Leib und Seele gegessen hatte , ein , sich mit in das Gespräch zu mischen . Gerade , als sie sich in ihren Redensarten eben am wohlsten gefiel , fuhr er höchst komisch mit Wahrheiten darein , die aber alle so ungewöhnlich und abenteuerlich ausgedrückt waren , daß Friedrich und Leontin nicht wußten , ob sie mehr über die Schärfe seines Geistes oder über seine Verrücktheit erstaunen sollten . Besonders brach Leontin in ein schadenfrohes Gelächter aus . Die Tante , der es nicht an vielseitigen Talenten gebrach , um seine Verrücktheiten nicht ohne Salz zu finden , warf ihm unwillige Blicke zu , worauf sich jener in einem philosophischen Bombast von Unsinn verteidigte und endlich selber in ein albernes Lachen ausbrach . Sie hatte aber doch das Spiel verspielt ; denn beide Gäste , besonders Leontin , spürten bereits eine gewisse Kameradschaft mit dem rätselhaften irrenden Ritter in sich . Als endlich die Tafel aufgehoben wurde , mußte Fräulein Julie noch ihre Geschicklichkeit auf dem Klaviere zeigen , welches sie ziemlich fertig spielte . Währenddes hatte die Tante Friedrich beiseite genommen , und erzählte ihm , wie sehr sie bedaure , ihre Nichte nicht frühzeitig in die Residenz in irgendein Erziehungshaus geschickt zu haben , wo allein junge Frauenzimmer das gewisse Etwas erlernten , welches zum geselligen Leben so unentbehrlich sei . » Ich bin der Meinung « , antwortete ihr Friedrich , » daß jungen Fräulein das Landleben gerade am besten fromme . In jenen berühmten Instituten wird durch Eitelkeit und heillose Nachahmungssucht die kindliche Eigentümlichkeit jedes Mädchens nur verallgemeinert und verdorben . Die arme Seele wird nach einem Modelle , das für alle passen soll , so lange dressiert und gemodelt , bis am Ende davon nichts übrigbleibt , als das leere Modell . Ich versichere , ich will alle Mädchen aus solchen Instituten sogleich an ihrer Wohlerzogenheit erkennen , und wenn ich sie anrede , weiß ich schon im voraus , was sie mir antworten werden , was für ein Schlag von Witz oder Spaß erfolgen muß , was sie für kleine Lieblingslaunen haben usw. « Die Tante lachte , ohne jedoch eigentlich zu wissen , was Friedrich mit alledem meine . Unterdes hatte das Fräulein ein Volkslied angefangen . Die Tante unterbrach sie schnell und ermahnte sie , doch lieber etwas Vernünftiges und Sanftes zu singen . Leontin aber , den dabei seine Laune überwältigte , setzte sich statt des Fräuleins hin und sang sogleich aus dem Stegreif ein zärtliches Lied so übertrieben und süßlich , daß Friedrich fast übel wurde . Fräulein Julie sah ihn groß an und war dann während seines ganzen Gesanges in tiefe Gedanken versunken . - Erst spät begab man sich zur Ruhe . Das Schlafzimmer der beiden Gäste war sehr nett und sauber zubereitet , die Fenster gingen auf den Garten hinaus . Eine geheimnisvolle Aussicht eröffnete sich dort über den Garten weg in ein weites Tal , das in stiller , nächtlicher Runde vor ihnen lag . In einiger Ferne schien ein Strom zu gehen , Nachtigallen schlugen überall aus den Tälern herauf . » Das muß hier eine schöne Gegend sein « , sagte Leontin , indem er sich zum Fenster hinauslehnte . » Sie kommt mir vor , wie die Menschen hier im Hause « , entgegnete Friedrich . » Wenn ich in einen solchen abgeschlossenen Kreis von fremden Menschen hineintrete , ist es mir immer , als sähe ich von einem Berge in ein unbekanntes , weites , nächtliches Land . Da gehen stille breite Ströme , und tausend verborgene Wunder liegen seltsam zerstreut , und die fröhliche Seele dichtet bunte , lichte , glückliche Tage in die verworrene Dämmerung hinein . Ich habe oft gewünscht , daß ich die meisten Menschen niemals zum zweiten Male wiedersehen und näher kennenlernen dürfte , oder daß ich immer aufgeschrieben hätte , wie mir jeder zum ersten Male vorkam . « » Wahrhaftig « , fiel ihm Leontin lachend ins Wort , » sprichst du doch , als wärst du von neuem verliebt . Aber du hast ganz recht , mir ist ebenso zumute , und es ist nur schade um ein redliches Herz , das durch eine immerwährende Täuschung so entherzt wird . Denn wenn in jene schöne , ungewisse Nacht der ersten Bekanntschaft nach und nach der Tag anfängt herüberzuschielen und die nüchternen Hähne krähen , da schleicht ein wunderbarer Geist nach dem andern abseits ; was in der Nacht wie ein dunkler Riese dastand , wird ein krummer Baum , das Tal , das aussah wie eine umgeworfene , uralte römische Stadt , wird ein gemeines Ackerfeld , und das ganze Märchen nimmt ein schales Ende . Ich könnte so fromm sein , wie ein Lämmchen und niemals eine Anwandlung von Witz verspüren , wenn nicht alles so dumm ginge . « - Friedrich sagte darauf : » Nimm dich in acht mit deinem Übermute ! Es ist leicht und angenehm , zu verspotten , aber mitten in der Täuschung den großen , herrlichen Glauben an das Bessere festzuhalten , und die andern mit feurigen Armen emporzuheben , das gab Gott nur seinen liebsten Söhnen . « - » Ich sage dir in vollem Ernst « , erwiderte Leontin ungemein liebenswürdig , » du wirst mich noch einmal ganz bekehren , du seltsamer Mensch . Gott weiß es wohl , mir fehlt noch viel , daß ich gut wäre . « - Am Morgen strahlte die Gegend in einem zauberischen Glanze in ihre Fenster herauf . Sie eilten in den Garten hinab , wo sie nicht wenig über die Schönheit der Landschaft erstaunten . Der Garten selbst stand auf einer Reihe von Hügeln , wie eine frische Blumenkrone über der grünen Gegend . Von jedem Punkte desselben hatte man die erheiternde Aussicht in das Land , das wie in einem Panorama ringsherum ausgebreitet lag . Nirgends bemerkte man weder eine französische noch englische durchgreifende Regel , aber das Ganze war ungemein erquicklich , als hätte die Natur aus fröhlichem Übermute sich selber aufschmücken wollen . Herr v. A. und seine Schwester , letztere , wie wir später sehen werden , wohl nicht ohne besondere Absicht , baten ihre Gäste recht herzlich und dringend , längere Zeit bei ihnen zu verweilen , und beide willigten gern in den angenehmen Aufenthalt . Doch erst , als die allmähliche Gewohnheit des Zusammenlebens ihnen das Bürgerrecht des Hauses erteilt hatte , empfanden sie die Wohltat des stillen , gleichförmigen , häuslichen Lebens und labten sich an diesem immer neu erfreulichen Schauspiele , das über gutgeartete Gemüter eine Ruhe und einen gewissen festen Frieden verbreitet , den viele ein Leben lang in der bunten Weltlust oder in der Wissenschaft selber vergebens suchen . Wenn die Sonne über den Gärten , Bergen und Tälern auf ging , flog auch schon alles aus dem Schlosse nach allen Seiten aus . Herr v. A. fuhr auf die Felder , seine Schwester und das Fräulein hatten im Hofe zu tun und wurden gewöhnlich erst gegen Mittag in reinlichen , weißen Kleidern sichtbar . Friedrich und Leontin wohnten eigentlich den ganzen Vormittag draußen in dem schönen Garten . Auf Friedrich hatte das stille Leben den wohltätigsten Einfluß . Seine Seele befand sich in einer kräftigen Ruhe , in welcher allein sie imstande ist , gleich dem unbewegten Spiegel eines Sees , den Himmel in sich aufzunehmen . Das Rauschen des Waldes , der Vogelsang rings um ihn her , diese seit seiner Kindheit entbehrte grüne Abgeschiedenheit , alles rief in seiner Brust jenes ewige Gefühl wieder hervor , das uns wie in den Mittelpunkt alles Lebens versenkt , wo alle die Farbenstrahlen , gleich Radien , ausgehn und sich an der wechselnden Oberfläche zu dem schmerzlich-schönen Spiele der Erscheinung gestalten . Alles Durchlebte und Vergangene geht noch einmal ernster und würdiger an uns vorüber , eine überschwengliche Zukunft legt sich , wie ein Morgenrot , blühend über die Bilder und so entsteht aus Ahnung und Erinnerung eine neue Welt in uns und wir erkennen wohl alle die Gegenden und Gestalten wieder , aber sie sind größer , schöner und gewaltiger und wandeln in einem anderen , wunderbaren Lichte . Und so dichtete hier Friedrich unzählige Lieder und wunderbare Geschichten aus tiefster Herzenslust , und es waren fast die glücklichsten Stunden seines Lebens . Oft besuchte ihn dort Herr v. A. in seiner Werkstatt , doch immer nur auf kurze Zeit , um ihn nicht zu stören ; denn er schien eine heilige Scheu vor allem zu haben , womit es einem Menschen Ernst war , obschon er , wie Friedrich aus mehreren Äußerungen bemerkt hatte , insbesondere von der Dichtkunst gar nichts hielt . Er war einer von jenen , die , durch einseitige Erziehung und eine Reihe schmerzlicher Erfahrungen ermüdet , den lebendigen Glauben an Poesie , Liebe , Heldenmut und alles Große und Ungewöhnliche im Leben aufgegeben haben , weil es sich so ungefüge gebärdet und nirgends mehr in die Zeit hineinpassen will . Zu überdrüssig , um sich diese Rätsel zu lösen , und doch zu großmütig , um sich in das wichtigtuende Nichts der andern einzulassen , ziehen sich solche Menschen nach und nach kalt in sich selbst zurück und erklären zuletzt alles für eitel und Affektation . Daher liebte er die beiden Gäste , welche seine meist sehr genialen Bemerkungen , mit denen er das Erbärmliche aller Affektation auf die höchste Spitze des Lächerlichen zu stellen pflegte , immer sogleich verstanden und würdigten . Überhaupt waren ihm diese beiden eine ganz neue Erscheinung , die ihn oft in seiner Apathie irremachte , und er gewann während ihres Aufenthaltes auf dem Schlosse eine ungewöhnliche Heiterkeit und Lust an sich selber . Übrigens war er bis zur Sonderbarkeit einfach , redlich und gutmütig , und Friedrich liebte ihn unaussprechlich . Fräulein Julie fuhr fort , ihre Tante in den häuslichen Geschäften mit der strengsten Ordnung zu unterstützen . Sonst war sie still und wußte sich ebensowenig wie ihr Vater in die gewöhnliche Unterhaltung zu finden , worüber sie oft von der Tante Vorwürfe anhören mußte . Doch verbreitete die beständige Heiterkeit und Klarheit ihres Gemütes einen unwiderstehlichen Frühling über ihr ganzes Wesen . Leontin , den ihre Schönheit vom ersten Augenblicke an heftig ergriffen hatte , beschäftigte sich viel mit ihr , sang ihr seine phantastischen Lieder vor , oder zeichnete ihr Landschaften voll abenteuerlicher Karikaturen und Bäumen und Felsen , die immer aussehen , wie Träume . Aber er fand , daß sie gewöhnlich nicht wußte , was sie mit alledem anfangen sollte , daß sie gerade bei Dingen , die ihn besonders erfaßten , fast kalt blieb . Er begriff nicht , daß das heiligste Wesen des weiblichen Gemütes in der Sitte und dem Anstande bestehe , daß ihm in der Kunst , wie im Leben , alles Zügellose ewig fremd bliebe . Er wurde daher gewöhnlich ungeduldig und brach dann in seiner seltsamen Art in Witze und Wortspiele aus . Da aber das Fräulein wieder viel zu unbelesen war , um diese Sprünge seines Geistes zu verfolgen und zu verstehen , so führte er , statt zu belehren , einen immerwährenden Krieg in die Luft mit einem Mädchen , dessen Seele war wie das Himmelblau , in dem jeder fremde Schall verfliegt , das aber in ungestörter Ruhe aus sich selber den reichen Frühling ausbrütet . Desto besser schien das Fräulein mit Friedrich zu stehen . Diesem erzählte sie zutraulich mit einer wohltuenden Bestimmtheit und Umsicht von ihrem Hauswesen , ihrer beschränkten Lebensweise , zeigte ihm ihre bisherige Lektüre aus der Bibliothek ihres Vaters , die meistenteils aus fabelhaften Reisebeschreibungen und alten Romanen aus dem Englischen bestand , und tat dabei unbewußt mit einzelnen , abgerissenen , ihr ganz eignen Worten , oft Äußerungen , die eine solche Tiefe und Fülle des Gemütes aufdeckten , und so seltsam weit über den beschränkten Kreis ihres Lebens hinausreichten , daß Friedrich oft erstaunt vor ihr stand und durch ihre großen , blauen Augen in ein Wunderreich hinunterzublicken glaubte . Leontin sah sie oft stundenlang so zusammen im Garten gehen und war dann gewöhnlich den ganzen Tag über ausgelassen , welches bei ihm immer ein schlimmes Zeichen war . Der schöne Knabe Erwin , der mit einer unbeschreiblichen Treue an Friedrich hing , behielt indes auch hier seine Sonderbarkeiten bei . Er hatte ebenfalls seinen Wohnplatz in dem Garten aufgeschlagen und war noch immer nicht dahin zu bringen eine Nacht im Hause zu schlafen . Leontin hatte für ihn eine eigne phantastische Tracht ausgesonnen , so viel auch die Tante , die es sehr ungereimt fand , dagegen hatte . Eine Art von spanischem Wams nämlich , himmelblau mit goldenen Kettchen , umschloß den schlanken Körper des Knaben . Den weißen Hals trug er bloß , ein zierlicher Kragen umgab den schönen Kopf , der mit seinen dunklen Locken und schwarzen Augen wie eine Blume über dem bunten Schmucke ruhte . Da Friedrich hier weniger zerstreut war , als sonst , so widmete er auch dem Knaben eine besondere Aufmerksamkeit . Er entdeckte in wenigen Gesprächen bald an Schärfe und Tiefe eine auffallende Ähnlichkeit seines Gemütes mit Julien . Nur mangelte bei Erwin das ruhige Gleichgewicht der Kräfte , die alles beleuchtende Klarheit ganz und gar . Im verborgensten Grunde der Seele schien vielmehr eine geheimnisvolle Leidenschaftlichkeit zu ruhen , die alles verwirrte und am Ende zu zerstören drohte . Mit Erstaunen bemerkte Friedrich zugleich , daß es dem Knaben durchaus an allem Unterrichte in der Religion gebreche . Er suchte daher seine frühesten Lebensumstände zu erforschen , aber der Knabe beharrte mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit , ja mit einer Art von Todesangst auf seinem Stillschweigen über diesen Punkt . Friedrich ließ es sich nun ernstlich angelegen sein , ihn im Christentume zu unterrichten . Alle Morgen , wenn die Natur in ihrer Pracht vor ihnen ausgebreitet lag , saß er mit ihm im Garten , und machte ihn mit dem großen wunderreichen Lebenswandel des Erlösers bekannt und fand , ganz dem Gange der Zeit zuwider , das Gemüt des Knaben weit empfänglicher für das Verständnis des Wunderbaren als des Alltäglichen und Gewöhnlichen . Seit dieser Zeit schien Erwin innerlich stiller , ruhiger und selbst geselliger zu werden . In Juliens Wesen war indes , seit die Fremden hier angekommen waren , eine unverkennbare Veränderung vorgegangen . Sie schien seitdem gewachsen und sichtbar schöner geworden zu sein . Auch fing sie an , sich mehrere Stunden des Tages auf ihrem Zimmer zu beschäftigen . Aus diesem Zimmer ging eine Glastür auf den Garten hinaus ; vor derselben standen auf einem Balkon eine Menge hoher , ausländischer Blumen ; mitten in diesem Wunderreiche von Duft und Glanz saß ein bunter Papagei hinter goldenen Stäben . Hier befand sich Julie , wenn alles ausgegangen war , und las oder schrieb , während Erwin , draußen vor dem Balkon sitzend , auf der Gitarre spielte und sang . So fand sie Friedrich einmal , als er sie zu einem Spaziergange abholte , eben über einem Gemälde begriffen . Es war , wie er mit dem ersten Blicke flüchtig unterscheiden konnte , ein halbvollendetes Portrait eines jungen Mannes . Sie verdeckte es schnell , als er hereintrat , und sah ihn mit einem durchdringenden , rätselhaften Blicke an . - Sollte sie lieben ? dachte Friedrich und wußte nicht , was er davon halten sollte . Achtes Kapitel Es war festgesetzt worden , daß die ganze Familie eine kleine Reise auf ein Jagdgut des Herrn v. A. unternehmen sollte , das einige Meilen von dem Schlosse entfernt war . Am Morgen des bestimmten Tages wachte Friedrich sehr zeitig auf . Er stellte sich ans Fenster . Der Hof und die ganze Gegend lag noch ruhig , am fernen Horizonte fing bereits an der Tag zu grauen . Nur zwei Jäger waren auch schon munter und putzten unten im Hofe die Gewehre . Sie bemerkten den Grafen nicht und schwatzten und lachten miteinander . Friedrich hörte dabei mit Verwunderung mehrere Male Fräulein Julie nennen . Der eine Jäger , ein schöner junger Bursch , sang darauf mit heller Stimme ein altes Lied , wovon Friedrich immer nur die letzten Verse , womit sich jede Strophe schloß , verstand : » Das Fräulein ist ein schönes Kind , Sie hat so muntre Augen , Die Augen so verliebet sind , Zu sonst sie gar nichts taugen . « Friedrich erschrak , denn er zweifelte nicht , daß das Lied Julien gelten sollte . Er überdachte das Benehmen des Fräuleins in der letzten Zeit , das Verstecken des Bildes und verschiedene hingeworfene Reden , und konnte sich selbst der Meinung nicht erwehren , daß sie verliebt sei ; aber wen sie meine , blieb ihm noch immer dunkel . Unterdes hatte sich der Tag immer mehr und mehr erhoben , hin und wieder im Schlosse gingen schon Türen auf und zu , bis es endlich nach und nach lebendig wurde . Wer es weiß , was es heißt , ein so schwerfälliges Haus flottzumachen , der wird sich von dem Rumpelmorgen einen Begriff machen können , der nun begann . Wie auf einem Schiffe , das sich zu einer nahen Schlacht bereitet , verbreitete sich langsam wachsend ein dunkles Getöse von Eile und Geschäftigkeit durchs ganze Schloß , Betten , Koffer und Schachteln flogen aus einer Ecke in die andere , nur noch selten hörte man die Kommandotrompete der Tante dazwischentönen . Für Leontin waren diese feierlichen Vorbereitungen , die Wichtigkeit , mit der jeder sein Geschäft betrieb , ein wahres Fest . Unermüdlich befand er sich überall mitten im Gewühle und suchte unter dem Scheine der Hülfleistung die Verwirrung immer größer zu machen , bis er endlich durch seine zweideutigen Mienen den Zorn der gesamten Frauenzimmer dergestalt gegen sich empört hatte , daß er es für das rätlichste hielt , Reißaus zu nehmen . Er setzte sich daher mit Friedrich und Viktor , so hieß der Theolog , zu Pferde und sie ritten auf das Gut hinaus . Viktor , der nun mit den beiden schon vertrauter und gesprächiger geworden war , schien alle Trübnis dahintengelassen zu haben , als sie über die Berge ritten . Er war auf einmal ausgelassen lustig , und sie konnten nicht umhin , über den sonderbar wechselnden Menschen zu erstaunen , der besonders ganz nach Leontins Geschmack war . Unterwegs sahen sie den seltsamen , irrenden Ritter , der schon lange wieder das Schloß verlassen hatte , in der Ferne auf seinem Gaule über ein Ackerfeld hinwegstolpern . Viktor brachte dieser Anblick ganz außer sich vor Freude . Er rief ihm sogleich mit geschwenktem Hute zu . Da aber jener , statt stillzuhalten , seinen Gaul vielmehr in Trab setzte , um ihnen zu entkommen , so drückte er sogleich die Sporen ein und machte Jagd auf ihn . Er hatte ihn bald eingeholt und brachte ihn unter einem heftigen und lauten Wortwechsel mit sich zurück . Um diese Eroberung vermehrt , zogen sie nun fröhlich weiter und erblickten nach einigen Stunden endlich das Gut des Herrn v. A. , als sie auf einer Anhöhe plötzlich aus dem Walde herauskamen . Das kleine Schloß mit seinem netten Hofe lag mitten in einem einsamen Tale , ringsumher von Tannenwäldern umschlossen . Leontin , den diese tiefe Einsamkeit überraschte , blieb in Gedanken stehen und sagte : » Wie fürchterlich schön , hier mit einem geliebten Weibe ein ganzes Leben lang zu wohnen ! Ich möchte mich um alle Welt nicht verlieben . « Als sie unten in das Tal hinabzogen , bog auch schon auf der Höhe der Wagen des Herrn v. A. mit seinen vier Rappen um die Waldesecke herum , und der Kutscher knallte lustig mit der Peitsche , daß es weit in die Wälder hineinschallte . Das Fräulein lehnte sich zum Wagen hinaus . » Da reitet er ! « rief sie auf einmal hastig . - Zum Glücke rollte der Wagen zu schnell hinab , und die Tante hatte es nicht gehört . Am folgenden Morgen , da die Gesellschaft zur Jagd aufbrach , war Leontin schon lange draußen im Walde . Er hatte sich von den Jägern im allgemeinen die Gegend bezeichnen lassen , wo die Jagd gehalten werden sollte , und war noch vor Tagesanbruch allein herausgeritten . Denn ihm waren alle die weitläufigen und schulgerechten Zurüstungen , die einer solchen allgemeinen Jagd immer vorherzugehen pflegen , in den Tod verhaßt . Er durchstrich daher an dem frischen Morgen allein die einsame Heide , wo ihn oft plötzlich durch eine Lichtung des Waldes die herrlichsten Aussichten überraschten und stundenlang festbannten . So folgte er dem lustigen Jagdgewirre immer von weitem nach . Und wie unter ihm die Wälder rauchten , hin und wieder Schüsse fielen , und zwischen dem Gebell der Hunde die Hörner von Zeit zu Zeit ertönten , da dichtete seine frische Seele unaufhörlich seltsame Lieder , die er sogleich sang , ohne jemals ein einziges aufzuzeichnen . Denn was er aufschrieb , daran verlor er sogleich die freie , unbestimmte Lust . Es war , als bräche das Wort unter seiner Hand die luftigen Schwingen . Er beherrschte nicht , wie der besonnene Dichter , das gewaltige Element der Poesie , der Glückliche wurde von ihr beherrscht . Unterdes war die Sonne schon hoch über die Wipfel des Waldes gestiegen , nur noch hin und her gaben die Hunde einzelne Laute , kein Schuß fiel mehr und der Wald wurde auf einmal wieder still . Die Jäger durchstrichen das Revier und riefen mit ihren Hifthörnern die zerstreuten Schützen von allen Seiten zusammen . So hatte sich nach und nach die Gesellschaft , außer Leontin zusammengefunden und auf einer großen , schönen Wiese gelagert , die kühl und luftig zwischen den Waldbergen sich hinstreckte . Mehrere benachbarte Edelleute waren schon frühmorgens mit ihren Söhnen und Töchtern im Walde zur Jagd gestoßen und vermehrten nun den Trupp ansehnlich . Die Mädchen saßen , wie Blumen in einen Teppich gewirkt , mit ihren bunten Tüchern lustig im Grünen , reinlich gedeckte Tische mit Eßwaren und Wein standen schimmernd unter den kühlen Schatten , die Tante ging , alles fleißig und mit gutem Sinne ordnend , umher . Julie hatte , während Friedrichs und Leontins Aufenthalte auf dem Schlosse , den benachbarten Fräulein schon manches von den beiden Fremden geschrieben , vielerlei seltsame Dinge hatte der Ruf , der auf dem Lande alles Fremde um desto hungriger ergreift , je seltener es ihm kommt , zu ihnen getragen . Friedrich hatten sie nun kennengelernt , aber seine ruhige , einfache Sitte befriedigte die jungen , neugierigen Seelen keineswegs . Und doch hatte ihnen Julie immer nur von ihm mit so vieler Wärme und Ausführlichkeit geschrieben , Leontin aber bloß mit einigen flüchtigen Worten berührt , aus denen sie niemals recht klug werden konnten . - Auf einmal trat auch dieser gegenüber auf der Höhe aus dem Walde , und alle die jungen , schönen Augen flogen der hohen , schlanken Gestalt zu . Er konnte sich nicht enthalten , als er unter sich das bunte Lustlager erblickte , seinen Hut überm Kopfe zu schwenken . Man erwiderte von unten seine Begrüßung , wobei sich insbesondere Viktor wieder auszeichnete . Er warf seinen Hut mit fröhlicher Wut hoch in die Luft , ergriff schnell seine Büchse und schoß ihn so im Fluge , zu nicht geringem Schrecken der sämtlichen Frauenzimmer , wieder herab . Leontin war indes hinabgestiegen , und alles rückte sich nun um die reichbedeckten Tische zusammen . Die Jäger lagen , ihre Weinflaschen in der Hand , hin und her zerstreut , ihre Hunde lechzend neben ihnen auf den Boden hingestreckt . Der freie Himmel machte alle Herzen weit , der Wein blickte golden aus den hellgeschliffenen Gläsern , wie die Lust aus den glänzenden Augen , und ein fröhliches Durcheinandersprechen erfüllte bald die Luft . Unter den fremden Fräulein befand sich auch eine Braut , ein hübsches , junges , sehr munteres Mädchen . Ihr Bräutigam war ein schöner , schlanker Landjunker mit einem bedeutenden Gesicht voll Leben , um das es jammerschade war , daß es durch einige rohe Züge entstellt wurde . Er mußte sich auf das tumultuarische Andringen sämtlicher Alten feierlich neben seine Braut setzen , welches er auch ohne weiteres tat . » Könnte ich es nur ein einziges Mal in meinem Leben so weit bringen « , sagte Leontin zu Friedrich , » so einen stattlichen , engelrechten Bräutigam vorzustellen ! So eine öffentliche Brautschaft ist wie ein Wirtshaus mit einem abgeschabten Cupido am Aushängeschilde , wo jedermann aus und ein gehen und sein bißchen Witz blicken lassen darf . « Wehe der Braut , die unter lustige Trinker gerät ! So wurde auch hier nach rechter deutscher Weise dem Brautpaare bald von allen Seiten mit kernigen Anhängen zugetrunken , wofür sich die junge Braut immer zierlich und errötend bedankte , indem sie jedesmal ebenfalls das Glas an den Mund setzte . Auch Leontin , der sich an dem allgemeinen Getümmel von guten und schlechten Einfällen ergötzte , und dem die feinen Lippen der Braut rosiger vorkamen , wenn sie sie in den goldenen Rand des Weines tauchte , setzte ihr tapfer zu und trank mehr als gewöhnlich . Die alten Herren hatten sich indes in einen weitläufigen Diskurs über die Begebenheiten und Heldentaten der heutigen Jagd verwickelt und konnten nicht aufhören , zu erzählen , wie jener Hase so herrlich zum Schuß gekommen , wie jener Hund angeschlagen , der andre die Jagd dreimal gewendet usw. Leontin , der auch mit in das Gespräch hineingezogen wurde , sagte : » Ich liebe an der Jagd nur den frischen Morgen , den Wald , die lustigen Hörner und das gefährliche , freie , soldatische Leben . « - Alle nahmen sogleich Partei gegen diesen ketzerischen Satz und überschrieen ihn heftig mit einem verworrenen Schwall von Widersprüchen . » Die eigentlichen Jäger vom Handwerk « , fuhr Leontin lustig fort , » sind die eigentlichen Pfuscher in der edlen Jägerei , Narren des Waldes , Pedanten , die den Waldgeist nicht verstehen ; man sollte sie gar nicht zulassen , uns andern gehört das schöne Waldrevier ! « Diese offenbare Kriegserklärung brachte nun vollends alles in Harnisch . Von allen Seiten fiel man laut über ihn her . Leontin , den der viele Wein und die allgemeine Fehde erst recht in seine Lustigkeit hineinversetzt hatte , wußte sich nicht mehr anders zu retten : er ergriff die Gitarre , die Julie mitgebracht , sprang auf seinen Stuhl hinauf und übersang die Kämpfenden mit folgendem Liede : » Was wollt ihr in dem Walde haben , Mag sich die arme Menschenbrust Am Waldesgruße nicht erlaben , Am Morgenrot und grüner Lust ? Was tragt ihr Hörner an der Seite , Wenn ihr des Hornes Sinn vergaßt , Wenn ' s euch nicht selbst lockt in die Weite , Wie ihr vom Berg frühmorgens blast ? Ihr werdt doch nicht die Lust erjagen , Ihr mögt durch alle Wälder gehn ; Nur müde Füß und leere Magen - Mir möcht die Jägerei vergehn ! O nehmet doch die Schneiderelle , Guckt in der Küche in den Topf ! Sonntags dann auf des Hauses Schwelle Krau euch die Ehfrau auf dem Kopf ! Die Tierlein selber : Hirsch und Rehen , Was lustig haust im grünen Haus , Sie fliehn auf ihre freien Höhen , Und lachen arme Wichte aus . Doch , kommt ein Jäger , wohlgeboren , Das Horn irrt , er blitzt rosenrot , Da ist das Hirschlein wohl verloren , Stellt selber sich zum lust ' gen Tod . Vor allen aber die Verliebten , Die lad ich ein zur Jägerlust , Nur nicht die weinerlich Betrübten - Die recht von frisch ' und starker Brust . Mein Schatz ist Königin im Walde , Ich stoß ins Horn , ins Jägerhorn ! Sie hört mich fern und naht wohl balde , Und was ich blas , ist nicht verlorn . Ich glaube , ich blase gar schon aus des Knaben Wunderhorn « , unterbrach er sich hier selber , und sprang schnell von seinem Stuhle . Die ganze Gesellschaft war durch das lustige Lied wieder mit ihm ausgesöhnt , der Streit war vergessen , und von allen Seiten wurde auf die Gesundheit des Sängers getrunken . Unterdes zog der seltsame Viktor , der sich während Leontins Gesang fortgeschlichen hatte , weil er kein Lied vertragen konnte , wo er nicht selbst mitsingen durfte , aller Augen auf ein neues Schauspiel . Er warf nämlich im Hintergrunde , um nicht bemerkt zu werden , zu seiner eigenen Herzenslust , die leeren Weinfäßchen in die Luft , während die Jäger alle nach denselben schießen mußten , welches nicht ohne das größte Geschrei ablief . Die Tante , welche keinen Rausch an Männern ertragen konnte , befürchtete eine allgemeine Anarchie und lud die Gesellschaft , um die erhitzten Gemüter zu zerstreuen , noch auf einige Stunden zu sich auf das Jagdschloß . Alles brach daher auf und bestieg den Wagen . Friedrich , Leontin und Viktor ritten wieder dem langen Zuge voran , den Ritter von der traurigen Gestalt in ihrer Mitte , dessen baufälliges Pferd die Jäger mit einem Baldachin von grünen Zweigen und jungen Bäumchen besteckt hatten , so daß er , gleich Münchhausen , wie unter einer Laube ritt . Als sie auf dem Schlosse angekommen waren , wurden geschwind noch einige Musikanten , so gut sie hier zu bekommen waren , zusammengebracht , und man tanzte bis zur einbrechenden Nacht . Für Friedrich und Leontin , die , frühzeitig in die Welt hinausgestoßen , gewohnt waren , das Leben immer nur in großen , vollendeten Massen , gleichsam wie im Fluge , zu berühren , gewährte dieser kleine Kreis , wo fast alle , miteinander verwandt , nur eine Familie bildeten , eine neue Erscheinung . Die erquickliche Art ,