sein Herz ward durch die Ausbrüche ihres Schmerzes tausendfach zerrissen . Mein Bruder , fuhr sie fort , mißbilligte meine Wahl , Alexis verspottete sie , während der Herzog , der damals um Seraphinens Liebe warb , die Flamme auf alle Weise anschürte . Mein Vater blieb allein ruhig , und meinte , ich würde wohl selbst von dieser Thorheit , wie er es nannte , genesen . Nach und nach erhielt indessen unser Verhältniß eine Art von Gültigkeit vor der Welt , nur ward Ludoviko fortgesetzt kalt , ja feindselig von meiner Familie behandelt , was mich den bittersten Kämpfen hingab , und oft dahin trieb , meine Wünsche und Hoffnungen hinzugeben , um ihm ähnliche Kränkungen zu ersparen . In einem solchen Augenblick schrieb ich ihm , als er den Herzog auf einer Reise begleitete , diese Worte , die ich der merkwürdigen Auslegung wegen späterhin wieder aufzeichnete und hier bewahre . » Wie lieb ' ich Dich , mein Ludoviko , der schonenden Ruhe wegen , mit der Du jede Unannehmlichkeit erträgst , die Dich meinetwegen trifft . Aber glaube nur , gerade was mich unauflöslich an Dich kettet , das flößt mir oft den Gedanken ein , mich selbst aufzuopfern , um Dich unter würdigern Umgebungen ein schöneres Glück genießen zu lassen , als Dir meine Liebe giebt . Ach ! fühle es nur , wie ich ganz in Dir lebe , um so etwas denken zu können , und bist Du stark genug , Dich meinetwegen zu verleugnen , so tödte die Schwäche nicht , mit der ich dennoch meinen Wünschen schmeichle . « Bald darauf erhielt ich folgende Antwort . » Dahin hat es also die kurze Trennung gebracht ! Rosalie , so schnell konntest Du den Gedanken fassen , mich aufzugeben ? so geläufig ist er Dir geworden , daß Du mir ihn ohne Rückhalt mittheilst ? Will sich denn alles von mir wenden , und soll ich jede freudige Erscheinung meines Lebens schwinden sehen ! Aber Du hast Recht . Der Kampf , der Dich zwischen Deinem Bruder und mir hin und her treibt , fällt Deiner sanften Seele zu schwer . Einen von beiden mußtest Du fahren lassen . Ich weiche , Rosalie . Du hast mich die Nothwendigkeit einsehen gelehrt , und ich muß die zarte Hand segnen , die mir so schonend diese Wunde schlug . « Ich war weit entfernt das Gift zu ahnen , das hier verborgen lag , und sah in allem nur ein Uebermaaß leicht zu verletzender Zärtlichkeit . In diesem Sinne und in einem Gemisch von Unruhe und dankbarer Rührung schrieb ich ihm eines Morgens , als mein Bruder mit so verstörtem Gesicht zu mir hereintrat , daß ich erschrocken aufsprang , ohne den Muth zu haben , nach der Ursach seines Kummers zu fragen . Er ging schweigend auf und ab , dann nahete er sich mir mit einem Blick , in welchem Tod und Verderben lag . Rosalie , sagte er mit zitternder Stimme , wir sind beschimpft , Ludoviko hat dich verlassen , und mich und uns Alle dem Gelächter preisgegeben . Ich weiß nicht deutlich , was ich damals empfand , allein ich erinnere mich , daß ich freier athmete , seit ich wußte , was ihn so gewaltsam bewegte . Ich hatte etwas Aergeres gefürchtet , und sagte nur : also ist er doch nicht todt ? - Wollte Gott , er wär ' es , erwiederte Fernando ; aber zweifle nicht an seinem Untergang , so lange ein Athemzug in mir ist , soll er die Schmach büßen . Oder trauest du meinen Worten nicht ? Glaubst du , man kennet mich nicht genug , um mir ein leicht ersonnenes Mährchen aufzuheften . Sieh , ich schwöre dir , er ist für dich verloren . Gestern war seine Verlobung mit einem schönen , unschuldigen Mädchen , das sich ihm so vertrauend hingab , wie du . Aber ich will diese Taube retten . Der Weg zum Altar geht nur über meine Leiche . Ich hatte alles in dumpfer Verwirrung angehört , und wußte nicht , was ich glauben und fürchten sollte . Mein Bruder schloß mich ungestüm in die Arme , und nachdem er mich auf die Stirn geküßt , sagte er : so stähle ich dich gegen alle glattzüngige Verführung , und könntest du diesen Kuß vergessen , so möge er dich brennend an meine Worte mahnen . Er stürzte außer sich zum Zimmer hinaus , ach ! und niemals fühlte ich das treue Herz wieder an dem meinigen schlagen ! Sie hielt einen Augenblick ein , dann sagte sie : wenn ich einen Augenblick nachdenke , wie alles plötzlich so da stand , wie es mir oft in Fieberträumen vorschwebte , so ist mir ' s unbegreiflich , wie der Mensch die warnende Stimme überhört , die oft so furchtbar aus seinem Innern heraufdringt , und wie die anschwellenden Wogen ungezügelten Verlangens ihn von Klippe zu Klippe reißen , bis das lang Gefürchtete , Ungekannte ihn aus tausend Augen ansieht und er in dumpfer Verwirrung dem Verderben in die Arme sinkt ! Ich faßte auch damals mein Unglück nur halb . Fernando hatte mich erschüttert , ohne mich zu überzeugen . Welch schuldloses Herz ahnet auch diese Verrätherei ! Ludoviko ' s Brief löste endlich jeden Zweifel , und meines Bruders blutige Gestalt drängte mich aus einer Welt , wo mir nie eine Freude blühet ! Sie nahm hier ein Blatt aus dem Kästchen , und gab es Rodrich , der in der heftigsten Bewegung folgendes las : » Du hast es gewollt , meine Rosalie ! Ich folgte Deinem Wink , und faßte die Hand eines frommen Kindes , das auf der Welt Niemand hat , als mich , und dessen freies Gefühl dem Manne unbedingt angehört , der es zu beschützen und durchs Leben zu führen verhieß . Warum sollte ich es Dir verhehlen , daß ich mich in meiner jetzigen Lage ruhiger fühle , wo ich auch dich frei von ängstlichen Kämpfen und unsre Gefühle zu einer schönen Freundschaft veredelt sehe , die , sich nach den Umständen modifizirend , einen ganz eigenthümlichen , Dir angemessenen Charakter behaupten wird . Wie könntest Du auch ein Band lösen wollen , das Du selbst so fest knüpftest ! Wie könnte ich je die hohe edle Natur weniger in Dir lieben ! Wir sagten es uns wohl früher mit Wahrheit , daß solch ein Bund unzerstörbar sey , und so bleibst Du mir die treue Freundinn und der schützende Engel meiner Serena . Sage Deinem Bruder , daß ich ihm jetzt , wie immer , die Hand zum Frieden reiche , und wie ich hoffe , daß er sie nicht verschmähen werde , da uns nichts Aeußeres mehr trennt . « Wie ist es möglich , sagte Rodrich , daß Sie dieser feigen Halbheit nur eine Thräne schenken konnten ! Tadeln Sie nicht so streng , erwiederte Rosalie verletzt , was Sie unter ähnlichen Umständen vielleicht nicht anders gemacht hätten . Es ist unglaublich , wie sich der Mensch hintergeht , und oft das ganz Gemeine für eine große That erklärt . Nein , beim ewigen Gott , rief Rodrich aus , ich würde den Muth haben zu sagen , wie ich fühle , ohne dem rücksichtslosen Vertrauen eine Falle zu stellen , und dem edelsten Gemüth die Schmach aufzulegen , einen Nichtswürdigen geliebt zu haben ! Sie sind wie Alexis ! sagte Rosalie schmerzlich . Ach , daß doch Niemand ein krankes Herz zu schonen weiß ! Rodrich gedachte seiner Vorsätze , und fühlte sich fremd und befangen in der Nothwendigkeit , so leise auftreten zu müssen . So schwiegen beide einige Augenblicke hindurch , als Rosalie sich aufrichtete und erschöpft in Rodrichs Arme sank . Unwillkührlich drückte er sie an die Brust ; ach , süßer Engel , sagte er im Uebermaaß des Gefühls , laß mich dich so durch ' s Leben tragen ; lehne nur dein schönes Haupt an dieß Herz , das so stolz und so selig ist , seit es dein Bild im Innern verschließt ! Rosalie blickte überrascht zu ihm auf , dann sagte sie wehmüthig : lassen Sie sich nicht durch flüchtige Regungen täuschen , bewahren Sie die frischen Blüthen vor nächtigem Reif . Rodrich , meine Hand ist kalt und starr wie der Tod , sie hat den Druck der Liebe verlernt , und was mich noch zuweilen in die Welt zurückzieht , das sind Aufwallungen einer sterbenden Jugend . Glauben Sie nur , es giebt Menschen , die so innig von ihrem Unglück überzeugt sind , daß sie auch in den Sonnenblicken ihres Lebens nur dies Geschenk einer liebenden Mutter erkennen , dem todtkranken Kinde die entsetzlichen Schmerzen zu lindern . Er hatte sie sanft auf das Ruhebette gelehnt , und saß , das Gesicht in die Küssen verbergend , weinend neben ihr , als die Thür ausflog und eine unendlich schöne Gestalt , von Seraphinen und den phantastischen Knaben mit brennenden Kerzen begleitet , vor Rosalien hintrat . Miranda , rief diese , so sehe ich Sie noch einmal wieder ! Die Prinzessinn neigte sich mit unbeschreiblicher Lieblichkeit zu der kranken Freundinn , und die klaren Blicke schwammen in Wohlwollen und Liebe , als sie nach den ersten gegenseitigen Begrüßungen und den allgemeinen Höflichkeiten , zu denen Rodrichs Vorstellung sie zwang , beruhigend sagte : ich finde Sie bei weitem besser , als ich es nach den üblen Nachrichten erwarten durfte . Jetzt sehe ich , daß alles gut gehen wird , wenn sie nur den Freunden vertrauen wollen . Daher komme ich auch , Sie zu meinem Pavillon zu entführen , wo es mir so oft gelang , eine freudige Vergangenheit zurückzurufen und bessere Erinnerungen mit Ihnen zu feiern . Sie glauben gar nicht , fuhr sie fort , wie oft ich jetzt an der Küste unsrer nordischen Winterabende gedachte , wenn die scharfe Meeresluft uns zwang das Zimmer zu hüten , und wir Alle nach Sonnenuntergang in Shawls und Tücher gehüllt um den Kamin saßen ! Es ist seltsam , wie man die bessere Gegenwart zuweilen gern für entschwundene Freuden hingäbe ! Sie wissen , wie oft wir mit trüben Blicken auf der erstarrten Natur ruheten , und uns nach der südlichen Herrlichkeit sehnten , die uns Persische und Arabische Mährchen und der Mutter lachende Schilderungen kennen gelehrt ; wie wir dann bei den ersten Frühlingslüftchen auflebend , uns so gern überredeten , wenn sich mein Papagey auf den künstlich gezognen Orangen wiegte , wir wandeln in Asiens blühenden Haynen , und gleichwohl streift jetzt ein kalter Ostwind wie ein sehnender Ruf aus der Ferne an mir vorüber , und mitten in der Blüthenpracht freue ich mich der leichten Schauer und der wogenden Nebel , die mich im Fluge zu der alten Heimath tragen . Rodrich dachte hier an Florio , wie er der Einzige sey , mit dem er in die einsame Kindheit zurückgehen könne , und daß ihm dieser Eine nun so fremd geworden , und er nicht einmal wisse , wo er ihn aufsuchen solle . Er war noch so bewegt von dem vorigen Gespräch , er fühlte es jetzt so lebendig , daß ihm Rosalie nie etwas werden könne , und daß er vergeblich suche dieser herbstlichen Rose den Frühlings-Glanz seiner Liebe zu leihen , so daß er gerührt ausrief : Wie glücklich sind Sie Rosalie , sich so schöner Stunden mit einer geliebten Gespielinn zu freuen ! Und wie ganz anders muß der Mensch die Welt ansehen , dem theilnehmende Freundschaft zur Seite steht . Miranda betrachtete ihn aufmerksam , während er sprach . In seinem Auge glänzte noch eine Thräne , und Schmerz und Sehnsucht umwölkten das blühende Gesicht . Es ist nur gut , sagte sie lächelnd , daß es Niemand giebt , zu dem nicht irgend ein verwandter Laut dränge , und die öde Brust mit Freude erfüllte ! - Was sind vorüberrauschende Klänge , erwiederte Rodrich , gegen die innere begleitende Musik des Lebens ! Die vollen Accorde dünken uns nur schöner , sagte Miranda , je leiser sie verhallen , und dem unbefriedigten Herzen neue Genüsse verheißen . Lassen Sie uns nicht so ängstlich mit dem Schicksal über jede einzelne Unterbrechung rechten , da es nur von uns abhängt , den Ton da wieder aufzunehmen , wo wir ihn sinken ließen . Das hinge von uns ab ? fragte Rosalie . Ach man sieht wohl , wie der Himmel seinen Liebling jedes dauernden Schmerzes überhob , und aus der augenblicklichen Störung neue Blüthen erwachsen ließ . Das ist wohl überall dasselbe , sagte die Prinzessinn , nur glaubt man oft ein trockenes Reis in den Händen zu halten , wenn uns die sprossenden Keime schon mit verhüllten Augen anlächeln . Doch lassen Sie uns nicht über Lust und Schmerz streiten , Niemand glaubt dem Andern , bis er selbst sieht . Darum möchte ich Sie so gern der Einsamkeit entreißen , und in mein kleines Paradies hinüberziehn , wo die Blumen so lustig im Sonnenglanze spielen und alle Sorgen vor der heitern Stille weichen . Ihre Freunde suchen Sie dort auf und Sie genesen in unsrer Aller Liebe . Miranda umarmte sie hier und versprach den folgenden Morgen wiederzukommen , da sie jetzt zurückkehren müsse , weil der Herzog sie bei ihrer Mutter erwarte . Im Weggehen sagte sie zu Rodrich und der Gräfinn , die sie begleiteten : es ist wohl eigentlich wenig für Rosalien zu hoffen , sie betrachtet alles in einem ganz eignen trüben Licht , und so bald man ihr ein andres aufdringen wollte , würde sie in dem Streite untergehen . Einzelne Blicke dürfen nur an ihr vorüberfliegen , die sie noch mehr reitzen und dem Schmerze Nahrung geben . Denn für Gemüther , wie das ihrige , wäre es ganz eigentlich der Tod , wenn sie je aufhören könnten zu trauren . Daher muß man nur auf seiner Hut seyn , sich in ihrer Nähe selbst zu behaupten , und weder etwas erzwingen zu wollen , noch sie durch zu große Nachgiebigkeit zu erschöpfen . Haben diese Wunden einmal ausgeblutet , so wird sich das innere Gift zerstörend gegen sie selbst wenden . Es ist sehr leicht , setzte sie hinzu , einen Unglücklichen zu verletzen , und nicht selten weckt das eifrigste Bemühen gehässige bittere Gefühle . Sie sagte das so anspruchslos , so frei aus der innersten Seele heraus , die zärtlichste Rührung leuchtete dabei in ihren Augen , so daß man deutlich sah , wie angeborne Klarheit sie über jede Verwirrung hinaus hob . Rodrich fühlte sich stiller seit er sie gesehen , und tadelte selbst die Ungenügsamkeit , die ihn zu thörichten Wünschen verleite . Beschämt gestand er , daß er , sich selbst ungetreu , die lang genährte Störung öffentlich zur Schau getragen , und das freundlichste Wohlwollen dadurch von sich entfernt habe . Seine anmaßende Foderungen gemahnten ihn selbst lächerlich , und er konnte nicht begreifen , wie ihm jener klare Blick über die verschiedne Gestaltung des Glückes so lange fremd geblieben war . So erschien ihm nun alles weit anders , und wie den trüben Sinn die eigne Dunkelheit gefangen hält , so erblühet dem heitern ein Licht nach dem andern , bis er auf glänzenden Schwingen die Welt überfliegt und überall nur Lust und Freude sieht . Er gefiel sich so wohl in dieser erhebenden Stimmung , daß er sich recht angestrengt bemühete , jeden ängstigenden Ruf aus dem Innern zu überschreien , und vor den eignen Gespenstern zu fliehen . Stephano fand ihn in diesem Lichtmeere schwimmend , und als er die Veranlassung erfuhr , beredete er ihn , sich bei der Prinzessinn Therese vorstellen zu lassen , wodurch es ihm allein möglich sey , Rosalien öfter zu sehen , und jene interessante Bekanntschaft fortzusetzen . Er willigte ein , und betrat schon am folgenden Tage das leichte , fast feenartige Sommerhaus . Eine Reihe weißer Marmorsäulen , die es umgab , trug ein reich vergoldetes Dach . Alle Zimmer stießen auf diese äußere Halle und zeigten durch die geöffneten mit bunten Vorhängen gezierten Thüren die Pracht der innern Einrichtung . Durch sie gelangte man zu einem Saale , der den Mittelpunkt des Gebäudes ausmachte , und durch eine vielfarbige Glaskuppel die Beleuchtung erhielt . Nischen mit hohen Spiegeln versehen , fingen die bunten Lichtstrahlen auf und verbreiteten sie auf rosige Marmorwände und silberstoffne Polster . Alles wogte hier im blendendsten Glanz . Er glaubte von verklärten Gestalten umgeben zu seyn , als ihm die Prinzessinn mit ihren Töchtern entgegen trat . Doch bald zeigte ihm Elwire , die sich mit einer ihrer Damen verstohlne Zeichen bei seinem Eintritte gab , daß er wirkliche Gebilde vor sich habe . Therese hatte von ihm gehört , und es war auf ihr Geheiß , daß ihn Stephano hier einführte . Sie redete ihn sehr verbindlich an , in ihrem Ton und Wesen lag eine unendliche Milde , und oft ruheten ihre Blicke wehmüthig auf den seinen . Indessen suchte sie beunruhigende Gedanken durch allgemein herbeigeführte Gespräche zu entfernen . Miranda sagte ihm , daß sie Rosalien vergebens erwartet habe , deren wechselndes Befinden sie unendlich beunruhige , je weniger sie selbst davon ergriffen scheine . Elwire , die während dessen unter vielem Lachen Stephano ' s Anzug gemustert , und oft ziemlich laut nach Alexis und dem Vorgange auf dem Waldschlosse gefragt hatte , sagte jetzt unverholen , wie sie es nicht begreife , daß gerade Rosalie die treue Liebe des zierlichen Ritters so hartnäckig von sich weise , da sie in ihrer Lage wohl schwerlich auf einen ergebenern Anbeter rechnen dürfe . Man sieht aber , setzte sie hinzu , daß Kränklichkeit sie verstimmt , und das hat der gute Ritter auch wohl eingesehen und sich geschickt zurückgezogen . Stephano ließ sie gern reden , und freuete sich jedesmal über die Sicherheit , mit der sie ein falsches Urtheil hinstellte , ohne zu ahnen , daß sie gleich von irrigen Meinungen ausginge , und daß sie selbst diesen Meinungen keine sonderliche Aufmerksamkeit leihe . Allein Rodrich , den die gemeine Ansicht verletzte , wagte es , ohnerachtet der geringen Bekanntschaft , die Freunde in Schutz zu nehmen , und sprach mit Wärme über die Heiligkeit einer unerschütterlichen Liebe , die man wohl nie wahrer , als in einer weiblichen Brust antreffe . Ach , sagte er , und was ist dem Menschen natürlicher , als das wegzudrängen , was ihm das einzige Glück des Lebens eine seelige Erinnerung trübt ! Ja , erwiederte Elwire den Kopf schüttelnd , da hat nun ein Jeder seine Art zu sehen . Ich für mein Theil , fuhr sie ohne weitern Zusammenhang mit dem Vorhergehenden fort , ich habe den Ritter freilich oft sehr ermüdend gefunden , wenn er so in der grauen Vorwelt schwebte , und die farblosen Gestalten an mir vorüberziehen ließ , während alles im frischesten Glanze um und neben mir lebte und athmete . Einmal wollte er mir auf einem Ball ein Mährchen erzählen , aber ich versicherte ihm , daß Mährchen seit meiner Kindheit eine narkotische Kraft für mich hätten , und ich Gefahr liefe , den Ball und alle ihm versprochene Tänze zu verschlafen . Alexis , sagte Miranda , setzt wie alle sehr lebendige Gemüther voraus , daß man nichts verschmähe , was den eigentlichen Gesichtskreis erweitern könne . In dieser Voraussetzung spricht er ganz unbesorgt , ob sich auch jedem die Bedeutung seiner Worte aufschließen werde . Und er hat im Allgemeinen nicht ganz Unrecht , wenn er auch im Einzelnen oft fehl greift . Es kommt doch wohl einmal eine Stunde , wo sich die harte Schaale löst , und der eigentliche Kern sichtbar wird . Wie schön dir der Schleier steht , sagte Elwire , und ordnete die länglichen Perlen , die zwischen braune Locken auf Miranda ' s Stirn fielen . Therese blickte lächelnd auf sie hin , und schien sich der zierlichen Ungezogenheit zu freuen . Rodrich verstand nicht , wie sie nur die leeren Worte ertragen könne ! Überall fühlte er bald , daß die Prinzessinn aus Furcht , die gesellige Freiheit einzuengen , oder irgend eine Störung zu veranlassen , dem Gespräch keine eigentliche Haltung wie dem herrschenden Tone keine Einheit gab , und man sich in dieser Schrankenlosigkeit sehr beschränkt gefühlt haben würde , wenn Miranda nicht alles an sich gezogen , und den schwankenden Strebungen eine gemeinsame Richtung gegeben hätte . Sie schwebte wirklich wie ein Genius über dem Ganzen , und wußte auch den leersten Köpfen irgend ein gutes Wort abzulocken , wie sie überall einen seltenen Blick für das Bessere im Menschen hatte , und dem Lichte gleich , das verborgene Gold heraufbeschwor , weshalb ihr alle Herzen entgegenflogen , und der Gedrückte , Tiefgebeugte , in ihrer Nähe freier athmete . Stephano hing mit Entzücken an der edlen Gestalt , und Rodrich sah recht , wie diese Liebe ihn über sich selbst erheben , mit Verleugnung seiner widerstrebenden Natur dahin zog , wo Miranda frei , in sich fest , unbefangen da stand . Sie begegnete ihm wie einem lieben lang geehrten Freunde , der überall als ein Glied der Familie angesehen , durch eine ehrende Vertraulichkeit ausgezeichnet ward , und als späterhin der Herzog kam , und der Kreis immer größer ward , sah Rodrich mit steigender Bangigkeit , mit welchen verheißenden Blicken sein Freund von den meisten betrachtet ward , ja wie selbst Miranda ein flüchtiges Erröthen nicht bergend , den vielsagenden Gruß des Herzogs empfing , und unruhig auf Stephano blickte . Unter den vielfachen Gestalten ; die Theresens Rückkehr aus dem Bade für diesen Abend herbeiführte , zeichnete sich eine der hervorleuchtendsten Physiognomien aus , die Rodrich jemals sah . Viormona , Nichte der verstorbenen Herzoginn , hatte sich nach dem Tode ihrer Verwandten in den dunklen Privatstand verloren , und nur mit Mühe die Hand eines edlen Fremden angenommen , um durch den Glanz äußerer Umgebungen die Hoheit der Geburt zu behaupten . Aller Stolz und alle Bitterkeit zurückgedrängter Herrschsucht lag in den hohen Mienen und den glühenden Augen , die wie Feuerkreise über die Erde schweiften und alles zu entzünden droheten . Das seltsam geringelte Haar , der reiche Faltenwurf langer weißer Gewänder , der blendende Glanz ihrer Haut , alles gab ihr ein ganz eignes plastisches Ansehen , so daß sich Rodrich wie vor einer Juno neigte , und die Flammenblicke kaum zu ertragen vermochte . Miranda war ihr mit der feinen Höflichkeit entgegen getreten , wodurch eine edle Natur sich der andern gleichstellt , ohne Herablassung oder ängstliches Zuvorkommen zu verrathen . Und sie schien in diesen heitren Sonnenblicken sich selbst und ihr beschränktes Daseyn zu vergessen , als Elwire mit gutmüthiger Redseligkeit von den Badefreuden erzählte , und ein Hirtenfest beschrieb , bei welchem Miranda auf einen Rosenthron erhoben von einer jubelnden Menge als Herrscherinn begrüßt worden sey . Viormona ' s Herz bebte bei dieser Hindeutung auf die Zukunft . Die gewaltsamen Regungen preßten ihr eine Thräne aus , die brennend in Rodrichs Seele fiel , der nach einigen flüchtigen Erkundigungen , von ihren frühern Verhältnissen unterrichtet , die Schmerzen so bittrer Demüthigung theilte . Ein Thron schien ihm das höchste Ziel menschlicher Strebungen . Hier allein könne sich die innere Unabhängigkeit darthun , und im Glanze eigner Klarheit die enge Sorge des Lebens lösen und die bedrängte Menschenbrust zu höhern Genüssen erschließen . Wie konnte nur ein edler Sinn die Schmach dulden , scheu in den Vorhallen zu weilen , indessen eine fremde Hand im innern Heiligthume wühlte . Sein Widerwille gegen den Herzog wuchs in jedem Augenblick , er vermied es ängstlich seinen forschenden Blicken zu begegnen , die sich unwillkührlich auf ihn zu richten schienen . Alles bis auf den Ton seiner Stimme , jedes unbedeutende Wort war ihm an dem verhaßten Gegenstand zuwider . Selbst als er sich der Schwester nahete , und ihr die Ankunft des Cardinals ankündigte , zu dessen Empfang er recht glänzende Feste ersinne , um dem entfernten Verwandten die weite Reise vergessen zu machen , fühlte sich Rodrich unangenehm von dem ergriffen , was alle Andre mit frohen Hoffnungen erfüllte . Sein Auge traf Viormona , und es war , als sey ihr Inneres in dem flüchtigen Blick zusammengefallen . Auch sie erfreueten die versprochnen Feste nicht , weil ihr die Veranlassung zuwider war , und der Unmuth in Rodrichs Mienen schien ein stilles Einverständniß ihrer Gedanken zu seyn . Als sich daher die Gesellschaft in die verschiedenen Gemächer und den Garten vertheilte , nahete sie sich dem ungekannten Freunde , und wußte geschickt die Vergangenheit herbeizuführen , wo man Feste andrer Art hier gekannt , und ein freier harmonischer Geist alle Herzen zu gleicher Freude gestimmt habe . Die Schönheit , sagte Rodrich , führte das goldene Zeitalter herauf , aber das eiserne behauptet seine Rechte in der verwirrten Menschenwelt , und nur der Donner des Geschützes theilt die Nebel des verfinsterten Horizontes . Er hatte diese Worte , ohne sonderlich auf sie zu achten , herausgestoßen , allein Viormona faßte sie begierig auf , und drückte nur noch mehr vergiftete Pfeile in sein offenes Herz . Wüßten Sie , könnten Sie wissen , sagte sie lebhaft , wie alles zusammenfiel , seit die Sonne diesem Lande unterging , wie sich die lockern Verhältnisse lösten , und ein Band nach dem Andern zerriß , wie täglich tausend Dolche in den tödtenden Blicken seiner Unterthanen auf den Herzog gerichtet sind , wie man die rücksichtslose Heiterkeit des Grafen , Miranda ' s versteckten Stolz und des Bastards Anmaßungen verachtet , Sie hätten Ihre Dienste dem Volke , und nicht dem Fürsten angetragen . Rodrich war im Begriff ihre Hand zu fassen und einen verrätherischen Bund zu schließen , als Stephano nahete und ihn eilends fortzog . Um alles in der Welt , sagte er , als sie sich in einen Seitengang verloren , was haben Sie mit dieser Frau ? Sie ist die unversöhnlichste Feindin der herzoglichen Familie und ihre Nähe jedem Anhänger derselben gefährlich . So - ? erwiederte Rodrich gespannt , dem Einen dünkt oft gefährlich , was für tausend Andre heilbringend wäre ! Sie waren bei diesen Worten zu einem freien Platz gelangt , wo Miranda neben einem Springbrunnen stand , und dem Spiel der zerrinnenden Tropfen gedankenvoll zusah . Als sie beide wahrnahm , heftete sie einen wehmüthigen Blick auf Rodrich und verschwand in ' s Gebüsch . Als wenn plötzlich alle Fesseln der gepreßten Brust zersprängen , so löste sich hier Rodrichs Schmerz in Thränenströme auf . Er fiel dem betroffnen Stephano in die Arme , und sagte weich und ermattet : ach ! leite mich auf dem unsicheren Wege , ich fürchte , ich werde der Gewalt des Schicksals erliegen , oder die wunderbar verschlungnen Knoten eigenmächtig zerreißen . Komm nur , sagte dieser gerührt , wir wollen mit einander reden . Freie Mittheilung soll die Verwirrung lösen . Das wild ausströmende Gefühl erhält im Gespräch wie im Leben Maaß und Ordnung . Es ist wohl thöricht , daß man die vertrauenden Ergießungen so lange zurückdrängt , bis sie der Augenblick herbeiführt . Aber komm nur , es ist noch nicht zu spät . Sie gingen schweigend zur Stadt , und als sie an die Brücke kamen , wo jetzt , wie an jenem ersten Abend , viel lustige Wandrer mit Rodrich den gleichen Weg gingen , während die Lebenswege wohl scharf von einander geschieden waren , fiel es diesem auf , wie die vorgezeichnete Richtung unzählige gedankenlos zu dem gleichen Ziele triebe , ohne daß Einer den Muth habe , die Gränze zu überspringen und die wogende Fluth zu durchziehen . Man thut den Menschen Unrecht , sagte er , wenn man ihnen freche Willkühr und Liebe zu dem Ungebundnen , Schrankenlosen vorwirft . Sie sind in der Regel nur zu fügsam , und die hergebrachte Weise oder eine gefürchtete Rücksicht umstricken nicht selten die lebendigsten Regungen . Wie kommst du darauf ? fragte Stephano . Ich weiß nicht - die Brücke - erwiederte jener zerstreut . Wolltest du sie hinter dir abbrechen ? fiel Stephano ein . Glaube nur , dir entstände bei jedem Schritt eine neue . Und es ist wohl gut , daß man so gar nicht von der Welt loskommt , und der holde Leib uns mit Liebesarmen umfängt , bis wir uns in den weichen Schlingen gefallen und leicht und lustig darin bewegen . Dann sinkt die Hülle und die befreieten Schwingen tragen uns zu unendlichen Fernen . Aber bis dahin ? fragte Rodrich . - Bis dahin , sagte der muthige Krieger , ringen und kämpfen wir getrost , und die zusammengestürzten Wünsche und Hoffnungen werden uns ein Fels , auf dem wir mitten im Sturme feststehen und die unverletzte Brust neuen Kämpfen hingeben . Ach , ich sehe wohl , fuhr er fort , die Worte dieser Eris sind tiefer in dein Herz gedrungen , als ich glaubte . Und was konnte sie dir gleichwohl entdecken , was dir nicht früher bekannt war ? Die innern Spaltungen konnten dir nicht fremd seyn . Was ist es denn , das dich plötzlich so erschüttert und zwischen früher gefaßten Neigungen und abgedrungenem Mitleid hin und her wirft ? Rodrich fühlte , daß er , um dem Freunde verständlich zu seyn , dunklen , halbverkannten Ahnungen Worte leihen , die eigne Schwäche offenbaren , und selbst dann noch eine Saite berühren müsse , deren Mißklang ihn vielleicht auf immer von Stephano entfernen konnte . Noch hatte er nie des Herzogs in seiner Gegenwart gedacht , und es schien ihm unzart , den unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn laut werden zu lassen , der ihn vom ersten Augenblick ängstete . Alle diese Rücksichten traten kalt und fremd zwischen die hervorbrechenden Flammen herzlichen Vertrauens , und verschlossen ihn für alles , wodurch ihn Stephano zu gewinnen meinte