Vernunft , und bringt selbst in das Willkührlichste und Verworrenste etwas systematisches ; ja es lobt und preiset oft seinen Schöpfer eben deshalb weil es davon überrascht wurde daß er eben so gescheut als es selbst sei . - Dann treibt es sich durch einander und das Ameisenvolk bildet eine große Zusammenkunft und stellt sich fast an , als ob etwas darin abgehandelt würde . Lege ich jezt mein Hörrohr an , so vernehme ich wirklich etwas und es summen von Kanzeln und Kathedern ernsthafte Reden über die weise Einrichtung in der Natur , wenn ich etwa den Ball spiele und dadurch ein paar Duzzend Länder und Städte untergehen und mehrere von den Ameisen zerschmettert werden , die sich ohnedas seitdem sie die Kuhpocken erfunden haben nur zu viel vermehren . O seit einer Sekunde sind sie so klug geworden , daß ich mich hier oben nicht schneuzen darf , ohne daß sie das Phänomen ernsthaft untersuchen . - Beim Teufel ! da ist es fast ärgerlich Gott zu sein , wenn einen solch ein Volk bekrittelt ! - Ich möchte den ganzen Ball zerdrücken ! « - » Sehen Sie nur , Herr Doktor , - fuhr ich fort als der Weltschöpfer endete - wie grimmig der Kerl es auf die Welt angelegt hat ; es ist fast gefährlich für uns andere Narren , daß wir den Titanen unter uns dulden müssen , denn er hat eben so gut sein konsequentes System wie Fichte , und nimmt es im Grunde mit dem Menschen noch geringer als dieser , der ihn nur von Himmel und Hölle abtrennt , dafür aber alles Klassische rings umher in das kleine Ich , das jeder winzige Knabe ausrufen kann , wie in ein Taschenformat zusammendrängt . Jeder vermag jezt aus der unbedeutenden Hülse , wie es ihm beliebt , ganze Kosmogonien , Theosophien , Weltgeschichten und dergleichen , samt den dazu gehörigen Bilderchen herauszuziehen . Groß und herrlich ist das allerdings ; wenn nur das Format nicht so klein wäre ! - Schon Schlegel hat es sehr auf die kleinen Bilderchen abgesehen , und ich muß gestehen daß mir eine große Iliade in Sedez herausgegeben , nimmer behagen will - das heißt den ganzen Olymp in eine Nußschale packen , und die Götter und Helden müssen sich entweder zum verjüngten Maasstabe bequemen , oder ohne Gnade das Genik brechen ! « - » Sie sehen mich an , Herr Doktor , und schütteln zum zweitenmale den Kopf ! Ja , ja sie haben es getroffen ; das Alles gehörte zu meiner Tollheit und im vernünftigen Zustande bin ich grade der entgegengesezten Meinung ! « » Lassen Sie uns den Weltschöpfer verlassen ! - Hier Nro . 10 und 11 sind Belege zur Seelenwanderung ; der erste bellt als Hund und diente ehmals am Hofe ; der zweite hat sich aus einem Staatsbeamten in einen Wolf verwandelt . Man kommt auf eigene Gedanken bei ihnen . Nro . 12 , 13 , 14 , 15 und 16 sind Variazionen über denselben Gassenhauer , die Liebe . Nro . 17 hat sich über seine eigene Nase vertieft . Finden sie das sonderbar ? Ich nicht ! Vertiefen sich doch oft ganze Fakultäten über einen einzigen Buchstaben , ob sie ihn für ein a oder o nehmen sollen . Nro . 18 ist ein Rechenmeister , der die lezte Zahl finden will . Nro . 19 denkt über einen Diebstahl nach , den der Staat an ihm beging ; - das darf er aber nur im Tollhause . Nro . 20 ist endlich mein eigenes Narrenkämmerchen . Treten Sie immer herein und schauen Sie sich um , sind wir doch vor Gott alle gleich und laboriren blos an verschiedenen fixen Ideen , wo nicht an einem totalen Wahnsinn bloß mit kleinen Nuanzen . - Das dort ist ein Sokrates Kopf dem Sie die Weisheit , so wie jenem Skaramuz , die Narrheit an der Nase ansehen . Dies Manuscript enthält eigenhändige Parallelen von mir über beide , und ist zu Gunsten des Narren ausgefallen . - Nicht wahr der Fleck müßte kurirt werden ? Es ist überhaupt die verstockteste Seite an mir daß ich alles Vernünftige abgeschmackt , so wie vice versa finde - ich kann mich der Grille gar nicht erwehren ! Oft zwar habe ich es versucht die Weisheit mit den Haaren an mich zu reißen , und habe deshalb privatim mit allen drei Brodfakultäten Umgang gepflogen , um mich demnächst öffentlich , nach einem kurzen akademischen Musenbeilager , als eine heilige Dreizahl zum Besten der Menschheit einsegnen zu lassen , und mit den drei übereinandergestülpten Doktorhüten einherzuschreiten . O dachte ich bei mir selbst ; könntest du dann nicht blos durch leichten unbemerkbaren Hutwechsel als ein Proteus in praktischer und theoretischer Hinsicht umherwandeln ! Über die kürzeste Heilungsmethode der Krankheiten in Dissertationen verkehren , und den Kranken selbst auf dem kürzesten Wege von seinem Übel entbinden ! Den Sterbenden , nach rasch vertauschtem Hute , als Rechtsfreund umarmen und sein Haus bestellen , und endlich blos durch übergeworfenen Mantel als Himmelsfreund ihm den rechten Weg zum Himmel zeigen . Wie in einer Fabrik durch verschiedene Maschinen , ließe sich auf diese Weise durch verschiedene Hüte ein Höchstes und Leztes erreichen . Und welch ein Überfluß an Weisheit und Gelde - eine erwünschte Kombination der beiden entgegengeseztesten Güter , eine höchste Idealisirung der Zentaurennatur im Menschen , wo das wohlgesättigte Thier unten , den höhern Reiter kek einherstolziren läßt . - Doch ich fand bei näherer Ansicht Alles eitel , und erkannte in aller dieser gepriesenen Weisheit zulezt nichts anders als die Decke die über das Mosesantlitz des Lebens gehängt ist , damit es Gott nicht schaue . Sie sehen wohin das führt , und es ist eben meine fixe Idee , daß ich mich selbst für vernünftiger halte als die in Systemen deducirte Vernunft , und für weiser als die docirte Weisheit . Ich möchte wahrlich mit Ihnen zu einer medizinischen Berathschlagung mich verbinden , bloß um zu überlegen , wie dieser meiner Narrheit beizukommen sei , und welche Mittel man dagegen anwenden könnte . Die Sache ist von Wichtigkeit , denn sagen Sie , wie kann man gegen Krankheiten sich auflehnen wollen , wenn man selbst , wie Sie wissen , mit dem Systeme nicht im Reinen ist , ja wohl gar das für Krankheit hält , was höhere Gesundheit ist , und umgekehrt . Ja , wer entscheidet es zulezt , ob wir Narren hier in dem Irrhause meisterhafter irren , oder die Fakultisten in den Hörsälen ? Ob vielleicht nicht gar Irrthum , Wahrheit ; Narrheit , Weisheit ; Tod , Leben ist - wie man vernünftigerweise es dermalen gerade im Gegentheile nimmt ! - O ich bin inkurabel , das sehe ich selbst ein . « Der Doktor Öhlmann verordnete mir nach einigem Nachsinnen viele Bewegung und wenig oder gar kein Denken , weil er meinte , daß mein Wahnsinn , gerade wie bei andern eine Indigestion durch zu häufigen physischen Genuß , durch übertriebene intellektuelle Schwelgerei entstanden sei . - Ich ließ ihn gehen ! Für meinen Wonnemonat im Tollhause spare ich ein anderes Nachtstück auf . Zehnte Nachtwache Das ist eine wunderliche Nacht ; der Mondschein in den gothischen Bogen des Dohmes erscheint und verschwindet wie Geister - an der Laterne des Thurmes klettert ein Nachtwandler herum , mit einem Säuglinge im Arme , es ist der Klökner ; sein Weib schaut aus der Luke , händeringend , aber stumm wie das Grab , daß der schlafende Wanderer , der sicher , wie der sorglose Mensch , die gefährlichsten Stellen zurüklegt , nicht beim Rufe seines Namens erwachend und schwindelnd mit dem Knaben in das tiefe Grab hinunterstürze . - Gegenüber in der Vorstadt bricht ein Dieb in einen Pallast ; aber es ist mein Revier nicht , und ich bin zum Stummsein verdammt ; so mag er einbrechen ! - Ganz in der Ferne ist leise kaum vernehmbare Musik , wie wenn Mücken summen , oder Koch zur Nacht auf der Mundharmonika phantasirt ; und oben am Horizont auf dem Eisspiegel der Wiese drehen sich leicht und luftig Schlittschuhläufer , und tanzen den Baseler Todtentanz zu der Trauermusik . - Alles ist kalt und starr und rauh , und von dem Naturtorso sind die Glieder abgefallen , und er streckt nur noch seine versteinerten Stümpfe ohne die Kränze von Blüthen und Blättern gegen den Himmel . Die Nacht ist still und fast schrecklich und der kalte Tod steht in ihr , wie ein unsichtbarer Geist , der das überwundene Leben festhält . Dann und wann stürzt ein erfrorner Rabe von dem Kirchendache , und ein Bettler ohne Dach und Fach kämpft mit dem Schlummer , der ihn so süß und lockend , in die Arme des Todes legen will , wie den leichtsinnigen Fischer die Nixe mit Gesang in die Wellen einladet . - Soll ich den Tod betrügen um das Bettlerleben ? Beim Teufel ich weiß es ja nicht was besser ist - Sein , oder Nichtsein ! - O die dort mit dem nachgeahmten Süden in ihren Schlafkammern , und dem gemahlten Frühling an den Wänden , wenn draußen der wirkliche erstarret ist , werfen die Frage nicht auf , und sie bereiten sich selbst die Natur , wie ein leckeres Gericht auf ihren Tafeln , zu und genießen sie gern nippend und in unterbrochenen Pausen , damit sie im Geschmack bleiben . Aber dieser Vogelfreie ruht der alten Mutter noch unmittelbar an der Brust , die eigensinnig und launisch , wie jede Alte , bald ihre Kinder erwärmt und bald sie erdrückt . - Doch nein , du Mutter bist ewig treu und unveränderlich , und bietest den Kindern Früchte in dem grünen Laube das sie beschattet , und Flammen und die Erinnerung an dich , wenn du schlummerst ; aber die Brüder haben den Joseph verstoßen , und verschließen tückisch die Gaben , die du ihm , wie den andern Kindern reichst . - O die Brüder sind es nicht werth , daß Joseph unter ihnen wandle ! Er mag entschlummern ! Da ist das Gesicht schon starr und kalt , und der Schlaf hat die Bildsäule seinem Bruder in die Arme gelegt ; ich will sie hier aufrichten , daß sie wie ein Schreckbild , wenn die Sonne aufgeht , in den Tag schaue . - O mörderischer Tod , der Bettler hatte noch eine Erinnerung an das Leben und die Liebe - die braune Locke seines Weibes hier unter den Lumpen auf der Brust ; du hättest ihn nicht würgen sollen , - und doch - Der Traum der Liebe Die Liebe ist nicht schön - es ist nur der Traum der Liebe der entzückt . Höre mein Gebet , ernster Jüngling ! Siehst du an meiner Brust die Geliebte , o so brich sie schnell die Rose , und wirf den weißen Schleier über das blühende Gesicht . Die weiße Rose des Todes ist schöner als ihre Schwester , denn sie erinnert an das Leben und macht es wünschenswerth und theuer . Über dem Grabhügel der Geliebten schwebt ihre Gestalt ewig jugendlich und bekränzt und nimmer entstellt die Wirklichkeit ihre Züge , und berührt sie nicht daß sie erkalte und die Umarmung sich ende . Entführe sie schnell die Geliebte , Jüngling , denn die Entflohene kehrt wieder in meinen Träumen und Gesängen , sie windet den Kranz meiner Lieder und entschwebt in meinen Tönen zum Himmel . Nur die Lebende stirbt , die Todte bleibt bei mir , und ewig ist unsre Liebe und unsre Umarmung ! - Horch ! - Tanzmusik und Todtengesang - das schüttelt lustig seine Schellen ! Rüstig , immer zu ; wer den andern übertäubt , führt die Braut heim . Schade nur , ich sehe zwei Bräute , eine weiße und eine rothe - zwei Hochzeiten , zu der einen im untern Stockwerk heulen die Klageweiber ihre Weise ; einen Stock höher pfeifen und geigen die Musikanten , und die Decke über dem Todtenkämmerlein und dem Sarge bebt und dröhnt vom Tanze . Erklärt mir doch den nächtlichen Spuk ! Lenore reitet vorüber - die weiße Braut hier in der stillen Hochzeitkammer , liebte den Jüngling der droben walzt ; und , das ist Lebensweise , sie liebte , er vergaß , sie erblaßte , und er entglühte für eine rothe Rose , die er heute heimführt , indem man diese wegträgt . - Das ist die alte Mutter der weißen Braut , am Sarge - sie weint nicht ; denn sie ist blind - auch die weiße weint nicht und schlummert und träumt sehr süß . - Da stürmt der Hochzeitszug noch tanzend die Stiegen herab - und der Jüngling steht zwischen zwei Bräuten . Er erblaßt doch ein wenig . Still ! Die blinde Mutter erkennt ihn am Gange . - Sie führt ihn zum Brautbette der schlummernden Braut . » Sie hat sich früher niedergelegt zur Hochzeitnacht , als du , erweck sie nicht , sie schläft so süß , aber deiner hat sie gedacht bis zum Schlummer . Das ist dein Bild auf ihrem Herzen . - O zieh die Hand nicht so erschrocken zurük von der kalten Brust ; die Nacht ist die längste wo der Frost am bittersten ist , und sie liegt einsam im Brautbett ' , ohne den Bräutigam ! « - Sieh ! Da hat der Schrecken die rothe Rose auch erblaßt und der Jüngling steht zwischen den zwei weißen Bräuten . - Fort , fort , das ist Weltlauf . O wenn ich doch blasen und singen dürfte . Jezt schwebt die Leiche hin durch die Gassen , und der Laternenschein still hinterdrein an den Wänden , wie wenn der vorüberwandelnde Tod sich dem schlummernden Leben nicht verrathen wollte . Der gefrorene Boden knirscht unter den Fußtritten der Leichenträger - das ist der heimliche tückische Brautgesang ! - Und sie bergen sie in ihr Kämmerlein . Aber nahe dabei singen und brausen noch Jünglinge , und verschwenden das Leben , und die Liebe und die Poesie in einem kurzen raschen Rausche , der am Morgen verflogen ist - wo ihre Thaten , ihre Träume , ihre Hoffnungen , ihre Wünsche , und alles um sie her nüchtern geworden und erkaltet ist . - Im Nonnenkloster der heiligen Ursula war noch spät in der Nacht ein unruhiges Treiben . Die Klocke schlug dann und wann leise und dumpf an , wie wenn man träumend stürmen hört , und an den Kirchenfenstern , deren Bogen über die Mauer herabschaueten , flog oft ein ungewöhnlicher aber schnell wieder verlöschender Lichtglanz auf . Ich ging einsam um die Mauer herum , die wie ein geweiheter Zauberkreis die heiligen Jungfrauen umschließt . - Plözlich stieß ich auf jemand im Mantel - was ich von ihm erfuhr , gehört in die folgende Winternacht ; was ich that , noch in diese . - Der Pförtner an der äussern Mauer war ein alter tiefsinniger Menschenhasser , der mir herzlich zugethan war , als einem Gegenstande , den er mit seinem Zorne nach Belieben überschütten konnte . Ich besuchte ihn oft zur Nacht um seiner Galle Luft zu machen ; auch jezt ging ich zu ihm . Er saß in seiner Hütte bei einer Lampe , in der Gesellschaft eines schwarzen Vogels dem er eine Kappe über den Kopf gezogen hatte , und mit ihm in Unterredung war . » Kennst du das Wesen - sprach der Pförtner - dessen Antliz tückisch lacht , wenn die vorgehaltene Larve Thränen vergießt , das Gott nennt , wenn es den Teufel denkt , das im Innern , wie der Apfel am todten Meere , giftigen Staub enthält , indeß die Schaale blühend roth zum Genuß einladet , das durch das künstlich gewundene Sprachrohr melodische Töne von sich giebt indem es Aufruhr hineinruft , das wie die Sphynx nur freundlich lächelt , um zu zerreissen , und wie die Schlange bloß deshalb so innig umarmt , um den tödlichen Stachel in die Brust zu drücken ? - Wer ist das Wesen , Schwarzer ? « » Mensch ! « krächzte das Thier auf eine unangenehme Weise . » Der Schwarze spricht weiter kein Wort - sagte der Pförtner - aber er beantwortet deshalb doch jede meiner Fragen auf das treffendste . - Geh schlafen , Schwarzer ! « Der Vogel rief noch dreimal Mensch aus , und sezte sich dann , wie wenn er tiefsinnig nachdächte in eine finstere Ecke - er schlummerte aber nur . » Sie spielen Begrabens im Kloster - fuhr der Alte fort - willst du nicht zuschauen ? Eine keusche Urselinerinn ist heute Mutter geworden ; - in der Legende wäre ' s freilich als ein Wunder aufgezeichnet ; aber , so sehr haben sie Gott in die Karte geschauet , daß sie heutiges Tages an keine Wunder mehr glauben . Die heilige Jungfrau wird diese Nacht lebendig eingescharrt . - Ich lasse dich ein ; sieh ' s zum Zeitvertreibe an ! « - Er nahm die Schlüssel , die Angel pfiffen , und ich ging über Gräber durch den Kreuzgang . Fackelglanz flog oft rasch über die Monumente , auf denen steinerne Jungfrauen betend schlummerten , mit künstlich abgeformten Gesichtern , indeß drunten die Originale schon die Masken abgeworfen hatten . - Ich stellte mich hinter einen Pfeiler , drunten war eine offene gemauerte Gruft - ein einsames Entkleidungskämmerchen für den abgehenden Menschen - im Kämmerchen brannte eine blasse Todtenlampe und auf einem hervorragenden Steine befand sich ein Brod , ein Krug Wasser , ein Kruzifix und ein Gebetbuch . In der über die Gruft gebaueten Kirche herrschte tiefe Stille unter den Heiligen , die von den Wänden herabschaueten , nur wenn dann und wann ein Windstoß durch das Orgelwerk fuhr , heulte eine Pfeife unangenehm . Der Zug ward endlich durch die Säulen sichtbar - viele schweigende Jungfrauen und in der Mitte die wandelnde Braut des Todes . Der ganze Akt hätte für einen poetisch weichlich gestimmten Zuschauer etwas Schauder erregendes , eben durch die fast mechanisch schrekliche Weise auf die er vollzogen wurde , gehabt , so wie denn die tragische Muse , je weniger Händeringens sie macht , um so mehr erschüttert . Mein Gemüth indeß , ( das einem mit Vorsatz widersinnig gestimmten Saitenspiele gleicht , auf dem daher niemals in einer reinen Tonart gespielt werden kann , wenn nicht anders der Teufel einmal ein Konzert darauf ankündigt ) wurde wenig ergriffen , und es kam im Grunde nichts weiter als ein toller Lauf durch die Skala zuwege , der ohngefähr durch die folgenden Töne ging und in einer Disharmonie stehen blieb : Lauf durch die Skala » Das Leben läuft an dem Menschen vorüber , aber so flüchtig daß er es vergeblich anruft ihm einen Augenblick Stand zu halten , um sich mit ihm zu besprechen , was es will , und warum es ihn anschaut . Da fliehen die Masken vorüber , die Empfindungen , eine verzerrter wie die andere . Freude steh mir Rede - ruft der Mensch - weshalb du mir zulächelst ! Die Larve lächelt und entflieht . Schmerz laß dir fest ins Auge schauen , warum erscheinst du mir ! Auch er ist schon vorüber . - Zorn , warum blickst du mich an - ich frage es , und du bist verschwunden . Und die Larven drehen sich im tollen raschen Tanze um mich her - um mich der ich Mensch heiße - und ich taumle mitten im Kreise umher , schwindelnd von dem Anblicke und mich vergeblich bemühend eine der Masken zu umarmen und ihr die Larve vom wahren Antlize wegzureißen ; aber sie tanzen und tanzen nur - und ich - was soll ich denn im Kreise ? Wer bin ich denn , wenn die Larven verschwinden sollten ? Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler , daß ich mich selbst einmal erblicke - es wird mir überdrüssig nur immer eure wechselnden Gesichter anzuschauen . Ihr schüttelt - wie ? steht kein Ich im Spiegel wenn ich davor trete - bin ich nur der Gedanke eines Gedanken , der Traum eines Traumes - könnt ihr mir nicht zu meinem Leibe verhelfen , und schüttelt ihr nur immer Eure Schellen , wenn ich denke es sind die meinigen ? - Hu ! Das ist ja schrecklich einsam hier im Ich , wenn ich euch zuhalte ihr Masken , und ich mich selbst anschauen will - alles verhallender Schall ohne den verschwundenen Ton - nirgends Gegenstand , und ich sehe doch - - das ist wohl das Nichts das ich sehe ! - Weg , weg vom Ich - tanzt nur wieder fort ihr Larven ! « Jezt steigt die Nonne in die Gruft hinab . O endet doch das Spiel daß ich ' s erfahre ob ' s eigentlich auf Scherz oder auf Ernst hinausläuft . Folgt doch noch auf dem lezten Wege der Braut des Todes eine Maske - es ist der Wahnsinn . Die Larve lächelt heimlich - ob dahinter das wahre Antliz schaudert , oder verzückt ist - wer sagt es mir ? Zwar mauern sie , der Braut zur Gesellschaft , eine Schlange ein - den Hunger - die sich ihr bald um die Brust schlingen , und bis zum Ich fortnagen wird . Wenn dann die lezte Maske auch verschwindet , und das Ich mit sich allein ist - wird es sich wohl die Zeit vertreiben ? - Nun klopfen die Hämmer der Freimaurer dumpf durch das Gewölbe , und ein Stein nach dem andern fügt sich in das Gewölbe der Gruft . Jezt erblicke ich nur noch durch eine kleine Lücke beim Lampenschein das heimliche Lächeln der Begrabenen - jezt blos ein wenig sich durchstehlenden Schimmer -- nun ist alles verdeckt , und die lebenden Todten singen zur guten Nacht ein ernstes miserere über dem Haupte der Begrabenen . - Den Pförtner fand ich als ich zurückkehrte , wie gewöhnlich mit seiner alten finstern Maske beisammen . - » Hassest du jezt die Menschen ? « fragte er . » Ich bin fast mit mir allein - sagte ich - und hasse oder liebe eben so wenig als möglich ! Ich versuche zu denken , daß ich nichts denke , und da bringe ich ' s zulezt wohl so weit auf mich selbst zu kommen ! « - » Nimm den Wurm mit - fuhr der Alte fort , und hob die Decke über einem schlummernden Kinde - ich mag ihn nicht bei mir behalten , denn ich habe noch Anfälle von Menschenliebe , wo ich ihn leicht im Wahnsinn ersticken könnte ! « Ich nahm den Knaben in die Arme , und das noch träumende Leben versöhnte mich wieder mit dem erwachten . » Sie haben mir das Kind übergeben es fortzuschaffen - sprach der Pförtner - denn sie dulden nichts Männliches unter sich die frommen Jungfrauen , ausser in den Gemählden , für die Einbildungskraft ; die Mutter des Knaben sahest du eben begraben , such jezt seinen Vater auf , oder schleudre den Bürger in die Welt , es hat keine Gefahr mit der Menschenbrut , sie geht nicht unter . « » Ich kenne den Vater ! « antwortete ich , und ging aus der Hütte . Draußen stand der Unbekannte im Mantel und hielt mich fest . - » Die Braut ist begraben - dies ist dein Sohn ! « mit diesen Worten legte ich ihm den Knaben in die Arme , und er drükte ihn stumm ans Herz . Eilfte Nachtwache Folgendes ist ein Bruchstück aus der Geschichte des Unbekannten im Mantel . Ich liebe das Selbst - drum mag er selbst reden ! » Was ist denn die Sonne ? « fragte ich eines Tages meine Mutter , als sie den Sonnenaufgang von einem Berge beschrieb . » Armer Knabe , du verstehst es nimmer , du bist blind geboren ! « antwortete sie gerührt und fuhr sanft mit der Hand über meine Stirn und meine Augen . Ich glühete - die Beschreibung hatte mich entzückt ; zwischen den Menschen und meiner Liebe zu ihnen lag eine Scheidewand - wenn ich die Sonne nur einmal erblicken könnte , glaubte ich , würde sie schwinden und ich mich eines nähern Umgangs mit meiner Mutter erfreuen dürfen . - Meine Phantasie arbeitete von jezt an heftig , der sehnsuchtsvolle Geist strebte gewaltsam den Körper zu durchbrechen und in das Licht zu schauen . Dort lag das Land meiner Ahnung , das Italien voll Wunder der Natur und Kunst . Sie sprachen viel von Nacht und Tag , für mich gab es nur eins , einen ewigen Tag , oder eine ewige Nacht - sie meinten es sei die letztere ! - Ich saß in meinem Dunkel , und die wunderbare große Welt ging in meinem Geiste auf , aber die Beleuchtung fehlte , und ich stieg nun an dem Leben herum , wie an einem himmelhohen Felsen , mit verbundenen Augen ; ich fühlte die seidene Wange der Blume , trank ihren Duft - aber ich träumte , die Blume selbst sei unendlich schöner als ihr Duft und ihre seidene Wange . Ein lebhafter wunderbarer Traum ließ mich in einer Nacht das Licht erblicken , und es war es wahrlich ; aber als ich erwachte , bemühete ich mich vergeblich den Traum wieder hervorzurufen . Um diese Zeit stieg die Musik wie ein lieblicher Genius in meinen dunkeln Kerker , und schlang um ihre Saiten die zarten Blumenkränze der Poesie . Es war heiliger Boden den ich jetzt betrat - das erste Italien meiner Sehnsucht . Der Engel der zwischen den beiden Musen wandelte und sie mir zuführte , war ein Mädchen , die himmlische Madonna hatte ihm ihren irdischen Namen hinterlassen . - Maria war mit mir von gleichem Alter , und sie entzückte den blinden Knaben durch ihre Lieder und Töne , und rief die Liebe und die Hoffnung aus ihren Träumen auf , daß sie zum erstenmale hell um sich schauten , und als die beiden schönsten Vestalen in das Leben traten . Marie war eine elternlose Waise , und meine Mutter hatte , als sie sie zu sich nahm , ein feierliches Gelübde geleistet , das Kind dem Himmel zu weihen , wenn ich jemals das Licht erblicken würde . Jezt sehnte ich mich wieder nach der Sonne , denn sie entführte mir Marie und ihre Gesänge . Bald darauf hörte ich öfter von einem Arzte reden , von dessen Kunst man sich viel zu meinem Vortheile versprach . - Ich wankte zwischen entgegengesetzten Gefühlen - die Liebe zur Sonne und zu Marie war gleich heftig in meiner Seele . Fast mit Gewalt mußte man mich dem Arzte entgegenführen . - Er gebot mir Ruhe - und meine Brust hob sich stürmischer . Ich stand an den Pforten des Lebens , gleichsam um zum zweitenmale geboren zu werden . Jetzt empfand ich einen heftigen Schmerz an meinen Augen ; ich schrie auf , denn mein Traum kehrte zu mir zurük - ich sah Licht ! - Tausend blizende Strahlen und Funken - ein rascher Blick in den reichsten Schaz des Lebens . Die vorige Nacht umgab mich dann wieder . Es war eine Binde um meine Augen gelegt , und ich durfte erst nach und nach in die neue Welt eingehen . Nichts von den Zwischenräumen - man zeigte mir nur wenige Gegenstände , und kein lebendiges Wesen , außer dem Arzte , nahte sich mir , bis dieser mich endlich für stark genug hielt das Größeste zu ertragen . Er führte mich in die Nacht hinaus , über meinem Haupte in der unermeßlichen Ferne brannten die Sternbilder , und ich stand unter den tausend Welten wie ein Trunkener , Gott ahnend , ohne seinen Namen auszusprechen . - Vor mir ragten die alten Ruinen einer vorigen Erde , die Berge , finster und rauh in die Nacht empor , ein mattes Wetterleuchten aus wolkenloser Luft spielte um ihre Häupter . Wälder ruhten tief und verhüllt zu ihren Füßen und schüttelten nur leise ihre schwarzen Wipfel . Der Arzt stand ernst und still neben mir - einige Schritte weiter regte es sich wie eine verschleierte Gestalt . - Ich betete ! - Plötzlich veränderte sich die Szene ; über die Berge schienen Geister heraufzuziehen , und die Sterne erblaßten wie vor Schrecken , und hinter mir deckte sich ein weiter Spiegel auf - das Weltmeer . - Ich bebte , denn ich glaubte Gott nahe sich . Und auf die Erde drückten sich die Nebel und verhüllten sie sanft - aber am Himmel zogen die Geister mächtiger heran , und wie die Sterne verlöschten , flogen goldene Rosen über die Berge empor in den blauen Himmel , und ein zauberischer Frühling blühete in der Luft - immer mächtiger und mächtiger - jetzt wogte ein ganzes Meer herüber , und Flamme auf Flamme brannte in die Himmelsfluthen . Da stieg über den Fichtenwald , in tausend Strahlen wiederleuchend , wie eine entzündete Welt die ewige Sonne empor ! Ich schlug beide Hände vor die Augen , und stürzte zu Boden . Als ich wieder erwachte , da schwebte der Gott der Erde in den Lüften , und die Braut hatte alle ihre Schleier zerrissen , und enthüllte ihre höchsten Reize dem Auge des Gottes . - Überall war Heiligthum - der Frühling lag wie ein süßer Traum an den Bergen und auf den Fluren - die Sterne des Himmels brannten als Blumen in dem dunkeln Grase , aus tausend Quellen stürzte das Lichtmeer herab in die Schöpfung , und die Farben stiegen darin wie wunderbare Geister auf . Ein All von Liebe und Leben - rothe Früchte und blühende Kränze in den Bäumen , und duftende Gewinde um Hügel und Berge - in den Trauben brennende Diamanten - die Schmetterlinge als fliegende gaukelnde Blumen in den Lüften - Gesang aus tausend Kehlen