Seine Aufmerksamkeit auf das Körbchen , das er erkannt haben mochte , hinderte ihn , mich sogleich zu bemerken . Im ersten Taumel der Freude war ich unfähig , Ueberlegungen anzustellen . Ich folgte dem Zuge , der mich gewaltsam zu ihm riß , ich rief ihn beim Namen , er erkannte mich , und ich fühlte in seinen Armen , an seinem sprachlosen Entzücken , daß mich meine Hoffnungen nicht getäuscht hatten , daß ich noch eben so sehr in seinem Herzen lebte , wie zu jener Zeit , da wir , als schuldlose Kinder , ungestört , ungetrennt von ernsten Verhältnissen , mit einander spielten . Ich weiß nicht , wie lange der glückliche Rausch währte , in welchem ich , Alles um mich her vergessend , an seiner Brust lag , und kein anderes Gefühl , als des namenlosen Glückes kannte , den Gegenstand meiner unaussprechlichen Liebe wieder gefunden zu haben . Warum konnte ich nicht in diesem Augenblicke sterben ? Warum mußte ich zum Bewußtseyn meines Unglücks erwachen ? Demetrius Bild , das Bild meiner Pflicht stieg schreckend vor mir empor . Dieser plötzliche Uebergang , und vielleicht die heftige Erschütterung einer so fremden Empfindung , als mir die Freude ist , schlug meine Kraft nieder , ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe . Von ihm unterstützt , von ihm bedauert , an seiner Brust sank ich bewußtlos hin , und wäre so glücklich , so gern in seinen Armen vergangen ! Seine Stimme , dieser süße wohlbekannte Klang , rief mich in ' s Leben zurück . O meine Junia ! in welches Leben ! Die erste Regung des wiederkehrenden Bewußtseyns mußte ich anwenden , um ihm zu sagen , daß wir auf ewig getrennt sind . Er verstand mich nicht , ich glaube es wohl , seine Begriffe sind wahrscheinlich hierin von den meinigen sehr verschieden . Ich bat ihn , mich zu verlassen , er konnte sich nicht entschließen . Ich zitterte vor seinem längern Bleiben , vor der Schwäche meines Herzens , vor dem Verlöschen des Ueberrestes von Kraft , den ich in mir fühlte . Doch gelang es mir . Sein schönes Gefühl verstand mich . Er verließ mich . Als er fort war , als ich das Ende seines Mantels hinter den Hecken verschwinden sah : da - da fühlte ich erst die ganze Größe meines Verlustes , mein ganzes Unglück und seines ! Meine Thränen floßen von Neuem so unaußhaltsam , daß , als meine Frauen kamen , sie mich beinahe zurücktragen mußten . Aber , o meine Junia ! wie gern wollte ich leiden , Alles , was Gott über mich zu verhängen für gut fände , wenn ich sein edles Herz von dieser Last befreien könnte ! Der Gedanke , noch so treu , so warm von dem Besten aller Menschen geliebt zu seyn , war in dem ersten Augenblicke mir eine Quelle unaussprechlicher Freuden - ist ' s noch manchmal in einer schwachen Stunde : aber ich kann es vor Gott bezeugen , daß den größten Theil der Zeit , die seitdem verflossen ist , mein zerrissenes Gemüth mit inniger Ueberzeugung wünscht , daß er mich vergessen , daß er seine Ruhe wieder finden , und so glücklich werden möchte , als sein Herz verdient ! Was kann - was soll ich jetzt thun ? Mein Gewissen ruft mir oft genug zu , daß jeder leidenschaftliche Gedanke an ihn eine Verletzung meiner Pflichten gegen Demetrius ist , dem ich vor Gottes Angesicht Treue und Liebe bis an den Tod geschworen habe . Nun - Liebe konnte ich nicht geben , und Demetrius in seinen Jahren verlangte sie auch nicht ; aber die Treue bin ich verpflichtet zu halten , und diese bricht nicht blos das äusserste Vergehen , zu dem ein Weib herabsinken kann , es bricht sie auch die allzuzärtliche Neigung für einen Andern . Diese Ueberzeugung und die Achtung für meine Pflicht war bis jetzt lebendig genug , um mir Kraft zur Befolgung des Weges zu geben , den ich mir als den einzig richtigen vorgezeichnet habe . Ich habe Agathokles seitdem nicht mehr gesehen . Die Erschöpfung , in welcher ich mich seit jener Scene befinde , und die wahrscheinlich an Krankheit grenzt , hat mir bis jetzt zum schicklichen Vorwand gedient , nirgends zu erscheinen , wo ich ihn treffen könnte . Was das mich kostet , weiß nur Gott , vor dessen Vaterblicke ich mein wundes Herz enthülle , der allein Zeuge meiner einsamen Thränen ist . Aber wie werde ich es in der Länge behaupten können ? Agathokles dient unter den Truppen , die dem Befehl meines Mannes gehorchen ; er ist seit einigen Tagen zu seinem Legaten ernannt worden , er wohnt in unserm Hause , ich kann es in die Länge nicht vermeiden , ihn zu sehen , und mit ihm umzugehen . Demetrius Gemüthsart , die sich langsam und schwer an neue Gegenstände gewöhnt , machte ihn im Anfange auch gegen Agathokles rauh . Du kannst aus meiner Unwissenheit über seine Gegenwart in unserm Hause schließen , wie wenig Aufmerksamkeit ihm Demetrius schenkte . Das fängt an sich zu verlieren . Ich höre meinen Mann oft , und immer mit größerer Achtung von den Fähigkeiten , den vorzüglichen Sitten , der Entschlossenheit u.s.w. seines neuen Legaten sprechen . So wohl mir dieses Zeugniß für Agathokles Tugenden aus dem Munde eines so strengen Richters thut , so sehe ich doch den Augenblick herannahen , wo er ihn in den Kreis der Wenigen ziehen wird , die er mit seinem Vertrauen beehrt , und gern und oft um sich hat . Was bleibt mir dann für eine Zuflucht übrig ! Welche Kämpfe stehen mir , welche Leiden dem Unglücklichen bevor , dem ich so gern jedes unangenehme Gefühl ersparen möchte ! Es wird nicht dabei stehen bleiben , es wird zu Fragen , zu Erklärungen kommen , die ich nicht vermeiden , und eben so wenig ganz nach der Wahrheit geben kann . Das ist ' s , wovor ich zittere , wovor mein Innerstes sich entsetzt . Ich habe eine Weile angestanden , ob ich Demetrius sagen sollte , daß Agathokles und ich uns schon als Kinder gekannt hätten . Ich wog die Grunde dafür und dawider , endlich siegte der Wunsch , kein Geheimniß vor dem Manne zu haben , dem das erste Recht auf Alles , was mich betrifft , zukömmt , und die Besorgniß , daß eben die Verheimlichung , wenn ein Zufall uns verriethe , ihm Verdacht einflößen könnte . Ich erzählte ihm Alles offenherzig , und verschwieg nur den Grad der Empfindung , der uns damals belebte . Das war , glaube ich , eben so sehr meine Pflicht , besonders bei dem festen Vorsatz des muthigsten Kampfes wider diese Empfindung . Er nahm diese Entdeckung nach seiner Art recht freundlich auf , und ich fürchte nur , daß eben diese Kenntniß ihm den Jugendgespielen seiner Frau noch näher bringen , und den Augenblick des Wiedersehens beschleunigen wird . Dies ist nun aber nach der Lage der Umstände nicht zu vermeiden , und Gott wird mir die Kraft geben , eine Last zu tragen , die er mir selbst aufgelegt hat . Er fordert ja nicht mehr von uns , als wir leisten können . Meine Junia ! Nun habe ich dir Alles treulich erzählt , und es ist mir , als ob ich meinen Kummer leichter trüge , seit ich ihn dir vertraut habe , seit ich weiß , daß du ihn , wenn du den Brief wirst gelesen haben , mir tragen helfen wirst . Bete für mich , daß Gott mich nicht verläßt . Auf ihm allein steht meine Hoffnung , meine Zuversicht . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Die ehrbaren und wirthlichen Frauen jener Zeit folgten noch dem Beispiele der vergangenen Jahrhunderte , wo die vornehmsten Matronen , ja selbst Fürstinnen und Kaiserinnen die Wolle zu den Kleidern und Mänteln ihrer Gatten und Söhne selbst zum Weben zubereiteten , auch wohl selbst webten . So verfertigte Livia die Gewänder des Octavianus Augustus als er bereits Herr der Well war . Jeder kennt aus dem Homer den listigen Fleiß der frommen Penelope , und das Körbchen mit Spindeln von Purpurwolle , das Helena bei sich stehen hatte , wie Telemachos ihren Hofbesuchte , um Kunde von seinem entfernten Vater einzuziehen . So ein Körbchen hieß Calathos oder Calathiskos und war oft ein Gegenstand des Luxus bei vornehmen Frauen . 19. Agathokles an Phocion . Edessa , im Junius 301 . Das Räthsel ist gelöset . Ich sehe deutlich in die Tiefe des Abgrunds der vor mir liegt . Ich weiß , daß ich nichts mehr zu fürchten habe , denn ich habe nichts mehr zu hoffen . Larissa ist unwiederbringlich für mich verloren . Die heiligsten Gefühle , die zu bestreiten Vermessenheit und Verbrechen wäre , stehen scheidend zwischen uns . Mein Urtheil ist gesprochen . Als ich dir das letzte Mal schrieb , regte sich noch mancher Funke von Hoffnung in meiner Brust . Selbst der Unmuth über ihr wunderbar kaltes Betragen flößte mir Kraft und Willen ein , einen kühnen Schritt zu wagen . Ich kannte Larissens Lage - ich kannte die Größe ihrer Gesinnungen , die heiligen Triebfedern nicht , die sie handeln machen . Ich entwarf einen Plan , der uns langsam , aber sicher , an ' s Ziel geführt hätte ; meine Phantasie entzündete sich an den schimmernden Bildern des Glücks , das ich in der Zukunft erblickte . Ich brannte vor Begierde , mit Larissen zu sprechen , ihr meine Entwürfe mitzutheilen , und mit ihr Alles zu überlegen , was uns zu thun erlaubt und möglich sey . Unfähig zu allen übrigen Geschäften und Gedanken , nur auf diesen Punkt , auf diese einzige Hoffnung festgeheftet , brachte ich noch drei ängstliche Tage zu . Ich durchstrich hundertmal die Gärten , ich lauschte in den langen Gängen des Hauses auf ihre Tritte , ich fuhr auf bei dem Anblicke jeder weiblichen Gestalt ; denn jedesmal hoffte ich , sie zu erblicken . Sie kam nicht , sie ließ sich nirgends sehen . Endlich erfuhr ich , daß sie die ganze Zeit über krank gewesen war , und ihr Zimmer nicht verlassen habe . O Phocion ! Ich sage dir nicht , wie mir damals zu Muthe war ! War es Wahrheit , Folge der Erschütterung , Zufall , Vorwand ? Tausend Gedanken bestürmten und zerrißen meine Brust . Ich konnte mich nicht länger halten . Meine Seele war von Kummer gebeugt , mein Herz drohte zu zerspringen . Ich schrieb ihr ; du findest den Brief in der Abschrift beigelegt . Ein alter Diener des Hauses , der mich liebgewonnen hatte , übernahm die Bestellung . Wahnsinniger ! Ich dachte in dem Augenblick nicht an die Gefahr , der ich sie und mich blosstellte . Ich dachte , ich fühlte nichts , als daß ich ihr sagen mußte , was in mir vorging , was ich gehofft hatte , für mich , für sie - wenn ihr Herz noch dasselbe war . Abschrift des Briefes von Agathokles an Larissen . Sechs Tage sind nun verflossen , seit ein unglaublicher Zufall nach acht Jahren uns wieder vereinigte ! Die Art unsers Wiedersehens ließ mich auf einen Augenblick die Täuschung nähren , Entfernung und Zeit hätten die Gesinnungen der Freundin - der Geliebten meiner Jugend nicht verändert . Es war nur ein Augenblick ! - Sechs lange Tage haben mich vom Gegentheil überzeugt . Larissa vermag diese ganze Zeit über mich in ihrer Nähe , in demselben Hause zu wissen - zu ahnen , welche Unruhe meine Brust erfüllt - und sich mir gänzlich zu entziehen . Kein Gedanke an meine Qual , kein Wunsch , sie zu lindern , kommt in ihre streng verschlossene Seele , und in der tiefen Ruhe , deren sie genießt , wird des Freundes zerstörender Schmerz nicht geachtet . Nicht einmal das Verlangen der Neugier , was in acht Jahren mit dem Allbekannten geschehen , oder das leichte Gefühl der Freude , das des Landsmannes Anblick in der Fremde erweckt , regt sich in ihrem Busen . Sie ist nichts als die Frau des Demetrius . Nikomedien , ihre Jugend - Agathokles sind todt für sie . Ist ' s möglich , Götter ! ist ' s möglich ? O warum habe ich so ein unseliges Gedächtniß ! Warum ist nur diese Brust schwach genug , einen schmerzlichen Eindruck durch acht lange Jahre so unauslöschlich zu bewahren ! Larissa hat mich vergessen , der Zeiten vergessen , wo sie mir Alles - wo auch ich ( die Frau des Demetrius zürne dem kühneren Ausdruck nicht ) ihrem Herzen viel war . Das ist vorbei - so ganz vorbei , wie die Welle des Stroms , die vor acht Jahren vorübergleitete , nun und nimmer wiederkehrt , und spurlos verschwunden ist . In den ersten Stunden , als die täuschende Hoffnung auf Larissens treueres Gedächtniß mich belebte , war ich thöricht genug , Wünsche zu hegen , und Plane zu entwerfen , die sie hören , theilen , genehmigen , von denen sie und ich unser Glück erwarten sollten . Demetrius Jahre , seine Gemüthsart , seine wenige Empfänglichkeit für zartere Gefühle , gaben mir Hoffnung und Muth . Ich wollte ihm unser Verhältniß gestehen , ich wollte - o ich rechnete damals auf Larissens Liebe ! Kann ich , darf ich denn , ohne mich einer Raserei schuldig zu machen , jetzt noch auf eine solche Möglichkeit rechnen ? Laß mich aufhören - du liebst mich nicht mehr ! Wozu alles Weitere ? Leb ' wohl ! Dein künftiges Betragen , deine Antwort auf meinen Brief , wenn du den Vergessenen einer würdigest , wird mein Schicksal bestimmen . Dein Gatte zeigt mir Zutrauen genug , daß ich es wagen kann , ihn um eine Anstellung auf einem fernen Posten zu bitten . Ich werde dich wenig , vielleicht nicht mehr sehen - nicht , um dich von meinem Anblick zu befreien , der dir wohl keine Unruhe verursacht , sondern um mir , bei dem Bewußtseyn deiner Denkart , den Schmerz des Wiedersehens zu ersparen . Leb ' wohl ! Dies hatte ich ihr geschrieben . Einen martervollen Tag , zwei schlaflose Nächte brachte ich zu , in gespannter Erwartung des Ausganges meines unüberlegten Schrittes , dessen ganze Thorheit ich erst einsah , als es zu spät war . Heute endlich , am Morgen des dritten Tages erschien der alte Sclave , und brachte mir ihre Antwort : sie folgt hier . Lies sie , Phocion , und dann fühle mit mir das rettungslose Unglück meiner Lage , den unendlichen Verlust eines solchen Herzens ! Larissa an Agathokles . ( Im vorigen eingeschlossen . ) Wenn ich dem Zuge meines Herzens hätte folgen wollen , das mich durch die natürlichen Triebe der Selbstachtung , der Eitelkeit , wenn du willst , anreizte , mich in den Augen eines schätzbaren Freundes zu rechtfertigen , und meine Vertheidigung so warm und eifrig zu unternehmen , als seine Vorwürfe waren : so hättest du bereits gestern Antwort von mir bekommen . Da es mir aber nicht blos darum zu thun ist , für den gegenwärtigen Angenblick , sondern auch für die Zukunft Alles zwischen uns so klar und bestimmt auszumachen , daß auf keiner Seite ein Zweifel oder eine Furcht vor Rückfällen möglich wäre : so mußte ich zuerst in die Tiefe meiner , nicht erfreulichen Vergangenheit hinabsteigen , und Begebenheiten hervorrufen , deren Andenken meiner Seele zu unangenehm ist , als daß ich sie ohne inneren Kampf betrachten , und dir , mein Freund , ordentlich erzählen könnte . Es ist nothwendig , daß du meine Geschichte kennst , um mein Betragen zu beurtheilen , und das deinige darnach einzurichten . Als vor acht Jahren mein Vater , an dessen etwas starken Hang zu Pracht und Wohlleben du dich noch erinnern wirst , durch einen ungerechten Richterspruch seine bürgerliche Ehre , sein Vermögen , sein Vaterland verlor , und sich arm , hülflos , verachtet , mit drei unerzogenen Kindern in die weite Welt hinausgestoßen sah ; da goß dieses Unglück eine solche Bitterkeit in sein Herz , und veränderte seine Sinnesart so gänzlich , daß er fast in allen Dingen das Widerspiel von dem zu seyn schien , was er ehemals war . Finster , unfreundlich , oft sogar hart , flüchtete er mit uns in die Gebirge von Armenien , wo ihm ein alter Verwandter lebte , der ihm eine Zuflucht im Unglücke versprochen hatte . Man nahm uns auf , wie unempfindliche Reiche die Armuth aufzunehmen pflegen , die bei ihnen Hülfe sucht - nicht in das Haus meines Groß-Oheims , nicht an seinen Tisch , viel weniger in sein Herz . Gnadenbrod zu essen , dazu war mein Vater zu stolz , er wurde also auf ein Landgut des Vetters , als Aufseher , Verwalter , mit vieler Arbeit und kargem Lohne gesetzt . Hier in einer rauhen Gebirgsgegend , in einer schlechten Hütte , mit kaum mehr als Sclavenkost genährt , in Sclaventracht gehüllt , mußte der Mann leben , der einst unter dem schönsten Himmelsstrich von Kleinassen , in einer glänzenden Stadt , ein Leben , durch alle Reize der Kunst und Pracht verschönert , geführt hatte . Der Abstand war zu grausam . Die letzte Spur von Gleichmuth entfloh aus der Brust meines unglücklichen Vaters . Mißverständniß , Unverträglichkeit , Ungeduld , Mutlosigkeit zogen in unsere Hütte ein , und es begann ein Leben für uns , das nicht viel von dem Zustande derjenigen verschieden war , die , wie unsere Vorältern glaubten , die Strafen ihrer Sünden im Tartarus abbüßen . Laß mich schnell über den trübsten Zeitpunkt meines Lebens hingleiten ! Mein Aufenthalt in den Gebirgen von Armenien ist ein grauenvoller nächtlicher Abgrund , in den zu blicken mir noch jetzt schauderhaft ist . Endlich nach drei Jahren schien der Himmel , von welchem wir uns gänzlich vergessen glaubten , sich unser zu erbarmen . Obwohl in der Einsamkeit seiner Berge , hatte meines Vaters Geist doch Mittel gefunden , allerlei Bande zwischen sich und der Welt , die ihn ausgestoßen hatte , wieder anzuknüpfen . Er führte lange Zeit einen geheimen Briefwechsel mit einem Freunde , der in Syrien lebte . Eines Tages trat er mit einer Miene , die wir lange nicht so freundlich gesehen hatten , in unsre Hütte . Packt eure Sachen zusammen , rief er , morgen reisen wir aus diesem Orte des Elends ab . Wohin ? wie ? warum ? das waren Fragen , die , so sehr sie uns auch drängten , Keines sich zu wachen traute . Es wurde gepackt - die Armuth ist bald fertig - und den andern Tag machten wir uns , mein Vater und die Brüder abwechselnd auf dem einzigen Maulthier , das wir besaßen , meine Mutter und ich in einem schlechten Fuhrwerke auf den Weg . Die Beschwerlichkeiten der Reise , die Leiden meiner Mutter laß mich ebenfalls übergehen . Genug , wir langten in Apamäa1 an . Hier miethete mein Vater ein kleines , aber nicht unbequemes Haus , und aus Quellen , die mir damals unbekannt waren , die ich aber späterhin nicht ohne Grund der Thätigkeit seiner Freunde in Nikomedien , die die Ueberbleibsel seines Vermögens gerettet hatten , zuschrieb , floßen uns nach und nach immer mehr Bequemlichkeiten , und endlich einiger Wohlstand zu . Mein Vater führte einen fremden Namen , galt für einen Kaufmann aus Armenien , und Tracht und Sprache , die er sich während jener drei Jahre ganz eigen gemacht hatte , ließen keinen Verdacht entstehen . Er trieb Handelsgeschäfte , wie es schien ; denn wissen durften wir nichts von seinen Verhältnissen . Uebrigens wäre unsere häusliche Lage , besonders für mich , deren Wünsche nie groß waren , recht erträglich gewesen ; hätten nur mit der Erweiterung unsers Haushalts sich auch unsere Gemüther gegen einander aufgeschlossen , Liebe und Eintracht zugleich mit dem Wohlstand unter uns gewohnt . An dich hatte ich im ersten Jahre unserer Verbannung oft , sehr oft geschrieben , mit banger Ungeduld auf Antwort geharrt - und immer vergebens . Endlich hörte ich auf zu schreiben , und in der Tiefe meines Kummers blieb mir nur die leise Hoffnung übrig , daß Briefe aus einem so abgelegenen Winkel der Erde wohl leicht den Weg verfehlen , und den nicht erreichen konnten , für welchen sie bestimmt waren . Sobald wir in Apamäa angekommen waren , erneuerte ich meine Versuche , Nachricht von dir zu erhalten . Ich schrieb wieder , theils gerade an dich , theils unter verschiedenen Aufschriften an alle alten Bekannten in Nikomedien , auf deren Wohlwollen und Verschwiegenheit ich zählen konnte . Es war fruchtlos . Ein ganzes Jahr verging unter steter Abwechslung von Hoffnung und Niedergeschlagenheit . Ich bekam keine Antwort . Dein Tod oder eine gänzliche Vergessenheit , das waren die zwei einzigen Möglichkeiten , zwischen denen meinem bangen Geiste die Wahl blieb , und in beiden lag keine Aufmunterung für ein tiefgebeugtes Herz . Mit stiller Ergebung , deren ich schon gewohnt war , gab ich auch diese letzte Aussicht auf , und lebte , in mich gekehrt und geduldig , mein freudenloses Daseyn hin . Es kamen immer mehr Fremde in unser Haus , die theils meines Vaters Geschäfte , theils sein wieder erwachender Hang zum geselligen Leben an uns zog . Für mich waren die Meisten gar nichts - unbedeutende Gestalten , die höchstens durch Handelsverhältnisse irgend einen Werth bekamen . Nur zwei Männer unterschied ich allmählig unter der ziemlich großen Anzahl Bekannten . Der Eine war ein ehrwürdiger Greis , der Andere ein Mann von mittleren Jahren , aber in allem Feuer , aller Kraft der Jugend . Ein angenehmer Umgang , ein vielseitig gebildeter Verstand und Menschenkenntniß mußten sie Jedem , der mit ihnen umging , werth machen ; für mich hatten sie noch etwas Anziehenderes . Es lag eine sanfte Heiterkeit , eine schöne Gelassenheit m ihrem Wesen , die bei dem Greise Theophron die Bitterkeit des Alters milderte , und bei Apelles , dem jüngern , die feurig aufstrebende Kraft in strengen Schranken hielt . Beide waren mir unendlich schätzbar , und wenn Apelles Erzählungen von Allem , was er auf weiten Reisen gesehen und erlebt hatte , die Lebhaftigkeit seines Geistes mich belehrte und unterhielt , so flößte Theophrons ruhige Weisheit , sein himmelwärts gewendeter Sinn mir süße Ruhe und Trost ein . Bald hatte ich auch Gelegenheit zu bemerken , daß ihre Tugend nicht blos in schönen Gesinnungen bestand , sondern sich wirksam durch Menschenliebe , Wohlthätigkeit und rastlosen Eifer für die Unglücklichen , die bei ihnen Hülfe oder Trost suchten , zeigte . Ich war bemüht , mir den Umgang dieser beiden Männer so viel als möglich zu Nutze zu machen ; und nach vier freudenlosen Jahren , wo , ich kann es mit Wahrheit bezeugen , der Tag mir glücklich schien , an dem keine neue Ursache meine Thränen fließen gemacht hatte , empfand ich zum erstenmal die Regungen eines erheiternden Gefühls , und wagte es , den würdigen Greis zum Vertrauten , nicht meiner Schicksale , denn die mußten aus Familienabsichten verschwiegen bleiben , sondern meiner muthlosen gedrückten Seele zu machen . Agathokles ! O daß ich jedem leidenden Herzen die himmlische Wohlthat der Tröstungen verschaffen könnte , die von den Lippen dieses Mannes in meine wunde Brust strömten ! Solche Beruhigungen , solche Aussichten , solche Stärkungen kann nur der ertheilen , der in den erhabenen Geheimnissen unterrichtet ist , woraus Theophron die seinigen schöpfte . Er leitete meinen Geist vom Irdischen weg , und eröffnete mir eine Aussicht in die Zukunft jenseits des Grabes , von einer Art , wie man sie weder in den Begriffen der herrschenden Volksreligion , noch in den Systemen der Philosophen findet . Er ließ die unglücklich Verbannte , die auf dieser Erde nichts mehr zu hoffen hatte , in eine schönere Welt des Lichts und unvergänglicher Freuden schauen , die dem milden Dulder offen stand . Dort sollte ich die hier verlorenen Lieben wieder finden , dort von keinem feindlichen Geschicke mehr getrennt , sollte im Angesichte des Allmächtigen in verklärten Leibern , in Betrachtung seiner unendlichen Eigenschaften , seiner bewundernswürdigen Werke ein Leben beginnen , dessen Gränze nur die Ewigkeit war . O Freund meiner Jugend ! Welche Bilder , welche Hoffnungen ! Wie wäre es möglich , daß ein zerrißenes Herz , das seine Freude nur jenseits des Grabes finden konnte , sich solchen Lehren hatte verschließen können ? Ich nahm sie freudig , gläubig an . Bald ging ich weiter . Jetzt von Theophrons sanfter Weisheit geleitet , und von Apelles feuriger Beredtsamkeit hingerissen , machte ich große Fortschritte in Erkenntniß der neuen Wahrheit , der tröstlichen Lehren und erhabenen Geheimnisse , worin sie mich unterrichteten . Ich lernte , wie sie , die Menschen als meine Brüder , als Kinder eines gemeinschaftlichen Vaters ansehen , ich lernte sogar meine Feinde lieben , und für die beten , die mich unglücklich gemacht hatten . Mein Herz erweiterte sich , meine Ansichten der Menschheit und ihrer Schicksale erhoben sich , die Truggestalten niedriggesinnter Gottheiten , denen ich längst nicht mehr aus Ueberzeugung , nur aus Gehorsam geopfert hatte , verschwanden vor meinem aufgehellten Blicke . Ein einziger , allweiser , allmächtiger , allgütiger Geist erschuf , erhielt , und beherrschte die Welt . Tartarus und Elysium waren nicht mehr - aber dieser große Geist lohnte und strafte als vergeltender Richter nach dem Tode . Diese und noch viele andere Lehren , die dir mitzutheilen nicht erlaubt ist , enthüllten mir Theophron und Apelles , und ich ward eine Christin ! Du wirst ohnedies schon längst errathen haben , daß die beiden Männer zu jener Secte gehörten , welche seit ein Paar hundert Jahren von Palästina und Syrien aus , wo ihr göttlicher Stifter , unbekannt und verfolgt , gelebt und gelehrt hatte , und endlich als Opfer seiner Feinde fiel , sich über die Welt zu verbreiten angefangen hat . Ja , Agathokles ! Ich ward eine Christin ! Die Lehren , die , ehe ich sie kannte , mich mit Schauer erfüllten , machten jetzt mein Entzücken aus ! Ich ergriff sie mit heißer Begierde . O mein Freund ! Das Christenthum ist die Religion der Unglücklichen ! In ihren Schooß soll jeder Leidende sich flüchten ; sie hat Balsam für alle Wunden , die keine Menschenhand zu heilen vermag ; und wenn sie uns gleich schwere Pflichten auferlegt , so gibt sie uns doch selbst durch die Größe ihrer Forderungen ein erhebendes Gefühl unserer Würde , ein Vertrauen auf unsere Kraft , und bietet uns durch den Gebrauch mancher ihrer geheimnisvollen Ceremonien so sanfte Tröstungen , so überirdische Stärkungen an , daß der wahre Christ gewiß auch immer im Stande seyn wird , die Lasten zu tragen , die seine Religion ihm auferlegt . Doch genug von den Beweggründen , die mich zur Annahme meiner Religion bestimmten , und den Veränderungen , die sie in meiner Denkart machte . Ich wollte ja nicht dich zum Proselyten machen , ich wollte blos dir Alles treu und deutlich vortragen , woraus du dir meine Handlungsweise erklären sollst . Meine Mutter ward meine Vertraute . Die Ursachen , die mich in den Schooß der Christenheit riefen , äußerten bald dieselbe Gewalt über sie ; auch sie suchte Trost und Stärkung , und fand sie , wie ich . Wir empfingen Beide von Theophron , der einer von den Aeltesten der Gemeinde war , die heilige Traufe , und wurden in den Bund der Kinder Gottes aufgenommen . Dem Vater , der zwar nicht eigentlich am Götterdienst hing - denn dazu war er zu aufgeklärt - der aber , nach dem Beispiel des Hofs und der Welt , die christliche Religion als eine Religion der Armen und Unglücklichen verachtete , mußte der Schritt verborgen bleiben . Er konnte es um so leichter , da mein Vater meist nicht zu Hause war , und sich im Ganzen , wenn nur seine Befehle vollzogen wurden , wenig um uns bekümmerte . Wir besuchten heimlich die Versammlungen unserer Kirche , und wohnten den Agapen bei , einer schönen Sitte , die deinem Herzen gewiß theuer werden wird , wenn ich dir sage , daß die ganze Gemeinde ohne Unterschied der Stände hier mit einander öffentlich speiset , die Reichen die Speisen bringen , die Armen Theil daran nehmen lassen , und bei solchen Gelegenheiten überhaupt Collecten gemacht , und Einrichtungen und Veranstaltungen zum Besten der Armen und Leidenden aus derselben oder einer andern Gemeinde , getroffen werden . Bei diesen Versammlungen lernte ich zuerst eine andere Christin , Junia Marcella , eine angesehene Frau in Apamäa , kennen . Mit achtundzwanzig Jahren Wittwe eines angebeteten Gemahls und Mutter von sechs unerzogenen Kindern , widmete sie im Bewußtseyn ihrer Kraft sich und ihr großes Vermögen der Erziehung ihrer Waisen und den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Gemeinde . An diesem reichen Herzen , das Raum genug für die Leiden und Freuden aller seiner Mitmenschen hatte , an diesem milden und richtigen Verstande erhob sich mein gebeugtes Wesen , und ich fand endlich , was mir so lange gefehlt hatte , eine weibliche Seele , die mich ganz verstand , der ich auch jene Gefühle enthüllen konnte , die Verschiedenheit der Jahre und des Geschlechts mich vor Theophron , vor Apelles , selbst vor meiner Mutter verbergen hieß . O wie wohl ward mir in Juniens Umgange ! Wie erweiterte sich meine gepreßte Brust ! Wie erschien die erhabene Religion , zu der auch sie sich bekannte , in ihrem Wesen und Handeln auf eine ganz eigene und verehrungswürdige Weise ! In ihrem Hause sah ich Demetrius zuerst , der ebenfalls