ich so lange schwieg . - Du mußt eingestehen , daß ich mir eine seltene geistige Herrschaft über alles , was mich im Leben umgibt , zu erringen gewußt , und ich glaube , daß dies dem Weibe leichter ist als Euch . Freilich gehört nichts Geringeres dazu , als daß außer jenem unnennbaren unwiderstehlichen Reiz der äußern Gestalt , den die Natur dem Weibe zu spenden vermag , dasjenige höhere Prinzip in ihr wohne , welches eben jenen Reiz mit dem geistigen Vermögen in eins verschmilzt und nun nach Willkür beherrscht . Es ist das eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst , das die Anschauung des eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet , welches dann als ein sich dem höheren Willen schmiegendes Mittel erscheint , dem Zweck zu dienen , den er sich als den höchsten , im Leben zu erringenden gesetzt . - Gibt es etwas Höheres , als das Leben im Leben zu beherrschen , alle seine Erscheinungen , seine reichen Genüsse wie im mächtigen Zauber zu bannen , nach der Willkür , die dem Herrscher verstattet ? - Du , Viktorin , gehörtest von jeher zu den wenigen , die mich ganz verstanden , auch du hattest dir den Standpunkt über dein Selbst gestellt , und ich verschmähte es daher nicht , dich wie den königlichen Gemahl auf meinen Thron im höheren Reiche zu erheben . Das Geheimnis erhöhte den Reiz dieses Bundes , und unsere scheinbare Trennung diente nur dazu , unserer phantastischen Laune Raum zu geben , die wie zu unserer Ergötzlichkeit mit den untergeordneten Verhältnissen des gemeinen Alltagslebens spielte . Ist nicht unser jetziges Beisammensein das kühnste Wagstück , das , im höheren Geiste gedacht , der Ohnmacht konventioneller Beschränktheit spottet ? Selbst bei deinem so ganz fremdartigen Wesen , das nicht allein die Kleidung erzeugt , ist es mir , als unterwerfe sich das Geistige dem herrschenden , es bedingenden Prinzip und wirke so mit wunderbarer Kraft nach außen , selbst das Körperliche anders formend und gestaltend , so daß es ganz der vorgesetzten Bestimmung gemäß erscheint . - Wie herzlich ich nun bei dieser tief aus meinem Wesen entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle Beschränktheit verachte , indem ich mit ihr spiele , weißt du . - Der Baron ist mir eine bis zum höchsten Überdruß ekelhaft gewordene Maschine , die , zu meinem Zweck verbraucht , tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk . - Reinhold ist zu beschränkt , um von mir beachtet zu werden , Aurelie ein gutes Kind , wir haben es nur mit Hermogen zu tun . - Ich gestand dir schon , daß Hermogen , als ich ihn zum ersten Male sah , einen wunderbaren Eindruck auf mich machte . - Ich hielt ihn für fähig , einzugehen in das höhere Leben , das ich ihm erschließen wollte , und irrte mich zum erstenmal . - Es war etwas mir Feindliches in ihm , was in stetem regen Widerspruch sich gegen mich auflehnte , ja der Zauber , womit ich die andern unwillkürlich zu umstricken wußte , stieß ihn zurück . Er blieb kalt , düster verschlossen und reizte , indem er mit eigner wunderbarer Kraft mir widerstrebte , meine Empfindlichkeit , meine Lust den Kampf zu beginnen , in dem er unterliegen sollte . - Diesen Kampf hatte ich beschlossen , als der Baron mir sagte , wie er Hermogen eine Verbindung mit mir vorgeschlagen , dieser sie aber unter jeder Bedingung abgelehnt habe . - Wie ein göttlicher Funke durchstrahlte mich in demselben Moment der Gedanke , mich mit dem Baron selbst zu vermählen und so mit einemmal all die kleinen konventionellen Rücksichten , die mich oft einzwängten auf widrige Weise , aus dem Wege zu räumen ; doch ich habe ja selbst mit dir , Viktorin , oft genug über jene Vermählung gesprochen , ich widerlegte deine Zweifel mit der Tat , denn es gelang mir , den Alten in wenigen Tagen zum albernen zärtlichen Liebhaber zu machen , und er mußte das , was ich gewollt , als die Erfüllung seines innigsten Wunsches , den er laut werden zu lassen kaum gewagt , ansehen . Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an Hermogen , die mir nun leichter und befriedigender werden sollte . Der Schlag wurde verschoben , um richtiger , tötender zu treffen . - Kennte ich weniger dein Inneres , wüßte ich nicht , daß du dich zu der Höhe meiner Ansichten zu erheben vermagst , ich würde Bedenken tragen , dir mehr von der Sache zu sagen , die nun einmal geschehen . Ich ließ es mir angelegen sein , Hermogen recht in seinem Innern aufzufassen , ich erschien in der Hauptstadt , düster , in mich gekehrt und bildete so den Kontrast mit Hermogen , der in den lebendigen Beschäftigungen des Kriegsdienstes sich heiter und lustig bewegte . Die Krankheit des Oheims verbot alle glänzende Zirkel , und selbst den Besuchen meiner nächsten Umgebung wußte ich auszuweichen . - Hermogen kam zu mir , vielleicht nur um die Pflicht , die er der Mutter schuldig , zu erfüllen , er fand mich in düstres Nachdenken versunken , und als er , befremdet von meiner auffallenden Änderung , dringend nach der Ursache frug , gestand ich ihm unter Tränen , wie des Barons mißliche Gesundheitsumstände , die er nur mühsam verheimliche , mich befürchten ließen , ihn bald zu verlieren , und wie dieser Gedanke mir schrecklich , ja unerträglich sei . Er war erschüttert , und als ich nun mit dem Ausdruck des tiefsten Gefühls das Glück meiner Ehe mit dem Baron schilderte , als ich zart und lebendig in die kleinsten Einzelheiten unseres Lebens auf dem Lande einging , als ich immer mehr des Barons herrliches Gemüt , sein ganzes Ich in vollem Glanz darstellte , so daß es immer lichter hervortrat , wie grenzenlos ich ihn verehre , ja wie ich so ganz in ihm lebe , da schien immer mehr seine Verwunderung , sein Erstaunen zu steigen . - Er kämpfte sichtlich mit sich selbst , aber die Macht , die jetzt wie mein Ich selbst in sein Inneres gedrungen , siegte über das feindliche Prinzip , das sonst mir widerstrebte ; mein Triumph war mir gewiß , als er schon am andern Abend wiederkam . Er fand mich einsam , noch düstrer , noch aufgeregter als gestern , ich sprach von dem Baron und von meiner unaussprechlichen Sehnsucht , ihn wiederzusehen . Hermogen war bald nicht mehr derselbe , er hing an meinen Blicken , und ihr gefährliches Feuer fiel zündend in sein Inneres . Wenn meine Hand in der seinigen ruhte , zuckte diese oft krampfhaft , tiefe Seufzer entflohen seiner Brust . Ich hatte die höchste Spitze dieser bewußtlosen Exaltation richtig berechnet . Den Abend , als er fallen sollte , verschmähte ich selbst jene Künste nicht , die so verbraucht sind und immer wieder so wirkungsvoll erneuert werden . Es gelang ! - Die Folgen waren entsetzlicher , als ich sie mir gedacht , und doch erhöhten sie meinen Triumph , indem sie meine Macht auf glänzende Weise bewährten . - Die Gewalt , mit der ich das feindliche Prinzip bekämpfte , das wie in seltsamen Ahnungen in ihm sich sonst aussprach , hatte seinen Geist gebrochen , er verfiel in Wahnsinn , wie du weißt , ohne daß du jedoch bis jetzt die eigentliche Ursache gekannt haben solltest . - Es ist etwas Eignes , daß Wahnsinnige oft , als ständen sie in näherer Beziehung mit dem Geiste , und gleichsam in ihrem eignen Innern leichter , wiewohl bewußtlos angeregt vom fremden geistigen Prinzip , oft das in uns Verborgene durchschauen und in seltsamen Anklängen aussprechen , so daß uns oft die grauenvolle Stimme eines zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befängt . Es mag daher wohl sein , daß , zumal in der eignen Beziehung , in der du , Hermogen , und ich stehen , er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir feindlich ist , allein Gefahr für uns ist deshalb nicht im mindesten vorhanden . Bedenke , selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen dich offen ins Feld rückte , wenn er es ausspräche : Traut nicht dem verkappten Priester , wer würde das für was anderes halten als für eine Idee , die der Wahnsinn erzeugte , zumal da Reinhold so gut gewesen ist , in dir den Pater Medardus wiederzuerkennen ? - Indessen bleibt es gewiß , daß du nicht mehr , wie ich gewollt und gedacht hatte , auf Hermogen wirken kannst . Meine Rache ist erfüllt und Hermogen mir nun wie ein weggeworfenes Spielzeug unbrauchbar und um so überlästiger , als er es wahrscheinlich für eine Bußübung hält , mich zu sehen , und daher mit seinen stieren lebendigtoten Blicken mich verfolgt . Er muß fort , und ich glaubte dich dazu benutzen zu können , ihn in der Idee , ins Kloster zu gehen , zu bestärken und den Baron sowie den ratgebenden Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die dringendsten Vorstellungen , wie Hermogens Seelenheil nun einmal das Kloster begehre , geschmeidiger zu machen , daß sie in sein Vorhaben willigten . - Hermogen ist mir in der Tat höchst zuwider , sein Anblick erschüttert mich oft , er muß fort ! - Die einzige Person , der er ganz anders erscheint , ist Aurelie , das fromme kindische Kind ; durch sie allein kannst du auf Hermogen wirken , und ich will dafür sorgen , daß du in nähere Beziehung mit ihr trittst . Findest du einen schicklichen Zusammenhang der äußern Umstände , so kannst du auch Reinholden oder dem Baron entdecken , wie dir Hermogen ein schweres Verbrechen gebeichtet , das du natürlicherweise deiner Pflicht gemäß verschweigen müßtest . - Doch davon künftig mehr ! - Nun weißt du alles , Viktorin , handle und bleibe mein . Herrsche mit mir über die läppische Puppenwelt , wie sie sich um uns dreht . Das Leben muß uns seine herrlichsten Genüsse spenden , ohne uns in seine Beengtheit einzuzwängen . « - Wir sahen den Baron in der Entfernung und gingen ihm , wie im frommen Gespräch begriffen , entgegen . - Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklärung über die Tendenz ihres Lebens , um mich selbst die überwiegende Macht fühlen zu lassen , die wie der Ausfluß höherer Prinzipe mein Inneres beseelte . Es war etwas Übermenschliches in mein Wesen getreten , das mich plötzlich auf einen Standpunkt erhob , von dem mir alles in anderm Verhältnis , in anderer Farbe als sonst erschien . Die Geistesstärke , die Macht über das Leben , womit Euphemie prahlte , war mir des bittersten Hohns würdig . In dem Augenblick , daß die Elende ihr loses unbedachtes Spiel mit den gefährlichsten Verknüpfungen des Lebens zu treiben wähnte , war sie hingegeben dem Zufall oder dem bösen Verhängnis , das meine Hand leitete . Es war nur meine Kraft , entflammt von geheimnisvollen Mächten , die sie zwingen konnte im Wahn , den für den Freund und Bundesbruder zu halten , der , nur ihr zum Verderben die äußere zufällige Bildung jenes Freundes tragend , sie wie die feindliche Macht selbst umkrallte , so daß keine Freiheit mehr möglich . Euphemie wurde mir in ihrem eitlen selbstsüchtigen Wahn verächtlich und das Verhältnis mit ihr um so widriger , als Aurelie in meinem Innern lebte und nur sie die Schuld meiner begangenen Sünden trug , wenn ich das , was mir jetzt die höchste Spitze alles irdischen Genusses zu sein schien , noch für Sünde gehalten hätte . Ich beschloß , von der mir einwohnenden Macht den vollsten Gebrauch zu machen und so selbst den Zauberstab zu ergreifen , um die Kreise zu beschreiben , in denen sich all die Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten . Der Baron und Reinhold wetteiferten miteinander , mir das Leben im Schlosse recht angenehm zu machen ; nicht die leiseste Ahnung von meinem Verhältnis mit Euphemien stieg in ihnen auf , vielmehr äußerte der Baron oft , wie in unwillkürlicher Herzensergießung , daß erst durch mich ihm Euphemie ganz wiedergegeben sei , und dies schien mir die Richtigkeit der Vermutung Reinholds , daß irgend ein Zufall dem Baron wohl die Spur von Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben könne , klar anzudeuten . Den Hermogen sah ich selten , er vermied mich mit sichtlicher Angst und Beklemmung , welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem heiligen , frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft , die das zerrüttete Gemüt durchschaute , zuschrieben . Auch Aurelie schien sich absichtlich meinem Blick zu entziehen , sie wich mir aus , und wenn ich mit ihr sprach , war auch sie ängstlich und beklommen wie Hermogen . Es war mir beinahe gewiß , daß der wahnsinnige Hermogen gegen Aurelie jene schreckliche Ahnungen , die mich durchbebten , ausgesprochen , indessen schien mir der böse Eindruck zu bekämpfen möglich . - Wahrscheinlich auf Veranlassung der Baronesse , die mich in näheren Rapport mit Aurelien setzen wollte , um durch sie auf Hermogen zu wirken , bat mich der Baron , Aurelien in den höheren Geheimnissen der Religion zu unterrichten . So verschaffte mir Euphemie selbst die Mittel , das Herrlichste zu erreichen , was mir meine glühende Einbildungskraft in tausend üppigen Bildern vorgemalt . Was war jene Vision in der Kirche anderes als das Versprechen der höheren , auf mich einwirkenden Macht , mir die zu geben , von deren Besitz allein die Besänftigung des Sturms zu hoffen , der , in mir rasend , mich wie auf tobenden Wellen umherwarf . - Aureliens Anblick , ihre Nähe , ja die Berührung ihres Kleides setzte mich in Flammen . Des Blutes Glutstrom stieg fühlbar auf in die geheimnisvolle Werkstatt der Gedanken , und so sprach ich von den wundervollen Geheimnissen der Religion in feurigen Bildern , deren tiefere Bedeutung die wollüstige Raserei der glühendsten verlangenden Liebe war . So sollte diese Glut meiner Rede wie in elektrischen Schlägen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich vergebens dagegen wappnen . - Ihr unbewußt sollten die in ihre Seele geworfenen Bilder sich wunderbar entfalten und glänzender , flammender in der tieferen Bedeutung hervorgehen , und diese ihre Brust dann mit den Ahnungen des unbekannten Genusses erfüllen , bis sie sich , von unnennbarer Sehnsucht gefoltert und zerrissen , selbst in meine Arme würfe . Ich bereitete mich auf die sogenannten Lehrstunden bei Aurelien sorgsam vor , ich wußte den Ausdruck meiner Rede zu steigern ; andächtig , mit gefalteten Händen , mit niedergeschlagenen Augen hörte mir das fromme Kind zu , aber nicht eine Bewegung , nicht ein leiser Seufzer verrieten irgend eine tiefere Wirkung meiner Worte . - Meine Bemühungen brachten mich nicht weiter ; statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzünden , das sie der Verführung preisgeben sollte , wurde nur qualvoller und verzehrender die Glut , die in meinem Innern brannte . - Rasend vor Schmerz und Wollust , brütete ich über Pläne zu Aureliens Verderben , und indem ich Euphemien Wonne und Entzücken heuchelte , keimte ein glühender Haß in meiner Seele empor , der im seltsamen Widerspruch meinem Betragen bei der Baronesse etwas Wildes , Entsetzliches gab , vor dem sie selbst erbebte . - Fern von ihr war jede Spur des Geheimnisses , das in meiner Brust verborgen , und unwillkürlich mußte sie der Herrschaft Raum geben , die ich immer mehr und mehr über sie mir anzumaßen anfing . - Oft kam es mir in den Sinn , durch einen wohlberechneten Gewaltstreich , dem Aurelie erliegen sollte , meine Qual zu enden , aber sowie ich Aurelien erblickte , war es mir , als stehe ein Engel neben ihr , sie schirmend und schützend und Trotz bietend der Macht des Feindes . Ein Schauer bebte dann durch meine Glieder , in dem mein böser Vorsatz erkaltete . Endlich fiel ich darauf , mit ihr zu beten , denn im Gebet strömt feuriger die Glut der Andacht , und die geheimsten Regungen werden wach und erheben sich wie auf brausenden Wellen und strecken ihre Polypenarme aus , um das Unbekannte zu fahen , das die unnennbare Sehnsucht stillen soll , von der die Brust zerrissen . Dann mag das Irdische , sich wie Himmlisches verkündend , keck dem aufgeregten Gemüt entgegentreten und im höchsten Genuß schon hienieden die Erfüllung des Überschwenglichen verheißen ; die bewußtlose Leidenschaft wird getäuscht , und das Streben nach dem Heiligen , Überirdischen wird gebrochen in dem namenlosen , nie gekannten Entzücken irdischer Begierde . - Selbst darin , daß sie von mir verfaßte Gebete nachsprechen sollte , glaubte ich Vorteile für meine verräterische Absichten zu finden . - Es war dem so ! - Denn neben mir knieend , mit zum Himmel gewandtem Blick meine Gebete nachsprechend , färbten höher sich ihre Wangen , und ihr Busen wallte auf und nieder . - Da nahm ich wie im Eifer des Gebets ihre Hände und drückte sie an meine Brust , ich war ihr so nahe , daß ich die Wärme ihres Körpers fühlte , ihre losgelösten Locken hingen über meine Schulter ; ich war außer mir vor rasender Begierde , ich umschlang sie mit wildem Verlangen , schon brannten meine Küsse auf ihrem Munde , auf ihrem Busen , da wand sie sich mit einem durchdringenden Schrei aus meinen Armen ; ich hatte nicht Kraft , sie zu halten , es war , als strahle ein Blitz herab , mich zerschmetternd ! - Sie entfloh rasch in das Nebenzimmer , die Türe öffnete sich , und Hermogen zeigte sich in derselben , er blieb stehen , mich mit dem furchtbaren , entsetzlichen Blick des wilden Wahnsinns anstarrend . Da raffte ich alle meine Kraft zusammen , ich trat keck auf ihn zu und rief mit trotziger gebietender Stimme : » Was willst du hier ? Hebe dich weg , Wahnsinniger ! « Aber Hermogen streckte mir die rechte Hand entgegen und sprach dumpf und schaurig : » Ich wollte mit dir kämpfen , aber ich habe kein Schwert , und du bist der Mord , denn Blutstropfen quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte ! « - Er verschwand , die Türe heftig zuschlagend , und ließ mich allein , knirschend vor Wut über mich selbst , der ich mich hatte hinreißen lassen von der Gewalt des Moments , so daß nun der Verrat mir Verderben drohte . Niemand ließ sich sehen , ich hatte Zeit genug , mich ganz zu ermannen , und der mir inwohnende Geist gab mir bald die Anschläge ein , jeder üblen Folge des bösen Beginnens auszuweichen . Sobald es tunlich war , eilte ich zu Euphemien , und mit keckem Übermut erzählte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien . Euphemie schien die Sache nicht so leicht zu nehmen , als ich es gewünscht hatte , und es war mir begreiflich , daß , ihrer gerühmten Geistesstärke , ihrer hohen Ansicht der Dinge unerachtet , wohl kleinliche Eifersucht in ihr wohnen , sie aber überdem noch befürchten könne , daß Aurelie über mich klagen , so der Nimbus meiner Heiligkeit verlöschen und unser Geheimnis in Gefahr geraten werde ; aus einer mir selbst unerklärlichen Scheu verschwieg ich Hermogens Hinzutreten und seine entsetzlichen , mich durchbohrenden Worte . Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien , mich seltsamlich anstarrend , in tiefes Nachdenken versunken . - » Solltest du nicht , Viktorin , « sprach sie endlich , » erraten , welche herrliche Gedanken , meines Geistes würdig , mich durchströmen ? - Aber du kannst es nicht , doch rüttle frisch die Schwingen , um dem kühnen Fluge zu folgen , den ich zu beginnen bereit bin . Daß du , der du mit voller Herrschaft über alle Erscheinungen des Lebens schweben solltest , nicht neben einem leidlich schönen Mädchen knien kannst , ohne sie zu umarmen und zu küssen , nimmt mich wunder , so wenig ich dir das Verlangen verarge , das in dir aufstieg . So wie ich Aurelien kenne , wird sie voller Scham über die Begebenheit schweigen und sich höchstens nur unter irgend einem Vorwande deinem zu leidenschaftlichen Unterrichte entziehen . Ich befürchte daher nicht im mindesten die verdrießlichen Folgen , die dein Leichtsinn , deine ungezähmte Begierde hätte herbeiführen können . - Ich hasse sie nicht , diese Aurelie , aber ihre Anspruchlosigkeit , ihr stilles Frommtun , hinter dem sich ein unleidlicher Stolz versteckt , ärgert mich . Nie habe ich , unerachtet ich es nicht verschmähte , mit ihr zu spielen , ihr Zutrauen gewinnen können , sie blieb scheu und verschlossen . Diese Abgeneigtheit , sich mir zu schmiegen , ja diese stolze Art , mir auszuweichen , erregt in mir die widrigsten Gefühle . - Es ist ein sublimer Gedanke , die Blume , die auf den Prunk ihrer glänzenden Farben so stolz tut , gebrochen und dahin welken zu sehen ! - Ich gönne es dir , diesen sublimen Gedanken auszuführen , und es soll nicht an Mitteln fehlen , den Zweck leicht und sicher zu erreichen . - Auf Hermogens Haupt soll die Schuld fallen und ihn vernichten ! « - Euphemie sprach noch mehr über ihren Plan und wurde mir mit jedem Worte verhaßter , denn nur das gemeine verbrecherische Weib sah ich in ihr , und so sehr ich nach Aureliens Verderben dürstete , da ich nur dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe , die meine Brust zerfleischte , hoffen konnte , so war mir doch Euphemiens Mitwirkung verächtlich . Ich wies daher zu ihrem nicht geringen Erstaunen ihren Anschlag von der Hand , indem ich im Innern fest entschlossen war , das durch eigne Macht zu vollführen , wozu Euphemie mir ihre Beihilfe aufdringen wollte . So wie die Baronesse es vermutet , blieb Aurelie in ihrem Zimmer , sich mit einer Unpäßlichkeit entschuldigend und so sich meinem Unterricht für die nächsten Tage entziehend . Hermogen war wider seine Gewohnheit jetzt viel in der Gesellschaft Reinholds und des Barons , er schien weniger in sich gekehrt , aber wilder , zorniger . Man hörte ihn oft laut und nachdrücklich sprechen , und ich bemerkte , daß er mich mit Blicken des verhaltenen Grimms ansah , so oft der Zufall mich ihm in den Weg führte ; das Betragen des Barons und Reinholds veränderte sich in einigen Tagen auf ganz seltsame Weise . Ohne im Äußerlichen im mindesten von der Aufmerksamkeit und Hochachtung , die sie mir sonst bezeigt , nachzulassen , schien es , als wenn sie , gedrückt von einem wunderbaren ahnenden Gefühl , nicht jenen gemütlichen Ton finden konnten , der sonst unsre Unterhaltung belebte . Alles , was sie mit mir sprachen , war so gezwungen , so frostig , daß ich mich ernstlich mühen mußte , von allerlei Vermutungen ergriffen , wenigstens unbefangen zu scheinen . - Euphemiens Blicke , die ich immer richtig zu deuten wußte , sagten mir , daß irgend etwas vorgegangen , wovon sie sich besonders aufgeregt fühlte , doch war es den ganzen Tag unmöglich , uns unbemerkt zu sprechen . - In tiefer Nacht , als alles im Schlosse längst schlief , öffnete sich eine Tapetentüre in meinem Zimmer , die ich selbst noch nicht bemerkt , und Euphemie trat herein mit einem zerstörten Wesen , wie ich sie noch niemals gesehen . » Viktorin , « sprach sie , » es droht uns Verrat , Hermogen , der wahnsinnige Hermogen ist es , der , durch seltsame Ahnungen auf die Spur geleitet , unser Geheimnis entdeckt hat . In allerlei Andeutungen , die gleich schauerlichen entsetzlichen Sprüchen einer dunklen Macht , die über uns waltet , lauten , hat er dem Baron einen Verdacht eingeflößt , der , ohne deutlich ausgesprochen zu sein , mich doch auf quälende Weise verfolgt . - Wer du bist , daß unter diesem heiligen Kleide Graf Viktorin verborgen , das scheint Hermogen durchaus verschlossen geblieben ; dagegen behauptet er , aller Verrat , alle Arglist , alles Verderben , das über uns einbrechen werde , ruhe in dir , ja wie der Widersacher selbst sei der Mönch in das Haus getreten , der , von teuflischer Macht beseelt , verdammten Verrat brüte . - Es kann so nicht bleiben , ich bin es müde , diesen Zwang zu tragen , den mir der kindische Alte auferlegt , der nun mit kränkelnder Eifersucht , wie es scheint , ängstlich meine Schritte bewachen wird . Ich will dies Spielzeug , das mir langweilig worden , wegwerfen , und du , Viktorin , wirst dich um so williger meinem Begehren fügen , als du auf einmal selbst der Gefahr entgehst , endlich ertappt zu werden und so das geniale Verhältnis , das unser Geist ausbrütete , in eine gemeine verbrauchte Mummerei , in eine abgeschmackte Ehestandsgeschichte herabsinken zu sehen ! Der lästige Alte muß fort , und wie das am besten ins Werk zu richten ist , darüber laß uns zu Rate gehen , höre aber erst meine Meinung . Du weißt , daß der Baron jeden Morgen , wenn Reinhold beschäftigt , allein hinausgeht in das Gebirge , um sich an den Gegenden nach seiner Art zu erlaben . - Schleiche dich früher hinaus und suche ihm am Ausgange des Parks zu begegnen . Nicht weit von hier gibt es eine wilde schauerliche Felsengruppe ; wenn man sie erstiegen , gähnt dem Wandrer auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund entgegen , dort ist , oben über den Abgrund herüberragend , der sogenannte Teufelssitz . Man fabelt , daß giftige Dünste aus dem Abgrunde steigen , die den , der vermessen hinabschaut , um zu erforschen , was drunten verborgen , betäuben und rettungslos in den Tod hinabziehen . Der Baron , dieses Märchen verlachend , stand schon oft auf jenem Felsstück über dem Abgrund , um die Aussicht , die sich dort öffnet , zu genießen . Es wird leicht sein , ihn selbst darauf zu bringen , daß er dich an die gefährliche Stelle führt ; steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein , so erlöst uns ein kräftiger Stoß deiner Faust auf immer von dem ohnmächtigen Narren . « - » Nein , nimmermehr , « schrie ich heftig , » ich kenne den entsetzlichen Abgrund , ich kenne den Sitz des Teufels , nimmermehr ! Fort mit dir und dem Frevel , den du mir zumutest ! « Da sprang Euphemie auf , wilde Glut entflammte ihren Blick , ihr Gesicht war verzerrt von der wütenden Leidenschaft , die in ihr tobte . » Elender Schwächling , « rief sie , » du wagst es in dumpfer Feigheit , dem zu widerstreben , was ich beschloß ? Du willst dich lieber dem schmachvollen Joche schmiegen , als mit mir herrschen ? Aber du bist in meiner Hand , vergebens entwindest du dich der Macht , die dich gefesselt hält zu meinen Füßen ! - Du vollziehst meinen Auftrag , morgen darf der , dessen Anblick mich peinigt , nicht mehr leben ! « - Indem Euphemie die Worte sprach , durchdrang mich die tiefste Verachtung ihrer armseligen Prahlerei , und im bittern Hohn lachte ich ihr gellend entgegen , daß sie erbebte und die Totenblässe der Angst und des tiefen Grauens ihr Gesicht überflog . - » Wahnsinnige , « rief ich , » die du glaubst über das Leben zu herrschen , die du glaubst , mit seinen Erscheinungen zu spielen , habe acht , daß dies Spielzeug nicht in deiner Hand zur schneidenden Waffe wird , die dich tötet ! Wisse , Elende , daß ich , den du in deinem ohnmächtigen Wahn zu beherrschen glaubst , dich wie das Verhängnis selbst in meiner Macht festgekettet halte , dein frevelhaftes Spiel ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten Raubtiers im Käfig ! - Wisse , Elende , daß dein Buhle zerschmettert in jenem Abgrunde liegt und daß du statt seiner den Geist der Rache selbst umarmtest ! - Geh und verzweifle ! « Euphemie wankte : im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff , zu Boden zu sinken , ich faßte sie und drückte sie durch die Tapetentüre den Gang hinab . - Der Gedanke stieg in mir darf , sie zu töten , ich unterließ es , ohne mich dessen bewußt zu sein , denn im ersten Augenblick , als ich die Tapetentüre schloß , glaubte ich die Tat vollbracht zu haben ! - Ich hörte einen durchdringenden Schrei und Türen zuschlagen . Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt , der mich dem gewöhnlichen menschlichen Tun ganz entrückte ; jetzt mußte Schlag auf Schlag folgen , und , mich selbst als den bösen Geist der Rache verkündend , mußte ich das Ungeheuere vollbringen . - Euphemiens Untergang war beschlossen , und der glühendste Haß sollte , mit der höchsten Inbrunst der Liebe sich vermählend , mir den Genuß gewähren , der nun noch dem übermenschlichen , mir inwohnenden Geiste würdig . - In dem Augenblick , daß Euphemie untergegangen , sollte Aurelie mein werden . Ich erstaunte über Euphemiens innere Kraft , die es ihr möglich machte , den andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen . Sie sprach selbst darüber , daß sie vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und dann heftig an Krämpfen gelitten , der Baron schien sehr teilnehmend , Reinholds Blicke waren zweifelhaft und mißtrauisch . Aurelie blieb auf ihrem Zimmer , und je weniger es mir gelang , sie zu sehen , desto rasender tobte die Wut in meinem Innern . Euphemie lud mich ein , auf bekanntem Wege in ihr Zimmer zu schleichen , wenn alles im Schlosse ruhig geworden . - Mit Entzücken vernahm ich das , denn der Augenblick der Erfüllung ihres bösen Verhängnisses war gekommen .