es fiel , hatte sie es gerügt , immer doppelt auf sie zurück ; deshalb tadelte sie sich auch jetzt bitter , ja sie ging weiter , sie fand Mariens Thränen selbst kindisch , und verwies es ihr mit einiger Strenge , wodurch die arme Kleine nur noch bewegter , und unfähig ward , sich sogleich zu fassen . Da nun aber Alexis , wie alle Kinder , wenn sie weinen sehen , auch weinte , und , um dem Vorschub zu thun , laut nach der Mutter bangte , so griff die üble Laune alle an , und Verweise und Drohungen fielen durch einander hin , und wurden in dem engen Raum um so störender , da sie jede heitere Betrachtung unterbrachen . Zudem wurden die Wege jetzt sehr beschwerlich . Die Baronin , im Fahren ängstlich , nur gewohnt , von Paris nach Versailles , oder andere bekannte Straßen zu reisen , litt sichtlich von der quälendsten Besorgniß , wie sehr sie sich auch bekämpfte . Niemand sprach zuletzt , bis Alexis , der sich in dem Maaße erheiterte , als die andern schwiegen , Giannina anlag , ihm etwas zu erzählen . Diese wußte ein uraltes Mährchen von einer Bergfrau , welche Abends auf weißem Flügelpferde durch die blaue Alpen ziehe , Krankheit und Tod über die Menschen bringe , Jünglinge aus den Hochzeitkammern entführe , und wenn die Bräute ihnen nachfolgten , diese in kleine Blumen verwandele , welche man Alpenrosen zu nennen pflege . Der Knabe wurde nun auch still , und sah ganz scheu zum Wagen hinaus , denn er fürchtete , die große , schreckliche Dame zu sehen , wie er sich ausdrückte . Jenseit Aosta bestiegen die Männer Maulthiere , die Frauen mußten sich größtentheils in Sesseln tragen laßen . Antonie indeß bestand mit einiger Hast darauf , ebenfalls den Weg auf einem Maulthiere zurückzulegen . Sie hatte einen sichern Führer , und ritt nun zwischen dem Herzog und ihrem Vater die steilen , gewundenen Pfade entlängs , ohne eine Spur von Unruhe zu zeigen , weshalb sie der Herzog oftmals freundlich anlächelte , und selbst einigen Stolz über sie , die Richte , zu empfinden schien . Es war am Ende des Dezembers . Ungleiche Windstöße hüllten sie oftmals in Wolken von Schnee und Hagel . Ein jeder fühlte die Kälte sehr empfindlich , Antonie hatte einen Mantel übergehangen , und den Kopf vielmals mit langen Schleiern umwunden , allein der Wind wickelte diesen , wie das aufgeflochtene Haar , immer wieder los , bis sie , doch etwas unsicher auf dem fremden Thier , und sich keinesweges mit Freiheit darauf bewegend , Haar und Schleier in Gottes Namen im Winde flattern ließ , einzig darauf bedacht , wie sie sich sonst vor der Kälte verwahre , die immer schneidender ward . Die Reitenden gewannen leicht einen kleinen Vorsprung , so daß sie die Andern zuweilen ganz aus den Augen verloren , und dann plötzlich bei einer Beugung des Pfades ihrer erst wieder ansichtig wurden . Als es daher bereits dunkelte , und Antonie , unter der schwarzen Wolke ihrer Haare , den Steg etwas fern ab ritt , schrie Alexis laut auf , und versteckte sich an Gianninas Brust , indem er rief , da ist die Dame ! da ist sie ! Wirklich hatte sie ein seltsames Ansehn , was durch die Schneewirbel noch undeutlicher , und ganz Mährchenhaft , durchschimmerte . Doch Antonie ward ihrer Seits auch bald genug auf weit ernstere Weise erschreckt . Sie stiegen bereits die nördliche Abdachung des Bernhard hinunter , und freueten sich , eine Hütte zu finden , wo sie ausruhen und übernachten könnten , als die Thiere plötzlich stutzten , und ihre Führer gleichfalls einige Schritt , vor einem , über den Weg liegenden Mann , still standen . Ein Todter ! rief der Eine , welcher näher herzugetreten war . Der Herzog sprang zur Erde , der Marquis folgte ihm , doch ehe sie noch zu der Stelle kamen , war ihnen Antonie schon vorangeflogen , hatte die Hand des Mannes gefaßt , und rief sehr freudig : er lebt , er lebt ! Ob indeß gleich einige matte Pulsschläge das krankhafte Leben andeuteten , so lag der Mann doch wie entseelt , regungslos , mit gebrochenem Auge . Das Blut war ihm aus mehrern Wunden hervorgestürtzt , jetzt rieselte es nur schwach an der geronnenen , zusammengeballten Kruste hin , die sich um die kranken Stellen gelegt hatte . Sein Gesicht war todtenbleich , die Hände starr und kalt , Rock und Gilet waren , wie in Todesangst , weit über die Brnst aufgerissen , der Wind strich schneidend über diese und die offenen Wunden hin . Antonie warf ihren Mantel über ihn , riß heftig an den Schleiern , und , während sie die Wunden mit diesen umwickelte , rieb sie sanft hin und wieder an den bleichen , verfallenen Schläfen . Ein grünes Netz deckte verschoben das reiche Haar , die schönsten Brauen lagen , wie hingezeichnet , auf der freien Stirn , Antonie berührte diese leise , als es wie eine Erinnerung durch sie hinfuhr , sie blickte auf nach dem Herzog , der stand , auf seinen Stock gestützt , mit tief über die Augen gezogenem Hut , finster und stumm da . Antonie fühlte das Herz des Kranken jetzt stärker schlagen , das Blut schien gestillt . Nun Ihr Männer ! rief sie , was besinnt ihr Euch , soll der Unglückliche hier vergehn ? Er lebt , ich sage es Euch ja , die Besinnung kehrt zurück , ich sehe es in den starren Zügen leise arbeiten ! Wollt Ihr nicht , so trage ich ihn auf meinem Rücken zur nächsten Hütte ! Der Herzog machte eine unwillkührliche Bewegung zu dem Kranken hin , trat aber wieder zurück , und stand wie eingewurzelt mit gesenkten Augen . Der ganze Zug war indeß herangekommen . Alles stockte und drängte sich herzu . Bertrand und der Köhler waren gleich bereit , den Unglücklichen herunter zu schaffen . Antonie half , ihn leise in die Höhe heben , deckte ihn dann behutsam mit ihrem Mantel zu , und hieß beide sachte , und soviel als möglich gleichen Schrittes , gehn , weil ungleiche Bewegung die Wunden wieder aufreißen könne . Als sich nun beide aufmachten und langsam vorangingen , sah Antonie ihnen noch eine Weile sorglich nach , dann faßte sie den Herzog bei der Hand und sagte leise : Mein Onkel ! hassen Sie den Sohn ? denn daß er das ist , das sieht und fühlt sich wohl , warum denn diese Härte ? Hm ! sagte der Herzog , sich unwillig abwendend , erst muß ich wissen , ob er mit Ehren hier ist , ehe ihn meine Liebe zu nennen weiß . - Sie sah ihn betroffen an , doch schwieg sie , und Alle setzten nun still , und innerlich beunruhigt , ihren Weg zur Hütte fort . Zehntes Kapitel Sie waren noch nicht lange auf diese Weise in Gedanken fortgeritten , als sie an der sanftern Abflachung des Weges ein Häuschen erblickten , das , zu gastlicher Bewirthung bestimmt , gehörig erhellt , dem nächtigen Wanderer schon von fern dies ersehnte Ziel langer , unbequemer Anstrengung zeigte . So nahe , dachte Antonie , war der arme müde Mann Menschlicher Hülfe , und mußte dennoch unfehlbar sterben , kamen wir nicht des Weges . Und wer weiß , war es nun nicht zu spät ! - Sie hielten jetzt vor der Herberge . Antonie strich eilig an dem Wirthe vorüber , welcher , der vielen Gäste froh , diesen entgegen trat . Ihr Haar hing noch aufgelöst , wie ein Mantel , um ihre Schultern , die Unrahe der arbeitenden Seele glühete unstät aus Blick und Mienen , der Mann trat einen Schritt zurück , und sah sie befremdet die Thüre der Gaststube mit wilder Hast aufreißen ; doch hier blieb sie eben so schnell überrascht stehn . Der Kranke saß bereits aufgerichtet in einem Lehnstuhl , sein bleiches Gesicht ruhete in der aufgestemmten Hand . Bertrand , ehemaliger Feldchirurgus , schien eben seine Wunden untersucht und verbunden zu haben , der Köhler legte ihm jetzt sanft den Mantel auf Brust und Schultern , während Bertrand die feinen Instrumente sauber abwischte und wieder in die rothe Tasche einlegte , Antoniens blutiger abgerissener Schleier lag noch zu des Kranken Füßen . Sie bückte sich danach , und steckte ihn eben unter das Busentuch , als der junge Mann aufblickte , und , fast erschrocken , mit fliegender Röthe im Gesicht , beide Arme auf die Lehnen des Stuhls gestemmt , den Oberleib gehoben , eine rasche Bewegung ihr entgegen machte , aber mit einem tiefen Athemzug aus der kranken Brust , erschöpft , halb in die alte Ohnmacht zurücksank . Antonie that einen lauten Schrei , denn sie glaubte nicht anders , als er sterbe , da in diesem Augenblick die entsetzlichste Blässe sein Gesicht überzog . Auf diesen Schmerzeston stürtzte auch der Herzog hinein , welcher bis dahin wie im Kampfe mit sich selbst zögernd vor dem Hause stehn geblieben war , und das Ansehn hatte , als erwarte er die Uebrigen der Gesellschaft , welche eben auch eintraten . Doch faßte er sich sogleich , als er den Sohn lebend , ja unter Bertrands Händen besser fand , als er es früher dachte . Er blieb im Hintergrunde des Zimmers , und schien abzuwarten , bis es Zeit sein werde , zu reden . Allein die Baronin hatte kaum einen Blick auf den Kranken geworfen , als sie alle fortdrängte , an seinen Sessel niederkniete , seine Hände küßte , und unter einem Strom von Thränen wiederholt rief : Adalbert , Adalbert , mein Adalbert , bist Du es wirklich ? Dieser vernahm kaum den Ton ihrer Stimme , als sich die sanfteste Freundlichkeit über das liebe , weiche Angesicht ausbreitete , und er mit aller Anstrengung seiner erschöpften Kräfte , ja mit ritterlicher Zierlichkeit , bemühet war , die Tante vom Boden aufzuheben ! Allein sie verharrte in ihrer Stellung , und sagte , noch immer heftig weinend , laß mich so , o laß mich so ! ich bin Dir näher und danke zugleich Gott in Demuth für Deine Rettung . Mein liebstes Kind ! es ist mir wie ein Traum , daß ich Dich hier sehe ! Ach Adalbert ! rief sie , jetzt Frankreich , ihr eignes und des Neffen Leid beweinend , was ist aus Schloß Clairval , aus Dir und uns Allen geworden ! Wir leben , meine Tante ! erwiederte jener mit besänftigender Stimme , und haben die Ehre gerettet . Hast Du nun auch Deinem Vaterlande den Rücken gekehrt ? fragte die Baronin , und die armen bethörten Mitbürger verlaßen ? Ist es denn unvermeidlich geworden , daß Ihr Euch Alle auf eine oder die andere Weise Eurer Pflicht entziehet ? Davor bewahre mich Gott ! sagte Adalbert rasch einfallend , nur der Schuld entziehen wir uns ! Der Degen , den mir mein König im Nahmen meines Vaterlandes gab , soll kein Blutbeil werden ! Der Soldat , meine Tante treibt nicht des Nachrichters Handwerk ! Das fühlten alle meine Cameraden mit mir , unser Regiment ist aufgelöst , das ganze Officierscorps , in Treue und Ehre verbunden , harret ein jeder , in würdiger Zurückgezogenheit , der Stimme seines Volkes das jetzt Teufel bethören ! Gottlob ! rief der Herzog . Er mußte sich einen Augenblick auf den Marquis stützen , denn seine Standhaftigkeit war durch den allermühseligsten Kampf erschüttert ! Doch kaum hatte Adalbert den Ton dieser Stimme gehört , als ihn niemand zurück hielt , er glitt vom Sessel auf die Knie nieder , und schleppte sich , beide Arme ausgebreitet , zu den Füßen des todt geglaubten , lang entbehrten Vaters ! Mein Sohn , stammelte der Herzog , noch immer bemühet , die innere Bewegung zu verbergen ! Mein Sohn ! rief er endlich , diesen mit aller Gewalt des überwältigenden Entzückens an die starke , liebevolle Brust drückend . Alle hatten sich herzugedrängt , es war , als sei der schöne tapfere Vetter erst in diesem Augenblick der Welt und ihnen insgesammt gegeben . Marie hatte im Gefühl unaussprechlicher Verehrung auch ein Knie vor dem Herzog gebeugt , und küßte ganz still , dem eignen Herzen Gnüge zu thun , die Falten seines Mantels ! Als daher Adalbert zuerst von der Brust des Vaters aufblickte , sah er das weinende Mädchen an seiner Seite . Er reichte ihr sehr gerührt die Hand , und als die Tante rief : Deine kleine Cousine Villeroi , so umarmten beide niegesehene Verwandte einander in dieser Stellung , welche ohnehin die Form gewohnter Sitte weit hinter sich ließ . Antonie sah zwischen dem Vater und der Tante hin , sehr ernst , fast gebietend , auf beide nieder , so daß Adalbert , als er auch auf sie durch die Tante aufmerksam gemacht ward , den Blick senkte , und sie mit ehrfurchtsvoller Scheu , den Kopf tief neigend , begrüßte . Die Freude ist ein Balsam , der oft schneller und wirksamer heilt , als die erprobteste Arzenei . Adalbert fühlte sich gehoben , frei und stark in der Brust . Sein Blut floß so leicht durch die Adern , sein Herz klopfte so frei und ruhig . Alle gewannen dadurch Muth , auch an sich zu denken . Man freuete sich der endlich errungenen Bequemlichkeit , erfrischte und stärkte sich , und setzte dem Wunsch , sich mitzutheilen , und voneinander zu hören , länger keine ängstigende Gränzen . Der Herzog sorgte indeß für Adalberts Gesundheit und behagliches Sein , mit einer Zärtlichkeit , welche doppelt rührend war , jemehr sie unwillkührlich aus dem gehaltensten und festesten Innern hervorbrach . Er bestand darauf , daß der Kranke seinen vorigen Platz einnehme , holte selbst Mäntel und Decken herbei , um ihn vor der eindringenden Zugluft zu bewahren , er beugte sich zur Erde nieder , und umlegte und umwand den Sessel damit , ja die früher bezähmte Liebe wußte sich auf keine Weise selbst zu gnügen , und Vater und Sohn schienen in die zarten Verhältnisse zurückgekehrt , wo die unbeholfene Kindheit noch des Väterlichen Beistandes bedarf , und die gegenseitige Beziehung zu einander durch leibliche Nothwendigkeit fester zusammengezogen erscheint . Auch war Adalbert schmeichelnd und gerührt wie ein Kind . Er ließ des Vaters Hand nicht aus der seinen , und richtete alle seine Worte ausschließend an ihn , als habe er nur ihm von einem ganzen Leben Rechenschaft zu geben . Die Ereignisse der letzten Tage wurden bald das ausschließende Gespräch . Adalbert hatte wenig mehr zu sagen , als der Vater bereits wußte . Seit der Einnahme von Lyon und Robespierres Blutherrschaft hatte sich sein Regiment aufgelöst . Er hatte denselben Weg wie sie gemacht , und war wenige Stunden vor ihnen auf der Stelle liegen geblieben , wo sie ihn gefunden , Erschöpfung und Anstrengung hatten seine , bey Lyon empfangene , Wunden aufgerissen , er mußte sterben , wenn sie ihn nicht retteten . Marie umarmte bei diesen Worten Antonien , sie schmeichelte der Tante , Giannina nahm den kleinen Alexis auf den Schoos , herzte ihn , und erlaubte ihm willig , mit einem kleinen Riechfläschchen zu spielen , das sie an einer feinen Kette um den Hals trug . Antonie sah sie befremdet an , sie konnte ihre Liebkosungen nicht erwiedern , es ängstete sie selbst das fröhliche Wesen , ihre Brust war durch alles Vorhergehende beklemmt , sie drückte , wie sie es in solchen Augenblicken oft that , die Hand gegen die Brust , um tief aus dem Innern heraus zu athmen , da durchschauerte sie etwas Unbegreifliches , es zog wie der zitternde Hauch eines warmen Luftstromes durch sie hin , Thränen traten ihr in die Augen , sie küßte die Schwester leise und zärtlich . Die Nacht foderte indeß jeden zu Schlaf und Ruhe auf . Auch gebot der Herzog bald Stille , und da nur das eine Zimmer und weiter keine Lagerstätten vorhanden waren , so mußten sich alle bequemen , in ihren Sesseln beieinander zu übernachten . Für den Kranken ward ausschließend gesorgt , die andern richteten sich ein , wie es eben ging . Alle schliefen bald . Nur Antonie fand keine Ruhe ; ihr brannte es wie Feuer in den Adern . Sie stand auf , schlich leise im Zimmer auf und ab , und ließ ihre Blicke leicht über die Schlafenden hingleiten . So oft sie Adalbert nahe trat , oder ihr Auge fest auf ihn richten wollte , ward dessen Schlaf unruhig , er warf sich hin und her , und sie mußte sich abwenden , aus Furcht , ihn zu erwecken . Unwillkührlich sah sie von ihm weg auf Marien hin ; und mußte sich gestehn , daß sie nie ein zarteres Engelsköpfchen gesehen habe . Höchst unbefangen saß die Kleine , beide Hände über der Brust gefaltet , neben der Tante , ihr Kopf war dieser auf die Schultern gesunken , die blonden Löckchen kräuselten sich weich über den Schläfen , ihr Schatten lag fast wie ein Nebelstreifen auf dem klaren , ruhigen Gesicht . Zu ihren Füßen saß Alexis , den kleinen Krauskopf halb in ihrem Schooß verhüllt . Eilftes Kapitel Der anbrechende Tag fand Antonien noch ruhelos , am Kamine sitzend , und beschäftiget , die Flamme hell und lebendig darin zu erhalten . Ob sie gleich selbst von ungewohnter Hitze brannte , so konnte sie doch nicht fort von dem beweglichen Elemente , das den dunklen Fragen ihrer Seele geheime Antwort zu geben schien . Sie fühlte eine Unendlichkeit in sich , und hatte kein Wort , kein Bild , keinen Gedanken dafür , hier sah sie Unendliches außer sich , senkte tiefsinnig den Blick hinein , und empfand mit geheimer Wollust ihr eigenes Wesen wieder . So träumte sie bewußtlos fort , bis ihr Auge und Wangen unerträglich brannten . Sie hielt die Hand schützend vor der Flamme , und lüftete mit der andern das sittig anschließende Busentuch , als zu ihrem Schrecken der vergessene , blutgefleckte Schleier in ihren Schoos niederfiel . Mein Gott ! rief sie , dies Blut ! - sein Blut - so nahe trug ich ' s auf dem Herzen ! - sie schauerte zusammen , barg das Gesicht in beide Hände , und stammelte leise : O Gott ! O Gott ! es ist mein eigenes Herzensblut geworden ! Jetzt fühlte sie , wie alles war , sie wußte es , sie sagte es sich ganz bestimmt . - Der also , dachte sie , der ward mir so unleugbar auf diesen Wege zugeführt ! Darum mußten wir hierher und grade hierher - wie leicht konnte es anders sein ! Mein armer Freund ! und Dein Blut mußte fließen ! sie sah mit tiefer , wehmüthiger Zärtlichkeit zu ihm hin . Er war erwacht , und schien etwas betroffen ihrem Blicke zu begegnen . Es war gewiß , man konnte nichts Schöneres , nichts Ergreifenderes sehen , als sie in diesem Augenblick . Der strenge Ernst ihrer Mienen war erweicht , ihre Wangen glüheten wie zwei Purpurrosen , das Haar war fest geordnet , die Stirn frei und der königliche Blick von sanfter Trauer über des verhängnißvolle , schöne , schmerzliche , Leben gemildert . Die länglich feinen Hände waren herabgesunken , Hals und Kopf weniger gehoben als sonst , es war , als sei ihr Stolz , ihr Muth , ihr Herz , gebrochen ! Doch jetzt war auch Marie erwacht . Sie rieb mit beiden Händchen die Augen klar , dann faltete sie sie wieder , und betete leise , ohne aufzusehen . Ihre Lippen bewegten sich anmuthig wie zwei Rosenknospen , die im säuselnden Morgenhauch einander leicht berühren , Adalbert glaubte , das linde Wehen zu fühlen , als sie hell aufsah , wie die Freude lächelte , ihn schweigend grüßte , und nur mit Zeichen fragte , ob seine Wunden noch schmerzten ? aus Furcht , den Schlaf der Andern zu stören . Ihre Bewegungen hatten dabei so viel Liebliches , und wenn sie die Hand mit der allerschuldlosesten Unbefangenheit bald hier bald dort auf die Brust legte , um die Stelle seiner Wunden anzudeuten , so hatte es fast das Ansehn , als betheure sie irgend eine liebevolle Zusicherung , so daß Adalbert , auf das Anmuthigste gerührt , lebhaft wünschte , es möchte so sein , und , einen Augenblick dem süßen Wahne nachgebend , so viel Zärtlichkeit und Ergebung in seine Geberden- und Zeichensprache legte , daß Antonie , davon erschreckt , unwillkührlich in die Höhe fuhr , und durch das etwas heftige Fortschieben ihres Stuhles die Andern erweckte . Jetzt ward alles laut und lebendig . Man hatte sich begrüßt , befragt , Mittel und Wege zur weitern Reise bestimmt , Alles war bereit . Adalbert sollte Antoniens Platz in der Baronin Wagen einnehmen . Antonie hatte sich einmal zu den Männern gesellt , sie mußte jetzt schon den unbequemern Sitz , und das luftigere Fuhrwerk , welches beide , wenn sie nicht ritten , vorzugsweise gewählt hatten , dem kranken Vetter zu Liebe , ertragen . Der Herzog wollte nun einmal keine von den andern Frauen neben sich haben , er fürchtete ihr verzärteltes Wesen , er kannte Antonien nur gesund , fest , und in jedem Augenblick Muthvoll . So blieb es dann dabei , daß Adalbert Marien gegenüber , im fest verschlossenen Reisewagen saß , und sie ihn für mehrern Stunden aus den Augen verlor . Zwar hatte er sich nur mühsam in die Anordnung gefügt , und der gütigen Freundin so verbindlich und rührend für das große Opfer gedankt , welches sie so willig bringe , daß sie gern tausendmal für ihn gestorben wäre , aber er reiste mit Marien , und ihr Herz litt von doppelten Qualen . - In ähnlicher Stimmung verlebte sie alle folgende Reisetage . Es half ihr wenig , daß sie sich rasch fortbewegte , und die Gegenstände um sie her wechselten , denn , obgleich die fortrollenden Räder zu irgend einem Ziele führten , so war dieses doch ungekannt , ja ungewiß , da es stets von Umständen abhing , ob sie da oder dort verweilen würden . Zudem war jedes weitere Vordringen ein neues Abreißen , ein neuer Kampf , denn hatten die früh einbrechenden Abende alle an irgend einem Orte versammelt , wo sie übernachteten , machten sie dort nur eine Familie aus , drängte die Unbekanntschaft mit auswärtigen Umgebungen , die Fremdlinge auf einander zurück , so riß sie der folgende Morgen wieder auseinander , ja warf sie oftmals auf andere Wege , wo sie sich nicht begegneten , denn der Herzog liebte , mit dem beweglichern , leicht gebaueten Wagen , Seitenpfade einzuschlagen , wohin die andern nicht folgen konnten . Seiner Ungeduld , seinem Hinstürmen auf ein Ziel , mußte sich alles fügen . Der Marquis war froh , an Ort und Stelle zu kommen , und ließ ihn gewähren . Antonie schwieg ; aber von da hatte sie nur ein Augenmerk , ein Einziges , was sie beschäftigte , und zwar , wie weit jener Wagen zurückbleibe , und ob er sie beim Wechseln der Pferde , beim nothwendigen Aufenthalt einer halben oder ganzen Stunde , ihrerseits , nicht einholen könne ? und ließ dies Zusammentreffen auch nichts als einen flüchtigen Gruß , eine Erkundigung , den gemeinschaftlichen Genuß irgend einer Erfrischung zu , man trat doch in eine Art von Verhältniß zu einander , denn es entging ihr nicht , wie die vielen kleinen Zufälligkeiten , die gemeinsamen Begegnisse , die Vertraulichkeit jener mehrten , wie das äußere Berühren auch ein inneres ward , wie die Gemüther mit den Verhältnissen zusammenfielen ; deshalb wünschte sie , bald die Zeit beflügeln , bald ihren Lauf anhalten zu können . So berechnete sie stets , und nahm ängstlich dies und jenes zum Maaßstabe an . Doch ward ihre Brust oft grade da zerschnitten , wo sie Trost erwartete . Einst fügte es sich , daß beide Wagen am Ausgang eines Waldes zusammentrafen . Antonie hatte längst Stimmen hinter sich gehört , welche immer in der Waldumgränzung vernehmlicher herüberklingen . Sie war höchst erfreuet , und sah mit Vergnügen , wie sie eine Zeitlang , auf ganz gleichlaufenden Wegen , neben einander hinfuhren , als , höchst unerwünscht , der Postillon des größern Wagens einen Vorsprung zu gewinnen suchte , und der Herzog , sein früheres Recht behauptend , selbst in die Zügel griff , die Pferde ungestüm antrieb , über Stock und Stein hinflog , und einen Wettstreit veranlaßte , der wenig Erfreuliches erwarten ließ . Auch trafen sie bei der Einbiegung in einen Hohlweg so heftig zusammen , daß des Herzogs Wagen halb umgeworfen , gegen die Seitenwand gedrückt ward , und sämmtliche Pferde in einer Verwirrung drunter und drüber hinstürzten , daß alles wie ein Knäuel todt und beschädigt ineinander zu liegen schien . Der Herzog gerieth außer sich . Die Erinnerung jenes unglücklichen Sturzes , der seiner Freundin das Leben kostete , setzte ihn in ungemessene Wuth , auch der Marquis fluchte und schimpfte , und gebot mit vorauseilender Heftigkeit , alles schnell wieder herzustellen . Dies wilde Durcheinanderrufen , das Gekrach des Falles , die Unbehülflichkeit ihrer Lage , alles gab den Unerfahrenen die größte Angst , Marie glaubte die Schwester , alle Freunde in Gefahr , und , sich dicht an Adalbert anklammernd , flehete sie ihn um Rettung . Er fühlte das kleine Herzchen so ängstlich schlagen , er sah Thränen in ihren Augen , ihre Hände lagen bittend zusammengefaltet in den seinen , er rief bewegt , Marie wer dürfte Dich je ungerührt weinen sehen ! schlang dann seinen Arm dichter um sie , trug sie geschickt aus dem Wagen den Abhang hinauf , und ließ die zierlich feine Gestalt leise auf einen Stein niedersinken . Marie sah ihm freundlich in die Augen , sie wollte ihn zu der andern Beistand fortdrängen , doch schien es ihr so undankbar , sie hatte nicht das Herz dazu , und blieb halb verlegen , halb unbewußt , was sie thue , dem lieben Freunde gegenüber , der sich zärtlich über sie neigte , und einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte . Als er denn endlich wieder zu der Tante und Antonien eilte , hatte diese den Verdruß , daß alles ohne ihn gethan war , und der Herzog bereits , mit dem Verbote , ihm nicht den Willen zu durchkreuzen , weiter fuhr . Auch in den ruhigern Abendstunden ging es ihr nicht besser . Marie hatte Romanzen und kleine Lieder von dem Vetter gelernt , Giannina begleitete sie auf der Mandoline , alle drei sangen und musizirten die halben Abende mit einander , und , seit jenem letzten Vorfalle , flossen Stimmen wie Blicke des Lehrers und der Schülerin so innig zusammen , daß Antonie ihr Elend langsam auf sich zukommen sah ! - Es ist eine Täuschung , sagte sie , es kann nicht sein , es soll nicht sein , das Schicksal hat anders gesprochen ! Er darf sich nicht verblenden wollen ! Sie saß des Nachts oft Stundenlang in ihrem Bette auf , und sann , wie es enden werde ? Denn es schien ihr so unerträglich , wie unmöglich , daß er lange in dieser ängstigenden Täuschung verharre . Deshalb drängte sie sich zu Adalbert , sie horchte auf die Gespräche , in welche er sich öfter mit dem Marquis und seinem Vater über die gegenwärtige Verfassungen , über die Lage Frankreichs , und ihrer aller Beziehung zu dem Vaterlande , sehr angelegentlich verwickelte . Sie durchdrang schnell seine Ansicht , und da diese das Allgemeine wie das Einzelne umfaßte , so war sie bald , mit unbegreiflicher Gewandheit , ganz heimathlich in dem fremden Gebiete . Beide älteren Männer vertheidigten die alte , seit Jahrhunderten geheiligte Form , mit Feuer und dem nichts aufkommen lassenden Gewicht der Erfahrung . Adalbert fühlte die Nothwendigkeit einer Umwälzung , er sprach lebhaft , schön und eindringlich , so lange er hoffen konnte , verstanden zu werden , schwieg aber , wenn der Herzog , vom Gegenstande abspringend , den Schwindelgeist der Jugend angriff . Dann ließ Antonie oftmals einzelne Worte fallen , wie aus Adalberts tiefstem Innern herausgehoben , welche alle zwangen , auf sie zu merken , und dem Gespräch nicht selten eine ernstere , auf das Wesentliche zurückgehende , Wendung gaben . Auf ähnliche Weise griff sie fast überall ein . Oft traf es sich , daß bei vorfallenden Streitigkeiten über militairische Operationen , Stellungen und Märsche der Corps , Adalbert seine Meinung durch einige flüchtig auf das Papier hingeworfene Striche unterstützte , und der Herzog sie dann , mit seinem Eigensinn , als undeutlich verwarf . Antonie an Sauberkeit und Schärfe der Umrisse , durch das Kupferstechen und Radiren gewöhnt , wußte nicht selten im Fortgange des Sprechens , seine rasche Andeutungen genauer im Kleinen anzugeben , wodurch der Herzog , schon aus Bewunderung und Liebe für sie , bezwungen ward . Adalbert konnte sie nicht übersehen . Sie riß seine Aufmerksamkeit , seine Verehrung an sich . Doch ließ der erste Eindruck eine peinigende Scheu zurück , und er flüchtete nicht selten vor der Gewalt ihrer Herrschaft , zu Mariens kindlicher , hellen Engelswelt . Ihm hatte das Leben so selten gelacht , die Verhältnisse der Gesellschaft hatten ihm so große Schmerzen gegeben ! auch jetzt war er zerrissen in seiner Wirksamkeit , das Ziel blieb ihm verrückt , wie Vaterland , Stellung zur Welt und Gebrauch der Kräfte umdunkelt waren . Er scheuete Antoniens Ernst , wie den trüben Rückblick in die Vergangenheit . Marie war heiter , ihre kleine Thätigkeit hatte immer etwas Freundliches , das Leben Anfrischendes ,