, der sich jedoch sehr bald verlor , indem alte Erinnerungen und gegenwärtige Teilnahme sich vermischten und ein schnelles , lebhaftes Gespräch alle geschwind zusammenverband . Es währte indessen nicht lange , als schon eine Sonderung vorging . Die Frauen zogen sich auf ihren Flügel zurück und fanden daselbst , indem sie sich mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und Zuschnitte von Frühkleidern , Hüten und dergleichen zu mustern anfingen , genugsame Unterhaltung , während die Männer sich um die neuen Reisewagen , mit vorgeführten Pferden , beschäftigten und gleich zu handeln und zu tauschen anfingen . Erst zu Tische kam man wieder zusammen . Die Umkleidung war geschehen , und auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile . Alles , was sie an sich trugen , war neu und gleichsam ungesehen und doch schon durch den Gebrauch zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht . Das Gespräch war lebhaft und abwechselnd , wie denn in Gegenwart solcher Personen alles und nichts zu interessieren scheint . Man bediente sich der französischen Sprache , um die Aufwartenden von dem Mitverständnis auszuschließen , und schweifte mit mutwilligem Behagen über hohe und mittlere Weltverhältnisse hin . Auf einem einzigen Punkt blieb die Unterhaltung länger als billig haften , indem Charlotte nach einer Jugendfreundin sich erkundigte und mit einiger Befremdung vernahm , daß sie ehstens geschieden werden sollte . » Es ist unerfreulich , « sagte Charlotte , » wenn man seine abwesenden Freunde irgend einmal geborgen , eine Freundin , die man liebt , versorgt glaubt ; eh man sichs versieht , muß man wieder hören , daß ihr Schicksal im Schwanken ist , und daß sie erst wieder neue und vielleicht abermals unsichre Pfade des Lebens betreten soll . « » Eigentlich , meine Beste , « versetzte der Graf , » sind wir selbst schuld , wenn wir auf solche Weise überrascht werden . Wir mögen uns die irdischen Dinge und besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so recht dauerhaft vorstellen , und was den letzten Punkt betrifft , so verführen uns die Lustspiele , die wir immer wiederholen sehen , zu solchen Einbildungen , die mit dem Gange der Welt nicht zusammentreffen . In der Komödie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines durch die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches , und im Augenblick , da es erreicht ist , fällt der Vorhang , und die momentane Befriedigung klingt bei uns nach . In der Welt ist es anders ; da wird hinten immer fortgespielt , und wenn der Vorhang wieder aufgeht , mag man gern nichts weiter davon sehen noch hören . « » Es muß doch so schlimm nicht sein , « sagte Charlotte lächelnd , » da man sieht , daß auch Personen , die von diesem Theater abgetreten sind , wohl gern darauf wieder eine Rolle spielen mögen . « » Dagegen ist nichts einzuwenden , « sagte der Graf . » Eine neue Rolle mag man gern wieder übernehmen , und wenn man die Welt kennt , so sieht man wohl : auch bei dem Ehestande ist es nur diese entschiedene , ewige Dauer zwischen soviel Beweglichem in der Welt , die etwas Ungeschicktes an sich trägt . Einer von meinen Freunden , dessen gute Laune sich meist in Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat , behauptete : eine jede Ehe solle nur auf fünf Jahre geschlossen werden . Es sei , sagte er , dies eine schöne , ungrade , heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend , um sich kennenzulernen , einige Kinder heranzubringen , sich zu entzweien und , was das Schönste sei , sich wieder zu versöhnen . Gewöhnlich rief er aus : Wie glücklich würde die erste Zeit verstreichen ! Zwei , drei Jahre wenigstens gingen vergnüglich hin . Dann würde doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein , das Verhältnis länger dauern zu sehen , die Gefälligkeit würde wachsen , je mehr man sich dem Termin der Aufkündigung näherte . Der gleichgültige , ja selbst der unzufriedene Teil würde durch ein solches Betragen begütigt und eingenommen . Man vergäße , wie man in guter Gesellschaft die Stunden vergißt , daß die Zeit verfließe , und fände sich aufs angenehmste überrascht , wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte , daß er schon stillschweigend verlängert sei . « So artig und lustig dies klang und so gut man , wie Charlotte wohl empfand , diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte , so waren ihr dergleichen Äußerungen , besonders um Ottiliens willen , nicht angenehm . Sie wußte recht gut , daß nichts gefährlicher sei als ein allzufreies Gespräch , das einen strafbaren oder halbstrafbaren Zustand als einen gewöhnlichen , gemeinen , ja löblichen behandelt ; und dahin gehört doch gewiß alles , was die eheliche Verbindung antastet . Sie suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gespräch abzulenken ; da sie es nicht vermochte , tat es ihr leid , daß Ottilie alles so gut eingerichtet hatte , um nicht aufstehen zu dürfen . Das ruhig aufmerksame Kind verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink , daß alles auf das trefflichste geriet , obgleich ein paar neue , ungeschickte Bedienten in der Livree staken . Und so fuhr der Graf , Charlottens Ablenken nicht empfindend , über diesen Gegenstand sich zu äußern fort . Ihm , der sonst nicht gewohnt war , im Gespräch irgend lästig zu sein , lastete diese Sache zu sehr auf dem Herzen , und die Schwierigkeiten , sich von seiner Gemahlin getrennt zu sehen , machten ihn bitter gegen alles , was eheliche Verbindung betraf , die er doch selbst mit der Baronesse so eifrig wünschte . » Jener Freund « , so fuhr er fort , » tat noch einen andern Gesetzvorschlag : Eine Ehe sollte nur alsdann für unauflöslich gehalten werden , wenn entweder beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum drittenmal verheiratet wäre . Denn was eine solche Person betreffe , so bekenne sie unwidersprechlich , daß sie die Ehe für etwas Unentbehrliches halte . Nun sei auch schon bekannt geworden , wie sie sich in ihren frühern Verbindungen betragen , ob sie Eigenheiten habe , die oft mehr zur Trennung Anlaß geben als üble Eigenschaften . Man habe sich also wechselseitig zu erkundigen ; man habe ebensogut auf Verheiratete wie auf Unverheiratete achtzugeben , weil man nicht wisse , wie die Fälle kommen können . « » Das würde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren , « sagte Eduard ; » denn in der Tat jetzt , wenn wir verheiratet sind , fragt niemand weiter mehr nach unsern Tugenden noch unsern Mängeln . « » Bei einer solchen Einrichtung « , fiel die Baronesse lächelnd ein , » hätten unsere lieben Wirte schon zwei Stufen glücklich überstiegen und könnten sich zu der dritten vorbereiten . « » Ihnen ists wohl geraten , « sagte der Graf ; » hier hat der Tod willig getan , was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen . « » Lassen wir die Toten ruhen , « versetzte Charlotte mit einem halb ernsten Blicke . » Warum ? « versetzte der Graf , » da man ihrer in Ehren gedenken kann . Sie waren bescheiden genug , sich mit einigen Jahren zu begnügen für mannigfaltiges Gute , das sie zurückließen . « » Wenn nur nicht gerade « , sagte die Baronesse mit einem verhaltenen Seufzer , » in solchen Fällen das Opfer der besten Jahre gebracht werden müßte ! « » Jawohl , « versetzte der Graf , » man müßte darüber verzweifeln , wenn nicht überhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte . Kinder halten nicht , was sie versprechen , junge Leute sehr selten , und wenn sie Wort halten , hält es ihnen die Welt nicht . « Charlotte , welche froh war , daß das Gespräch sich wendete , versetzte heiter : » Nun ! wir müssen uns ja ohnehin bald genug gewöhnen , das Gute stück- und teilweise zu genießen . « » Gewiß , « versetzte der Graf , » Sie haben beide sehr schöner Zeiten genossen . Wenn ich mir die Jahre zurückerinnere , da Sie und Eduard das schönste Paar bei Hof waren ; weder von so glänzenden Zeiten noch von so hervorleuchtenden Gestalten ist jetzt die Rede mehr . Wenn Sie beide zusammen tanzten , aller Augen waren auf Sie gerichtet , und wie umworben beide , indem Sie sich nur ineinander bespiegelten ! « » Da sich so manches verändert hat , « sagte Charlotte , » können wir wohl soviel Schönes mit Bescheidenheit anhören . « » Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt , « sagte der Graf , » daß er nicht beharrlicher war ; denn am Ende hätten seine wunderlichen Eltern wohl nachgegeben ; und zehn frühe Jahre gewinnen ist keine Kleinigkeit . « » Ich muß mich seiner annehmen , « fiel die Baronesse ein . » Charlotte war nicht ganz ohne Schuld , nicht ganz rein von allem Umhersehen , und ob sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum Gatten bestimmte , so war ich doch Zeuge , wie sehr sie ihn manchmal quälte , so daß man ihn leicht zu dem unglücklichen Entschluß drängen konnte , zu reisen , sich zu entfernen , sich von ihr zu entwöhnen . « Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar für ihre Fürsprache . » Und dann muß ich eins « , fuhr sie fort , » zu Charlottens Entschuldigung beifügen : der Mann , der zu jener Zeit um sie warb , hatte sich schon lange durch Neigung zu ihr ausgezeichnet und war , wenn man ihn näher kannte , gewiß liebenswürdiger , als ihr andern gern zugestehen mögt . « » Liebe Freundin , « versetzte der Graf etwas lebhaft , » bekennen wir nur , daß er Ihnen nicht ganz gleichgültig war , und daß Charlotte von Ihnen mehr zu befürchten hatte als von einer andern . Ich finde das einen sehr hübschen Zug an den Frauen , daß sie ihre Anhänglichkeit an irgendeinen Mann solange noch fortsetzen , ja durch keine Art von Trennung stören oder aufheben lassen . « » Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Männer noch mehr , « versetzte die Baronesse ; » wenigstens an Ihnen , lieber Graf , habe ich bemerkt , daß niemand mehr Gewalt über Sie hat als ein Frauenzimmer , dem Sie früher geneigt waren . So habe ich gesehen , daß Sie auf die Fürsprache einer solchen sich mehr Mühe gaben , um etwas auszuwirken , als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen erlangt hätte . « » Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen , « versetzte der Graf ; » doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft , so konnte ich ihn deshalb nicht leiden , weil er mir das schöne Paar auseinandersprengte , ein wahrhaft prädestiniertes Paar , das , einmal zusammengegeben , weder fünf Jahre zu scheuen , noch auf eine zweite oder gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte . « » Wir wollen versuchen « , sagte Charlotte , » wieder einzubringen , was wir versäumt haben . « » Da müssen Sie sich dazuhalten , « sagte der Graf . » Ihre ersten Heiraten « , fuhr er mit einiger Heftigkeit fort , » waren doch so eigentlich rechte Heiraten von der verhaßten Art , und leider haben überhaupt die Heiraten - verzeihen Sie mir einen lebhafteren Ausdruck - - etwas Tölpelhaftes ; sie verderben die zartesten Verhältnisse , und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit , auf die sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut . Alles versteht sich von selbst , und man scheint sich nur verbunden zu haben , damit eins wie das andere nunmehr seiner Wege gehe . « In diesem Augenblick machte Charlotte , die ein für allemal dies Gespräch abbrechen wollte , von einer kühnen Wendung Gebrauch ; es gelang ihr . Die Unterhaltung ward allgemeiner , die beiden Gatten und der Hauptmann konnten daran teilnehmen ; selbst Ottilie ward veranlaßt sich zu äußern , und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen , woran der in zierlichen Fruchtkörben aufgestellte Obstreichtum , die bunteste , in Prachtgefäßen schön verteilte Blumenfülle den vorzüglichsten Anteil hatte . Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache , die man sogleich nach Tische besuchte . Ottilie zog sich unter dem Vorwande häuslicher Beschäftigungen zurück ; eigentlich aber setzte sie sich nieder zur Abschrift . Der Graf wurde von dem Hauptmann unterhalten ; später gesellte sich Charlotte zu ihm . Als sie oben auf die Höhe gelangt waren und der Hauptmann gefällig hinuntereilte , um den Plan zu holen , so sagte der Graf zu Charlotten : » Dieser Mann gefällt mir außerordentlich . Er ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet . Ebenso scheint seine Tätigkeit sehr ernst und folgerecht . Was er hier leistet , würde in einem höhern Kreise von viel Bedeutung sein . « Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen . Sie faßte sich jedoch und bekräftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit . Wie überrascht war sie aber , als der Graf fortfuhr : » Diese Bekanntschaft kommt mir sehr zu gelegener Zeit . Ich weiß eine Stelle , an die der Mann vollkommen paßt , und ich kann mir durch eine solche Empfehlung , indem ich ihn glücklich mache , einen hohen Freund auf das allerbeste verbinden . « Es war wie ein Donnerschlag , der auf Charlotten herabfiel . Der Graf bemerkte nichts ; denn die Frauen , gewohnt , sich jederzeit zu bändigen , behalten in den außerordentlichsten Fällen immer noch eine Art von scheinbarer Fassung . Doch hörte sie schon nicht mehr , was der Graf sagte , indem er fortfuhr : » Wenn ich von etwas überzeugt bin , geht es bei mir geschwind her . Ich habe schon meinen Brief im Kopfe zusammengestellt , und mich drängts , ihn zu schreiben . Sie verschaffen mir einen reitenden Boten , den ich noch heute abend wegschicken kann . « Charlotte war innerlich zerrissen . Von diesen Vorschlägen sowie von sich selbst überrascht , konnte sie kein Wort hervorbringen . Der Graf fuhr glücklicherweise fort , von seinen Planen für den Hauptmann zu sprechen , deren Günstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel . Es war Zeit , daß der Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem Grafen entfaltete . Aber mit wie andern Augen sah sie den Freund an , den sie verlieren sollte ! Mit einer notdürftigen Verbeugung wandte sie sich weg und eilte hinunter nach der Mooshütte . Schon auf halbem Wege stürzten ihr die Tränen aus den Augen , und nun warf sie sich in den engen Raum der kleinen Einsiedelei und überließ sich ganz einem Schmerz , einer Leidenschaft , einer Verzweiflung , von deren Möglichkeit sie wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte . Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen hergegangen . Die kluge Frau , die gern von allem unterrichtet sein mochte , bemerkte bald in einem tastenden Gespräch , daß Eduard sich zu Ottiliens Lobe weitläufig herausließ , und wußte ihn auf eine so natürliche Weise nach und nach in den Gang zu bringen , daß ihr zuletzt kein Zweifel übrigblieb , hier sei eine Leidenschaft nicht auf dem Wege , sondern wirklich angelangt . Verheiratete Frauen , wenn sie sich auch untereinander nicht lieben , stehen doch stillschweigend miteinander , besonders gegen junge Mädchen , im Bündnis . Die Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem weltgewandten Geiste nur allzugeschwind dar . Dazu kam noch , daß sie schon heute früh mit Charlotten über Ottilien gesprochen und den Aufenthalt dieses Kindes auf dem Lande , besonders bei seiner stillen Gemütsart , nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte , Ottilien in die Stadt zu einer Freundin zu bringen , die sehr viel an die Erziehung ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen Gespielin umsehe , die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle Vorteile mitgenießen solle . Charlotte hatte sichs zur Überlegung genommen . Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemüt diesen Vorschlag bei der Baronesse ganz zur vorsätzlichen Festigkeit , und um so schneller dieses in ihr vorging , um desto mehr schmeichelte sie äußerlich Eduards Wünschen . Denn niemand besaß sich mehr als diese Frau , und diese Selbstbeherrschung in außerordentlichen Fällen gewöhnt uns , sogar einen gemeinen Fall mit Verstellung zu behandeln , macht uns geneigt , indem wir soviel Gewalt über uns selbst üben , unsre Herrschaft auch über die andern zu verbreiten , um uns durch das , was wir äußerlich gewinnen , für dasjenige , was wir innerlich entbehren , gewissermaßen schadlos zu halten . An diese Gesinnung schließt sich meist eine Art heimlicher Schadenfreude über die Dunkelheit der andern , über das Bewußtlose , womit sie in eine Falle gehen . Wir freuen uns nicht allein über das gegenwärtige Gelingen , sondern zugleich auch auf die künftig überraschende Beschämung . Und so war die Baronesse boshaft genug , Eduarden zur Weinlese auf ihre Güter mit Charlotten einzuladen und die Frage Eduards , ob sie Ottilien mitbringen dürften , auf eine Weise , die er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte , zu beantworten . Eduard sprach schon mit Entzücken von der herrlichen Gegend , dem großen Flusse , den Hügeln , Felsen und Weinbergen , von alten Schlössern , von Wasserfahrten , von dem Jubel der Weinlese , des Kelterns und so weiter , wobei er in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut über den Eindruck freute , den dergleichen Szenen auf das frische Gemüt Ottiliens machen würden . In diesem Augenblick sah man Ottilien herankommen , und die Baronesse sagte schnell zu Eduard , er möchte von dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden ; denn gewöhnlich geschähe das nicht , worauf man sich so lange voraus freue . Eduard versprach , nötigte sie aber , Ottilien entgegen geschwinder zu gehen , und eilte ihr endlich , dem lieben Kinde zu , mehrere Schritte voran . Eine herzliche Freude drückte sich in seinem ganzen Wesen aus . Er küßte ihr die Hand , in die er einen Strauß Feldblumen drückte , die er unterwegs zusammengepflückt hatte . Die Baronesse fühlte sich bei diesem Anblick in ihrem Innern fast erbittert . Denn wenn sie auch das , was an dieser Neigung strafbar sein mochte , nicht billigen durfte , so konnte sie das , was daran liebenswürdig und angenehm war , jenem unbedeutenden Neuling von Mädchen keineswegs gönnen . Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte , war eine völlig andre Stimmung in der Gesellschaft verbreitet . Der Graf , der schon vor Tische geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte , unterhielt sich mit dem Hauptmann , den er auf eine verständige und bescheidene Weise immer mehr ausforschte , indem er ihn diesen Abend an seine Seite gebracht hatte . Die zur Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von daher wenig Unterhaltung , ebensowenig an Eduard , der , erst durstig , dann aufgeregt , des Weines nicht schonte und sich sehr lebhaft mit Ottilien unterhielt , die er an sich gezogen hatte , wie von der andern Seite neben dem Hauptmann Charlotte saß , der es schwer , ja beinahe unmöglich ward , die Bewegungen ihres Innern zu verbergen . Die Baronesse hatte Zeit genug , Beobachtungen anzustellen . Sie bemerkte Charlottens Unbehagen , und weil sie nur Eduards Verhältnis zu Ottilien im Sinn hatte , so überzeugte sie sich leicht , auch Charlotte sei bedenklich und verdrießlich über ihres Gemahls Benehmen , und überlegte , wie sie nunmehr am besten zu ihren Zwecken gelangen könne . Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft . Der Graf , der den Hauptmann recht ergründen wollte , brauchte bei einem so ruhigen , keineswegs eitlen und überhaupt lakonischen Manne verschiedene Wendungen , um zu erfahren , was er wünschte . Sie gingen miteinander an der einen Seite des Saals auf und ab , indes Eduard , aufgeregt von Wein und Hoffnung , mit Ottilien an einem Fenster scherzte , Charlotte und die Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite des Saals nebeneinander hin und wider gingen . Ihr Schweigen und müßiges Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die übrige Gesellschaft . Die Frauen zogen sich zurück auf ihren Flügel , die Männer auf den andern , und so schien dieser Tag abgeschlossen . Eilftes Kapitel Eduard begleitete den Grafen auf sein Zimmer und ließ sich recht gern durchs Gespräch verführen , noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben . Der Graf verlor sich in vorige Zeiten , gedachte mit Lebhaftigkeit an die Schönheit Charlottens , die er als ein Kenner mit vielem Feuer entwickelte : » Ein schöner Fuß ist eine große Gabe der Natur . Diese Anmut ist unverwüstlich . Ich habe sie heute im Gehen beobachtet ; noch immer möchte man ihren Schuh küssen und die zwar etwas barbarische , aber doch tief gefühlte Ehrenbezeugung der Sarmaten wiederholen , die sich nichts Besseres kennen , als aus dem Schuh einer geliebten und verehrten Person ihre Gesundheit zu trinken . « Die Spitze des Fußes blieb nicht allein der Gegenstand des Lobes unter zwei vertrauten Männern . Sie gingen von der Person auf alte Geschichten und Abenteuer zurück und kamen auf die Hindernisse , die man ehemals den Zusammenkünften dieser beiden Liebenden entgegengesetzt , welche Mühe sie sich gegeben , welche Kunstgriffe sie erfunden , nur um sich sagen zu können , daß sie sich liebten . » Erinnerst du dich , « fuhr der Graf fort , » welch Abenteuer ich dir recht freundschaftlich und uneigennützig bestehen helfen , als unsre höchsten Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitläufigen Schlosse zusammenkamen ? Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern hingegangen ; ein Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem , liebevollem Gespräch verstreichen . « » Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt , « sagte Eduard . » Wir gelangten glücklich zu meiner Geliebten . « » Die « , versetzte der Graf , » mehr an den Anstand als an meine Zufriedenheit gedacht und eine sehr häßliche Ehrenwächterin bei sich behalten hatte ; da mir denn , indessen ihr euch mit Blicken und Worten sehr gut unterhieltet , ein höchst unerfreuliches Los zuteil ward . « » Ich habe mich noch gestern , « versetzte Eduard , » als Sie sich anmelden ließen , mit meiner Frau an die Geschichte erinnert , besonders an unsern Rückzug . Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden . Weil wir uns nun von da recht gut zu finden wußten , so glaubten wir auch hier ganz ohne Bedenken hindurch und an dem Posten , wie an den übrigen , vorbei gehen zu können . Aber wie groß war beim Eröffnen der Türe unsere Verwunderung ! Der Weg war mit Matratzen verlegt , auf denen die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und schliefen . Der einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an ; wir aber , im jugendlichen Mut und Mutwillen , stiegen ganz gelassen über die ausgestreckten Stiefel weg , ohne daß auch nur einer von diesen schnarchenden Enakskindern erwacht wäre . « » Ich hatte große Lust zu stolpern , « sagte der Graf , » damit es Lärm gegeben hätte ; denn welch eine seltsame Auferstehung würden wir gesehen haben ! « In diesem Augenblick schlug die Schloßglocke zwölf . » Es ist hoch Mitternacht , « sagte der Graf lächelnd , » und eben gerechte Zeit . Ich muß Sie , lieber Baron , um eine Gefälligkeit bitten : führen Sie mich heute , wie ich Sie damals führte ; ich habe der Baronesse das Versprechen gegeben , sie noch zu besuchen . Wir haben uns den ganzen Tag nicht allein gesprochen , wir haben uns solange nicht gesehen , und nichts ist natürlicher , als daß man sich nach einer vertraulichen Stunde sehnt . Zeigen Sie mir den Hinweg , den Rückweg will ich schon finden , und auf alle Fälle werde ich über keine Stiefel wegzustolpern haben . « » Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Gefälligkeit erzeigen , « versetzte Eduard ; » nur sind die drei Frauenzimmer drüben zusammen auf dem Flügel . Wer weiß , ob wir sie nicht noch beieinander finden , oder was wir sonst für Händel anrichten , die irgendein wunderliches Ansehn gewinnen . « » Nur ohne Sorge ! « sagte der Graf ; » die Baronesse erwartet mich . Sie ist um diese Zeit gewiß auf ihrem Zimmer und allein . « » Die Sache ist übrigens leicht , « versetzte Eduard und nahm ein Licht , dem Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter , die zu einem langen Gang führte . Am Ende desselben öffnete Eduard eine kleine Türe . Sie erstiegen eine Wendeltreppe ; oben auf einem engen Ruheplatz deutete Eduard dem Grafen , dem er das Licht in die Hand gab , nach einer Tapetentüre rechts , die beim ersten Versuch sogleich sich öffnete , den Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen Raum zurückließ . Eine andre Türe links ging in Charlottens Schlafzimmer . Er hörte reden und horchte . Charlotte sprach zu ihrem Kammermädchen : » Ist Ottilie schon zu Bette ? « - » Nein , « versetzte jene , » sie sitzt noch unten und schreibt . « - » So zünde Sie das Nachtlicht an , « sagte Charlotte , » und gehe Sie nur hin : es ist spät . Die Kerze will ich selbst auslöschen und für mich zu Bette gehen . « Eduard hörte mit Entzücken , daß Ottilie noch schreibe . Sie beschäftigt sich für mich ! dachte er triumphierend . Durch die Finsternis ganz in sich selbst geengt , sah er sie sitzen , schreiben ; er glaubte zu ihr zu treten , sie zu sehen , wie sie sich nach ihm umkehrte ; er fühlte ein unüberwindliches Verlangen , ihr noch einmal nahe zu sein . Von hier aber war kein Weg in das Halbgeschoß , wo sie wohnte . Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen Türe , eine sonderbare Verwechselung ging in seiner Seele vor ; er suchte die Türe aufzudrehen , er fand sie verschlossen , er pochte leise an , Charlotte hörte nicht . Sie ging in dem größeren Nebenzimmer lebhaft auf und ab . Sie wiederholte sich aber- und abermals , was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte . Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen . Er füllte noch das Haus , er belebte noch die Spaziergänge , und er sollte fort , das alles sollte leer werden ! Sie sagte sich alles , was man sich sagen kann , ja sie antizipierte , wie man gewöhnlich pflegt , den leidigen Trost , daß auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden . Sie verwünschte die Zeit , die es braucht , um sie zu lindern ; sie verwünschte die totenhafte Zeit , wo sie würden gelindert sein . Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Tränen um so willkommner , als sie bei ihr selten stattfand . Sie warf sich auf den Sofa und überließ sich ganz ihrem Schmerz . Eduard seinerseits konnte von der Türe nicht weg ; er pochte nochmals , und zum drittenmal etwas stärker , so daß Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr . Der erste Gedanke war , es könne , es müsse der Hauptmann sein ; der zweite , das sei unmöglich . Sie hielt es für Täuschung , aber sie hatte es gehört , sie wünschte , sie fürchtete es gehört zu haben . Sie ging ins Schlafzimmer , trat leise zu der verriegelten Tapetentür . Sie schalt sich über ihre Furcht . Wie leicht kann die Gräfin etwas bedürfen ! sagte sie zu sich selbst und rief gefaßt und gesetzt : » Ist jemand da ? « Eine leise Stimme antwortete : » Ich bins . « - » Wer ? « entgegnete Charlotte , die den Ton nicht unterscheiden konnte . Ihr stand des Hauptmanns Gestalt vor der Tür . Etwas lauter klang es ihr entgegen : » Eduard ! « Sie öffnete , und ihr Gemahl stand vor ihr . Er begrüßte sie mit einem Scherz . Es ward ihr möglich , in diesem Tone fortzufahren . Er verwickelte den rätselhaften Besuch in rätselhafte Erklärungen . » Warum ich denn aber eigentlich komme , « sagte er zuletzt , » muß ich dir nur gestehen . Ich habe ein Gelübde getan , heute abend noch deinen Schuh zu küssen . « » Das ist dir lange nicht eingefallen , « sagte Charlotte . » Desto schlimmer , « versetzte Eduard , » und desto besser ! « Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt , um ihre leichte Nachtkleidung seinen Blicken zu entziehen . Er warf sich vor ihr nieder , und sie konnte sich nicht erwehren , daß er nicht ihren Schuh küßte , und daß , als dieser ihm in der Hand blieb , er den Fuß ergriff und ihn zärtlich an seine Brust drückte . Charlotte war eine von den Frauen , die , von Natur mäßig , im Ehestande ohne Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen fortführen . Niemals reizte sie den Mann , ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen ; aber ohne Kälte und abstoßende Strenge glich sie immer einer liebevollen Braut , die selbst vor dem Erlaubten noch innige Scheu trägt . Und so fand sie Eduard diesen Abend in