, was du nicht weißt . Geh in Frieden ! meine Geschäfte rufen mich jetzt . Aber deine Harfe laß mir hier . Ich schicke dir zur Stund eine andere . Ich wollte mir nun ein Herz fassen und seine Hand küssen ; aber er zog sie schnell weg und sagte : O Gretchen ! Gretchen ! geh geschwind ! Aber ich hatte mich schon zu sehr verspätet , und mußte in meinem ganzen Putze zu Tische gehen ; so daß Herr Stephani einmal über das andere lächelte , wenn er mich ansah . Doch war es gewiß kein spöttisches Lächeln . Als aber die Kinder fragten : ei Gretchen ! wo bist du denn so schön geputzt hingewesen ? und die Frau Präsidentin antwortete : beim Fürsten , da lächelte Herr Stephani nicht mehr , sondern blickte traurig vor sich nieder . Ach , herzliebste Mutter ! warum wirft sich doch immer etwas zwischen die Menschen , daß sie sich nicht so lieben , wie sie sich lieben könnten ? Es ist gewiß etwas zwischen dem Fürsten und Herrn Stephani . Und das wird es auch wohl seyn , wovon der Fürst sagt : er wolle überlegen , ob es mir gut sey , daß ich es wisse . - O nein ! es wird mir nicht gut seyn . Aber ihnen wird es noch weniger gut seyn ; und darum werde ich auch nicht ruhen , bis ich es weggeräumt habe . Der Haß ist gewiß das grösseste wahre Leiden auf der Erde . Ja , ich muß ihr gestehen , herzliebste Mutter ! daß er mir wie eine ordentliche Verrücktheit vorkommt , die mein tiefstes Mitleiden erweckt , und daß ich es darum so recht inniglich mit meinem ganzen Wesen begreife , wie der Heiland sein Leben opfern konnte , damit sich die Menschen nur lieben lernten . Ach , herzliebste Mutter ! ich erschrecke davor , wenn ich denke , daß es Hochmuth oder Gotteslästerung seyn könnte ; aber ihr darf ich es doch nicht verhelen , daß mir immer wunderbarer zu Muthe wird , je älter ich werde , ja , daß mir ganz anders wird , als den jungen Mädchen , die ich kenne . Sie bekommen immer mehr Gefühl für die Freude , und ich immer mehr für den Schmerz , nicht für den eigenen , sondern für den fremden . Wenn ich so Mütter ihre Kinder , Kinder ihre Mütter beweinen sehe , ach noch gestern sah ich es , dann ergreift es mich mit unbeschreiblicher Gewalt , und ich werfe mich nieder , und flehe zu Gott , er möge doch die Menschen vom Tode erlösen . O , wenn sie von der Sünde , von der Strafe der Sünden , durch einen Gerechten erlöst werden konnten , warum nicht auch vom Hasse und vom Tode ? O , meine herzliebste Mutter ! wenn man sich durch ein ganz reines Leben würdig machen könnte , als ein Opfer für die Menschheit angenommen zu werden ; - wenn es genug wäre , daß Einer über Alles liebte , Einer eines vieltausendfachen Todes stürbe ; damit kein Haß , kein Todeskampf mehr auf Erde gefunden würde . O meine Herzensmutter ! wäre ein solcher Tod nicht der tiefsten Sehnsucht würdig ? - Stephani an seine Verwandten . Noch weiß Niemand , was ich vorhabe , und Alles erstaunt über die ungewöhnlichen Vorbereitungen . Da mein Zimmer ein viel zu beschränkter Raum für das Bild ist , hat man mir auf mein Bitten den Saal eingeräumt . Er ist durch eine grosse Glasthüre mit dem Wohnzimmer verbunden , und so kann ich die Himmlische beobachten , wann ich will . Glückseliger ! kein Kummer darf mir nahen . Auge ! du göttliches ! ich habe dich ! und dich geschlossener heiliger Mund ! O , mir sagt ' s mein Geist ! dich wird wohl kein Mann jemals berühren . Geschähe es , dann wäre sein irrdisches Daseyn beschlossen , und er schwebte entsündigt zu den Seraphinen , die dich bildeten . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Unser Wohnzimmer ist ganz verändert , und doch ist keine Veränderung darin vorgegangen . Aber Herr Stephani malt in dem grossen Saale , der daran stößt , und seitdem ist Alles ganz anders . Die Gemälde scheinen lebendig zu werden , und scheinen freudig zu lächeln , die Menschen scheinen Gemälde zu werden , und alles Häßliche zu vermeiden . Der Saal ist geheimnißvoll und prächtig , wie eine Kirche . Mehrere Fenster sind verhangen ; aber in die offenen blickt die Sonne , wie ein göttlicher Geist . Das Bild , was Herr Stephani malt , steht mit der Rückseite gegen die Glasthüre unseres Zimmers . Alles ist verschlossen , Niemand darf hinein . Es muß etwas ganz Auserordentliches vorstellen ; denn Herr Stephani sieht aus , wie ein Entzückter , wenn er zurücktritt , um es zu betrachten . Da er dieses sehr oft thut , und das Bild von ganz ungewöhnlicher Grösse ist ; so sagt die Frau Präsidentin : es müsse wahrscheinlich bestimmt seyn , aus einer grossen Entfernung gesehen zu werden . Gestern hab ' ich auch gesehen , daß es wirklich so seyn muß . Herr Stephani ging ganz bis an das Ende des Saals , der sehr lang ist , um das Bild zu betrachten . O , wenn nur auch gleich ein Maler da gewesen wäre , der ihn hätte malen können ! Es würde ein eben so wunderbares Gemälde , ja , vielleicht ein noch wunderbareres , als das , woran er arbeitet , geworden seyn . So habe ich noch keinen Menschen gesehen . Sein Haar schien sich zu heben , sein Auge stralte , wie eine Sonne , sein Arm streckte sich aus ; er wollte malen und hatte die Entfernung vergessen . Plötzlich wurde er sie gewahr , und kam wieder auf das Bild zugeflogen . O wie wurde mir , herzliebste Mutter ! - Ich ging schnell in mein Zimmer , und spielte kniend ein Danklied . Stephani an seine Verwandten . Der Fürst war da , sah mich malen , und wollte wissen , was ich vorhabe . Niemand konnte es ihm sagen , und so ließ er mich gestern zu sich rufen . Ich sah den Laufer durch die Glasthüre , konnte wohl denken , daß es mir gälte , und trat heraus zu bitten : der Fürst möge mir erlauben , ihm Abends aufwarten zu dürfen . Ich war auf den Morgen bestellt . Die seltene Güte dieses grossen Menschen macht einen dreist , und er ahnet nicht einmal , daß diese Dreistigkeit etwas Ungeziemendes enthalte . Während ich aber mit dem Laufer sprach , war Fränzchen , ein Kind von zwei Jahren , mit seinem Steckenpferde durch die offene Thüre getrabt , und stand nun , wie versteinert , vor dem Bilde . Sobald er zu sich selbst kam , rief er überlaut : Gretchen ! Gretchen ! und wollte im vollen Gallop wieder davon . Aber ich nahm ihn gefangen , bedeutete ihm , daß es eine grosse Freude , wie am Christabend werden solle , aber Niemand etwas davon wissen dürfe . Wolle er artig und verschwiegen seyn , so solle er Farben und Pinsel bekommen , und mir unten an dem Bilde malen helfen . Er versprach Alles ; verlangte aber sogleich Pinsel und Farben , legte sein Steckenpferd zur Seite , und machte sich an das Geschäft . Jetzt wurden ihn die andern draussen gewahr , und verlangten nun auch eingelassen zu werden . Er aber versicherte ihnen sehr ernsthaft : das könne nicht geschehen . Sie seyen viel zu laut und unartig ; er aber sey artig und verschwiegen , habe auch Farben und Pinsel , und sie mögen nur gleich weiter ziehen , und uns nicht stören . Wollen sie nun etwa böse darüber werden , und sein Steckenpferd zerschlagen , so gehe das auch nicht ; denn er habe es bei sich behalten . Es ist ein herrliches Kind , mit einem grossen , brennenden Dichterauge . Ich will ihn unter die himmlischen Heerscharen , von denen die Heilige angebetet wird , versetzen , und mich soll wundern , ob er sich findet . Wenn sie aufsteht , sich setzt , sich zu den Kindern beugt - wie ganz anders , als die übrigen weiblichen Körper ! - keine Begierde , Leidenschaft in irgend einer Bewegung . O , wie soll ich es ausdrücken ! - Nichts , nichts Irrdisches ! Heilig ! heilig vom himmlischen Haupte bis zur Ferse ! und nie wird das sichtbarer , als wenn sie steht . Will ich dann mit einem Worte meine ganze Seligkeit ausdrücken , so sage ich leise : die Jungfrau ! - Ich weiß nicht , ob ihr den erhabenen Reiz dieses Wortes nachempfindet ? - Mir ist es die höchste Musik . Auch sage man von der Göttlichkeit der männlichen Gestalt , was man wolle , zu dieser Heiligkeit erhebt sie sich nicht . Ich weiß wohl , was man mir einwenden kann . Aber versteht mich ! Die höchste männliche Schönheit , welche jemals dargestellt ist , wurde entweder zum Kampfe gerüstet , oder nach siegreich gekämpftem Kampfe dargestellt ( Jupiter , Apoll ) . Tief in der Seele jener Künstler , welche das Ideal männlicher Schönheit darstellten , lag also die Ahnung : daß Kraft ; keinesweges Sittlichkeit das Erste sey , wonach sie zu streben haben . Ihr zweifelt ? - Wohlan ! macht die Probe ! Werft die Kraft weg ! laßt Schönheit und Sittlichkeit . Habt ihr einen Mann ? - Das behaupten wir nicht ! - ruft ihr - Haben wir die Kraft als nothwendiges Erforderniß geläugnet ? Aber schön , zum edeln Zwecke geleitet , harmonisch , mit einem Worte : sittlich soll sie seyn . Das aber läugne ich euch geradezu . War Jupiters , Apolls Kraft eine sittliche ? - Aber läugnet einmal , daß es eine männliche war ! Was folgt hieraus ? - daß das Ideal der männlichen Schönheit nie ohne Kraft , wohl aber ohne Sittlichkeit , um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen könne . Führt nur keine Venus an ! denn wofern sie euch mehr , als idealisirter Liebreiz ist , thut ihr ihr zu viel Ehre . Ich aber spreche von einer Jungfrau im höchsten Sinne des Worts , und vor der fällt eure Venus nieder ; sey es auch , daß sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal übertreffe . Was beweißt das für euch ? - Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter , den knienden Apoll - Wahnsinn ! - Nicht wahr ? Ihr gesteht es ? Oder seyd ihr noch nicht zufrieden ? Wollt ihr der Proben noch mehrere ? Gut ! so fragt euch dann : wer ist der unmännlichste Mann ? der Häßlichste ? der Unsittlichste ? - Keinesweges ! es ist der Schwächste . Nun fragt weiter : welches ist das unweiblichste Weib ? - das stärkste ? das häßlichste ? - keinesweges ! es ist das unreinste , das unsittlichste . Und so müßt ihr dann zugeben : daß , wollt ihr Männlichkeit mit einem Worte ausdrücken , ihr Kraft , Weiblichkeit , ihr Reinheit , oder , was dasselbe ist , sittliche Schönheit sagen müsset . Gesteht , ihr seyd überwunden ! und wenn ihr es nicht gesteht ; so kommt und seht mein Bild . Ich bin weit von der Furcht entfernt , ihr möchtet das Alles für kindischen Dünkel nehmen . Ihr kennt mich ja . - O nein ! nein ! ich will mich nicht halten ! will laut triumphiren , daß es mir gelang , daß ich gewürdigt wurde , die Himmlische darzustellen . O , ich bin zu selig , als daß ich irrdische Rücksichten nehmen könnte . Verzeiht dem Künstler ! ich halte das Bild für eine Angelegenheit der Menschheit . Schlösse der Tod einst das Auge des heiligen Mädchens , ihr und andere könnten sagen : es habe niemals gelebt . Eure Venus müßte dann das Höchste bedeuten , und ein ganzes herabgewürdigte Geschlecht würde vielleicht seine hohe Bestimmung verkennen , und glauben , es sey nicht mehr werth , als wir es gelten lassen wollen . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Vor einigen Tagen war der Fürst da , kam gerade in das Wohnzimmer , und sah Herrn Stephani malen . Er wollte wissen , welch ein Gemälde es sey ; aber Niemand konnte ihm Auskunft geben . Da ließ er mich rufen und sagte : nicht wahr , Gretchen ! du weißt , was er malt ? Nein ! gnädigster Herr ! - antwortete ich - Es weiß es kein Mensch , ausser Fränzchen . Sehen Sie ! da steht er schon wieder bei Herrn Stephani . Aber wir können nichts aus ihm bringen : als daß es ein Weihnachtsbild sey , er auch mit darauf stehe , und daran helfe , weil er artig und verschwiegen sey , und daß ich am meisten darüber erschrecken und mich freuen werde . Und Stephani ? Ja , der spricht mit Niemand mehr , scheint auch nichts von Allem , was um ihn vorgeht , zu bemerken . Selten kommt er zum Essen , und dann haben wir an den Kindern genug zu wehren ; denn er giebt ihnen Antworten , die gar nicht auf ihre Fragen passen . Dann lachen die kleinen Schelme , wir mögen winken , wie wir wollen . Die Aeltesten aber reden ihn gar nicht mehr an , sondern betrachten ihn mit einer zärtlichen Furcht , und machen gleich Platz , wenn er irgendwo durchgeht . Aber mit dir Gretchen spricht er doch ? Ich wüßte die Zeit nicht , daß er ein Wort mit mir gewechselt hätte ! Er wollte vor einigen Tagen zu mir kommen . Ach , gnädigster Herr ! zürnen Sie ja nicht deswegen auf ihn ! Er liebt und verehrt Sie vor allen andern Menschen ; aber er vergißt Alles , was nicht das Bild ist . Unmöglich ! - rief er - oder das Bild ..... Dann hielt er plötzlich inne , und sah mich an , als ob er mir bis auf den Grund des Herzens sehen wollte . Was sehen Sie mich nun so an , gnädigster Herr ? - sagte ich - Trauen Sie mir nun schon wieder nicht , und glauben , daß ich mehr weiß , als ich sage ? Nein , Gretchen ! - rief er wieder - ehe glaube ich , daß ich mehr weiß , als du sagst . Da er aber so laut rief , hatte Herr Stephani ihn gehört , und kam zu uns herein . Er entschuldigte sich sehr , daß er nicht gekommen . Aber der Fürst sagte : lassen Sie das ! lassen Sie das ! Doch warum sind Sie so grausam gegen uns ? - Keiner Ihrer Freunde weiß , was Sie arbeiten . Es ist ein Altarblatt - antwortete Herr Stephani - was die Stadt Pisa bei mir bestellt hat . Der Fürst wollte nun eben fragen : was es denn vorstelle , da erschrack Herr Stephani so , daß er ganz roth wurde , öffnete plötzlich die Thüre , und ließ den Fürsten hineingehen . Er muß gewiß befürchtet haben , ich würde das Bild auch sehen wollen ; denn er sahe mich so bittend und so angstvoll an , daß es mir im Herzen wehe that , und ich geschwind sagte : lieber Herr Stephani ! ich will nicht mit hinein . Da sah er mich noch einmal an , und es war , als wolle er mir mit diesem Blicke seine ganze Seele geben . Herzliebste Mutter ! diesen Blick werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen . Denn es ist mir , als hätte ich wirklich mit diesem Blicke etwas bekommen , und als sey es mir hier mitten in der Brust geblieben . Stephani an seine Verwandten . Der Fürst hat das Bild gesehen , und ist heftig dadurch erschüttert worden . Lange staunte er es sprachlos an . Dann fiel er mir plötzlich um den Hals und sagte : versprich mir , daß du erfüllen willst , warum ich dich bitte ! - Ich erschrack ; denn ich ahnete , was er wollte . Du thust es nicht ! - rief er - Mir nicht ? deinem Freunde nicht , der Alles für dich thun würde ? Ich bitte dich , sage nicht nein ! Mache den Pisanern eine Copie . Laß mir dieses Bild . - Die Hände sanken mir nieder . O , mein Gott ! - rief er abermals - du kannst es nicht ? - Ich muß es können - antwortete ich - sobald Sie es wollen . Er schwieg , und betrachtete das Bild von neuem . Sage mir aufrichtig - hub er dann wieder an - warst du wirklich entschlossen , dieses Bild wegzugeben ? - Nein - sagte ich - aber ich habe mich oft deswegen getadelt . Wie so ? Die Pisaner haben keine Copie von mir gefordert . Glaubst du , daß sie den Unterschied fühlen ? Ich fühle ihn . Aber was würdest du am Ende gethan haben ? Ich weiß es nicht . Die Idee bleibt dieselbe . Die Idee - aber die Ausführung ! - Wie ? du getraust dich nicht ? Wie viel ich mir trauen , mit Recht trauen konnte , mußte die Folge erst lehren . Wie viel Zeit hat man dir gelassen ? Das ist die Hauptschwierigkeit . Man wünscht sehnlich , die Kirche möge zu Ostern eingeweiht , und das Bild zugleich aufgestellt werden . Sie können dir nichts vorschreiben . Nein . Aber sie haben mich dringend gebeten . Es ist himmelschreiend , dieses Bild von dem Volke verräuchern zu lassen . Doch wird es schwerlich mehr , als gerade an diesem Orte wirken . Wohlan , so trete ich mit ihnen in Unterhandlung . Wir haben auch Kirchen . Mag es dem Volke dann bleiben ; aber mir soll es auch nicht ganz entrissen werden . In meiner Nähe will ich es behalten . Wenn sie es zufrieden sind - fuhr er , meine Hand mit Heftigkeit ergreifend , fort - wenn ich ihnen verspreche , versprechen darf : du wollest das Bild zum zweitenmale , diesem vollkommen gleich darstellen ? - Sie sollen es von mir geschenkt , und nach meinem Tode auch das erste als Vermächtniß erhalten ? Wie dann ? Wie dann ? - O ! - rief ich - dann ist uns Allen geholfen , und wir bleiben ewig Ihre Schuldner ! Oder wir die deinigen ! - fiel er ein , und schloß mich fest in die Arme . In diesem Augenblicke waren wir seitwärts von dem Bilde gekommen , und das heilige Mädchen erblickte uns . Der Fürst bemerkte es , und sagte : Du Glückseliger besitzest sie zweimal ! während ich Armer von elenden verzerrten Halbmenschen umgeben bin . Sie hat geklagt - antwortete ich - daß sie nicht zu Ihnen kommen dürfe . Ach ich fürchtete mich selbst ! fürchtete ein Geständniß nicht mehr zurücknehmen zu können , was ihren hohen Kindersinn für immer zerstört hätte . Denn ich weiß es ! bleibe ich in den Schranken , so ist es diese himmlische Unbefangenheit allein , die mich hält . Meine lauernden Höflinge haben mich errathen und mir eine Reihe Schönheiten vorgeführt , von denen du manche deines Pinsels würdig gefunden haben würdest . Vergebens ! Berauscht haben sie mich ; aber das Nüchternwerden konnten sie nicht hindern . Ich gestehe , daß dieses Bekenntniß eine Art Freude bei mir erweckte . Ich fühlte mich der Himmlischen näher , und fühlte mich ihrer würdiger . Er errieth mich augenblicklich , und eine finstre Wolke verbreitete sich über sein schönes Gesicht . Dann verließ er mich plötzlich , und ging , wie gewöhnlich , wenn er uneins mit sich selbst ist , heftig auf und ab . Ein Paar heimliche Blitze aus seinen Augen schossen an mir vorüber . Ach , ich begriff und beklagte ihn . Eben so plötzlich als er mich verlassen hatte , blieb er jetzt vor mir stehen , und als ob er seine Empfindung in einem Worte zusammenpressen wollte , sagte er im Tone des Vorwurfs : Rosamunde ! - Ich sah vor mir nieder . Rosamunde ! - wiederholte er , meinen Arm ergreifend , als ob er mich aus einem Traume wecken wollte - Rosamunde ! was macht sie , die Unglückliche ? - Ich habe sie - antwortete ich - seit ich das Bild anfing , nicht gesehen . Sie liebt dich . Doch nicht so , wie sich selbst . Wenn sie dir aus Liebe entsagte , liebte sie dich nicht , wie sich selbst ? Sie hat niemals gestanden , daß sie mir aus Liebe entsagte . Wenn die That redet , was bedarf es der Worte ? Sie fürchtete unglücklich mit mir zu werden . Sie fürchtete dich unglücklich zu machen . Sie übt eine schöne Kunst , und so muß ihr Herz ewig getheilt bleiben . Und das deine ? Ich bedarf zur Ausübung der meinigen der Schönheit ausser mir . Sie aber stellt sie durch sich selbst dar , und ist demnach unabhängiger von der Liebe , wie von der Schönheit . Du aber scheinst jetzt eben so unabhängig von ihr , wie von ihrer Liebe zu seyn . Wenn das ist , mein Fürst ! muß ich glauben , es sey ein Verbrechen ? - Sie sagten mir einst , ich werde ein höheres Ideal kennen lernen . Wenn ich es kennen lernte , führte ich , oder das Schicksal es herbei ? - Wenn ich , wie Sie und andere behaupten , die Schönheit reiner und erhabener , als bisher geschah , darstellte , so mußte ich sie auch tiefer empfinden . Strafen Sie mich dann , daß ich das bin , wozu die Natur mich bildete . Warlich ! sie hat dich und uns Alle tiefer durchschaut , als wir glaubten . Meine Härte gegen sie gereuet mich bitter . Aber sie so gänzlich zu verlassen - dazu wär ' ich nicht fähig . Gott ist mein Zeuge ! daß ich sie weder verlassen habe , noch verlassen wollte . Sie ist und bleibt mir unaussprechlich theuer , und so gewiß ich lebe , hat Niemand ihren hohen Werth inniger , als ich , gewürdigt . Aber das , was mich in diesen Tagen beschäftigte , mußte meine ganze Seele einnehmen . Und Sie selbst , mein Fürst ! frage ich : konnt ' es auf andere Weise werden , was es ist ? Die Unglückliche ! Wahrlich ! nicht unglücklicher als ich selbst . Du ! du ? unglücklich ? Bin ich es nicht , so ist es die Kunst allein , die mich schützt . Was kann ich ausser ihr hoffen ! - Wie , wenn ich nicht wäre ? Ich bin mir bewußt , diesen Gedanken niemals gedacht zu haben , und es schmerzt mich , daß ihn irgend Jemand denkt . Aus mir wird er nie kommen . Natürlich wär ' er gleichwohl . Es ist manches natürlich , was mir verächtlich und meiner durchaus unwürdig scheinen würde . Ich gelobte Ihnen einst ewige Entsagung . Kann ich mehr thun , als dieses Gelübde erneuern ? O , ich weiß ! ich weiß - rief er mit flammendem Auge - woher sie dir kommt , diese gewaltige Kraft ! Du bietest aus , wovon du gewiß bist , daß es dir nie genommen werden könne . Aber wie ? wenn du irrtest ? - Wenn ich sie dahin setzte , wohin sie gehört ? Wenn ich mich über elende Vorurtheile erhöbe ? - Denk ' einmal diesen Gedanken ganz aus , und dann sag ' mir , was du empfindest . Mit diesen Worten verließ er mich , und der übrige Theil des Tages war für mich und die Kunst verloren . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Ich konnte das vorigemal nicht weiter schreiben ; denn ich war gar zu heftig erschüttert . Ach der Fürst ist ein guter Herr ; aber er verändert sich gar zu plötzlich , und kann oft böse werden , wenn man es am wenigsten denkt . Ich schrieb ihr , daß Herr Stephani ihn mit in das Zimmer genommen ; was er gewiß keinem andern Menschen gethan haben würde . Anfangs schien der Fürst auch höchlich darüber erfreut . Er umarmte Herrn Stephani , und sah sehr gütig dabei aus . Mit einemmale aber wurde er heftig , und sein Gesicht gänzlich verändert . Es entstand ein Wortwechsel , ich hörte den Namen Rosamunde , und ehe ich es mich versah , stürzte der Fürst ganz entrüstet durch das Zimmer ; so , daß seine Leute kaum herbeifliegen und ihm folgen konnten . Herr Stephani kam nicht zu Tische ; malte aber auch nicht ; sondern ging gleich auf sein Zimmer . Mir war es unmöglich , einen Bissen zu essen , und das Herz schlug mir so gewaltig , daß ich kaum Athem holen konnte . Die Frau Präsidentin wollte wissen , was vorgegangen sey ; aber ich konnte ihr nichts sagen , als : daß ich den Namen Rosamunde gehört , und daß der Fürst ganz aufgebracht davon gegangen sey . Sie sah vor sich nieder und sagte : das ist sonderbar ! Mir aber wurde so angst , daß ich geschwind hinausgehen , und bitterlich weinen mußte . Ach , es ist mir so , wie ich ihr schon einmal geschrieben habe : daß mir der Haß wie eine ordentliche Verrücktheit vorkommt . Sage sie mir auch um Gotteswillen ! was sollen die Menschen auf der Erde , wenn sie sich nicht lieben wollen ? - Sie weiß es , vielleicht noch nicht - denke sie einmal , herzliebste Mutter ! die Erde schwebt so in der Luft , wie die Sonne und die Sterne . Nun ist es mir manchmal ( sage Sie es aber keinem Menschen ) als schwebte ich über der Erde . Die grossen Länder , die gewaltigen Ströme , kommen mir dann sehr klein vor , die Menschen noch kleiner , und ihr Zank und Streit erscheint mir nicht bloß wie Verrücktheit ; sondern wie völlige Raserey . Ach , wie unnatürlich ist es , daß sie nicht in fester Liebe zusammenhalten , um dem gewaltigen Schicksale , was sie , bedräuet , zu widerstehen . Denn , herzliebste Mutter ! ich muß es ihr nur frei heraus sagen , daß ich von der Allmacht Gottes nicht so denken kann , wie uns geboten wird , von ihr zu denken . Seine Güte aber stelle ich mir noch viel grösser vor , als man sie uns schildert , und das ist auch mein einziger Trost , jetzt , da mich der Fürst in der Geschichte unterrichten läßt . Ach , herzliebste Mutter ! hätte ich nicht schon einmal angefangen , und wäre ich nicht jetzt begierig , an das Ende zu kommen , nimmermehr hätt ' ich mich damit abgegeben . Etwas Schrecklicheres und Empörenderes , als schon auf dieser Erde vorgefallen ist , kann sie sich gar nicht denken . Aerger , als reissende Thiere haben Menschen gegen einander gewüthet , und unter tausendmalen hat die Unschuld neunhundertmal der Bosheit unterliegen müssen . Das Alles , sagen die gelehrten Leute , konnte , sobald der Mensch frei bleiben sollte , nicht anders seyn . Aber , herzliebste Mutter ! sie sagen das nur so , um sich etwas vorzumachen ; bluten sie aber unter den Klauen eines Wüthrichs , so langen sie nicht mehr damit aus . Nein ! nein ! Gott ist gewiß nicht allmächtig ! sonst hätt ' er das Böse gehindert . Es war , das sieht man tausendfältig bestätigt , eine Kraft , welche sich ihm von Ewigkeit her widersetzte , und die er von Ewigkeit her bekämpfte . Wie dieser Kampf endigen wird , ist , glaube sie mir , liebste Mutter ! noch lange nicht entschieden . Ach , wir blödsichtigen , in Leidenschaft und Irrthum taumelnden Kinder ! kennen vielleicht noch lange nicht die Sorgen unseres grossen , liebevollen Vaters . - Schaudern und Entsetzen würde uns vielleicht ergreifen , wenn sie uns offenbar würden . Wohl mögen wir beten : dein Reich komme ! erlöse uns von dem Bösen ! - Glaube sie mir , herzliebste Mutter ! in diesen Worten unseres göttlichen Lehrers liegt weit mehr , als wir denken ; so wie in seiner Versicherung : ich hätte euch noch vieles zu sagen , aber ihr könnt es jetzt nicht tragen . Unzähligemale aber wiederholte er , daß Liebe und Reinigkeit des Herzens das Einzige seye , was Noth thue . Ach er wußte , daß das Eine zu dem Andern führe , und daß das Reich des Bösen am sichersten dadurch zerstört werde . So glaube auch ich , liebste Mutter ! daß die Macht Gottes durch jeden schönen Gedanken , durch jede liebevolle Handlung der Menschen vermehrt werde , und daß , wenn sie sich in Liebe und Tugend vereinigten , sein Reich kommen würde und müßte . Aber , o Gott ! wenn die Erde ganz dem Bösen hingegeben würde - sänke ! sänke mit allen denkenden und empfindenden Wesen , welche keinen geheiligten Willen , keine Kraft hätten , sich über sie zu erheben ! - sänke in die bodenlose Tiefe ! zerschellte , zerschmetterte , zerstiebe ! - Oder wenn sie ganz zur Hölle würde ! Wahrheit und Gerechtigkeit verhöhnete Schatten - die göttliche Gestalt des Menschen durch Laster bis zum Unkenntlichen verzerrt - das Siegel der ewigen Verworfenheit ihm aufgedrückt -