, wie bestimmt ich es ihr auch schon am vierten Tage nach unserer Abreise ansah , daß sie ihren Busen gegen mich auszuschütten wünschte . Als wir endlich an Ort und Stelle angelangt waren , wurden wir zwar mit allem Pomp empfangen , der bei solchen Gelegenheiten herkömmlich ist ; aber über Täuschungen dieser Art erhaben , wie wir einmal waren , rekognoszirten wir nur das Terrain , worein uns das Schicksal geworfen hatte . Ein jeder warf sich , wie sich dies von selbst versteht , in seine besten Atours , und die Erscheinung einer so liebenswürdigen Prinzessin , als Caroline war , trug gewiß nicht wenig dazu bei , daß alle Bewillkommungen und Glückwünsche nur desto besser von statten gingen ; bei allem dem aber konnten wir nicht verfehlen , die Entdeckung zu machen , daß irgend ein düsterer Geist über diesem Hof walten müsse , ein unmittelbares Gefühl sagte uns dies , ohne alle künstliche Vernunftschlüsse . Die nächsten vierzehn Tage klärten unsere Ahnung - denn mehr war unsere Entdeckung nicht - gänzlich auf . Alles beruhete auf einem Mißverhältniß der Herzogin zu dem Herzoge . Von Gewissenszweifeln geängstigt und im höchsten Grade abergläubisch , war die erstere ( ihre Kinder allein ausgenommen , welche sie aus unbezwingbarem Instinkt liebte ) sich selbst und allen Menschen abhold , während der letztere , wenn gleich nicht minder zum Aberglauben geneigt , mit einer gesünderen Constitution die Freuden , welche er im eigenen Familienkreis nicht finden konnte , außerhalb desselben suchte , und , weil er sie auch da nicht fand , in der Regel mürrisch und auffahrend war , und dadurch alles von sich zurückschreckte . Dies hatte auf Carolinens Gemahl in sofern zurückgewirkt , als er in dem vergeblichen Bestreben , seinen sich selbst so ungleichen Eltern genug zu thun , zuletzt ungeduldig und über die Gebühr heftig geworden war . Unfähig seinen Vater zu lieben , und eben so unfähig sich mit seiner Mutter zu identifiziren , war er , von seinem eigenen Herzen verleitet , die Beute aller derjenigen geworden , in deren Arme er sich geworfen hatte . Wie gesund auch sein Verstand in seinen Anlagen war , so hatte er ihn doch nie in den Besitz der Mittel führen können , durch welche man sich seiner ganzen Umgebung bemächtigt ; und je mehr er zwischen hundertfältigen Rücksichten dahin schwankte , desto unzufriedener war er mit seiner ganzen Lage . Vor seiner Vermählung mit einem liebenswürdigen Fräulein verbunden , hatte er dieser Verbindung entsagen müssen , ohne seinen Neigungen entsagen zu können ; und wie diese Schwäche von allen denjenigen gemißbraucht wurde , welche , aus früherer Zeit her , im Besitz seines Vertrauens waren , läßt sich ohne Mühe denken . Kurz der ganze Hof war ein Vereinigungspunkt der Antipathien , und , was immer damit verbunden ist , der Intriguen . Keine einzige klare Seele , an welche man sich verdachtlos hätte anlehnen können ! Und die Quelle von diesem allen war der Aberglaube in dem Geiste der Herzogin und des Herzogs , der von dem ersten Hofgeistlichen kräftigst unterstützt wurde . Ich habe seitdem sehr oft Gelegenheit gehabt , die Bemerkung zu machen , daß fürstliche Personen ungemein zum Aberglauben hinneigen ; und so oft ich mir diese Erscheinung zu erklären versucht habe , bin ich immer auf das Resultat gekommen , daß , während alles , was ihnen untergeordnet ist , nur sie fürchtet und verehrt , sie ihrer Seits auch etwas fürchten und verehren wollen , weil es ihnen unmöglich fällt , der menschlichen Gebrechlichkeit diesen Tribut zu versagen . Nur wenige dürften hiervon eine Ausnahme machen . Indem ich diese Entdeckungen machte , nahm ich mich wohl in Acht , darüber mit der Erbprinzessin zu sprechen . Ich bot vielmehr meine ganze Heiterkeit auf , sie glauben zu machen , daß ich ganz unbefangen sey und bleibe . Es war mir , ich gestehe es , ein wenig peinlich , meiner Freundin gegenüber der Offenheit zu entsagen , womit ich sie bisher behandelt hatte ; allein ich sagte mir wiederum , daß dies ein Opfer sey , das ich höheren Verhältnissen bringen müsse . Sehr deutlich leuchtete mir ein , daß hier nichts zu verbessern sey , daß man aber aus übel leicht ärger machen könnte . Ich nahm mir also vor , meine Stellung immer so zu nehmen , daß ich , so viel an mir wäre , die Sachen in einem erträglichen Gange erhielte . Auf keinen Fall war ich gesonnen , die erste Confidenz zu machen ; und war es irgend möglich , die Erbprinzessin von Confidenzen gegen mich zurück zu halten , so wollte ich es nicht an mir fehlen lassen . Am meisten fürchtete ich den Charakter der Herzogin , welche , nachdem ihre Schwiegertochter einmal mit eigenen Augen gesehen hatte , sehr leicht auf den unglücklichen Einfall gerathen konnte , sich vor ihr zu rechtfertigen , und mich darüber zum Zeugen zu nehmen . Ich sah dies so bestimmt vorher , daß ich vorläufig auf den Gedanken verfiel , nichts zu thun , was der Herzogin Vertrauen zu mir einflößen könnte . In der That , ich war sehr übel daran . An unserem Hofe hatte ich mit der größten Freiheit gelebt ; hier hingegen war ich von allen Seiten her so eingeklemmt , daß ich mich durchaus nicht bewegen konnte , ohne anzustoßen und Quetschungen und Schrammen davon zu tragen . Meiner ganzen Natur nach ohne Falsch und ohne Hehl , war ich gegen meinen Willen zur Politik hingezogen . Hätte mich das Interesse für meine Freundin nicht aufrecht erhalten , so würde ich , gleich der Tochter Ludwigs des Funfzehnten von Frankreich , den Aufenthalt in irgend einem Carmeliterkloster der meschanten Lage vorgezogen haben , in welcher ich an diesem Hofe war . Der auffallende Entschluß jener Prinzessin hat mich nie in Erstaunen gesetzt , weil ich selbst erfahren habe , wie abgeschmackt und langweilig das Hofleben unter gewissen Bedingungen werden kann . Die Erbprinzessin verstand mich vollkommen ; auch in den zartesten Empfindungen und Ideen begegnete sie mir mit einem Takt , der , wenn ein Dritter als Zuschauer zwischen uns in der Mitte gestanden hätte , diesen nothwendig hätte bezaubern müssen . Wir , die wir drei Jahre hindurch in der vollkommensten Freundschaft gelebt hatten , welche auf Erden möglich ist , verabredeten jetzt stillschweigend unter uns , daß , obgleich unsere Unschuld dieselbe sey , es dennoch Geheimnisse gäbe , welche wir Ursache hätten , uns gegenseitig zu verbergen . Hieraus entwickelte sich ein eigenthümliches Verhältniß , das freilich nie Consistenz gewinnen konnte , aber , so lange es dauerte , unseren inneren Zustand so modifiziren mußte , daß unsere gegenseitige Anhänglichkeit an einander verstärkt wurde . Sonst hatte sich die Erbprinzessin in ihrer Liebe zu mir eben so frei gefühlt , als ich mich in der meinigen zu ihr . Jetzt hingegen , wo die in ihrem Gemahl eingeschlossene zurückstoßende Kraft sie in Ansehung des Spielraums liebender Gefühle so wesentlich beschränkte , und wo ich meiner Seits durch die Erbärmlichkeit des Hofes ganz auf mich selbst zurückgeworfen wurde , jetzt konnten wir den Stützpunkt , dessen wir bedurften , nur eine in der anderen finden . Wir würden glücklich gewesen seyn , hätten wir dem Zuge folgen dürfen , der uns zu vereinigen versprach ; aber gerade darin lag das Verzweifelnde unserer Lage , daß wir diesem Zuge nicht folgen durften ; wenigstens nicht mit der Rücksichtslosigkeit , welche die Freundschaft gebietet . Wir beide ahneten , daß ein Zeitpunkt eintreten würde , wo wir dem Verderben nur durch festes Aneinanderschließen entrinnen könnten ; aber wir wollten diesen Zeitpunkt nicht beschleunigen , welches unvermeidlich war , sobald wir zum voraus gemeinschaftliche Sache machten . Mochte das Problem , das wir uns aufgegeben hatten , immerhin nicht zu lösen seyn ; genug wir wollten , was die Klugheit gebot , so lange ehren , als es wahrer Freundschaft unbeschadet geschehen könnte . Den übrigen Mitgliedern des Hofes war ich ein unerklärbares Räthsel . Was sie durchaus nicht begreifen konnten , war , wie man an einem Hofe fremd und doch so abgeneigt seyn könnte , sich an irgend eine Parthei anzuschließen . Diese meine Eigenthümlichkeit war ihnen um so unbegreiflicher , da ich , dem Anscheine nach , ganz isolirt dastand , und selbst von der Prinzessin , deren Gesellschaftsdame ich seyn sollte , vernachlässigt war . Gern hätte mich die eine oder die andere Parthei für sich gewonnen ; aber gerade das , was mich zum Gegenstand so mannichfaltiger Bewerbungen machte , mußte mich behutsam und vorsichtig machen . Dies war nämlich das bischen Verstand , wodurch ich mich auszeichnete . Wie bescheiden ich selbst auch darüber denken mochte , so konnte ich mir doch nicht verhehlen , daß ein Amalgam mit diesen Personen für mich unmöglich sey . Es war vor allen Dingen ihre unbeschreibliche Flachheit , die mich von ihnen zurückschreckte . In der That , man erweiset den Hofleuten in der Regel allzuviel Ehre , wenn man von ihrer Intrigue mit irgend einer Art von Achtung spricht , sollte diese Achtung sich auch nur durch Mißbilligung und Abscheu ausdrücken . In keiner Sache tief , sind sie es eben so wenig in der Intrigue . An dem Kitzel fehlt es ihnen nicht , wohl aber an dem Geiste , der sich ein Ziel setzet und seine Mittel demselben anpaßt . Es würde wenigstens eine Art von Poesie in das Hofleben gebracht werden , wenn dieser Geist vorherrschte ; allein dies ist so wenig der Fall , daß es immer und ewig nur die leidige Prose bleiben kann . Es ist wahr , jeder hat sein besonderes Interesse , dem er nachgeht ; doch , indem man sich mehr von irgend einem Instinkt als vom Verstande leiten läßt , vertrödelt man das Leben , ohne jemals ans Ziel zu gelangen ; und daher die große Zahl der Unzufriedenen , die , wenn sie endlich aus allen ihren Erwartungen herausgefallen sind , wenigstens ihre Rechtlichkeit retten wollen , und , indem sie von unerkannten Diensten sprechen , die sie geleistet haben , sich nur immer selbst verdammen . Kurz : die eigentliche Gemeinheit , in sofern sie mit Flachheit eins und dasselbe ist , wird nirgend sicherer und allgemeiner angetroffen , als an den Höfen , vorzüglich aber an den kleinen deutschen Höfen . Und dies gerade war , was mir in meiner neuen Lage eine Behutsamkeit gebot , welche man unbegreiflich nannte . Mich zu erforschen schickte man das Factotum des Hofes , den Herrn Hofcapellan , an mich ab . Dieser Mann , der , seinem Berufe nach , der rechtlichste und edelste des ganzen Hofes seyn sollte , war , wie es zu geschehen pflegt , nur der feinste und eigennützigste ; und so groß war die Verkehrtheit aller Mitglieder des Hofes , daß man ihn gerade um derjenigen Eigenschaften willen achtete , die ihn vor jedem intelligenteren Richterstuhle verdammen mußten . Seine Erscheinung kam mir nicht ganz unerwartet , wiewohl ich in dem Augenblick , wo er sich melden ließ , auf seinen Empfang nichts weniger als vorbereitet war . Der Zufall wollte , daß Klopstocks Messiade aufgeschlagen vor mir lag , als er in mein Zimmer trat . Der hochwürdige Herr konnte , nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren , nicht umhin , einen neugierigen Blick auf meine Lektüre zu werfen ; und als er Klopstocks Messiade erblickte , die er wenigstens von Hörensagen kannte , war seine erste Frage : Ob mir diese Lektüre Vergnügen mache ? » Unendliches , « war meine Antwort ; » ich erblicke in der Messiade eine Welt , wie sie sich noch keinem schaffenden Geist aufgeschlossen hat . Alles ist groß und erhaben , und weil man das Große und Erhabene nicht betrachten kann , ohne dem Kleinen und Niedrigen zu entsagen , so wäre wohl zu wünschen , daß Klopstocks Schöpfung sich in Jedermanns Händen befände . Aber ich bin versichert , fügte ich hinzu , daß dies Gedicht , anstatt wie andere Werke in dem Zeitstrom unterzugehen , einer ganzen Ewigkeit von Entwickelung trotzen und in eben dem Maaße an Werth gewinnen wird , in welchem es als reine Poesie dasteht . « Dieser Gedanke fiel dem Herrn Capellan auf ; und weil er ihn wirklich nicht verstand ( was mir sehr wahrscheinlich geworden ist , seitdem ich andere seines Gelichters kennen gelernt habe ) , oder weil er gute Ursache hatte , ihn nicht verstehen zu wollen , legte er mir die naive Frage vor : Wie ich das meinte ? » Ich meine , « erwiederte ich , » daß wenn der religiöse Geist , welcher die Messiade dictirt hat , längst verflogen seyn wird , dies Heldengedicht nicht nur noch bezaubern , sondern auch um so mehr bezaubern wird , je weniger sich der Glaube , oder vielmehr der Unglaube , bei der Lektüre ins Spiel mischet . « Der Capellan , der mich noch immer nicht verstand , ließ irgend etwas Albernes fallen , wodurch er zu verstehen gab , daß er von mir voraussetze , nur Religiosität treibe mich zur Lektüre der Messiade ; und als ich hierauf nicht antwortete , nahm er sogleich Gelegenheit , über die Irreligiosität des Zeitalters ( welche ihm bei weitem vollendeter erschien , als sie wirklich war ) ein Langes und Breites zu sprechen , und sich so eine Brücke zu bauen , um zur Herzogin zu kommen , die er als das Muster aller Fürstinnen vorstellte . Eine nähere Bekanntschaft mit ihr , meinte er , würde mir zeigen , wie sehr es zu wünschen wäre , daß ihr Geist den ganzen Hof durchströmen möchte ; und hierauf erfolgten neben den Lobeserhebungen , welche der Herzogin gemacht wurden , mehrere Winke , welche mich orientiren sollten . Ich ließ den hochwürdigen Herrn ausreden , und als er das Bedürfniß fühlte , wieder zu Athem zu kommen , setzte ich das Gespräch durch einige Bemerkungen fort , worin ich zu verstehen gab , daß , allen meinen Beobachtungen zufolge , der Hof wirklich von dem Geiste der Herzogin durchdrungen sey . » Ach wie viel fehlt daran , « antwortete der Hofcapellan ; » da ist z.B. der Kammerherr unseres geliebten Erbprinzen , ein Mann , dem außer seinem Vortheile nichts heilig ist , und gegen den sich der ganze Hof verschwören sollte , da er es so geflissentlich darauf anlegt , die liebenswürdigste Prinzessin verhaßt zu machen , um .... « » Still ! still , Herr Hofcapellan ! fiel ich ihm in die Rede ; dies sind Dinge , über welche wir nicht berechtigt sind zu sprechen . Die Wendung , welche Sie der Unterhaltung zu geben geruhen , ist mir so neu als interessant , aber ich darf darauf nicht eingehen , wenn ich nicht einmal für allemal aus der Bahn weichen will , die ich mir vorgezeichnet habe . « Der Hofcapellan sah mich mit so dummen Augen an , als wenn von Verschmitztheit und Ränkesucht nie eine Spur in ihm gewesen wäre . Offenbar erstaunte er darüber , an ein Wesen gerathen zu seyn , dem er nicht gewachsen war ; und ob er sich gleich alle Mühe gab , in sein voriges Gleichgewicht zurückzutreten , und seinen Besuch recht absichtlich verlängerte , um mir irgend einen Vortheil abzugewinnen , der alles , was zwischen uns vorgefallen war , wieder ins Gleiche bringen möchte , so schieden wir zuletzt doch so auseinander , daß von einer Gemeinschaft zwischen uns beiden , was auch immer ihr Gegenstand seyn möchte , nicht wieder die Rede seyn konnte . Was den Kammerherrn des Erbprinzen betraf , so hatte ich längst bei mir ausgemacht , daß er bei weitem unschuldiger sey , als er in der Darstellung des Hofcapellans erschien . Sein Hauptverbrechen war , der Liebling des Erbprinzen zu seyn , dessen Gunst er durch nichts so sehr erobert hatte , als durch seine Polsterartigkeit , wenn man mir diesen Ausdruck gestatten will . Es ist wahr , es fehlte ihm nicht an Verstand ; allein sein Verstand war nicht der schöpferische , der Anderen gebietet , indem er ihnen Richtungen giebt , die sie aus sich selbst zu nehmen allzuschwach sind , sondern der legale , der nur immer den fremden Willen bearbeitet , und folglich gar nicht für und durch sich existirt . Des Kammerherrn höchster Grundsatz war : der Erbprinz ist der Herr . Diesem Grundsatz gemäß wagte er es nie , dem Erbprinzen zu widersprechen . Hätte dieser seine Gemahlin lieben können , so würde er nichts dagegen einzuwenden gehabt haben ; da aber der Erbprinz dies nicht konnte , so hatte der Kammerherr auch wiederum nichts dagegen , daß er seine Verbindung mit einer früheren Geliebten fortsetzte , und that , was in seinen Kräften stand , die Wünsche des Prinzen in dieser Hinsicht zu befriedigen . Er meinte es gewiß mit der ganzen Welt gut ; aber da es einmal unmöglich ist , der ganzen Welt zu genügen , so hielt er es nur mit dem , dem er seine Dienste einmal gewidmet hatte . Seine Furchtbarkeit war gewiß nicht weit her ; indessen erschien er allen denjenigen furchtbar , welche in Erwägung zogen , daß es , nach dem Tode des Herzogs , nur von ihm abhängen werde , Premier-Minister zu seyn . Einem solchen Schlag zuvorzukommen , wollte man ihn so zeitig als möglich verdrängen . Wenn man mich in die Cabale zu verflechten wünschte , so geschah dies um der guten Meinung willen , die man von meinem Verstande gefaßt hatte . Nichts beabsichtigte man weniger , als eine Vereinigung des Prinzen mit der Prinzessin , und der Hofcapellan hatte sich nur in das Complott ziehen lassen , weil er erfahren hatte , daß eben dieser Kammerherr im Punkt der Religion ein wenig locker sey . Indem ich also in dem Gegenstande des Partheihasses keinen Widersacher der Prinzessin erblickte , konnte ich unmöglich geneigt werden , mich mit den Übrigen zur Entfernung eines Mannes zu vereinigen , der zuletzt der Unschuldigste von Allen war . Ich konnte dies um so weniger , weil mir immer deutlicher einleuchtete , daß das Mißverhältniß zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin eben so sehr durch die Individualität der letzteren als durch die des ersteren gehalten wurde . Es ist gewiß sehr zu bedauern , wenn die Tugend selbst die Quelle unseres Mißgeschicks und unserer Leiden wird ; allein dies ist unter gewissen Umständen eben so nothwendig , als daß das Gegentheil der Tugend zum Mißvergnügen mit sich selbst und zur Opposition gegen die ganze Welt führen muß . Es war ganz offenbar die Liebenswürdigkeit der Erbprinzessin , was sie ihrem Gemahl so verhaßt machte . Wäre der Prinz in den Besitz seiner Gemahlin gekommen , ohne vorher in einem ernsthaften Verhältniß mit einer anderen Person gestanden zu haben ; so würde er , bezaubert von der Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin , vielleicht sein ganzes Leben hindurch an keine Untreue gedacht haben . Da dies nicht nur nicht der Fall war ; da die ehemalige Geliebte noch immer ihren Platz in seinem Gemüthe behauptete , und , von den Eigenschaften der Gemahlin unterrichtet , es sich vielleicht doppelt angelegen seyn ließ , die Zuneigung des Prinzen zu fesseln ; so konnte es schwerlich fehlen , daß dieser , von seinen Neigungen auf der einen , und von seinen Pflichten auf der anderen Seite gedrängt , in eine Leidenschaft gerieth , wie sie dem Menschen nur einmal eigen ist , so oft er sich zwischen zwei Feuern befindet . Erleichterung für sich selbst konnte der Prinz unter diesen Umständen nur dadurch erhalten , daß seine Gemahlin Eigenschaften offenbarte , welche die Untreue wo nicht rechtfertigen , doch wenigstens entschuldigen ; da diese aber immer in derselben moralischen Schönheit dastand , und , ohne weder zur Rechten noch zur Linken aus der einmal vorgezeichneten Bahn zu weichen , nur immer darauf dachte , wie sie die Weiblichkeit retten wollte , so blieb ihm zuletzt nichts anderes übrig , als entweder sich selbst , oder diejenige zu hassen , die ihn , wenn gleich gegen ihren Willen , in einem solchen Widerspruch mit sich selbst erhielt . In der That , mehr , als alles andere , war dies die Quelle der heftigen Ausbrüche , welche sich der Erbprinz gegen seine Gemahlin erlaubte ; und welche Wahrscheinlichkeit , daß sich dies jetzt noch abändern lassen werde ! Um anhaltend zu hassen , darf man nur beleidigen ; und wen es befremdet , daß fürstliche Personen bei weitem tiefer in ihrem Hasse sind , als andere Erdensöhne und Töchter , der darf nur bedenken , daß jenen die Beleidigung unendlich mehr kostet , als diesen , weil sie sich auf die Kunst des Ausweichens bei weitem besser verstehen , und , nur im höchsten Drange der Noth und nie ohne ihrem Wesen zu entsagen , zu dem , was man Unhöflichkeit nennt , gebracht werden können . Fasset man dies gehörig , so hat man den Schlüssel zu sehr viel Erscheinungen , welche in der Regel äußerst schlecht interpretirt werden . Um nur nicht unhöflich seyn , oder beleidigen zu müssen , ( und beides ist zuletzt einerlei ) hat man sich , wer weiß wie oft , durch eine Vergiftung aus der Affaire gezogen . Dies ist besonders an großen Höfen der Fall gewesen , wo man noch weit mehr Ursach hatte , die Folgen eines Skandals in Erwägung zu ziehen , als an kleineren , wo die Bürgerei zuletzt , wenn gleich in einer etwas veredelten Gestalt , ihr Wesen forttreibt . Wäre von den Scenen , welche täglich zwischen dem Prinzen und seiner Gemahlin statt fanden , nur eine einzige an dem französischen oder spanischen Hofe vorgefallen , so wäre eine Trennung - gleich viel unter welcher Form - unvermeidlich gewesen . Ich will damit nicht sagen , daß ihre Feindschaft in der Periode , von welcher hier die Rede ist , den höchsten Gipfel erstiegen hatte ; allein es giebt Verhältnisse , bei welchen es gleich viel ist , welchen Grad der Verschlimmerung sie erreicht haben , so bald man sagen muß , daß sie aufgehört haben gut zu seyn . Die Erbprinzessin fühlte sich warlich nicht minder unglücklich , weil ihr Gemahl noch einige Rücksichten nahm , die unter Personen fürstlichen Standes nie wegfallen dürfen , wenn sie nicht zu dem Pöbel herabsinken wollen . Ich machte sehr bald die Bemerkung , daß ein weit höheres Maaß von Kraft erfordert wird , die Dinge in einem gegebenen Zustande zu erhalten , als sie zu leiten . Das Erstere ist in der Regel ganz unmöglich ; die menschliche Natur ist es , was diese Unmöglichkeit hervorbringt . Das letztere läßt sich bewerkstelligen ; nur erfordert es eine Überlegenheit des Geistes , wodurch man den Ausschlag über seine ganze Umgebung giebt . Nichts war dadurch gewonnen worden , daß ich mich neutralisirt hatte ; allein wie meine Taktik so verändern , daß ich das Verlorne wieder gewann ? Diese Aufgabe war schlechterdings nicht zu lösen , da ich es mit Personen zu thun hatte , durch welche sich kein einziger von den Planen ausführen ließ , die ich entwerfen konnte . Unaussprechlich leiden sah ich die Prinzessin , und eben so unaussprechlich blutete mein Herz bei diesem Anblick ; aber wie ich sie retten , oder wenigstens erleichtern sollte , darüber konnt ' ich durchaus nicht mit mir selbst ins Reine kommen . Der Zufall that zuletzt mehr , als ich erwartet hatte . Es war an einem von den schönen Tagen , durch welche der Frühling zum Sommer übergeht , als die Prinzessin mich gegen Abend zu sich rufen ließ . Ich eilte in ihre Nähe ; wir waren allein . Der Vertrag , den wir stillschweigend geschlossen hatten , dauerte fort , und keine von uns beiden beabsichtigte einen Bruch desselben . Die Prinzessin bat mich indessen neben ihr Platz zu nehmen , und redete mich hierauf folgendermaßen an : » Ich kenne jetzt keine angenehmere Zerstreuung , als die der italiänischen Dichter , weil diese mich am schnellsten in die Regionen führen , wo ich die Wirklichkeit vergesse . Aber ich bin nicht länger im Stande , dies hohe Vergnügen allein zu genießen . Sie , meine geliebte Mirabella , sollen es mit mir theilen . Wenn ich Sie ersuche , meine Vorleserin zu seyn , so leitet mich dabei der besondere Eigennutz , die Musik der italiänischen Poesie durch Ihre Stimme erhöht zu fühlen . Wählen Sie , welches Gedicht Sie wollen , und lesen Sie mir vor , was Ihnen beliebt . « Mit der besonderen Zärtlichkeit , die ich noch immer für Tasso ' s befreites Jerusalem hatte , wählte ich dies göttliche Gedicht ; und da der Charakter der Erminia mich immer vor allen übrigen weiblichen Charakteren , die in demselben entfaltet sind , angezogen hatte , so las ich den sechsten Gesang vor . Ich war bis an die Stelle gekommen , wo Erminia auf ihrer Flucht beim Anblick des Lagers der Christen in folgende Klagen ausbricht : O belle agli occhi miei tende Latine , Aura spira da voi che mi recrea , E mi conforta , pur che m ' avvicine . Cosi a mia vita combattuta e rea Qualche onesto riposo il Ciel destine , Come in voi solo il cerco : e solo parme , Che trovar pace io possa in mezzo all ' arme . Raccogliete me dunque , e in voi si trove Quella pietà , che mi promise Amore etc. Als die Prinzessin , von ihren Gefühlen überwältigt , in die Worte ausbrach : » O wäre doch auch für mich eine Flucht möglich ! « und unmittelbar darauf dem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thränen Luft machte . Mir fiel bei diesem Anblick das befreiete Jerusalem aus den Händen , und , meiner früheren Vorsätze uneingedenk , warf ich mich zu den Füßen der Prinzessin nieder , sie beschwörend , daß sie mir nichts verhehlen möchte . » Ich bin ganz die Ihrige , « rief ich aus , » so bald Sie verlangen , daß ich es seyn soll . « Die Prinzessin sah mich mit der Miene der Rührung an , und nachdem sie sich gefaßt hatte , sprach sie folgendes : » Ich habe Sie nur allzugut errathen , Mirabella ; um nicht zu verschlimmern , was sich nicht verbessern ließ , nahmen Sie diese Stellung an , worin Sie die Dinge sich selbst überließen . Aber ich hätte Sie nie kennen lernen müssen , wenn ich auch nur einen Augenblick an Ihrer Bereitwilligkeit , alles was in Ihren Kräften steht , für mich zu leiden und zu thun , hätte zweifeln sollen . In dem gegenwärtigen Augenblicke folgen Sie mehr Ihrem Gemüthe , als Ihrem Verstande ; aber dies liegt so sehr in der Natur der Sache , daß Sie mir dadurch nur um so theurer werden . Wie die Lage der Sachen ist , wissen Sie , ohne daß wir jemals darüber gesprochen haben . Auch jetzt wollen wir nicht ausführlich darüber werden . Genug , daß ich die Verlassenheit , worin ich mich befinde , nicht länger ertragen kann . An irgend ein menschliches Wesen muß ich mich anschließen können , wenn das Leben einen Werth für mich behalten soll . Mein Gemahl kann es nicht seyn , und wer bleibt mir übrig , als Sie ? Ich stehe für nichts , wenn Sie sich mir noch länger entziehen . Berechnen Sie hiernach , was Sie thun müssen . Die Politik , von welcher Sie sich bisher leiten ließen , hat Ihrem guten Herzen zuletzt am meisten Wehe gethan . Warum wollen Sie ihr noch länger folgen ? Verderben läßt sich nicht , was schon im höchsten Grade verdorben ist . Ich verzeihe Alles , und verzeihe mit der höchsten Freudigkeit des Gemüths ; aber meine Bedingung ist , daß Sie sich fester , als jemals , an mich anschließen . Ihnen gegenüber werd ' ich die Kraft haben , Alles zu ertragen , was mir noch bevorsteht ; oder vielmehr , ich werde von nun an gar nichts mehr zu ertragen haben , und meines Daseyns von neuem froh werden . Hätt ' ich von mir allein abgehangen , wer weiß , ob ich jemals in ein Verhältniß getreten wäre , wodurch eine Scheidewand zwischen uns errichtet werden mußte ? Da dies einmal geschehen ist , so wollen wir lieber gar nicht daran zurückdenken . Gewiß , wir sind uns selbst genug ; nur müssen wir fest zusammenhalten , und auf die Wirklichkeit um uns her so wenig als immer möglich zurückblicken . Was hab ' ich von meiner Freundin , von meiner Mirabella , zu erwarten ? « Meine Antwort auf diese Frage war , wie sie nach einer solchen Scene seyn konnte ; ich wiederholte mein : » Ich bin die Ihrige mit Allem , was in mir ist ; « denn ob sich gleich die Folgen dieser Vereinigung nicht berechnen ließen , so wollte ich doch lieber aus Heroismus edel , als aus Feigheit klug handeln . Es war von diesem Augenblick an gleich viel , wo wir existirten ; aber um der Prinzessin einige Erleichterung zu verschaffen , entwarf ich den Plan zu einem Sommeraufenthalt auf einem drei Meilen von der Hauptstadt gelegenen Lustschlosse , welches seit vielen Jahren unbewohnt geblieben war . Voraussehen ließ sich , daß dieser Plan große Schwierigkeiten finden würde ; vorzüglich von Seiten der Herzogin , welche seit einiger Zeit ihre Schwiegertochter liebgewonnen hatte , weil sie wenigstens eben so unglücklich war , als die Herzogin selbst . Allein alle diese Schwierigkeiten ließen sich überwinden , sobald es mir gelang , den Kammerherrn des Erbprinzen in mein Interesse zu verflechten . Ich trat