam das so plötzlich in wenigen Jahren ? Die Goldenthaler mußten oft selbst bei sich lachen , wenn man ihr Dorf im Scherz das Goldmacherdorf nannte . Denn der Oswald verstand sich auf die Obstbäume , und wo er in den Gärten der vornehmen Herren in der Stadt gute , feine Obstarten wußte , ging er und bat um Zweige . Dann hatte er seine jungen Leute an der Hand , die von ihm das Pfropfen , Zweien und Aeugeln gelernt hatten . Recht wie ein Gärtner gingen sie damit um . Sie hatten wirklich besondere Messer dazu . Nun wollte der Nachbar links und der Nachbar rechts in seinem Garten und auf seinem Felde bessere Frucht vom Baum . Da ward nun okulirt und gepropft nach Herzenslust . Manche Bauern hatten sich junge Wildlinge aus den Wäldern geholt und veredelt . Andere hatten aus Samen Bäume gezogen und Baumschulen angelegt . Jeder wollte es besser machen und besser haben , als der Andere . Im Eifer wurde die Sache oft von Manchem übertrieben . Nun konnte man sich ' s in der Stadt wohl erklären , wie die Goldenthaler von Jahr zu Jahr immer schöneres und immer mehr Obst hatten , woraus sie bei gutem Jahrgang so viel Geld lösten . Das war kein Hexenstreich . Aber keine große Viehheerden haben , und doch viel Käse und Butter machen , das war allerdings ein Kunststück ! Das Kunststück hatte Oswald aber , während seines Kriegslebens , irgendwo in einem Dorfe gesehen und gelernt , und mit sich nach Goldenthal gebracht . Es war gar artig . Die Leute wollten anfangs gar nicht daran ; hintennach aber wußten sie ihm großen Dank . Er machte es nämlich so : Er ging herum mit seinen Verbündeten , die Kühe hatten , und sagte : » Ihr habet von euern Kühen schlechten Nutzen . Man muß von einer Kuh jährlich wenigstens fünfzig bis hundert Gulden baares Geld lösen . Wollet ihr mit mir einstehen , so will ich ' s machen . Werbet dazu noch Andere an , die Kühe haben . Es gehören wenigstens vierzig bis fünfzig Kühe zusammen ; dann geht ' s. « Als nun die vierzig bis fünfzig Kühe gefunden waren , sagte er : » Nun geht ' s ! « Er kannte einen geschickten , rechtschaffenen Senn , der das Butter- und Käsemachen als ein Meister verstand . Dem versprach er zweihundert Gulden Jahrlohn ; dafür mußte sich derselbe aber Kerzenlicht , Tücher und Waschlumpen selbst anschaffen , so zum Käsemachen und Reinhalten der Gefäße und der Waare nöthig waren . Geschirr und Salz schaffte Oswald auf Rechnung der Theilnehmer an , von denen drei redliche Männer zu Aufsehern bei dem neuen Gewerbe ernannt wurden für das erste Jahr . Im ehemaligen Wirthshause zum Adler war der beste Platz zum Käsemachen ; ein guter kalter Milchkeller , ein großer Keller in dem geräumigen Waschhaus . Der Eigenthümer gab den Platz her , denn er hatte fünf Kühe , und wollte die Probe mitmachen und sehen , was dabei herauskomme . - Nun mußte Holz auf Unkosten Aller herbeigeschafft werden . Es kam . Dann bestimmte Oswald einen Tag , da mußten Alle