zu treten ; er sah aus dem Fenster den häßlichen Baron in einem Armensünderhemde mit unbedecktem Haupte , wie Kaiser Heinrich vor dem Papste und dessen Geliebten , doch fehlte hier der Schnee . » Wie können Sie sich unterstehen « , rief der Graf , » wieder mein Haus zu betreten ? « - » Darum bin ich auch auf dem Hofe geblieben « , antwortete der Baron . - Ein ganz unerwarteter Einfall , der einem Zorne begegnet , setzt oft in Verlegenheit , nimmt die Besonnenheit , gut darauf zu antworten , aber der Zorn gestattet nicht das Schweigen , und so antwortet man leicht das Dummste . » Ich habe keinen Hof « , antwortete der Graf , » und hätte ich einen , so wären Sie der letzte , den ich darauf anstellte . « - Kaltblütig erwiderte der Baron : » Wenn Sie keinen Hof haben , so ist dies auch nicht Ihr Hof , worauf ich stehe , und Sie können mich also nicht verweisen . « - Die Gräfin legte sich ins Mittel , küßte ihren Mann und sagte , der Baron hätte ihr demütige Abbitte getan , er wolle sich ganz bessern , nur möchten sie ihn nicht aus ihrer Gesellschaft verstoßen . - » Wenn es meine Frau wünscht « , sagte der Graf , » so kommen Sie herauf , mir sind Sie nicht hinderlicher , als viele andre Menschen , erst aber ziehen Sie sich anständig an . « - Der Baron ließ sein Hemde fallen und stand da in gewöhnlicher Kleidung und sagte : » Ich komme gleich , zieht Euch nur erst ruhig an ; ich habe noch ein paar Bekannte zu Euch geladen , die werden Euch sehr wohl gefallen ; es sind gerade Menschen wie ich , etwas geradezu , aber ehrlich und können lustige Historien erzählen ; ich will heut alles wieder gut machen . « - » Das schwör ich Euch « , rief noch der Graf , » führt Ihr Euch heute nicht ganz gut auf , so endet es nicht gut . « - Die Gräfin freute sich auf die neue Unterhaltung . Nach zwei Stunden kam der häßliche Baron mit seinen beiden Freunden , so beliebte er sie wenigstens zu nennen ; der eine , ein knochiger alter Mann mit dickem , zwischen den Schultern eingezogenen Kopfe , hatte die dauerhafteste Kleidung an seinem Körper hängen : streifig geschnittenen grünen Plüsch zu Rock und Weste , schwarzen Plüsch zu Hosen , Stiefelmanschetten und Schmierstiefel ; sein Gesicht war ein Ausdruck plumper Spaßhaftigkeit . Der andre sah durchaus bedenklich über seine lange schmale Nase ; ein altes hofmäßiges Kleid , ein schlechter stählerner Degen , Schuhe mit großen Schnallen , ein Haarbeutel , zeigten den früheren Bewohner einer großen Stadt . Der Baron stellte jenen als den Kommerzienrat Nudelhuber , berühmten Maler und Bilderhändler aus der Schweiz , diesen als den Prinzenhofmeister Kirre vor ; jener war gleich vertraut , griff nach den Händen zum Küssen , machte es sich bequem ; dieser belächelte sehr fein seine Ungeschicklichkeit , wollte ihn auch verspotten , wovon aber jener so wenig merkte als ein großer Metzgerhund , wenn ein kleiner Bologneser mit ihm spielen will ; ganz zufällig kniff er dagegen den Prinzenhofmeister ganz jämmerlich mit plumpen Einfällen über seinen leichten Anzug . - Der Baron fragte die Gräfin , als die Unterhaltung beim Frühstücke etwas stockte : » Nun , wie gefallen Ihnen meine Freunde , sind es nicht gerade solche Lumpenkerls wie ich ? Gleich müssen sie aber auch ihre Kunststücke machen ; hört « , sprach er zu den beiden , » damit sie hier wissen , was an euch , erzählt einmal die Geschichten , wo ich so lachen mußte - ja nicht Eure ganze Lebensgeschichte , da könnt ihr nie ein Ende finden . Fang du an , Prinzenhofmeister , laß alle deine feinen Hofgeschichten weg , wie du jedem scharfe Antworten gegeben ; wir wollen nichts wissen , als die unglückliche Affäre , wie der Erbprinz dir abhanden gekommen . « - » Welcher Erbprinz ? « fragte die Gräfin . - » Euer ehemaliger gnädiger Herr « , antwortete der Baron . - Die Gräfin sagte : » Daran nehme ich Anteil , er ist mir aus früheren Jahren noch sehr wert ; fast möchte ich sagen , wir waren in einander verliebt , so wie Kinder es sind . « Sechstes Kapitel Der verlorene Erbprinz Hierauf begann der Prinzenhofmeister mit verschränkten Beinen ruhig sitzend seine wohlüberlegte Erzählung . » Da ich nach dem freundschaftlichen Wunsche des lieben Barons von allen frühern Ereignissen schweigen soll , die meiner Führung des mir anvertrauten jungen hoffnungsvollen Erbprinzen alle Ehre machten , und bloß von dem schmerzlichen Tage reden muß , der alle meine guten Lehren vernichtete , so kann ich es mir zur Genugtuung wenigstens nicht versagen , die Grundsätze zu entwickeln , denen ich in der Erziehung gefolgt bin , und denen ich auch auf der Reise treu geblieben , welche die Erziehung des Prinzen beendigen sollte . « » Nicht so breit und steif « , sagte der Baron , » reden Sie wie gewöhnlich , sonst werden Sie nimmermehr fertig ; kurz will ich erzählen , Sie reisten mit dem Erbprinzen nach Hause und auf einem Seitenwege kamen Sie an einen See ... « DER PRINZENHOFMEISTER : » Sehr gut gesagt . Ich ritt mit meinem Erbprinzen ganz allein durch einen tiefen Hohlweg ; die Baumwurzeln hingen über uns in der Luft , der Weg war frisch aufgerissen , der Boden noch naß , aber der Regensturz hatte sich in einem Bache verlaufen , der uns an das Ufer eines großen Sees brachte , das so weit man sehen konnte nichts als Wacholderbeersträuche hervorbrachte . Wir fanden ein kleines Haus und dabei eine Fähre ; der Fährmann , der aus dem Hause trat , fragte uns , ob wir nach der Festung übersetzen wollten , die wir jetzt wie eine Perle auf einem großen blauen Türkis in der Mitte des Sees liegen sahen . Wir nahmen das Erbieten mit Vergnügen an ; wir bemerkten wohl , daß wir auf unserm Ritt durch die vielen kleinen Fürstentümer , in das Gebiet eines gewissen Grafen geraten , dessen Sonderbarkeiten damals allgemein beredet wurden . So war auch diese Festung lange der allgemeinen Unterhaltung preis gegeben ; sie ist ein kostbares Werk , auf einer , durch eingesenkte Steinmassen an einer flachen Stelle in der Mitte des Sees regelmäßig erbaueten , eckigen Insel , von gehauenen Steinen nach den strengsten Regeln der Kunst befestigt ; Bomben vom Ufer konnten fast nicht bis zu ihr hin und selbst dagegen war sie sehr ordentlich kasemattiert . Der Fährmann erzählte uns auf dem Wege , daß die Besatzung aus einer Kompanie der ältesten Invaliden bestehe , da aber diesen bejahrten alten Männern das Wachen unmöglich geworden , seien die verrufensten Lustdirnen der Stadt aufgegriffen , in rote Husarenmontur gesteckt und nach der Festung zur Besserung geschickt worden , wo sie exerziert mit den Invaliden abwechselnd den Dienst täten . Um ihr Entlaufen zu hindern , seien alle Fahrzeuge , diese eine Fähre ausgenommen , versenkt ; aus Mangel an Liebhabern wären die meisten zu guten Töchtern geworden und liebkosten die alten Männer , wie Loth von seinen Töchtern geliebkost worden . Wir waren auf diese Garnison ungemein neugierig . Bei unsrer Ankunft , nach mehreren Signalen des Fährmanns , wurde das Tor geöffnet , wo uns die Kuriosa , die Rittmeisterin dieser unberittenen Husarinnen , mit dem schönsten militärischen Anstande nach Namen und Charakter fragte ; ihres Feuers Fülle glühte in ihren vorstechenden schwarzen Augen . Herr Kamerad , sagte sie zum Erbprinzen , der Uniform trug , nichts Neues vom Kriege ; wenn uns der Teufel nur einmal von dem verfluchten Gamaschendienste frei machen wollte , meinetwegen möchte er mich holen . - Ich war allzusehr in Erstaunen , auch etwas ermüdet , um den Eindruck zu bemerken , den die Rittmeisterin auf den Erbprinzen gemacht hatte ; leider lernte ich diesen erst aus der Wirkung kennen , als es zu spät war . Wie erstaunte ich , als am Morgen der Erbprinz , die Rittmeisterin und die Fähre vermißt wurden und der Kommandant der Festung mit sehr groben Schimpfreden mir erzählte , der Erbprinz müsse den Fährmann mit Gelde gewonnen haben , ihn und die Rittmeisterin ohne seine Erlaubnis überzusetzen ; sie hatte in der Nacht die Torwache und so wurde ihr diese Kühnheit erleichtert . Erst später habe ich erfahren , daß der Fährmann , nachdem er die Fähre versenkt , mit beiden nach Frankreich geflüchtet ist , wo mein lieber Prinz noch jetzt mit tausend anderm liederlichen Gesindel ganz unbemerkt hauset . Ich weine eine Träne seinem Schicksale ; ich bin dadurch um meine Versorgung gekommen , bin landesflüchtig geworden , doch in den nächsten Tagen drängte mich damals noch nähere Not . Erst wurden dem Fährmann alle Signale gemacht , bis man sich überzeugte , seine Hütte sei ganz leer ; da verwandelten sich diese Signale in Notschüsse , welche die Hirten in der öden Gegend für Freudenschüsse hielten wegen irgend einer Feierlichkeit . Nun lernten wir erst unsre Not kennen , daran der Prinz bei seiner unbesonnenen Flucht wahrscheinlich ganz und gar nicht gedacht hatte ; die Festung hatte sonst monatlich nach der nächsten Stadt gesendet , um ihre Vorräte zu empfangen ; der Monat war im Ablaufen . Wir hatten , trotz der kleinen Portionen , auf die wir zurück gesetzt wurden , bald nichts mehr zu leben ; die Festung war von dem Wasser im strengsten Sinne blockiert und wir weinten oft , daß wir keinen Feind hatten , dem wir uns ergeben konnten . Ich wollte angeln und richtete mir dazu eine Haarnadel als Angelhaken ein , die ich spitz angeschliffen ; die Schnur nahm ich von dem Besatze eines Kleides . Da aber die Festung ganz aus Stein gebaut war und aus Reinlichkeit keine Erde darauf geduldet wurde , so war kein Regenwurm zu finden . An Saat und Ernte war also durchaus dort nicht zu denken ; etwas Kressensamen wurde über das Bild des Landesherrn gesäet , das aus schlechtem Gips geformt war ; aber der Kommandant aß sie alle in einer Nacht auf . Mäuse und Ratten waren nie auf die Insel gekommen und die Vögel hatten längst eine Scheu vor den roten Husaren , die wie Vogelscheuchen an allen Ecken der Festung auf der Wache standen . Ich hatte in meinem Reisesacke Geßners Ersten Schiffer ; ich ergötzte mich an der Erfindung und suchte nach Holz sie nachzumachen ; aber da es Sommer war , so hatte die Garnison nichts als Wacholderreiser zum Kochen ; die Gebäude waren alle ohne Dach über der Wölbung mit flachen Steinen gedeckt ; ein paar Tische , ein paar Tonnen , zehn Invalidenbeine , waren alles Holzgeschirr ; daraus wäre es auch dem feurigsten Liebhaber unmöglich gewesen , ein Schiff zu bauen ; zum Überschwimmen war aber die Entfernung zu groß . Unter solchen vergeblichen Rettungsversuchen nahte der Schreckenstag , wo nach der sparsamen Aufzehrung aller Lebensmittel , durch das Los entschieden werden sollte , wer sein Leben zum Unterhalt der andern hergeben müsse . Die Invaliden behaupteten kühn , sie hätten ihr Leben so oft gewagt , sie wären alt , ein ehrenvoller Tod für alle käme ihnen zu . Die Husarinnen im Gegenteil behaupteten , sie könnten keinen Invaliden verzehren , teils aus Zartgefühl , teils auch darum , weil so einer allzu zähe und knöcherig , meist auch kraftlos sei . Der Kommandant wies endlich auf mich , weil meine Nachlässigkeit der Grund des ganzen Unglücks gewesen ; alle stimmten ein ; ich sagte aber , daß so bereit ich zu der Aufopferung wäre , so notwendig fände ich es nach meinem Gewissen , meinem Landesfürsten einen untertänigen Bericht über meine Erziehungsmethode und über die Fortschritte des Erbprinzen zu machen . - Fort ist er , riefen die Leute , fort mit dir ! - Wahrscheinlich wäre es mir schlimm ergangen , wenn ich mir nicht in der Angst noch Erlaubnis erbeten hätte , noch einmal nach allen Seiten zu sehen , ob nirgends Hülfe ; der Kommandant könne inzwischen sein Messer wetzen . Wie ich noch kaum die vierte Weltgegend überschaut hatte , verkündigte ein Schuß vom Ufer die Anwesenheit von Menschen . Gleich signalierten wir uns . Bald sahen wir viele Menschen am andern Ufer mit der Verfertigung eines großen Floßes beschäftigt . - Wie kann ich die Freude unsrer armen Hungerleider schildern und meine eigne , daß ich noch nicht verzehrt worden ! Nach den Monturen schienen es keine Freunde , sie waren pomeranzenfarbig gekleidet , auch machten sie viele Vorsichtsanstalten , warfen Batterien auf und fingen an uns zu bombardieren . Da sie aber mit der Pulverladung knauserten und es überhaupt zu breit war , so fielen die Bomben in großer Entfernung vor uns schon ins Wasser , weshalb unsre Husarinnen sie Plumphechte nannten . Wir steckten an allen Ecken weiße Fahnen aus , die aus den Schnupftüchern der Garnison zusammengeschneidert waren : in die Mitte hatten wir , um unsern Hunger anzuzeigen , ein Brot gemalt . Diesen Flecken in den Fahnen sahen unsere Belagerer für Löcher an , wo ihre Kugeln durchgeschlagen ; in der guten Absicht , uns recht demütig zur Unterhandlung zu machen und überhaupt einen bestimmten Effekt hervor zu bringen , daß es doch hieße , wir hätten uns hitzig gewehrt , aber ihr Heldenmut habe uns doch endlich bezwungen , fuhren sie noch ein paar Stunden im regelmäßigen Schießen fort und verloren wohl funfzig Mann durch das Springen ihres erhitzten Geschützes . Die rotgeschwänzten Bomben durchzogen die Luft , die Kugeln sausten , ohne unsern Schaden , und es wäre ein prächtiges Schauspiel gewesen , hätten wir nicht so arg dabei hungern müssen ; doch wurden einige erschossene Fische an die Festung getrieben , die wenigstens für den Moment uns erfrischten . Abends endlich begab sich die ganze feindliche Macht , die stärker an Geschütz als an Menschen war , aufs Floß . Es waren nämlich Reichsexekutionstruppen , und der Fürst , dem die Exekution gegen den sonderbaren Grafen aufgetragen war , hielt sich nichts als Artillerie , weil er diese für die furchtbarste Waffe hielt ; vor jedem seiner Zimmer standen zwei Achtpfünder , und eine halbe Batterie reitender Artillerie hatte alle Nacht die Wache vor seinem Schlafzimmer . Was er nicht hatte , konnte er nicht senden ; er sendete seinen Artilleriepark in das Wacholderbeerland und dies war der schnelle glorreiche Effekt des ersten Unternehmens : sie hatten mit Zwischenräumen nur achtundvierzig Stunden geschossen und wir waren schon zur Übergabe der Hauptfestung des Landes genötigt ; aber freilich hatte die Wasserblockade schon drei Wochen an uns gezehrt . Das bewaffnete Floß näherte sich mit aller Vorsicht und brennenden Lunten , ob sie gleich wegen der Schwere kein Geschütz hatten darauf setzen dürfen . Mit welcher Sehnsucht schlug unser Herz jedem Ruderschlage entgegen ; der schönste Tanz war uns der ernste Marsch , den die Hautboisten auf dem Floße spielten , und die Musik war stark besetzt , denn jeder Soldat war auch Hautboist . Das Schiff war nahe , die Nacht dunkel , da öffneten unsre Husarinnen mit solchem Heißhunger das Tor und ließen die Brücke nieder , daß die Feinde auf den Argwohn verfielen , wir wollten einen Ausfall machen ; sie hielten ihr Schiff an und wollten umkehren . Da fühlte ich noch so viel Kraft in mir , ihnen durch ein Sprachrohr entgegen zu rufen , sie möchten um Gottes Barmherzigkeit willen die Festung einnehmen , oder wir schössen sie alle nieder . Die kanonierenden Reichsexekutionstruppen nahmen als Generalsalve einen Schnaps , dessen Geruch uns Tränen der Sehnsucht ins Auge lockte ; dann entschlossen sie sich zu dem Wagestücke , die Festung einzunehmen ; doch machten sie es sprachröhrlich sich zur Bedingung , so viele von ihnen in die Festung stiegen , doppelt so viele sollten von der Besatzung ins Schiff hinausspringen . Ich war keiner der letzten ; jede Husarin nahm einen Invaliden auf den Arm , und so waren wir bald alle in dem Schiffe , als noch nicht die Hälfte der Feinde in der Festung waren ; wiederum fürchteten sie Betrug , und als die Frösche jenseit der Festung anfingen zu quaken , meinten sie , daß ihre eingelassenen Brüder ermordet würden . Endlich war das schwierige Geschäft beendigt , sie lachten uns aus , als sie oben waren , und schworen , eine so vollendete Festung hätten sie eine Ewigkeit verteidigen wollen ; da machten wir uns über ihren im Floße zurückgelassenen Proviant her und sprachen auch wieder kein Wort ; die Kinnbacken knarrten aber , als wenn Knaster geschnitten würde ; endlich bekamen sie Argwohn über dieses Wesen bei uns , auch weil wir nicht fortruderten , und droheten , uns in den Grund zu bohren ; wir wußten am besten , daß wir das bißchen Pulver der Festung zu Signalschüssen und als Salz an den Speisen verbraucht hatten ; also fuhren wir nach unsrer Bequemlichkeit ans Ufer , wo wir uns aller zurückgelassenen Kanonen , Munitionen und Pferde des Feindes bemächtigten , dessen hungerndes Angstgeschrei wir jetzt schon vernahmen . In einem kleinen Tagemarsche kam unser kleines Korps in die Hauptstadt des Grafen , der von allen den Ereignissen noch gar nichts erfahren hatte , da er eben mit der Ausführung eines seiner Lieblingsgedanken beschäftigt war , sein Reich mit gemalten Soldaten , die zwischen Fuchsfallen verteilt , die Schlachtlinien bilden , zu verteidigen . Gleich eilte er mit seinen gemalten Soldaten und dem dazu gehörigen adligen Offizierkorps dahin , seine Festung wieder zu erobern ; unserm Korps wurden aber wegen der Übergabe alle Feldzeichen abgeschnitten . Nachdem aber das Kriegegericht die Schnupftücher untersucht hatte , ob sie in der Tasche gebrannt und die Stücken des darauf gemalten Brotes fand , das die Notfahne bezeichnet hatte , die aus Schnupftüchern zusammengenäht worden , und sie für Brandflecken erklärte , da wurden wir alle mit einer Ehrenerklärung dem Gerichte entlassen . Der Fürst traf die besten Anstalten zur Belagerung der Festung ; das Land wurde rings vermessen , eine Parallele nach der andern eröffnet , und so laut die Belagerten die ersten Tage geschrien , so still wurden sie nachher . Der Fürst schickte Nachts einen sichern Spion herüber und der erzählte , die Festung sei ganz leer ; wirklich hatten die Exekutionstruppen in der Hungersnot ein Unternehmen exekutiert , das selbst in der alten Welt , wo Troja so lange belagert wurde , Erstaunen erregt hätte . Nach dem Geschrei der Frösche entdeckten sie einen seichten Strich des Sees , wo sie ohne weiter als bis an die Kniee naß zu werden , glücklich ans Land und bald in ihre Heimat kamen . Da ihr Fürst den Verlust der metallenen Kanonen nicht so schnell ersetzen konnte , so ließ er hölzerne machen , woraus statt der Kartätschen mit Erbsen geschossen wurde ; man merkte im Effekte auf der Parade keinen Unterschied , und so ist die wesentlichste militärische Verbesserung im Lande einem bloßen Zufalle zuzuschreiben . Fast hätte ich vergessen , daß ich mich nach meinem Erbprinzen ganz ergebenst erkundigt ; vergebens ließ ich ihn in allen Zeitungen zitieren , ihm solle sein Fehler verziehen sein und er solle ungestört regieren ; er blieb fort und ich mußte , ohne Versorgung , mit einer großen Nase abziehen . « » Ja die Nase sehen wir « , sagte der Baron , » nun wie gefällt Ihnen der Wetterkerl ? « Die Gräfin rühmte ihn und dankte dem Baron , ihr die Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Prinzenhofmeisters verschafft zu haben ; sie machte noch allerlei neugierige Fragen über die Montur der Husarinnen , die dem Grafen mißfielen . Solches Mißfallen über seine Frau drückte sich aber nie geradezu aus , sondern es warf sich auf eine Nebensache ; er fand es sehr unrecht , in einer Zeit , wie die jetzige , die vom Soldatenwesen ganz zerfleischt , so leichtsinnig darüber zu reden , aber ganz verrucht sei es von einem Hofmeister , über den Verlust eines so hoffnungsvollen Prinzen , den er doch mit veranlaßt , in so spaßhaften Übertreibungen reden zu wollen . » Lieber Karl « , rief die Gräfin , » kannst du dich denn nie in die höhere Ansicht des Lebens versetzen , wo alles Scherz wird ? « Der Graf antwortete sehr ernst : » Nein , nimmermehr , selbst dir zu Gefallen nicht . « - » Vergessen wir das « , meinte der Baron zwischentretend , » Spaß muß sein , sagt Eulenspiegel ; gefällt Euch jener nicht ganz , so denkt , daß er mir gar langweilig ist , da ich ihn zum hundertstenmal höre ; aber hier ist noch ein andrer viel knolligerer Spaßmacher ; Herr Kommerzienrat , Er hat lange genug die Butterbrote mit Fleisch aufgetürmt , nun ist Er dran ; erzähl Er einmal Seine Geschichte von der Prinzessin Wenda . « Siebentes Kapitel Geschichte der verlornen Erbprinzessin Wenda Nudelhuber begann im Biedermannstone : » Ich bin ein guter , ehrlicher Schweizer , und Sie sind lauter liebe , liebe Leute , ich kann lange denken und weiß viel zu erzählen , aber ein Glas Wein muß ich mir ausbitten ; wir ehrlichen Schweizer müssen unsern Wein haben , sonst wird uns das Maul trocken . Nun ja , ich soll Ihnen von der Prinzessin Wenda erzählen . Als ich mit meinem kleinen Bilderkram nach Warschau zur Messe gekommen , so warteten alle auf den Einzug der siegreichen Polacken . Es war ein heißer Sommer , das Bier war alles sauer geworden , weil die Polen keine Korkpfropfen , sondern ein Stücklein Lehm auf die Flasche stecken . Lauter liebe Leute , ausgenommen , was das Bier , das Ungeziefer und die Höflichkeit angeht . Um Gottes willen durfte ich mich bei der Prinzeß Casimire und bei der Prinzeß Thorixene nicht sehen lassen , sie hätten mich sonst nicht wieder losgelassen ; ich kenne das schon an Höfen , da kommt man des Morgens zum Frühstück und muß zum Mittag bleiben , und nach Tische spricht man so lange mit den kleinen Prinzen , daß sie einen doch auf den Abend nicht ungespeist nach Hause schicken können , und so schlägt man den ganzen Tag um nichts und wieder nichts um die Ohren . Ich mußte mich aber alle die Tage recht an die Arbeit halten , meine Bilder noch einmal zu firnissen ; die Polen lieben das und schlagen alle Tage ein Weißes vom Ei über jedes Gemälde , was sie haben , daß es nach ein paar Jahren wie durch eine dicke Glasscheibe durchsieht . Auch mußte ich meinen Kirschgeist auspacken ; mit Polacken kommt ein Handelchen immer am ersten bei einem Glase zu Stande ; das Volk schreit dabei und kann nichts vertragen ; ich aber werde niemals besoffen , ich habe einen ausgepichten Magen . Es war gut Wetter zum Einzuge , viele Kaufleute hatten ihre Buden geschlossen , um selbst zu sehen ; ich dachte , vom Sehen wird einem der Magen nicht voll , packte meinen lustigsten Kupferstichkram vor der Bude aus ; aber die verfluchten Stadtnonnen teilten den Tag von ihren verfluchten getippelten , scheckigen , glänzenden Papierheiligen umsonst aus , daß ich wenig verkaufte . « Die Gräfin sah bei diesen Worten den Grafen an und sagte : » Hör nur , der Herr Kommerzienrat hält auch nicht viel auf das Bilderzeug der Nonnen ; weißt du noch , wie du so böse warst , als ich den Heiligen Schnurrbärte gemacht ; nicht wahr , jetzt siehst du doch ein , daß du unrecht hattest ? « - Es gibt ein ganz fatales Gedächtnis , das zur unrechten Zeit meine ich ; es gibt eine dumme Listigkeit , die zur unrechten Zeit verstehe ich . Der Graf erschrak in sich , wie sie so leichtsinnig an eine Zeit denken und erinnern könne , die ihm so schwer zu erleben geworden ; der bittre Ärger trat ihm auf die Zunge ; er nahm sich zusammen und sagte , eilig zur Türe hinauslaufend : » Lassen Sie sich nicht stören , ich komme nicht sobald wieder . « - Die Gräfin bemerkte gar nichts und bat den Kommerzienrat fortzufahren . » ... Ja , es sind verfluchte bunte Bilder , die von den Nonnen , bei mir auf der Fabrik können sie nicht gut nachgemacht werden , und das gemeine Volk mag sie gerne ; wenn nur ein Nonnenkloster wieder aufgehoben wird , ich kaufe mir zu der Arbeit ein Dutzend Nonnen . Als ich so müßig meine Bilder abstaubte , wurde auf der Brücke von dem dicken Opferpriester ein Hammel abgeschlachtet , wovon er das Herz in die Weichsel unter allerlei Singsang weit wegschmiß . Darauf trat die schöne Prinzessin Wenda zu ihm hin und rief : Die Götter haben den Polacken zu viel Gnade erwiesen , um ihnen bloß mit Schlachtvieh und Räucherkerzen zu danken , ich will mich selber ihnen opfern , um alle Landesnot zu endigen . Bei diesen Worten sprang sie an die Spitze der Planke - denn in Polen haben die Brücken keine Geländer , es sind schwimmende Planken , die an einander gebunden - und dann stürzte sie sich mit den Worten in die Weichsel : Empfange mich das Meer als ein reines Opfer . - Alles war wie erstarrt und vernarrt , ich hielt es für eine bloße Komödie , so sah es aus ; aber viele sprangen nach , sie zu retten , konnten sie aber nicht mehr erreichen . Ich dachte , das sind Narren , und sah recht genau nach , was aus der Prinzeß werden möchte , die immer noch an ihrem weißen Kleide zu erkennen war , das auf dem Wasser herumwirbelte ; es war ein schönes Weibsbild , sie hat mir aber nie für einen Groschen abgekauft , darum dachte ich , hol sie der Teufel . Da sah ich , wie sie vom Strome in einen Aalfang getrieben wurde , da verschwand sie ; ich dachte , nun ist die auch - aber ich hatte mich geirrt , wie alle andern . Der Aalfang gehörte den Priestern , und endigte sich in einen meilenlangen Sack von schlesischer Leinwand , der im Tempel des Obergottes alle gefangenen Aale und auch die tote Prinzessin absetzte , allwo der Oberpriester sie wieder in seinem Bürgerrettungsapparate zum Leben brachte . Das sah ich nicht voraus ; denn damals hielten wir sie alle für tot . Viele , die ihr nachgeschwommen , waren entweder ersoffen , oder wurden doch für tot ans Land gebracht , und da hielt ich ihnen vor , ob sie denn ganz unvernünftig gewesen wären , sich in solchen reißenden Strom zu werfen , da doch das Wasser überall keine Balken hat . Was gibt es doch für Narren in der Welt ; will sie ersaufen , was geht es euch an , was habt ihr davon ? - Aber das Volk wurde böse auf mich , denn ein Narr macht viele Narren , und da Prügel nicht gut schmecken , so nahm ich meine Beine untern Arm und kam zu meiner Bude . Nun denken Sie sich meinen Schreck , da finde ich , daß mir die Leute wohl die Hälfte von meinem kleinen Kram weggestohlen hatten , was so vorne ausgelegen . - Spitzbubenvolk , rief ich , und raufte mir meine paar Haare aus , das läuft , das schwimmt , ein Weibsbild zu retten , das sein Leben los sein will , und mir nimmt ' s die Bilder , die ich nicht umsonst weggeben mag . Wie ich meine salzigen Tränen so weine , da kommt die Prinzeß Casimire leichenblaß vorbei gefahren ; sie sieht mich und ruft mir zu : ich wäre ein guter alter Mann , ich sollte nicht verzweifeln wegen der Prinzessin , ich möchte bedenken , daß ich zu Hause Kinder hätte , sie würde meine herzliche Teilnahme an ihrer Familie nun und nimmermehr vergessen . - Ja , hat sich was , Teilnahme um die ersoffene Prinzessin ; hätte mir einer meine Bilder wiedergebracht , so hätte meinetwegen die Prinzessin Casimire mit Kutsch und Pferden in die Weichsel ihr nachfahren können : das dachte ich wohl bei mir , aber ich sagte es nicht ; Sie müssen es mir auch nicht übel nehmen , es weiß kein Mensch , wie sauer es einem armen ehrlichen Schweizer in den grausamen Gebirgnissen wird , sich einen Groschen Geld zu verdienen . Als ich so in Verzweifelung meine Hände rang , gab mir Gott einen herrlichen Einfall : ich sollte nun alles übrige doppelt so teuer verkaufen , so wäre mein Schaden gut gemacht . Das tröstete mich , und es mußten auch gleich ein paar Leute so viel bezahlen , warum waren sie solche Narren ; wenn man Narren zu Markte schickt , so lösen die Krämer Geld ; nun mein Gott , jeder Mensch will doch leben und kein Mensch lebt von der Luft . Es war unterdessen spät geworden , ich packte ein . Mein Magen hing mir so schief ; ich ging Abends zur Tafelzeit hin nach dem Schlosse der Prinzeß Casimire , um mich für ihren Trost zu bedanken . Das ganze Schloß war in Bestürzung , ich fand nur einen Lakaien im Vorzimmer der Prinzessin , der mir dreist versicherte , die Prinzessin wolle mit der Prinzeß Thorixene allein sein , er dürfe niemand einlassen . - Hat nichts auf sich , erwiderte ich , und schob ihn unversehens bei Seite , mich wird sie schon sprechen , ich muß sie sprechen . - Freilich mußte ich sie auch noch sprechen , ich hatte ihr eine betrübte Madonna mit dem Dolche im Herzen