eben so empfunden , so lange er sich dem Ungleichartigen entgegenstellend , Sitte und Sinnesart und Menschen aus der Ferne an sich vorbeigehen ließ , das war die unbewundene Strenge , die noch kein vermittelndes Element mildern konnte . Alles was der hochherzige Jüngling im gerechten Unwillen sagte , hatte ihn ja auch tausendmal durchzuckt , seinen Zorn entflammt und tiefe , unbezwingliche Verachtung in seine Seele gelegt . Und nichts war anders geworden , alles noch heute so wahr und doch sein Gefühl so himmelweit verschieden ! Wenn Haß eine Strafe unserer Sünden ist , dachte er , womit , Ewiger , habe ich es verdient , daß ich lieben durfte , wo Andre das empörte Herz abwenden . Er erschrak über die dreiste Frage , und sahe schüchtern und verlegen , als habe ein Mensch in sein Innres gelesen , im Kreise umher . Nicht weit von ihm stand ein fein gebaueter , sehr schlanker Offizier , das helle Haar lag schlicht und kurz an beiden Seiten der Schläfe , reine blaue Augen sahen bescheiden und mehr im sinnigen Nachdenken mit sich als Andern beschäftigt , vor sich nieder , sein Gesicht war kurz , fast kindlich gerundet , die Züge klein . Er hatte noch wenig geredet , seine Freude , dies Land zu verlassen , schien still und bestimmt . Das Widerwärtige lag schon weit hinter ihm . Jetzt zog er aus einer grünen Saffiantasche ein kleines Buch , er hielt es behend und sauber , der Deckel war von mattem Golde , auf der einen Seite sahe man die Verkündigung , auf der andern die Verklärung sehr sauber in Oel gemalt . Er blies fast ängstlich die anfliegenden Stäubchen ab , öffnete es und zu einem nahe stehenden Freunde gewandt , sagte er mit angenehm nordischem Organ : der Kreis wird nun bald geschlossen sein , wer weiß welche Blume die Endpunkte des Kranzes verbindet . Nur keine französische Immortelle , entgegnete sein Nachbar lächelnd , er hielt den Finger , ohne das Blatt zu berühren , gegen die aufgeschlagene Seite des Buches . Nicht doch ! rief jener fast unwillig , du weißt ja , dies alles sind die Blüthen eines Jahres , soll das schöne französische Mädchen nicht auch ihren Platz finden dürfen ? Auf dem feinen , fast listigen Gesicht des Andern , spielte unaufhörlich neckender Muthwille , o ja , erwiederte er unbefangen , da kann sie recht schön stehn , sie nimmt just keiner bessern den Raum weg , und es ist auch um des Contrastes willen gut . Was diese Lippen übrigens für eine Sprache reden , fuhr er fort , eine leicht entworfene Zeichnung betrachtend , ist doch wirklich keine Frage , man sieht das krause Gelispel aus dem zugekniffenem , nur in der Mitte spitz geöffnetem Munde , kann da wohl ein herzliches Wort heraus ? Er hatte dies Letztere in französischer Sprache , zu Alenzo gewendet , gesagt , der es höchst verlegen , unter fliegendem Erröthen bejahte . Dieser suchte indeß die innere Bewegung unter einer äußeren zu verbergen , indem er angelegentlich auf die vorgehaltene Zeichnung sahe , und sie in allen ihren Theilen zu studiren schien . Der Besitzer des kleinen Buches schlug gefällig noch einige andere Blätter um , und vergönnte Alonzo in das zarteste Blüthennez kindlicher , unendlich sinnvoller Gedankenspiele hineinzusehen . Hier , sagte er , hat alles was in dieser unermeßlichen Zeit im tiefsten Schmerz , in der reinsten Freude meine Seele durchzog , was Freundschaft mir gegeben , was Liebe mich ahnden ließ , duftige , traumartige Gestalt gewonnen , der Hauch , der von diesen Bildern wehet , denke ich , soll mein ganzes Leben erfrischen . Alonzo blätterte in dem Arabeskengedicht , Blumenkelche schlossen sich auf , helle Menschengesichter sahen aus dem geheimnißvollen Blätterkragen hervor , kühne Heldensänger auf fliegendem Pferde Regenbogenbrücke erstürmend , ernste Schlachtscenen , tiefsinnige , trauernde Liebe , Engelsköpfe aus Passionsblumen , unverbrüchlicher Treue fester Bund , alles rankte sich phantastisch an Erlebtem und Gedachtem hin . Was eine treu bewahrte Seele in demüthigen Schauern hier geahndet , es war auch Liebe , freundliche allumfangende Engelsliebe , nirgend ein Zwiespalt , nirgend Kampf , keine Spur von unausreichendem Weltsinn , das ganze verderbte Frankreich war so rein an der unbefleckten Einbildungskraft hingegangen , nichts als das zarte Mädgenbild fiel in die Erinnerung zurück . Alonzo schloß beschämt das Buch , er gab es dem stillen Jüngling wieder , ohne seinen Blick zu suchen , die Bilder gaukelten fast ängstlich vor ihm her , was sich auf so ruhiger Fluth zurückgespiegelt , wie sollten die dunklen Wellen das bewahren ? Doch was er heut gesehen und gehört , es war nichts gegen die Qual der folgenden Tage . Alle verbündete Truppen fort , kein verwandtes gleichfühlendes Wesen zu finden , das dreiste laute Geschrei der Eingebohrnen oben auf , kein andrer Ton in den Straßen als dieser eine ! Ganz dumpf und hohl schlugen die Klänge zum erstenmale wieder an sein Ohr , wie geächtet wand er sich dann umher , alles Leben schien geschwunden , die Angst der Verdammniß klemmte ihm die Brust . Ich unter diesen ? fragte er sich besinnend ? - Er flog zu Blansche , sie war in der Messe , ihre Mutter unwohl , verstimmt , der Aufenthalt im Kloster fing an diese zu drücken , die Einsamkeit machte sie schwer , alles haftete an ihr , sie empfand ihr Unglück mit ungekannter Herbigkeit , gleichwohl war der Entschluß hier einige Zeit zu verleben , einmal ausgesprochen , ohne Unanständigkeit war daran nichts zu ändern , so suchte sie denn ihren Kreis zu erweitern , sie war sich das schuldig , sie zog ihre Freunde herbei . Zum erstenmale fand Alonzo mehrere , bis jetzt ungekannte Glieder der Familie bei Frau von Saint Alban versammelt . Die fremden Gesichter fielen ihm unangenehm auf . Man empfing ihn ziemlich leichthin , das Gespräch ward wie es war , fortgesetzt , ohne ihm das Wort zu gönnen . Man redete schnell und flüchtig durcheinander , die Verhältnisse Frankreichs wurden auf unangenehme anmaßende Weise berührt , der Fremden mit Bosheit und üblen Willen gedacht . Frau von Saint Alban wollte einlenken und zugleich nicht allzuviel wagen , ihr Verhältniß zu Alonzo schien ihr in diesem Augenblick mißlich . Eine Dame , welche man die Marschallin nannte , deren Witz man stillschweigend das Patent des guten Geschmackes und liebenswürdigen Muthwillens gab , machte ein hämisches Epigramm nach dem andern . Bei Gelegenheit der Deutschen rief sie : que de vertus ils me font hair ! sie nannte sie les braves forcés und des faiseurs de gloire oder Messieurs du grand air , wußte ihren verschiedenen Dialekt und den langfüßigen weit ausgeholten Schritt ihres sublimen grammairen Französisch grotesk nachzuahmen , bezeichnete ihr stilles innerliches Wesen durch des maniêres du fauxbourg St. Denis , verlegte die Wohnsitze der Preußen hart an die Pole , machte die Kosacken zu ihren Nachbarn und Wölfe und Bären zu ihren Feldkameraden ; von den Russen sprach sie gar nicht anders als des bêtes qui s ' abreuvent de l ' air de Paris pour en donner aux habitans de Petersbourg . Doch nichts in der Welt stellte sie sich so komisch vor , als les dames de l ' hôpital de Berlin mit einem mal aus dem fond des boutiques de Paris ausstaffirt zu sehen . Wie , sagte sie , der ganze Einzug in diese Mauern ein Spiel war , das sie sich selbst gaben , so sind auch die Trophäen , die sie nach Hause schicken , Hauben und Bänder und Schuhe , für ihr Geld erhandelt , das emsige Mütter und Frauen kärglich ersparten und das man für unser Vergnügen prägen ließ . Alonzo trat das Blut zum Herzen , die Augen rollten drohend in ihren Kreisen , er warf einen flammenden Blick auf die Dame , vor dem sie die elektrischen Spitzen ihres Witzes einzog : Moskau und Madrid , sagte er mit gezwungener Kälte , haben sich nicht gleichen Vortheils zu rühmen , man würde in ganz Europa das französische Sousstück vergebens suchen und gleichwohl fanden wir Moskauer Silber und Shawls , Berliner Porzellan und spanische Tücher in Menge hier , ja der einzelne Eigenthümer sah oft plötzlich seinen Namen in französischen guten Häusern auf längst vermißten Büchern und Karten und Geräthen . Jenseit der Vogesen und Pyrenäen weiß man , wie Sie sehen , von den droits du vainceur noch zu wenig . Er war aufgestanden , verneigte sich , ohne etwas anders als das verletzte Recht , die befleckte Wahrheit , alle Foltern des gereizten Selbstgefühls , in den tapfern Waffenbrüdern zu empfinden , eilte er von hier weg in die tiefe Einsamkeit seiner entlegenen Wohnung . Funfzehntes Kapitel Der Aerger zitterte ihm noch lange in Herz und Gliedern . Er hörte noch immer die höhnenden Worte , er sah das lächelnde , verschmitzte Gesicht ; und Frau von Saint Alban hatte zu dem allem geschwiegen , sie hatte nichts versucht , um dem anwachsenden Uebermuth Einhalt zu thun , sie hatte ihm das Wort überlassen und eben dadurch das Widerwärtige , Nieauszugleichende herbeigeführt . Gesinnungen waren laut geworden , die bis dahin nur geahndet , unter dem Schleier zarter Schonung ihren Stachel verbargen . - Jetzt war der Damm durchbrochen . Was Blut und Tod nicht vermochten , das unbezwingliche Wort hatte es für ewig und immer angefacht . Die rasche That konnte ein dunkler Augenblick erzeugt haben , Liebe und Mitleid fühlten sich groß im Verzeihen , wie aber der lang verkleidete Unwille das Innere schreiend auseinander riß , und das Herz des Lebens zerfleischte , da war an kein vergeben und vergessen zu denken . Die Kluft , die von jetzt zwischen Alonzo und der französischen Familie lag , verdeckten nicht Worte , nicht Thaten . Nur an Blansche konnte er sich noch mit seinen Gedanken wenden , sie war über Streit und Unwillen , über Vaterland und Welt hinaus gehoben , beziehungslos ewig Eins in seinem Herzen . Er flüchtete zu ihr , er schrieb ihr in diesen qualvollen Stunden . » Warum meine Blansche , mußte ich Sie vergeblich suchen , warum waren Sie so weit von ihrem Freunde ? Ihr Auge , ihre Stimme , ihre Nähe hätte alles abgewendet ! Es sollte so sein ! Alles um uns her mußte erst zusammenbrechen , der feindliche Haß alles untergraben , alles dunkel werden , nirgend eine Rettung , als in uns in unsrer Liebe ! Ich habe das lange geahndet , jetzt ist es ja ganz unauslöschlich da ! Erschrecken Sie Blansche ? Ich nicht . Ich habe mich nun erst ganz wieder , ich fühle mich wie über allen Streit hinaus . Was geht mich dies Frankreich an , was habe ich mit seinen Einwohnern zu schaffen ! Nichts , in der Welt nichts ! Sind Sie auch eine Bürgerin Frankreichs , Blansche ? O um Gottes Willen überreden Sie sich das nicht . Sie sind es nicht , Sie dürfen es nicht sein ! Welches Land , welches Volk ist stolz genug , Sie sein zu nennen ? Sie eine Französin ! Wie thöricht und wie unwahr ! Der Liebe gehören Sie , das ist Ihre Heimath . Bin ich mit dieser zerfallen , Blansche ? Sagen Sie das wirklich ! Wie ihre stillen Züge dies dunkle Land erhellen ! wie ich bei Ihnen all ' die Störungen vergaß ! Wird das nun anders sein ? Ich weiß es , Ihre Mutter kann das nie verzeihen ! Wo werde ich Sie denn wiedersehen ? wann wird Ihr liebes frommes Auge Friede in meine Seele gießen ? Meinen Sie etwa , ich sei nun entschlossen , Frankreich zu fliehen , Sie aufzugeben ? Haben Sie denn ein Herz , Blansche und denken Sie so Entsetzliches ? Nein , ich bleibe , ich werde Sie suchen , und so Gott will , finden . Kann Blansche durch die Meinung ihrer Freunde bestimmt werden ? Kann irgend etwas mein Bild in Ihrem Herzen verrücken , so stand es niemals fest und dann möge es nur lieber gleich zerbrechen . « Der eben ausgesprochene Gedanke trat so lebhaft auf ihn zu , er sah ihn so entsetzlich an , daß er ganz gelähmt und erschrocken die Feder wegwarf und nun auch nicht wieder mit sich zurecht kam . Des folgenden Tages eilte er mit jenen Zeilen zu Blansche , in der Absicht sie ihr heimlich einzuhändigen . Die kleine Scheu vor Frau von Saint Alban konnte ihn nicht zurücke halten . Im Gegentheil empfand er einigen Stolz , ihr so frei und unbekümmert unter die Augen zu treten . Er traf Blansche allein . Sie schien etwas überrascht ihn zu sehen , doch war sie nicht unruhig , noch verlegen . Er gab ihr das Blatt . Sie sah ihn groß an , an mich ? fragte sie , von Ihnen ? Was können Sie mir denn zu sagen haben , das ich so blöde , so ängstlich in diesem Papier einwickeln müßte ? Lesen Sie , bat Alonzo . Sie faltete kopfschüttelnd das Blatt auseinander , und es vor sich hinlegend , las sie , den Kopf in die Hand gestützt , sehr langsam und genau , ohne durch irgend eine ängstliche Anstrengung die Klarheit ihrer Züge zu trüben . Alonzo ging während dem heftig auf und ab . Zuweilen blieb er stehen , sah sie dringend an , oder zählte ungeduldig die ablaufenden Sekunden an der Wanduhr . Jetzt hatte sie geendigt . Sie legte das Blatt sorgfältig in seine Falten zurück , und verschloß es , ohne aufzusehn in dem Nähetischchen . Alonzo faßte ihre Hand . Sie sahe ihn lächelnd an ; was sind Sie nur so unruhig , sagte sie mit anmuthiger Freundlichkeit . Sie thun so viel Fragen , lieber Alonzo , ich weiß nicht , wie ich das könnte , ich habe eine außerordentliche Scheu vor dem Ausgesprochenen , lassen Sie doch dem Geheimniß , das bisher waltete , ferner seinen stillen Gang . Sie wollen mir entgehen , Blansche , unterbrach sie Alonzo hier , Sie wissen mir nichts zu antworten , Sie selber sind unsicher . Freilich , entgegnete sie leutselig , Sie könnten mich ängstlich machen , ich habe Sie so nicht erwartet , ich glaubte Sie auf das Unvermeidliche gefaßt , Sie sind so entzweiet mit allem , so unsicher , wo ist denn die Ueberzeugung und die Treue , die allein beglücke ? Von welcher Ueberzeugung , Blansche , fiel Alonzo ein , reden Sie hier ? Von der einfachsten und natürlichsten , die es giebt , von der Wahrheit des Wesens , das Sie liebend in ihrer Seele tragen , Alonzo , mein Freund , können Sie zweifeln und vertrauen zugleich ? Sagen Sie mir , Blansche , hub Alonzo nach einigem Besinnen an , was soll ich bei so widerstrebenden Verhältnissen für ein Opfer von Ihrem Muthe erwarten dürfen ? Täuschen wir uns nicht ; es ist plötzlich ein gewaltsamer Riß zu Ihren Füßen entstanden , Sie sind allein mit mir am jenseitigen Ufer , dorthin das Jugendland , die Mutter , die Freunde , Blansche , werden Sie mich nicht auch verlassen wollen ? Was drängen Sie doch , rief Blansche wehmüthig , unser verborgenes Dasein so hastig in das bunte Leben hinein , und geben ihm die dreiste Figur und Sprache ! Ach mein Freund , die Scheu , die ich davor habe , sagt mir , daß wir niemals aus dieser Verborgenheit hinaus sollen . Also doch ! rief Alonzo heftig , Sie selbst verweisen mich zu ewigem Verstummen , zu Entsagung und Tod ! Was Blansche , was denken Sie aus mir zu machen ? Wollen Sie den Ueberlästigen aus Ihrer Gegenwart verbannen ? Oder soll ich in verzehrender Gluth ein ängstliches , peinliches Leben auf- und abwinden , ein Leben , in welchem Streit und Zorn das einzig Lebendige ist ? Das einzig Lebendige ? rief Blansche mit gefaltenen Händen , o Herr , mein Gott , so lehr du ihn doch , was Leben ist ! Frau von Saint Alban war herein getreten . Sie warf einen schnellen , scharfen Blick auf Blansche , der dann blitzartig an Alonzo vorüberflog . Sie schien gerührt , gereitzt , heftig und schnell wieder besonnen . Sie wußte das Gespräch am Rande der Vertraulichkeit hinzuhalten , Alonzo hatte sich just nicht zu beklagen , gleichwohl schwebte etwas Aengstigendes im Hinterhalte , was gern herauswollte , und nur der Gelegenheit ermangelte . Man wehrte diese ab , denn niemand hatte Lust es zu einer Erklärung kommen zu lassen . Frau von Saint Alban war Meisterin der Conversation , sobald Sie es wollte . Es schien , sie könne ihrer innern Bewegung plötzlich Einhalt thun . Mit Gewandtheit faßte sie jedes Aeußere an , warf es hin und wieder , und machte es in der Wechselberührung der Laune und des Witzes nach und nach zu etwas , das unterhielt , ohne zu beschäftigen . Alonzo vergaß an ihrer Seite einen kurzen Augenblick , was seine Seele so schwer belastete , was aus der Ferne drohete , was zum Theil schon ganz nahe war . Die flüchtigen Worte wirbelten sich so leicht wie ein gefälliger Tanz an ihm hin , und stahlen seinen Beifall und sein Wohlgefallen , ohnerachtet des Disperaten ihres beiderseitigen Verhältnisses . Zum Lachen gezwungen , vergaß er leicht worüber und verlor ein paar Stunden an einem Spiel , dessen absichtlichen Gang er weit entfernt war zu ahnden . Als er endlich durch Blansches schwebenden Gang und ihr lautloses Verschwinden aufgeschreckt ward , verließ er Frau von Saint Alban etwas wüst und betäubt , ohne ins Klare über sie und sich selbst kommen zu können . Auf den Straßen sang man das Couplet auf Heinrich den Vierten . Er hatte das tausend und tausendmal gehört , heute frappirten ihn die Worte angenehm . Das höchst wunderbare Gemisch von Galanterie , gutmüthiger Treuherzigkeit und neckendem Volkssinn sprühete auf eigene Weise an sein Gemüth . Er glaubte eine Einsicht in den Volkscharakter gewonnen zu haben . Der Duft frischer Jugendzeit wogte noch in dem alten Liede . Die anmuthigen Gestalten französischen Ritter- und Heldenthums traten höchst lebendig in ihrer feinen , jovialen Sitte in seine Erinnerung zurück . Er glaubte noch verwandte Elemente in dem Herzog und Türgis entdecken zu können . Er dachte an die ritterlichen Könige , an die rührenden Worte Ludwig des Achtzehnten vor seinem Einzug in Paris : die Religion allein vermag mich diese Dornenkrone auf mein greises Haupt zu setzen . Er sahe das würdig stille Angesicht , er fühlte den Kampf und die Leiden der geweiheten Königsfamilie , tiefe Ehrfurcht erfüllte ihn . Er war milder gegen alles , was er sahe . Er ging heute in die Variétés au françois , er glaubte sein Unrecht gegen Frau von Saint Alban nicht genug abbüßen zu können . Das reizende , ergreifende Spiel großer Künstler bezwang seine strenge Abneigung ! Vieles ward ihm hier klar , was ihm im Leben verwirrte , die Funken originellen , treffenden Witzes sprüheten fast blendend umher , der behende , flüchtige Verstand wagte die raschesten Flüge , er riß die Bewunderung um so eher fort , als niemand vor sich selbst zu besteh ' n , zurückbleiben wollte . Alonzo glaubte sich dem allem mehr und mehr verwandter , je mahnender er zur Theilnahme gezwungen ward . Er stand im Begriff noch heute an Blansche zu schreiben , sich selbst hart anzuklagen , das arme schöne Herz durch Ungestüm und schroffen Ernst erschreckt zu haben . Er wollte es ihr bekennen , daß er alles zu hoch und trübe und gewaltsam genommen , daß er es empfinde , wie im Erkennen fremder Eigenthümlichkeit der Friede im Leben aufgehe , es schien ihm der Gedanke an Versöhnung mit allem , was dem lieben Geschöpf angehörte , so süß , er wollte ihr das sagen und noch vieles andre , wovon sein Herz voll war , als ihm eine Einladung des Herzogs , diesen zu Frau von Saint Alban zu begleiten , die Hoffnung gab , Blansche morgen zu sehen , und in der alten Eintracht und dem schönen , wechselseitigen Vertrauen mit ihr und ihren Freunden . Er schrieb jetzt nicht . Er dachte und malte sich die Stunden nächster Zukunft in dem Gewinn schwankender , unruhiger Leidenschaft bald lockend , bald ängstigend aus , die Bilder flossen ungewiß in einander , und er mußte sich zuletzt fragen , was von dem allem darfst du denn wünschen , bethörtes Herz ? Sechszehntes Kapitel Alonzo saß schon über eine Stunde Blansche in höchster Spannung gegenüber , ohne ihr ein Wort sagen zu können . Unter mehrern Anwesenden war ein junger Verwandter um sie beschäftigt , in dessen leisem altfranzösischen Wesen sie sich mit der unbefangensten Heiterkeit ausnehmend zu gefallen schien . Sie nannte ihn Louis , und Frau von Saint Alban mein armer , kleiner Vetter , mit einem Ton , der die Theilnahme und das Vertrauen herzlicher Gesinnungen ganz rücksichtslos aussprach . Der junge Mann trug den Lilienorden , war von edler Familienbildung , und sachten , etwas schüchternen Manieren , die eine kleine Beimischung des Fremdartigen und Ausländischen an sich trugen . Auch war er über dem Rhein erzogen . Der Kampf erweiterter Bildung und schmerzlich empfundener , unaustilglicher Blutsverwandtschaft hatte trübe Jahre hindurch tiefe Furchen in die junge Stirn gedrückt und das reiche , dunkel wallende Haar hin und her gebleicht . Oft nach den launigsten Ausbrüchen sanken seine Züge plötzlich zusammen , es lag dann eine Trauer auf diesem Gesicht , die nicht Sehnsucht , nicht Rückerinnerung , die Lebenserfahrung im allgemeinen so wunderbar erzeugte . Frau von Saint Alban hob ihn auf alle Weise heraus , die übrige Familie suchte ihn mit Frankreich zu befreunden , wohin er erst seit kurzem zurückgekehrt war , man neckte ihn und verspottete seine gemischten Sitten . Eine hübsche pikante Brünette sagte mit bedeutendem Seitenblick auf Blansche , er werde sich wohl nach und nach entgermanisiren , man erlaubte sich manche Anspielung auf sein Verhältniß in der Familie , deren Aeltester er nach des Herzogs Tode ward . Er pflegte denn wohl mit einem komischen Seufzer , O du mein Gott ! auszurufen und durch einen burlesken Gedankenspruch Spott und Laune auf etwas Anderes zu richten . Er redete etwas gepreßt , die Gedanken rissen sich nur mühsam von dem Innern los , dafür gab er aber auch mit jedem Wort ein Stück Herz in den Kauf . Frau von Saint Alban rief mal auf mal : wie gut er ist ! Die kleine Brünette aber konnte sich nicht enthalten , ihn auszulachen , und die ausländischen Sonderbarkeiten und die eigne behutsame Weise , wie eines solchen , der stets anzustoßen oder zu fallen denkt , aufs lebhafteste zu rügen . Sie flüsterte Alonzo zu , Louis nehme sich aus wie ein altfranzösisches Bild , das man in Deutschland unter Glas und Nahmen geschoben und ihm glauben gemacht habe , es sei ein deutsches Kunstwerk . Er passe sich eben deshalb nicht recht in französischen Zimmern und über dem Rhein wittere man doch auch den Franzosen in ihm . Ich mag es nicht leiden , setzte sie hinzu , wenn man sich so verschieben läßt und am Ende nirgend zu Hause ist . Deshalb hasse ich auch die meisten Nordländer , die uns zu Liebe ihre Nationalität aufopfern , hier nicht geachtet und dort nicht verstanden , was wird aus ihnen ? Gleichwohl sagte Alonzo , dem die schönen Lippen die Worte anmuthig ins Herz lächelten , steht nicht zu leugnen , daß viele Ausländer durch stete Uebung eine gewisse Meisterschaft in der französischen Eleganz errungen haben , die doch anzuerkennen und von Ihnen , gnädige Frau , zu loben wäre . Zu loben ? rief sie heftig , weshalb denn ? etwa weil sie auf plumpen Stelzen ungeschickt , eckig und langsam unsre freie , leichte Bewegungen einzeln und auswendig gelernt nachahmen ? O ich höre sie auf zehn Meilen kommen , diese gemachten Pariser ! steif , formell oder impertinent , nicht achtend wie ihnen veraltete Galanterie oder un mal appris de nos jours im Kopfe spukt , wenn so ein alter Herr mir die Reminiszenze des goldnen Zeitalters wieder auftischt und die ganze Conversation aus lauter Citaten alter bestäubter Bibliotheken besteht , dann schnappe ich nach Luft , denn der Bücherdunst schmeckt nach schwarzer Wäsche , die man ausgezogen und längst weggeworfen hat . Doch über allen Ausdruck widerlich sind mir jene eifrigen Lehrlinge einer gewissen Schule , die kunstgerecht den Schmutz verderbter Dichter , wie die Aussprüche der Sorbonne , einstudiren und sie in Sälen und Boudoirs geltend machen , die methodisch die Einbildungskraft beflecken , Mangelhaftigkeit im Leichtsinn heucheln , sich brutal in der Liebe und ungeschickt in der Treulosigkeit anstellen , kurz die durch groteske Nachäffung das Gefühl auf alle Weise verletzen . Und sind sie denn anders , dachte Alonzo , die Originale zu diesen Copien ? Verweilet man denn nicht noch am liebsten bei den verknöcherten Gestalten , durch die , rührend genug , ein Anklang verschollener Zeit wehet ? Stehet man gleich neben ihnen auf dem Grenzstein versunkener Galanterie , so spürt man doch wehmüthige Sehnsucht nach dem , wohin die letzten bleichenden Lichter unter Ludwig dem Vierzehnten zurückweisen . Noch wagt sich die Liebe Liebe zu nennen , noch verspottet niemand den Prinzen und Helden , der in still bescheidener Demuth seiner Dame durch ein ganzes Leben huldigt , keine Zunge lästert den ehrfurchtsvollen Dienst geheimer Treue , galante Rittersitte hat noch Raum auf Erden , Henriette von England darf ohne Erröthen ihr Bild auf einer Heldenbrust wissen , der Leumund schweigt , denn uneigennützige Liebe ist noch kein Unding geworden , und tausende kennen ihr heiliges Panier . Kann das veraltete Wesen gleich nicht sonderlich mehr gefallen , so rührt es doch und verzeihlich wird es , mit dem Schein zu spielen , wenn man das Wesen empfindet . Doch verloren ist die Seele , die mit dem wesenlosen , giftigen Dunst heutiger Sitte liederliche Gaukeleien treibt . Er sah finster umher , Louis saß etwas abwärts , die Hand wie einen Schirm gegen die Stirn gehalten , so daß die Augen ungestört in sich hinein sehend bei Selbstgeschaffenem verweilten . Der Herzog hatte ihn einige Augenblicke beobachtet , mit Alonzo abwärts tretend , sagte er : die freie Gemeinschaft der Geister konnte ihm die leibliche Sicherheit des Daseins nicht ergänzen , die man nur im Vaterlande empfindet , so innig ist der Mensch mit der Heimath verwachsen , wie thörigt darüber hinaus zu wollen ! Man ist umsonst bemühet das Ungleichartige zu verschmelzen . Der Natur widerstreben , heißt sich ewigen bittern Kampf bereiten ! Wenig sind diesem gewachsen ! Auch mein junger Vetter nicht ! Er ist zerrissen , nicht hier , nicht dort zu Hause , und gleichwohl zieht ihn seine Vorwelt hieher . Was ist ein Dasein , mein Herr , ohne Erinnerungen ? Darf der Mensch an eine Zukunft denken wollen , wenn er die Vergangenheit vernichtet ? - Es schien Alonzo fast als lege der Herzog eine besondere Bedeutsamkeit in diese Worte . Was konnte er sagen wollen ? hatte er in seinem Herzen gelesen ? Und wollte der ruhig erfahrene Mann ihn warnend auf sich selbst zurückführen ? Alles kam ihm heut so absichtlich , so besonders vor . Frau von Saint Alban war von der gesuchtesten Höflichkeit , sie wollte ihn recht eigentlich gegen ihre Familie herausheben , doch alle frühere Innigkeit , das leichte anmuthige Vertrauen wandte sich auf Louis , für Alonzo hatte sie nur Phrasen und achtungsvolles Bezeigen . Einmal als die Rede von einem jungen Ausländer war , den man früher in Paris gekannt und liebenswürdig gefunden hatte , sagte sie mit wegwerfender Bitterkeit , es ist ein Fremder ! ich achte ihn ohne ihn zu verstehn , man versteht niemals das Fremde . Ihr Blick flog an Alonzo vorbei , er sahe sie erröthen , er fühlte , daß sie mit Absicht redete . Ihm ward sehr beklommen . Er suchte Blansche . Sie war in ein Nebenzimmer getreten und spielte gedankenvoll mit den Fingern gegen die Fensterscheiben . Was ist es , Blansche , sagte er dringend , was hier im Dunkel gähnt , was ich kommen höre ? Sie wenigstens dürfen mich nicht täuschen wollen . Blansche schlug die Augen zum Himmel auf . Sind Sie einig mit sich , lispelte sie leise , was ängstet sie ? was kann kommen , das Ihr Herz bezwänge ? O um Gottes willen , Wahrheit , rief er heftig , nackte , trockene Wahrheit ? ich verstehe sie nicht , ich will sie nicht verstehen , diese dunkle Andeutungen ! Von Ihnen will ich es hören , Blansche , Sie sollen mir es sagen , daß Sie , daß alle wortbrüchig waren , daß Sie Herz und Leben zerreißen , zertreten , daß alles frühere Lüge und Possenspiel war , daß Sie das heilige Wort zurücknehmen . Blansche sahe ihn warnend an , hüten Sie sich , Alonzo , sagte sie , daß Sie es nicht zurückgeben . Sie war fort , ehe er sich besinnen konnte . Einen Augenblick darauf sahe er sie lächelnd neben Andren stehn . Sie war ihm ein Räthsel . Ihr Blick traf dann und wann bittend und beruhigend auf den seinen , er wußte ihr nicht zu antworten , seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblick . Frau von Saint Alban streifte im Vorübergehen an seinen Arm . Sie sahe entschuldigend zu ihm auf , sein düsteres Auge begegnete dem ihrigen . Die alte Rührung flog über ihr Gesicht . Sie neigte den Kopf etwas seitwärts und mit lieblich weicher Stimme sagte sie : es muß sein , lieber Alonzo , es