, und hörte , als sie vor ihrer Thüre vorüber mußte , laut sprechen . Aus Besorgniß , es könne der Tante etwas zugestoßen seyn , trat sie zu ihr hinein , und wurde durch den nymphenhaften Aufzug unsrer alten Jungfer seltsam überrascht , die mit einem Blumenkranz auf dem fliegenden Haare , in einem ganz romantischen Kostüme umherwanderte , ein Gedicht , was sie so eben gemacht hatte , sich laut vor zu deklamiren . Die Gegenwart der Nichte schien sie zwar anfangs verlegen zu machen , besonders da diese ihr Erstaunen nicht recht zu verbergen wußte ; aber bald gewann die Dichterwuth wieder die Oberhand und sie machte Albertinen zur Vertrauten ihrer so schüchternen Muse . Elise hatte von Kindesbeinen an so viel Verse gelesen und auswendig gelernt , daß ihr endlich kleine Mondscheinliederchen ganz artig gelangen , worin sie es denn freilich an Maienblüthenregen , Monddämmerung und Rosenknöspchen nicht fehlen ließ . Albertine wurde an den blonden wallenden Locken bald inne , wem dies Gedicht gesungen sei . » Sie würden den jungen Mann unsäglich eitel machen , liebe Tante , wenn er je etwas davon erführe ! « - » Ei , mein liebes Kind ! er weiß alles . Unter Liebenden muß nichts geheim bleiben . Sehen Sie da - indem sie an ihren Schreibetisch trat - die Früchte meiner durchwachten Nächte ! « Sie zeigte ein starkes Heft Gedichte vor , die Albert alle schon nach und nach erhalten hatte . Albertine wußte jetzt selbst nicht mehr , was sie denken sollte , und fragte ganz bescheiden : » und was hat er hierauf geantwortet ? « - » Ja , wenn ich sagen soll , eigentlich nichts ; nur gedankt hat der bescheidene Jüngling für die Mittheilung , und mein Talent gepriesen . « - Albertine schwieg , hielt es jedoch für Pflicht , der Tante in der Folge den Wahn schonend zu benehmen ; als sie die Gute so überselig sah , konnte sie es nicht über ihr Herz bringen , ihr wehe zu thun . Sie ging jetzt zur Ruhe , und rieth der Tante Sappho , ein Gleiches zu thun . Eilftes Kapitel Sobald es bei Albertinen Tag wurde , welches heut eben nicht früh geschah , kam Madame Euler , zu erfahren , wie es mit der glänzenden Gesellschaft abgelaufen sei ? » Nun , Albertine , war der Abend , die Nacht , die sie durchwachten , all der Anstrengung , des Aufwandes werth ? « Albertine gab ehrlich von allem Bescheid , auch von der angenehmen neuen Bekanntschaft mit dem Baron Weißensee . » Sie waren , fürcht ' ich , in keiner gar zu ehrenvollen Versammlung , und dieser Name Weißensee bringt mir einen dieses Namens in ' s Gedächtniß , der nach den Briefen , die ich in Eulers Nachlaß fand , zu den ausgelassensten Wüstlingen gehört , welche diese große Stadt aufzuweisen hat . « - » Nun , das kann dieser nicht seyn ; er ist der feinste , liebenswürdigste Mensch , den ich noch je sahe . « Jetzt ließ sich Albertine ganz enthusiastisch zu seinem Lobe aus , wozu Henriette , schalkhaft lächelnd , immer : » daß dich ! « sagte , und endlich : » Nun , wenn er so ist , kann er freilich der aus den Briefen nicht seyn . Wir werden ja sehen ! « Indem wurde Ulmenhorst gemeldet . Albertine machte , Gott weiß , warum ? ein sauersüßes Gesichtchen , als wär ' s ihr eben nicht ganz recht . Wir wollen indeß nicht glauben , daß ihr Selbstgefühl ihr einen Vorwurf gemacht habe , als der Vertraute ihres Grams um den beweinten Gatten vor ihr erscheinen sollte . Albert kam mit einem Auftrag , der ihn einigermaßen verlegen machte . Er hatte bei seinem Bankier eine Summe von zweihundert Louisd ' or für Albertine von Lindenhain , die über Lyon für sie ohne Brief oder weitern Bescheid angekommen war , angetroffen . Sie war von der Municipalität einem großen Hause in Paris übermacht und durch dieses hierher gekommen . Das Päckchen war von Lindenhains Hand überschrieben und mit seinem Wappen gesiegelt . So emsig übrigens Albertine in dem Umschlage nach irgend einer weitern Bezeichnung suchte , fand sich nichts vor , das von Lindenhains Leben gezeigt hätte , und so nahm sie es unter tausend Thränen als das Vermächtniß des Sterbenden und gewiß in der Gefangenschaft Gestorbenen an . Henriette suchte geschickt das Gespräch abzuleiten , Albertinens Zartheit zu schonen , und machte dagegen ihren gestrigen Abend zum Gegenstand der Unterredung . Albert beobachtete ein beharrliches Stillschweigen , und hielt beides , Tadel und Beifall , zurück . » Kennen Sie einen Baron Weißensee ? « fuhr sie fort , mit einem leichten Seitenblick auf Albertinen , die merklich erröthete . » Ich kenne ihn ! « antwortete Albert einsilbig . - » Unsre Freundin findet ihn scharmant , « setzte Henriette scherzend hinzu ; » ist er ' s ? « - Albert verdüsterte sich merklich , um so mehr , als er Albertinens bedeutende Verlegenheit bemerkte . Darauf antwortete er kalt : » Wenn Frau von Lindenhain ihn mit ihrem Beifall beehrt , kann es der , den ich kenne , der ein unbekannter Avanturier ist , nicht seyn ! « Albert brach hiermit das Gespräch ab und empfahl sich ziemlich ernsthaft . » Der Ulmenhorst ist ein ausgemacht wackerer junger Mann , « sagte Henriette . » Ich weiß wohl , was ich wünsche . « - » Nun , und was denn ? « - » Daß Albertine seinen Werth fühlen und ihn mit ihrer Hand lohnen möchte ! « - » Wie ? Er liebt ja Tante Elisen ! « - » Tante Elisen ? Gott erbarme sich ! Ich weiß es besser . Nichte Albertinen liebt er . « - » Er hat mir doch nie etwas davon gesagt . « - » Männer seiner Art sagen nichts ; sie haben eine eigene Sprache ; sie hat freilich keine Worte , ist aber doch höchst verständlich und ausdrucksvoll ! « - In diesem Augenblick , als Albertine eben antworten wollte und auf eine unangenehme Art verlegen zu seyn schien , kam Rosamundens Zofe und ladete Albertinen zu ihrer Dame ein , indem der Herr von gestern Abend seine Aufwartung mache . » Es ist ein allerliebster junger Herr ! « flüsterte das Ding im Herausgehen Albertinen zu . Henriette bemerkte mit wirklicher Bekümmerniß den Eindruck , den diese Botschaft auf ihre Freundin machte ; und als diese nicht zu wissen schien , wie sie geschwind ihre Toilette ordnen sollte , ohne Anlaß zu den kleinen Neckereien der vertrauten Freundschaft zu geben , trat Henriette gutmüthig hinzu , reichte ihr eine feine Spitzenhaube und legte mit einem sanften Kuß einen Schawl um ihre Schultern , reichte ihr dann die Hand , und sagte : » Adieu , auf Wiedersehen ! « - » Nicht doch , Henriette ! Sie müssen ihn kennen lernen . « - So schlenderten sie beide , Hand in Hand , in das Visitenzimmer . » Sie sehen , ich bin nicht neidisch , liebe Lindenhain ! « rief ihr Rosamunde entgegen , und schien dabei sich etwas damit zu wissen , daß sie der Schönheit und Jugend huldigte . - » Ei , Madame Euler ! wie kommt man denn einmal zu der Ehre , Sie ihrer Einsamkeit zu entlocken ? Herr Baron , eine berühmte Künstlerin ! « - Die Dame wollte aus Eitelkeit ihrer ganzen Umgebung eine vollwichtige Bedeutung geben . Madame Euler lehnte das berühmt bescheiden ab ; aber durch den Ausruf : Künstlerin ! gewann das Gespräch eine interessante Wendung , wobei der Baron sehr einsichts- und geschmackvoll über die Kunst sprach . Henriette schien sehr zufrieden mit ihm zu seyn , und sagte nachher Albertinen : » ist er , was er scheint , so ist Ihre kleine Partheilichkeit vollkommen gerechtfertigt . Indeß fürchte ich mich vor der erstaunlichen Regsamkeit seiner Muskeln . Bemerken Sie doch das ewige Spiel derselben , das seiner Bildung nicht fünf Minuten nach einander denselben Ausdruck läßt . Im Ganzen ist er mir auch zu glatt , zu hell polirt , als daß er nicht harter Natur seyn sollte . « Albertine schwieg , fand aber im Herzen an dem Urtheile ihrer Freundin viel auszusetzen ; seine Aufmerksamkeit schmeichelte ihrer kleinen Eitelkeit sehr , da er , nachdem er die Welt so durchkreuzt und gesehen hatte , sie dennoch auszeichnete . Sie verglich ihn , beinahe ohne es zu wollen , mit Alberten , den sie ein wenig dem Hintergrunde zuschob , so wie beinahe ohne ihr Zuthun , unter ihrem Krayon des Barons Gestalt auf den Vordergrund hervorging , als sie eine Idee ausführen wollte , worin er eigentlich gar nicht eingriff . Zwölftes Kapitel Bei dem Abendtisch fand sich der ganze Cirkel der Hausfreunde ein , wozu nun auch der Baron Weißensee gehörte . Wassermann war toll und böse über diesen neuen Aristokraten , wie er ohne Umstände jeden Adlichen nannte , der ihm um so mehr zuwider war , weil er einen neuen gefährlichen Rival bei Albertinen in ihm ahnete . Auch war seine Grobheit gegen den Baron ganz unbegränzt , und wo dieser nur den Mund aufthat , war er bereit , ihm auf ' s beleidigendste zu widersprechen . Traf es sich nun zum Unglück , daß Albert mit dem Baron einerlei Meinung war , so schrie Wassermann über den Esprit de Corps dieser Kaste , über Despotisirung der Meinungen u.s.w. Bei dieser Wendung des Gespräches war Niemanden wohl , und alle waren froh , als es zu Tische ging . Vorher nahm noch Albert einen Augenblick wahr , Albertinen leise zu sagen : der Baron Weißensee sei der nemliche , von dem er wisse , und sei aller Wahrscheinlichkeit nach ein Avanturier , ein entlassener Schauspieler , und gehöre jetzt zu einer Spielerklicke . Es sei ihm heilige Pflicht der Freundschaft , ihr dieses zu sagen . Albertine dankte ihm etwas kalt und nicht ganz mit der Unbefangenheit , mit der sie sonst alles that . Albert zog sich bescheiden zurück . Über Tische wurde unter Mancherlei , auch die Weltbürgerschaft ein Gegenstand des Gesprächs . Wassermann erklärte sich wüthend dafür , und meinte , in Fällen , wo es auf ' s Wohl der Menschheit ankäme , könne man seinen Kreis nicht weit genug ziehen . Albert behauptete , dies sei Bequemlichkeitstrieb , weil der Anforderungen für die Ferne wenige wären . In der Nähe und in engen Kreisen zu wirken , sei sicherer , als seinen Wohlthätigkeitstrieb nach Amerika oder sonst in die Ferne zu schicken . Die nähern Ansprüche der Verwandtschaft , nach diesen die der Mitbürgerschaft zu erfüllen , sei verdienstlicher , und fände dann ein großer , vielumfassender Geist einen ferneren Wirkungskreis in seiner Sphäre zu ziehen möglich , so wäre dies freilich etwas Großes , könne aber nie allgemeine Tugend werden . » Wie ? « schrie Wassermann ; » Sie wollten nicht mit Leib und Gut für die armen , bedrängten Neger wirken ? - Mit meinem Leben möcht ' ich ' s ! « - » Ich vor der Hand nicht ! « sagte Albert ruhig ; » noch habe ich zu viel Pflichten gegen meine Gutsunterthanen und gegen viele andre meiner Mitbürger auszuüben . « - Wassermann überschrie ihn und trieb es so arg , daß man hätte meinen sollen , er werde noch diese Nacht unter Seegel gehen , die Schwarzen zu befreien . Indem erscholl ' s im Hause : » Feuer ! Feuer ! « - Die Thüren des Speisesaales wurden aufgerissen , und die Domestiken stürzten todtenbleich mit der Nachricht herein : es brenne im Hinterhause ; der Stall stehe in lichten Flammen . Alle sprangen von ihren Sitzen auf und eilten heraus . Nur der einzige Wassermann blieb ruhig sitzen , trank sein Glas Champagner aus , stürzte sich noch eines ein , trank in der Geschwindigkeit einige vollstehende Gläser aus , packte von den Dessert-Tellern die Macaronen und süßen Orangen ein , suchte seinen Hut , nahm noch ganz ruhig ein Buch zu sich , welches er liegen sah , las eine Recension mit allem Bedacht , und verschwand , ohne sich nach dem schauerlichen Auftritt in dem befreundeten Hause umzusehen , ganz gelassen , wahrscheinlich , um von den - Negern zu träumen . Jetzt war ein Jeder nach seinem Karakter geschäftig . Albert war sogleich hingeeilt , die Pferde aus dem brennenden Stall zu ziehen . Albertine war durch den erstickenden Rauch in die Kutscherwohnung gedrungen , riß die schlafenden Kinder aus den Betten , und den Käfigt mit dem kleinen Zeisig vom Nagel , alles Lebende zu retten . Albert , der die Pferde seinen Bedienten übergeben hatte , war ihr nachgeeilt ; sie winkte ihm mit der Hand , nach einer Stiege , die nach oben führte , hin . Albert flog herauf , obgleich die Flammen schon über ihm zusammenschlugen , und brachte bald glücklich eine arme , alte , kranke Frau auf seinen starken Armen getragen . Viele der Herren schleppten Wasser ; der Baron aber stand von ferne und bot Geld über Geld , wer retten hülfe . Dämmrig trippelte oben in seinem Reviere umher und gab zweckwidrige Befehle , die zum Glück Niemand befolgte . Elise sank aus einer Ohnmacht in die andere und declamirte zwischen durch das Lied vom braven Manne von Bürger in den Lärmen hinein . Laurette schimpfte auf den mechanten Pöbel , der einen solchen Aufstand im Hause angerichtet habe , und der nicht werth sey , daß er gerettet werde . Frau Rosamunde war an ihrem Theile sehr zweckmäßig für sich thätig , denn sie packte mit ihrer Kammerjungfer alles von Kostbarkeiten , was sie nur ansichtig wurde , zusammen , um , im Fall das Feuer weiter um sich griffe , damit abziehen zu können . Erst , als alles vorüber war , und die Gesellschaft sich gegen Morgen zu einem Frühstück zusammen fand , bemerkte Albertine , daß sie den einen Arm sehr beschädigt habe . Albert , ohne ein Wort zu sagen , verschwand , und kam nach einer Viertelstunde mit einer Brandsalbe zurück , die sogleich mit Erfolg angewendet wurde ; indeß der Baron diese Zeit mit fruchtlosem Bedauern und hundert kleinen Artigkeiten vertändelt hatte , die , wir müssen es leider zur Steuer der Wahrheit sagen , Albertinen so wohl thaten , als kaum nachher das erprobte Mittel , das der redliche Albert herbeigeschafft hatte . » Und wo hat denn unser Kosmopolit Ende genommen ? « fragte Onkel Dämmrig . - Ein jeder sagte seine Vermuthungen und übte seinen Witz ; nur Laurette , die ihren Mann um so besser kannte , als sie sich ihm in seinen ökonomischen Angelegenheiten zur Vertrauten aufgedrängt hatte , behauptete , er habe seine weißseidnen Strümpfe und die Prunkweste nicht Preis geben wollen ; und so verhielt sich ' s wirklich . Denn als er Mittags vom Onkel Dämmrig geneckt wurde , stieß er ' s in der Ärgerniß heraus , daß dieses Mal in der That die neuen Strümpfe und die schöne Weste den edlen Kosmopoliten unthätig erhalten hatten . Albertinen machte er ernste Vorwürfe , daß sie sich um nichts und wieder nichts in Ungelegenheit gestürzt hätte . - » Um nichts und wieder nichts ? Ich habe zwei liebe Kleinen gerettet , und das , wie Sie sehen , um einen sehr geringen Preis ! « - » Wer weiß auch noch , ob es ein Glück für die Welt und selbst für die Kinder ist , daß sie am Leben erhalten sind ? Der ungebildete Mensch steht nur eine Stufe über dem Thier ; und es ist nicht recht , wenn der nützlichere , der gebildete sich für das Untergeordnete wagt ; sich der Welt zu erhalten , ist die höhere Pflicht ! « - » Abscheulich ! « sagte Albertine , und wendete sich indignirt von ihm . - » Und die lieben Neger ? « fragte Onkel Dämmrig , der nicht leicht eine Neckerei fahren ließ . » Wassermann , Wassermann , mich dünkt , ihr System ist lahm und hinkt auch ! « - Unser Magister that , was er immer that , wenn er sich in die Enge getrieben fühlte : er wurde grob . » Gewisse Leute , « schrie er , » sollten sich doch endlich resigniren , und gestehen , daß sie vieles nicht begreifen und in das Wesen höherer Naturen nicht einzugehen vermögen ! « - Übrigens hatte der Weltbürger sich mit keiner Sylbe nach dem traurigen Vorfall erkundigt , wie das doch wohl ein ganz Fremder gethan haben würde . Dreizehntes Kapitel Wenn in den längeren Abenden Madame Rosamunde mit Albertinen und Lauretten , die sie scherzweise ihre Hofdamen nannte , außer dem Hause ihr Wesen hatte , pflegte Onkel Dämmrig zuweilen mit Schwester Elisen im Brette irgend eines der kinderleichten Spiele , die den Kopf nicht angreifen , zu spielen . Sie machte jetzt , bei ihrer belle passion für Albert , die Zerstreute , so daß der Bruder das Spielen satt hatte , und eine Unterredung anfing , von der wir jetzt Folgendes erfahren haben . » Ich denke immer , ehe wir ' s uns versehen , führt der Ulmenhorst uns Nichte Albertinen davon ! « - » Wie so ? « - » Weil er rasend in sie geschossen ist . « - » Meinst du ? Ich könnte dir die Sache ganz anders erklären . « - » Wie das , Schwester ? « - » Ulmenhorst hat sein Herz einer ganz Andern zugewendet . « - » Das wäre ! Also nicht Albertinen ? « - » Nein ! Davon bin ich überzeugt . « - » Ich sage dir aber , ich verstehe mich auf solche Affairen ; er ist sterblich in sie verliebt . « - » Possen ! Das ist ein bloßer , sinnreicher Schleier , den er einer weit ernstlichern Leidenschaft leihet . « - » Nun , so möchte ich doch wissen , in wen er hier , außer diesem allerliebsten Weibchen , verliebt seyn könnte ! « - » Du möchtest es gern wissen ? « - » Freilich ! « - » In mich ! « - » In dich ? « - » In Niemand anders . « - » Potz , über die alte Närrin ! « - » Herr Bruder ! « - - Elise war allemal , wenn sie Herr , oder bei Frauenzimmern ein Ehrenwort hinzusetzte , auf dem höchsten Grad ihrer Empfindlichkeit , und weiter verstieg sich die gute arme Tante in den Regionen des Zornes auch nie . Also : » Herr Bruder ! was soll der beleidigende Ausruf ? Man ist doch noch nicht veraltert , und manche Jugend würde auf dieses Auge ( sie ließ es lieblich schmachten ) und diesen Teint eitel seyn . Und Doormann , Emmerich , Rothfelß und Feldhain möchten doch wohl den Beweis liefern , daß andere Leute nicht so geringe von der Macht dieser Reize denken , als der gütige Herr Bruder . « - » Diese Leute wären in dich verliebt ? « - » Ja ; ganz unsterblich . « - » Und haben es dir gesagt ? « - » So verwegen war keiner ; aber die Liebe hat eine stumme Sprache . « - » Sie lassen sich aber von keinem Auge im Hause sehen ? « - » Dank sei es ihrer diskreten Leidenschaft ! « - » Und der Rothfelß vollends macht sich über dich lustig , wo er nur weiß und kann . « - » Ha ! Wer kennt nicht die Rasereien der Eifersucht ? « - » Emmerich und Feldhain haben Weiber genommen . « - » Ach ! der Depit fehlgeschlagener Hoffnung . « - » Schwester ! du bist rein toll . « - » Herr Bruder ! Sie sind sehr unartig ! « - Elise packte ihr Arbeitskörbchen zusammen , begab sich unmuthig auf ihr Zimmer , und seit diesem Abend blieben die Parthieen im Damenbrette auf lange Zeit ausgesetzt . Mit dem Tod im Herzen , wie sie sagte , wartete sie auf Albertinens Zuhausekunft , und wie sie den leisen Fußtritt dieser Lieben über sich hörte , ging sie , ihr Herzeleid zu klagen . Aber wie vernichtet wurde sie , als Albertine ihr wehmüthig antwortete : » Ach , der Onkel wird wohl mehr denn zu recht haben ; lesen Sie diesen Brief , liebe Tante ! « Elise vermochte es kaum ; doch faßte sie mit zitternder Hand das Blatt und las mit von Thränen verdunkeltem Blicke : » An Albertine von Lindenhain ! Seit dem glücklichen Augenblick , der mich in Ihre Nähe brachte , liebenswürdigste Freundin ! habe ich Sie keinen Augenblick aus meinem Herzen gelassen . Ich wußte nicht , daß Sie meinem Freunde gehörten ; unter der einfachen Benennung Albertine , wodurch Ihre Gesellschaft Sie bezeichnete , ahnete ich nicht die Gattin eines Mannes von Stande . Ich schwieg , weil ich Ihre Achtung verdienen , Ihre Zuneigung gewinnen wollte , ehe ich ein Geständniß wagte , das ich jetzt mit der schweren Besorgniß , Ihnen zu mißfallen , ablege . Verehrteste Freundin ! es hat mir oft , besonders in den letzten Zeiten geschienen , als bemerkten Sie meine innige Verehrung , meine so herzliche Zuneigung wenigstens nicht so wohlgefällig , als das Glück meines Lebens es heischt ; und deshalb bitte ich jetzt um Ihre theure Hand , um Ihre Liebe , mit einem Grade von Schüchternheit , die kein redlicher Mann je fühlen sollte ! - Albertine , verwirft mich Ihr Herz als unwürdig , der Nachfolger des Liebenswürdigsten der Männer zu seyn , so geben Sie mir es wenigstens nicht in harten Worten zu erkennen , und verweisen mich dann nicht aus dem Kreise Ihrer Freunde . Meine äußern Glücksumstände sind nicht unwerth , Ihnen angeboten zu werden ; und ich darf es Ihrem schönen Herzen , wenn es das Glück des meinen will , vorschlagen , über Ihr künftiges ansehnliches Vermögen , zu Gunsten irgend einer von Ihnen geliebten Person , zu disponiren . Das meinige ist durch die Erbschaft einer Tante zu einer mir beinahe lästigen Stärke angewachsen . - Albertine , Sie kennen mich ; ich werde nicht den Tod suchen , verwerfen Sie mich : Aber durch Ihr Nein ! scheitert jeder frohe Lebens-Plan , verdüstert sich meine ganze Zukunft . Denn Sie sind die Erste , die ich liebe , und ich fühle , daß dieses Herz nie einer Andern gehören kann . Ewig Ihr Albert von Ulmenhorst . « Als die arme Elise vor lauter Wehmuth dazu kommen konnte , fragte sie mit gebrochener Stimme : » Und haben Sie schon einen Entschluß gefaßt , Nichte ? « - Albertine sagte , sie sei , ihrem Gefühle nach , erst so kurze Zeit Wittwe , daß sie , selbst Wohlstandes wegen , noch an keine zweite Ehe denken könne ; überdem sei sie ja noch so jung und denke ihre Unabhängigkeit noch angenehm zu genießen . » Ach ! « seufzte Elise tief ; » er liebt Sie darum um nichts desto weniger , der Falsche ! O Gott ! ich habe ihn so treu , so einzig geliebt . Ich habe ihm mit der ganzen Kraft meines Gemüthes gehuldigt . Albertine , Sie sind meine bitterste Feindin , Sie rauben ihn mir ! « - » Liebe Tante , ich bin unschuldig , bin , weiß es Gott , ganz unschuldig ; denn ich suche seine Liebe nicht ! « - Elise ging schmerzlich weinend von ihr . Am andern Morgen fuhr Elise , nachdem sie viel geräumt und gewirthschaftet hatte , mit ihrer Kammerjungfer aus . Mittags wurde sie vergebens erwartet ; so den Abend , und da sie die Nacht ausblieb , suchte man in ihrem Zimmer nach , ob sie vielleicht eine Weisung hinterlassen habe , wo sie hingekommen sei ? - Auf ihrem Arbeitstische lag folgender offner Zettel : » Ihr alle habt mir das Herz gebrochen . Mein unfreundlicher Bruder und meine gute , schuldlose Nichte am meisten . Ich kann hinfort nicht mehr unter euch wallen . Ich gehe hin , wo mir nur wohl seyn kann . Keiner trage Sorge um die verstoßene Elise ; denn sie wird selig , selig , überselig seyn . Künftig mehr ! Elise Dämmrig . « Keiner entzifferte diesen räthselhaften Brief , außer Albert , der zu diskret war , der zärtlichen Elegie , die er zum Abschiede erhalten hatte , zu erwähnen . Die Familie war höchst bestürzt . Frau Rosamunde hatte wirklich eine und eine halbe Ohnmacht zu Stande gebracht ; Albertine , die sich alle Schuld beilegte , war untröstlich ; und wenn der Onkel Dämmrig unter Thränen , die er hinter einem läppischen Lachen zu verbergen glaubte , ausrief : » Wo nur in aller Welt , ma soeur ! oder auch , welches bei ihm gleichgeltende Ausdrücke waren , die alte Närrin , Ende genommen haben muß ? « sagte Laurette immer mit angenommener Traurigkeit : » Wer weiß , in welchem Wasser die liegt ! Mein Trost ist , daß sie den neunten Tag dann doch wieder zum Vorschein kommt , wie man sagt . « - Indeß musterte sie in der Stille den Nachlaß der armen Tante , worunter sie manches fand , was ihrer Habsucht schmeichelte . Erst nach vierzehn Tagen , als sie alle Vermuthungen erschöpft hatten , erhielten sie folgendes Schreiben . » Der Jammer hatte mein Herz gebrochen ; denn Er füllte meine ganze Seele . Ihr hattet mich getödtet . Jetzt bin ich zum seligen Leben hervorgesproßt . Ich bin in dem Himmel , in der Nähe der Götter , die meine Seele anbetete . Ja , Albertine , du Einzige , die du mich begreifst : ich sahe ihn ! ich sprach ihn ! Denke dir diese Seeligkeit des Himmels : ich sprach ihn ! Ewigkeiten möcht ' ich so ihn sehen ; Ewigkeiten da wie angewurzelt stehen ! Wie ich mich ihm entgegenrankte , dem hehren Dichter der Iphigenia ! Wie da alles andere vor meiner Seele schwand ! ! ! - Jetzt , Albertine , du geliebte Verwandtin meiner Seele , genieße des Vorzuges , von dem Goldlockigen geliebt zu werden , unbeneidet ; noch einmal , ich bin in dem Himmel , in meinem Weimar . Lebt wohl ! Elise Dämmrig . « Jetzt ward allen wieder wohl , als sie nur wußten , wo die gute Schwärmerin hingekommen war , obschon die arme Albertine in die Erde sinken zu müssen glaubte , als der Onkel den Brief ohne alle Schonung in aller Gegenwart laut vorlas , wobei er lachte , daß er hätte ersticken mögen , und von Zeit zu Zeit Albertinen und Alberten mit dem undelikaten Ausruf : » Ha ! Ha ! da kommt ' s heraus ! « ansah . Durch dieses Ereigniß wurde Albertine bewogen , früher , als sie es wohl sonst gethan hätte , Alberten ein Körbchen zu flechten , das so zart , so fein , so mit Blumen umwunden war , wie es der feine weibliche Takt nur immer ersinnen konnte . Ihr Herz , ihr jetzt leider eingenommenes Herz wollte den Liebhaber entfernen und sich den Freund erhalten ; ein Plan , der achtungswerthen Weibern sehr sicher zu gelingen pflegt und auch hier gelang . Vierzehntes Kapitel Albert hatte sich mehr Stärke zugetraut , als er wirklich besaß . Albertinens Antwort versenkte ihn in stillen Gram , der endlich in ein gefährliches Fieber überging . In den Paroxismen rief er Albertinen und den Tod , ihn zu retten aus dem Abgrund , worein er versinke . Die redliche Euler hielt sich verpflichtet , da es ihm in seiner blos verdungenen Hausgenossenschaft durchaus an einer zarten , pflegenden Hand fehlte , sich über die Regeln eines ängstlichen Wohlstandes hinauszusetzen und sich in sein Haus zu begeben . Durch sie erhielt Albertine alle Stunden Nachricht von seinem Befinden ; denn bei allem , was wir an Albertinen mißbilligen könnten , hatte sie immer noch nicht den Sinn für einen Freund , wie Albert ihr war , eingebüßt , wenn gleich ein flüchtiger Übergang von Frivolität sie jetzt einigermaßen gefangen hielt . Ein Ereigniß , das nicht zu den glücklichen gehörte , veränderte , während Alberts Krankheit , gänzlich das Innere des Dämmrigschen Hauses . Der Herr Prinzipal hatte . nach einer vieljährigen Gewohnheit , sein ganzes Handelsgeschäft seinen Buchhaltern überlassen , wovon einige an Aufwand es ihm beinahe gleich thaten ; weil sie aber der Rosamunde ungeheure Zahlungen leisteten , sich ihrer kräftigsten Protection zu erfreuen hatten . Jetzt brach , was man einen vollständigen Bankerutt nennen möchte , über das Haus ein , ohne daß der sorglose Herr Dämmrig die fernste Ahnung einer solchen Katastrophe gehabt hätte . Nachdem die ersten unmäßigen Regungen seines unmännlichen Schmerzes vorüber waren , ließ er seine Hausgenossen zusammenkommen , und erklärte ihnen , was geschehen war und nun fürder geschehen müsse , nemlich eine totale Reform der eingeführten Lebensweise . Rosamunde sagte , nachdem sie in der Geschwindigkeit verschiedene Ohnmachten abgethan hatte , sie werde nun nicht mit ihm Misere schmelzen , nachdem sie ihm ihre schönste Jugend aufgeopfert habe , welche sie doch , im Vorbeigehen gesagt , baare zwei und vierzig Jahre mit aller Anstrengung einer tapfern Koulissenheldin genossen hatte ; und was das Misere schmelzen betrifft , hatte sie auch diesem mit großer Klugheit vorgebeugt , indem sie sich ein beträchtliches Kapital , ohne die kostbaren Juwelen , welche sie besaß , von ihm gerichtlich hatte schenken lassen . Indeß erklärte sie doch großmüthiglich , sie wolle vor