nähren und ihren eigenen Gang am Himmel zu gehn . Manche hoben sich kühn genug , um auch Sterne zu werden , und müssen nun dafür die schöne grüne Bekleidung der niedrigern Gegenden entbehren . Sie haben dafür nichts erhalten , als daß sie ihren Vätern das Wetter machen helfen , und Profeten für das tiefere Land sind , das sie bald schützen bald mit Ungewittern überschwemmen . Seitdem ich in dieser Höhle wohne , fuhr der Einsiedler fort , habe ich mehr über die alte Zeit nachdenken gelernt . Es ist unbeschreiblich , was diese Betrachtung anzieht , und ich kann mir die Liebe vorstellen , die ein Bergmann für sein Handwerk hegen muß . Wenn ich die seltsamen alten Knochen ansehe , die hier in so gewaltiger Menge versammelt sind ; wenn ich mir die wilde Zeit denke , wo diese fremdartigen , ungeheuren Thiere in dichten Schaaren sich in diese Höhlen hereindrängten , von Furcht und Angst vielleicht getrieben , und hier ihren Tod fanden ; wenn ich dann wieder bis zu den Zeiten hinaufsteige , wo diese Höhlen zusammenwuchsen und ungeheure Fluten das Land bedeckten : so komme ich mir selbst wie ein Traum der Zukunft , wie ein Kind des ewigen Friedens vor . Wie ruhig und friedfertig , wie mild und klar ist gegen diese gewaltsamen , riesenmäßigen Zeiten , die heutige Natur ! und das furchtbarste Gewitter , das entsetzlichste Erdbeben in unsern Tagen ist nur ein schwacher Nachhall jener grausenvollen Geburtswehen . Vielleicht daß auch die Pflanzen- und Thierwelt , ja die damaligen Menschen selbst [ , ] wenn es auf einzelnen Eylanden in diesem Ozean welche gab , eine andere festere und rauhere Bauart hatten , - wenigstens dürfte man die alten Sagen von einem Riesenvolke dann keiner Erdichtungen zeihen . Es ist erfreulich , sagte der Alte , jene allmählige Beruhigung der Natur zu bemerken . Ein immer innigeres Einverständniß , eine friedlichere Gemeinschaft , eine gegenseitige Unterstützung und Belebung , scheint sich allmählich gebildet zu haben , und wir können immer besseren Zeiten entgegensehn . Es wäre vielleicht möglich , daß hin und wieder noch alter Sauerteig gährte , und noch einige heftige Erschütterungen erfolgten ; indeß sieht man doch das allmächtige Streben nach freyer , einträchtiger Verfassung , und in diesem Geiste wird jede Erschütterung vorübergehen und dem großen Ziele näher führen . Mag es seyn , daß die Natur nicht mehr so fruchtbar ist , daß heut zu Tage keine Metalle und Edelsteine , keine Felsen und Berge mehr entstehn , daß Pflanzen und Thiere nicht mehr zu so erstaunlichen Größen und Kräften aufquellen ; je mehr sich ihre erzeugende Kraft erschöpft hat , desto mehr haben ihre bildenden , veredelnden und geselligen Kräfte zugenommen , ihr Gemüth ist empfänglicher und zarter , ihre Fantasie mannichfaltiger und sinnbildlicher , ihre Hand leichter und kunstreicher geworden . Sie nähert sich dem Menschen , und wenn sie ehmals ein wildgebährender Fels war , so ist sie jetzt eine stille , treibende Pflanze , eine stumme menschliche Künstlerinn . Wozu wäre auch eine Vermehrung jener Schätze nöthig , deren Überfluß auf undenkliche Zeiten ausreicht . Wie klein ist der Raum , den ich durchwandert bin , und welche mächtige Vorräthe habe ich nicht gleich auf den ersten Blick gefunden , deren Benutzung der Nachwelt überlassen bleibt . Welche Reichthümer verschließen nicht die Gebirge nach Norden , welche günstige Anzeigen fand ich nicht in meinem Vaterlande überall , in Ungarn , am Fuße der Carpathischen Gebirge , und in den Felsenthälern von Tyrol , Östreich und Bayern . Ich könnte ein reicher Mann seyn , wenn ich das hätte mit mir nehmen können , was ich nur aufzuheben , nur abzuschlagen brauchte . An manchen Orten sah ich mich , wie in einem Zaubergarten . Was ich ansah , war von köstlichen Metallen und auf das kunstreichste gebildet . In den zierlichen Locken und Ästen des Silbers hingen glänzende , rubinrothe , durchsichtige Früchte , und die schweren Bäumchen standen auf krystallenem Grunde , der ganz unnachahmlich ausgearbeitet war . Man traute kaum seinen Sinnen an diesen wunderbaren Orten , und ward nicht müde diese reizenden Wildnisse zu durchstreifen und sich an ihren Kleinodien zu ergötzen . Auch auf meiner jetzigen Reise habe ich viele Merkwürdigkeiten gesehn , und gewiß ist in andern Ländern die Erde eben so ergiebig und verschwenderisch . Wenn man , sagte der Unbekannte , die Schätze bedenkt , die im Orient zu Hause sind , so ist daran kein Zweifel , und ist das ferne Indien , Afrika und Spanien nicht schon im Alterthum durch Reichthümer seines Bodens bekannt gewesen ? Als Kriegsmann giebt man freylich nicht so genau auf die Adern und Klüfte der Berge acht , indeß habe ich doch zuweilen meine Betrachtungen über diese glänzenden Streifen gehabt , die wie seltsame Knospen auf eine unerwartete Blüthe und Frucht deuten . Wie hätte ich damals denken können , wenn ich froh über das Licht des Tages an diesen dunkeln Behausungen vorbeyzog , daß ich noch im Schooße eines Berges mein Leben beschließen würde . Meine Liebe trug mich stolz über den Erdboden , und in ihrer Umarmung hoffte ich in späten Jahren zu entschlafen . Der Krieg endigte , und ich zog nach Hause , voll froher Erwartungen eines erquicklichen Herbstes . Aber der Geist des Krieges schien der Geist meines Glücks zu seyn . Meine Marie hatte mir zwey Kinder im Orient geboren . Sie waren die Freude unsers Lebens . Die Seefahrt und die rauhere Abend ländische Luft [ zer ] störte ihre Blüthe . Ich begrub sie wenig Tage nach meiner Ankunft in Europa . Kummervoll führte ich meine trostlose Gattin nach meiner Heymath . Ein stiller Gram mochte den Faden ihres Lebens mürbe gemacht haben . Auf einer Reise , die ich bald darauf unternehmen mußte , auf der sie mich wie immer begleitete , verschied sie sanft und plötzlich in meinen Armen . Es war hier nahe bey , wo unsere irdische Wallfahrt zu Ende ging . Mein Entschluß war im Augenblicke reif . Ich fand , was ich nie erwartet hatte ; eine göttliche Erleuchtung kam über mich , und seit dem Tage , da ich sie hier selbst begrub , nahm eine himmlische Hand allen Kummer von meinem Herzen . Das Grabmal habe ich nachher errichten lassen . Oft scheint eine Begebenheit sich zu endigen , wenn sie erst eigentlich beginnt , und dies hat bey meinem Leben statt gefunden . Gott verleihe euch allen ein seliges Alter , und ein so ruhiges Gemüth wie mir . Heinrich und die Kaufleute hatten aufmerksam dem Gespräche zugehört , und der Erstere fühlte besonders neue Entwickelungen seines ahndungsvollen Innern . Manche Worte , manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub , in seinen Schooß , und rückten ihn schnell aus dem engen Kreise seiner Jugend auf die Höhe der Welt . Wie lange Jahre lagen die eben vergangenen Stunden hinter ihm , und er glaubte nie anders gedacht und empfunden zu haben . Der Einsiedler zeigte ihnen seine Bücher . Es waren alte Historien und Gedichte . Heinrich blätterte in den großen schöngemahlten Schriften ; die kurzen Zeilen der Verse , die Überschriften , einzelne Stellen , und die saubern Bilder , die hier und da , wie verkörperte Worte , zum Vorschein kamen , um die Einbildungskraft des Lesers zu unterstützen , reizten mächtig seine Neugierde . Der Einsiedler bemerkte seine innere Lust , und erklärte ihm die sonderbaren Vorstellungen . Die mannichfaltigsten Lebensscenen waren abgebildet . Kämpfe , Leichenbegängnisse , Hochzeitfeyerlichkeiten . Schiffbrüche , Höhlen und Paläste ; Könige , Helden , Priester , alte und junge Leute , Menschen in fremden Trachten , und seltsame Thiere , kamen in verschiedenen Abwechselungen und Verbindungen vor . Heinrich konnte sich nicht satt sehen , und hätte nichts mehr gewünscht , als bey dem Einsiedler , der ihn unwiderstehlich anzog , zu bleiben , und von ihm über diese Bücher unterrichtet zu werden . Der Alte fragte unterdeß , ob es noch mehr Höhlen gäbe , und der Einsiedler sagte ihm , daß noch einige sehr große in der Nähe lägen , wohin er ihn begleiten wollte . Der Alte war dazu bereit , und der Einsiedler , der die Freude merkte , die Heinrich an seinen Büchern hatte , veranlaßte ihn , zurückzubleiben , und sich während dieser Zeit weiter unter denselben umzusehn . Heinrich blieb mit Freuden bey den Büchern , und dankte ihm innig für seine Erlaubniß . Er blätterte mit unendlicher Lust umher . Endlich fiel ihm ein Buch in die Hände , das in einer fremden Sprache geschrieben war , die ihm einige Ähnlichkeit mit der Lateinischen und Italienischen zu haben schien . Er hätte sehnlichst gewünscht , die Sprache zu kennen , denn das Buch gefiel ihm vorzüglich ohne daß er eine Sylbe davon verstand . Es hatte keinen Titel , doch fand er noch beym Suchen einige Bilder . Sie dünkten ihm ganz wunderbar bekannt , und wie er recht zusah entdeckte er seine eigene Gestalt ziemlich kenntlich unter den Figuren . Er erschrack und glaubte zu träumen , aber beym wiederhohlten Ansehn konnte er nicht mehr an der vollkommenen Ähnlichkeit zweifeln . Er traute kaum seinen Sinnen , als er bald auf einem Bilde die Höhle , den Einsiedler und den Alten neben sich entdeckte . Allmählich fand er auf den andern Bildern die Morgenländerinn , seine Eltern , den Landgrafen und die Landgräfinn von Thüringen , seinen Freund den Hofkaplan , und manche Andere seiner Bekannten ; doch waren ihre Kleidungen verändert und schienen aus einer andern Zeit zu seyn . Eine große Menge Figuren wußte er nicht zu nennen , doch däuchten sie ihm bekannt . Er sah sein Ebenbild in verschiedenen Lagen . Gegen das Ende kam er sich größer und edler vor . Die Guitarre ruhte in seinen Armen , und die Landgräfinn reichte ihm einen Kranz . Er sah sich am kayserlichen Hofe , zu Schiffe , in tauter Umarmung mit einem schlanken lieblichen Mädchen , in einem Kampfe mit wildaussehenden Männern , und in freundlichen Gesprächen mit Sarazenen und Mohren . Ein Mann von ernstem Ansehn kam häufig in seiner Gesellschaft vor . Er fühlte tiefe Ehrfurcht vor dieser hohen Gestalt , und war froh sich Arm in Arm mit ihm zu sehn . Die letzten Bilder waren dunkel und unverständlich ; doch überraschten ihn einige Gestalten seines Traumes mit dem innigsten Entzücken ; der Schluß des Buches schien zu fehlen . Heinrich war sehr bekümmert , und wünschte nichts sehnlicher , als das Buch lesen zu können , und vollständig zu besitzen . Er betrachtete die Bilder zu wiederholten Malen und war bestürzt , wie er die Gesellschaft zurückkommen hörte . Eine wunderliche Schaam befiel ihn . Er getraute sich nicht , seine Entdeckung merken zu lassen , machte das Buch zu , und fragte den Einsiedler nur obenhin nach dem Titel und der Sprache desselben , wo er denn erfuhr , daß es in provenzalischer Sprache geschrieben sey . Es ist lange , daß ich es gelesen habe , sagte der Einsiedler . Ich kann mich nicht genau mehr des Inhalts entsinnen . Soviel ich weiß , ist es ein Roman von den wunderbaren Schicksalen eines Dichters , worinn die Dichtkunst in ihren mannichfachen Verhältnissen dargestellt und gepriesen wird . Der Schuß fehlt an dieser Handschrift , die ich aus Jerusalem mitgebracht habe , wo ich sie in der Verlassenschaft eines Freundes fand , und zu seinem Andenken aufhob . Sie nahmen nun von einander Abschied , und Heinrich war bis zu Thränen gerührt . Die Höhle war ihm so merkwürdig , der Einsiedler so lieb geworden . Alle umarmten diesen herzlich , und er selbst schien sie lieb gewonnen zu haben . Heinrich glaubte zu bemerken , daß er ihn mit einem freundlichen durchdringenden Blick ansehe . Seine Abschiedsworte gegen ihn waren sonderbar bedeutend . Er schien von seiner Entdeckung zu wissen und darauf anzuspielen . Bis zum Eingang der Höhlen begleitete er sie , nachdem er sie und besonders den Knaben gebeten hatte , nichts von ihm gegen die Bauern zu erwähnen , weil er sonst ihren Zudringlichkeiten ausgesetzt seyn würde . Sie versprachen es alle . Wie sie von ihm schieden und sich seinem Gebet empfahlen , sagte er : Wie lange wird es währen , so sehn wir uns wieder , und werden über unsere heutigen Reden lächeln . Ein himmlischer Tag wird uns umgeben , und wir werden uns freuen , daß wir einander in diesen Thälern der Prüfung freundlich begrüßten , und von gleichen Gesinnungen und Ahndungen beseelt waren . Sie sind die Engel , die uns hier sicher geleiten . Wenn euer Auge fest am Himmel haftet , so werdet ihr nie den Weg zu eurer Heymath verlieren . - Sie trennten sich mit stiller Andacht , fanden bald ihre zaghaften Gefährten , und erreichten unter allerlei Erzählungen in Kurzem das Dorf , wo Heinrichs Mutter , die in Sorgen gewesen war , sie mit tausend Freuden empfing . Sechstes Kapitel Menschen , die zum Handeln , zur Geschäftigkeit geboren sind , können nicht früh genug alles selbst betrachten und beleben . Sie müssen überall selbst Hand anlegen und viele Verhältnisse durchlaufen , ihr Gemüth gegen die Eindrücke einer neuen Lage , gegen die Zerstreuungen vieler und mannichfaltiger Gegenstände gewissermaßen abhärten , und sich gewöhnen , selbst im Drange großer Begebenheiten den Faden ihres Zwecks festzuhalten , und ihn gewandt hindurchzuführen . Sie dürfen nicht den Einladungen einer stillen Betrachtung nachgeben . Ihre Seele darf keine in sich gekehrte Zuschauerin , sie muß unablässig nach außen gerichtet , und eine emsige , schnell entscheidende Dienerinn des Verstandes seyn . Sie sind Helden , und um sie her drängen sich die Begebenheiten , die geleitet und gelöst seyn wollen . Alle Zufälle werden zu Geschichten unter ihrem Einfluß , und ihr Leben ist eine ununterbrochene Kette merkwürdiger und glänzender , verwickelter und seltsamer Ereignisse . Anders ist es mit jenen ruhigen , unbekannten Menschen , deren Welt ihr Gemüth , deren Thätigkeit die Betrachtung , deren Leben ein leises Bilden ihrer innern Kräfte ist . Keine Unruhe treibt sie nach außen . Ein stiller Besitz genügt ihnen und das unermeßliche Schauspiel außer ihnen reitzt sie nicht , selbst darinn aufzutreten , sondern kommt ihnen bedeutend und wunderbar genug vor , um seiner Betrachtung ihre Muße zu widmen . Verlangen nach dem Geiste desselben hält sie in der Ferne , und er ist es , der sie zu der geheimnißvollen Rolle des Gemüths in dieser menschlichen Welt bestimmte , während jene die äußere [ n ] Gliedmaßen und Sinne und die ausgehenden Kräfte derselben vorstellen . Große und vielfache Begebenheiten würden sie stören . Ein einfaches Leben ist ihr Loos , und nur aus Erzählungen und Schriften müssen sie mit dem reichen Inhalt , und den zahllosen Erscheinungen der Welt bekannt werden . Nur selten darf im Verlauf ihres Lebens ein Vorfall sie auf einige Zeit in seine raschen Wirbel mit hereinziehn , um durch einige Erfahrungen sie von der Lage und dem Character der handelnden Menschen genauer zu unterrichten . Dagegen wird ihr empfindlicher Sinn schon genug von nahen unbedeutenden Erscheinungen beschäftigt , die ihm jene große Welt verjüngt darstellen , und sie werden keinen Schritt thun , ohne die überraschendsten Entdeckungen in sich selbst über das Wesen und die Bedeutung derselben zu machen . Es sind die Dichter , diese seltenen Zugmenschen , die zuweilen durch unsere Wohnsitze wandeln , und überall den alten ehrwürdigen Dienst der Menschheit und ihrer ersten Götter , der Gestirne , des Frühlings , der Liebe , des Glücks , der Fruchtbarkeit , der Gesundheit , und des Frohsinns erneuern ; sie , die schon hier im Besitz der himmlischen Ruhe sind , und von keinen thörichten Begierden umhergetrieben , nur den Duft der irdischen Früchte einathmen , ohne sie zu verzehren und dann unwiderruflich an die Unterwelt gekettet zu seyn . Freye Gäste sind sie , deren goldener Fuß nur leise auftritt , und deren Gegenwart in Allen unwillkührlich die Flügel ausbreitet . Ein Dichter läßt sich wie ein guter König ; frohen und klaren Gesichtern nach aufsuchen , und er ist es , der allein den Namen eines Weisen mit Recht führt . Wenn man ihn mit dem Helden vergleicht , so findet man , daß die Gesänge der Dichter nicht selten den Heldenmuth in jugendlichen Herzen erweckt , Heldenthaten aber wohl nie den Geist der Poesie in ein neues Gemüth gerufen haben . Heinrich war von Natur zum Dichter geboren . Mannichfaltige Zufälle schienen sich zu seiner Bildung zu vereinigen , und noch hatte nichts seine innere Regsamkeit gestört . Alles was er sah und hörte schien nur neue Riegel in ihm wegzuschieben , und neue Fenster ihm zu öffnen . Er sah die Welt in ihren großen und abwechselnden Verhältnissen vor sich liegen . Noch war sie aber stumm , und ihre Seele , das Gespräch , noch nicht erwacht . Schon nahte sich ein Dichter , ein liebliches Mädchen an der Hand , um durch Laute der Muttersprache und durch Berührung eines süßen zärtlichen Mundes , die blöden Lippen aufzuschließen , und den einfachen Accord in unendliche Melodien zu entfalten . Diese Reise war nun geendigt . Es war gegen Abend , als unsere Reisenden wohlbehalten und frölich in der weltberühmten Stadt Augsburg anlangten , und voller Erwartung durch die hohen Gassen nach dem ansehnlichen Hause des alten Schwaning ritten . Heinrichen war schon die Gegend sehr reitzend vorgekommen . Das lebhafte Getümmel der Stadt und die großen , steinernen Häuser befremdeten ihn angenehm . Er freute sich inniglich über seinen künftigen Aufenthalt . Seine Mutter war sehr vergnügt nach der langen , mühseligen Reise sich hier in ihrer geliebten Vaterstadt zu sehen , bald ihren Vater und ihre alten Bekannten wieder zu umarmen , ihren Heinrich ihnen vorstellen , und einmal alle Sorgen des Hauswesens bey den traulichen Erinnerungen ihrer Jugend , ruhig vergessen zu können . Die Kaufleute hofften sich bey den dortigen Lustbarkeiten für die Unbequemlichkeiten des Weges zu entschädigen , und einträgliche Geschäfte zu machen . Das Haus des alten Schwaning fanden sie erleuchtet , und eine lustige Musik tönte ihnen entgegen . Was gilt ' s , sagten die Kaufleute , euer Großvater giebt ein fröhliches Fest . Wir kommen wie gerufen . Wie wird er über die ungeladenen Gäste erstaunen . Er läßt es sich wohl nicht träumen , daß das wahre Fest nun erst angehn wird . Heinrich fühlte sich verlegen , und seine Mutter war nur wegen ihres Anzugs in Sorgen . Sie stiegen ab , die Kaufleute blieben bey den Pferden , und Heinrich und seine Mutter traten in das prächtige Haus . Unten war kein Hausgenosse zu sehen . Sie mußten die breite Wendeltreppe hinauf . Einige Diener liefen vorüber , die sie baten , dem alten Schwaning die Ankunft einiger Fremden anzusagen , die ihn zu sprechen wünschten . Die Diener machten anfangs einige Schwierigkeiten ; die Reisenden sahen nicht zum Besten aus ; doch meldeten sie es dem Herrn des Hauses . Der alte Schwaning kam heraus . Er kannte sie nicht gleich , und fragte nach ihrem Namen und Anliegen . Heinrichs Mutter weinte , und fiel ihm um den Hals . Kennt Ihr Eure Tochter nicht mehr ? rief sie weinend . Ich bringe euch meinen Sohn . Der alte Vater war äußerst gerührt . Er drückte sie lange an seine Brust ; Heinrich sank auf ein Knie , und küßte ihm zärtlich die Hand . Er hob ihn zu sich , und hielt Mutter und Sohn umarmt . Geschwind herein , sagte Schwaning , ich habe lauter Freunde und Bekannte bey mir , die sich herzlich mit mir freuen werden . Heinrichs Mutter schien einige Zweifel zu haben . Sie hatte keine Zeit sich zu besinnen . Der Vater führte beyde in den hohen , erleuchteten Saal . Da bringe ich meine Tochter und meinen Enkel aus Eisenach , rief Schwaning in das frohe Getümmel glänzend gekleideter Menschen . Alle Augen kehrten sich nach der Thür ; alles lief herzu , die Musik schwieg , und die beyden Reisenden standen verwirrt und geblendet in ihren staubigen Kleidern , mitten in der bunten Schaar . Tausend freudige Ausrufungen gingen von Mund zu Mund . Alte Bekannte drängten sich um die Mutter . Es gab unzählige Fragen . Jedes wollte zuerst gekannt und bewillkommet seyn . Während der ältere Theil der Gesellschaft sich mit der Mutter beschäftigte , heftete sich die Aufmerksamkeit des jüngeren Theils auf den fremden Jüngling , der mit gesenktem Blick da stand , und nicht das Herz hatte , die unbekannten Gesichter wieder zu betrachten . Sein Großvater machte ihn mit der Gesellschaft bekannt , und erkundigte sich nach seinem Vater und den Vorfällen ihrer Reise . Die Mutter gedachte der Kaufleute , die unten aus Gefälligkeit bey den Pferden geblieben waren . Sie sagte es ihrem Vater , welcher sogleich hinunter schickte , und sie einladen ließ heraufzukommen . Die Pferde wurden in die Ställe gebracht , und die Kaufleute erschienen . Schwaning dankte ihnen herzlich für die freundschaftliche Geleitung seiner Tochter . Sie waren mit vielen Anwesenden bekannt , und begrüßten sich freundlich mit ihnen . Die Mutter wünschte sich reinlich ankleiden zu dürfen . Schwaning nahm sie auf sein Zimmer , und Heinrich folgte ihnen in gleicher Absicht . Unter der Gesellschaft war Heinrichen ein Mann aufgefallen , den er in jenem Buche oft an seiner Seite gesehn zu haben glaubte . Sein edles Ansehn zeichnete ihn vor allen aus . Ein heitrer Ernst war der Geist seines Gesichts ; eine offene schön gewölbte Stirn , große , schwarze , durchdringende und feste Augen , ein schalkhafter Zug um den frölichen Mund und durchaus klare , männliche Verhältnisse machten es bedeutend und anziehend . Er war stark gebaut , seine Bewegungen waren ruhig und ausdrucksvoll , und wo er stand , schien er ewig stehen zu wollen . Heinrich fragte seinen Großvater nach ihm . Es ist mir lieb , sagte der Alte , daß du ihn gleich bemerkt hast . Es ist mein trefflicher Freund Klingsohr , der Dichter . Auf seine Bekanntschaft und Freundschaft kannst du stolzer seyn , als auf die des Kaysers . Aber wie stehts mit deinem Herzen ? Er hat eine schöne Tochter ; vielleicht daß sie den Vater bey dir aussticht . Es sollte mich wundern , wenn du sie nicht gesehn hättest . Heinrich erröthete . Ich war zerstreut , lieber Großvater . Die Gesellschaft war zahlreich , und ich betrachtete nur euren Freund . Man merkt es , daß du aus Norden kömmst , erwiederte Schwaning . Wir wollen dich hier schon aufthauen . Du sollst schon lernen nach hübschen Augen sehn . Sie waren nun fertig und begaben sich zurück in den Saal , wo indeß die Zurüstungen zum Abendessen gemacht worden waren . Der alte Schwaning führte Heinrichen und Klingsohr zu , und erzählte ihm , daß Heinrich ihn gleich bemerkt und den lebhaftesten Wunsch habe mit ihm bekannt zu seyn . Heinrich war beschämt . Klingsohr redete freundlich zu ihm von seinem Vaterlande und seiner Reise . Es lag soviel Zutrauliches in seiner Stimme , daß Heinrich bald ein Herz faßte und sich freymüthig mit ihm unterhielt . Nach einiger Zeit kam Schwaning wieder zu ihnen und brachte die schöne Mathilde . Nehmt euch meines schüchternen Enkels freundlich an , und verzeiht es ihm , daß er eher euren Vater als euch gesehn hat . Eure glänzenden Augen werden schon die schlummernde Jugend in ihm wecken . In seinem Vaterland kommt der Frühling spät . Heinrich und Mathilde wurden roth . Sie sahen sich einander mit Verwunderung an . Sie fragte ihn mit kaum hörbaren leisen Worten : Ob er gern tanze . Eben als er die Frage bejahte , fing eine fröliche Tanzmusik an . Er bot ihr schweigend seine Hand ; sie gab ihm die ihrige , und sie mischten sich in die Reihe der walzenden Paare . Schwaning und Klingsohr sahen zu . Die Mutter und die Kaufleute freuten sich über Heinrichs Behendigkeit und seine liebliche Tänzerinn . Die Mutter hatte genug mit ihren Jugendfreundinnen zu sprechen , die ihr zu einem so wohlgebildeten und so hoffnungsvollen Sohn Glück wünschten . Klingsohr sagte zu Schwaning : Euer Enkel hat ein anziehendes Gesicht . Es zeigt ein klares und umfassendes Gemüth , und seine Stimme kommt tief aus dem Herzen . Ich hoffe , erwiederte Schwaning , daß er euer gelehriger Schüler seyn wird . Mich däucht er ist zum Dichter geboren . Euer Geist komme über ihn . Er sieht seinem Vater ähnlich ; nur scheint er weniger heftig und eigensinnig . Jener war in seiner Jugend voll glücklicher Anlagen . Eine gewisse Freysinnigkeit fehlte ihm . Es hätte mehr aus ihm werden können , als ein fleißiger und fertiger Künstler . - Heinrich wünschte den Tanz nie zu endigen . Mit innigem Wohlgefallen ruhte sein Auge auf den Rosen seiner Tänzerinn . Ihr unschuldiges Auge vermied ihn nicht . Sie schien der Geist ihres Vaters in der lieblichsten Verkleidung . Aus ihren großen ruhigen Augen sprach ewige Jugend . Auf einem lichthimmelblauen Grunde lag der milde Glanz der braunen Sterne . Stirn und Nase senkten sich zierlich um sie her . Eine nach der aufgehenden Sonne geneigte Lilie war ihr Gesicht , und von dem schlanken , weißen Halse schlängelten sich blaue Adern in reizenden Windungen um die zarten Wangen . Ihre Stimme war wie ein fernes Echo , und das braune lockige Köpfchen schien über der leichten Gestalt nur zu schweben . Die Schüsseln kamen herein , und der Tanz war aus . Die älteren Leute setzten sich auf die Eine Seite , und die jüngern nahmen die Andere ein . Heinrich blieb bey Mathilden . Eine junge Verwandte setzte sich zu seiner Linken , und Klingsohr saß ihm gerade gegenüber . So wenig Mathilde sprach , so gesprächig war Veronika , seine andere Nachbarin . Sie that gleich mit ihm vertraut und machte ihn in kurzem mit allen Anwesenden bekannt . Heinrich verhörte manches . Er war noch bey seiner Tänzerin , und hätte sich gern öfters rechts gewandt . Klingsohr machte ihrem Plaudern ein Ende . Er fragte ihn nach dem Bande mit sonderbaren Figuren , was Heinrich an seinem Leibrock befestigt hatte . Heinrich erzählte von der Morgenländerin mit vieler Rührung . Mathilde weinte , und Heinrich konnte nun seine Thränen kaum verbergen . Er gerieth darüber mit ihr ins Gespräch . Alle unterhielten sich ; Veronika lachte und scherzte mit ihren Bekannten . Mathilde erzählte ihm von Ungarn , wo ihr Vater sich oft aufhielt , und von dem Leben in Augsburg . Alle waren vergnügt . Die Musik verscheuchte die Zurückhaltung und reizte alle Neigungen zu einem muntern Spiel . Blumenkörbe dufteten in voller Pracht auf dem Tische , und der Wein schlich zwischen den Schüsseln und Blumen umher , schüttelte seine goldnen Flügel und stellte bunte Tapeten zwischen die Welt und die Gäste . Heinrich begriff erst jetzt , was ein Fest sey . Tausend frohe Geister schienen ihm um den Tisch zu gaukeln , und in stiller Sympathie mit den frölichen Menschen von ihren Freuden zu leben und mit ihren Genüssen sich zu berauschen . Der Lebensgenuß stand wie ein klingender Baum voll goldener Früchte vor ihm . Das Übel ließ sich nicht sehen , und es dünkte ihm unmöglich , daß je die menschliche Neigung von diesem Baume zu der gefährlichen Frucht des Erkenntnisses , zu dem Baume des Krieges sich gewendet haben sollte . Er verstand nun den Wein und die Speisen . Sie schmeckten ihm überaus köstlich . Ein himmlisches Öl würzte sie ihm , und aus dem Becher funkelte die Herrlichkeit des irdischen Lebens . Einige Mädchen brachten dem alten Schwaning einen frischen Kranz . Er setzte ihn auf , küßte sie , und sagte : Auch unserm Freund Klingsohr müßt ihr einen bringen , wir wollen beyde zum Dank euch ein paar neue Lieder lehren . Das meinige sollt ihr gleich haben . Er gab der Musik ein Zeichen , und sang mit lauter Stimme : Sind wir nicht geplagte Wesen ? Ist nicht unser Loos betrübt ? Nur zu Zwang und Noth erlesen In Verstellung nur geübt , Dürfen selbst nicht unsre Klagen Sich aus unserm Busen wagen . * Allem was die Eltern sprechen , Widerspricht das volle Herz . Die verbotne Frucht zu brechen Fühlen wir der Sehnsucht Schmerz ; Möchten gern die süßen Knaben Fest an unserm Herzen haben . * Wäre dies zu denken Sünde ? Zollfrey sind Gedanken doch . Was bleibt einem armen Kinde Außer süßen Träumen noch ? Will man sie auch gern verbannen , Nimmer ziehen sie von dannen . * Wenn wir auch des Abends beten , Schreckt uns doch die Einsamkeit , Und zu unsern Küssen treten Sehnsucht und Gefälligkeit . Könnten wir wohl widerstreben Alles , Alles hinzugeben ? * Unsere Reize zu verhüllen , Schreibt die strenge Mutter vor . Ach ! was hilft der gute Willen , Quellen sie nicht selbst empor ? Bey der Sehnsucht innrem Beben Muß das beste Band sich geben . * Jede Neigung zu verschließen , Hart und kalt zu seyn , wie Stein , Schöne Augen nicht zu grüßen , Fleißig und allein zu seyn , Keiner Bitte nachzugeben : Heißt das wohl ein Jugendleben ? * Groß sind eines Mädchens Plagen , Ihre Brust ist krank und wund , Und zum Lohn für stille Klagen Küßt sie noch ein welker Mund . Wird denn nie das Blatt sich wenden , Und das Reich der Alten enden ? Die alten Leute und die Jünglinge lachten . Die Mädchen errötheten und lächelten abwärts . Unter tausend Neckereyen wurde ein zweiter Kranz geholt , und Klingsohren aufgesetzt . Sie baten