Lächelns nicht erwehren , als sie diesen begrüßte und ihre Blicke zufällig denen ihrer Reisegefährten begegneten . Zu Anfang blieb man einander fremd , ohnerachtet der Cirkel nur klein war , da der Baron mit dem Professor und dessen beiden Anhängern , dem Engländer und Herrn Aaron , die Uebrigen nicht begleitet hatten . Fernando beschäftigte sich ausschließend mit dem Maler , und andrer Seits hatte man das Ansehen , auch nicht viel auf ihn zu merken . Doch nach und nach ward die Unterhaltung allgemeiner , wenigstens verschmähete es keiner , in das Gespräch des Andern einzugehn . Stein konnte sich nicht genugsam über die Herrlichkeit des altväterlichen Gebäudes und dessen romantische Umgebungen auslassen . Nur blickte er mit einer Art von Unmuth auf den modernen Glanz , der ihn umgab . Das ist deutsche Sitte heutiger Zeit , sagte der Maler , das sollte Sie nicht mehr befremden . Warum , fragte Fernando , machen Sie den Deutschen allein diesen Vorwurf , da er jede Europäische Nation fast in gleichem Maaße trifft ? Finden Sie in Italien nicht auch das Alte mit dem Neuen gepaart , ohne daß es unangenehm auffällt ? Das ist ganz etwas andres , unterbrach ihn Stein . Dort ist Vegetation , Kultur , Kunstsinn , ja der Charakter der Kunst , durch viele Jahrhunderte gleich geblieben , keine der heutigen Erscheinungen ist in sich widersprechend mit ihren Umgebungen ; aber wenn wir zu unsern alten , auf rauhem Boden erwachsnen , Eichen , zwischen den Steinmassen , die ein Riesengeist aufthürmte , die Griechheit hinüberziehn und diese noch mit französischem Schimmer bedecken wollen , so ist das wohl ein Uebelstand zu nennen . Dann werden wir nur die ehrenwerthen Denkmäler schleifen müssen , sagte Werner , denn in der Nachbarschaft wird sich bald ein Häuschen finden , das , nach modernem Maßstab erbauet , nicht zu ihm paßt . Niemand darf sich einfallen lassen , es bewohnen zu wollen , denn niemand schickt sich dort hinein , nicht der Hausherr , nicht die Frau , nicht die Gäste . Was hülfe es Ihnen , wenn hier alles nach alter Weise , derb und tüchtig zugeschnitten wäre , und wir mit den französischen Kleidern und den Pigmäengestalten herumliefen , die Damen mit griechischem Kopfputz und üppigen Gewändern am Arm . Julius sagte hierauf , daß er sie alle mit Rüstungen und Waffen versehen könne , da sich noch eine vollständige Rüstkammer im Schlosse befinde , worüber Stein eine große Freude hatte , die noch erhöht ward , als er auch von einem künstlich ausgelegten Schrein hörte , welcher theils alte Handschriften , theils schon gedruckte Erzählungen und Legenden enthalte . Er versprach sich davon eine reiche Ausbeute für den folgenden Tag , welche Aeußerung Carl mit einem mitleidigen Achselzucken begleitete , und sich ordentlich mit einer Art von Geringschätzung von ihm abwandte . Die Baronin fand bald Geschmack an Fernandos Unterhaltung , der sich sehr eifrig um sie und Emilien bemühte . Je länger sie ihn ansah und sein Lächeln und Mienenspiel beachtete , desto auffallender fand sie eine Aehnlichkeit zwischen ihm und der verstorbenen Gräfin Falkenstein , was sie auch Luisen sogleich mittheilte . Mit Viola , dachte diese - ihre Augen hefteten sich unwillkührlich auf die seinigen , und das kleine Bild aus der Kapsel schien wachsend und belebt vor sie hinzutreten , so daß die beiden Gestalten sich auf eine ängstende Weise in ihrer Phantasie verschmolzen . Die Worte der Baronin sollten nun einmal auf alle Weise ihre Unruhe vermehren . Alles was sie von Julius Mutter hörte , ihre Liebe und ihre Leiden , der ganze herbe Kampf ihres Lebens , alles erwachte in ihr . Als sie allein war , warf sie sich auf ein Ruhebett , das Viola besonders liebte , und den Kopf in die Kissen verbergend , dachte sie , wie viel tausend Thränen mögen hier geflossen sein , wie oft mag das arme Herz hier umsonst Ruhe gesucht haben . Sie bemühete sich , das Bild der Gräfin festzuhalten ; allein Fernando trat unaufhörlich dazwischen . O warum , warum ! rief sie aufspringend , warum diese unglückliche Aehnlichkeit ! bedurfte es dieser Täuschung noch ? Sie wollte sich so gern überreden , daß die Baronin falsch gesehen und sie mit in den Irrthum befangen habe , daher eilte sie , nach dem elfenbeinernen Kästchen zu fragen , das sie bis dahin vergessen hatte ; allein es fand sich , daß es in den Zimmern ihrer Mutter stehn geblieben war , welche niemand wieder nach deren Tode betreten hatte . Diese Erinnrungen , das Andenken an den ernsten , furchtbarsten Moment ihres Lebens , weckten andre Vorstellungen in Luisens Seele . Sie weinte still vor sich hin , weich und hingebend , ohne eigentlichen Vorsatz und Willen , aber doch in reinem , heiligem Gefühl . Am andren Morgen war Carl der Erste , welcher sich von den angekommnen Fremden sehen ließ . Mit großen Schritten ging er im Vorhofe auf und nieder , bis ihn Julius nöthigte , herauf zu kommen . Nein , sagte er im Hereintreten , lieber will ich in einer Synagoge schlafen , als neben solchem welschen Teufel ; hat er nicht gestern Abend mit seinem Schurken von Bedienten geschabbert , daß mir noch die Ohren gellen , so will ich nicht selig werden . Zu Anfang ließ ich mirs gefallen ; wie aber das ausländsche Geleiere nicht aufhörte , warf ich meinen Pantoffel gegen die Thür , daß alles so krachte ; glauben Sie , daß sie sich stören ließen ? recht wie die Mäuse , waren sie einen Augenblick still , und dann ging es wieder , hast du nicht , so siehst du nicht . Luise mußte trotz ihrer innren Verstimmung über diesen komischen Zorn lachen . Na , fuhr er fort , und wie der Bediente heraus war , kam der Maler hinein , da wisperten sie eine Weile leise , nachher ging es aber wieder lustig zu , doch sprachen sie deutsch , denn ich hörte die Baronin nennen , und den Italiener sagen , ich bin der Frau größere Verbindlichkeiten schuldig als irgend jemand ahndet ; dann kam was von Aufruhr in der Seele , und Kampf und Sieg , das war mir zu gelehrt , ich zog die Bettdecke über den Kopf und schlief über dem Gesumse ein . Luisens Wangen glühten bei diesen letzten Worten , die recht wie ein unerwarteter Schlag ihr Innres trafen . Da erschien Emilie an Fernandos Arm , der ihr zufällig auf der Treppe begegnet war , und sie frisch und freudig in das Zimmer führte . Die kleine hingebende Blondine nahm sich recht wohl an der Seite des schönen Jünglings aus . Beider Anblick machte einen angenehmen Eindruck , das konnte sich auch Luise nicht verhehlen , ohnerachtet sie ein peinliches Gefühl dabei ergriff . Nach und nach versammelte sich die übrige Gesellschaft . Stein hatte die ganze Nacht von den alten Helden und Geistern des Schlosses geträumt , und viel wunderliche Gestalten gesehn . Er erzählte , daß ihm vorzüglich ein kleiner grauer Mann auf einem weißlichen Pferde einen seltsamen Schauer eingeflößt habe . Dieser sei unaufhörlich um den Felsen umhergeritten , ohne dem Pferde Ruhe zu gönnen , welches dabei stark gehinkt , als habe es ein Eisen verloren . Werner schlug vor , ein jeder solle die Träume , Eingebungen und Begebenheiten dieser Nacht erzählen , wobei sicher recht seltsame Bilder ans Licht treten würden . Nun , sagte Carl , ich bin bald fertig damit , denn ich habe die ganze Nacht eine Wassermühle gehört , die so brummte und sauste , daß mir noch der Kopf wehe thut . Alle lachten über den seltsamen Contrast mit Reinholds Erscheinungen , ohnerachtet nur Luise und Julius den eigentlichen Sinn dieser Worte verstanden . Fernando hatte indeß nicht so bald von Emilien gehört , daß Stein Dichter und musikalisch sei , als er ihn bat , die Gesellschaft mit einem Liede zu erfreuen , worauf dieser , durch einen Blick von Emilien bestimmt , folgende Worte zur Guitarre sang , auf welcher ihn Fernando sogleich accompagnirte . Der Sklave singt am Ruder , Auf wogender Galeere , Ein Spiel empörter Meere , Vom Vaterlande fern . Sein Leiden hört kein Bruder , Er folgt dem strengen Herrn , Oft rinnt die heiße Zähre ! Doch auf Gesanges Wogen , Schwebt süße Täuschung nieder , Schafft ihm die Heimath wieder , Und trautes , festes Land , Wo er , noch nie betrogen , Die Welt so freundlich fand ; O holder Geist der Lieder ! So tanzt um mich Gesänge , Ihr immer neu erglühten , Und treibt empor zu Blüthen , Die Bilder meiner Brust . Stürm ' nur du Weltgedränge ! Lock ' nur du Sinnenlust ! Mich soll das Lied behüten . Man drang darauf in Fernando , ebenfalls zu singen . Er meinte , er wisse kein passendes Lied auswendig , wenn man ihm indeß erlauben wollte , seinem Gefühle in seiner Muttersprache Worte zu leihen , so werde er wohl eine angemessene Musik dazu auffinden . Man war das gern zufrieden . Er stimmte daher einen Gesang an , den Werner nachher also übersetzte : Lang auf fremden Seen geschwommen , Lang durchzogen fremde Nacht , War der Sänger heimgekommen , Wo Italiens Sonne lacht . Wie er von den Alpenzinnen , Froh ins Land hinunterschaut , Lehnt an ihn , in süßes Sinnen Ganz verloren , seine Braut . Aus des hohen Nordens Pforten , Hat er mit sie hergeführt , Und sie spricht mit leisen Worten , Von des Südens Hauch berührt . » Lieber , welch ein großer Garten , Welch erquicklich Blumenspiel , Ihn zu hüten und zu warten , Braucht es wohl der Gärtner viel ? « » Schöne , nur der Sonne Lächeln , Hütet unsre Blumenflor . Gärtner ist der Lüfte Fächeln , Lockt sie überall hervor . « » Und die Häuserchen dahinter , Hell mit Farb und Gold geschmückt ! Doch was birgt Euch , wenn nun Winter , Hart auf Eure Fluren drückt ? « » Nie so grämlichen Bekannten , Triffst du an auf dieser Flur , Denn wir spotten des Verbannten Lieblingskinder der Natur . « » Wie viel schön umkränzte Bräute , Wie Musik sich hören läßt ! Dort im lust ' gen Tanz die Leute ! Sicher giebt ' s ein hohes Fest . « » Kränze , Lieder , lustge Reigen , Sind uns immer frisch und wach . Vor der heitren Sonne Steigen , Wird zum Fest ein jeder Tag . « » Oft ist mir dein Lied erklungen , Von Elysiums Lorbeerwald , Hast uns wohl emporgeschwungen , Zu der Sel ' gen Aufenthalt ? « » Schöne , nein , wir sind auf Erden , Ziehn in unsre Heimath ein ; Doch Elysium ganz zu werden , Braucht sie nur der Liebe Schein . « Die Baronin hatte indeß leise mit Luisen geredet , welche halb auf sie , halb auf die Musik hörte , dennoch zuletzt , durch die Wendung des Gesprächs , gezwungen ward zu antworten . Sie verzeihen mir also , sagte die warnende Freundin , wenn meine Besorgnisse ungegründet waren ? O gewiß , von ganzem Herzen , erwiederte Luise . Und sind nun ganz in der ruhigen Stimmung , fuhr die Erstre fort , in der ich Sie wünschte ? Luisen fiel eine Stricknadel aus der Hand , welche sie langsam aufhob , während sie die schönen Locken über das glühende Gesicht fallen ließ , in der ruhigsten von der Welt , erwiederte sie kaum hörbar . So - sagte die Baronin etwas trocken . Gleichwohl scheint eine Art von Mißverständniß zwischen Ihnen und Ihrem Gast obzuwalten , er meidet Sie auf eine seltsame Weise . O , fiel Luise halb verletzt , halb geängstigt , ein , das ist so seine Art , er ist heftigen Gemüthes und ergreift alles Neue mit ausschließender Aufmerksamkeit . Liebes Kind , sagte die erfahrne Frau , woher kennen Sie ihn denn so genau ? Sein Sie doch unbefangen im Gefühl Ihres eignen Werthes mit mir , wie mit der ganzen Welt . Glauben Sie nur , Ihre kleine Verlegenheiten entgehen ihm nicht , er treibt ein leichtfertiges Spiel damit . Die Musik schwieg hier . Die Baronin erinnerte , daß es Zeit sei , Toilette zu machen , und führte die von Myrtenhainen und Kränzen träumende Emilie mit sich fort . Luise empfand eine Art Scheu vor dem kalten Blick dieser Frau , der wie ein Senkblei in ihr Herz fiel . Sie schrak vor ihr zusammen , so oft sie sie jene Ueberlegenheit und die Entfernung des Platzes fühlen ließ , auf welchem sie eigentlich stehn sollte . Die Aufforderung , unbefangen zu sein , konnte sie am wenigsten erfüllen , da sie die ernste Beobachterin fürchtete , und nur noch unsichrer in ihrem Betragen ward . Die Zeit verfloß indeß fast auf ähnliche Weise . Fernando hatte nur Augen und Sinn für Emilien , wodurch er wechselsweise Luisens Stolz hob , und ihr Gefühl zerriß . An einem Nachmittage , als eine zahlreiche Gesellschaft aus der Nachbarschaft sich noch zu der des Schlosses gesellte , und alle im Freien versammelt waren , zog ein Trupp Bergleute singend den Harz hinunter . Sie trugen vielfache musikalische Instrumente und schienen bereit , sie in Bewegung zu setzen , als Fernando vorschlug , ob man , da es schon spät und dunkel werde , nicht nach dem Schlosse zurückkehren und dort einige Stunden nach der lustigen Musik dieser Leute tanzen wolle . Alle stimmten freudig ein . Man machte sich sogleich auf den Weg . Die Bergleute gingen spielend voran , und das bunte Gemisch von Frauen und Männern zog , durch eine dunkle Tannenallee , dem lustigen Saale zu , der Luisen bei ihrem Eintritt zuerst mit ihrer neuen Wohnung versöhnt hatte . Fernando walzte sogleich mit Emilien . Die Kleine schmiegte sich mit einer anmuthigen Bewegung des Kopfes lächelnd in seine Arme , und schien sich und die ganze Welt zu vergessen . Stein sah an einem Pfeiler gelehnt , dem Spiele wehmüthig zu ; er war im Begriff , Luisen seine Hand zu reichen , und im allgemeinen Taumel die Schmerzen seiner Brust zu betäuben , als sich dieser einer der neuangekommnen Gäste , ein schon längst bemerkter und bewunderter Fremder , nahete , und sie auf eine feine , sittige Weise zum Tanze führte . Er war russischer Obrist , von hohem , edlem Wuchs , und jener Gewandheit , welche die höhern Stände seiner Nation auszeichnet . Eine Sendung seines Hofes nach einer nahen Residenz führte ihn in diese Gegend , zu einem Theil seiner Familie , der sich in Deutschland niedergelassen hatte , und auf die Weise kam er heute nach dem Falkenstein . Es sah schön , ja königlich aus , wie sich die beiden herrlichen Gestalten langsam , nach Norddeutscher Sitte , durch den Saal bewegten . Die dunkelgrüne , geschmackvoll verzierte , Uniform paßte wohl zu Luisens einfachem weißen Kleide und dem grünen Zweige , der sich durch ihre Locken wand . Fernando betrachtete sie mit einem tiefen , düstren Blick , der dann , wild auflodernd , ihre Brust wie zwei Flammen traf . Sie hatte kaum geendet und sich gegen ihren schönen Tänzer verneigt , als Fernando auf sie zutrat und sie , nach einigen flüchtigen Worten , umschlingend , in raschem kreisendem Wirbel mit sich fortriß . Die rauschende Musik , das dunkle , in sich zurückgezogne Feuer seiner Augen , die ganz eigne , unruhige Heftigkeit in Mienen und Bewegungen ergriff sie so sehr , daß sie sich nach einigen Augenblicken halb ohnmächtig an ihn lehnen und ihn bitten mußte , aufzuhören . Er drückte sie leise an die glühende Brust und ließ sie dann schweigend aus seinen Armen . Sich kaum noch besinnend , trat sie in die offne Gartenthür , und eilte von da weiter den Felsengang hinauf , zu einem Sitz , der in dem Stein gehauen und von einer überhangenden Buche versteckt war . Nicht lange darauf hörte sie neben sich reden ; die Stimmen kamen näher , und sie erkannte bald Stein und Werner , die , sich an den Baum lehnend , mit einander sprachen . Also wirklich , wirklich , sagte der Erstre , Sie glauben nicht , daß er Emilien liebt ? Mein Gott , erwiederte Werner , das liegt ja so klar am Tage , wie der Zweck des ganzen Spieles ! Nein , nein ! fiel jener heftig ein , das nicht , das gewiß nicht ! Werner lachte laut . Nun wahrhaftig , sagte er , Sie sind von einer seltnen Unschuld des Sinnes . Was liegt denn darin so Unerhörtes ? Es könnte in der That interessant werden , wie der ganze Mensch , der große Anlagen hat , wenn er sich nicht selbst zur abgerichteten Puppe wie sein Unternehmen zu einer auswendig gelernten Posse machte . Auch will ich wohl wetten , daß er den bekannten Weg hier nicht zum letztenmal einschlägt ! Reizend ist bei allem dem dies Ringen einer schuldlosen Seele , in der die Welt und Sinnenlust plötzlich hervorbricht und sie hin und her treibt , daß sie nach allen Seiten faßt und greift und zwischen Himmel und Hölle schwebt . Hier zwar wird nun der Kampf nicht lange unentschieden sein , denn die ganze Richtung des Gemüthes spricht sich bei der schönen Frau in Gestalt und Wesen aus . Sie erscheint recht wie eine erhabene Sünderin , die im stolzen , kühnen Fluge hinaufstrebt und durch die Eigenthümlichkeit ihrer Natur alle Augenblicke einmal das edle Haupt senkt und sich von den irdischen Banden umstricken läßt . Daher ist auch ein eigner Streit von Stolz und Hingebung in ihrem äußren Erscheinen , und ich bin sehr überzeugt , daß in diesem Streit ihr ganzes Leben hinfließen wird . Sie haben eine ordentliche Freude , sagte Stein , an solcher innren Verwirrung . Nein , entgegnete Werner ; allein ich muß so lange forschen und beobachten , bis ich einen jeden auf den Platz gestellt habe , wo er eigentlich stehen muß , sonst bin ich in mir selbst unsicher . Beide gingen hierauf weiter . Luise saß lange Zeit in dumpfer Betäubung da . Endlich raffte sie sich auf , und eilte , ohne den Saal zu betreten , durch einen Umweg dem Schlosse zu . Sie mußte , um zu ihren Zimmern zu gelangen , durch einen langen , schmalen Gang , an dessen Wänden mehrere Familiengemälde hingen . Der Mond schien hell durch die hohen Fenster und beleuchtete vorzüglich das Bild einer Dame , die als Leiche gemalt war , und aus einem reichen Schmuck dunkler , mit Perlen durchflochtener Haare , bleich und etwas verzerrt hervorsah . Man glaubte allgemein im Schlosse , es sei das Bild der Ahnfrau , was auch eine Vergleichung der Züge mit dem im Kloster wahrscheinlich machte . Eine Bewegung der Bäume vor den Fenstern bewegte auch itzt den Schein auf dem Bilde so , als rege sich das Gesicht und öffne den ohnehin verzognen Mund . Luise verhüllte die Augen und stürzte laut schreiend in ihr Cabinet . Hier lag sie , heftig weinend , ohne klares Bewußtsein , mit einem tiefen , schneidenden Schmerz im Innern , lange Zeit auf ihren Knieen , als eine warme Hand leise die ihrige berührte . Jesus ! rief sie , aufspringend . Fernando stand vor ihr . Luise , sagte er mit einem wehmüthigen Ton , verdiene ich denn wirklich nur Ihren Abscheu ? - Ich weiß es nicht , stammelte sie , Gott allein weiß es ; allein jetzt bitte ich Sie , verlassen Sie mich . O bei allem was Ihnen heilig ist , verlassen Sie mich ! Sie stoßen mich also ganz und auf immer von sich ? fragte er , ihre Hand an sein Herz drückend . Auf ein Vorurtheil hin verdammen Sie mich , zwingen Sie sich selbst , mich zu hassen ! Luise versuchte , sich zu entfernen . Nein , nein ! rief er , ich lasse Sie nicht , jetzt nicht , ich will einmal in meinem Leben wenigstens zu Ihnen reden ; rechnen Sie es dem glühenden , heftigen Jüngling nicht zu gering an , daß er die ganze Zeit über schwieg , daß er ein Feuer in sich zurückdrängte , was Sie erschrecken würde , wenn es einmal ungehindert aufflammte . Beide schwiegen einen Augenblick . Was that ich Ihnen , sagte er darauf , um dies abstoßende , geringschätzige Betragen zu verdienen ? Mußten Sie mich niedertreten , um sich zu heben ? Fand Ihr Stolz Nahrung in den lauten Aeußerungen eines ungerechten Hasses ? Jener Brief - O Gott ! o Gott ! rief Luise ganz erschöpft ; ihr Kopf senkte sich und heiße Thränen flossen auf die schönen Hände , die sich kreuzend auf der Brust falteten . Wer hat Sie , rief Fernando , so in sich selbst aufgeschreckt , daß Sie aufhörten , der einfachen Richtung Ihres Gefühls nachzugehn ? Warum strafen Sie mich , so oft eine mildere Regung aus Ihren Augen spricht ; warum reizen Sie sich zu einem unnatürlichen Kampf , der Sie und mich zerstört ? Luise , ich habe seit dem Tode jener Frau , die meine Jugend bildete , niemand auf Erden , der mit einem reinen heiligen Gefühl an mir hinge ; ich habe auch niemand gefunden , dem ich mein ganzes Dasein so ungetheilt hingegeben hätte . In Ihre Hände allein lege ich es , wenn Sie meine Freundin , meine Schutzheilige sein wollen ! Ich bin nicht schlecht ! bei dem ewigen Gott , ich bin nicht schlecht ! Wollen Sie ? fragte er weich und schmeichelnd . Auf Luisens Augen schwebte ein zitterndes Ja . Ihre Augen schlossen sich an seine Brust , indem er sie leise auf die Stirn küßte . Wie die ewige Versöhnung tönte das Wort Freundin in ihre Seele . Der schwere Kampf schien geschlichtet , Gott und Menschen versöhnt . Ist es denn wahr , sagte sie aufblickend , ich soll das nicht scheuen und verdammen , was ich mit unsäglicher Angst - Meine Luise , unterbrach sie Fernando , wie glücklich konnten wir lange sein , wenn Sie sich früher selbst verstanden ! Ein Geräusch im Nebenzimmer machte ihn aufmerksam . Er führte Luisen zu einem Stuhl und stand ihr gegenüber , am Clavier gelehnt , als die Thür aufging , und Georg , mit zwei Lichten in der Hand , hereintrat . Immer aufmerksam auf alles , was seinem Dienst anging , hatte er sich erinnert , daß diese Zimmer noch nicht erleuchtet waren und daß sich die Gräfin , da er sie nicht in der Gesellschaft fand , wohl hieher könne begeben haben . Auf Fernandos Stirn lag der tiefste Unmuth über die unwillkommne Störung ; er ging heftig auf und nieder , während der alte Diener alles gehörig ordnete , die Fensterladen schloß , und sich bei manchem kleinen Geschäft verweilte . Luise schien von allem nichts zu bemerken ; in der seligsten innern Stille ließ sie ihre Thränen ungehindert fließen . Georg betrachtete Beide kopfschüttelnd , und ging in der Ueberzeugung hinaus , daß der wüste Fremde seiner jungen Herrschaft recht zur Qual und Aergerniß hier sei . Bei dem Oeffnen der Thür schallte die Musik hell aus den Nebenzimmern herüber . Luise ward durch die Töne aufgeschreckt . Gehn Sie , lieber Fernando ! rief sie eilig , gehn Sie zur Gesellschaft , ich folge Ihnen sogleich ! Ist das die erste Bitte , Luise , fragte er verletzt , die Sie dem neuen Freunde zu thun hatten ? Werde ich nie andre Worte aus Ihrem Munde hören ? Gilt es denn immer nur , mich zu entfernen ? Mein lieber Fernando , erwiederte sie , wenn Sie wüßten - Aber Sie sollen sehn , fiel er rasch ein , selbst einen neuen Ueberfall fürchtend , Sie sollen sehn , daß mir Ihr Wille in jedem Augenblick heilig ist , ich gehe ; allein , Luise , wenn ich Sie jetzt ruhiger verlasse , wenn die Rührung Ihrer Engelseele mich entzückte , wenn ich mich einen Augenblick einer glücklichen Zukunft überließ , werden Sie fest bleiben ? werden Sie nicht auf ' s neue , durch tausend Grillen erschreckt , wanken , und ein flüchtiges Wohlwollen bereuen , was mich auf ewig an Sie kettet ? Nein , nein ! rief sie aus vollem Herzen , ach nein , ich kann ja nicht anders als Ihnen vertrauen ! Werden Sie das immer ? fragte er , auch wenn Zweifel Sie ängsten , auch wenn weise Rathgeberinn - O still , still ! unterbrach ihn Luise , und drängte ihn bittend zur Thür . Als sie zur Gesellschaft zurückkam , fand sie Emilien zwischen Carl und dem Maler , nachlässig auf einen Stuhl geworfen und ziemlich unwillig über den allzuoffnen Vetter , der sie , ohne Rücksicht auf ihren Nachbar , mit Fernandos Vernachlässigung und scheinbarer Erkaltung neckte . Sehn Sie ! rief er , da sitzt er wahrhaftigen Gotts , tiefsinnig wie ein Engländer ! er sieht nicht , er hört nicht . Wissen Sie was , wir wollen einmal mit einander walzen , vielleicht sieht er das , er wird eifersüchtig - Auf Sie ? fragte Emilie spöttisch . Cousinchen , erwiederte Carl , werfen Sie die deutschen Männer nicht weg , es ist Verlaß auf sie ; die Fremden sind Zugvögel , sie bauen sich hier keine Nester . Der Maler wollte sticken vor Lachen . Emilie stand endlich auf und ging zu ihrer Mutter , die sehr eifrig mit Stein redete . Der ernste Russe hatte sich zu Luisen gesetzt , und sprach verbindlich und mit vieler Einsicht über das Charakteristische deutscher Geselligkeit . Bei der unvermeidlichen Annahme und nothwendigen Verschmelzung fremder Sitten , meinte er , sei eine eingeborne Würde , ein gewisses häusliches Zusammenhalten und meistentheils größere Tiefe des Gefühls ganz unverkennbar , was vorzüglich die Frauen sehr anmuthig zwischen die Engländerinnen und Französinnen stelle , und auch den Umgang der Männer , ohnerachtet ihres frühen Zurückziehens von aller geselligen Mittheilung , dennoch interessant mache . Sie war genöthigt , so verbindliche Worte aufmerksam anzuhören , und , indem sie sie schicklich erwiederte , das Gespräch länger als sie wünschte fortzusetzen . Fernando hatte sich ihr indeß genähert , und flüsterte , über ihren Stuhl gebeugt : Sie ahnden nicht , wie wehe Sie mir thun ; müssen Ihre Freunde so schnell zurückstehn ? Sie ward höchst verlegen , antwortete höchst einsilbig und unpassend , worauf der Obrist auch geschickt abbrach und sich zurückzog . Mehrere der Fremden hatten noch einen weiten Weg zu machen ; man trennte sich daher nach und nach , und die Baronin , die durch ihr Gespräch verstimmt schien , erklärte , daß es überall Zeit sei , der Ruhe zu genießen , worauf alles für heute auseinander ging . Fernando hatte mit Recht neue Erschütterungen in Luisens Seele vorausgesehn . Sie war nicht sobald allein , als sie eine Bangigkeit befiel , die Hand in Hand mit der eingebornen Scheu vor dem Unrecht geht . Es regte sich jenes Zagen in ihr , was zuerst die Bilder lockender Erinnrung unruhig hin und her wirft , bis das verlangende Auge nicht mehr darauf haften kann . Und wie dann alles so innerlich erzittert , so fliehen die Ahndungen höherer Liebe , die ein Gott uns einhaucht , die Erde öffnet ihren Schoos und zeigt uns alle Schrecken , die unsrer warten . Dazwischen hörte Luise Werners zernichtende Worte . Alles fiel ihr plötzlich zusammen . Sie erschien sich strafbarer , verlorner , als sie war ; sie wußte nicht , wie sie sich selbst entfliehen sollte . Ach es war ja so wahr , so unwidersprechlich wahr ; sie liebte ihn mit allen Kräften ihres empörten Herzens . Unter tausend Qualen war sie spät am Morgen eingeschlafen , als Julius vor ihr Bett trat . Sie schreckte bei dem leisen Geräusch auf . Ich wollte Dich nicht stören , sagte er , gutmüthig besorgt , aber ich bin Deinetwegen beunruhigt , liebe Luise , und muß Dich endlich fragen , was so schwer auf Deiner Seele drückt ? was Dich so ausschließend beschäftigt , daß Du fast für nichts außer dem Sinn hast ? Liebe , liebe Luise , verhehle mir doch nichts ; glaube nur , ich habe Deine Schmerzen , ohne sie zu kennen , zerreißend gefühlt . Ach ich trage ja kein andres Leben in mir , als Dein Glück , Deine Ruhe . Sie sank weinend in seine Arme . O wäre er mein Bruder , dachte sie . Erinnerst Du Dich , fuhr er fort , was die Mutter sagte : Luise hat nun niemand auf Erden als dich , verlasse sie nie , stehe ihr im entscheidenden Augenblick zur Seite . Meine Luise , sei offen . - Wie Himmelsthau fielen diese Worte in ihr Herz ; sie rang noch einen Augenblick mit der Furcht , Julius durch ein freimüthiges Geständniß wehe zu thun ; dann aber siegte die Wahrheit , ihr Innres schloß sich auf , die Worte schwebten auf ihren Lippen ; da stürzte Mariane herein und sagte eilig , der Herr Jagdjunker und Herr Werner seien im Vorzimmer in heftigem Wortwechsel und sie habe von Schießen und Schlagen gehört . Julius sprang auf ; er fürchtete Carls Ungestüm , und eilte , einem Unglück vorzubeugen . Nach einer Weile kam er sehr bleich und erschüttert zurück . Es ist nichts , sagte er angestrengt ; ein Mißverständniß , das sich schon wieder aufgeklärt hat . Sonst nichts ? fragte Luise , wirklich nichts ? Nein , nein ,