, ich durchstrich den Wald allein , da mein Vater , wie ich zu erzählen vergaß , wegen eines Zuges zum Heiligen Grabe noch immer abwesend war , doch nahm ich gern einen Diener des Ritters mit mir , der bei seiner Abreise entlaufen und zu mir gekommen war . Einstmals machte mich dieser auf ein vielstimmiges Vogelgeschrei aufmerksam . Ich ritt voll Neugierde nach dem seltsamen Zauberklange und fand mich von einem goldnen Netze gefangen , der Ritter hatte es über mich geschlagen , indem dessen Enden an eine goldne Krone befestigt waren . So hatte sich alles erfüllt , mit vielen Küssen erzählte er mir , daß er den Auftrag meines Vaters , die lang bewahrte Krone der Hohenstaufen zu rauben und durch deren Überlieferung seine Versöhnung mit dem Kaiser zu machen , erst erfüllt habe . Die Krone sei in seiner Gewalt , er habe sein Gelübde erfüllt und nichts hindre unsre Verbindung . Da wendete sich mein Herz ganz zur Freude , der Diener pfiff fröhlich , er war immer mit seinem Herrn im Einverständnisse gewesen . Nach dem ersten Freudenergusse berichtete er mir , wie ihn das Geschick begünstigt habe , die Krone in seine Gewalt zu bekommen . Seht hier das dritte Gewebe , den Glasturm in der Mitte des Wassers und hier den kühnen Schwimmer auf dem abgerissenen , treibenden Holzstamme , die Krone auf dem Haupte . « - Hier hielt sie inne , aber der Prior bat dringend , um die Erzählung , er habe so oft von der Burg der Kronenwächter gehört und nimmer den Ort sich deutlich machen können , wo sie zu finden . - Die edle Frau fuhr dann fort : » Ich laß mich heute einmal gehen , ich weiß nicht warum , doch ihr seid gute Seelen und werdet mich nicht den Unerbittlichen verraten , die mir den Gemahl raubten . Der Ritter hatte durch seinen früheren Aufenthalt einige Kunde , in welcher Richtung das Schloß zu suchen sei . Vierzehn Tage war er einsam mit seiner Liebe zu mir durch Wälder und Auen hingestrichen , ein schmerzlich süßes Leben , doch ungewiß seines Entschlusses , es kostete ihm viel , den Willen meines Vaters zu erfüllen . Rätselhaftes , trostloses Geschick , seine Heiligen hat uns der Himmel entzogen , sie wandeln nicht mehr unter uns , die Engel verstecken sich den ernsteren Tagen , und die Gewalt der Jahrhunderte fällt wie ein Fels unerwartet , oft unerkannt auf die Brust des Erwachsenen , der gegen sie immer nur ein Neugeborner ist , und wer ist der Engel bedürftiger , als wir Abkömmlinge großer Begebenheiten . « - » Wir « , sagte der Prior mit Bedeutung . » Aber in so trauriger Welt wiegten sich dennoch « , fuhr die edle Frau fort , » alle Liebesgedanken an mich mit den klingenden Federspielen auf wilden Rosen des Weges , die Quelle des Weges glänzte von dem Heiligenschein , den sie der Welt zurückstrahlte , nichts entreißt dem jugendlichen Herzen Hoffnung und Reiselust . Endlich wurde ihm der Weg ungewisser , die Hirten seltener , die Wälder hörten auf , Wolken versteckten ihm die Gegend , sie lagerten sich feucht um ihn her und die Sonne ging über ihm , wie ein trübes Mondlicht in schwankender Bewegung . So kam der Abend still und anteillos , als ob er in eine andre Welt übergestiegen , es wurde immer kälter , ein Steinbock , der über eine nahe Klippe sprang , entdeckte ihm , daß er an einem Abgrunde stehe , in welchem zwei Geier mit gewaltigem Flügelrauschen sich um ein zerschmettertes Ziegenlamm mit den Schnäbeln zerzausten , daß ihm die Federn ins Gesicht flogen . Hier mußte er sich wenden , er hoffte auf nahe , menschliche Wohnung , weil er diese so lange nicht wahrgenommen , mußte aber immer weiter von den Menschen fort , immer höher hinauf eine Eisebene ansteigen , die jetzt noch leichter , als im Spätsommer zu überschreiten war , weil das Tauwasser noch keine bedeutende Risse darin gesprengt hatte . Es war ihm schmerzlich so weglos zu irren , aber die hohe Luft füllte ihn mit einem seligen Mute : er müsse seiner Liebe folgen und die alten Schmerzen seines Hauses enden . Da traten über ihm die Sterne aus blauer Himmelswoge hervor und er war gewiß , auch ich müßte in dem Augenblicke zu ihnen aufblicken und für ihn beten , wie er für mich . Und als er so still an einem Eisaltare betete und seine Tränen , die er nicht halten konnte , zum Opfer brachte , da hörte er jenseits einen Zug geharnischter Männer rasseln , die heftig gegen einen unter ihnen tobten , und ihm den Tod schworen , weil er auf der Wacht eingeschlafen sei , nun müßten sie darum in der kalten Nacht wie Gemsen auf den Gletschern herumsuchen , wo der Fremdling tot oder lebendig zu finden und zu fangen sei den ihnen der Hirte beschrieben . Ein paar ließen sich den Fremden beschreiben und der Ritter erkannte sich deutlich an dem Panzerhemde , das rot besetzt sei , an dem grünen Barett . So furchtbar diese Drohung war , so ging ihm doch ein Licht auf , er sei nahe der Kronenburg . Er versteckte sich so gut , daß sie ihn nicht erblickten , obgleich ihr Atem von der wehenden Luft sichtbar über ihn hingetrieben wurde ; dann sprang er freudig auf , als sie vorüber , schritt über Eisspalten und kletterte über Felsenstücke , die auf der höchsten Bergebene wie Riesensitze zur Beratung zusammengetragen schienen . Und als er auch diese überschritten hatte , da senkte sich das Eisfeld nach der andern Seite . Er schritt um so schneller , je leichter es ihm jetzt wurde , auch war hier kein Gletscher , mildere Luft wehte ihn an und in der fernen Tiefe glaubte er ein Städtlein mit brennenden Lichtern zu erblicken , das von einem Freudenfeste wach erhalten worden . Er sehnte sich nach Ruhe , bald bemerkte er aber , daß es der Widerschein der Sterne gewesen , in einem großen Gewässer , das unbegrenzt vor ihm ausgebreitet lag , was er für Lichterglanz gehalten , bald deckte ein allgemeiner Nebel die ganze Aussicht , er konnte nicht weiter gehen ohne Gefahr , auch übermannte ihn der lange zurückgewiesene Schlaf . Ich lag damals schlaflos auf weichen Betten , sein Lager war hart , auch weckte ihn zuweilen Hunger , ohne daß er ihn vor Müdigkeit aus seiner Reisetasche befriedigte , sondern er schlief immer wieder zu schnell ein , die Kälte mochte dazu mitwirken . Endlich wachte er ganz vom Einstrahlen der Sonne , aber er öffnete nur mit Mühe die Augen , denn die Sonne , die aus dem Wasser emporgestiegen , blendete seine Blicke , die über tausend Wunder , wie über Traumbilder ungläubig hinirrten ! Die beschneiten Wipfel hinter ihm wie Paradiesesmauern ; Alpenrosen und Bergthymian blühten neben ihm , ein freudiger , wundervoller Teppich , wie er ihn oft in seiner Weberei ersonnen und doch nicht ganz erreicht hatte ; vor ihm ein endloses Gewässer , der Bodensee , der über seine Ufer ausgetreten war und in den noch immer die Wasserfälle mit ausgerissenen Tannen und Felsenstücken niederdonnerten , die Sonne aber schwamm ruhig auf ihm , wie ein Glutschiff . Er ging entzückt taumelnd einige Schritte , sah nieder und warf sich erschreckt auf den Boden , schloß die Augen und drückte die Steine an sich , wie seinen letzten Halt . Über dem Wasser schien er sich zu schweben und ohne Hoffnung an dem glatten Felsen niederzugleiten , der gerundet ihm die Gefahr versteckt hatte , bis er in träumenden Gedanken die Höhe der Wölbung erreicht hatte und schon zwischen Himmel und Wasser schwebte . Sich selbst aufgebend , meiner noch denkend , ließ er sich einige Ellen niedergleiten , da stand sein Fuß an einem Vorstoß fest . Er blickte hin und sah , daß er einen gehauenen , schmalen Felsensteig erreicht hatte , der ihm von der Felsenwölbung versteckt gewesen war , er sah jetzt eine Felsenbucht zu seiner Linken , die nur durch diesen Fußgang eingänglich schien , das Wasser brauste gewaltig in Strudeln , und in der Mitte dieses Wellenschaums stand fast wie der Schatten eines Schlosses ein siebentürmiges , eckiges Schloß , das in seinen Türmen völlig durchsichtig und von Glasstücken erbaut schien , da jeder der Türme einen bunten Regenbogen auf die entfernte , schwarze Wasserfläche der Bucht und auf die schwarzen Felsen warf . Er hatte nie einen so gewaltsamen Anblick erlebt , die Sonne schien dienstbar dem Menschenwerke und gleich stand seine Überzeugung fest , dies sei die Kronenburg , die Pfalz der Hohenstaufen . Alle Furcht war verschwunden und Glut durchkochte seine Wangen , die Krone zu gewinnen , die ihm durch seine Geburt gehörte . Er eilte den Felsenweg nieder ; sah , daß die kunstreiche , eiserne Laufbrücke über das Wasser gespannt war . Schon glaubte er alles gewonnen , da sah er vor der Brücke zwölf alte , starke , geharnischte Männer , ihre Füße blutig , als ob sie beim schweren Steigen über Gletscher sich selbst verwundet hätten , um einen Anhalt an der glatten Fläche zu gewinnen . Es waren dieselben , die ihn so zornig auf dem Gebirge suchten , aber sie schliefen jetzt wie todmüde Menschen unerwecklich , schienen aber nicht willig eingeschlafen , denn sie hielten noch ihre Schwerter , als wachten sie bei der Brücke . Da war ' s , als ob der Tod schon hinter ihm mit der Sense gehe , als ob die Engel ihm die Füße vorwärts höben und stellten , daß er die Brücke überschreite , so schneidend sauste die Luft hinter ihm , als er über die hochschwebende , eiserne Stufenbrücke schritt , so sorglich umflogen ihn die Tauben , daß er sich nicht einsam fühle und schwindle . Ich kenne euch Regenbogenhälse , dachte er , seid ihr heimlich mir nachgeflogen , ihr waret meine einzige Gespielen auf Hohenstock , leitet mich , ihr treulich Liebenden ! So gelangte er an den hohen Eingang und erblickte an jeder Seite zwei eiserne Männer mit großen Doppelschwertern . Er zog sein Schwert , daß er nicht ungerächt fiele , aber sie standen still und er sah , daß ihr Antlitz von Glockengut bei der Berührung hohl erklang ; diese herzlos Gewaltigen waren angekettet , weil die Wächter draußen auf Kundschaft harrten . Glorreich in sich betrat er den ersten Platz , da sangen die Vögel in ewigem , sichern Frieden und die Blumen schienen keinen Winter zu kennen , die Erde schuf sie in einer Fülle der Kraft , wie nirgend sonst ; Fruchtbäume an Glasstäben der Glasmauer aufgebunden , standen in voller Blüte , große , bunte Schmetterlinge flatterten hier wie eine Herde . Und er trat weiter in den zweiten Hof , der von Wohnungen umgeben war , da stand ein hoher Schleifstein , der von einem rieselnden Wasser wie eine Mühle getrieben wurde und Schwerter lagen umher , die frisch geschliffen waren . Nie hatte er solchen Klingenglanz erblickt , er warf sein Schwert fort und wählte sich das schönste , der feine Sand des Mühlsteins war davon noch nicht abgewischt . Aber kaum war er so bewehrt , da brüllte ihm ein Löwe entgegen , der ein ganz junges Kind , als wär es von ihm geraubt , an den Windeln , worin es eingeschlagen , trug . Mitleid mit dem Kinde unterdrückte jede Rücksicht , er trat auf den Löwen zu , der das Kind nun fallen ließ . Der Löwe erhob sich auf seine Hintertatzen , er durchstach das gewaltige Ungeheuer . Das Kind schrie , er hob es auf , es schien unversehrt , das Kind war ihm lieb wie die Krone , er hatte es erstritten , er konnte es nicht lassen . Nun eilte er von einem Turme zum andern , die Krone zu finden , durch das Gepränge der Silbergefäße in den engen , gewölbten Gängen . Nicht schreckten ihn in doppelten Farbenspiegelungen die gemalten Wächter , nicht die Schneckentreppen in freier Luft , nicht die einzelnen Steine , auf denen er zur Spitze außerhalb dem Turme schreiten mußte , er sah auf das Kind in seinem Arm , wenn ihm graute . Endlich auf dem mittelsten , höchsten Turme sah er in einer kristallenen , matt geschliffenen Schale die Krone blinken , aber noch zwei Stufen waren zu überwinden , die sich um die enge Spitze des Turmes wendeten . Auch diese waren überwunden und schon hielt er die Krone in seinen Händen , einen schlechten , goldnen Reifen über einen eisernen Ring geschmiedet , da merkte er erst , daß er keinen Augenblick in der Höhe verweilen dürfe , sondern unmittelbar sich zurückwenden müsse , weil die obere Stufe zu schmal war , um ihn mit beiden Füßen zu tragen . Es gibt Augenblicke , die so furchtbar schnell zu einem Entschlusse drängen , daß der höhere Wille keine Zeit hat , den rohen Trieb zu bemeistern . Dem Ritter blieb in dem Umwenden scheinbar die Wahl , entweder die Krone , oder das Kind in die Wasserflut zu stürzen , wenn er nicht mit beiden niederfallen wollte . Daß er aber das Kind herabschleuderte , war nicht seine Wahl , wie er mir oft geschworen , sondern es geschah , ehe er wählte . Mit seinem Leben hätte er das Kind errettet , denn was war ihm die Krone ? Nur als Brautgeschenk , um mich zu erhalten , hatte sie ihm einen Wert ; er hätte mir gern entsagt , wenn er das Kind hätte retten können . Nie hat er das Schmerzliche dieses Augenblicks vergessen und sich oft gewünscht , er wäre nachgesprungen in die Flut , auch meinte er immer , daß er dafür einen gewaltsamen Tod wohl verdient habe . Das Unglück war geschehen , das Kind seiner Hand entschlüpft , er wünschte ihm nachzustürzen , aber er kam glücklich mit der Krone zum Schloßplatze nieder . Da hörte er die schweren Wächter über die Brücke kommen , ihm blieb kein Ausweg , als das Wasser , und darum folgte er dem Wasser der kleinen Mühle , setzte die Krone auf sein Haupt , warf Waffen und Kleider fort und senkte sich mit dem Flüßchen am glatten Bauwerke in den See nieder , in welchem eine große Zahl von Stämmen , mit ihren unzähligen Ästen vom Berge niedergestürzt , umhertrieben und die Drehung des Wassers hemmten . Auf Hohenstock zur Schwimmerei erzogen , half er sich leicht zu einer Tanne hinüber , aber sie war zu klein und sank unter seiner Last , doch nutzte er ihre Hülfe , um zu einer größern sich hintreiben zu lassen , die ihn wie ein sicheres Floß aufnahm . Da blickte er um sich , sie deckte ihn mit ihren Zweigen , er sah , daß die Kronenwächter , die des Löwen Tod und den Verlust des Kindes wahrgenommen , umsonst riefen und suchten und schauten , sie bemerkten nicht , wo er entkommen ; er trieb unaufgehalten der breiten Seefläche zu , von brütenden Tauben , die ihre Jungen in den Nestern nicht aufgeben wollten , in den Ästen umflattert , von namenloser Qual durchbebt , sein reines Leben mit dem Morde des Kindes befleckt zu haben . « - Hier schwieg die edle Frau , indem sie einen Teppich hervorsuchte , der Prior aber flüsterte zum Baumeister : » Hält sie mich wirklich für so einfältig , daß ich das Märchen glauben soll , ich war so oft am Bodensee und habe nie von solcher Felsbucht gehört . « Der Baumeister lächelte , winkte und strich sich über das Kinn , verzog auch den Mund , als ob er selbst nicht alles glaube , doch sagte er : » Wer kann vor den ärgerlichen Seeräubern da in alle Felsenschluchten fahren , sie unterbrechen allen Handelsverkehr der Städte . « Nach einer Pause fuhr die edle Frau in ihrer Erzählung fort , als ob sie das leise Geflüster gehört hätte : » Vielleicht dünkt Euch diese Erzählung des Ritters ein Traum , den er sich ernstlich eingebildet hatte , ich fürchtete für seinen Verstand , als ich sie vernahm und suchte ihn um so liebreicher zu trösten , je lieber ich die Geschichte vergessen hätte . Ein Blumenkranz , den er mir mitbrachte , war mir lieber , als die berühmte Krone , ich nahm den Schlüssel des Kastens , wo er die Krone eingepackt , daß er der verhaßten Gedanken sich entschlüge , und zog mit ihm aus dem einsamen Jagdhause zum Schlosse meines Vaters , der bald darauf von der Pilgerreise , die er wegen der Türken nicht vollenden konnte , mit seinen früheren Planen beschäftigt , zurückkehrte . Mit heftiger Freude hörte er die Erzählung des Ritters , er schien alles zu glauben , ich mußte die Krone bringen , er küßte sie wie ein Heiligtum , sagte aber , sie sei bei mir sicherer , als bei ihm , er könne nicht jedem in seiner Umgebung trauen , seine Zeit sei noch nicht reif . Unsre Vermählung wurde als Dank für dieses Brautgeschenk ungesäumt , aber heimlich , vollzogen und der Ritter schien seinen Gram vergessen zu haben . Doch als ich ihn mit der Hoffnung erfreute , Vater zu werden , da trat es ihm schwarz in die Gedanken , die Kronenwächter möchten sich an seinem Kinde rächen , wegen des Verlusts des begünstigten Sprößlings . Er beredete mich , scheinbar mit ihm zu einem verwandten Hause nach Flandern zu reisen , uns aber im tiefsten Walde meines Vaters , als Bauern verkleidet , niederzulassen . Mein Vater willigte ungern in den Plan , er fühlte sich nahe dem Tode und hätte sich gern noch die letzte Zeit den Lebenden angeschlossen , aber er fürchtete selbst Gefahr , da er zwar noch nicht seine Aussöhnung mit dem Kaiser durch Überlieferung der Krone abgeschlossen , aber in der Unterhandlung begriffen war . Wir lebten ein glückliches halbes Jahr in der Einsamkeit , ein Diener sorgte für unser Bedürfnis , wir trieben es in kunstreichen Webereien zur größten Vollendung und erfreuten den Vater mit unsern Arbeiten , indem wir ihn durch diese Abbilder künstlich in unsre Nähe zauberten . Ich wurde von einem Sohne entbunden , genas bald wieder und nichts schien unserm Glücke zu fehlen . « Die Fremde hielt inne , drückte ihre Stirn mit der Hand und fuhr fort : » Als wir eines Nachmittags den Huf eines Rosses durch den Wald schallen hörten , da fuhr ich auf , wie aus einem Traume , und der Ritter erschrak bei dieser Seltsamkeit , denn der Wald war so dicht , daß niemand seinen Weg durch denselben nahm , am wenigsten zu Rosse . Er griff nach seiner Armbrust , aber ich hielt ihn , denn im Augenblicke entdeckte ich , es sei ein sehr alter Mann , der sich mit seinem Roß durch die Büsche quälte , und mein unseliges Mitleiden raubte mir alles . Der Ritter unterhielt sich mit dem Alten , er nannte sich Martin . « - » Martin ? « fragte Berthold halblaut . - » Martin nannte sich der Alte und seinen Herrn nannte er den Ritter von Golm , der unfern mit seinem Pferde harre , sie hätten sich durch Irrlichter anführen lassen , so wären sie schon in der Nacht von der Straße nach Augsburg abgekommen . Der Ritter entschloß sich , sie auf die rechte Straße zu begleiten , aber meine Neugierde erwachte , etwas Neues von der Welt zu hören , da mein Vater nicht schreiben mochte und der alte Diener zu einfältig war , etwas Neues zu begreifen . Der Ritter gab meinem unseligen Verlangen nach , zur Strafe dieser Neugier habe ich ihn verloren und dem Tageslichte entsagt , bis ich meinen Sohn wieder finde . - Er brachte den fremden Ritter und seinen Reisigen Martin in unser Haus , ich wandte mich mit allerlei Fragen an den Ritter , der alt und grämlich sie nur kurz beantwortete und sich verwunderte , was wir Wald-Bauerleute uns um die hohen Häuser Schwabens kümmerten . Mein Ritter gab vor , wir hätten Sollst beide in einem der Häuser gedient und hätten uns in die Wildnis geflüchtet , weil der Herr unsre Heirat nicht zugeben wollen . Der alte Ritter stellte sich etwas ungläubig und wollte seine Waffen nicht ablegen , auch nichts genießen , was wir ihm vorsetzten , vielmehr mußte sein alter Martin ihm selbst etwas , das er bei sich führte , in der Küche wärmen . Der unbequeme Gast verdarb uns schon alle Laune , oder war ' s die Ahndung des nahen Unglücks , daß der Ritter und ich mehrmals mit heimlicher Trauer einander die Hände drückten . So stumm saßen wir drei bei einander , als ein seltsames Knistern und Sausen über uns meinen Ritter aus dem Traume weckte ; er riet nicht lange , was es sein könne , denn Martin stürzte herein und sagte , der Schornstein müsse nicht fest gewesen sein , das Sparrwerk des Daches brenne . Ich eilte halb sinnlos nach der Wiege des Kindes und riß es heraus , der Ritter sprang nach dem verdeckten Behältnisse unter dem Bette , wo die Krone bewahrt wurde , und nahm die Krone offen in seine Hand . Wir eilten mit dem Ritter und Martin ins Freie und bemerkten dort , daß der Brand nur den oberen Teil des Daches ergriffen und daß wir noch in Sicherheit so manches unsrer Arbeiten und unseres Gerätes erretten könnten . Ich gab mein Kind dem alten Ritter und sprang ins Haus zurück , mein Gemahl folgte dem Beispiele und warf die Krone beiseite , indem er mir folgte . Wir brachten manchen seltnen Schrank und unsre Teppiche hinausgetragen und als wir fertig mit der Rettung unsrer besten Sachen waren , riefen wir nach dem Ritter , weil wir ihn nicht gleich sahen . Da hörten wir in einiger Entfernung sein Lachen und seiner Rosse Wiehern , Kind und Krone fehlten , wir fühlten und es erstickte unsre Worte , daß wir schrecklich betrogen waren , daß dieses Feuer nur angelegt worden , um zu entdecken , wo die Krone verborgen sei . Ich blieb sinnlos stehen und lehnte mich an einen Baum , mein Ritter zog sein Schwert und eilte den Räubern wie ein Rasender nach . Ich hörte Waffengeklirr , ich sah Martin , den Reisigen , im Gefecht mit meinem Herrn , da sank ich nieder . Ich meinte meinen Herrn gesehen zu haben , wie er mit blutigem , gespaltenen Haupte zu mir trat , vor mir niedersank , mich um ein letztes Andenken bat , und wie ich in Erstarrung den goldnen , schön geschuppten Trauring in die Wunde drückte . Ist ' s ein Traum gewesen , so war er schrecklich deutlich , aber kein andres Bild aus meinem wahnsinnigen Zustande ist mir so deutlich geblieben . Der alte Diener , der mich fand , konnte von meinem Ritter , von dem Kinde , von der Krone nichts entdecken , die Gesträuche waren mit Blut bespritzt , mein Herz wußte , es sei das Blut des Geliebten , mein Verstand unterlag , ich fühlte bald nichts von der Welt , deren Ungewißheit mich von ihr losgerissen hatte . Der alte Diener fand mich sinnlos , allmählich besann ich mich , der Tod des Vaters ging gleichgültig meinem Ohr vorüber . Erst im Hause dieses edlen Baumeisters lernte ich wieder denken , erkannte meine Schuld , und brachte zur Sühne meiner Neugierde das schmerzliche Gelübde , das Tageslicht zu meiden , bis ich den Sohn oder den Geliebten wieder finde . « - » Ihn habe dies Gelübde nicht angeraten « , sagte der Baumeister , » wer etwas sucht , muß Tag und Nacht danach sich umsehen . « - » Vergebens sind meine Reisen gewesen « , fahr die Fremde fort , » doch was ist vergebens ? Seht hier auf diesem Teppich , den ich nicht vollenden konnte , und den ein junger Maler Sixt , der mich begleitet , mit geschicktem Pinsel füllte , das brennende Haus , unter welchem wir ein seliges Jahr wohnten , dort den tückischen Ritter mit Kind und Krone , den grimmigen Martin , den ich aus tiefster Seele verfluchte , und hier den blutigen Ritter , der ein Andenken von mir begehrt . - Aber was ist Euch , junger Herr ? « fragte sie ängstlich , daß sie alle zusammenfuhren , den jungen Berthold , » Eure Tränen übermannen Euch , Ihr wechselt die Farbe wie ein Kranker . « - Mit gebrochener Stimme antwortete Berthold : » Mir wird gewiß wohl , wenn ich ins Freie komme , erlaubt mir nur wenige Zeit , ich werde mich erholen und Euch etwas überbringen , woran jetzt meine ganze Seligkeit gekettet ist . « Er eilte nach seinem Hause , fand Frau Hildegard bei ihrer Lampe sitzen und beten , es tat ihm wehe , ihr zu sagen , daß er sie wohl nicht mehr lange als seine einzige , liebe Mutter verehren würde , er antwortete ihr daher nur unbestimmt auf die Frage , was er suche , und sie berichtete ihm während des Suchens , daß der alte Berthold wegen des ausgehängten Turmwächters zum Bürgermeister spät abends gerufen und noch nicht wieder gekommen sei , weswegen die Leute meinten , der Bürgermeister habe ihn einsetzen lassen . Diese unangenehme Nachricht ging ohne tiefen Eindruck an ihm über , sie merkte aber den Ärger und die Angst , in die er sich versetzt fühlte , als er den Kasten mit dem geliebten Haupte durchaus nicht an der Stelle finden konnte , wo er ihn hingestellt hatte . Frau Hildegard konnte keine Auskunft von ihm erpressen , was er suche ; die Angst , das Kennzeichen seiner Geburt verloren zu haben , verwirrte ihn schon , er hörte auf nichts und hätte im unruhigen Durcheinanderwerfen die Kiste gewiß übersehen , wenn sie gleich vor ihm gestanden hätte . Endlich sprach Frau Hildegard mitleidig : » So ist nun der Mensch , er meint , der Teufel habe sein Spiel , wenn er irgend eine Kleinigkeit , die er braucht , nicht finden kann , und einen guten Gedanken , den ihm wohl ein Engel zum Trost der Seinen eingeben könnte , verschluckt er darüber , als ginge er nicht verloren , wenn er zu spät kommt . Laß dein Suchen und rate mir , wie wir uns mit dem Bürgermeister benehmen ! « - Das Wort drang in sein Herz , er fiel der Mutter Hildegard und den Hals , er suchte sie zu trösten wegen des Vaters ; dann vertraute er ihr die Hoffnungen seines kindlichen Herzens , und wie er nur geschwiegen , um ihr die Sorge zu sparen , als ob seine Liebe schwächer werden könnte , wenn sie sich teilte . Frau Hildegard weinte und segnete die höhern Wege der Vorsehung , wünschte sich aber zurück in die stille Ruhe des Turmes , wie sie der Welt näher gekommen , werde sie auch von ihr bewegt ; dann zeigte sie auf einen Wandschrank , wo unser Berthold das Heiligtum fand . Er drückte den Schädel so heftig an Mund und Herz , daß jenes Blinkende , was Martin für einen Helmring angesehen , aus der Öffnung des Schädels sprang und über den Boden rollte . » Es ist ein Trauring « , sagte Hildegard , die ihn aufhob , » hier steht der Tag eingegraben im innern Kreise . « Besinnungslos freudig sprang schon Berthold mit Schädel und Ring die Treppe hinunter zur Wohnung der edlen Fremden . Siebente Geschichte Der Sturm Er fand nur Apollonien im Zimmer der edlen Frau , sie hatte sich zur Besorgung einiger Briefe fortbegeben . Ohne sich Apollonien erklären zu können , drückte er ihr die Hand und küßte den Schädel ; Apollonien durchdrang ein Entsetzen , sie weinte , denn er schien ihr sinnlos . - » Beweine nicht mein Glück « , antwortete Berthold , » wer keinen Vater , keine Mutter kannte und von Fremden so mild und zärtlich , wie ich auferzogen wurde , der ahndet erst alle Liebe , die eine rechte Mutter zu ihm trägt , und auch dich , Apollonia darf ich ohne Scheu anblicken , aus gutem , edlen Stamm bin ich entsprossen , bin kein Findelkind , dessen sich die Eltern schämten , wie mir die bösartigen Knaben der Stadt sonst nachschrien , als ich noch ein armer Schreiber war . « - » Bist du also vornehm geworden « , fragte Apollonia , » dir gönne ich ' s recht von Herzen und will für dich im Kloster beten , daß kein Glück dich verdirbt . « - » Du willst wieder ins Kloster ? « fragte Berthold traurig . - » Ich war recht glücklich und zufrieden im Kloster « , antwortet : Apollonia . Jetzt trat die edle Fremde ein und ihr erster Blick fiel auf den Ring , der aus der Wunde des Schädels entfallen , in Bertholds Hand glänzte , sie sah auch den Schädel und die tiefe Wunde , in der er so lange verborgen gelegen , sie glaubte , die geliebte Gestalt wieder zu erblicken , und es hatte nach so langen Leiden ihr nichts Schauerliches mehr . Mit hastiger Ungeduld , der Worte oft nicht mächtig , stammelte Berthold seine Geschichte , wie er auf dem Schädel geruht , was Martin oft so bedeutend von ihm gesprochen . Nun wußte sie , was sie bei seinem Anblicke gefühlt hatte , ihr war alles gewiß , sie umhalste ihn mit Tränen , drückte ihn an sich und sprach : »